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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 4
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Drittes Kapitel

Ruth war schön wie die reife Frucht des Feigenbaums, bevor sie aufbricht. Die heiligen neun Monate gingen zu Ende, und die Saturnalien – das altlateinische Saatfest, unserem heutigen Weihnachtsfest entsprechend – standen vor der Tür. Überall bereiteten sich die Menschen vor, wieder die Sonne zu feiern, die große Lebensspenderin, dem Triebe folgend, der sich in der Erde geregt haben muß, als die noch grün am Baum des Lebens hing. Die Gelegenheitsdichter versuchten noch einmal, die alten Dinge auf neue Weise auszudrücken, und die professionellen versuchten, die Welt durch ganze Neuigkeiten zu erschüttern. Nur die allererschütterndsten – die in besonders hohem Grad »die Zukunft gepachtet« hatten und allwissend von dem »Neuen« sprachen, das kommen werde – sie schrieben nicht. Sie beschränkten sich darauf, die Zeit in den vier bis fünf Künstlerkneipen totzuschlagen, die von Geist, Feuchtigkeit und Armut troffen und häufig genug Eßzimmer, Schlafzimmer und Arbeitsraum zugleich für sie darstellten.

In den Werkstätten, wo Statuetten aus Ton, Marmor, Bronze oder aus edeln Metallen angefertigt wurden, gönnte man sich kaum die Zeit zum Schlafen, und die Ladendiener in den Geschäften der Subura – der City von Rom – und der angrenzenden Viertel waren zum Umfallen müde. Vom Land herein kamen endlose Züge von Vieh für die Opfer und die Festgelage. Auf Prahmen, so lang, daß sie sich mit Müh und Not durch die Krümmungen des Tiber drängen konnten, und die durch ihre überhohe Last ständig Kollisionen mit den Brückenbogen ausgesetzt waren, wurden Kohlen und Brennholz in großen Mengen herbeigefahren, und als die letzten Boote für das Fest aus Ägypten ankamen, war die Stadt zwei Tage lang in einen einzigen Gärtnerladen verwandelt. Die Heilige Straße duftete wie ein Riesenflakon voll betäubender Essenzen, und wenn man keine Rosenkränze auf den Grabmalen längs der Straße sah, so war das nur, weil die Kränze aus Veilchen bestanden.

Ovid hat den Herbst besungen, Vergil sich des Lenzes angenommen, Marcellus aber versuchte es eines Morgens, Lieder zum Preise der römischen Festzeit zu dichten, als Ruth ins Zimmer glitt und sich zu ihm setzte – sehr schön und ein wenig außer Atem, weil sie sich selbst und den kleinen Jungen zu tragen hatte. (Sie waren dahin übereingekommen, daß es ein Junge würde, und daß er Jon heißen solle.) Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er strich ihr zärtlich über das Haar. Im Laufe der Zeit waren sie einander auf eine Weise nähergekommen, die sie früher nicht gekannt hatten. Es war, als läutere ihr gemeinsames Geheimnis ihr Begehren und ihre Eigenliebe, und es geschah öfters, daß sie so beisammen saßen – schweigend und erfüllt von dem Merkwürdigen: am Ende angelangt zu sein und sich das nicht anders zu wünschen. Es lag Ruhe in ihrem Bewußtsein, getan zu haben, wozu sie bestimmt waren.

Aber ihre Ruhe ging in der zunehmenden Angst um das Schicksal des Kindes unter, und je näher die Zeit heranrückte, desto schwerer lastete, wenn sie beisammen waren, das Schweigen auf ihren Gedanken. Von der Großmutter war keine Hilfe zu erwarten. Schon lange war sie allem, was auf diese Frage hinzielte, ausgewichen, und als Marcellus die Frage einmal ohne Umschweif aufs Tapet brachte, sagte sie geradeheraus, er sei in einem Alter, wo man seine Angelegenheiten selbst in Ordnung bringen müßte. Und sie fügte in ihrer liebenswürdigen Art hinzu, sie hätte es längst bereut, daß an jenem Abend die Sentimentalität mit ihr durchgegangen sei; aber der Hund Orbilius hätte sie überrumpelt. Über diesen bemerkte sie im gleichen Zusammenhang, daß er nicht nur ein Esel sei, sondern ein undankbarer Esel noch dazu. In den verflossenen Monaten hatte er ihr genau einen einzigen Besuch gemacht – und zwar an einem Abend, wo sie im Spielklub war. Sie schloß mit einer sehr derben und niederdrückenden Prophezeiung über die Welt, die – wie es schiene – vorzugsweise mit Schurken und Idioten bevölkert sei, und für die sie jedenfalls immer weniger Hoffnung hege. Auf ihre Aufforderung stimmte Euphemus diesem Zeugnis bei.

Marcellus lehnte seine Wange an Ruths Haar. Sie ergriff seine Hand und sagte:

»Dein Vater war gestern bei Mutter Sara, und sie hatten eine lange Unterredung. Er fragte sie im Vertrauen und sehr freundlich, ob sie bereit sei, die christlichen Mysterien zu verlassen oder wenigstens vor des Kaisers Bildnis zu räuchern.«

»Das müßte sie tun«, sagte Marcellus mit Überzeugung.

»Aber sie tut es nicht«, erwiderte Ruth. »In den letzten Jahren ist sie etwas weinerlich geworden, aber unglaublich halsstarrig. Sie lehnte es ab, und Papirius nahm das sehr gelassen hin. Er sagte nur, das sei schade, denn er habe zufällig gehört, die Curiosa habe den Auftrag erhalten, die Galiläer nicht aus den Augen zu lassen. Der Kaiser liebe sie keineswegs. Er fügte hinzu, er könne aus verschiedenen Gründen die Landesgesetze auf die Dauer nicht dadurch übertreten, daß er seine Hand über die Gottlosen halte. Zuletzt bot er uns die Freiheit an. Mich kniff er in die Wange und nannte mich ›kleine Frau‹. Zuweilen kann er ganz nett sein.«

»Das ist die Feststimmung – oder er hat einen Schurkenstreich vor. Hat er nichts wegen Jon gesagt?«

Ruth führte ihr Halstuch an die Augen und wischte sich eine Träne weg. »Er sagte, er hätte Jon an den Direktor der Wasserleitungen verkauft, und er würde ihn sobald als möglich abliefern, denn dieser habe ein Amt in Ägypten bekommen und reise, wenn sich das Wetter hielte, in kurzer Zeit dorthin.«

»Als Chef eines der Korndepartements«, bemerkte Marcellus und blickte nachdenklich vor sich hin. Er hatte über die Dinge nachgesonnen, bis sein Hirn außerstande war, weiterzudenken, aber auch außerstande, damit aufzuhören. Aber das Schlußergebnis war jedesmal, daß es der einzige sichere Rat sei, Jon durch einen zuverlässigen Menschen eine Zeitlang aus dem Weg schaffen zu lassen. Marcellus gehörte zu den Menschen, die da meinen: Zeit gewonnen, alles gewonnen.

»Du darfst nicht böse werden«, sagte Ruth plötzlich. »Aber zuweilen kommt mir das Gefühl, daß du Jon nicht so lieb hast, wie du solltest. Wenn wir von Jon reden, siehst du oft aus, als ob du an etwas anderes dächtest.«

Dies war ein vollkommen ungerechtfertigter Verdacht; aber als Marcellus in ihr blasses, eifriges Gesicht mit den empfindsamen Zügen und den merkwürdig ausdrucksvollen Augen schaute, die blank von Tränen waren, fühlte er keine Spur von Zorn. Eine Woge des Mitgefühls und der Zärtlichkeit ging über ihn hin; er nahm ihr Gesicht zwischen seine beiden Hände und sagte:

»Die einzige Zeit, wo ich nicht an Jon denke, ist, wenn ich von dir träume.«

Sie fragte: »Willst du mir geloben, unseren kleinen Jungen niemals zu verlassen? Und wenn es ihm schlecht geht – willst du dann alles tun, was du vermagst, ihm zu helfen?«

Er nickte zur Antwort ernsthaft.

»Alles!« wiederholte sie, und er antwortete geduldig: »Ich will mein Leben lassen, wenn ihm das helfen kann.«

Sie sagte wie im Traum: »Es muß leicht sein, das Leben für sein Kind zu lassen.«

Am nächsten Morgen kam sie wieder zu Marcellus. Er hatte sechs Wochen Festferien, weil die Schiffe um diese Jahreszeit aufgelegt wurden, und so blieb den beiden reichlich Zeit füreinander. Sie brachte eine Handvoll Veilchen mit, die sie in einer flachen Porphyrschale schwimmen ließ. Dann wurden sie in einem Glas an die Wand der Bäckerei gestellt, und sie erfüllten beinahe sofort die Luft des Zimmers mit ihrem Zauberduft. Ruths Gesicht erstrahlte von einem Glück, das beinahe an Fröhlichkeit erinnerte. Die Bewegungen ihrer Hände, die Art, wie sich ihre Haare kräuselten, die bei ihr seltene Wangenröte schlössen sich mit dem Wohllaut ihrer Stimme zu einer Fessel zusammen, die sich unzerreißbar um ihn legte. Als sie sich setzte, kniete er nieder und barg sein Gesicht in ihrem Schoß. Sie lachte leise und sagte: »Jon ist unartig gewesen.«

»Jetzt schon?« fragte Marcellus, und es klang eine Note von Bekümmernis und väterlichem Verantwortungsgefühl mit. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich will morgen dem Mithras ein Opfer bringen: daß Jon heranwachse als ein Merkzeichen für alle, die die Wahrheit ehren.«

Ruth saß nachdenklich da und sagte dann: »Und ich will in den großen Isistempel gehen und die Heilige Mutter anflehen, ihn zu behüten, daß ihn nichts Böses treffe, und daß er klare Augen bekomme.« Später fügte sie schelmisch hinzu: »Und Mutter Sara betet jeden Tag zu Christus, daß er die Armen lieben und den Reichtum verachten lernen möge.«

Da Marcellus seine Stellung allmählich unbequem fand, stand er auf und sagte spöttisch: »Und die Großmutter hat gestern ihr Festgewand angezogen und einer Venus geopfert, die sie sich aus dem kapitolinischen Tempel holen ließ. Das erzählte sie mir heute früh. Sie sagte, sie sehe mit Mißtrauen der Ankunft eines Jungen entgegen, der doch mir nachschlagen müsse. Immerhin halte sie es für ihre Pflicht – einerlei, was aus ihm werde – darum zu beten, daß sein Lebensweg mit gebrochenen Mädchenherzen gepflastert sein möge.«

»Armer kleiner Jon!« seufzte Ruth. »Er kriegt es wirklich nicht leicht.«

Sie lachten beide, und die Luft erschien golden von ehrlich erkaufter Sorglosigkeit. Ehe sie sich trennten, kam Marcellus noch einmal auf die Frage zurück, wie es mit der Freilassung der beiden Frauen zu halten wäre. Klarheit war keine da, aber es machte den Eindruck, als ob Papirius sehr genau darüber unterrichtet sei, was die Curiosa – die Geheimpolizei – Tag für Tag plante, und daß sie von höchster Stelle beauftragt wäre, alle staatsfeindlichen und sogenannten gottlosen Zusammenkünfte scharf im Auge zu behalten. Man wußte, daß dies den Epikureern und den Christen galt. Und ebenso wußte man, daß in den Bergwerken Vorbereitungen getroffen waren, die Ungehorsamen in großer Zahl aufzunehmen. Weiter wußte man übrigens nicht mehr viel – oder gab wenigstens vor, sonst nichts weiter zu wissen. Das Unklarste an der Sache war, daß Papirius immer mehr von seiner geschäftsmäßigen Einstellung abzusehen schien; aber es sah nicht so aus, als ob ein Verkauf unter die Möglichkeiten gehöre, mit denen man rechnen müsse. Marcellus wurde einen Augenblick von einer Ahnung überfallen, sein Vater könnte krank sein. Das erinnerte ihn an jenen Frühlingstag vor neun Monaten, wo er auf dem Marsfeld mit dem Schuhmacher Pedanius geredet und wegen der Zukunft seines Vaters ähnliche Bedenken empfunden hatte.

»Ich glaube, ich gehe morgen in die Stadt und rede mit dem Schuster Pedanius«, sagte er zu Ruth.

»Dann nimm meine alten Sandalen mit«, erwiderte sie zerstreut.

»Ich will ihn wegen Jon um Rat fragen«, fuhr Marcellus fort. Ruth zog leicht die Augenbrauen hoch und spitzte die Lippen.

»Du hast manchmal schnurrige Einfälle!« bemerkte sie lächelnd.

 

In der Sandalenmachergasse gab es nur wenig Häuser mit Kellerwohnungen, und in einer davon wohnte Pedanius. Er saß im Keller und betrieb sein Handwerk, und wenn er jemand vorbeigehen hörte, blickte er mechanisch empor, als hätte der Mensch da draußen auf eine geheime Feder getreten. Er erkannte die meisten Bewohner der Gasse an ihren Beinen, von den Storchenbeinen des Mannequins Verania an bis zu den Flußpferdsockeln des Viehhändlers Calvisius. Diese Zerstreuung war lehrreich, aber niederschlagend, teils rein ästhetisch, teils – und das besonders! – fachlich insofern, als ihm jede Stunde am Tag bekräftigte, was Pedanius schon zuvor gewußt hatte, daß nämlich die Menschen den Unterschied zwischen Fachmannsarbeit und Pfuscherei im Schusterhandwerk gering achteten.

Um so mehr fühlte er sich aufgemuntert, wenn einmal ein Stück von gediegener Meisterarbeit vorüberkam – wie eben am heutigen Tage, wo das Fenster durch ein Paar Pelzstiefel verdunkelt wurde, die in einem hyazinthblauen Mantel mündeten. Diese Zusammenstellung kam ihm bekannt vor, und er reckte den Hals, sich ein ausführlicheres Bild des Besitzers zu sichern. Er stand ganz auf und drückte die Nase an das Marienglas, konnte aber nur feststellen, daß er zu spät gekommen war. Zugleich aber betraten die Stiefel und der Mantel mit Marcellus darin seine Werkstatt und lösten damit die Frage auf die angenehmste Weise.

Pedanius war, wie schon bemerkt, ein Mann mit schmalen Schultern und einem Hang zur Mystik. Aber diese Schultern hatten die sonderbare Eigenschaft, daß sie aussahen, als lüden sie das ganze Elend der Welt ein, auf ihnen Platz zu nehmen. Seine Augen waren weder klar noch tief, und es hätte kaum jemand einfallen können, sie schön zu nennen; aber sie zeigten den Unterglanz einer freudigen Einfalt, die sich ihrer Natur nach andern nicht wohl mitteilen konnte, die aber die Einladung der Schultern für jede augenfällige Last von Elend und Beschwerde noch unterstützte. Schon allein die häufige Verwendung eines Grußes wie: »Segen der Götter«, den andere nur vor der Mahlzeit benützen, warf ein gutes Streiflicht auf sein Wesen. Sein Lächeln, das schlecht gebaut und etwas knochig war und auf den Beschauer wie eine nackte und etwas schamlose Treue wirkte, beleuchtete das wie ein Scheinwerfer.

»An deinen Traum erinnere ich mich noch genau«, nickte der Schuhmacher mit dem Blick eines klugen Kindes, das stolz auf seine Gaben ist. »Der alte Gastwirt Gaphyrus (möchte er jeden Tag satt werden!) ging in ein Bethaus – in eines von denen der Galiläer; sechs- bis siebenmal ging er hinein. Hm! Erinnerst du dich noch, daß ich dir sagte, ein Bethaus bedeute Kummer, ein Gastwirt den Tod und ein Landstreicher einen sehr großen Verlust.«

»Ja, ich erinnere mich!« sagte Marcellus, der bei seinem Eintreten unverzüglich des kleinen Mannes schweigender Aufforderung gefolgt war und – soweit es möglich war – seine Sorgen auf ihn gelegt hatte. »Und ich habe viel daran denken müssen, daß Ruths Mutter zu den Galiläern gehört.«

Die obere Hälfte des Schuhmachers protestierte heftig gegen diese scharfe Auslegung. »Man darf die Bestandteile des Traumes nicht mit den Verhältnissen vermengen, die durch sie symbolisiert werden«, sagte er. »Eine ganz andere Sache ist es, daß der Umgang mit Galiläern und andern, die den Kaiser und die Götter gering achten, nichts Gutes nach sich ziehen kann. Endlich«, fügte er tröstend hinzu, »kann ein Traum ja auch verkehrt ausgelegt werden, und manchmal können Kummer, Verluste und der Tod ja auch abgewendet werden.«

»Aber das Schicksal, das dem Kinde zugedacht ist – wie kann das abgewendet werden?« fragte Marcellus. »Wenn wir es verlieren, so bringt uns das reichlich den Verlust und den Kummer, die der Traum geweissagt hat. Und der Tod – der Tod kann jederzeit über uns kommen.«

Pedanius war mit seiner ganzen Person in der schwierigen Sache aufgegangen. »Gewiß muß der junge Jonas Papirius gerettet werden – darüber ist keine andere Ansicht möglich; aber wie – das ist die Frage. Vielleicht sollte man warten und die Stellung der Sterne im Augenblick der Geburt in Betracht ziehen.«

»Nein, das muß schon früher vorbereitet sein!« sagte Marcellus entschieden.

»Das ist einleuchtend: es müssen beizeiten Vorbereitungen getroffen werden«, gab Pedanius zu und rannte dadurch seinem eigenen Vorschlag ein Messer in den Rücken. »Aber wie? – Da stehen wir wieder am gleichen Punkt.«

»Hast du keine Verbindungen auf dem Lande – Verwandte oder etwas in dieser Richtung, wo das Kind kurze Zeit untergebracht werden könnte – vielleicht bis Ruth und ihre Mutter von uns fortziehen?«

»Ich hatte einmal – und habe vermutlich noch – eine Schwester, die mit einem Bauern droben in den Bergen verheiratet ist. Wenn wir das Kind dort hinaufbringen könnten, würden sie es sicherlich behalten, bis sich etwas anderes findet.«

»Aber wie bringen wir es ohne Aufsehen dort hinauf?« fragte Marcellus.

Der Schuhmacher kratzte sich mit der einen Hand den linken Oberarm und mit der andern den linken Schenkel. Das bedeutete angestrengtes Nachdenken. Danach wippte er auf seinen Stuhl zurück, stützte zwei Finger jeder Hand auf und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. Die Bedeutung davon konnte nicht zweifelhaft sein. Schließlich schlug er so hart auf seinen Arbeitstisch, daß die Nägel, die da nach Art und Geschlecht geordnet in einer Reihe von Fächern gelegen hatten, in ein fürchterliches Durcheinander gerieten. Während er sie nun mit einem Magneten aufsammelte, sagte er aufgeräumt: »Beim Jupiter! Ich gehe selbst hinauf und besuche meine Schwester. Ich habe sie bei meiner Hochzeit vor zwanzig Jahren zum letztenmal gesehen. Es ist wohl nicht zu viel, wenn man sich alle zwanzig Jahre einmal besucht.«

»Sollte das Kind nicht besser von einer Frau hingebracht werden?« forschte Marcellus vorsichtig.

Pedanius fuhr auf. »Was! Den vielleicht letzten Papirius einer Frau überlassen! Das hieße den Packsattel einem Ochsen auflegen.«

Marcellus, dem bei dem Eifer des Pedanius allerlei Bedenken aufstiegen, wendete ein: »Aber Reisen kostet Geld, und ich bin – wie immer – beinah ganz blank.«

»Dafür wird wohl Rat geschafft werden können«, meinte Pedanius ohne eine Ahnung, wie das zugehen sollte.

Marcellus versuchte noch eine letzte Einwendung. »Aber deine Frau – meinst du, es ist ihr recht, wenn du weggehst?«

»Glaubst du, ich fürchte mich vor meiner Frau?« fragte Pedanius etwas gekränkt.

Marcellus glaubte allerdings, daß dies eine längst bekannte Tatsache sei, und so antwortete er: »O nein – bewahre!«

 

Soweit man zurückdenken konnte, hatten Schwangere zur Diana und zur Lucina gebetet. Ruth hatte das auch nicht versäumt; aber jetzt, wo die Zeit herankam, wo das Wunder sich vollenden sollte, hatte sie sich entschlossen, auch Isis aufzusuchen – die Heilige Mutter. Nicht nur um sich im allgemeinen ihren Beistand zu dem der andern zu sichern, sondern mehr noch, weil sie sich in ein Bildnis des kleinen Horuskindes verliebt hatte, das an seiner Mutter Brust mit schalkhafter und koketter Miene hervorlugte. Ruth wünschte es sich, Jon möchte dem kleinen Horuskind soviel wie möglich gleichen. Darum ging sie zur Isis.

Zu der Zeit, wo sich Marcellus von dem Schuhmacher Pedanius verabschiedete, befand sich Ruth in der Heiligen Straße auf dem Wege zum Isistempel in der dritten Region. Das war nicht der nächste Weg; – man könnte sich versucht fühlen, zu sagen: ganz im Gegenteil. Aber der nächste Weg von Alta Semita zur dritten Region war über alle Maßen reizlos. Besonders war er im Vergleich mit einigen Umwegen durch die Geschäftsstraße eine wahre Orgie von bürgerlicher Tugend. Und Ruth liebte solche kleinen Abschweifungen, denn sie war ein kleines Stück von einer emax domina – einer Dame mit einer gewissen Vorliebe für den Besuch von Läden.

Die Luft in der Heiligen Straße war von Lärm erfüllt. In diesem Teil der Stadt war es wohl überhaupt nie still. Selbst tief in der Nacht war hier Unruhe und allerlei Geräusch: von Wagen, die an den Stadttoren aufgehalten worden waren und sich jetzt beeilten, ihren Bestimmungsort zu erreichen, von Ärzten, die zu ihren Kranken eilten, und von Philosophen, die unterwegs waren, Sterbende auf den letzten schweren Gang vorzubereiten, von den umständlichen, fackelbestrahlten Heimfahrten der Vornehmen nach späten Festmahlen und vom widerlichen Treiben Betrunkener. Selbst wenn die Menschen schwiegen, wenn kein Polizeitrupp die Straße säuberte und kein sich von den andern abhebender Laut die Lage des Heiligtums der Lüste bezeichnete – selbst dann war es, als sickere das Echo des Tageslärms durch die verschlossenen Fensterladen der Kaufläden und die Mauern der Häuser und als jammerten oder plauderten diese auf eigene Rechnung weiter.

Jetzt um die dritte Stunde war die Luft dick von Lärm. Schwerbeladene Esel und Maultiere trabten schreiend und wiehernd ihres Weges und stießen mit der sehr mannigfaltigen Bruderschaft der Straßenverkäufer und den Horden der Bettler zusammen. Farben glänzten und Flüche erklangen zwischen den Schildern, die von Juwelieren, Geldwechslern, Kuchenbäckern, Ziseleuren, Farbenhändlern und Flötenmachern erzählten. Vor der Poliklinik, mitten auf der Straße, standen zwei mit Peitschen bewaffnete Cherubim mit so feierlichen Gesichtern, als hätten sie das berühmte Goldene Vlies zu bewachen. Es wimmelte von Polizisten, daß man hätte meinen können, es sei allein in dieser Straße eine halbe Kohorte damit beschäftigt, die Taschendiebe und den Straßenverkehr zu überwachen. Ihre Rufe beschleunigten den Verkehr oder hemmten ihn oder munterten nur so im allgemeinen auf; und zogen sie, einen Befehl zu unterstreichen, ihre Schwerter, so wurde deren Klirren übertönt vom Jammern der Opfer und vom Gelächter der Zuschauer.

Ruth, die vor einem Jahr ein römischer Backfisch gewesen und jetzt eine Frau war, vor deren Schönheit der Verkehr die Bahn frei machte, wo sie auch erschien, genoß die Szene mit der fröhlichen Überlegenheit, die Großstadtkinder nie verläßt. Mit den Augen und den Ohren trank sie in vollen Zügen den malerischen Wirrwarr in sich hinein, und mit wachen Sinnen nahm sie den eigenartigen Geruch wahr, der aus dem Durcheinander von Griechen, Bithyniern, Äthiopiern, Italienern, Nordländern und dem Volk des Schmutzes und der Schmerzen aus dem Ghetto jenseits des Flusses aufstieg. Sie, die diese Gerüche von ihrer in den Slumquartieren einer Großstadt verbrachten Kindheit her kannte, lächelte wiedererkennend, wenn sich ein Proletenhaufen da hindurch kratzte, puffte und duftete. Und der stammväterliche Affe unserer Menschheit hätte sicherlich noch einmal seine roten Augen und knirschenden Zähne gezeigt, wenn er von seinem Stand aus hätte sehen können, wie ihre Instinkte sich zu einer Blume von atavistischer Freude entfalteten.

Ruth, die sich vor weniger als einem Jahre noch mit den Jungen an der Porta Collina geprügelt hatte, schritt an diesem Tag wie eine Königin zwischen den Tavernen durch. Während Marcellus zum Heil des kleinen Jon in der Mithrashöhle einen Schinken opferte, machte des Knäbleins Mutter mit ihm einen Gang durch die Geschäftsgegend, und sollte auch nur ein geringer Teil der Anpreisungen vorgezeigter Waren bis zu ihm gedrungen sein, dann haben seine Öhrchen während einer Stunde den ganzen Inhalt eines normalen Warenlexikons in sich aufgenommen. Ein sympathetischer Trieb führte sie durch eine Parfümerie, wo eine Wasserkunst aus einem halbkreisförmigen Becken in hohem Bogen zwölf dünne Strahlen wohlriechenden Wassers in die Lüfte sandte, und wo sie auf einen mit Kissen belegten Metallsessel gesetzt wurde, während eine Angestellte mit einem Glasspachtel Tropfen von Malabathrumöl und Zimtsaft in ihren Arm knetete. Sie erblickte feine Damen (die sie sich mit Flamingozungen aufgepäppelt und unter dem Kleid in koischen Flor gehüllt vorstellte), die in skythischen Smaragden, Beryllen, Opalen und in Siegelringen aus Sardonyx wühlten, und sie trat in ein Lokal, wo Euphemus mit einer Übung beschäftigt war, die er zu Hause »Überwindung des Pessimismus« nannte, während ein rothaariger Ladendiener ihm einen Fächer aus Pfauenfedern aufzuhängen versuchte. Ein Versehen führte sie durch eine Werkstatt, wo fünfzig Sklaven im Schweiß ihres Angesichtes Schuhe aus Papyrus herstellten und die Kunden darauf warten konnten, bis sie nach Maß angefertigt waren. Als sie sich endlich losriß, dem Tempel der Heiligen Mutter zuzueilen, plätscherte über dem allem die neuerworbene Kenntnis, daß Vergil auch in diesem Jahr noch der bestgehende Autor wäre. Und als sie endlich an die Treppe der heiligen Stätte gelangt war, mußte sie einen Augenblick verweilen, ihren Kopf erst einmal freizumachen von einer wohlassortierten Auswahl an Luxusrasiermessern, Spiegeln, Perücken, Purpurbesätzen, Brustbinden, Pyjamas, Haarnetzen, Edelsteinkolliers, Ohrringen in Traubenform, Brennscheren und dem allen, woran sich Damen erinnern, wenn sie nach einem Feldzug durch die Geschäfte heimkehren.

Ruth legte eine Münze in den Weihwasserautomaten, der als eine Art Schildwache vor dem Tempel stand; und kaum hatte sie sich mit ein paar Tropfen besprengt, die eine Gabe ausmachten, als sie sich schon von der Ruhe dieser Stätte erfüllt fühlte. Mit langsamen Schritten ging sie durch das Pförtchen und stand in einer Ecke des Säulenganges, der den Tempelhof umgab. Ortskundig wanderte sie an den Altären mit den hinsterbenden Rauchspiralen von der Frühmesse her vorbei, verneigte sich vor dem Hauptaltar in der südlichen Ecke und stieg die schmalen Stufen empor zu der Vorhalle des Tempelbaues selbst, wo eine Bacchusfigur als Türhüter Dienste tat. Es war ein alter ehrbarer Bacchus, den sie früher nur eines flüchtigen Blickes gewürdigt hatte, und der mit ziemlich senilem Ausdruck vor sich hinzusehen pflegte. Aber an diesem Vormittag lächelte er beschützend und großväterlich, oder es sah vielleicht auch nur so aus, weil ihm jemand einen Kranz aufgesetzt hatte, der schief über das eine Auge herunterhing.

Ruth ließ sich aber nicht dadurch aufhalten. Ohne Zögern wendete sie sich der einen Nische gerade gegenüber in der Cellawand zu. Diese umschloß das wundertätige Bild der Heiligen Mutter – eine hohe, volle Gestalt mit schlanken Marmorhänden und einem sanften Marmorgesicht; die Gestalt war von einem prachtvollen himmelblauen Gewand umhüllt, und an den Fingern, auf ihrem Busen, und wo es sonst möglich war, blinkten Kleinodien, ihr von Menschen dargebracht, denen sie beigestanden hatte. Und in ihrem Arm saß das köstlichste aller Kleinode: das kleine schelmische Horuskind – splitternackt und des bevorstehenden Festes wegen sauber gewaschen.

Ruth war es, als habe sie das kleine Wesen noch nie so verführerisch gesehen. Sie empfand große Lust, es in ihren Armen zu wiegen, es in die Höhe zu werfen und wieder aufzufangen, es an sich zu drücken, es zu liebkosen. Da sich dies aber nicht tun ließ, schaute sie sich spähend um, hob sich auf die Zehen und drückte einen Kuß auf die äußerste kalte Zehenspitze. Dann fiel sie auf ihr Angesicht und betete zu der hohen Mutter um Segen für das zarte Leben, das bald das Licht erblicken werde, flehte sie an, es vor dem Schicksal, das ihm zugedacht war, zu erretten und es zu behüten, wohin sein Fuß es auch tragen möge. Sie betete laut und mit hinreißenden und einfältigen Worten darum, daß Jon aufwachsen möge zu einem Mann, der glänzende Augen habe und die Wahrheit liebe und eine Freude für die Frauen sei. Und freimütig und laut schloß sie mit dem Gebet, das schon alt gewesen war, als ihre Vorfahren mühselig Steine zu den Pyramidenbauten der Pharaonen herbeischleppten:

»Leihe ihm Schutz vor dem Gott, der die Seelen, die armen, dahinrafft,
Grausam das Eingeweid frißt und von Leichen sich schaurig ernährt.«

Der älteste Kommentar fügt hinzu: »Das ist Seth!« Und Seth – Typhon-Seth, den die Christen Satan nennen – zeigt sich für gewöhnlich als ein gelbes Fabeltier mit hohen gestutzten Ohren, krummer Schnauze und einem Schweif, der senkrecht in die Höhe steht.

Pabek, der Ruth gleich bei ihrem Eintreten beobachtet hatte, wischte sich die Tränen aus den Augen und spuckte eifrig aus, um sich selbst weiszumachen, er sei erkältet, und seine Augen tränten aus diesem Grunde. Er hatte, von den Säulen versteckt, neben dem bekränzten Bacchus gesessen, und zwar in der löblichen Absicht, die ehrwürdige Göttin auf ein Buchsbaumbrett zu malen. Sein dicker Körper ruhte schwer auf einem Faltstuhl, der besondere Verstärkungen aus Leder hatte. Das beinah fertige Bild stand auf einer niedrigen Staffelei. Es zeigte die Göttin in einem dicht anschließenden Unterkleid und darüber einem Mantel von einem Schnitt, der griechisch zu sein schien und in Rom jedenfalls an keinem lebenden Modell zu sehen war. Er wurde durch einen festen Knoten über der Brust zusammengehalten, und in dem Knoten stak – sehr dekorativ – eine Lotosblume. Auf dem Kopf trug sie einen Hut, wie ihn die ägyptischen Schönen unter den letzten Königen trugen.

Pabek sprach zu sich selbst: »Jetzt habe ich Unwürdiger die Heilige sechshundertzweiunddreißigmal auf Buchsbaum-, Zypressen- oder Lärchenholz gemalt, und ebensooft habe ich ihr diese Züge gegeben, wie ich sie von Plotinus gelernt habe, und der wieder von seinem Meister. Aber«, er zögerte in einer großen Versuchung, »Anubis soll mich fressen, wenn ich es nicht tu'!« Und der Dicksack watschelte pustend an die Cellawand hinüber und stand hinter Ruth, als sie sich von ihrem Gebet erhob. Sie errötete verwirrt, als sie den Priester sah; aber er nickte ihr ernsthaft zu und sagte: »Dein Gebet ist erhört!«

Verständnislos schaute sie ihn an, bis er wiederholte: »Was du erbeten hast, wird geschehen!«

Als sie es erfaßte, errötete sie noch tiefer, und Pabek fragte: »Willst du der Heiligen Mutter das Opfer bringen, eine halbe Stunde ruhig auf einem Stuhl zu sitzen?«

Da tauchten in ihrem Kopf längstbegrabene Vorstellungen auf von gewissen Dingen, die sich zu früherer Zeit in ägyptischen Tempeln zugetragen haben sollten. Als sie aber in sein gutes, dickes Gesicht schaute, reute sie ihr Verdacht, und sie sagte: »Ich verstehe nicht, wie ich der ehrwürdigen Mutter damit dienen kann, daß ich stillsitze.«

»Das brauchst du auch nicht zu verstehen. Komm!« sagte er und watschelte ihr voran zu der Staffelei hinüber. Sie folgte ihm zögernd und setzte sich auf den Rand eines Schemels, den er ihr hinschob. Er arbeitete schweigend, kratzte das Gesicht der Gottesmutter mit zwei Strichen ab, nickte Ruth zu, sie zu beruhigen und den richtigen Ausdruck in ihrem Gesicht hervorzurufen, nieste und mischte die Farben auf seiner Palette. Dazwischen plauderte er. »Du gehörst nicht zu unserer Gemeinde, mein Kind!«

Sie schaute in glückseligen Träumen vor sich hin und schüttelte den Kopf. Dann sah sie fragend zu ihm auf und sagte: »Warum habt ihr Tiere als Götter?«

»Benedictus benedicat!« antwortete er mit einem vergnügten Grunzen. »Der Gesegnete segne dich! Richtig gesehen, haben wir keine Tiere als Götter. Sie sind, was die Klugen Symbole nennen. Wir malen auch die Sonne als eine Lotosblume, die aus dem Wasser aufsteigt, aber wir glauben doch nicht, daß die Sonne aus einer Lotosblume entstanden sei. Unsere heiligen Bücher, in denen von Isis und Horus geschrieben steht ...«

»Allmächtiger!« unterbrach ihn Ruth verblüfft. »Hat denn der kleine Horus Bücher geschrieben?«

Ohne Verständnis sah Pabek von seiner Arbeit auf; dann dämmerte ihm das Verständnis, und er stieß wieder eine Reihe von Grunzlauten aus. »Ach, Horus, das kleine Kind? Er wurde dann größer und immer größer. Er hat mit Anubis gekämpft, seinen Vater zu rächen.«

»Hat er den Anubis besiegt?« fragte Ruth, der es ob ihres Irrtums flau zumute war.

»Hm, gewissermaßen. Sie kämpfen immer noch. Sie sind die beiden balanzierenden Prinzipien; aber das verstehst du noch nicht. In den heiligen Büchern steht es, daß die Götter einmal vor dem Aufstand der Giganten flüchten mußten; in der Hoffnung, so nicht erkannt zu werden, versteckten sie sich in Tierkörper – einer in einen Ziegenbock, einer in einen Vogel und so weiter. Dies ist der Grund, warum die Götter bis auf unsere Tage ihre Tiergestalt beibehalten haben. Dies ist durch schriftliche Aussagen belegt, die mehr als zweitausend Jahre alt sind und in unsern ehrwürdigen Tempeln aufbewahrt werden.«

In diesem Augenblick ertönte aus der Cella gedämpfter Gesang, bald näher, bald ferner. Unverkennbar sang da jemand, der drinnen auf und ab ging. Ruth sah den Maler unruhig an, und dieser erklärte: »Das ist kein anderer als Zachlas. Er ist Koch und ebenso dick wie ich. Wir sind die beiden dicksten Priester dieses Tempels und sehen einander ein wenig gleich. Ich aber bin der Schönere.«

Wieder stieß er sein kraftloses grunzendes Gelächter aus, und wie um die Wahrheit seines Wortes zu beweisen, erschien Zachlas unter dem breiten Tor der Cella. Rund wie ein Weinschlauch, wälzte er sich durch die Vorhalle und sang das Lied, das die Alten »Maneros« nannten – einen Klagegesang über den einzigen Sohn des ersten Königs von Ägypten. Wenn er genügend hohl und dumpf gesungen wird, ist er von nicht geringer Wirkung. Aus dem Bauche des Zachlas heraus klang er, als würde er in einer Tonne gesungen, und Ruth lauschte hingenommen. Inzwischen begann der Sänger für den Nachmittagsgottesdienst mit Myrrhen zu räuchern, und der Maler rief ihm zu: »Warum räuchert Pankrates nicht selbst?«

Zachlas sah auf und antwortete: »Er ist schon auf der Treppe. Er hat sich nur ein wenig verschlafen.« Indessen fielen seine Blicke auf Ruth; er stellte die Räucherlampe auf einen Opfertisch und trat näher, anscheinend freudig überrascht. »Das muß ich sagen!« rief er, als er Pabek über die Schulter gesehen hatte. »Du bist kühn! Was meinst du, daß der Oberpriester dazu sagen wird?«

Doch hinter ihnen erscholl jetzt die Stimme des Pankrates trocken und vernünftig: »Wenn er nicht gleich eine Messe für unsere neue Gottesmutter lesen läßt, dann hat er keinen guten Geschmack.« Pankrates war ein langer Mann mit hängender Unterlippe und dünnen Beinen. Er sah genau so aus wie einer von den richtigen magischen Ägypterpriestern, die auf Krokodilen reiten, weshalb dies Tier von weitem schon vor ihnen mit dem Schwanze wedelt. Auffallend war an ihm, daß er mit einem silbernen Ventil im Kopf herumlief, das ihm nach einer Trepanation eingesetzt worden war; weit davon entfernt, es zu verstecken, schien er es im Gegenteil für eine Auszeichnung zu halten, die ihm vor andern Menschen widerfahren sei.

Alle drei huldigten sie Ruth um die Wette. Sie führten sich beinah ebenso unwürdig auf wie einige Stunden vorher die Ladendiener in der Heiligen Straße. (Als Ruth später ihrem Marcellus die Ereignisse dieses Vormittags schilderte, sagte sie: »Sie haben gespritzelt wie ein Blitz, wenn er durch einen Drahtzaun fährt.«) Zachlas brachte ihr Fruchtkonserven und Pankrates Blumen, die er eigentlich gekauft hatte, seine Frau zu versöhnen. Aber der Höhepunkt war doch erreicht, als Pabek die Palette weglegte, in seine Wohnung hinter den Mysteriensälen watschelte und mit einem Miniaturbild des Horuskindes wiederkam. Es war eine genaue Kopie des Kindes auf dem Arm der Isis – genau so schelmisch und verführerisch. Ruth war dankbar und etwas verlegen. »Wenn ich nur wüßte, wie ich euch danken soll«, sagte sie. »Jon soll herkommen und euch danken, wenn er groß geworden ist.«

Keiner der Priester antwortete und keiner lachte. Schließlich erhob Pabek seine Blicke von dem nassen Bilde zu dessen Original und sagte traurig: »Schick ihn her, bevor er groß ist. Komm selbst mit ihm. Komm recht oft! Vielleicht braucht auch das Horuskind ein neues Gesicht.«

Ruth ging geradeswegs nach Hause. Doch gaben ihr die Priester zwei große Sklaven mit, ihr den Weg zu bahnen auf der belebten Strecke bei der Porta viminalis. Sie wehrte sich dagegen mit einer Kraft, die beinahe Zorn war, aber niemand hörte darauf. Ehe sie ging, ergriff Pankrates einen Zipfel ihrer Tunika und führte ihn an seine Lippen. Zachlas küßte ihr kniend die Hand. Pabek legte beide Hände um ihren Kopf, küßte sie auf die Stirn und sagte feierlich: »Möge dich der Segen des Höchsten geleiten!«

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