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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
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IX.
Begreife es nur zu gut

Das Ganze war ja erst vor einigen Tagen, vor fünf Tagen, vor nur fünf Tagen, am vergangenen Dienstag! Nein, nein, wenn sie doch nur einen Augenblick gewartet hätte, ich hätte gewiß all die finsteren Wolken zerstreut! Hatte sie sich denn nicht gänzlich beruhigt? Denn am nächsten Tage hörte sie mir schon zu, wenn auch etwas verlegen, so doch mit einem Lächeln auf den Lippen ... Die ganze Zeit über, die ganzen fünf Tage war sie verlegen oder sie schämte sich ... Es war auch Furcht dabei, sogar große Furcht. Ich will es ja nicht bestreiten, will nicht wie ein Wahnsinniger widersprechen: sie fürchtete sich vor mir; wie hätte sie sich aber auch nicht fürchten sollen? Wir waren ja seit so langer Zeit einander fremd geworden, hatten uns voneinander so gänzlich entwöhnt, und plötzlich dieser unerwartete Ausbruch ... Ich achtete aber nicht auf ihre Furcht, ich war von dem Neuen, das in der Zukunft leuchtete, ganz geblendet! Es ist ja wahr, es ist zweifellos wahr, daß ich da einen Fehler begangen habe. Vielleicht sogar viele Fehler. Gleich am Morgen, als wir beide erwachten, gleich am frühen Morgen (es war am Mittwoch) beging ich einen großen Fehler: ich wollte sie gleich zu meinem Freunde machen. Ich habe mich zu sehr beeilt, habe unüberlegt gehandelt, doch die Beichte war notwendig; es war auch viel mehr als das, was man so Beichte nennt! Ich sagte ihr solche Dinge, die ich auch vor mir mein Leben lang verheimlicht hatte. Ich sagte ihr so gerade heraus, daß ich den ganzen Winter nur daran gedacht hatte, daß sie mich liebte, daß ich an ihrer Liebe überhaupt nicht zweifelte. Ich erklärte ihr, daß die Leihkasse nur eine Folge meiner gesunkenen Willenskraft sei, meine eigene Idee von Selbstgeißelung und Selbstverherrlichung. Ich erklärte ihr, daß ich damals am Büfett tatsächlich wie ein Feigling gehandelt hätte, was meiner übertriebenen Empfindlichkeit zuzuschreiben sei: die Umgebung, das Publikum am Büfett hätten mich verwirrt; ich hätte mich gefragt, ob es nicht lächerlich wirken würde, wenn ich so plötzlich vortreten wollte? Ich fürchtete mich nicht vor dem Duell, sondern vor der Möglichkeit, lächerlich zu erscheinen ... Später hätte ich es aber nicht eingestehen wollen und mich und alle anderen damit gequält; auch sie hätte ich damals gequält, hätte sie überhaupt nur darum geheiratet, um sie quälen zu können. Ich sprach überhaupt fast die ganze Zeit wie im Fieber. Sie faßte mich sogar an den Händen und bat mich, aufzuhören: »Sie übertreiben ... Sie quälen sich ...« Und dann begann sie wieder zu weinen und bekam beinahe wieder den Anfall. Sie bat mich in einem fort, ich möchte nicht mehr davon sprechen und überhaupt nicht mehr daran denken.

Ich hörte aber gar nicht oder fast gar nicht auf ihre Bitten: ich dachte ja an den Frühling, an die Reise nach Boulogne! Dort strahlte die Sonne, unsere neue Sonne! Nur davon sprach ich zu ihr. Wenn ich die Leihkasse geschlossen und alle Geschäfte Dobronrawow übergeben hätte, wollte ich mein ganzes Vermögen, so sagte ich ihr, an Arme verschenken und mir nur die dreitausend Rubel, die ich einst von meiner Pate bekommen hatte und die mein Grundkapital waren, behalten; mit diesem Gelde würden wir eben die Reise nach Boulogne machen, dann aber nach Hause zurückkehren und ein neues arbeitsvolles Leben beginnen. Dabei blieb es, d. h. sie erwiderte nichts darauf. Sie lächelte nur. Sie lächelte wohl mehr aus Zartgefühl, um mich nicht zu verletzen. Ich sah ja, daß ihr diese Auseinandersetzungen über unsere Zukunft lästig waren; glauben Sie nur nicht, daß ich so dumm und egoistisch gewesen wäre, daß ich es nicht hätte bemerken können. Ich sah alles haarscharf und wußte alles besser als irgend jemand. Ich war mir ja meiner verzweifelten Lage voll bewußt!

Ich sprach immer von mir und von ihr. Auch von Lukerja. Ich erzählte ihr auch, daß ich geweint hatte ... O, ich brachte ja die Rede auch auf andere Dinge und bemühte mich, über gewisse Dinge zu schweigen. Mitunter wurde sie sogar lebhafter und hörte mir interessiert zu; ich kann mich noch so gut daran erinnern! Warum sagen Sie mir, ich sei blind gewesen, hätte in meiner Verblendung nichts gesehen? Wäre nur das eine nicht geschehen, hätte noch alles gut werden können. Erzählte sie mir ja doch vor drei Tagen, was sie in diesem Winter alles gelesen hatte, und lachte so herzlich, als sie sich an die Szene aus dem Gil Blas mit dem Erzbischof von Granada erinnerte. Wie herzlich, wie kindlich klang ihr Lachen! So hatte sie in ihrer Brautzeit gelacht – es war ja nur ein kurzer Augenblick! – wie froh war ich da! Und wie bestürzt! Hatte sie ja doch in diesem Winter noch so viel Gemütsruhe und Glück gefunden, um über diese Szene lachen zu können! Folglich hatte sie sich schon früher etwas beruhigt, hatte wirklich geglaubt, daß ich sie in Ruhe lassen würde. »Ich hatte ja schon gedacht, daß Sie mich ganz in Ruhe lassen würden« – das hatte sie am Dienstag gesagt. O, diese Worte sind wirklich eines sechzehnjährigen Mädchens würdig! Sie hatte wirklich geglaubt, daß alles so bleiben würde; sie an ihrem Tisch und ich an meinem Tisch, und so bis zum sechzigsten Lebensjahr! Und da komme ich daher, mache meine Gattenrechte geltend, und der Gatte braucht Liebe! O dieses Mißverstehen, o meine Blindheit!

Es war ja auch ein Fehler, daß ich sie mit so entzückten Augen betrachtete; ich hätte mich beherrschen sollen, denn mein Entzücken erschreckte sie. Ich nahm mich ja auch wirklich zusammen und küßte ihr nicht mehr die Füße. Kein einziges Mal zeigte ich ihr, daß ... nun, daß ich ihr Gatte war – ich dachte überhaupt nicht daran, ich wollte sie ja nur anbeten! Aber ich konnte ja nicht immer schweigen, ich mußte doch etwas sprechen! Ich sagte ihr plötzlich, daß mir die Unterhaltung mit ihr großen Genuß bereite, daß ich sie für unvergleichlich gebildeter und geistig entwickelter halte als mich selbst. Sie errötete wieder und sagte verlegen, daß ich übertreibe. Da konnte ich mich schon gar nicht beherrschen und sagte ihr dummerweise, wie entzückt ich neulich gewesen war, als ich, hinter der Türe stehend, ihrem Zweikampf zugehört hatte, dem Zweikampf der Unschuld mit dem rohen Kerl; wie sehr mich ihr feiner Verstand, ihr sprühender Witz und zugleich ihre kindliche Naivität entzückt hätten. Sie zuckte zusammen und stammelte wieder etwas von Übertreibung; plötzlich wurde aber ihr Gesicht finster, sie bedeckte es mit den Händen und begann zu schluchzen ... Nun konnte ich mich schon gar nicht mehr beherrschen: ich fiel wieder vor ihr hin, begann ihre Füße zu küssen, und wieder folgte darauf ein hysterischer Anfall wie am Dienstag. Das war gestern abend. Und am nächsten Morgen ...

Am nächsten Morgen? Wahnsinniger, dieser Morgen war doch heute, ganz vor kurzem!

Hören Sie aufmerksam zu: als wir uns heute früh (also nach dem gestrigen Anfall) am Teetisch trafen, war ich über ihre Ruhe ganz erstaunt ... Ja, so war es! Ich hatte aber die ganze Nacht für die Folgen des Gestrigen gefürchtet. Plötzlich tritt sie auf mich zu, stellt sich vor mich hin, faltet die Hände (es ist ja erst heute früh passiert!) und sagt, daß sie eine Verbrecherin sei, daß sie es sehr wohl wisse; daß ihr Verbrechen sie den ganzen Winter gequält hätte und sie noch jetzt quäle ... daß sie meine Großmut nur zu gut schätze ... »Ich werde Ihnen eine treue Gattin sein, ich werde Sie achten ...« Da sprang ich wie wahnsinnig auf und schloß sie in meine Arme! Ich küßte sie, bedeckte mit Küssen ihr Gesicht, küßte ihre Lippen, wie ein Gatte seine Frau nach langer Trennung küßt. Und warum bin ich nur heute weggegangen, wenn auch nur für zwei Stunden ... um unsere ausländischen Pässe zu holen? ... O mein Gott! Wäre ich doch nur um fünf Minuten früher zurückgekommen! ... Und nun steht diese Volksmenge vor unserem Haustor, und alle sehen mich so sonderbar an ... O Gott!

Lukerja sagt – (diese Lukerja will ich jetzt um keinen Preis fortlassen, sie weiß alles, sie war den ganzen Winter dabei, hat alles gesehen, wird mir alles erzählen können) – Lukerja sagt, daß sie, als ich fortgegangen war, also nur etwa zwanzig Minuten vor meiner Rückkehr, zur gnädigen Frau in unser Schlafzimmer hineingegangen war, um etwas, ich weiß nicht mehr was, zu fragen; da hatte sie gesehen, daß das Heiligenbild (das bewußte Muttergottesbild) aus dem Schreine herausgenommen war und auf dem Tische stand; die gnädige Frau stand aber davor und sah so aus, als ob sie erst eben gebetet hätte. »Was machen Sie da, gnädige Frau?« – »Es ist nichts, Lukerja, geh nur.« – »Wart, Lukerja.« – Sie ging auf sie zu und küßte sie. – »Sind Sie jetzt glücklich, gnädige Frau?« – »Ja, Lukerja.« – »Sie hätten ja schon längst den Herrn um Verzeihung bitten müssen, gnädige Frau ... Gott sei Dank, daß Sie sich endlich ausgesöhnt haben.« – »Es ist gut, Lukerja. Geh jetzt, Lukerja.« Bei diesen Worten lächelte sie so sonderbar, daß Lukerja nach zehn Minuten wieder ins Zimmer kam, um nach ihr zu sehen: »Sie steht an die Wand gelehnt und den Kopf in die Hand gestützt. So steht sie nachdenklich da. Und ist so sehr in Gedanken versunken, daß sie gar nicht merkt, daß ich im Nebenzimmer stehe und sie betrachte. Ich sehe, wie sie lächelt; sie steht da, denkt an etwas und lächelt. Ich beobachtete sie eine Weile, drehte mich dann leise um und ging hinaus; sie kam mir so sonderbar vor. Plötzlich höre ich, daß ein Fenster geöffnet wird. Ich gehe sofort wieder zurück und sage: ›Es ist so frisch draußen, gnädige Frau, daß Sie sich nur nicht erkälten!‹ Und plötzlich sehe ich, wie sie auf das Fensterbrett steigt. Sie steht im offenen Fenster ganz aufgerichtet, mit dem Rücken zu mir, hält in den Händen das Heiligenbild. Das Herz steht mir still, ich schreie: ›Gnädige Frau! Gnädige Frau!‹ Sie hört es, will sich wohl noch zu mir umkehren, kehrt sich aber nicht um, sondern macht einen Schritt nach vorne, drückt sich das Heiligenbild noch fester an die Brust und – stürzt aus dem Fenster!«

Ich weiß nur noch, daß sie, als ich vor dem Hause ankam, noch warm war. Den tiefsten Eindruck machte auf mich, daß alle auf mich sahen. Anfangs schrien sie, plötzlich wurden alle still und machten mir Platz: da sah ich sie mit dem Heiligenbild liegen. Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, daß ich schweigend zu ihr trat und sie lange anstarrte. Alle umringten mich und sprachen etwas zu mir. Lukerja war auch dabei, ich habe sie aber nicht gesehen. Ich kann mich nur noch an einen Kleinbürger erinnern, der mir immer zurief: »Nur eine Handvoll Blut ist ihr aus dem Munde geflossen, nur eine Handvoll! ...« Und er zeigte auf einen Pflasterstein mit einigen Blutspuren. Mir scheint, ich habe das Blut mit dem Finger berührt; habe mir den Finger mit Blut befleckt, betrachtete darauf den Finger (das letztere weiß ich noch genau); er rief mir aber noch fortwährend zu: »Eine Handvoll, eine Handvoll!«

»Was, eine Handvoll?« schrie ich wütend auf. Man sagt, ich habe mich mit erhobenen Händen auf ihn gestürzt ...

Es ist wahnsinnig! Ein Mißverständnis! Unglaublich! Unmöglich!

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