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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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IV.
Lauter Pläne und Pläne

Ja, wer von uns beiden fing damals zuerst an?

Keiner. Es begann ganz von selbst, vom ersten Schritt. Ich habe eben gesagt, daß ich sie vom ersten Tage an mit großer Strenge behandeln wollte; ich milderte aber diese Strenge gleich am ersten Tage. Als sie noch Braut war, hatte ich ihr erklärt, daß sie in meinem Geschäfte arbeiten, also Pfänder annehmen und Geld herausgeben würde, worauf sie mir damals nichts erwiderte (wollen Sie sich, bitte, diesen Umstand genau merken!). Und noch mehr als das, sie machte sich an die Sache sogar mit großem Eifer. Meine Wohnung und Einrichtung blieben, versteht sich, unverändert. Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern; das eine war ein großer Saal, von dem ein Teil als Geschäftslokal abgeteilt war, und das andere diente uns als gemeinsames Wohn- und Schlafzimmer. Die Möbel waren recht ärmlich, selbst die Tanten besaßen eine schönere Einrichtung. Mein Heiligenschrein mit dem Lämpchen hängt im Saal hinter dem Verschlage, wo sich die Kasse befindet; in meinem Zimmer habe ich meinen Schrank, in dem ich auch einige Bücher verwahre, und meinen Koffer – die Schlüssel trage ich immer bei mir; dann gibt es noch ein Bett, einige Stühle, Tische und was man sonst noch hat. Als sie noch Braut war, hatte ich ihr erklärt, daß ich ihr für unsere Beköstigung, d. h. für mich, sie und Lukerja, die ich mit übernommen hatte, täglich einen Rubel und keine Kopeke mehr geben würde: »Ich muß in den nächsten drei Jahren«, sagte ich ihr, »dreißigtausend Rubel ersparen, und das ist nur bei der größten Einschränkung möglich.« Sie widersprach nicht, aber ich erhöhte aus eignem Antrieb die Summe um dreißig Kopeken täglich. Ebenso war es mit dem Theater. Ich hatte ihr ja erklärt, daß sie auf alle Vergnügungen verzichten müßte, änderte aber diesen Beschluß dahin ab, daß ich versprach, mit ihr doch einmal im Monat ins Theater zu gehen und sogar standesgemäß im Parkett zu sitzen. Wir waren auch tatsächlich dreimal zusammen da. Wir sahen: »Die Jagd nach dem Glück«, »Pericola« und, wenn ich mich recht erinnere ... zum Teufel, zum Teufel damit! Schweigend gingen wir hin und kehrten schweigend wieder heim. Warum, ja warum schwiegen wir so von Anfang an? In der ersten Zeit gab es ja gar keine Zwistigkeiten, nur Schweigen. Sie blickte mich oft so eigentümlich an; als ich dies bemerkte, schwieg ich noch hartnäckiger als je. Allerdings hatte ich dieses Schweigen eingeführt, und nicht sie. Sie hatte sogar ein- oder zweimal versucht, diesem Zustand ein Ende zu machen, indem sie mir leidenschaftlich um den Hals fiel; da aber diese Ausbrüche von Leidenschaft krankhaft und hysterisch waren, ich aber nach einem dauerhaften und gesunden Glück strebte, so blieb ich in solchen Fällen kühl. Hatte auch recht: nach solchen Szenen gab es immer am nächsten Tage Streit.

D. h. Streit gab es eigentlich nicht, es gab nur noch ein hartnäckigeres Schweigen und – immer frechere Blicke ihrerseits. »Aufruhr und Unabhängigkeit!« – das war ihr System; doch sie machte es schlecht. Ja, dieses sanfte Gesicht wurde von Tag zu Tag trotziger. Glauben Sie es mir, ich begann ihr Ekel einzuflößen, habe es genau studiert. Aber daß sie zuweilen außer sich geriet, das war außer jedem Zweifel. Wie konnte sie, die ich aus solchem Schmutz und solcher Armut herausgezogen, die noch vor kurzem Dielen gescheuert hatte, wie konnte sie z. B. über unsere Armut die Nase rümpfen? Denn sehen Sie, es war keine Armut, es war nur Sparsamkeit; dort, wo es am Platze war, wurde bei uns sogar ein gewisser Luxus getrieben: so z. B. mit der Wäsche, mit der Reinlichkeit. Ich war auch früher stets der Ansicht, daß der Mann eine Frau am leichtesten fesselt, wenn er reinlich ist. Sie empörte sich übrigens weniger gegen die Armut als gegen meine Sparsamkeit, die sie für übertrieben hielt: »Ja, er spricht immer von einem Ziel, das er verfolgt, zeigt einen festen Charakter.« Auf das Theater verzichtete sie plötzlich ganz von selbst. Und immer öfter zeigte sich die spöttische Falte an ihrem Munde ... Und ich schwieg immer hartnäckiger und hartnäckiger.

Ich werde mich doch nicht rechtfertigen wollen!? Der wunde Punkt war eben die Leihkasse. Gestatten Sie nur: ich wußte sehr gut, daß eine Frau, und dazu noch solch ein sechzehnjähriges Ding, gar nicht umhin kann, sich dem Manne völlig unterzuordnen. Denn die Frauen haben nichts Originelles an sich, das ist ein Axiom; auch jetzt, auch jetzt noch halte ich es für ein Axiom! Ist denn das, was dort auf dem Tische liegt, ein Gegenbeweis? Wahrheit bleibt immer wahr, dagegen kann selbst Mill nichts machen! Und die liebende Frau, o, die liebende Frau! – die vergöttert sogar die Laster und die größten Schandtaten des geliebten Mannes. Er selbst kann seine Schandtaten nie so geschickt rechtfertigen, wie sie es für ihn tut. Das ist großmütig, doch nicht originell. Die Frauen gehen eben an dieser Unoriginalität zugrunde. Und was weisen Sie mir schon wieder auf den Tisch hin? Was soll das beweisen? Ist etwa das, was dort auf dem Tische liegt, originell? Ach Gott!

Hören Sie: ich hatte damals keinen Grund, an ihrer Liebe zu zweifeln. Fiel sie mir doch so oft um den Hals. Folglich liebte sie mich, wollte mich jedenfalls lieben. Ja, das war es eben: sie wollte mich lieben, sie gab sich Mühe, mich zu lieben. Es lagen ja auch gar keine Schandtaten meinerseits vor, für die sie eine Rechtfertigung hätte suchen müssen; und das ist doch sehr wesentlich! Sie sagen, ich bin ein Pfandleiher, und alle sagen dasselbe. Was ist denn dabei? Es muß doch seinen Grund gehabt haben, daß der großmütigste Mensch zum Pfandleiher geworden ist. Denn sehen Sie, es gibt Ideen ... d. h. wenn man manche Idee in Worte kleidet und laut ausspricht, so klingt sie furchtbar dumm. So dumm, daß man sich selbst ihrer schämt. Und warum? Darum. Weil wir alle so schlecht sind, daß wir die Wahrheit gar nicht vertragen können; einen andern Grund wüßte ich wirklich nicht. Ich sagte soeben: »Der großmütigste Mensch.« Das klingt lächerlich, ist aber wahr, ist die allerwahrste Wahrheit! Ja, ich hatte damals das Recht, mir meine Zukunft sichern zu wollen, folglich auch diese Leihkasse zu gründen. »Sie, d. h. nicht Sie, sondern die Menschen haben mich verstoßen, haben mich mit verächtlichem Schweigen aus ihrer Gemeinschaft gejagt. Meinen leidenschaftlichen Drang zu ihnen haben sie mit Beleidigungen für mein ganzes Leben beantwortet. Also habe ich das Recht, mich durch eine Mauer von ihnen abzusondern, mir diese dreißigtausend Rubel zu ersparen und mein Leben irgendwo in der Krim am Meeresstrand, zwischen Bergen und Weingärten, auf meinem eigenen Gut, das ich mir für die dreißigtausend Rubel kaufen will, zu beschließen; vor allen Dingen aber ferne von allen, doch ohne Haß gegen sie, mit meinem Ideal in der Brust, an der Seite einer geliebten Frau und von Kindern umgeben, wenn Gott uns solche schenken wolle, zu leben und dabei den notleidenden Bauern der Gegend nach Kräften behilflich zu sein.« – Ich darf es ja jetzt, wo ich zu mir spreche, laut sagen; was hätte es aber Dümmeres geben können, als wenn ich es ihr damals so ausgemalt hätte? Daher kam eben mein stolzes Schweigen, daher lebten wir stumm nebeneinander. Was hätte sie auch davon verstehen können? Wie hätte sie mit ihren sechzehn Jahren, »im Lenze des Lebens«, meine Leiden und meine Rechtfertigungen begreifen können? Auf der einen Seite – übertriebene Offenheit, völlige Unkenntnis des Lebens, billige, jugendliche Überzeugungen, die Kurzsichtigkeit einer »schönen Seele«, auf der anderen Seite – die Leihkasse; und diese gab den Ausschlag. (War ich denn übrigens ein Bösewicht? Hatte sie denn nicht gesehen, daß ich das Geschäft ehrlich führte und niemand übervorteilte?) Wie schrecklich ist doch die Wahrheit auf Erden! Dieses reizende Wesen, diese Sanfte, dieser Himmel voller Seligkeit – war mein Tyrann, der unerträgliche Marterer meiner Seele! Ich würde mich ja selbst verleumden, wenn ich das verschweigen wollte! Sie glauben vielleicht, daß ich sie nicht geliebt habe? Wer darf da behaupten, daß ich sie nicht liebte? Sehen Sie, das war eine Ironie, eine boshafte Ironie des Schicksals und der Natur! Wir sind alle verflucht, das Leben aller Menschen ist ein Fluch! (Und mein Leben erst recht!) Jetzt sehe ich ja vollkommen ein, daß ich irgendeinen Fehler gemacht habe! Irgendwie muß ich mich verrechnet haben. Mein Plan war ja so klar wie die Sonne: »Streng, stolz, bedarf keines moralischen Trostes, ziehe es vor, meine Leiden schweigend zu tragen.« So war es ja auch, ich habe nicht gelogen, wirklich nicht gelogen! »Sie wird später selbst einmal begreifen, wie großmütig ich war, und sich sagen, daß sie meine Großmut verkannt hatte; und wenn ihr dies einmal zum Bewußtsein kommt, wird sie mich zehnfach schätzen, vor mir in den Staub sinken und mich mit gefalteten Händen anbeten.« Das war eben mein Plan. Irgend etwas hat aber darin nicht gestimmt. Irgend etwas habe ich nicht zu tun verstanden. Doch genug, genug davon! Wen soll ich jetzt um Verzeihung bitten? Hin ist hin. Mensch, sei stolz und selbstbewußt! Nicht du bist daran schuld! ...

Nun, ich will die Wahrheit sagen, ich fürchte mich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen: sie ist an allem schuld, nur sie! ...

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