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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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II.
Der Heiratsantrag

Die »nackte Wahrheit«, die ich über sie erfuhr, will ich in wenigen Worten zusammenfassen: ihre Eltern waren schon vor drei Jahren gestorben, und sie wohnte bei zwei Tanten, recht unordentlichen Frauenzimmern. Wenn ich »unordentlich« sage, ist es eigentlich viel zu mild. Die eine Tante war Witwe und hatte sechs kleine Kinder auf dem Halse; die andere war eine abscheuliche alte Jungfer. Abscheulich waren sie übrigens beide. Der Vater des Mädchens war Beamter gewesen, hatte aber als Schreiber angefangen und besaß daher nur persönlichen und keinen erblichen Adel; mit einem Worte: die Verhältnisse waren mir günstig. Denn ich mußte in dieser Gesellschaft als ein Wesen aus einer höheren Welt erscheinen: war ich doch einmal Hauptmann bei einem glänzenden Regiment gewesen, besaß den erblichen Adel, war unabhängig usw. Was aber meine Leihkasse anbetrifft, so konnte sie den Tanten nur imponieren. Das Mädchen hatte bei den Tanten drei Jahre als Sklavin gelebt, aber trotzdem Zeit gefunden, irgendein Examen zu bestehen; sie hatte es bestanden trotz der unbarmherzigen täglichen Arbeit, zu der sie verdammt war; dies zeugte aber unbedingt von einem Streben nach Höherem und Edlerem! Stellte ich denn noch andere Ansprüche an eine Frau, die ich heiraten sollte? Von mir will ich hier übrigens gar nicht sprechen, zum Teufel mit mir! ... Es handelt sich auch gar nicht um mich! – Sie mußte die Kinder der Tante unterrichten, nähen und nicht nur Wäsche waschen, sondern auch die Dielen scheuern; und das mit ihrer schwachen Brust! Die Tanten mißhandelten sie sogar und warfen ihr jeden Bissen Brot vor. Zu guter Letzt wollten sie sie einfach verhandeln. Pfui! Ich will hier die schmutzigen Einzelheiten lieber übergehen. Später hat sie es mir selbst ausführlich erzählt. Das alles beobachtete ein ganzes Jahr lang ein dicker Krämer aus der Nachbarschaft; es war kein gewöhnlicher Krämer, sondern einer mit zwei Kolonialwarengeschäften. Er hatte bereits zwei Frauen unter die Erde gebracht und suchte gerade die dritte. So hatte er sein Auge auf sie geworfen. Er sagte sich wohl: »Sie ist so still, in Armut aufgewachsen, ich aber heirate nur wegen meiner mutterlosen Kinder.« Er hatte auch wirklich Kinder. Kurz und gut – er machte sich an die Tanten heran und freite um sie. Er war aber schon in den Fünfzigern; selbstverständlich war sie entsetzt. Eben um diese Zeit fing sie an, ihre Sachen bei mir zu versetzen, um mit dem Gelde die Annoncen zu bezahlen. Schließlich bat sie die Tanten, ihr nur noch eine Spanne Zeit zum Nachdenken zu lassen. Die Tanten gewährten ihr diese Spanne, eine zweite wollten sie ihr aber nicht gewähren; sie setzten ihr noch mehr als je zu: »Wir haben selbst nichts zu beißen und sollen dich miternähren!«

Als ich an jenem Morgen meinen Entschluß faßte, war mir das alles schon bekannt. Am Abend des gleichen Tages war der Kaufmann zu ihr ins Haus gekommen und hatte ein Pfund Konfekt, so eine Tüte für fünfzig Kopeken, aus seinem Laden mitgebracht. Während er also bei ihr saß, rief ich Lukerja aus der Küche und sagte ihr, sie solle zum Fräulein gehen und ihr zuflüstern, daß ich draußen vor dem Tore stehe und ihr etwas Dringendes zu sagen hätte. Ich war mit mir sehr zufrieden. Und überhaupt war ich an diesem Tage außerordentlich zufrieden.

Sie kam vor das Tor und war ganz erstaunt, daß ich sie hatte rufen lassen. Ohne viele Umschweife erklärte ich ihr in Lukerjas Gegenwart, daß ich es für ein Glück und für eine Ehre halten würde usw. Zweitens: sie möchte sich nicht darüber wundern, daß ich es so ganz unvermittelt und dazu noch vor dem Tore abmachen wolle; ich sei eben ein gerader und offener Mensch und hätte die Verhältnisse genau studiert. Das von der Offenheit meines Charakters war nicht einmal gelogen. Nun, das ist doch nebensächlich. Ich sprach zu ihr nicht nur höchst anständig, wie es einem wohlerzogenen Menschen geziemt, sondern auch, was besonders wichtig war, recht originell. Ist es denn Sünde, wenn ich es offen bekenne? Ich will mich selbst richten und tue es auch. Ich muß pro und contra reden und rede so. Auch nachher habe ich mich dessen oft mit gewisser Genugtuung erinnert, obwohl es eigentlich recht dumm ist. Ich erklärte ihr unumwunden, ohne jegliche Verwirrung, daß ich erstens nicht besonders begabt, nicht besonders klug, vielleicht auch nicht besonders gut, eigentlich ein recht billiger Egoist sei (ich erinnere mich ganz genau an diesen Ausdruck, den ich mir auf dem Wege zu ihr zurechtgelegt hatte und der mir damals besonders gut gefiel), und daß ich vielleicht auch in manchen anderen Beziehungen wenig Angenehmes an mir hätte. Ich sagte das alles nicht ohne Stolz; man weiß ja, wie man von solchen Dingen zu sprechen pflegt. Selbstverständlich hatte ich so viel Geschmack, daß ich nach der Aufzählung aller meiner Fehler nicht auch noch von meinen Vorzügen zu sprechen begann, etwa in der Form: »Dafür habe ich die und die Vorzüge.« Obwohl ich sah, daß es ihr noch recht bange zumute war, wollte ich doch nichts beschönigen; sogar im Gegenteil: ich malte alles in besonders düsteren Farben aus. Ich sagte ihr geradeaus, daß sie bei mir zwar immer satt werden würde, aber an Toiletten, Theater und Bälle nicht einmal denken dürfe; höchstens später einmal, wenn ich mein Ziel erreicht hätte. Dieser strenge Ton riß mich förmlich hin. Ich fügte noch hinzu, ebenfalls so nebenbei, daß ich mich mit meinem Gewerbe, d. h. mit dem Pfandleihgeschäft, nur darum befasse, weil ich dabei ein bestimmtes Ziel verfolge, und daß hier noch ein ganz besonderer Umstand mit im Spiele sei ... Ich hatte ja ein Recht, so zu sprechen: ich verfolgte ja damals wirklich so ein Ziel, und es war ja auch wirklich so ein gewisser Umstand dabei. Ich will es Ihnen offen sagen, meine Herren: ich selbst habe ja meine Leihkasse am meisten gehaßt; wenn es auch lächerlich ist, in einem Gespräch mit sich selbst solche geheimnisvollen Phrasen zu gebrauchen, muß ich doch sagen, daß ich tatsächlich »Rache an der Gesellschaft« nahm; das ist wahr, wirklich wahr! Sie hatte also unrecht gehabt, als sie an jenem Morgen über diese meine »Rache an der Gesellschaft« ironisierte. Das heißt, sehen Sie, wenn ich es ihr mit diesen Worten gesagt hätte: »Ja, ich nehme Rache an der Gesellschaft«, so hätte sie mir wieder ins Gesicht gelacht, wie sie am Morgen gelacht hatte, so wäre es wirklich lächerlich gewesen. Doch durch eine indirekte Anspielung, durch die geheimnisvolle Phrase war es mir wirklich gelungen, ihrer Einbildung zu imponieren. Außerdem hatte ich damals nichts mehr zu befürchten, denn ich wußte ja, daß der dicke Krämer in jedem Fall abstoßender war als ich, und daß ich, der ich sie vor dem Tore erwartete, ihr wie ein Befreier erscheinen mußte. Ich war mir ja darüber ganz klar. Wenn der Mensch eine Gemeinheit tut, ist er sich darüber immer klar! War es aber auch wirklich eine Gemeinheit? Darf man einen Menschen für so etwas richten? Habe ich sie denn nicht schon damals geliebt?

Warten Sie: selbstverständlich ließ ich kein Wort darüber fallen, daß ich ihr mit meinem Antrag eine Wohltat erweise; sogar im Gegenteil: » Sie erweisen mir eine Wohltat, und ich nicht Ihnen.« Ich sprach es sogar wörtlich so aus, was vielleicht etwas ungeschickt ausfiel, denn ich bemerkte eine flüchtige Falte auf ihrem Gesichte. Doch im großen ganzen hatte ich das Spiel gewonnen. Warten Sie: wenn ich schon von diesem Schmutze sprechen soll, so will ich auch die letzte Schweinerei nicht verschweigen. Während ich so vor ihr stand, regte sich in mir plötzlich der Gedanke: Du bist schlank, gut gewachsen, wohlerzogen und schließlich, offen gesagt, ein schöner Mann. Das ging mir so durch den Kopf. Selbstverständlich gab sie mir noch unten vor dem Tore ihr Jawort; doch ... doch ich muß hinzufügen: dort unten vor dem Tore dachte sie erst lange nach, ehe sie mir das Jawort gab. Sie dachte so lange, so unendlich lange nach, daß ich sie sogar fragen wollte: »Na, wie meinen Sie?« Ja, ich habe mich sogar nicht enthalten können und sie tatsächlich mit gewisser Überlegenheit gefragt: »Na, wie meinen Sie?« Ich kann mich noch gut auf dieses »Na« besinnen.

»Warten Sie, ich überlege es mir noch.«

Sie machte dabei ein so ernstes Gesicht, ein Gesicht, daß ich darin schon damals alles hätte lesen können! Fühlte mich aber etwas gekränkt: »Schwankt sie denn wirklich«, fragte ich mich, »zwischen mir und dem Krämer?« Damals begriff ich es noch nicht! Nichts, gar nichts begriff ich damals! Bis auf den heutigen Tag habe ich nichts begriffen! Ich weiß noch, wie Lukerja mir nachgelaufen kam, mich auf der Straße anhielt und ganz außer Atem sagte: »Gott wird es Ihnen lohnen, Herr, daß Sie unser liebes Fräulein nehmen; aber sagen Sie ihr das nicht wieder, denn sie ist so stolz.«

Sie ist also stolz. Gut! Ich bevorzuge sogar die Stolzen. Die Stolzen sind sogar besonders schön, wenn ... nun, wenn man an seiner Macht über sie nicht mehr zweifeln kann. Was sagen Sie dazu? O, ich niedriger, ungeschickter Mensch! Wie froh war ich darüber! Wissen Sie: während sie vor dem Tore stand und sich überlegte, ob sie mir ihr Jawort geben solle, und ich mich darüber wunderte, daß sie so viel Zeit dazu brauchte, wissen Sie, da hätte ihr ja leicht der Gedanke kommen können: »Wenn ich schon einmal in dieser unglücklichen Lage bin, so wäre es vielleicht besser, von den beiden Übeln das größere zu wählen, d. h. den dicken Krämer: dieser wird mich wenigstens in der Trunkenheit bald totprügeln!« Wie? Glauben Sie nicht auch, daß ihr dieser Gedanke hätte kommen können?

Ich verstehe aber auch jetzt nichts, ganz und gar nichts! Ich habe erst eben gesagt, daß dieser Gedanke ihr hätte leicht kommen können: »Soll ich nicht von den beiden Übeln das größere wählen, d. h. den Krämer?« Wer war aber das größere Übel – ich oder der Krämer? Der Krämer oder der Pfandleiher, welcher Goethe zitiert? Das ist ja noch eine Frage! Was für eine Frage? Auch das verstehst du nicht einmal: die Antwort liegt vor dir auf dem Tische, du aber sagst, es sei noch eine Frage! Zum Teufel mit mir! Es handelt sich gar nicht um mich ... Was geht es mich jetzt übrigens an, ob es sich um mich oder nicht um mich handelt? Das kann ich schon gar nicht entscheiden. Das Beste ist, ich lege mich schlafen. Mein Kopf tut mir so weh ...

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