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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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Vorrede des Autors

Ich nenne diese Erzählung eine »phantastische«, obwohl ich sie für durchaus real halte. In gewisser Hinsicht ist sie aber auch wirklich phantastisch: das Phantastische liegt hier in der Form, über die ich mich verpflichtet sehe einiges vorauszuschicken.

Es ist nämlich weder eine Erzählung noch ein Bruchstück aus einem Tagebuch. Denken Sie sich einen Mann, der vor der Leiche seiner Frau steht, einer Selbstmörderin, die sich erst vor wenigen Stunden aus dem Fenster gestürzt hat. Er ist noch ganz bestürzt und hat noch nicht Zeit gehabt, seine Gedanken zu sammeln. Er geht in seinem Zimmer auf und ab und bemüht sich, das Geschehene zu fassen, »seine Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren«. Er gehört obendrein zu jenen Hypochondern, die mit sich selbst sprechen. So spricht er mit sich selbst, erzählt sich den Sachverhalt, und sucht ihn sich zu klären. Trotz der scheinbaren Folgerichtigkeit seiner Rede widerspricht er sich einige Male wie in der Logik so auch in den Gefühlen. Er rechtfertigt sich und beschuldigt sich zur gleichen Zeit und gerät zuweilen in durchaus nebensächliche Erklärungen; neben einer gewissen Roheit der Gedanken und des Herzens verrät er auch hier und da tiefes Gefühl. Allmählich gelingt es ihm auch wirklich, sich den Sachverhalt zu klären und seine Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren. Eine Reihe von Erinnerungen, die er in sich weckt, zwingt ihn schließlich, die Wahrheit zu sehen; und diese Wahrheit wirkt erhebend auf seinen Verstand und sein Herz. Gegen das Ende verändert sich sogar der Ton der Erzählung im Vergleich zu dem so verworrenen Anfang. Die Wahrheit zeigt sich dem Unglücklichen recht klar und eindeutig; jedenfalls glaubt er sie so zu sehen.

Das ist das Thema. Der Prozeß der Erzählung dauert, selbstverständlich mit Unterbrechungen, einige Stunden, und ihre Form ist höchst verworren: bald spricht er zu sich selbst, bald wendet er sich an einen unsichtbaren Zuhörer, gleichsam an seinen Richter. So spielt es sich auch immer in Wirklichkeit ab. Wenn ein Stenograph ihn belauscht und alle seine Worte rein mechanisch aufgezeichnet hätte, so wäre die Erzählung etwas unordentlicher und holpriger geworden, als sie bei mir ausgefallen ist; ich glaube aber, daß die psychologische Entwicklung in der gleichen Folge vor sich gegangen wäre wie bei mir. Diese Fiktion eines Stenographen, der alles aufgezeichnet hat (und dessen Aufzeichnungen ich überarbeitet habe), ist eben das, was ich an dieser Erzählung phantastisch nenne. Dieser Kunstgriff ist übrigens nicht neu: so hat ihn schon Viktor Hugo in seinem Meisterwerk »Der letzte Tag eines zum Tode Verurteilten« angewandt. Hugo sagt zwar nichts von einem Stenographen, läßt aber eine noch viel größere Unwahrscheinlichkeit zu, indem er annimmt, daß der zum Tode Verurteilte die Kraft (und auch die Zeit) hat, nicht nur an seinem letzten Tage, sondern auch in seiner letzten Stunde, ja sogar in der letzten Minute Aufzeichnungen zu machen. Hätte er aber auf diese phantastische Voraussetzung verzichtet, so wäre auch das ganze Werk, das realste und wahrste von allen seinen Werken, nie zustandegekommen.

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