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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 3
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Zweites Kapitel

Großmutter Papiria weckte die Sklaven, bevor der Tag graute. Die rauchbraune Hornlaterne in der linken und einen Rohrstock in der rechten Hand, eilte sie durch den Gang, wo die Sklaven noch halb im Schlaf das regelmäßige Knarren und Klirren wahrgenommen hatten, womit Türen und Riegel das Kommen der alten Frau ankündigten. Ihr Ruf von Zimmer zu Zimmer klang wie ein vergnügliches Gackern mit Interpunktionen aus Hüsteln und kräftigem Husten und den eifrig unterstreichenden Schlägen des Stockes auf den Steinfußboden. »Aufstehen!« gackerte die Großmutter. »Tag ist's! Aufstehen! Hallo, Balbilla! – Balbilla!! – Balbilla!!! – Das leichtfertige Ding! – Jetzt hat sie wieder den Philetus bei sich gehabt – na, wenigstens antworten dürfte sie. Aufstehen – Tag ist's!«

Die Antworten aus den Gelassen der Sklaven klangen verdrossen wie Proteste dagegen, daß es schon Tag sein sollte, was es ja auch nur in uneigentlichem Sinne war. Nur Euphemus war schon auf den Beinen. Er steckte den Kopf durch den Türspalt und grüßte mit seiner spröden Stimme: »Guten Morgen, Papiria! Was für Wetter haben wir?«

Die alte Frau hüstelte: »Das rechte Wetter für Gicht und Husten. Niemand freut sich daran, als wer mit Regenmänteln handelt und Wasserstiefel macht. Richte dein Gebet heut an den Neptun und komm dann in die Küche herunter und trink einen Tropfen Warmes.« Sie hüstelte wieder und eilte leicht wie der Wind vor dem schwerfälligen Euphemus her.

»Du warst wohl gestern abend im Spielklub, Papiria?« bemerkte der Türhüter, nachdem er sich gesetzt hatte. »Hast du gewonnen?«

»Ja, fünfundzwanzig Denare«, antwortete die Großmutter. »Und noch dazu ohne Mogeln. Wir waren fünf ältere Mädchen, die sich gegenseitig auszubeuteln suchten. Man kann in Rom ja immer noch ein Stündchen ganz gemächlich totschlagen. Nichts vorgefallen in meiner Abwesenheit?«

Euphemus zuckte bedeutungsvoll mit den Mundwinkeln. »Wie man's nimmt. Wir haben ja ein paar junge Leute hier, die stark damit beschäftigt sind, die klassische Dummheit zu machen.«

»Du meinst Balbilla und ihren Freund Philetus?«

»Nein, die mein' ich nicht, beim Endymion! – Ob sich zwei solche Dummköpfe zusammenstecken, das kann uns doch wirklich gleichgültig sein. Nein, ich denke an Marcellus und Mutter Saras kleine Hexe von einer Judenschickse.«

»Ach, das bedeutet doch nicht mehr als eine von Marcellus' üblichen kleinen Courmachereien. Er ist viel zu weich, wirklich einmal eine Dummheit ersten Ranges anzustellen – leider. Nun hab' ich die ganzen letzten fünf Jahre hindurch gehofft, er würde sich aufs Trinken legen, und die letzten zwei bis drei Jahre habe ich ihm unzählige Male ganze Probekollektionen von Mädchen ins Haus geschleppt – unter allen möglichen Vorwänden natürlich. Schöne Mädchen, und zwar meist aus sogenannten ›guten Häusern‹ – junge Lämmer mit guten unverbrauchten Herzchen; auch einige weniger gute, die aber dafür unterhaltender waren. Spirituosen behandelt er, als ob sie Schwefelsäure wären, und in die Mädchen verliebt er sich höflichst nach der Reihe, wie sie ihm vorgeführt werden. Er endet noch als Fabeltier von Korrektheit.«

»Er ist ein Fabeltier von Korrektheit; aber es müßte einer schon geradezu ein Tugendmonstrum sein, wenn ihn ein Mädchen wie diese Ruth nicht doch verführen könnte, gesetzt den Fall, daß sie nur eines Tages die Augen ernstlich auf ihn wirft. Und – was ich sagen wollte: soweit ich mich darauf verstehe, befinden sich die jungen Leute jetzt in medio opere.«

Hier lachte die Großmutter, lachte mit dem durchdringenden Gackern, das ihre Sklaven so herzlich verabscheuten – insbesondere morgens: »Dann müssen sie sich aber beeilen; denn wenn ich richtig unterrichtet bin (und das pflege ich zu sein), ist über die kleine Wespe von einer Judenschickse schon anders verfügt. Woher lernst du übrigens auf deine alten Tage derartige Ausdrücke? Ich wollte, Marcellus hätte einige davon angenommen. Ihm stünden sie besser zu Gesicht als dir.«

»Ich weiß nicht, was verfügt ist«, erwiderte Euphemus. »Aber ich möchte wissen, ob es eine so törichte Idee wäre, das Mädchen dem Marcellus zu geben. Das würde ihn – wenn dieser Ausdruck mir verstattet ist – ein bißchen aufkratzen; und – na ja, er kann es brauchen, etwas aufgekratzt zu werden.«

Die Großmutter hüpfte vom Tisch herunter, auf dem sie gesessen hatte, ergriff eine Peitsche, die über der Feuerstelle hing, und machte sich bereit, in die Bäckerei zu gehen, die eine von den Nebengeschäften des Papirius war. »Mir hätte er in die Finger fallen sollen, als ich im Alter dieses Mädchens stand! Na – glaube mir, ich hätte ihn schon aufgekratzt!« Bei diesen Worten knallte die Großmutter gewaltig mit der Peitsche und eilte an ihre Arbeit.

Draußen hatte der Regen aufgehört, und der östliche Himmel glänzte wie frischgeputztes Kupfer. Euphemus stellte das fest, als er sich einige Minuten später mit einem invaliden Palmblattbesen über die Fliesen vor dem Haupteingang hermachte. Während das Wasser in eifrigen Bächlein durch die Schlitze des Besens schwappte und sich mit dem Strom vereinte, der den Kloaken zueilte, schob Euphemus bei seiner Arbeit die Unterlippe weit vor, was seinem Gesicht den Ausdruck eines schlecht geschmierten Grübelns gab. »Sie sollte ihn doch kriegen«, vertraute er sich selber an. »Aber er hätte sich vor einem halben Jahr schon in die Sielen legen sollen; nur verabscheut er bekanntlich jede regelmäßige Arbeit.« Und während der Besen die letzte kleine Wasserpfütze wegfegte, fügte er hinzu: »Und wenn man's recht besieht, auch jede unregelmäßige.«

Es gibt Menschen, die an die Gewogenheit oder Feindseligkeit der stummen und vernunftlosen Dinge nicht glauben wollen. Sie wären aber weniger sicher in ihrem Urteil, wenn sie den vorwurfsvollen Blick gesehen hätten, mit dem Marcellus in ungefähr demselben Augenblick, wo Euphemus diesen pessimistischen Monolog hielt, auf seinen Wecker starrte. Der Widerschein des kupferfarbigen Himmels sickerte kräftig durch den schweren Vorhang und sammelte sich auf besonders moralisierende Art um den Weckerapparat, dessen Wasser schon längst ausgelaufen war. Das geschah, wie er aus Erfahrung wußte, mit einem Laut, der am besten dem langgezogenen Brüllen eines verschnupften Kalbes zu vergleichen war. Aber Marcellus hatte nach Ruths letzten Worten: »Leb wohl und bleib gesund!« in seiner Erinnerung keinen Ton bewahrt. Außerdem befand er sich in einer Gemütsstimmung, in der er äußerst geneigt war, an eine bewußte Aufhebung der Naturgesetze zu glauben, nur zu dem Zweck, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten. Marcellus hatte den Spleen. Nachdem er versucht hatte, sich erst auf die rechte, dann auf die linke Seite zu legen, dann auf den Bauch und auf den Rücken, ohne daß ihm das Linderung gewährte, entschloß er sich, es mit der lotrechten Stellung zu versuchen. Er tat das in der Laune, die Menschen bei schwieriger Lage nach den letzten Hilfsmitteln greifen läßt. Da sich dies als relativ unbehaglich herausstellte, hatte er den Einfall, gleich weiterzugehen und einen Versuch mit einem Bad zu machen. Das Haus hatte von der Bäckerei her immer warmes Wasser, so daß sich der Versuch ohne unnatürlich großen Aufwand von Energie ins Werk setzen ließ. Trotzdem fühlte er seinen Körper von Tugendsäften durchrieselt, als er ihn in Schlafrock und Pantoffeln nach dem Tepidarium hinüberbewegte, wo ihm die Ermunterung zuteil wurde, einen der Diener vorzufinden, der ihn kneten und salben konnte. Er hatte das Gefühl, als ob das Dasein zu schnurren begänne wie eine zerzauste Katze, und während der Diener das Öl zum Rasieren schlug, fing er zu denken an. Im Kaldarium dachte er weiter, während er sich sorgfältig brühte und dann einen kalten Guß nahm. In dem engen, süß duftenden Unktorium ließ er sich einen Augenblick durch eine neue Haarpomade von pikantem und aufmunterndem Wesen hinnehmen; als er sich aber schließlich wieder in seinem Ankleidezimmer befand, da hatte er sein Pensum zu Ende gedacht, und als er dann zum Speisen ging, zeigte er das furchteinflößende Wesen, das schwache Männer anzunehmen pflegen, wenn sie sich mit einem großen Entschluß erfüllt haben.

Marcellus war schwach. Es wäre nutzlos, eine Tatsache verschleiern zu wollen, die einem doch in ganzer Figur entgegenträte, lange bevor man zur Hälfte in seine Lebensgeschichte eingedrungen wäre. Aber hätte er selbst viel mehr Tatkraft besessen, so wäre es doch eine schwere Aufgabe für ihn gewesen, gänzlich unvorbereitet ein junges Mädchen dauernd in Sicherheit zu bringen. Er versuchte, es sich weiszumachen, daß er alles hätte retten können, wären ihm nur drei Tage Zeit für seine Aufgabe geblieben. Aber obschon er nicht mehr als zwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, sich selbst kennenzulernen, wußte er doch genau, daß bei dreitägiger Frist auch nur ein einziger Tag – der letzte nämlich – von ihm benützt werden würde; und dieses innere Geständnis machte, daß ihn selbst völlig harmlose Gegenstände in seiner Umgebung aufbrachten. Dies wurde ihm klar, während er eilig seine Mahlzeit einnahm, und plötzlich spürte er den unbändigen Drang, einen Spruch zu entfernen, der ihm gerade gegenüber an der Wand hing. Da standen mit deutlichen Buchstaben die superklugen, wohlgemeinten Worte:

»Nie sollst du deines Nächsten Weib begehren,
Betrachte immer sie in Zucht und Ehren!«

Das war ein Spruch, wie man ihn in fünf- oder zehntausend römischen Häusern finden konnte, genau wie den anderen: »Was ist ein Heim ohne Vater!« oder: »Was ist ein Heim ohne Mutter!« – einer von den Sprüchen, die scharf zugespitzte Intelligenzen den mehr Gefühlsbetonten zur Schmückung ihrer Wände überlassen, die aber so harmlos sind, daß sich Marcellus ebensogut vom Kleiderrechen oder vom Sonnenschirmständer hätte aufbringen lassen können. Seit hundert oder mehr Jahren hing dieser Spruch an der Wand, und sicherlich hatte sich noch niemand daran gestoßen. Vermutlich hatte ihn auch noch nie ein Mensch gelesen. Und nun reizte er Marcellus so, daß der mit knapper Not ein gefülltes Gänseei genießen konnte, während er sich die verschiedenen Instanzen in der vorliegenden Sache durch den Sinn gehen ließ.

In der Müllerei fand er Großmutter Papiria auf einem Brette sitzend vor, von dem aus sie alle vier Esel, deren jeder seine Mühle in Gang hielt, und die zwei neugekauften Sklaven, die gemeinsam an der fünften drehten, mit ihrer langen Peitsche treffen konnte. Großmutter war in der vortrefflichsten Laune und baumelte mit den Beinen im Takt zu einem Liedchen, das sie sang. Marcellus hörte mit nachsichtigem Lächeln zu. Es war ein Lied von Horaz, das durch eine Laune des Schicksals wieder in Mode gekommen war. Großmutters alte, verbrauchte Stimme schmetterte:

»Liebte stets die Mädchen sehr,
War Soldat in Amors Heer –«

Jedes Kind in der Stadt kannte es. Selbst die Esel, deren Köpfe in geräumigen Hüten steckten, schienen im Takt mitzunicken, und die Sklaven, die den üblichen Rahmen um den Hals trugen, der sie verhinderte, sich's am Mehl gütlich zu tun, brummten den Kehrreim mit. Ab und zu fitzte die Peitsche gegen einen Eselsschwanz oder traf – genauestens – das Zentrum von eines Sklaven Lendenschutz. Aber im allgemeinen genügte das Lied zur Aufrechterhaltung des Tempos, und Großmutter hatte Zeit, alles zu überwachen, was um sie her vorging. Sie war ein Musterbild von Zählebigkeit bis zur Unsterblichkeit, und Marcellus machte sich Vorwürfe darüber, daß er sich schon einmal hatte verleiten lassen, sich mit der Farbe ihres Scheiterhaufens zu beschäftigen. Sie sah nicht aus, als ob sie überhaupt jemals eines Scheiterhaufens bedürfen würde; und als sie den Enkel erblickte, begrüßte sie ihn mit einem Peitschenknall und rief:

»Holla, du kommst wie der Wolf in der Fabel! Gerade habe ich an dich gedacht. Mußt du denn heute nicht zur Arbeit?«

»Ich habe heute eine Privatangelegenheit zu ordnen, darum wollte ich um Urlaub bitten ...« antwortete Marcellus.

»Na, du hältst sie dir ja recht vom Hals, mein Junge. Ja, spar du deine Kräfte, daß für die alten Tage auch noch etwas davon übrigbleibt. Wäre die Frage unbescheiden, was denn so wichtig ist, daß du es nicht aufschieben kannst?«

»Sag mir, Großmutter, hast du etwas über Ruth gehört? Etwas von einem Wagenlenker, der sich den Arm gebrochen hat?«

»Na, das hast du also auch gehört? Ja, dem Mädchen soll der Minzenkranz aufgesetzt werden.«

»Ist das nicht eine etwas irreführende Bezeichnung?«

»Na ja, wir wollen es dabei bewenden lassen, Mohnblumenkranz zu sagen.«

Marcellus war schon vorher gereizt gewesen, und der Ton, in dem dies gesagt wurde, reizte ihn aufs äußerste. Er schlug mit der Faust so heftig auf das Brett, worauf die Alte saß, daß sie einen kleinen Schreckensruf ausstieß und gackerte: »Was sind das für Manieren, die du dir neuerdings angewöhnst! Haut auf das Brett, daß seine alte Großmutter eine Elle in die Höhe hüpft!«

»Ich will dir etwas sagen, Großmutter!« antwortete der junge Mann. »Das, was ihr hier zu tun beabsichtigt ...«

»Das, was dein Vater hier zu tun beabsichtigt!« berichtigte die Alte sanft.

»Na also, das, was der Alte hier zu tun beabsichtigt, das ist ein Schurkenstreich, der selbst bei ihm noch überraschend wirkt.«

»Das ist ja eine richtig kindliche Ausdrucksweise.«

»Das ist mehr, als er verlangen darf.«

»Ja, warum gehst du denn nicht mit dem Mädchen durch?«

Zum erstenmal war Marcellus einem der Salzwassergüsse des Schicksals ausgesetzt, die man Krisen des menschlichen Lebens nennt, und das lähmte seine Denkkraft fortgesetzt. So wußte er nichts anderes zu antworten als: »Das tu ich vielleicht auch.«

Die Großmutter summte: »Siegreich des Eros Fahnen wehen ...!«

Marcellus fuhr erregt fort: »Wenn das geschieht, kann man nicht mehr hier im Hause bleiben, sofern man seine Selbstachtung nicht einbüßen will.«

»Laß deine Selbstachtung eine Abmagerungskur durchmachen. Du machst sie langsam allzusehr zum Mastvieh. Weißt du, was es heißt, mit einer Sklavin durchzugehen?«

»Was meinst du, Großmutter?«

»Ohne Geld, meine ich. Das heißt umherirren, schimmeliges Brot essen und verdorbenen Wein trinken. Und wenn ihr zur Nachtzeit in eine Herberge kommt, heißt es: ›Wir haben zwei Sorten Betten – zu zehn und zu acht As. In denen zu zehn sind Rattenfallen aufgestellt.‹ Begriffen?«

Marcellus blickte finster vor sich hin. Er verabscheute den frivolen Ton, der den Mitgliedern seiner Familie eigen war, und besonders verabscheute er ihn, wenn er selber davon getroffen wurde. Endlich sagte er ernsthaft: »Du könntest mir helfen, wenn du nur wolltest.«

Großmutter Papiria schüttelte den Kopf und ließ sich auf den Boden heruntergleiten. »Komm!« sagte sie. »Wir wollen die Sache besprechen.«

Sie gingen in das anstoßende Magazin, wo der Großmutter Leichenstein in einem soliden Plankenrahmen auf dem Boden lag. Papirius hatte ihn kürzlich anfertigen lassen, und er war mit solider Tüchtigkeit ausgeführt. Marcellus blieb stehen und las die Inschrift:

»Als erste erhob sie sich vom Lager, als letzte legte sie sich zur Ruhe. Niemals feierten ihre fleißigen Hände ohne triftigen Grund.«

Großmutter setzte sich auf den Stein und machte neben sich für Marcellus Platz. Sie schnaubte verächtlich: »Laß den Unsinn sein! Puh – du riechst toller als zwei Leichenbegängnisse. Was ist das für ein Zeug, womit du dich salbst? Und nun hör zu, mein lieber Junge: Du sagst wohl, daß ich dir helfen könnte; aber das kann ich nicht. In Geschäftssachen misch' ich mich nicht. Wenn wir von deinem Vater verlangen, daß er uns versorgt – und gut versorgt –, dann können wir billigerweise seine Dispositionen nicht durchkreuzen. Keinesfalls, ohne ihm einen Weg zum Ersatz zu zeigen. Schlag dir diese Grillen aus dem Kopf!«

»Aber sie ist so jung und unerfahren.«

»Um die Zeit, wo sie erwarten kann, Mutter zu werden, wird sie genau so alt sein, wie deine Mutter war, als du zur Welt kamst. Und was Erfahrung betrifft, so fehlt die jeder Frau, bevor sie Mutter wird.«

»Es ist unmenschlich, ein Mädchen einem wildfremden Strolch von Preisringer, oder was er nun ist, in die Arme zu werfen.«

»Strolch oder nicht Strolch – lieber Junge: wir haben keinen verstandesmäßigen Maßstab, nach dem sich solche Unterschiede festlegen ließen. Namentlich wenn es Leute angeht, die wir überhaupt noch nicht gesehen haben. Man kann sich leicht ein Schema machen, nach dem die meisten der Löwen aus Roms oberen Zehntausend unverkennbare Banditen sind. Und was ›nicht kennen‹ anbetrifft, genügt es zu bedenken, daß auch ich, praktisch gesprochen, deinen Großvater gar nicht kannte, als ich ihm ›in die Arme geworfen wurde‹. (Möchte nur wissen, wo du die Redensarten hernimmst für den sentimentalen Schwulst!) Und deine Mutter wurde deinem Vater per Korrespondenz verlobt ... äh, zwischen deren respektiven Eltern. Deine Mutter und ich, wir haben unsere Kinder mit gutem Humor in die Welt gesetzt, und es ist uns kein Gedanke daran gekommen, daß dies eine brutale Behandlung gewesen sei. Der Unterschied dazwischen, wie wir unsere Kinder und wie wir unsere Sklaven behandeln, ist meistens Einbildung, und diese Meinung kommt nur von der modernen Schwäche her, die der Verderb unseres Geschlechtes ist. In diesem Fall genießt das Mädchen noch dazu den Vorzug vor den meisten – sowohl Sklaven als Freigeborenen –, daß sie die Wahrscheinlichkeitsgarantie hat, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen; denn die liegt doch darin, daß sie einen kräftigen, wohlgebildeten, mit ärztlichem Gesundheitsattest versehenen Vater dafür kriegt. Für eine Stadt, in deren Fluß die kleinen umgebrachten Schwächlinge nur so herumschwimmen, ist das wahrhaftig nicht so wenig.«

»Besonders, wenn das Kind schon lange vor der Geburt verkauft ist ...!«

»Du entwickelst dialektische Begabung, lieber Sohn! Wenn du so weitermachst, endest du folgerichtig noch als Advokat. Aber vorher wird dir das Leben einigermaßen die geschäftsmäßige Einstellung beigebracht haben, die ich dir ganz vergebens beizubringen suchte.«

»Und eine kleine Nußschale voll Takt – besonders, wenn du von deinem Vater sprichst!« erscholl der Baß des Papirius hinter ihnen, und dieser Ausspruch wurde von einem schallenden Lachen begleitet, aus dem man sah, daß er noch stärker berauscht war als in der Regel um diese Tageszeit.

Beide erhoben sich, allein Papirius nötigte sie, sich wieder zu setzen. Er selbst stand schwankend und schlucksend vor ihnen und hielt sich im nötigen Gleichgewicht nur mit Hilfe von Großmutters Peitsche, die er in der Müllerei aufgehoben hatte, damit die Mühlsklaven aufzumuntern. Und dieser schwankende Trunkenbold tat sich darauf etwas zugute, da alle seine Geschwister längst gestorben waren, außer Marcellus der einzig noch lebende Papirius aus der patrizischen Linie zu sein, und erinnerte sich überdies gern an jenen Lucius Papirius Cursor, der fünfmal Konsul und auch Diktator gewesen war. Sogar im schlimmsten Rausche konnte dieser Mann mit großer Weitschweifigkeit über alle bekannten und auch etwelche unbekannten und bis zur Unglaublichkeit merkwürdigen Begebenheiten aus dem zweiten Samniterkrieg Rechenschaft geben.

Papirius wurde allgemein als eine tadellos normale Ausgabe jenes Jahrgangs von Stutzern betrachtet, der sich unter der Herrschaft der zünftigen Grundsätze jener Zeit verheiratete, da die schottische Grenzmauer errichtet wurde. Als solcher hielt er starr am Zweikinder-System fest, einer häufig verfochtenen Theorie, die gerade damals wieder sehr im Aufblühen begriffen war. Als ihm aber sein Erstgeborener vor die Füße gelegt wurde und er sich klarmachte, was für ein Schwächling das Geschlecht weiterzuführen berufen war, hob er das Kind allerdings auf, gab es aber schnell wieder ab und schwur einen heiligen Eid, daß dieser Scherz nicht noch einmal gemacht werden solle. So blieb Marcellus dann sein einziges Kind – ein Kind, das vom Vater mit freundlicher Verachtung behandelt wurde und von der Mutter – wenn Papirius dabei war – als ein Dummkopf und als etwas, wofür es einer Entschuldigung bedarf.

Das Gesicht des Papirius sah merkwürdig aufgeschwemmt aus, so etwa wie die Beine eines Walkers. Wenn er betrunken war, glänzte es gleich nassem Leder. Marcellus musterte es jetzt sorgfältig; allein es stand unklar vor ihm wie ein Traumgesicht, oder als sähe er es durch den Rand einer geleerten Flasche. Da sich der Mund zum Reden öffnete, wirkte es, als ob sich dabei im Gegensatz zu andern Gesichtern der Oberkiefer bewegte. Der Mund sagte: »Du hast einen Fehler, Marcellus!« Fragend schaute der junge Mann auf. Das Gesicht lächelte spöttisch: »Ich begreife dein Erstaunen; aber du hast also einen Fehler – einen Hauptfehler. Nämlich die Gabe, eine Tatsache schnell zu erfassen, sie zu registrieren und sie zu verlassen, um zu einer neuen überzugehen.«

»Ich begreife nicht recht«, warf Marcellus ein.

»Das habe ich auch gar nicht erwartet. Wir wollen also ganz langsam vorgehen: du bist bekanntlich ein Dichter. Darin liegt nichts prinzipiell Verkehrtes. Mancher Ehrenmann ist aus Liebe zur Sache oder aus persönlichem Pech der Dichtkunst ins Garn geraten. Aber du schreibst zum Beispiel Gedichte über Spatzen, nicht?«

»Ich habe eins geschrieben.«

»Was genau um eins zuviel ist. Nach des Catullus Klage über den bekannten toten Spatz brauchen wir nichts weiteres von der Art – besonders da es bekanntlich so beschaffen ist, daß es sicherlich zur Todesursache des Tierchens geworden wäre, wenn nicht der Tod es schon vorher ergattert hätte. Aber bei deiner – mit Respekt zu sagen – klebrigen Natur bleibst du an dem Vogelkadaver hängen: – statt deine Selbständigkeit dadurch zu zeigen, daß du einen Papagei besingst. Verstehst du mich?«

»Kein Wort!«

»Du machst es auf die gleiche Art bei andern Dingen: du hörst von einer Sache, die deinen sogenannten Ansichten widerspricht; und da du – immer in den Fesseln deiner Natur – sie weder in Ordnung bringen noch aufgeben kannst, bleibst du an ihr hängen. Du schwatzest und läßt deine Umgebung an unehrerbietigen Theorien über deinen Vater teilnehmen ... und das überdies, nachdem dir Euphemus mehr als zehn Jahre lang einzuprägen versucht hat, daß man mit seinen Eltern Geduld haben muß, weil sie auf die Erfahrung einer Generation weniger bauen können, als man selbst ...«

»Aber ich muß doch zu den Ansichten stehen, die ich mir selbst erwerbe.«

»Wenn andere keine besseren haben – ja! Deine frauenzimmerlichen Ansichten sind schon aufgetaucht, als deine Großmutter noch in Tibur herumstolperte und mit Puppen spielte; aber was damals ein Fußpfad war, ist heute eine Landstraße geworden, und Landstraßen machen die Erde öd. Übrigens, all das Gerede von eigenen Ansichten, neuen Ansichten, neuen Wertschätzungen – das alles zusammen hat seinen Grund in dem Mangel an Stabilität, woraus entspringt, was man so Moden nennt – die affige Neigung mancher Menschen, daß sie immer etwas Neues haben wollen. Das ist ein Ausfluß der Unreife.«

»Ich verstehe nur immer noch nicht, was das mit Ruth zu tun haben soll.«

»Das kommt schon noch. Als ich dich vorhin so reden hörte, ist es mir klar geworden, daß ich deine Erziehung vernachlässigt habe. Kein junger Mann von wirklicher Erziehung würde sich über seinen Vater äußern, wie du es getan hast. Darum will ich dir ein paar Winke über elementare Lebenskunst geben. Sie läßt sich in zwei kleine Regeln zusammenfassen: erstens, beizeiten aufbrechen, verstanden? Also gehen, während man noch zu bleiben genötigt wird. Das ist wohl nicht schwierig – was?«

»Nein, das ist recht leicht.«

»Jawohl; das heißt: es ist verdammt schwierig. Dazu gehört auch: ›Danke, nein!‹ sagen zu können, selbst wenn man recht gern noch ein bißchen hätte – verstanden?«

»Ich glaube wohl.«

»Die zweite Regel heißt: die Maske wahren! Selbst der größte Idiot kann hochkommen, wenn er es nur unterlassen kann, seiner Umgebung zuzublinzeln.«

Marcellus, der das Gefühl hatte, sein Vater halte ihn unbedingt zum Narren oder spiele mit ihm, bekam einen Wutanfall – aber es wirkte komisch – traurig, gleichsam als eine Wut, die akademisch demonstriert wird. Er sagte: »Soviel ich verstehe, willst du, daß man sich alle traditionellen Scheuklappen umbindet. Das hab' ich aber nicht im Sinn, und namentlich wünsche ich es so gut wie irgend möglich zu verhindern, daß das junge Mädchen zum Gegenstande der Brutalität gemacht wird, die du ihr antun willst. Magst du es nun Modernität nennen oder Mangel an Stabilität oder wie du willst.«

Papirius schluckste mit einer Andacht, die ihre Ursache darin hatte, daß dieser Laut als Seufzer gedacht war. »Diese Redensarten verhüllen nicht mehr als ein tarentinisches Hemd«, sagte er. »Was dahintersteckt, ist, daß du das Mädchen gern für dich selber möchtest. Das berechtigt dich aber nicht, das einfachste Anstandsgefühl und den gewöhnlichsten Takt außer acht zu lassen.« Er bekam einen kräftigen Schlucksanfall, was seinem Gesicht ein explosives Aussehen verlieh und ihm den Schweiß aus allen Poren trieb. Es dauerte ein Weilchen, bis er in seiner Vorlesung fortfahren konnte. »Takt ist eine heikle Sache, junger Herr! Und der Begriff ist nicht leicht klarzumachen. Aber wir wollen ihn einmal auf einem gewissen Gebiet betrachten – nehmen wir zum Beispiel: Selbstmord. Kommt ein Mensch zu dem Ergebnis, das Leben ist nicht wert, gelebt zu werden, so kann er es ja verlassen. Wenn er es aber auf die Weise tut wie neulich der Schatzkammerverwalter Trebius und sich an einem Lampenhaken vor der Schlafzimmertür seiner Frau so erhängt, daß ihr seine Stiefelschnauze in dem Augenblick aufstoßen muß, wo sie am Morgen ein Liedchen summend über die Schwelle tritt – so ist das jedenfalls nicht taktvoll. Selbst sein bester Freund wird das nicht taktvoll heißen. Wenn er dagegen, wie der bekannte Naturforscher Empedokles, am Kraterrand des Ätna herumkrabbelt und aus reinem, klarem Mangel an wissenschaftlichem Maßhalten das Gleichgewicht verliert – ja, das ist Takt. Selbst sein schlimmster Feind könnte nichts anderes behaupten.«

»Du bist betrunken!« stellte die Großmutter fest. »Komm zur Sache, wenn dazu noch etwas zu sagen ist!«

»Wir haben uns überhaupt nicht weit davon entfernt. Die Sache ist ja, daß unser Freund Marcellus von den drei Regeln der Lebenskunst: den Takt zu wahren, beizeiten aufzubrechen und die Maske aufzubehalten – nur die letzte beherrscht. Und seine Maske ist nicht amüsant. Und gäbe es auch keine anderen Gründe, so muß ich an meinem Entschluß wegen des Mädchens schon festhalten, um ihn dies Abc zu lehren.«

Wenn Marcellus etwas überlegter vorgegangen wäre, hätte er die Sache vielleicht doch noch gewinnen können; aber er vergaß sich und rief wieder in heller Wut: »Du verstehst von den Menschen genau soviel wie der Esel vom Lautenspiel; aber wisse, des Mädchens und seiner Mutter Fluch werden das Haus treffen, wenn du nicht von deinem Vorsatz abstehst!«

»Deswegen juckt mein Ohr mich nicht«, sagte Papirius und gähnte dazu. »Und deine Betrachtungen laufen im Kreis herum. Früher oder später wird das Mädchen ja doch die Erfahrung machen, daß ein Kuß nicht immer der Gipfelpunkt einer erotischen Kurve sein muß, und es gibt Mädchen genug, die eines Tages dastehen wie Büsche, die das grasende Vieh verschmäht hat.«

»Sie kriegt den Tod davon!«

»Dafür dürfen wir uns der Aussicht freuen, dich einige hundert Jahre zu behalten – nach der haushälterischen Art zu urteilen, wie du mit deinen Kräften umgehst. Wirst du heute gar nichts arbeiten?«

»Doch – nein – das heißt, ich weiß es nicht! Aber sag mir, ist alles das, was du gesagt hast, aufrichtig gemeint?«

»Ich bin so aufrichtig wie die Lokalitäten eines Nachtklubs um die dritte Stunde!« erklärte Papirius und begab sich mit unsicheren Schritten ins Hauptgebäude hinüber. Seine Schultern sahen aus, als ob er lache.

»Du hast einen schwachen Kopf und einen starken Glauben«, sagte die Großmutter trocken. »Hast du jemals ägyptisches Bier getrunken?«

»Ein einziges Mal.«

»Gut. Es geht mit den sachlichen Ansichten deines Vaters wie mit dem ägyptischen Bier: man muß sich daran gewöhnen ...!«

»Hättest du Ruth weinen sehen, Großmutter ...!«

»Nichts trocknet so rasch wie eine Träne, und die meisten Kümmernisse beruhen auf einer verkehrten Abschätzung der Dinge. Jedes Maultier meint, daß seine Last die schwerste sei.«

»Du sprichst die ganze Zeit, als ob es eine Schwäche wäre, wenn einer versucht, die Menschen menschlich zu betrachten – ja, beinah eine Lächerlichkeit.«

»Wir wandeln auf der Erde, mein lieber Junge. Und bedenke: das Kamel, das ein Horn für sich verlangte, hat dadurch auch die Ohren eingebüßt.«

In diesem Augenblick hatte Marcellus den vagen Eindruck, als ob ihm die Großmutter zublinzele, und im nächsten Augenblick war er dessen sicher. Sie steckte ihm einen alten Geldbeutel aus rotem Ziegenleder in die Hand und sagte freundlich: »Ich glaube, ich an deiner Stelle ginge jetzt in den Zirkus. Du darfst dir wohl einen Mundvoll frische Luft gönnen.«

 

Eigentlich kommt es darauf an, eine wie bedeutende Umgebung man gewohnt ist, um zu entscheiden, ob man den Zirkus ein Gebäude oder eine Stadt nennen will. Marcellus, der nur dort gewesen war, wenn sich einige hunderttausend Zuschauer zu ihren Plätzen hinein oder von ihnen heraus drängten, fand die Räume ziemlich bedrückend, als er durch ein Gewirr von Arkaden dem Haupteingang der Ställe zuschritt. Erst als ihn eine mit zerbrochenem Marienglas beladene Fuhre fast überfahren hätte, dämmerte ihm die Erkenntnis, daß es vielleicht keine ganz einfache Sache sein möchte, den krank gemeldeten Wagenlenker aufzufinden. Ein Mann kam ihm in den Sinn, der das ganze Leben lang mit keinem Fuß über das Gebiet des Zirkus hinausgekommen war. In einer Stallkammer geboren, hatte er als Junge während der Vorstellungen Obst verkauft, war später Stallknecht, Fuhrmann, Magazinverwalter, Maschinenmeister und Direktor des Mietbüros für die Buden geworden. Er hatte sein Leben an einem Kreuz in der östlichen Ecke der Fouragemagazine beschlossen, weil zwei ältere Winkelastrologen, die sich mit der Miete etwas im Rückstand befanden, von ihm kurzerhand niedergeschlagen worden waren.

Marcellus wendete sich an einen Wahrsager, der mit ein paar Kollegen zusammensaß, einen Bissen Brot und ein Endchen Wurst zu verzehren; aber weder er noch die anderen Propheten wußten Bescheid. Etwas später fand er sich selbst hinter einer langen Reihe von Pferden im Gespräch mit einem Stallknecht. Dieser war beim Striegeln und klopfte in kleinen Zwischenräumen den Striegel auf dem Fußboden aus, wo ein grauer Streifen anzeigte, wie weit er in der Reihe gekommen war. Als ihm allmählich aufging, um wen es sich drehte, verfinsterte sich sein Gesicht, und er sagte mit einer Miene, die lebhafte Trauer darüber ausdrückte, diesen Namen in den Mund nehmen zu müssen:

»Maës ist grün.«

Marcellus, der in seiner Unschuld nicht gewußt hatte, daß er sich im roten Stall befand, entschuldigte sich sehr und eilte in den grünen, wo er gerade recht kam, zu erfahren, daß Maës soeben auf der andern Seite hinausgegangen war.

Der havarierte Wagenlenker hatte sich den ganzen Morgen in den Ställen herumgetrieben. Er war wegen seines gebrochenen Armes nicht weit von einem hysterischen Anfall und hatte sich eben entschlossen, in die Konditorei der feilen Dirnen hinüberzuwechseln, um dort die Mädchen aufzuziehen. Damit ist keine Anstrengung verbunden, und das sportliche Moment spielt keine große Rolle. Für einen Durchschnitts-Makedonier wie Maës handelte es sich nur darum, einer angeborenen nationalen Begabung ihren Lauf zu lassen; – hat sich so einer noch dazu kürzlich den Unterarm gebrochen, so ist seine Aufgabe eher die, sich zurückzuhalten, um die Sache nicht durch Übertreibung schlimmer zu machen. Maës war sich dieser Aufgabe bewußt, und er hatte das unverdiente Glück, die Zwillinge Perilla und Palla in einem tiefsinnigen Gespräch mit der Mulattin Sabina vorzufinden, das sich um die Frage drehte: kurzes oder langes Haar. Als der Wagenlenker eintrat, hatten sie sich gerade dahin geeinigt, daß langes Haar entweder als ein Ausfluß fortgeschrittener Geistesschwäche anzusehen sei oder als Reklame für eine Tugendhaftigkeit, die schon an Heiligkeit grenze.

»Nicht wahr, Maës«, sagte das Negermädchen mit einem Mund voll Kuchen, »wenn man nicht Vestalin ist oder so verdorben, daß man sich den Schild der Frömmigkeit vorhalten muß, sind lange Haare einfach lächerlich ...?«

»Ach – ich weiß doch nicht«, sagte Maës gedehnt, während er sich den Rest von Sabinas Kuchen in den Mund stopfte. »Warum bist du übrigens nicht unter die Vestalinnen gegangen?«

»Dummkopf!« sagte sie mit überzeugendem Nachdruck. »Warum bist du nicht Konsul geworden? Weil du ein räudiger Makedonier bist, der nichts gelernt hat – außer ein Paar Pferde zu lenken. Wenn du viere vor dir hast, fällst du vom Wagen und brichst dir die Knochen. Will nicht das Wickelkind«, klang es sehr zärtlich, »das nächste Mal sich lieber Esel vor den Wagen spannen?«

Maës ergriff ihr Handgelenk mit der Linken, und es ist nicht zu sagen, was geschehen wäre, wenn sich nicht Palla mit ihrer achtzehnjährigen Würde ins Mittel gelegt hätte. »Ruhig, Kinder!« sagte sie. »Seid nicht so albern! Sag uns jetzt, Maës, was du über kurze Haare denkst!«

»Hm – das kann man ja nicht so ohne weiteres beantworten. Manchen steht es, und manche sehen gräßlich damit aus. Sabina zählt nicht mit. Mit solch einer krausen Perücke ist man hoffnungslos unmöglich, ob man sich nun die Haare abschneidet oder sie wachsen läßt.«

Er fuhr mit der Hand in die besprochene Wollperücke und schüttelte sie sanft, während des Mädchens breit lächelndes Gesicht hin- und herfuhr, bis es sich schließlich an dem verbundenen Arm zur Ruhe legte. »Bei dir, Palla, gibt's keinen Zweifel. Dein Nacken ist hübsch genug, obgleich ich in Athen schönere gesehen habe, und deine Haare sind auch weich genug. Mit Perilla steht es anders – ich weiß nicht recht, was schuld daran ist, aber irgendwo fehlt es. Vielleicht daß eine Locke hinter jedem Ohr da etwas helfen könnte. Die haben bei anderen schon Wunder gewirkt. Trotzdem mein' ich, du solltest dir das Haar wachsen lassen. Irgendwer muß doch noch langes Haar haben.«

»Aber kurze Haare sind praktischer«, wendete Perilla ein.

»Ja – es küßt sich bequemer damit«, gab Maës gutmütig zu.

»Und es ist modern!« sagte Palla.

In diesem Augenblick fuhr Sabina mit einem Satz in die Höhe. »Du, Maës!« sagte sie. »Kürzlich war ein alter Philosoph hier. Wie heißt er doch gleich? Ja, der ›klitschiges Brot‹ gerufen wird. Der hat gesagt, daß man einen Bart bekommt, wenn man sich die Haare schneiden läßt. Stimmt das?«

Maës nickte. »Bekannte Sache«, sagte er. »Das hat man in Ägypten vor zwölfhundert Jahren schon gewußt. Es fängt mit einem leichten Flaum an. In zwei, drei Jahren breitet er sich über die ganze untere Hälfte des Gesichts aus, und noch ein paar Jahre später wäre jeder Räuber in den Sabinerbergen stolz darauf, wenn er mit euch Köpfe tauschen könnte.«

Sabina schüttelte sich. »Das ist ja furchtbar!« rief sie.

Perilla aber war nicht so leicht zu schrecken. »Das ist ja Unsinn!« sagte sie. »Schneidet man Haar oder Bart, so wachsen sie davon nur kräftiger – an der gleichen Stelle natürlich. Das andere kannst du Kindern weismachen; – und auch die dürften noch nicht so groß sein, daß sie in den Bädern Eintrittsgeld zahlen müssen.«

»Vorausgesetzt, daß nicht der Agrippiner dort an der Tür auch hingeht«, warf Maës ein, und drei Paar professionell unehrerbietige Mädchenaugen hefteten sich wie Saugnäpfe auf Marcellus, der auf seiner Suche allmählich in der Konditorei der feilen Dirnen angelangt war und, während er seine Augen an das Halbdunkel des Raumes zu gewöhnen suchte, die Tür verdunkelte.

»Was ist ein Agrippiner?« fragte Sabina.

»Das ist ein Kind, das gegen die Ordnung der Natur mit den Beinen voran auf die Welt kommt. Hast du denn nicht Naturgeschichte gelernt?«

»Ich habe von den zoologischen Phänomenen, die hierher kommen, eine Masse gelernt«, sagte das Mädchen fromm.

»Bis neun Uhr ist hier geschlossen, hochverehrte Balsambüchse!« rief Palla Marcellus entgegen, der sich jetzt orientiert hatte und auf ihren Tisch zukam.

Marcellus grüßte mit einer Würde, die jenem Lucius Papirius Cursor, der in Verbindung mit dem zweiten Samniterkrieg ehrenvoll genannt wird, wohl angestanden hätte, und fragte mit der kühlen Höflichkeit, die Eindruck auf jeden Menschen machte, der ihn zum erstenmal sah: »Habt die Güte, mir zu sagen, ob ihr den Wagenlenker Maës gesehen habt, den Makedonier, der sich beim Fahren einen Arm gebrochen hat.«

»Ja, den Göttern sei Dank!« lachte Sabina. Ihr Krauskopf lag noch immer auf dem kranken Arm.

»Ja, darauf kannst du getrost deine Augen verwetten!« antwortete Perilla kurz. Die sanfte Palla ergriff schweigend seine Hand und streichelte ihre Wange damit. Maës sagte förmlich: »Hier sitzt er!«

Alle diese Antworten erklangen zur gleichen Zeit, und Marcellus wendete sich sofort dem Gegenstande seines Suchens zu. Jetzt erst bemerkte er, daß nicht nur der Kopf eines Negermädchens an des Mannes Brust lag, sondern außerdem ein mit einem breiten Lederriemen geschienter Arm. Er sah auch, daß Maës ein Mann von kräftiger und wohlgepflegter Muskulatur war. Überdies schienen seine Augen klar und sein Lächeln hell wie eines Kindes Lächeln. Als Marcellus sich vorstellte, richtete sich der Makedonier auf, schob das Mädchen sanft von sich und grüßte mit einer Ehrerbietung, wie sie Marcellus zu seinem Erstaunen nicht selten erwiesen wurde, wenn er seinen Vatersnamen nannte.

»Du bist wirklich ein Papirius? Und bist nur hergekommen, um mit mir zu reden! Statt einen Boten zu schicken.«

Marcellus nickte. »Ich wünsche mit dir persönlich zu reden«, sagte er. »Gibt es hier einen Ort, wo wir das ungestört können?«

Maës machte eine weitausgreifende Armbewegung. »Ach, wir sind hier ganz unter uns. Die können schweigen. Sprich frei von der Leber – wenn es sich nicht ...« Er machte rasch ein Zeichen mit beiden Händen.

Marcellus schaute verständnislos drein. »Es handelt sich um eine junge Sklavin, die du ... die du heut abend besuchen sollst.«

»Bei dem hinkenden Gott! Das hätte ich beinah vergessen.«

»Ich komme, dich zu bitten, du möchtest mir bei einer Regelung der Angelegenheit behilflich sein, daß wir – nun, du verstehst mich schon – wohl eine Quittung für deinen Besuch bekommen; ohne daß aber – na, wir wollen sagen: ohne daß er wirksam wird. Bin ich deutlich genug gewesen?«

»Das glaub' ich schon. Ich soll zur einen Tür hinein und zur andern wieder hinauspraktiziert werden? Gut. Dein Vater weiß also nichts davon?«

»Nein, gar nichts. Ich selbst will dich empfangen und für alles übrige sorgen.«

»Auch für das Kind?«

»Auch für das Kind – jawohl!«

»Bist du dir klar darüber, daß es zum voraus schon verkauft ist? Und daß dies als Betrug bestraft wird, wenn man dich erwischt?«

»Mag sein. Aber dieser Betrug wird auf alle Fälle belohnt als ein ... als ein wertvoller Dienst.«

Maës warf einen ratlosen Blick auf ein Wandbrett, darauf ein Bild der Pferdegöttin Epona stand. Er bemerkte verdrießlich: »Deine Worte schwimmen wie die Leichen ertrunkener Weiber mit dem Gesicht nach unten.«

Ohne ein Wort zu sagen, zählte Marcellus fünfzig Denare in zwei Häufchen hin und spitzte seine Lippen. Auf des Wagenlenkers hoher Stirn perlte der Schweiß. Er schielte nach den Geldhäufchen, dann zu den Mädchen und schließlich wieder gegen die Epona hin. Da keine dieser Autoritäten ihm seinen Zweifel abzuschneiden vermochte, stand er auf und ging langsam und nachdenklich zwischen den Tischen hin und her. Er trug eine strammsitzende grüne Tunika mit roten Ärmeln, Marcellus schätzte ihn auf hundertneunzig Pfund Knochen und Muskeln. Die freie Hand an dem breiten Dolch im Gürtel, wanderte er auf und ab, und bei jedem Schritt, den er machte, hörte man aus seinen Kleidern heraus den schwachen Klang eines der Glöckchen, die dazu dienten, die Pferde vor Verzauberung zu schützen. Plötzlich brach er seine Wanderung ab und setzte sich mit einem befreiten Lachen nieder.

»Das gibt's bei mir nicht, lieber Herr.«

Marcellus biß sich vor Enttäuschung und Angst auf die Lippe. Er fühlte, jetzt galt es, jetzt oder nie. Da dröhnte durch das Gebäude das Signal, das das Nahen der neunten Stunde verkündete: ein harter Keulenschlag auf einen irdenen Zylinder. Marcellus setzte noch einen Stapel Geld neben die anderen. »Überleg es dir wohl!« sagte er heiser. Maës wurde rot. Sein Gesicht war von Zorn verzerrt, er hob den Arm, als wolle er das Geld auf den Fußboden streifen ... Und dann geschah etwas sehr Seltsames: Marcellus bekam unerwartet einen Verbündeten. Gerade als Maes den Arm bewegen wollte, wurde dieser mit einem Ruck festgehalten. Überrascht sah er in Sabinas erhitztes Gesicht. Ihre Lippen waren feucht, und ihre Augen standen voller Tränen. Sie war aufgestanden, faßte nach seiner Tunika und stöhnte:

»Mir ist es gleichgültig, ob du das Geld nimmst oder nicht; aber ich will nicht ... ich will nicht, daß du zu dem verfluchten Mädel gehst. Nein, schweig! Und wenn es auch nur ein einziges Mal wäre. Halt den Mund! Wenn du es tust – wenn du es tust – ich weiß nicht – ich glaub', ich bring' dich um!«

Verblüfft sah Marcellus diesem Auftritt zu. Seine Kenntnisse von Straßendirnen und den hundert andern Klassen von Venuspriesterinnen waren im wesentlichen theoretisch. In seinem Innern bildete sich jetzt langsam ein etwas festeres Bild von den kleinen Fohlen Aphrodites. Da der Gong mittlerweile zwei Schläge in die Luft hämmerte, wurde seine Betrachtung durch den allgemeinen Aufbruch unterbrochen, und Marcellus und die drei Mädchen schielten zu Maës hinüber. Der große Makedonier sah düster vor sich hin.

»Nein – ich bin kein Spitzbube!« sagte er dann. Mit einer kurzen Bewegung schob er die Mulattin von sich, verließ mit festen Schritten das Lokal und ging den Ställen und dem beruhigenden Leben dort zu. Sabina ging hinter den beiden andern Mädchen auch hinaus. Ihr Körper war vom Weinen erschüttert; aber in der dicken Lage von weißem Sand, der den Boden bedeckte, stand der deutliche Abdruck ihrer Sandalennägel:

»Folge mir!« stand da – wie in jedem Sandalenabdruck.

»Folge mir!«

»Folge mir!«

»Folge mir!«

Marcellus wendete sich um, als er wieder unter den Gewölben des Zirkus stand – mitten zwischen Buden, Wechselkontoren und Weinstuben. Über der Tür, zu der er herausgekommen war, stand im Schein von vier roten Lampen:

HIC HABITAT FELICITAS.

Hier wohnt die Lust ... die Lust ... die Lust ... Er lehnte den Kopf an einen steinernen Pfeiler in der Nähe des Ausganges, vergaß, daß er ein großes, erwachsenes, heiratsfähiges Mannsbild war, und fing zu weinen an – ratlos und bebend wie eins von den betrübten Fohlen Aphrodites.

 

Er kam dadurch zu sich, daß zwei Finger ihm fest in die Schulter stachen, und als er sich umdrehte, schaute er in das Gesicht eines alten, mageren Hundsphilosophen mit einem Kopfkissen unter dem Arm. Merkwürdig konnte es einem an diesem Alten scheinen, daß er reinlich, beinahe zierlich gekleidet war. Seine Kutte war ganz und rein, sein Bart schön gestutzt, und seine Füße waren ebenso sauber wie seine Hände. Er sah Marcellus mit aufmunterndem Lächeln an; aber dieser beantwortete seinen Blick nur mit Widerwillen, selbst als der Alte sagte: »Ich hoffe, du hältst mich nicht für zudringlich. Wie du siehst, bin ich einer von den Hunden. Ich heiße Orbilius, und ich sah dich weinen.«

»Laß mich in Frieden!« begehrte Marcellus auf.

»Ja, wenn du Frieden hättest!« erwiderte der Hund, der gleich allen seinen Brüdern geneigt war, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts angingen.

»Was willst du von mir?« fragte der junge Mann ärgerlich.

»Ich will dir geben, was du wünschest – Frieden. Komm mit mir!« Und das Kopfkissen unter dem einen Arm und den Stab in der Hand, begab sich der Hund in das brausende Leben auf dem Platz vor dem Zirkus hinaus. Sein Gang erinnerte an den eines Menschen, der gegen einen Sturm ankämpft. Etwas vorgebeugt, zögernden Schrittes bewegte er sich von der Stelle. Einen Augenblick sah es aus, als wolle er stehenbleiben, aber dann faßte er einen Entschluß und steuerte direkt auf den Tiber zu. Sein graues Haar flatterte im Lenzwind und wurde von der Nachmittagssonne vergoldet, nicht ein einziges Mal schaute er zurück.

Marcellus sah ihm zornig nach und folgte ihm.

Die Bettelmönche des Altertums, die Kyniker, verbreiteten sich in diesen Jahren schlimmer als die Spatzen. Wohin das Auge fiel, stieß es auf einen Mann in zerlumptem Mantel – wenn nicht eine Bärenhaut dessen Stelle vertrat –, mit ungepflegtem Haar und Bart und dem unvermeidlichen Stab. Aber im gleichen Maß, wie sich die Schar der Kyniker vermehrte, nahm ihr Ansehen ab. Es war jetzt keine Freude, Kyniker zu sein. Der Achtung vor ihnen stand es im Wege, daß man nicht mehr an ihre Bedürfnislosigkeit, Weltentsagung und Erhabenheit über menschliche Schwächen glaubte. Man sagte, sie seien frech und faul, sie glichen Diogenes nur noch in ungehobelter Zwanglosigkeit, und ihr ganzer Kynismus bestehe in Stab und Ränzel, großem Backenbart, grobem Geschimpf und der Schaustellung breiter Schultern. Man behauptete, entlaufene Sklaven und Taugenichtse, die es zu sauer deuchte, sich ihr Brot durch ein ehrliches Handwerk zu verdienen, befaßten sich mit dieser bequemen und einträglichen Bettelei. Es hieß, man fände manchmal Goldstücke, Spiegel, Salben und Würfel in ihren Ranzen, ja, sie bettelten sich zuweilen gar so viel zusammen, daß sie sich Häuser und Grundstücke kaufen könnten.

Die wahren Kyniker, die liebenswerten antiken Kapuziner, hatten darauf nur eine Antwort, die zwar nicht auf sie selbst gemünzt war, aber auf die Leute, die bei ihnen schmarotzten: sie zerbrächen sich den Kopf, noch etwas herauszubringen, worauf sie verzichten könnten. Und so ging es zu, daß Orbilius eines Tages mit allen Zeichen der Scham sein Kopfkissen aus der Sandalenmachergasse, wo er wohnte, über den Nervaplatz und durch die Tuscerstraße zum Circus Maximus schleppte, wo die großen Auktionen abgehalten wurden. Hier wollten sich der Auktionator und seine Gehilfen beinahe totlachen über die Vermutung, daß noch irgend jemand Geld für eine solche alte Ruine von Kopfkissen bezahlen würde; und er selber mußte lachen, als ihm allmählich das Ungeheuerliche dieses Gedankens aufdämmerte. So standen die Sachen, als ihm auf dem Heimweg – bei dem ihn das unklare Gefühl begleitete, er hätte einen Treffer in einer unbekannten Lotterie gemacht – ein junger Stutzer in die Augen fiel, der seinen Kopf an eine der Arkadensäulen gelehnt hatte und weinte.

Orbilius überquerte die Märkte rasch und blieb erst auf dem Bollwerk zwischen der Pfahlbrücke und der Aemiliusbrücke stehen. Dieser Aufenthalt verfolgte aber nur den Zweck, sich zu vergewissern, ob Marcellus beständig hinter ihm herginge. Da es sich erwies, daß dies der Fall war, ging er weiter durch das flumentanische Tor hinaus und von da in der Nähe der Fabricius-Brücke schließlich an den Fluß hinunter. Hier legte er das Kopfpolster auf den Rand des Bollwerks, setzte sich darauf und ließ die Beine gegen den Wasserspiegel hängen. Das Wasser wogte angeschwollen und ockerfarbig um den Vordersteven der Tiberinsel mit dem schwarzgrauen Äskulaptempel und der Bildsäule Cäsars, drängte sich schäumend weiter unter den Brücken hindurch und floß, schwer von der Nachmittagssonne, abwärts, bis es mit einem letzten Aufglänzen im Schein der Glasfabriken bei der Probus-Brücke verschwand.

Auf einen, der vom Zirkusplatz und dem brausenden Lärm der Straßen herkam, mußte der Lärm auf dem Kai wirken wie eine gedämpfte Symphonie. Das muntere Scherzen der Fischer, während sie an Bord der dickbäuchigen Boote ihre Netze ausbesserten, vereinigte sich mit den Rufen der Händler, die Terrakotta-Trinkgefäße für Vögel feilboten, zu einem bezaubernden Eindruck von gebrochener atmosphärischer Süße. Hie und da mischten sich andere Laute darein – der Schlag von Rudern in das Wasser, Rufe von Kindern und das herzzerreißende Geschrei eines Mannes, der unter dem Gewicht eines Gestells daherwankte, das mit kleinen Demeterbildern beladen war, Figürchen aus weißem und blutrotem Jassos-Marmor, dem Stein, der gegen Unfruchtbarkeit wirksam sein soll. Eine Sklavenkolonne kam in schnellem Schritt mit Tragstangen heran, die schwer behängt waren mit Pferdegeschirr aus Leder und Metall – das alles wurde noch auf Booten verstaut, die ohnehin schon von Leinwandballen strotzten, von Medizinwaren und Gewürzen für die Bauern, die ein Stück flußaufwärts hausten. Eine Kommandopfeife schrillte, und eine Abteilung der Flußpolizei kam in langsamem Trabe näher, leicht kenntlich an ihren dicken Korksohlen und den schweren Ohrringen. Auf jeden Laut legte sich die würzige Lenzluft wie ein Dämpfer, sie teilte jeder Farbe etwas von ihrer Patina mit.

Ein Taucher, der unter Wasser gewesen war, den Beschlag des Wellenbrechers vor der Brücke zu untersuchen, teilte die Wasserfläche und kroch eine Treppe herauf. Ganz hingenommen betrachtete Orbilius diesen Taucher und bemerkte darum erst hinterher, daß sich Marcellus neben ihm niedergelassen hatte.

»Dein Gemüt ist etwas verdüstert, Freund«, bemerkte der Hund einleitend.

»Wie die Schüsseln bei einem Leichenschmaus«, antwortete Marcellus und starrte trübsinnig zum andern Ufer hinüber.

Der Hund betrachtete seine Nägel und sagte dann, als ob er es von diesen abläse: »Mädchen?«

Marcellus nickte schweigend und bedauerte, daß er mitgegangen war. Ihm ahnte instinktiv, daß der andere gerade dieses Wort mit der bewußten Absicht gewählt hatte, dem nahenden Trauerspiel Schellen anzuhängen.

»Abgeblitzt?« fragte der Alte. Das klang professionell, und Teilnahme war dieser Frage schwerlich anzumerken.

»Nein, im Gegenteil«, antwortete Marcellus. Und als ob er etwas recht schnell überstanden haben wolle, was ihm doch äußerst unangenehm war, zog er Ruths Brief heraus und überreichte ihn dem Hund. Zugleich setzte er ihm mißmutig das Mißgeschick auseinander, das ihn vom frühen Morgen an in seinen Bestrebungen verfolgt hatte.

»Wir gehen zuzeiten schlecht mit den Leben um, die uns hier in dieser Stadt anvertraut sind!« sagte Orbilius, und es klang beinah, als klage er sich selber an. Der alte Hund las den Brief gründlich durch, drehte ihn herum und beschaute auch das Wasserzeichen, als ob das gleichfalls von Bedeutung sein könnte. Als nun alle Möglichkeiten der Belehrung durch das Papier erschöpft waren, gab er es zurück und fragte: »Wer ist dieser Châmor, dein Vater?«

»Papirius heißt er. Er hat eine Bäckerei ganz oben bei Alta Semita.«

Der Hund sah nachdenklich vor sich hin. Die Erinnerung an etwas Altbekanntes ging ihm im Kopf herum und traf mit andern Erinnerungen von gleichem Alter zusammen. Sie bildeten zusammen eine lichte Kette von halbverwischten Bildern. Er lächelte und fragte: »Woher war deine Großmutter?«

»Aus Tibur!« antwortete Marcellus, und der alte Hund lehnte sich zurück und lachte gedämpft.

»Ach, wie klein die Welt doch ist!« rief er. »Deine Großmutter hieß Jallia Clementina, und es ist ungefähr – es war, als C. Calpurnius Piso und M. Vettius Bolanus Konsuln waren –, sagen wir, es ist fünfzig Jahre her, seit ich sie zum letzten Male küßte. Genau fünfzig Jahre – jawohl. Lebt sie denn noch?«

»Sie ist über die Maßen lebendig!« antwortete Marcellus, der von des andern Heiterkeit nicht angesteckt wurde. Nur aus Höflichkeit fügte er hinzu: »Ihr wart also ein Liebespaar?«

Der Hund wehrte ab. »Na, das ist etwas viel gesagt. Sie war eins von den Mädchen, die einfach mit jedem liebäugeln, nicht wieder gutzumachende Dummheiten aber nur mit Leuten begehen, die ökonomisch respektabel sind. Und das war dein Großvater. Ich erinnere mich, ihn einmal gesehen zu haben. Du gleichst ihm sehr.«

»Dann komm mit mir nach Hause und begrüß die Großmutter!« schlug Marcellus vor, und der Hund sagte sofort zu. Er wurde fast aufgeräumt bei dem Gedanken, seine Jugendfreundin wiederzusehen, und schwatzte viel. Dazu verbrauchte er aber nicht so viel Zeit, daß er nicht auch noch Zeit gefunden hätte, ein Schleppnetz unter den Kümmernissen des jungen Mannes hindurchzuziehen. Als sie über das Augustusforum gingen, waren die gröberen Umrisse der Sache schon heraufgeholt. An der Ecke des Befreiungsabhanges und der Langen Straße wurde während eines Besuches in den Magazinen der Bericht mit den intimeren Betrachtungen des Marcellus zu der Sache abgeschlossen, und der Hund wiederholte: »Jallia Clementina hat dir also ungebeten den Beutel mit dem Geld gegeben?«

Marcellus konnte das bestätigen. »Als ich ganz in die Ecke gedrängt war, gab sie mir ihn und eröffnete mir damit eine Möglichkeit ... die dennoch keine Möglichkeit war!«

»Und sie hat dir selbst vorgeschlagen, du solltest in den Zirkus gehen und mit Maës reden?«

»Sie schlug mir vor, in den Zirkus zu gehen, ja, aber mehr hat sie nicht gesagt.«

»Das macht keinen Unterschied. Jallia Clementina ist auf deiner Seite – eine mächtige Verbündete, wenn sie sich nicht sehr verändert hat, – was wohl, soviel ich merken kann, nicht zutrifft ... Wird dein Vater heute abend zu Hause sein, wenn Maës kommt?«

»Er ist abends nie daheim! Da hat er irgend etwas in der Stadt zu tun.«

»Ah, dann wollen wir schon sehen, daß sich etwas machen läßt!« versprach der Hund; und als ob das einen geheimen Zusammenhang ergäbe, fügte er sofort hinzu: »Und das Mädchen hat wegen Maës geweint ... ach ja ... wenn nur noch jemand um uns weint ... und solange man nur noch jemand hat, der um einen weinen könnte ... wir müssen für Maës und sein Mädchen etwas tun.«

Euphemus hatte eben einem Polizisten die Tür aufgeschlossen, als die beiden an das Haus gelangten. Es geschah zuweilen, daß Stafetten mit Depeschen zu Papirius kamen, von dem vermutet wurde, daß er Ratgeber bei der Materialpolizei wäre. Zum erstenmal fiel es Marcellus heute auf, daß sich Papirius den Polizisten gegenüber eines merkwürdigen Kommandotones bediente, und daß diese dabei eine ganz andre Haltung zeigten als beim Patrouillendienst. Der Polizist stand vor Papirius stramm, während ihm der einen etwa zwei Zoll breiten langen Lederstreifen aus der Hand nahm. Ohne auf die Eintretenden zu achten, befestigte Papirius ihn am einen Ende einer dicken Holzstange und rollte den Streifen spiralig so um sie herum, daß überall die Kanten aneinanderstießen. Endlich glättete er den Streifen und las dann an dem Stock entlang. Beim Lesen nahm sein schwammiges Gesicht eine verdrießliche Miene an, die Unterlippe schob sich vor, und die Augen wurden zu zwei runzelumkränzten Schlitzen. Als er mit Lesen fertig war, rollte er den Streifen ab, warf ihn dann in das Feuer, das auf dem Opfertische brannte, und vergewisserte sich auch, daß er ganz verzehrt würde. Hierauf gab er Euphemus einen kurzen Befehl, grüßte ebenso kurz zu Orbilius und Marcellus hinüber und verließ, nachdem er einen dicken Regenmantel umgenommen hatte, mit dem Polizisten das Haus.

Die Freude der Großmutter über das Wiedersehen kannte keine Grenzen. Alle drei gingen in die Küche hinaus, wo die Großmutter daranging, eigenhändig Kastanien zu braten; zuvor aber machte Orbilius noch einen Schnitt hinein, um sich auch nützlich zu betätigen. Es stellte sich heraus, daß sie auch früher schon bei gleicher Arbeitsteilung zusammengewirkt hatten. Das war ein halbes Jahrhundert her, aber das hinderte sie nicht, sich aller, auch der unwesentlichsten, Kleinigkeiten zu erinnern. Namentlich die alte Dame zeigte sich da unermüdlich, und der Hund nahm jede Erinnerung, die sie zurückrief, mit Sachkunde und Epikureerfreude auf die Zunge. Das letzte, was Marcellus hörte, bevor er für ein Weilchen hinausging, nach den Eseln zu sehen, war, daß die Großmutter sich beklagte: »Ja, es war eine schöne Zeit; aber küssen konntest du tatsächlich schlecht.« Worauf der Hund galant erwiderte, er sei jederzeit zur Gutmachung bereit. Marcellus hatte seine Lebtage noch niemals einen so ausgelassenen Seelsorger gesehen, und er war nah daran, es zu bereuen, daß er den Hund mit heimgenommen hatte.

»Warum bist du nicht bei Ruth?« fragte die Großmutter, als Marcellus wieder in die Küche kam. Die beiden Alten saßen jedes auf seiner Seite des Feuers und tranken Toddy. Sie saß in ihrer Lieblingsstellung mit emporgezogenen Beinen da und hielt die Trinkschale mit drei Fingern.

»Ich habe mit Maës gesprochen«, sagte Marcellus.

»Ja – das hör' ich!« erwiderte sie. »Ich habe ihm Botschaft geschickt, und die Quittung bekommen wir morgen früh. Dein Vater kommt vor Mitternacht nicht heim. Hol du jetzt das Mädchen, und laßt euch vor Morgen nicht mehr sehen.«

Orbilius hielt ihn auf, als er hinauseilen wollte, und sagte: »Ich habe deine Großmutter gefragt, was sie wohl gesagt hätte, wenn man sie mit sechzehn Jahren einem Riesenaffen hätte ausliefern wollen.«

Die Großmutter lächelte. »Und ich hatte Takt genug, das zu überhören. Wir sind so ungemein taktvoll hier im Hause.«

Orbilius fuhr fort: »Wir brauchen nur eine Richtschnur hier im Leben: gegen andere besser zu sein, als wir gegen uns selbst sind.«

Die Großmutter wurde noch spöttischer. »Und zu was hast du es bei dieser Lebensregel gebracht?«

»Zu einem Kopfpolster – Jallia Clementina!«

Die Großmutter schüttelte sich. »Und sich vorzustellen, daß man mit dir unter Umständen verheiratet sein könnte!«

Hier griff Marcellus in die Unterhaltung ein. »Übrigens ist Maës kein Riesenaffe. Er ist ein ungewöhnlich schöner Mann, und ihm gehört das reizendste Mulattenmädchen unter den feilen Dirnen im Zirkus.«

»Die kriegt er noch außerdem!« sagte Orbilius.

Die Großmutter sah verständnislos drein. »Was hast du damit zu tun?« fragte sie.

Und Orbilius antwortete langsam: »Das einzige, was ich tue, ist, den Menschen Steine aus dem Weg zu räumen, während sie leben, und ein Lächeln in ihre Seele zu gießen, wenn sie sterben müssen.«

»Wie wenig du dich verändert hast!« sagte die Großmutter. Und die beiden alten Menschenkinder, die doch noch nicht gar so alt waren, redeten miteinander, wie Menschen reden, wenn sie nach langer Zeit wieder zusammentreffen. Sie saßen noch am Feuer, als Balbilla schon Späne zum Anfeuern für den nächsten Morgen schnitt; und als Euphemus, nachdem er seinen Wachtrunk erhalten hatte, hinunter ging, die Heimkehr des Papirius zu erwarten, hatten sie einander immer noch etwas zu fragen oder zu erzählen. Erst als die Nacht dem Tage wich, ging sie vorsichtig, wie eine Henne im frühen Lenz über ihren Küchlein aufsteht, ihm mit seinem Kopfpolster voran in das Zimmer, das sie für ihn hatte bereitmachen lassen. Sie ließ den Kopf ein wenig hängen und sagte:

»Mach mir doch die Freude und zieh in unser Haus, damit ich sicher bin, daß du keine Not leidest.«

Aber er war unbeugsam. »Du würdest mich durch Verweichlichung verderben. Aber ich werde kommen und mit dir plaudern.«

»Sehr oft?« bat sie.

»Sehr oft!« versprach er.

Großmutter Papiria schluchzte ein wenig, als sie in die Küche zurückging. Dann fiel ihr ein, daß sie vergessen hatte, die Sklaven zu wecken, und lief eilends, ihr Schlüsselbund und ihren Stock zu holen. Einen Augenblick später gackerte ihre Stimme rufend durchs Haus.

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