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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 27
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

In den »Vier Säften« saß über den Tisch gebeugt ganz allein ein großer Mann in der Toga. Sein Kopf glich ... Wenn man sich einen verregneten Riesenfliegenpilz vorstellt, hat man sein Gesicht, und stellt man sich vor, daß sich zwei graue Waldschnecken nebeneinander in den Pilz hineingegraben hätten, dann hat man seine Augen.

»Das ist Papirius«, sagte einer halblaut zu einem andern Gast.

»Und nüchtern!« sagte ein anderer an dem gleichen Tisch.

»Sein Sohn ist doch der ...« begann ein dritter, aber es blieb beim Anfang; denn Papirius drehte ihm langsam sein Gesicht mit den ausdruckslosen Augen darin zu, deshalb verstummte er. Der Aufwärter brachte den Kühlapparat nebst Becher und Wein, mischte den Trank und sagte beiläufig: »Sieht nach Regen aus, Herr!«

Unter anderen Verhältnissen hätte Papirius vielleicht gesagt: »Was geht das dich an – du bist unter Dach und Fach!« Jetzt sagte er nichts. Dann entfernte sich der Aufwärter mit der Serviette unter dem Arm und würdevoller Miene. Es verfloß eine Stunde, es verflossen zwei. Gäste kamen und gingen, und neue Gäste kamen. Einmal trat der Wirt heran, um Papirius ein freundliches Wort zu sagen, aber es kam nicht dazu. Im entscheidenden Augenblick änderte er seinen Entschluß, er wischte einen Flecken von einem Stuhl ab und machte einen Bogen um den Tisch. Als er sich wieder wohlverwahrt hinter seiner Schranke befand, warf er einen vorsichtigen Blick auf den sonderbaren Gast, und da sah er Tränen über den Fliegenpilz herabrollen und auf dem Fußboden zerfließen.

»Maës hat geschworen, daß er ihn hat weinen sehen!« erzählte Verecundus eine Stunde später dem Fabius und der neuen Inhaberin von Priscillas Salzladen.

Schließlich kam das, worauf Papirius gewartet hatte.

Der Straßenlärm nahm ab, und die lange gefürchteten Töne erhoben sich – das Getrappel langsam schreitender Pferde ... dann Hornsignale ... dann eine Stimme, die eine lange Reihe von Namen verlas ... einhundertundsiebenundfünfzig Namen von Menschen, die wegen Verhöhnung der Götter nach Sardinien verschickt werden sollten ... endlich das kläglich mahnende: »Deos deasque blasphemare noli! Hüte dich, der Götter und der Göttinnen zu spotten!«

Und nun, während die Herolde mit ihrer düsteren Botschaft weiter durch die Stadt ritten, stand Papirius auf: jetzt, in diesem Augenblick, wurde Marcellus im kapitolinischen Gefängnis ausgepeitscht. In diesem Augenblick wurde er aus einem freien Mann zu einem Sklaven des Staates. Ein Papirius ausgepeitscht! Ein Papirius Sklave! Der letzte Papirius unheilbar entehrt!

»Dann stand er auf und zerriß seine Kleider und verfluchte seinen Sohn!« sagte Verecundus zu Fabius!

»Diese verdammten Galiläer!« erwiderte Fabius. »Marcellus war ein durch und durch anständiger Mensch.«

»Ein Frauenzimmer soll ihn verhext haben!« warf die Salzverkäuferin dazwischen.

»Selbstverständlich – was denn sonst!« sagte der Vogelhändler pessimistisch.

Es war am Abend des elften Novembers. Nach alter Gewohnheit versammelte sich an dem Abend die Kleiderhändlerzunft, um zu beobachten, wie das Siebengestirn am Himmel unterginge, und daraus zu entnehmen, ob man den Preis für Regenmäntel und andere Kleidungsstücke hinaufsetzen solle. Das Wetter war hell und klar, und schon daraus konnte Nigidius Vaccula das Resultat entnehmen. Außerdem war er kein leidenschaftlicher Zunftbruder, und so wollte er lieber die Buße für das Wegbleiben zahlen. Aber Elina nötigte ihn zum Gehen – und zwar noch vor der Zeit.

»Du brauchst ein wenig Zerstreuung«, sagte sie aufgeregt. »Und du darfst deinen Beruf auch nicht vernachlässigen. Geh jetzt endlich und laß mich in Ruh!«

Als er fort war, begab sie sich in das kapitolinische Gefängnis, aus dem sie erst in der Nacht zurückkehrte. Nigidius vernahm ihr Weinen, lange ehe sie hereinkam. Sie warf sich auf ein Ruhebett, und ihr Weinen war erschütternd.

»Sein Rücken!« jammerte sie schluchzend. »Sie haben – ihm – den Rücken – fast – zerbrochen! Sie haben – ihm – den Rücken – fast – zerbrochen! Sie – haben – ihm – den Rücken – fast – zerbrochen – und – als – ich – mit – ihm – sprach – sagte – er – kein – Wort. Aber – sein – Rücken – war – blutig – geschlagen – und – er – starrte – nur – in die – Luft – und – starrte – mich – an – als – kennte – er – mich – nicht – und sie weinten – alle miteinander – und – niemand – hatte – ihm den – Rücken – gewaschen. – Sie – hatten – ihn – ihm – fast zerbrochen ...«

In dieser Nacht weinte Nigidius Vaccula, wie ein Mann weinen kann, der seinen besten Freund zweimal zugleich verliert.

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