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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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III.
Bin der edelste Mensch, glaube aber selbst nicht daran

Konnte nicht einschlafen. Wie sollte ich es auch, wenn es mir unaufhörlich im Kopfe hämmert? Ich will mir ja alles klären, diesen ganzen Schmutz klären. O, dieser Schmutz! Aus welchem Schmutz habe ich sie da herausziehen müssen! Sie mußte das doch einsehen und meine Handlungsweise zu schätzen wissen! Auch verschiedene andere Gedanken verschafften mir Genuß, z. B. daß ich einundvierzig war, und sie kaum sechzehn. Dieses Gefühl der Ungleichheit nahm mich ganz gefangen; es war ein so süßes, wollüstiges Gefühl.

Ich wollte z. B. die Hochzeit nach englischer Manier machen, d. h. ganz ohne Gäste mit nur zwei Zeugen, von denen Lukerja der eine sein sollte, und gleich nach der Trauung in den Zug steigen; irgendwohin, z. B. nach Moskau (wo ich sogar zufällig geschäftlich zu tun hatte) reisen und uns für etwa vierzehn Tage in einem Hotel einmieten. Sie wollte es aber nicht haben, ging darauf nicht ein, und so mußte ich die Tanten besuchen, sie mit großer Ehrfurcht wie Anverwandte behandeln, und in aller Form um ihre Hand anhalten. Ich tat ihr den Gefallen und gab den Tanten, was den Tanten gebührt. Ich schenkte sogar diesen Kreaturen je hundert Rubel und versprach, noch mehr zu schenken; sie durfte natürlich davon nichts erfahren, denn das Häßliche an der Sache würde sie kränken. Die Tanten wurden sofort weich wie Butter. Dann gab es noch einen Streit wegen der Aussteuer; sie hatte nichts, buchstäblich nichts, wollte aber auch nichts haben. Mir gelang es jedoch, ihr zu beweisen, daß es ohne Aussteuer nicht ginge; also kaufte ich ihr die Aussteuer – wer hätte sie ihr denn sonst kaufen können? Doch zum Teufel mit mir. Es gelang mir, ihr noch während der Brautzeit einige von meinen Ansichten und Absichten klar zu machen, damit sie wisse, woran sie sei. Vielleicht war es auch eine Übereilung. Die Hauptsache aber war, daß sie mir schon gleich im Anfang, wie sehr sie sich auch zusammennahm, sozusagen in die Arme flog: sooft ich abends ins Haus kam, empfing sie mich ganz begeistert, erzählte mir mit ihrer kindlichen Stimme (o das bezaubernde Lallen der Unschuld!) von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrem Elternhause, von Vater und Mutter. Ich dämpfte aber ihre Ekstase sofort mit einem kalten Wasserstrahl. Darin bestand eben mein ganzer Plan. Ihr Entzücken beantwortete ich mit Schweigen, mit einem zwar wohlwollenden Schweigen, aus dem sie aber leicht hätte schließen können, daß ich ein ganz anderer Mensch als sie und eigentlich ein Rätsel sei. Auf das letztere pochte ich ganz besonders! Vielleicht hatte ich den ganzen Brei nur darum eingebrockt, um als ein Rätsel erscheinen zu können! Die Hauptsache war Strenge; Strenge war der erste Eindruck, den ich bei ihr erwecken wollte. Mit einem Wort: schon damals, als ich mit mir so sehr zufrieden war, hatte ich mir ein ganzes System aufgebaut. Dieses System entwickelte sich in meinem Geiste ganz von selbst, ohne die geringste Anstrengung meinerseits. Ich konnte auch gar nicht anders: ich mußte schon aus einem gewissen, durchaus unabwendbaren Grunde dieses System haben ... Warum soll ich mich denn verleumden! Das System war jedenfalls richtig. Nein, hören Sie nur: wenn Sie schon einmal einen Menschen richten, so müssen Sie doch die ganze Sachlage kennen ... Hören Sie also weiter.

Wie soll ich es nur sagen? Es ist nämlich gar nicht so leicht. Wenn ich nur anfange, mich zu rechtfertigen, stoße ich gleich auf Schwierigkeiten. Sehen Sie: die Jugend verachtet z. B. das Geld; ich verlegte aber sofort das Schwergewicht auf das Geld. Ich machte es mit solchem Nachdruck, daß sie immer schweigsamer wurde. Sie sah mich groß an, hörte mir zu und verstummte. Sehen Sie: die Jugend ist großmütig, ich meine die gute Jugend; sie ist großmütig und zu schnellen Entschlüssen geneigt, dafür aber wenig tolerant: alles, was ihr nicht paßt, straft sie mit Verachtung. Ich wollte ihr aber diese Unduldsamkeit austreiben, wollte ihr ganz entgegengesetzte Ansichten, einen weiten, alles begreifenden Blick anerziehen, sozusagen einimpfen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will? Ich will es an einem ganz einfachen Beispiele zeigen: wie sollte ich z. B. einem solchen Wesen meine Leihkasse erklären? Natürlich brachte ich die Rede nicht so unvermittelt darauf, denn so hätte ich den Anschein erwecken können, als ob ich sie wegen der Kasse um Verzeihung bitten wollte; ich spielte vielmehr den Stolzen und sprach zu ihr schweigend. Darauf verstehe ich mich aber ausgezeichnet: mein Leben lang habe ich immer schweigend gesprochen, habe auch innere Tragödien schweigend erlebt. War ich ja doch auch einmal unglücklich gewesen! Alle hatten mich verstoßen, verworfen und vergessen, und kein Mensch wußte etwas davon! Dieser sechzehnjährige Fratz schnappte aber plötzlich von gemeinen Menschen gewisse Einzelheiten über mein Vorleben auf und glaubte alles zu wissen, während das Wichtigste in meiner Brust verborgen war. Solange ich mit ihr lebte, schwieg ich immer, und schwieg so vielsagend; ich schwieg bis zum gestrigen Tag. Weshalb schwieg ich denn nur? Ja, ich war eben der stolze Mensch. Ich wollte, daß sie mich selbst, ohne meine Hilfe und nicht aus den Berichten gemeiner Menschen kennen lernte, daß sie mich ergründete und mein Rätsel löste. Wenn ich sie schon einmal in mein Haus aufnahm, so sollte sie mir volle Achtung entgegenbringen. Ich wollte, daß sie mich mit gefalteten Händen anbetete für alle meine Leiden. Und ich war es wirklich wert! O, ich war immer stolz und wollte immer entweder alles oder gar nichts! Eben aus diesem Grunde, weil ich mich nicht mit einem halben Glücke begnügen kann, sondern nach dem ganzen strebe, mußte ich damals so handeln; ich sagte ihr gleichsam: »Du sollst selbst alles erraten und mich dann schätzen lernen!« Sie werden es mir doch zugeben, daß, wenn ich ihr selbst alles erklärt und vorgesagt hätte, wenn ich vor ihr Finten machen wollte, um ihre Achtung zu erlangen, so wäre es doch dasselbe, wie wenn ich sie um ein Almosen anflehte ... Übrigens ... übrigens, warum rede ich noch davon?

Dumm, dumm, dumm, furchtbar dumm! Ich habe ihr damals in zwei Worten ohne Umschweife und erbarmungslos (ich betone, daß es erbarmungslos war) erklärt, daß die jugendliche Großmut zwar reizend, doch keinen Heller wert sei. Und warum? Weil sie der Jugend, die sie noch nicht am richtigen Leben erprobt hat, gar zu billig zu stehen kommt; sie gehört eben zu den sogenannten »ersten Eindrücken des Seins«. Wo bleibt diese Großmut, wenn der Ernst des Lebens beginnt? Solche billige Großmut zu zeigen, ist wirklich nicht schwer; wenn das junge Blut vor Überfluß an Lebenskraft kocht und schäumt und wenn man mit seinem ganzen Wesen nach Schönheit lechzt, ist es sogar kein Kunststück, sein Leben zu opfern. Nein, nehmen Sie dagegen eine schwierige, stille, lautlose und glanzlose Tat der Großmut, die viele Opfer kostet und keinen Tropfen Ruhm einbringt; denken Sie sich den Fall, daß Sie, ein makelloser Mensch, gegen Verleumdungen zu kämpfen haben und von allen als Schurke behandelt werden, während Sie der ehrlichste Mensch in der Welt sind; versuchen Sie einmal unter solchen Umständen Großmut zu zeigen! Nein, Sie werden darauf verzichten! Und ich – ich habe mein ganzes Leben lang das Kreuz einer solchen Tat getragen.

Anfangs widersprach sie mir, und noch wie! Dann aber wurde sie allmählich stiller und war schließlich ganz verstummt, sah mich nur mit ihren merkwürdig großen Augen erstaunt an und hörte mir aufmerksam zu ... Außerdem ... ja, außerdem bemerkte ich ein Lächeln, ein mißtrauisches, stummes, nichts Gutes verheißendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Und mit diesem Lächeln trat sie in mein Haus. Aber es ist ja wahr, wohin hätte sie denn sonst gehen können? ...

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