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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 7
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Zweiter Teil

Ein Mensch kehrt zurück in seine Stadt.

Dies trug sich in dem Jahre zu, da der Vesuv einen schweren Ausbruch hatte und der Tiber seine Ufer überschwemmte.

Es geschah in demselben Sommer – so wird berichtet –, daß eine Bildsäule in den Albaner Bergen Blut zu schwitzen anfing – noch dazu in großer Menge, obgleich sie aus Holz war.

Und genau wie in den Tagen des Augustus bestieg ein Sklave das Prachtbett des Jupiter Capitolinus, murmelte von dort aus schreckliche Prophezeiungen, tötete dann einen mitgebrachten Hund und zuletzt sich selbst.

In diesem Jahr war es, daß Marc Aurel zum viertenmal den Imperatortitel bekam und als Vater des Vaterlandes geehrt wurde – in dem Jahr, wo Q. Servilius, Q. F. Pudens und L. Eufidius Pollio die gewöhnlichen Konsuln waren.

Die Christen nennen es das Jahr, da Rom seinen zwölften Papst bekam, der Soter genannt wurde.

 

Sechstes Kapitel

Es lag in der Luft. Rab Chanina, der Priester der christlichen Gemeinde im Argiletum-Distrikt, hatte längst geahnt, daß seine Gemeinde einem Storchennest während eines Gewitters glich. Nicht als ob wirklich etwas geschehen wäre. Die Dinge verliefen ganz normal: beständig mehrten sich die Seelen der kleinen Herde, und über das Gemeindeleben konnte er sich auch nicht beklagen. Opferwille und mutige Bereitwilligkeit, den Glauben zu bekennen, fehlten nicht. Höchstens hätte man von Überorganisation sprechen können; aber wo ist etwas vollkommen! Ohne Organisation kann eine große Sache nicht geführt werden, und in einen Garten, der einmal kultiviert ist, pflanzt man doch kein Unkraut.

Es kam – wie immer – vom Osten. Den Anfang bildeten allgemeine Vorwürfe gegen die Christen – nicht von Seiten der Weltkinder, sondern von innen heraus – wegen Weltlichkeit, Eitelkeit und Mangel an Ernst, Demut und Entsagung. Der Beweis sei – sagte man –, daß sie keine Märtyrer mehr hätten, keine starken Propheten – ja, überhaupt keine Propheten. Die Antwort kam zäh wie ein Galgenstrick und hängte die Anklage in all ihrer häßlichen Magerkeit zur Schau: der Kopf des Justin wurde im Gefängnishof am Fuße des Kapitals vom Körper getrennt, ungefähr zweihundert christliche Brüder und Schwestern wurden in die Bleigruben Sardiniens verschickt und mehr als zwanzig christliche Jungfrauen in die öffentlichen Häuser getan.

Propheten?

Rab Chanina gestand sich selbst, daß hier eine schwache Stelle lag. Das Zungenreden und die Gnadengabe der Wahrsagung schienen von der Erde genommen zu sein, und man konnte nur beten, der Herr möge der im Finstern tappenden Schar sein Licht leuchten lassen. Aber nachdem er dies gesagt hatte, gebot der Wirklichkeitssinn Rab Chaninas ihm, scharf auf das entsetzliche Aufgebot falscher Propheten hinzuweisen, von dem die Welt während der letzten hundert Jahre gehört hatte. Er selbst hatte noch in Jerusalem als kleiner Junge Simon Barkochba gesehen – den Messias, den König der Juden, wie er sich genannt hatte –, und das konnte er nicht vergessen. »Gib uns Propheten!« murmelte es in der Tiefe. »Hütet euch vor falschen Propheten!« antworteten die Priester.

Doch wenn die Ermahnungen der Priester verstummten, murmelte es weiter, und von Osten – immer von Osten – kam Botschaft um Botschaft von Propheten, durch die der Herr seine Kinder gezüchtigt, Dämonen ausgetrieben und das nahe bevorstehende Ende der Welt vorausgesagt hätte. Im Lauf von hundert Jahren hatte die Gemeinde es sich langsam abgewöhnt, auf die Wiederkunft des Allerhöchsten zu warten; jetzt aber erhob sich diese Hoffnung wieder wie die ersten Dünungen einer wachsenden Flut.

Buße! Reue! Fasten!

Selbstvernichtung! Weltentsagung! Martyrium!

Von Osten her kamen diese klagenden Zeichen. Und aus dem allen hervor ging die Botschaft, auf die das Ganze hindeutete: »Das Ende der Welt ist nahe! Bereitet euch auf das Kommen des Paraklet vor! Bereitet euch vor, zu schweigen!«

Des Papstes Soter grundsätzliche Ansicht über Teufelbeschwörung und Propheten ist unbekannt. Indessen hätte er sich ja wesentlich von andern Prälaten unterscheiden müssen, wenn er nicht toten Begeisterten vor lebenden den Vorzug gegeben, nicht Logik darin gesehen hätte, daß die Ehrwürdigen auf dem wachsenden Piedestal der Zeit balanzierten, während sie die letzten Etappen auf dem Weg zu den Sternen zurücklegten. Ein wenige Tage vor den Mahnungen Rab Chaninas ergangener Hirtenbrief bekundete nicht, daß dessen Anschauungen von Soter geteilt würden; aber er brachte unzweideutig zum Ausdruck, daß es jetzt mehr als jemals gelte, sich um die heilige allgemeine Kirche zu scharen, sich vor dem Dreieinigen zu demütigen und – dies war dick mit einem Teerpinsel unterstrichen – sich vor falschen Propheten zu hüten. Die Bischöfe und Priester und nach ihnen die Diakone und die Gemeinde lasen dies, als stünde das Eigenschaftswort »falsche« gar nicht da. Genau so, wie es vermutlich gemeint war. Prophet war ein zweideutiges Wort geworden.

Es ist peinlich, sagen zu müssen, daß gerade in Rab Chaninas Bethaus in der Sandalenmachergasse das Reptil – lang erwartet und tief gefürchtet – schließlich auftauchte. Für Rab Chanina war das um so peinlicher, weil er ohnehin, verglichen mit vielen andern Gemeinden, schon recht schwach dastand. Bei den letzten Transporten nach Sardinien war das Argiletum nicht mit einem einzigen Gemeindemitglied vertreten gewesen, und auch sonst vermochte man auf nichts den Finger zu legen, noch mathematische Resultate hervorzuheben. Es konnte ja niemand wissen, daß ein großer, gedunsen aussehender Trunkenbold, der Direktor der Curiosa war, ein klein wenig seine Hand über Rab Chanina hielt, ihn zugleich aber scharf im Auge behielt. Und hätte man das gewußt, so wäre es natürlich erst recht schlimm gewesen.

Die Sache trug sich an einem Mittwochmorgen während der Versammlung im Bethause zu. Das Bethaus war im Erdgeschoß einer gewöhnlichen Mietskaserne untergebracht, die einem der Brüder, dem Gemüsehändler Nazarius, gehörte. Von außen unterschied es sich durch nichts von den andern Häusern in der Nachbarschaft. Innen überraschte es dadurch, daß es zu einem ansprechenden, beinahe mondänen Kirchensaal ausgestaltet war. Der Fußboden und der Brunnen zum Füßewaschen waren aus Marmor. Die Tür, die zum Kirchenraum führte, war aus Bronze gegossen, und der Altar war von einem kunstfertig geschnitzten Gitter aus Zedernholz umgeben. Die Wände wurden teilweise von Gemälden belebt, die muntere kleine Kreuzungen zwischen Amorinen und Engeln darstellten. (Sie hingen zur Probe da und wurden später aus Erwägungen des Kirchengemeinderates heraus beseitigt.) Dem Lichtmangel wurde durch lange Reihen von Lampen abgeholfen – eine Beleuchtungsart, die dem Saal einen weichen Schein von Mystik verlieh. Dagegen gab der Überfluß an Armen in der Gemeinde der Luft nicht nur eine gewisse Herbheit, sondern trug auch die Schuld daran, daß die Lager von Kleidern, Schuhwerk, Öl und Weizen viel Platz einnahmen und davon nur wenig für die Stillung des geistigen Hungers übrigließen.

Was nun geschah, kann mit sehr kurzen Worten berichtet werden. Rab Chanina kam aus seiner Junggesellenwohnung in das Bethaus herüber, angetan mit einer bis auf die Füße reichenden weißen Tunika, mit Regenmantel und Filzhut. Im Vorraum, der von dem eigentlichen Saal durch einen Lattenverschlag getrennt war, stand ein wirrer Haufe von Suchenden und Bußfertigen. Dieser öffnete sich ihm und schloß sich hinter ihm, wie ein Körper, den ein spitzes Projektil passiert, und seine geschmeidige Gestalt bohrte sich weiter durch die korrekt geschiedenen vier Gruppen der Gemeinde – Jungfrauen, junge Männer, Ehefrauen und Ehemänner – hindurch am Altar vorbei. Er übergab den Regenmantel einem von den Küstern und kniete vor dem bischöflichen Stuhle nieder. Er hörte, wie der Lektor seinen kleinen Käfig im Hauptschiff betrat und den vorgeschriebenen Abschnitt aus den Schriften der Propheten vorlas; als diese Vorlesung zu Ende war, stand er auf und knüpfte einige Worte an das Gelesene. Rab Chaninas Art zu reden kann am besten als freundliches Schnarren bezeichnet werden. Er hämmerte selten auf die Sünder in der Gemeinde los – und tat es auch heute nicht. Er betonte nur, wie wenig Wert die scheinbaren Bequemlichkeiten hätten, und legte es den Leuten an das Herz, daß Speise, Kleider und ein reines Herz alles seien, was die Menschen brauchten. Das waren einfache Worte – Worte, die die Gemeinde bis aufs Tüpfelchen kannte, Worte, die strenggenommen nichts mit dem Christentum zu tun hatten; aber wo sie hinfielen, trafen sie schwer, denn sie kamen von einem Manne, der sein Leben nach ihnen eingerichtet hatte.

Während darauf ein geistliches Lied gesungen wurde, saß er in seinem Stuhl und musterte die Gemeinde. In der ersten Reihe saß einer der Neugetauften, ein sonderbarer Mann mit Namen Egrilius, der sich durch den Straßenverkauf von warmen Würstchen mit Senf ernährte. Durch eine Gedankenverbindung erschien ihm ein ehemaliger Suchender, ein Buchhändler Eros, der die Christengemeinde wieder verlassen hatte, weil er seinem Hange, laut zu fluchen und schmutzige Vergleiche zu gebrauchen, nicht widerstehen konnte. (Er hatte in eine Abteilung versetzt werden müssen, die in einer gewissen Kartothek unter der Spitzmarke B. II geführt wurde, und die der Kornverwaltung auf die Finger zu sehen hatte.) Dann war da die liebe alte Diakonisse Schwester Sara mit dem zerzausten gelbweißen Haar, die durch viel Unglück mild geworden war. Weiter war da Sulpicia, sein Schmerzenskind. Sie war vor sechs Jahren von ihrem Schlingel von Mann verlassen worden und betrachtete diesen Schlag als ein Konto im Himmel, von dem unbegrenzt abgehoben werden könnte. Da war endlich Priscilla – ja, da war unglücklicherweise Priscilla mit ihrem schwärmerischen Temperament und einem Gemüt, so schwarz wie eine Schlangenzunge.

Das Lied war lang und dünn; aber die Stimmtechnik des Vorsängers, des Diakons Primus, wirkte wie ein Prokrustesbett, das selbst die längsten und dünnsten noch auszog, bis sie noch viel länger und dünner waren. Als er sein Äußerstes getan hatte, geschah das Unerwartete. Es geschah während des gemeinschaftlichen Gebets. Rab Chanina sprach die Eingangsworte wie gewöhnlich, und die Gemeinde erhob sich und nahm teil am Gebet, wobei sie ihm den Rücken kehrte und die Arme der Tür und der aufgehenden Sonne entgegen emporhob. Die Stimmen stiegen und fielen in dem gewohnten leisen Wimmerton. Eine Orgel kann manchmal so klingen, oder das sachte Streichen von Saiten, die stramm über aufgeblasene Schweinsblasen gespannt sind. Rab Chanina ließ sich von diesem phantasierenden Präludium gerade etwas einwiegen, als sich eine Stimme von den andern losriß. Es war eine Frauenstimme, die sich gellend erhob, um bald den ganzen Raum zu füllen, da alle andern erschrocken schwiegen. Selbst die solches noch nie erlebt hatten, wußten: dies war Wahrsagung, das Schreckliche und Wunderbare. In diesem Augenblick weilte in ihrem Bethaus so unansehnlich es sein mochte, etwas Unbegreifliches und Hohes zu Gaste.

Zu Anfang ergab sich aus dem, was über die Lippen dieses Weibes strömte, für gewöhnliche Ohren kein Sinn. Es waren Worte – wenn es nicht lediglich Laute waren –, die übereinander stolperten, einander anstießen und Bock übereinander sprangen. Rab Chanina sagte sich selbst, das sei Priscilla, und es sei nicht mehr, als er erwartet hätte. Für private Rechnung sandte er ein stilles Gebet gen Himmel, es möchten nur nicht noch weitere von der gleichen Begeisterung ergriffen werden, denn – das fühlte er – eine Epidemie von dieser Art wäre mehr, als er ertragen könnte. Allmählich verlief sich der Wortvorrat des Weibes, und es trat eine Pause ein, aber nur für zwei Sekunden. Dann schnitt diese Stimme wieder mit hartem und klarem Latein durch die Stille:

»Hört nicht mich, hört Christum!

Ich bin Gott, der Allmächtige, weder Engel noch Gesandter. Ich bin der, der die Menschen in Verzückung versetzt und ihnen Herz gibt. Der Mensch ist wie eine Leier, und Ich komme als Plektrum. Ich bin der Vater, der Sohn und der Paraklet. Nach mir werden keine Propheten mehr kommen, sondern das Ende. Und dieses sage Ich euch.«

Was nun folgte, war teils eine Schilderung des Paraklet, aber noch viel mehr eine seines Gegners, des Antichrist, dessen Kommen bevorstünde. Es war eine Rede über Krieg und Zerstörung, die hereinbrechen würden, und über das Ende aller Dinge, das nahe sei. Und die Stimme triumphierte:

»Da wird der Gerechte leuchten hundertmal mehr als die Sonne; und die Geringsten unter euch werden leuchten hundertmal mehr als der Mond.«

Darum müßten alle wahren Jünger des Paraklet sich vorbereiten durch strengeres Fasten, durch Verabscheuen einer zweiten Ehe als Hurerei (Primus betrachtete seine Frau Nummer zwei von hinten und knirschte mit den Zähnen), durch Verschleiern der Jungfrauen (die Jungfrauen senkten die Augen), durch Vermeidung allen weltlichen Putzes und aller weltlichen Vergnügungen, durch Aufsuchen des Martyriums, durch unbedingte Verweigerung der Absolution an Mörder, Ehebrecher, Götzenanbeter.

Dies wurde mit wirbelnder Zungenfertigkeit und fünfmal soviel Worten vorgebracht, und dann kam die Reihe an die Kirche und deren Verderbtheit.

»Ich weiß deine Werke, denn du hast den Namen, daß du lebest, und bist tot. Daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde!«

Endlich kehrte die Prophetin zu Weissagungen über kommende Kriege zurück. Da die von Parthien heimkehrenden Legionen vor den Mauern Roms standen und die Horden der Feinde überall im Norden bellten, war das Risiko dabei übersehbar.

Zu allerletzt weissagte sie den nahen Untergang des römischen Reiches; denn: »Er kommt, der König aller Könige, der Herr aller Herren!«

Als sie schließlich bremste, wurde sie von Brüdern und Schwestern umringt, die ihr zu der Gnade Glück wünschten, die ihr widerfahren war. Während der letzten Hälfte des Ereignisses war sie von der Versammlung mit gedämpftem Weinen und einzelnen Jubelrufen begleitet worden; aber zu Rab Chaninas Beruhigung kam es nicht zu einem großen Anfall. Am befriedigtsten schien Egrilius zu sein. Er umarmte die Prophetin und küßte sie mit nachahmenswertem Fanatismus, und noch am gleichen Tag figurierte ihr Name in einem leidenschaftslosen Rapport, worin die Salzhändlerin Priscilla, Witwe des Ausrufers Aurelius Charmus, zweiundvierzig Jahr alt, für die Bordelle in jeder Hinsicht unbrauchbar, angezeigt wurde wegen Vaterlandsverrat und Verspottung des Kaisers, dessen Untergang zugunsten eines nicht näher bezeichneten »Königs aller Könige und Herren aller Herren« sie vorausgesagt habe.

Das war auch der einzige Punkt, der Rab Chanina erzürnt hatte. Über alles andere ließ sich verhandeln; aber wenn er etwas nicht wünschte, so war es das Martyrium wegen stumpfsinniger Ausfälle gegen die Regierung. Als wieder Ruhe eingetreten war, schloß er das Gebet ohne Kommentare, und nach einem neuen Gesang forderte der Küster die Suchenden und Bußfertigen auf, nun zu gehen. Jetzt wurden die Türen geschlossen, und die Mysterien konnten beginnen. Rab Chanina trat vor den Altar und rief mit lauter Stimme sein »Sursum corda!«, worauf die Gemeinde mit einem tief tönenden »Habemus Dominum!« antwortete und das Gebet begann. Es erhob sich kräftiger als sonst mit Bitten zum Herrn für »den Kaiser, daß er sich eines langen Lebens, eines sicheren Hauses, eines starken Heeres, eines treuen Senates und eines rechtschaffenen Volkes erfreuen möge, und daß sich erfülle, was der Kaiser und seine Untertanen an guten Wünschen auf dem Herzen hätten«. Diese bekannte Formel war an jenem Morgen mehr als eine Formel. Es war ein Gebet, dem Höchsten aus einem brennenden Herzen dargebracht, und es klang aus in eine Anrufung Gottes, daß er Brot und Wein segnen möge. Unter Liedergesang wanderten die Reihen, Kinder und Erwachsene, herbei, des heiligen Mysteriums teilhaftig zu werden. Das letzte Amen verhallte. Die heilige Handlung war vorbei. Erbaut begaben sich die Gemeindeglieder in den Regen hinaus.

Aber es war ein ruheloser Rab Chanina, der nachher in dem Speisesaal hinter dem Kirchenraum auf und ab ging. Bei einem Haltepunkt in seinen Erwägungen blieb er stehen, strich sich über das Kinn und bemerkte, zu Primus gewendet:

»Prophezeiungen bei Regenwetter brauchen sicherlich nicht mitzuzählen.«

Primus überlegte; denn dieser Gedanke war ihm neu. Aber das Richtige daran kam ihm zum Bewußtsein, und so vergaß er zu antworten.

 

Wenn die Fremdenführer Roms mit den Touristen zwischen Statuen, Triumphbogen, Palästen, Tempeln, Bibliotheken, Thermen und Wasserleitungen umhergezogen waren, bis die Gehirne der Ärmsten um Gnade schrien, geschah es, daß sie dieses Feuerwerk mit der beständigen Explosion des »Argiletum-Viertels« abschlossen. Aber es geschah auch, daß sie damit anfingen, und erfahrene Führer kannten eine gewisse gottverlassene Sorte, die, wenn hier angefangen wurde, zum Beispiel in der Sandalenmachergasse, überhaupt nicht weiterkam. Die Leute trieben sich dann in den Wirtshäusern und Werkstätten herum, zankten sich mit den Handelsleuten, riefen den Frauen, die man die zweifelhaften nennt, um das Gegenteil auszudrücken, Witzworte zu und beendigten den Tag damit, daß sie ihre sündigen Leiber von den »Vier Säften« zum »Phönix«, vom »Phönix« zum »Skolopender« und weiter zum »Guten Hirten« oder einer anderen Weinstube beförderten.

In dieser Gasse, mitten zwischen dem Anwesen, in dem sich das christliche Bethaus befand, und der Bildsäule des Sandalenmacher-Apollo, wohnte ein Mann, der Verecundus hieß, ein Umstand, den er keineswegs verhehlen wollte, denn jedermann konnte den Namen auf einem bunten Leinwandschild lesen, das über einer Bude mit tropischen Vögeln, Schildkröten, Chamäleonen und Schlangen prangte. Wie alle andern Buden in diesem Stadtviertel, war auch diese bei Tag in ihrer ganzen Länge nach der Straße zu offen, aber bei Nacht mit eisenbeschlagenen Holzladen verwahrt. Hinter der Bude war ein Lokal, das teils als Lager benutzt wurde, wenn sich die Tiere in zu großen Mengen ansammelten, teils als Raum für Besprechungen mit Geschäfts- und anderen Freunden des Eigentümers. Gerade gegenüber auf der andern Seite der Gasse lagen nebeneinander Priscillas kleine Salzbude und der Kiosk des Fabius, dessen Eigentümer mit dem aufmunternden Zunamen Ululu-tremulus Schreibwaren verkaufte und allgemein beliebte Heftchen mit Liebesgedichten, Polyglottausgaben von dem »Griechen in Rom« und andere Lebensnotwendigkeiten.

Hier muß daran erinnert werden, daß die römischen Gassen mehr in die Höhe als in die Breite gingen. Legte man den Kopf weit zurück, so konnte man, wenn man nicht gerade unter einem der zahllosen Auswüchse und Erker stand, vielleicht gerade noch den Abschluß des siebenten Stockwerks erkennen, das das Dach des Hauses bildete. Zum Ersatz dafür konnte man morgens, beinahe ohne seine Türschwelle zu verlassen, seinem Gegenüber den Band Properz reichen, den man sich am Abend vorher geliehen hatte. Beladene Esel und Maultiere stießen beständig zusammen; und geschah es, daß sich bei Tag ein Fuhrwerk herein verirrte, so ist nicht anzunehmen, daß der gleiche Kutscher den Versuch noch einmal machte.

So angelegte Gassen machen es möglich, die Verbindung von einer Seite zur andern mit einfachen Mitteln aufrechtzuerhalten. Als der Vogelhändler Priscilla mit noch vulkanischerem Aussehen als gewöhnlich aus der Frühpredigt hatte kommen sehen, war es darum nur die Sache einer Minute gewesen, einen alten Querulanten von Kakadu an den Ausstellungsgalgen vor dem Hause zu hängen und dadurch Fabius herbeizurufen. Ein anderes Stück Federvieh bewegte Priscilla dazu, sich der Gesellschaft anzuschließen, und in dem hinteren Lokal der Menagerie wurden in aller Gemächlichkeit die Ereignisse des Morgens rekonstruiert. Als der Bericht der Prophetin über die Ufer zu treten drohte, versah ihn Fabius mit einigen Drainröhren von kleinen fragenden Bemerkungen, und so wurde endlich ein gut entwässertes handliches Saatbeet daraus. Verecundus fragte zuerst:

»Du darfst es mir nicht übelnehmen, Priscilla; aber – Hand aufs Herz – sind eure Weissagungen nicht ein wenig allgemein gehalten?«

Priscilla war erstaunt über diese Frage. »Krieg, Not, Elend – Christi Wiederkunft und das Kommen des Antichrist. Ich sollte meinen, das ist doch genau genug.«

Mit großer Freundlichkeit, um sie nicht ärgerlich zu machen, bemerkte Fabius: »In Krieg, Not und Elend stecken wir ja bis über die Ohren; aber – äh – wenn man etwas über das Kommen des Weltenschöpfers wüßte – also nicht das des Christus, sondern des andern ... Ich meine, einige Einzelheiten können niemals schaden.«

Verecundus meinte auch, einige Einzelheiten könnten sehr angenehm sein.

Priscillas untere Gesichtshälfte lächelte gleichsam irgendeinem zu, der hinter Fabius stand. Die beiden Männer wechselten besorgte Blicke, und Verecundus machte noch einen Versuch.

»Wann etwa, denkst du dir, daß sich der Antichrist, wie du ihn nennst, nun zeigen wird?« fragte er.

»Morgen bei Tagesanbruch!« erwiderte Priscilla mit demselben unbewegten Lächeln.

Ihre Zuhörer fuhren zusammen. Wie auf Verabredung beugten sich beide zu der Sibylle hinüber, und Verecundus fragte mit heiserer Stimme: »Wo wird er kommen?«

»Zieht hinaus zu den zwei Grabhügeln zwischen dem fünften und sechsten Meilenstein an der Appischen Straße. – Dort wird er kommen.«

Dem Verecundus lief es unbehaglich den Rücken hinunter, und die Kopfhaut des Fabius zog sich auf dem Wirbel seines Scheitels zusammen. Er fragte flüsternd: »Woran sollen wir ihn erkennen?«

Priscillas ständiges Lächeln entfaltete sich zu der Nachahmung eines Lachens. »Ihn erkennen? O Fabius, du großer Dummkopf, du armer Esel! ...« Ihr Lachen faltete sich wieder zusammen wie ein Fächer, der seinen Dienst getan hat. »Woran erkennst du denn einen Drachen, wenn du einen siehst?«

Es wurde nicht aufgeklärt, wie sich der Angeredete in dem betreffenden Fall verhalten hätte, denn der Lehrling des Vogelhändlers steckte seinen Kopf zur Tür herein und rief: »Kunden in der Salzbude!«

Priscilla stand rasch auf und wollte gehen; aber Verecundus hielt sie am Ärmel fest und fragte: »Aber warum hast du das nicht im Bethaus gesagt?«

»Weil ich Rab Chaninas Blicke auf mich gerichtet sah. Er ist ein Tropf von einem Priester, und ich gebe keinen Schwanz von einem ärmlichen Tiberfisch für all sein Geschwätz. Aber er hat etwas an sich, das macht, daß man ... ja, daß man sich gewissermaßen scheut!«

Und damit verließ sie das Zimmer und huschte hinüber, die wartenden Kunden abzufertigen.

»Was soll man da sagen?« fragte Fabius vorsichtig.

»Sowohl ja als auch nein«, erwiderte Verecundus noch vorsichtiger.

»Aber mehr nein, nicht wahr?« wagte Fabius zu sagen.

Verecundus wollte nicht hinter ihm zurückstehen. »Das ist klar. Ich bin überzeugt, sie hat das nur erfunden, um sich interessant zu machen.«

Fabius führte einen Gegenstoß. »Verrückt ist sie doch nicht.«

Und Verecundus parierte: »Nein – verrückt nicht! Da gäbe es viele, die verrückter sind.«

»Wollen wir da hinausgehen?« fragte Fabius mit raschem Entschluß.

»Wir können ja Mundvorrat mitnehmen«, deckte sich Verecundus.

Und dabei blieb es. Keiner von beiden dachte in diesem Augenblick daran, daß eben jetzt ein Heer von heimkehrenden Legionen auf Rom zumarschierte, daß diese nur noch einen guten Tagesmarsch von Rom entfernt waren, und daß sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang ihr Lager jenseits der beiden Hügel haben würden. Aber selbst wenn sie daran gedacht hätten – sie konnten doch nicht wissen, daß die Legionen einen Gast mitbrachten, der das Reich viel schlimmer erschüttern sollte als Gerüchte über Hunderte von Weltschöpfern.

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