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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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X.
Nur fünf Minuten zu spät

Oder etwa nicht? Halten Sie es für wahrscheinlich? Können Sie sagen, daß es möglich wäre? Wozu, warum starb diese Frau?

O glauben Sie mir, ich verstehe es vollkommen; doch wozu sie gestorben ist – ist immer noch eine Frage. Sie erschrak vor meiner Liebe und fragte sich ernstlich: soll ich sie annehmen oder soll ich sie nicht annehmen? Sie hat die Frage nicht ertragen können und den Tod vorgezogen. Ja, ich weiß, ich weiß es, brauche mir nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen: sie hatte mir zu viel versprochen, und sie erschrak, daß sie es nicht würde halten können – das ist ja vollkommen klar. Hier gibt es einige ganz furchtbare Motive.

Denn die Frage – wozu ist sie gestorben? – steht noch immer offen. Diese Frage klopft, hämmert in meinem Hirn. Ich hätte sie auch wirklich ganz in Ruhe gelassen, wenn sie ernsthaft gewollt hätte, daß ich sie in Ruhe ließ. Sie glaubte aber selbst nicht daran, das ist es eben! Nein, nein, ich lüge, das war gar nicht der Grund. Einfach weil sie mir gegenüber ehrlich sein müßte; wenn sie mich schon lieben wollte, so müßte sie mich mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrem ganzen Wesen lieben, und nicht so, wie sie den Kaufmann geliebt hätte. Da sie aber zu keusch war, zu rein, um mich so zu lieben, wie es dem Kaufmann genügt hätte, so wollte sie mich nicht betrügen. Sie wollte mich nicht betrügen, wollte mir nicht statt ihrer ganzen Liebe nur eine halbe oder eine viertel Liebe geben. Menschen ihrer Art sind eben zu ehrlich, das ist die Sache! Ich wollte ihr ja einmal einen weiten, alles begreifenden Blick anerziehen, wissen Sie es noch? Ein seltsamer Gedanke ...

Eins möchte ich gerne wissen: ob sie mich geachtet hat? Ich weiß nicht, hat sie mich geachtet oder nicht? Ich glaube es nicht. Es ist doch merkwürdig: während des ganzen Winters ist mir kein einziges Mal der Gedanke gekommen, daß sie mich verachtet! Ich war sogar vom Gegenteil überzeugt und blieb es bis zu jenem Augenblick, als sie mich mit strengem Erstaunen anblickte. Ja, mit strengem Erstaunen. Da begriff ich nämlich, daß sie mich verachtete. Ich begriff es endgültig und für alle Ewigkeit! Ach, hätte sie mich doch verachtet, meinetwegen das ganze Leben lang verachtet, nur leben, leben sollte sie! Erst vor kurzem, erst heute früh ging sie noch herum und sprach noch. Ich kann gar nicht begreifen, wie sie sich aus dem Fenster stürzen konnte! Wie hätte ich es auch nur fünf Minuten vorher erwarten können? Ich rief Lukerja. Jetzt lasse ich die Lukerja um keinen Preis fortgehen, um keinen Preis!

Wir hätten uns ja noch verständigen können. Wir waren im Winter einander so fremd geworden, hätten wir uns aber denn nicht wieder aneinander gewöhnen können? Warum in aller Welt hätten wir nicht ein neues gemeinsames Leben beginnen können? Ich bin ja großmütig, und sie ist es auch – da wäre ja der Berührungspunkt! Nur noch einige Worte, nur noch einige Tage – höchstens zwei Tage – und sie würde alles begreifen können.

Mich bedrückt am meisten der Gedanke, daß es nur ein Zufall, ein gewöhnlicher, barbarischer, blinder Zufall war! Das ist doch wirklich ärgerlich! Um fünf Minuten, um nur fünf Minuten bin ich zu spät gekommen! Wäre ich fünf Minuten früher zurückgekehrt, so wäre der Augenblick wie eine Wolke vorübergegangen, und sie hätte sich nie wieder daran erinnert. Und schließlich hätte sie einmal alles begreifen müssen. Und jetzt – diese leeren Zimmer, und ich bin wieder allein. Der Pendel an der Uhr tickt, ihn rührt nichts, ihm tut nichts leid. Ich bin so ganz allein, habe niemanden – das ist mein Unglück!

Ich gehe immer auf und ab. Ich weiß, ich weiß, Sie brauchen es mir gar nicht zu sagen: es erscheint Ihnen wohl lächerlich, daß ich es auf einen Zufall schiebe, daß ich mich über die fünf Minuten beklage? Aber es ist doch zu augenscheinlich! Bedenken Sie doch bloß: sie hat nicht einmal ein paar Zeilen hinterlassen, einen Zettel mit den wenigen Worten: »Niemand ist an meinem Tode schuld«, wie ihn eben alle Selbstmörder hinterlassen. Hat sie denn gar nicht daran gedacht, daß Lukerja Unannehmlichkeiten haben könnte: »Sie war ja allein dabei, folglich hat sie sie selbst zum Fenster hinausgestoßen!« Man hätte sie auch wirklich auf die Polizei geschleppt, wenn nicht zufällig vier Zeugen aus den Fenstern des Seitengebäudes und vom Hofe aus gesehen hätten, wie sie, mit dem Heiligenbild in der Hand, auf dem Fensterbrett gestanden und sich hinabgestürzt hatte. Das ist doch ein reiner Zufall, daß es die Menschen gesehen haben. Nein, es war ja nur ein Augenblick, wo sie sich keine Rechenschaft gab ... Ein plötzlicher phantastischer Einfall! Was ist denn dabei, daß sie vor dem Heiligenbilde gebetet hat? Das heißt ja noch nicht, daß sie mit dem Entschluß, in den Tod zu gehen, betete. Der ganze Augenblick hat vielleicht nur irgendwelche zehn Minuten gedauert; als sie an der Wand stand, den Kopf in die Hand gestützt und lächelte – in diesem Augenblick vielleicht hatte sie den Entschluß gefaßt. Der Gedanke durchzuckte plötzlich ihr Gehirn, ihr Kopf schwindelte, und sie hat nicht widerstehen können.

Das war ja ein augenscheinliches Mißverständnis – Sie mögen sagen, was Sie wollen. Mit mir ließe es sich noch leben. Und vielleicht war es Blutarmut? Vielleicht war einfach ihre Blutarmut, die ihre Lebensenergie erschöpft hatte, die Ursache? Müde war sie geworden im Winter, das war es ...

Ich bin zu spät gekommen!!!

Wie schmächtig sie im Sarge ist, wie spitz ihr Näschen! Die Wimpern liegen wie kleine Pfeile. Wie merkwürdig sie doch gefallen ist – nichts hat sie sich zerschlagen, kein Glied gebrochen! Nur diese eine »Handvoll Blut«. Das heißt etwa einen Dessertlöffel voll. Innere Erschütterung. Ein sonderbarer Gedanke kommt mir eben: wäre es möglich, sie nicht zu beerdigen? Denn wenn man sie fortträgt, so ... O nein, es ist fast unmöglich, daß man sie fortträgt! Und doch weiß ich ganz gut, daß man sie fortbringen muß – ich bin gar nicht verrückt, ich phantasiere nicht; im Gegenteil: mein Verstand war noch nie so klar und so wach wie jetzt. Wie ist es mir aber jetzt: ich bin wieder allein im Hause, in meinen beiden Zimmern, wieder ganz allein mit den Pfändern. Ich phantasiere, das ist ja Fieberwahn! Ich habe sie zu Tode gequält, das ist es!

Was gelten mir jetzt eure Gesetze? Was brauche ich eure Sitten, Gebräuche, euer Leben, euren Staat, eure Religion? Soll mich nur euer Richter richten, bringt mich nur vor euer Gericht, vor euren öffentlichen Gerichtshof – ich werde doch immer sagen, daß ich nichts anerkenne. Der Richter wird mir zurufen: »Schweigen Sie, Offizier!« Ich werde ihm darauf laut erwidern: »Du hast ja gar nicht die Macht, daß ich dir gehorche! Warum hat ein blindes Naturgesetz das zerbrochen, was mir am teuersten war? Was brauche ich noch jetzt eure Gesetze? Ich trete aus eurer Gemeinschaft aus!« O, mir ist alles gleich!

Sie ist blind, sie ist blind und tot und kann nichts hören! Du weißt gar nicht, mit welch einem Paradies ich dich umgeben hätte. Das Paradies war in meiner Seele, ich hätte es um dich gepflanzt! Gut, du hättest mich nicht geliebt – das hätte ja noch nichts ausgemacht. Alles wäre ja so geblieben, wie du es wolltest: ich hätte dich in Ruhe gelassen. Würdest mich wie einen Freund behandeln, würdest mir alles erzählen – da würden wir uns beide freuen und lachen, und uns freudig in die Augen blicken. Und so würde unser Leben dahinziehen. Und solltest du einen anderen liebgewinnen – auch das wäre mir recht. Du würdest mit ihm gehen und lachen, und ich würde auf der anderen Straßenseite gehen und euch mit den Augen begleiten ... O, alles wäre mir recht, alles, wenn sie nur noch einmal die Augen öffnen wollte! Für einen Augenblick, für nur einen Augenblick! Wenn sie mich wieder so anblicken wollte wie vorhin, als sie vor mir stand und schwur, daß sie mir ein treues Weib sein würde! Mit einem einzigen Blick würde ich ihr alles sagen können!

O Natur! O blinde Gesetze! Die Menschen sind einsam auf Erden – das ist eben das Unglück! »Gibts da im Felde noch eine lebende Seele?« fragte der fahrende Held im alten russischen Lied. Auch ich, der ich kein Held bin, rufe in die Ferne hinaus, doch niemand antwortet mir. Man sagt, daß die Sonne das Weltall belebt. Seht euch doch nur die Sonne an, wenn sie aufgeht: ist sie nicht eine Leiche? Alles ist tot. Überall liegen Tote. Die Menschen sind einsam, und um sie herum ist Schweigen – das ist die Erde! »Menschen, liebet einander« – wer hat das gesagt? Wessen Gebot ist das? Der Pendel tickt gefühllos, ekelhaft. Zwei Uhr nachts. Ihre Schuhchen stehen vor ihrem Bett, warten auf sie ... Nein, in allem Ernst, wenn man sie morgen fortträgt, was soll ich da anfangen?

 

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