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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 25
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Es besteht natürlich ein großer Unterschied zwischen Warten und Erwarten. Man wartet auf das Essen und die Zeitung, und daß es bald Sommer werde; aber man erwartet den Augenblick, da man zum Richtplatz geführt werden soll, und man erwartet die Stunde des Herrn. Das Wort »erwarten« ist also gleichsam nur das Zeitwort »warten« im Sonntagsgewand. »Erwarten« ist durch ein Zusammentreffen von Frömmigkeit und Zuversicht entstanden. Und Marcellus erwartete Caecilia, sobald sie von seinem Schicksal erführe, ohne im allergeringsten an ihrem Kommen zu zweifeln.

Gleich von Anfang an kamen Frauen ins Gefängnis, die Brüder und Schwestern aufzumuntern, ihnen Essen zu bringen und ihnen das Gesicht, die Hände und die Füße zu waschen, so gut es sich machen ließ. Nur zu Marcellus kam niemand – wenigstens nicht sofort. Zu Marcellus nicht und auch nicht zu einem Manne, der bei dem lustig aufgelegten Teil der Gemeinde den Namen »Schönheitsfleck« trug. Sein wirklicher Name war Pegasus, und er war für das Bethaus in der Sandalenmachergasse eine wahre Prüfung gewesen durch seine regelmäßigen Rückfälle in rohe und ausgesucht plumpe Sünden. Auf der andern Seite aber war Pegasus stets zur Reue bereit gewesen, und so hatte man sich in der Schar der Bußfertigen allmählich an seine kleinen Widerwärtigkeiten und seine virtuose Zerknirschung gewöhnt. Natürlich gab es auch Leute, die immer auf den rückfälligen Mann mit dem Leichenbittergesicht loshackten und auf das Ärgernis hinwiesen, das er verursachte; aber Rab Chanina war nicht der Mann, der einen glimmenden Docht auslöschte. »Er ist wie ein harmloses Unkraut in einem wohlgepflegten Beet!« sagte er. »Wenn er großes Ärgernis erregen kann, so ist es nur ein Beweis dafür, wie ausgezeichnet das übrige in Ordnung ist.«

Die Moral dieses Ausspruches war offenbar noch gebrechlicher als das Bild. Dieses wurde denn auch von dem Diakon Primus dahin geändert, daß Pegasus ein Schönheitsfleck sei, der die zarte Haut der Gemeinde hervorhebe. Von da an lief Pegasus unter dem Namen »Schönheitsfleck«; aber er glich eher einer großen haarigen Warze in der etwas breitgezogenen Physiognomie der Gemeinde.

Es wäre eine Ungenauigkeit, wenn man sagen wollte, daß Marcellus sich freiwillig mit Pegasus zusammengetan hätte. Sie waren bei dem dichten Gedränge im Gefängnis gleichzeitig in einen Winkel unter dem Fenster gedrängt worden, wo sie aus Mangel an anderer Unterhaltung die Mannigfaltigkeit der Inschriften an den Wänden zu deuten versuchten. Es waren Ergüsse in den verschiedensten Sprachen, von denen viele unleserlich und mehrere nicht wiederzugeben waren; einige aber waren ganz deutlich und erzählten ein auf das kürzeste zusammengedrängtes Drama. Einer, der zur Schiffspumpe verurteilt war, hatte, schon im voraus das stinkende Meerwasser riechend, an die Wand geschrieben: »Die Kloaken wären besser gewesen.« Und eine Inschrift von Philetus fand sich auch. Da stand: »Philetus, Diener bei Jon in der Sandalenmachergasse. um Kreuz verurteilt. Und was kommt nachher?« Ein Nachfolger in dem Gefängnis hatte die Antwort darauf mit einem Nagel eingeritzt: »Nach dem Käse kommt nichts mehr!« Und gleich daneben stand mit demselben Nagel eingeritzt: »Assus, der Sohn der Kallityche. Künftige Adresse: Die Hölle von Petra.«

Die längste und eigenartigste Inschrift war mit »Justin« unterzeichnet. Der Kirchenvater – wenn es nicht einer seiner Jünger war – hatte mit äußerst zierlichen Druckbuchstaben hingeschrieben: »Jeder Mensch hat in seiner Seele einen Ableger des Logos, das heißt, der absoluten göttlichen Vernunft, und mit ihrer Hilfe kann er die Wahrheit erkennen. Alle, die in Übereinstimmung mit dem Logos gelebt haben, sind Christen, ob sie auch Gottlose genannt werden – so bei den Hellenen Sokrates, Heraklit und ähnliche und unter den Barbaren Abraham, Ananias, Azarias, Misael und Elias. Aber in Christus hat sich der göttliche Logos in seiner ganzen Fülle gezeigt.«

Marcellus hatte diese Worte, die er schon auswendig kannte, bevor er ins Gefängnis kam, wieder einmal gelesen, als ihn Pegasus mit todblassem Gesicht am Ärmel zog und ihn fragte: »Wenn wir nun verurteilt werden, was dann?«

»Nach dem Käse kommt nichts mehr!« las Marcellus laut von der Wand ab.

»Hast du keine Angst?« fragte Pegasus.

Marcellus zuckte die Schultern: »Du?«

»Keine Spur!« antwortete Pegasus zähneklappernd.

 

Der Arrestverwalter Maximus brachte Marcellus eine Tafel von Caecilia. Es standen nur zwei Worte darauf: »Halte aus!« hatte sie geschrieben. Er begriff, daß die Botschaft aus der Villa an der Appischen Straße kam; und von einigen der Besucher erfuhr er, daß Caecilia im Schlafwagen aus den Bergen zurückgekommen war, die Reise sie aber so angegriffen hatte, daß der Arzt keinen Besuch bei ihr vorließ. Und weil ein Brief aus dem Gefängnis sie in große Erregung versetzt hatte, wurde ihr bis auf weiteres auch das Schreiben verboten.

Selbst in das Gefängnis, wo es doch vorher schon so dunkel gewesen war, daß man das nicht für möglich halten sollte, warf diese Nachricht einen Schatten. Im Bewußtsein der meisten hatte Caecilia hinter allem wie eine Hilfsquelle gestanden, wie ein lebendes Versprechen, dessen Einlösung kommen würde, sobald die Stunde Gottes geschlagen hätte. Diese Nachricht aber war etwas, womit man nicht gerechnet hatte, und man hielt dies für eine neue Prüfung – eine Prüfung, die nicht ganz verdient sei.

»Aber vielleicht ist es der Wille des Höchsten, daß sie uns empfängt, wenn wir zur Herrlichkeit eingehen!« rief der Schullehrer Paulus.

»Nur Blutzeugen gehen geradeswegs zur Herrlichkeit ein!« sagte Priscilla. »Die andern müssen auf das Jüngste Gericht warten.«

Trostlos unwiderleglich erhob sich so ein neues Problem.

Auf Marcellus aber wirkte die Nachricht lähmend. »Bleib, wo du bist!« hatte er ihr in die Berge hinauf geschrieben; doch – so war nun seine Natur – hatte er sicher damit gerechnet, daß sie, wenn es ihr möglich wäre, kommen würde, sobald sie von dem Einschreiten der Polizei gehört hätte. Nun mußte sie ja gleich aufgebrochen sein, nachdem sie sein Schreiben erhalten hatte. Und ebensogut begriff er, daß diese gewaltsame Entwicklung der Ereignisse zu viel für sie gewesen war. Während er sich in seiner Ecke mit dem Kopf gegen die Wand lehnte, tauchte sie vor ihm auf, elastisch und gefühlvoll, wie es nur den Auserwählten gegeben ist. Ihre Empfänglichkeit war so groß gewesen, und die nervöse Schnelligkeit, womit sie auf Eindrücke reagierte, so genau, daß der Beobachter seine Gedanken schon verstanden glauben konnte, bevor er sie in Worte gekleidet hatte. Wenn etwas sie ergötzte, so erfüllte die Freude ihren Körper, bis dessen Wärme die Hände zum Klatschen und die Füße zum Hüpfen elektrisierte. Und wenn sie weinte, pflanzte sich der Kummer als ein Beben von dem Gekräusel ihres Haars bis zu den Quasten auf ihren kleinen grünen Sandalen fort. Stimmungen und Gefühle jagten über sie hin wie Wolkenschatten über eine Berghalde. Aber zuerst und zuletzt prägte sich bei ihr eine verblüffende Fähigkeit zum Miterleben aus – die Fähigkeit, sich selbst auszulöschen, sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden. Nichts von dem, was in ihrer Umgebung geschah, ließ sie gleichgültig. Und dieses kleine, behende weibliche Wesen konnte einen ganzen Park mit seiner Ruhe erfüllen, wenn es sich auf einen Baumstumpf setzte und leise sagte: »Es stehet geschrieben.«

Während sich Pegasus verstohlen Speichel hinter das Ohr schmierte – das uralte Mittel gegen Verstimmtheit –, vergaß Marcellus für eine Weile sein eigenes Problem und sein eigenes Elend und bewegte seine Lippen im Gebete zu Mithras, dem Sonnengott, dem Erhöhten, der alles sieht, er möge doch für die Geliebte alles zum besten lenken.

 

Für eine Religion im Aufstieg ist es politisch gesehen ein Vorteil, wenn den Gläubigen mit Auszeichnungen für wohlvollbrachte Taten gewinkt wird. Es ist nicht sehr schlimm, daß einem im Kampfe der Kopf gespalten wird, wenn die Herrlichkeiten Walhalls der sichere Lohn dafür sind, und was sollte einen Gerechten abhalten, sein Leben im Kampf für den Propheten wegzuwerfen, wenn der oberste aller Himmel der so befreiten Seele mit Sicherheit offen steht! Und die Galiläer – Turcius Amachius wußte recht gut Bescheid über ihre Art von Todesverachtung.

»Das ist ja die Hinterlist dieser Kerle, daß sie, wie sie sagen, geradeswegs in die elysischen Felder eingehen, wenn sie das Leben für ihre Mysterien gelassen haben!« klagte er. »Und was mich betrifft, es ist ja kein Geheimnis, daß ich sie so wenig zu Märtyrern machen will, wie überhaupt möglich ist. So etwas steckt nämlich an; Sucht nach dem Tode kann zur Verrücktheit werden.«

»Warum machen sie es nicht wie die Hunde – wie zum Beispiel vor acht Jahren Peregrin –, daß sie sich in den Scheiterhaufen stürzen und auf die Art ein Ende herbeiführen?« grübelte Papirius.

»Da geht's um die Belohnung, alter Freund!« seufzte Amachius. »Die Belohnung gibt es nicht für den Tod an sich, sondern für den Tod im Dienste des hingerichteten Lehrers.«

Papirius hob langsam seinen Kopf und richtete die schwermütigen Augen auf den Polizeichef. Er sagte: »Oftmals kommt mir das Leben so buntscheckig vor, daß es mir nicht sehr verlockend erscheint.«

Amachius grunzte ungeduldig: »Unsinn, Alter – je buntscheckiger, desto verlockender!«

Papirius führte seinen Gedanken weiter: »Es scheint mir, daß oft ein größerer Heldenmut dazu gehört, das Leben fortzuführen, als es zu verlassen, ja ein wesentlich größerer.«

Amachius erwiderte: »Dann wollen wenigstens wir beide Helden sein!« Und mit einem Lächeln schloß er: »Das ist ja überdies, sozusagen, unser Beruf.«

Es ist eine so allgemeine wie ungereimte Redensart, daß Männer, die in einer schwierigen Lage rasch und kaltblütig handeln, keine Nerven hätten. Man könnte dies ebensogut von einem Panther sagen. Aber angenommen, diese Betrachtung wäre richtig, dann hätten den beiden Männern, die sich da gegenübersaßen, dem Polizeidirektor und dem Chef der Curiosa, sämtliche Nerven herausamputiert sein müssen. Von Aussehen war der eine lächelnd, lebhaft und ein Muster aristokratischer Wohlerzogenheit, der andere indolent, spöttisch und vom Alkoholmißbrauch gezeichnet. In Wirklichkeit waren sie wie zwei sorgfältig zusammengeschirrte Pferde, die an derselben Deichsel den Karren des Gesetzes durch alle möglichen Anschläge hindurchzogen.

Wie die Dinge lagen, mußten ja die Galiläer in diesen Tagen das allgemeine Gesprächsthema bilden. Amachius sagte darum: »Meine Frau hat den Vorschlag gemacht, man sollte den Christen eine Uniform vorschreiben, die sie überall außerhalb ihrer Häuser tragen müßten. Frauen haben doch manchmal recht amüsant praktische Einfälle!«

Papirius antwortete zerstreut: »Oft! Ja, sie können überraschend praktisch sein, und Vibia ist darin unübertrefflich. Bitte, richt ihr meine besten Grüße aus. Doch erscheint mir dieser Vorschlag ein ausgezeichnetes Beispiel dafür zu sein, daß es auch Ausnahmen gibt und nicht alle weiblichen Vorschläge besonders praktisch genannt werden dürfen.«

Amachius erwiderte: »Ich werde ihr deinen Gruß ausrichten.«

Papirius fuhr fort: »Einmal – weißt du noch? – es ist nun schon lange her, haben unsere Vorfahren ernstlich darüber beraten, ob man nicht den Sklaven eine auffallende Uniform vorschreiben sollte. Du weißt, warum man es dann doch nicht tat ...«

Amachius nickte: »Man fürchtete, daß ihre Ruchlosigkeit noch zunehmen würde, wenn sie sähen, wie zahlreich sie sind.«

Papirius erwiderte: »Ganz recht! Bei den Christen wäre die Gefahr nicht so drohend – noch nicht. Außerdem kennen sie die Zahl der Anhänger ihrer Lehre ziemlich genau, aber mit der Zeit können sie ja doch eine Gefahr werden.«

Jetzt entstand eine von jenen Pausen, die Amachius gut kannte. Er wußte, die Gedanken des andern kreisten um seinen Sohn, der durch eine plötzliche Verrücktheit in die Schar der Galiläer hineingetrieben worden war. Amachius hatte darauf hinzuweisen versucht, daß Marcellus immerhin ein Papirius sei. Das verwandte Blut werde sich schließlich doch geltend machen. Auch jetzt wieder nickte der Gouverneur tröstend: »Unsere klugen Landsleute sagen: der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

Aber Papirius brummte abweisend: »Jawohl! Und wenn es dann doch geschieht, sagen dieselben Weisen: auch eine gute Kuh kann ein schlechtes Kalb werfen!«

Der Gouverneur trommelte unbeirrt mit den Fingern auf der unbeschriebenen Tafel, die vor ihm lag. Es war ja hoffnungslos, Menschen zu trösten, die sich nicht trösten lassen wollten. Trotzdem aber ... »Ich verlasse mich bei deinem Sohn auf den ererbten gesunden Verstand«, schloß seine Herrlichkeit.

»Jupiter bewahre uns – was bist du naiv!« erwiderte Papirius.

»Kann wohl sein!« räumte Amachius ein und sah auf die Uhr. »Wird sich ja bald zeigen, ob du recht hast. Wir erwarten deinen Sohn hier jeden Augenblick. Wenn wir ihn verständig behandeln, findet sich wohl ein Ausweg.«

 

Marcellus hatte nicht an den einleitenden Verhören teilgenommen, die nur von orientierender Art waren, und denen nur Rab Chanina und ein paar andere von den Führern unterzogen worden waren. Er hatte deshalb die ganze Zwischenzeit in der dumpfigen Gefängnisluft verbracht; deshalb trat er mit einem Gefühl großer Erleichterung ins Freie und legte in derselben Stimmung den Weg nach dem Büro des Polizeichefs zurück. Es war Regen im Anzug, und die ersten Tropfen fielen schon auf den Basalt, aber die Luft war klar und mild, und er sah die Dinge gleich in weniger hoffnungslosem Licht.

Bis in das Amtszimmer des Amachius hinein schien diese Stimmung zu dringen. Der Polizeidirektor war überströmend liebenswürdig. Er nötigte Marcellus in einen Stuhl an der andern Seite des Tisches und ging nach seiner Gewohnheit direkt auf die Sache los.

»Wärest du ein zufälliger Fang bei einer zufälligen Razzia, so hätte ich dich sofort zur Tür hinausgeworfen, aber ...« Er machte eine Pause, während er seine Finger gegeneinander trommeln ließ; mit einer kurzen Kopfbewegung gegen Papirius hin schloß er: »Du warst gewarnt.«

Marcellus räumte das mit einer Gebärde ein, und der Polizeidirektor fuhr fort. »Zweimal bist du gewarnt worden. Es war doch etwas herausfordernd, wenn du dich trotzdem bei der betreffenden Versammlung einfandest. Na, nichtsdestoweniger: wir alle haben unsere Launen. Ich hab' die meinen auch; und zu ihnen gehört eine monströse Abneigung dagegen, die Leute mehr zu belästigen, als unbedingt nötig ist. Aber in diesem Fall ... Du hast Feinde! Das weißt du wohl?«

Marcellus sah überrascht auf. Es war ihm nie eingefallen, daß so etwas möglich wäre. Der Polizeidirektor, der sich das ungeheuchelte Erstaunen des Marcellus notierte, ging mit einer Handbewegung darüber weg. »Gut. Aber du hast immerhin welche. Von namhafter und mächtiger Seite ist eine formell korrekte Anzeige gegen dich wegen Teilnahme an den Mysterien der Gottlosen eingelaufen. Mit andern Worten: der Verlauf der Sache wird scharf beobachtet. Zur weiteren Aufklärung kann ich dir mitteilen, daß Repräsentanten eines ganzen religiösen Systems sich sehr dafür interessieren, welchen Ausgang die Sache nimmt; es handelt sich überdies um ein System, dem der Kaiser augenblicklich sehr gewogen ist.«

Marcellus sah grüblerisch vor sich hin. Man sah es ihm deutlich an: er hatte keine Ahnung von dem Ursprung dieses Hinterhalts.

Der Polizeidirektor ließ immer noch die Finger gegeneinander trommeln und fuhr fort:

»Ich bin bereit, dir soweit wie möglich entgegenzukommen. Dagegen erwarte ich, daß du nicht den Dickkopf spielst. Da du keineswegs dumm bist – ganz im Gegenteil –, weißt du ja, was wir in solchen Fällen verlangen: der Angeklagte muß weiter nichts, als vor dem Bilde des Kaisers ein formelles Opfer darbringen. Ebenso weißt du, daß du damit dem Philosophen persönlich keine Huldigung darbringst. Du tust einfach deine bewußte Zusammengehörigkeit mit dem Volkskörper kund, dessen Krone und Symbol seit dreizehn Jahren unser vielgeliebter Marc Aurel ist.«

Es lag keine Ironie in den Worten, ja kaum im Tonfall, und doch verbarg sich eine homöopathische Dosis Sarkasmus darin, die den Zuhörern nicht entging und in dem einen Auge des Papirius einen lustigen Schein hervorrief. Der Polizeidirektor summierte seinen Entwurf also: »Alles, was wir verlangen, sind sieben auf diesem kleinen Altar hier zu verbrennende Körner Weihrauch, sieben kleine Körner – ist das unbillig?«

Marcellus zögerte nicht mit der Antwort, sondern wendete ein: »Und morgen bin ich dann ein Abtrünniger!«

»Unmöglich!« entgegnete der Polizeidirektor. »Wie kann man einer Sache abtrünnig werden, der man nie angehört hat?«

Marcellus überhörte das und fuhr in seinem eigenen Gedankengang fort: »Ich kenne den Tonfall, in dem sie ›Apostat‹ sagen.«

Hier mischte sich Papirius in die Unterredung. »Mit andern Worten: wenn du deinem Kinderglauben abtrünnig wirst, ist alles in Ordnung; wenn du dich aber von den Mysterien abwendest, an denen du nie teilgenommen hast, bis du ein Apostat. Nein, mein Junge, ein bißchen Logik ist unumgänglich. Was brauchst du dir übrigens daraus zu machen, wie Schuhmacher und alte Weiber dich heißen?«

Die Gedanken des Marcellus waren bei jemand, der nicht unter diese Rubriken fiel. Die Gemeinde als Ganzes war ihm vollkommen gleichgültig – selbst Rab Chaninas Ansicht interessierte ihn im Augenblick nicht. Aber ein gebrechliches junges Mädchen, das in einer Villa an der Appischen Straße krank lag, trotzte der Entfernung und den Naturgesetzen und stand jetzt allein, für die andern unsichtbar, vor ihm und sagte: »Jeder Tag ist eine Kette von Entscheidungen, aber an dem Tag, wo du vor der großen – der endgültigen Entscheidung stehst, braucht dir dies niemand zu sagen. Es ist die Entscheidung zwischen Gott und – allem andern.«

»Und die Entscheidung zwischen dir und – allem andern!« hatte er erwidert, als sie im Frühling diese Unterredung hatten. Jetzt sah er es wieder vor sich, wie sie betrübt den Kopf geschüttelt und gesagt hatte: »Ich bin die Braut Christi.«

Brutal fiel die Stimme des Papirius ein; und seine Stimme lag täglich auf dem Nacken aller Träume. »Wenn du das tust, kann ich es nur als eine Form des Selbstmordes betrachten.«

Bei diesen Worten spielte ein Lächeln um den Mund des Marcellus, und er sagte: »Du selbst hast mich – wenn wir schon von Selbstmord sprechen wollen – vor vielen Jahren über den richtigen Takt bei solchen Gelegenheiten belehrt. Soviel ich mich erinnere, hast du mir damals den Empedokles als leuchtendes Beispiel eines entarteten Taktes vorgehalten; dies hier aber könnte nun ungefähr auf gleicher Höhe mit seinen Ätnauntersuchungen stehen.«

Papirius kleidete seinen Beifall in ein Lachgrunzen. »Das ist richtig, mein Junge! Nur den Humor festhalten! Aber bevor du dich entscheidest, laß dich daran erinnern, daß deine alte Großmutter um dich in Sorge ist.«

Marcellus schwankte. Aus einer verborgenen Quelle quoll eine Art Zärtlichkeit für die alte Dame empor, die nun dreiunddreißig Jahre lang so sehr gut zu ihm gewesen war. Papirius, der verstand, was in ihm vorging, beugte sich vor und fügte hinzu: »Die Großmutter hat jetzt nur noch uns zwei. Ich kann jeden Augenblick sterben. Willst du es verantworten, daß sie auch dich noch missen soll?«

Sehr charakteristisch für die Art der Familie war es, daß keiner von ihnen auch nur auf den Gedanken kam, daß auch die Tage der Großmutter gezählt sein könnten. Das Bild der Alten tauchte einen Augenblick deutlich vor Marcellus auf, verschleierte sich aber gleich wieder und machte dem früheren Bild der Caecilia Platz – so wie er sie im Sommer gesehen hatte, eifrig, atemlos und fest entschlossen, ihn zu einer Entscheidung zu bringen. Längst vergessen, und doch niemals vergessen, erklang des Obersten Sergius Felix Stimme fern und unwirklich, wie sie an jenem Frühlingsabend vor einem halben Jahre geklungen hatte: »Sie war nicht wie andere Frauen: wenn sie über den Markt ging, war es nicht, als ginge ein irdisches Geschöpf vorbei, und die Männer wünschten, daß sie ein reineres Leben geführt hätten!«

Marcellus hob den Kopf und sagte: »Laßt mir Bedenkzeit bis morgen!«

»Ja, überlege es dir!« sagte Papirius. »Wir müssen sehen, wie wir aus dieser Klemme herauskommen, und dann mit einer vernünftigen Arbeit beginnen. Wir haben früher nicht davon geredet; aber ich habe mir im Lauf der Jahre einen kleinen Notpfennig auf die hohe Kante gelegt. Du verstehst mich wohl, ich meine: wenn du dir einen Hof kauftest und dort ein Gestüt einrichtetest ... Du hast ja immer eine Schwäche für Pferde gehabt. Und ... und sieh zu, daß du bis morgen vernünftig wirst. – Und wart ein bißchen, Marcellus!« rief er, als sein Sohn schon halb zur Tür hinaus war. »Was deine Freunde betrifft, Rab Chanina und seine ... Herde, so kann vielleicht ein Teil von den Leuten gerettet werden, wenn wir Trochylos als Verteidiger aufstellen. Er ist zwar teuer, aber das wollen wir nicht so genau nehmen. Du bist es ja, der darunter leidet, wenn wir einen Streifen aus dem Vermögen herausschneiden. Du verstehst wohl: auf diese Weise kannst du deinen ... Galiläern vielleicht am allerbesten helfen. Überleg es dir!«

»Ja, tu das!« fügte der Gouverneur väterlich hinzu. Als die Tür dann endlich ins Schloß gefallen war, sagte er zu Papirius: »Du hast Rab Chaninas Freunde nicht so recht gern ›Herde‹ genannt.

»›Bande‹ hab' ich sagen wollen!« erwiderte Papirius.

 

Manche Gefäße dienen zur Ehre, andere zur Unehre. Trochylos war Rechtsanwalt. Selbstverständlich war sein richtiger Name nicht Trochylos. Der Trochylos ist bekanntlich jener kleine Vogel, der bei den Krokodilen des Nils im Dienst steht. Wenn diese sich ans Land wälzen, sperren sie den Rachen zu einem allumfassenden Lächeln auf; dann hüpft der Trochylos hinein und reinigt ihn von Egeln und anderem Ungeziefer. Auf diese Weise stand der Rechtsanwalt Trochylos bei den Krokodilen des Kapitalismus im Dienst. Wenn Herren vom Adel, deren Namen man nicht in Verbindung mit andern gelderzeugenden Maschinen, wie Ämtern und Landwirtschaft, sehen durfte, allzuviel Mammon besaßen (und also meinten, daß sie zu wenig besäßen), konnten sie getrost zu Trochylos gehen. Er war jederzeit der rechte Mann dazu, ihnen Konzessionen zu verschaffen oder eine Aktiengesellschaft auf die Beine zu bringen. Durch ihn liefen zahlreiche Verbindungen von hochvornehmer Tadellosigkeit zu Institutionen hinüber, die weder vornehm noch ausgesprochen tadellos waren. Und wenn hunderttausend Sesterzen nach kurzer Zeit mit weiteren hunderttausend Sesterzen im Schlepptau wieder zu ihrem Besitzer heimkehrten, dann brauchte dieser ja offiziell nichts davon zu wissen, daß sie in der Zwischenzeit zur Finanzierung eines Bordells gedient oder ihre Nase eben noch in die Stube eines Wucherers gesteckt hatten. Es hegt auch kein Beweis dafür vor, daß Trochylos sich jemals der abgebrauchten altrömischen Wendung bedient hätte, die da sagt: »Geld stinkt nicht!« Aber sein ganzes Dasein war auf die praktisch beistimmende Ausnutzung dieses Weisheitswortes abgestellt.

Immerhin gehörte seine eigentliche Trochylos-Tätigkeit den Fällen, wo das Unglück Palastbewohner der Vorstädte von Rom vor Gericht brachte. Wenn sich Trochylos einer Sache annahm, gratulierten die Freunde des Angeklagten diesem voll Hoffnung und Zuversicht, lehnte Trochylos den Fall jedoch ab, dann puderten sie sich das Haar mit Asche und verhalfen dem Spitzbuben – wenn das möglich war – zur Flucht. »Trochylos zeigt einem den Rücken«, dies Wort bekam allmählich eine düstere sprichwörtliche Bedeutung. Trochylos und Fortuna waren Begriffe, die sich deckten.

Trochylos zeigte den Galiläern nicht den Rücken, obgleich er sicherlich Lust dazu gehabt hätte. Als Papirius die Möglichkeit andeutete, diesen schlauen Advokaten zu gewinnen, drückte er sich in Wirklichkeit allzu bescheiden aus; denn die Anfrage war schon erfolgt, und dank einem Druck, den Papirius aus zurückliegenden Gründen auf ihn auszuüben in der Lage war, konnte man wohl damit rechnen, daß für die Herbeischaffung des Verteidigungsmaterials alle Kraft eingesetzt werden würde.

Aber es kam gar nicht zu dieser Verteidigung. Trochylos fand sich in eigener Person bei Papirius ein, teils um über seine Machtlosigkeit zu klagen, teils aber auch, sich über die Behandlung zu beschweren, der seine Leute ausgesetzt worden waren.

»Kannst du dir so etwas vorstellen! Mein Amtsgehilfe erscheint im Gefängnis, sich über die Art des Vorgehens zu orientieren; und weißt du, was sie getan haben?«

»Sie haben ihn wohl hinausgeworfen!« nahm Papirius an.

»O nein, sie haben für ihn zu beten angefangen!« erwiderte Trochylos.

Ein widerwilliges Beifallsgrunzen entfuhr unwillkürlich dem Munde des Papirius, und Trochylos fuhr fort: »Sie umringten ihn, hielten ihn an seinen Kleidern fest, und er behauptet, daß er noch immer nach Heiligkeit riecht, obgleich er seitdem schon drei Bäder genommen hat. Was sollen wir nun tun?«

Papirius blies über seinen Handrücken weg, um damit anzudeuten, daß man die Sache nun als erledigt betrachten müsse.

»Nun ja, Wunder kannst du freilich nicht tun«, sagte er. »Und es tut dir wohl auch nicht leid, wenn du die Sache los wirst.«

»Aufrichtig gesprochen: nein!« gab Trochylos zu. »Die schlimmsten Feinde der Galiläer gibt es im Spießbürgertum, denn die Leute verabscheuen alles, was Unruhe bringt, und meine beste Kundschaft protegiert das Kleinbürgertum, weil es die solideste Stütze des Konservativismus ist. Es hat einen so weiten Weg bis zum Gipfel, daß sein Hoffen und Streben noch nicht mit Erwägungen darüber infiziert ist, ob das Ergebnis der Mühe wert sein könnte. Es hat bei einer Umwälzung nichts zu gewinnen.«

Papirius hörte zerstreut zu, und als Trochylos dies bemerkte, brach er ab und sagte: »Aber für deinen Sohn wird sich wohl ein Ausweg finden lassen!«

»Für ihn gibt es keinen Ausweg, als den, den er sich selbst bahnt«, erwiderte Papirius. »Man kann ein Pferd nicht zum Trinken zwingen.«

 

Orbilius war der erste, der den Marcellus im Gefängnis aufsuchte. Er kam mit einem Laib Brot, einer Wurst und einem Topf Oliven. Sie sprachen eine halbe Stunde lang von gleichgültigen Dingen, dann entfernte sich der Hund und hinterließ einen unausgesprochenen Segen.

Dann kam Elina. Sie war verzweifelt und aufgeregt und wiederholte einmal ums andere: »Es ist ja eine Verrücktheit, Marcellus! Du bist kein Galiläer – wer wüßte das besser als ich!«

Aus Rücksicht auf die Umgebung mußten sie ihre Stimmen dämpfen; aber wieder und wieder entrang sich Elina, die vom Weinen einer ganzen Nacht heiser war, ein schwacher Schrei. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und fuhr ihm mit den Fingern krampfhaft durchs Haar.

»Komm mit heraus!« bettelte sie, »wir können zusammen fortgehen und diesen ganzen Sommer vergessen. Ich werde dir helfen, soviel ich kann, und du kannst dich ein paar Jahre auf den griechischen Inseln niederlassen, nach denen du dich immer gesehnt hast, und dort Gedichte machen.«

Das waren nicht die Worte, vor denen er gleichsam schmolz – es hätten alle möglichen anderen Worte sein können; aber ein heftig bebendes Menschenkind klammerte sich an ihn wie ein Schrei in äußerster Hungersnot. Und sie redete weiter, während ihre Finger sein Haar verließen und zitternd über seine Tunika hintasteten. »Und wenn sie, die andere, größere Macht über dich hat als ich, dann komm trotzdem mit, und ich will mich ohne einen Vorwurf von dir trennen. Ich will dich ihr geben, ohne zu klagen. Marcellus, Marcellus, hör, was ich dir sage! Ich will ihr das einzige geben, was mir hier auf Erden lieb ist! Aber komm, jetzt, ehe es zu spät ist!«

Ihre Hand war in seine Tunika hineingekrochen und lag jetzt auf seinem Herzen. Er ergriff sie behutsam und hielt sie mit seinen beiden Händen fest.

»Die andere, von der du sprichst, will mich nicht anders zu eigen haben als im Gefängnis hier oder ... oder, wenn möglich, am Kreuz!« sagte er bitter.

Sie starrte ihn entsetzt und ungläubig an und sagte: »Das ist ja Wahnsinn! Du mußt doch einsehen, daß es Wahnsinn ist!«

Er stöhnte klagend: »Ja, es ist Wahnsinn! Das ganze Leben ist Wahnsinn! Alles ist Wahnsinn! Aber geh, geh, geliebtes Kind, und vergib mir! Christentum heißt Gewinnen durch Verlieren.«

»Und was gewinnst du?« fragte sie, während ihr die Tränen über die Wangen herabliefen.

»Ein Narrenkleid!« sagte er wie im Traum.

Als Elina gegangen war, blieb er betäubt und mit ausgebranntem Hirn zurück. In einem Nebel ahnte er Caecilia – Caecilia, die bei einer Gelegenheit, als von den christlichen Deportierten die Rede war, gesagt hatte: »Man kann fast nicht froh sein, wenn man an alle diese Menschen denkt.« Und sie hatte hinzugefügt: »Und doch kann man beinah nicht anders als froh sein!«

 

In der Nacht stellten sich bei Marcellus lockende und verführerische Gedanken ein. Bald kleidete er sich in die prunklose Majestät des Epiktet, bald wanderte er mit Elina an einem fernen Strand, wo er sein Epos schrieb, sein großes Epos. Und schließlich wurde er auf unerklärliche Weise mit Caecilia vereinigt, die sich endlich von seiner Standhaftigkeit hatte besiegen lassen. Aber wie die Wanzen im Gefängnis zogen sich diese unreifen Phantasien bei Anbruch des Tages zurück, und als er aufs neue vor Papirius stand, bat er um keine weitere Bedenkzeit.

»Du hast mir selbst geraten, so zu leben, daß ich an einem Abgrund erwache«, sagte Marcellus. »Gut, ich habe mir das selbst nicht gewünscht, aber es ist darum doch geschehen.«

»Ja, ich habe aber gesagt: erwache!« erwiderte Papirius. »Nun, so erwache doch! Du träumst noch immer – einen törichten Traum!«

»Was ist Traum, und was ist Leben?« fragte Marcellus.

»Das wirst du bald erfahren, wenn du nicht zur Vernunft kommst«, sagte Papirius. »Noch haben sich keine Eisenringe in dein Fleisch gefressen, noch ist deine Haut heil, noch hast du die Fülle deines Haares auf dem Kopf, noch hat dich niemand mit groben Schimpfreden beleidigt – aber laß erst das Urteil gefällt sein, dann bist du ein Namenloser, eine Nummer, einer, den nichts schützen kann – nicht einmal ich.«

Es gelang Marcellus nicht, einen Schauder zu unterdrücken; aber er sagte kein Wort und veränderte seine Haltung nicht. Das letzte Wort, das er von Papirius hörte, war dieses: »Wenn jetzt in der Gerichtsverhandlung noch eine Wendung eintreten soll, so muß der Anstoß dazu von dir kommen.«

Nachher sah Marcellus seinen Vater nicht mehr, aber von Euphemus erhielt er einen Brief, worin stand: »Deine Großmutter weint über dich.«

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