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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 6
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Fünftes Kapitel

Das Geheimnis war in der Sandalenmachergasse kein Geheimnis mehr: Pedanius, der Kassenwart im Fachverein der Leichenträger, hatte sich aus dem Staub gemacht. Zu Anfang hieß es, er sei ganz einfach durchgebrannt, und zwar aus Gründen des Ehestandes. In dieser Theorie lag nichts Unnatürliches für den, der Sulpicia kannte, die Frau, mit der er mehr als zwanzig Jahre lang Gutes und Böses geteilt hatte. Sulpicia war eine wilde und grausame Natur, und sie schien dem Ziele zuzustreben, sich selbst als ein solid verkupfertes Denkmal aller Treue in der Welt aufzustellen. Ein Haß, der nicht von fremden Elementen verunreinigt zu sein schien, hatte ihr vorgeschrieben, jeden seiner Schritte zu überwachen, und hatte sie selbst an ihn gefesselt mit einer Stärke, die aufzulösen man weder menschliche noch dämonische Kräfte für fähig halten konnte. Als er im verflossenen Jahre nahe daran gewesen war, an Bleivergiftung zu sterben, hatte sie ihn beinah buchstäblich ins Leben zurückgeschleppt. Sie hatte sich um ihn bemüht und ihn zwangsweise mit einer perversen Hingabe gefüttert, die alles in den Schatten stellte, was die Sandalenmachergasse je an unglaublicher Liebe und selbstloser Aufopferung gesehen hatte. Damit er bald nach ihren Flitterwochen – so lange war es her, ungefähr zwanzig Jahre schon – zum Legionsschuhmacher ernannt würde, hatte sie mystische Kräfte in Bewegung gesetzt, hatte Geld herbeigeschafft – Unsummen von Geld – und die Sache auf diese Weise zustande gebracht. Und das ausschließlich, um ihn für sich zu haben, ihn im Auge zu behalten, ihn als krummen Hund zu behandeln und ihm das Leben sauer machen zu können. Und nun war er verschwunden.

Eine neue Theorie über das Verschwinden des Pedanius blühte auf. Erst nach Verlauf von drei bis vier Tagen erinnerte man sich seines Vertrauenspostens bei den Leichenträgern. Jetzt hieß es also, er habe sich einen Unterschleif von zweihundert Denaren zuschulden kommen lassen. Am Tag darauf stieg der Betrag auf fünfhundert – später auf Tausende. Als der Vorsteher Caecilius aus der Darmschabergasse mit zwei Ausschußmitgliedern ankam, schwirrte das ganze Stadtviertel von katastrophalen Zahlen, und während man zuerst nachsichtig geflüstert hatte, das Manko sei der bekannten Leidenschaft des Pedanius für die Rattenwettrennen zuzuschreiben, sagte man ihm bald darauf schlankweg die Ausschweifungen der Oberklasse nach. Es wurde mit glatten Worten behauptet, er habe sich schon vor Jahr und Tag von einem bankerotten Schinkenhändler ein Mädchen gekauft und dieses irgendwo in der vierten Region untergebracht. Caecilius und seine Kameraden kauten ein wenig an dieser Erklärung und ließen einen Revisor kommen. Dieser hatte unterwegs von nicht weniger als zwei solchen Mädchen erfahren, von denen die eine übrigens ein Hermaphrodit sein sollte, was ihm jedoch nebensächlich erschien. Er erwies sich als ein praktischer Mann von unverwüstlichem Humor. Während zweier Tage gelang es ihm nicht allein, mehr Wein zu trinken als Pedanius in zwanzig Jahren, sondern auch seine Versuche, die verzweifelte Sulpicia aufzuheitern, glückten über jede Erwartung. Daneben wurde er auch mit der Rechnungsprüfung fertig, was ihm durch die zierliche und reinliche Art, wie die Bücher geführt waren, erleichtert wurde. Kein einziger Beleg fehlte – ein Lob, das sich aber bedauerlicherweise nicht auf eine Summe von 3157 Denaren erstrecken ließ. Das Fehlen dieses Betrags war von Pedanius dadurch klargelegt worden, daß er in eine Kuchenbüchse einen Zettel gelegt hatte, worauf stand: »Ich, Pedanius, erkenne mich dem Fachverein der Leichenträger und der Begräbniskasse gegenüber als Schuldner für die Summe von 3157 Denaren.« Dies wurde bei einem der Imbisse offenbar, die durch die wachsende Herzlichkeit zwischen dem Revisor und der neugebackenen Witwe herbeigeführt wurden.

Daß sich der Ausschuß nicht an die Behörden wendete, mag seinen Grund in dem bedauerlich geringen Ansehen haben, in dem die Profession der Leichenträger stand. Es wurde darum wohl für nutzlos angesehen. Statt dessen wendete man sich – stark angespornt durch den Rachedurst Sulpicias – an ein Detektivbüro, das auch umgehend einen Mann schickte, der sich als »Istacidius« vorstellte. Durch seine Sprache verriet er seine Abstammung aus nördlichen Breiten. Dies war ein Dialekt, dessen Schönheit nicht an der Oberfläche plätscherte, und der nicht reizvoller geworden war durch die Schicht, die sich während des Aufenthaltes in einer ägyptischen Detektivschule unweit des Isistempels in der dritten Region darauf abgelagert hatte. Es klang, als sei der Mann nicht imstande, sich zu entschließen, ob er die Worte im Mund behalten oder ausspucken sollte – oder als hätte er glühendheiße Kastanien auf der Zunge. Neben dem nobeln und herzgewinnenden Revisor war er eine ziemlich niederschmetternde Erscheinung, und es ist verständlich, daß die Antworten Sulpicias auf seine sehr eingehenden Fragen ziemlich kurz und kühl ausfielen.

»Ich wiederhole!« sprudelte Istacidius: »Also, der Mann, der immer flickte, nachdem er sich als Leichenträger ernährt hatte, ging zum Lederhändler Ursus in der Riemenschneidergasse, um Bauchleder zu holen; nicht wahr?«

»Kernleder, nicht Bauchleder, Pedanius hat nichts anderes als Kernleder benutzt. Gewissenhaft – das war er. Was das Berufliche betrifft.«

»Na, dann schreibe ich also Kern, obgleich du vorhin Bauch gesagt hast. Nun ist aber nachgewiesen, daß er nicht bei Ursus war. Bei seiner Entfernung trug er einen braunen Mantel, eine Tunika von derselben Farbe und schwere, frischgeflickte Stiefel. Sag mir: diese Geschichte von den Mädchen, die er drüben in der vierten Region ausgehalten haben soll – an die glauben wir doch wohl nicht?«

Sulpicias Gesicht nahm bei dieser plötzlichen Frage eine leicht grünliche Farbe an, und sie erwiderte scharf: »Solche Dinge zu erforschen, ist deine Sache. Von einem Mann, der eine treue Ehefrau verlassen und den Fachverein der Leichenträger betrügen kann, darf man alles erwarten.«

Der Detektiv ging auf den Zorn der Frau nicht ein, sondern fuhr unbekümmert fort: »Ich habe gesagt: an die glauben wir doch wohl nicht? Du weißt doch, wie oft er außer Hause war, und wie es um seine Stimmung stand ... Eine Frau merkt es ihrem Mann doch an, ob er ein Zauberkunststück vorhat, was?«

Sulpicia ließ sich nicht herab, auf diesen frivolen Ton zu antworten, und dies kam dem Detektiv durchaus gelegen. Er fuhr fort: »Gut! An Hausrat hat er einen Käfig mit einem zahmen Raben mitgenommen. Das ist sehr wichtig. Ich möchte auch gern wissen, was der Vogel sprechen konnte.«

Diesmal wurde Sulpicia rot, während sie antwortete: »Am häufigsten sagte er: ›Es lebe der Kaiser!‹«

»Hm – und noch?«

»Zuweilen auch: ›Du faules Schwein!‹«

»Sonst nichts?«

»Doch, es kam vor, daß er auch sagte: ›Frißt du schon wieder?‹«

»Mit andern Worten«, faßte der Detektiv zusammen: »Er pflegte zu sagen: ›Frißt du schon wieder, faules Schwein!‹«

»Ja, das kam vor!«

»Ja, das kam vor. Hie und da. Und nicht so selten – was?«

»N–ein!« gab sie zu.

»Gut! Das ist wichtig. Er hatte das Tier gern – so gern, daß er es mit sich schleppte. Es ist kaum ein Grund da, anzunehmen, daß er es umgebracht oder sich auf andere Art davon getrennt hat. Hatte er irgendwelche besondere Interessen?«

»Keine außer den Ratten; ja, er hatte eine Schwäche für alten Käse, aber das ist wohl unwesentlich?«

»Nichts ist unwesentlich. Alten Käse – schreiben wir. Was war das mit den Ratten?«

»Er ging sehr gern zu Rattenwettrennen. Selbstverständlich hat er auch gewettet, obgleich ich es ihm immer verbot.«

»Du hast ihm wohl viel verboten – nicht?«

»Das ist wohl zur Aufklärung darüber, wo er ist, gleichgültig!«

»Also: du hattest das Verbieten an dir. Gab es einzelne Rattenrennbahnen, die du ihm besonders verboten hast?«

Sulpicia überlegte einen Augenblick, ehe sie antwortete: »Im Hof des Puffbohnenhändlers dort an der Ecke ist eine Bahn, für die er eine Vorliebe hatte. Und Gaius, ein Mann, der Federkasten genannt wird, hat zuweilen einen Wettlauf in der Walkergasse veranstaltet ...«

»Gibt es nicht noch mehr Orte, die du als gefährlich für die Gesundheit deines Mannes angesehen hast?«

»Vielleicht auch die Bahn drüben im Barbiergäßchen ... Da laufen sie nach Würstchen, die Ratten.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sag mir auch noch: An dem Tag, wo er sich empfahl, habt ihr da irgendeinen Zusammenstoß gehabt?«

»Das hat doch mit der Sache nichts zu tun!«

»Meinst du? Doch, das darfst du mir glauben. Wenn er sich nun in der Verzweiflung umgebracht hat und ... Wie hieß der Rabe?«

»Gurke!«

»Sich und Gurke – was dann? Ihr habt also ein Scharmützel gehabt. Weswegen?«

»Er kam mit einer Ente heim.«

»Darüber braucht man doch nicht böse zu werden? Ich habe mich während der letzten vier Jahre vergebens nach einem Bissen Entenbraten gesehnt. Worüber bist du denn zornig geworden?«

»Seine Stiefel waren entsetzlich schmutzig ... Und dann ...«

»Dann hast du die Ente am Hals gepackt und hast sie ihm um den Kopf geschlagen. Woher ich das weiß? Ja, ich bin auch einmal verheiratet gewesen. Ente ist gut. Kurz darauf ging er zu Ursus hinüber, das Leder zu holen. Das ist großartig. Sag mir ... es ist wohl nicht ... wir wollen sagen, noch ein Flügelchen von der Ente übrig? Ich fühle mich ein wenig flau. Oder ein bißchen Entenklein? Auf Entenklein bin ich versessen.«

»Leider nein. Der Revisor, der die Bücher durchsah, stand ja hier in Kost. Er hatte keine Zeit, zum Essen heimzugehen.«

Der Gesichtsausdruck des Detektivs wurde kühl und geschäftsmäßig. Bevor er Abschied nahm und sich auf die Jagd nach Pedanius begab, bemerkte er:

»Ja, das ist gut. Wenn wir ihn nicht herbeischaffen – tot oder lebendig –, so gibt es kein Büro in Rom, das es kann. Nicht einmal die leibhaftige Curiosa. Ich werde nächste Woche wieder vorsprechen.«

Diesen Tag benutzte Istacidius dazu, bei allen Wachen an sämtlichen siebenunddreißig Toren der Stadt Nachfrage zu halten. Damit meinte er, sich versichert zu haben, daß kein Mann mit den Eigentümlichkeiten des Pedanius auf normale Weise an ihnen vorbeigekommen sei – weder mit noch ohne Raben. Das war auch richtig. Aber der Flußwächter, der in der Gegend der Probusbrücke in der Aventinerregion patrouillierte, hätte auf das Tüpfelchen genau einen Mann des gewünschten Signalements beschreiben können, der um die siebente Stunde des ersten Werktags nach den Saturnalien an Bord eines der Milchboote gegangen war. Er hatte einen Vogelkäfig mit einem zahmen Raben bei sich, und auf dem Rücken hatte er, nach der später abgegebenen Beschreibung der Bootsmannschaft, einen winzigen Säugling, von dem er ein großes Wesen machte. Unglücklicherweise war es Istacidius entfallen, daß es etwas gab, was Tiber genannt wurde.

Aber er hätte auch im Gasthof zum »Weißen Walfisch« Auskunft bekommen können, der die Einkehr für einen Teil der Mannschaft von den Booten war, die täglich am Bollwerk dicht daneben anlegten, um Eier, Milch, Rüben, Kohl und andere Naturalien zu löschen. Pedanius war dort kurz vor der vierten Stunde erschienen, um welche Zeit die Bauern ihre Nase heimwärts zu richten pflegten, nachdem sie ihre Erzeugnisse an die Molkereien oder die Märkte verkauft hatten. Bescheiden, wie er war, hatte er sich in eine warme Ecke gesetzt und einen Teller gekochte Schnecken und einen Becher Wein bestellt. Wahrscheinlich hätte ihm niemand Aufmerksamkeit geschenkt, wenn er nicht nach einiger Zeit eine unregelmäßige Skala von eigenartigen Lauten hätte hören lassen. Es klang beinah, wie wenn er mit dem Rücken miaute. Mehrere Gäste schauten unter den Tisch nach der Katze, und da sich keine fand, aber das Miauen sich mit kleinen Pausen dazwischen fortsetzte, bildete sich die Meinung, die Katze könnte irgendwo in eine Klemme geraten sein – einen Mauerhohlraum oder so etwas. Als sich die Frage zum unlösbaren Knoten geschürzt hatte, wurde dieser von Jon mit einem Geschrei durchhauen – dem Menschlichsten, was er bis jetzt von sich gegeben hatte. Durch diesen Umstand gezwungen, hatte dann Pedanius den Wirt um eine Unterredung gebeten, und in der Küche war Jon zur großen Freude von Sabina und einem schwerhörigen Küchenmädchen ausgepackt worden. Nachdem Jon ausgebrüllt hatte und ihm mit Hilfe eines improvisierten ölgetränkten linnenen Lutschbeutels warme Milch eingeflößt worden war, hielt Pedanius eine begeisterte Lobrede auf ihn, wobei namentlich betont wurde, was alles auszurichten er bestimmt sei; nebenbei war ja auch gar kein Grund vorhanden, es zu verhehlen, daß dies Kind bereits einen Jungen, doppelt so groß als es selbst, von dem Ertrinken im Tiber gerettet hatte. Das wurde ungläubig belächelt; Pedanius aber panzerte seine Behauptung mit drei oder vier schweren Eiden, und da beugte man in Verwunderung sein Haupt. Pedanius wollte eben noch sagen, daß das Kind seiner Mutter das Leben gekostet habe; aber er gab es auf aus Furcht, das könnte Jon in Mißkredit bringen.

Es dauerte lange, bis sich die richtige Bootsmannschaft einfand; aber gegen die sechste Stunde saß Pedanius mitten in einem Haufen von leeren Milchbehältern, und die Mannschaft stieß ab und tauchte die Ruder ein. Und nun ging es unter allen Brücken Roms hindurch und über die Krümmungen des Tiber hin – an der Stadtmauer auf der Höhe des Flaminischen Tores vorbei, hinaus – hinaus, dorthin, wo die Stadt dünner wurde, und hinaus, dorthin, wo keine Stadt mehr war.

Eine kleine, dicke Bauernfrau war mit im Boot. Sie trug mehrere Schichten von Gewandung übereinander und hatte sich um die Beine wollene Binden gewickelt, was den Eindruck noch verstärkte, man hätte es in ihr mit einer großen gestrickten Puppe zu tun. Es war eine muntere Frau mit schelmischen Augen und einer scharfen Zunge, die sie benützte, eine Reihe willkommener Erlebnisse durchzuhecheln. Unter anderem beanstandete sie die Verhältnisse auf dem Gemüsemarkt, wo es anscheinend nur eine gar zu freche und gar zu saumselige Art von Polizei zu geben schien. Betrüblicher noch waren indes die Verhältnisse auf dem Lande, wo ihr Mann ein kleines Pachtgut bewirtschaftete. Sie hatten sich nicht nur ohne Betriebskapital verheiratet, sondern ohne überhaupt etwas anderes zu besitzen als ein Geschöpf, das sie Klein-Lollius nannte, und das sich im Lauf der Unterredung als der Erbe ihrer Armut herausstellte. Sie nahm aber an, daß sich die Sache mit Hilfe der Ceres schon zurechtziehen werde, obschon die Abgaben verflucht hoch waren und die Maul- und Klauenseuche ihnen zwei Zugochsen geraubt hatte. Das Schlimmste im Augenblick aber war, daß der Aufenthalt in Rom länger gedauert hatte, als vorgesehen war; und dies bewirkte, daß die Milch, die sich automatisch in ihren Brüsten als Nahrung für einen kürzlich angekommenen Klein-Lollius (Sprößling Nummer drei) ansammelte, sie zu quälen anfing.

»Da kann ich dir vielleicht helfen!« warf Pedanius aus seinem Haufen von Milchbehältern heraus vorsichtig ein. Ihm waren die kleinen vier Pfund eingefallen, die ihm auf dem Rücken hingen. Sofort fing er an, den Saturnalienjungen aus seiner Verpackung zu wickeln, und im nächsten Augenblick blinzelten zwei schwarze Augen in die scharfe Winterluft, während sich zwei Händchen krampfhaft ballten.

»Heilige Mutter!« rief die Bauernfrau, nach Luft schnappend. »Bist du ein Zauberer? Hast du dies kleine Ungeheuer gemacht, um mir in meiner Not zu helfen?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie Jon an eine Brust, die von Nahrung und Wärme überquoll. Während dies vor sich ging, erzählte Pedanius der ungläubigen Schar einige der vorläufig wichtigsten Ereignisse aus Jons Leben. Insbesondere verweilte er bei einem germanischen Sklavenjungen, der doppelt so groß war als Jon, den dieser aber nichtsdestoweniger vor einem elenden Untergang im Tiber gerettet habe. Über Jons Herkunft ließ er durchschimmern, daß sie auf König Numa zurückgeführt werden könnte. Und die Bauern horchten mit offenem Munde und waren allmählich geneigt, an allen einfachen Dingen, ja, an ihren eigenen Sinnen zu zweifeln, wenn sie nur dafür eine richtig phantastische Erzählung mit heimnehmen könnten.

Um die Zeit, wo die Sonne im Untergehen die unübersehbaren Marmorpaläste Roms vergoldete, wanderte ein schmächtiger Mann, auf seinen großen Stab gestützt, eines Weges, der vom Tiber kam und ihn nun nach Osten höher und höher hinaufführte. Er wendete sich langsam um und erblickte nun in der Ferne die Zinnen und Türme der Millionenstadt mit ihren Blöcken aus Marmor, Basalt und Backstein, mit ihrem leuchtenden Umriß und ihrem graubraunen Gürtel aus großen Parken. Er ahnte mehr, als er sie sah, die vielen Landstraßen mit ihren abwechslungsreichen Rändern von Gräbern im Schatten von Pinien und Zypressen, und er erzählte sich selbst, daß er dort irgendwo einen toten Mann zurückgelassen habe, einen gewissen Schuhmacher Pedanius, mit dem es nicht weit her gewesen sei, und der nie etwas Rechtes geleistet habe.

Nun wendete er dem, was tot war, den Rücken und starrte der schwarzen Masse der Albaner Berge entgegen, deren sanfte Linien sich dreitausend Fuß hoch erheben. Nach Süden und Westen schweiften sie über Niederungen und Lagunen hin und trafen im Norden auf eine rollende, taumelnde und gefurchte Landschaft, die immer höher und wilder wurde, bis sie den fernen Kraterkegel von Bracciano und die Höhe von Rocca Romana erreichte und dann mit der Linie des Horizontes in eines verfloß. Diese majestätische Landschaft hinauf trug er sein Königskind, während sich die Nacht schon merklich näherte.

Und während ihm die Nacht entgegenzukommen schien – wie ein guter Freund, ihm den Weg zu verkürzen, dachte er über den Unterschied nach, der zwischen Nächten herrschen kann. Nicht allein in dem alltäglichen Sinn, daß es dunkle und helle und nasse und warme und kalte Nächte gibt – sowie Nächte mit tausend andern handgreiflichen Eigenschaften. Aber der kleine Mystiker fand es über jeden Zweifel erhaben, daß es böse und gute Nächte gebe. Und daß die Erklärung dafür nicht darin zu suchen sei, daß das Ganze auf einem Selbstbetrug, einer Verwechslung beruhe, daß vielmehr die Nächte von der eigenen inwendigen Stimmung – Friede oder Unruhe – gefärbt würden. Er wußte von solchen, deren Weinen jeden Menschen quälte, der Eindrücke mit etwas anderem als mit den gröbsten Sinnen aufzunehmen fähig war – und von anderen, deren Lächeln sich gleich fruchtbaren Weinstöcken in die Ruinen der Herzen pflanzte.

Und diese Nacht nun fühlte er als gut. Nicht weil sie mild war und die Dunkelheit weich und das Rieseln des beginnenden Regens ruhig wie das Singen einer alten Frau am Spinnrocken. Sie war gut in ihrem innersten Wesen und spann wie eine Katze, die einen Abstecher in die Scheune gemacht hat und wieder hinauf zu ihren jungen Kätzchen gesprungen ist. Sein Herz sang dieser Nacht einen Lobgesang.

Jetzt blieb er einen Augenblick stehen, sich klarzumachen, ob das, was er ahnte, richtig sei; aber ja, es mußte richtig sein – es war richtig: Jon war schamlos genug, ihm sein Wasser den Rücken hinunterlaufen zu lassen.

Niemals vorher hatte irgendein lebendes Geschöpf das getan, und noch niemals hatte er sich so glücklich gefühlt. Die Tränen rannen ihm die Wangen hinab und vermischten sich mit dem Regen. Das war wie ein Pakt zwischen ihnen. Ein Ritterschlag.

Pedanius richtete sich hoch auf.

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