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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 23
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Lage des Marcellus war jetzt die eines Menschen, der sich aus freien Stücken hat exkommunizieren lassen, der von einem Sterne wegfliegt, ohne die Sicherheit, daß er auf einem andern Stern einen Landungsplatz findet. Eine kümmerlichere Verlassenheit läßt sich kaum denken.

Man muß es Marcellus zugute halten, daß die Streitlust und die Unverträglichkeit der Christen untereinander seine Hinneigung zu den Galiläern, die ihm Caecilia eingeflößt hatte, keineswegs vermehren konnte. Mit der Feinfühligkeit für die Schwächen des Gegenstandes der Beurteilung, durch die sich feindlich gestimmte Kritik immer auszeichnet, hatte er bald eine unübersehbare Zahl von christlichen und halbchristlichen Sekten entdeckt, die gerade in den Jahren aufblühten, sich gegenseitig die größten Aufrichtigkeiten sagten und kein gutes Haar aneinander ließen. Es gab Manichäer und Montanisten und die Feuerbrüder des Tatian, und weiß der liebe Gott, was für spitzfindig ausgeklügelte Sekten noch! Aber bei weitem das Schlimmste war doch, daß der römische Block in zwei ungleich gerichtete Lager geteilt war. Wenn Rab Chanina den Beistand des Himmels für seine verfolgten Brüder anflehte, tat er es mit vollem Verständnis für die Unvermeidlichkeit solcher Verfolgungen. – »Zerschmettere die Feinde deines Reiches!« betete Vater Urban in loderndem Haß; aber wie hätte Rab Chanina so beten können, da er doch wußte, daß die Kraft des Widerstandes neue Kräfte gegen einen ins Feld ruft, da er doch eingesehen hatte, daß es bei Windstille keine Bewegung gibt, man aber bei einer frischen Brise gut zu kreuzen vermag. Wie sollte man Liebe zu dem Nächsten predigen und sogar die Qualen des Martyriums für ihn erflehen und gleichzeitig sagen können: »Zerschmettere, die sich dir widersetzen!«

»Laß sie in ihrem eigenen Kot ersticken!« sang Urban mit schäumendem Mund.

»Gib deinen Kindern Kraft, die Qualen zu ertragen, die sie um Deines Namens willen leiden müssen!« betete Rab Chanina.

Und Marcellus fragte ihn kopfschüttelnd, wie das möglich sei: »Ihr sagt doch: Unus dominus, una fides, unum baptisma, unus deus!«

Und Rab Chanina mußte dieser Anklage gegenüber traurig die Segel streichen.

»Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott!« Das war ja die felsenfeste und stolze Devise des Lehrers in seinem Brief an die Brüder zu Ephesus.

»Und jedes eurer Worte sieht es darauf ab, diesem gemeinsamen Herrn in ganz besonderem Maße zu gefallen«, stellte Marcellus fest.

»Die Säge und der Leimtopf streiten sich darum, wer von ihnen am höchsten in der Gunst des Tischlers steht!« warf der Hund Orbilius ein.

»Sieh nicht uns an!« erwiderte Rab Chanina. »Sieh den gekreuzigten Meister an!«

»Wo ist der Haß größer als unter den Anhängern der Lehre von der Liebe?« fragte Marcellus erbittert, als er dann neben Caecilia saß, die auf einem Liegestuhl im Garten der Villa an der Appischen Straße lag.

Ihre Stimme war betrübt und müde, als sie antwortete: »Weil sie nach außen schauen, anstatt nach innen. Weil sie sich nicht mit dem begnügen, was ihnen gegeben ist. Weil sie die Weltseele regieren wollen, ehe sie ihre eigene Seele verstehen. Aber warum versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben, oder, wenn das beschrieben werden könnte, das Unglaubliche zu glauben. Wenn das geglaubt werden könnte – dann wäre es ein Gewicht, das niemand zu tragen vermöchte.«

Sie hatte Tränen in den Augen, und jetzt erst sah Marcellus, daß mit ihr eine Veränderung vorgegangen war. Sie war mager geworden, und es schien ihm, als habe ihre Hautfarbe einen gelblichen Schein angenommen. Ja, ihre Finger waren wirklich gelb wie Teerosen, als sie ihre kleine dünne Hand nach der Wasserschale ausstreckte. Marcellus ergriff sie und sagte beunruhigt: »Aber Liebste, du bist ja krank!«

»Jawohl, ein bißchen, glaube ich«, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. »Die Hitze war zu viel für mich. Aber da kommt Xenokrates, nun werden wir hören, was er meint.«

Der berühmte Arzt kam rasch auf dem Kiesweg heran, in Begleitung von einem halben Dutzend Schülern. Er begrüßte Caecilia herzlich, Marcellus hingegen, der erst jetzt die zarte Hand aus der seinen ließ, nur flüchtig. Mit großer Sorgfalt breiteten zwei von den Schülern den Inhalt einer Tasche auf dem Tisch aus – eine elegante Sammlung von Medizinkästchen aus Elfenbein, Blutschalen aus Silber und vergoldeten Lanzetten. Für einen, der nichts davon wußte, nahm sich das außerordentlich mörderisch aus; aber es war nicht von großer Bedeutung.

»Du kannst schon dableiben«, sagte der Arzt zu Marcellus, als er an die Untersuchung ging. Das Ganze dauerte nur ein paar Minuten, von denen ein Teil auch noch durch die belehrenden Bemerkungen für das mitgebrachte Auditorium in Anspruch genommen wurde.

»Wir brauchen Luftveränderung, meine Gnädige«, sagte er zu Caecilia. »Am besten Afrika – man kann nicht vorsichtig genug sein. Du dürftest dich in dieser Jahreszeit gar nicht in Rom aufhalten. Es ist furchtbar leichtsinnig von deinem Vater, daß er dich nicht fortgebracht hat. Aber jetzt sprech ich mit ihm, und dann komm ich morgen wieder.«

»Nein, nicht Afrika! Dann lieber in die Berge!« sagte sie zu Marcellus, der wieder ihre Hand ergriffen hatte, als der Arzt gegangen war. »Aber wenn ich nun eine Zeitlang fort bin, beurteile die Galiläer nicht zu hart!«

Marcellus kümmerte sich im Augenblick ganz und gar nicht um die Galiläer. Besorgt sagte er: »Reise so rasch wie möglich ab und kehre gesund zurück! Wir können dich nicht für lange entbehren – ach, du darfst nicht wirklich krank werden! Versprich mir, daß du nicht krank wirst!«

Sie strich ihm mit der freien Hand übers Haar, während er sich vorbeugte und ihre andere Hand küßte.

»Ich werde dir schreiben«, versprach sie ihm. »Ich werde oft schreiben, und vielleicht kannst du uns auch besuchen. Aber versprich mir, daß du Rab Chanina und Vater Hyazinth helfen willst, und – vielleicht darf ich dich segnen, bevor ich abreise?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie ihm die Hände auf den Kopf und sprach jene magischen Worte, mit denen die Galiläer den Segen Gottes auf einen herabrufen. Dann sagte sie: »Verlang nicht zu viel von unsern armen Brüdern! Ach, diese Herzen – das erinnert mich an die Briefe, die junge Liebende mit frischer Milch auf Papier schreiben, so daß niemand ahnt, was in dem Brief steht, bevor er Ruß darauf streut. Ach, diese armen Herzen, die durch den Rußregen der Sünde wandern müssen, bevor sie auch nur den Namen kennenlernen, womit der Barmherzige sie gezeichnet hat!«

Lange herrschte Schweigen zwischen den beiden – sehr lange. Schließlich sagte Marcellus: »Dein Herz, Caecilia – darf ich darauf warten?«

Sie sah ihn mitleidig an und antwortete schwärmerisch: »Ich bin die Braut Christi!

Nach diesem Tag hat er ihre Stimme nie wieder gehört.

 

Noch an demselben Abend reiste Caecilius mit seiner Tochter Hals über Kopf in die Berge, und Marcellus blieb zurück – ein Mann in dem Alter, wo einer seine Taten vollbringen soll; er aber war im Grunde hilflos wie ein Kind, dessen Mutter von ihm gegangen ist.

»Er findet sich so vielleicht am besten zurecht«, sagte Caecilius bei der Abreise, und Caecilia erwiderte: »Ja, vielleicht!« Aber sie glaubte nicht daran.

Manches konnte aber darauf hindeuten, daß etwas Ähnliches geschehen würde. Zu den ersten Menschen, mit denen Marcellus nach der Trennung zusammentraf, gehörten die Brüder Valerianus und Tiburtius, zwei junge Leute, die von der Großmutter »Ungeheuer der Korrektheit« genannt worden wären. Beide hatten in ihrer Auffassung von den Menschen die liebenswürdig blasierte Art der eleganten Welt; aber der Unterschied zwischen ihnen war, daß Tiburtius neue Menschen, die man ihm zuführte, wie Korrekturfahnen ansah, die er leidenschaftslos überflog, um dann mit ihnen fertig zu sein. Für Valerianus dagegen waren sie eher Kunstgegenstände, die er von einem grundsätzlichen Standpunkt aus betrachtete und dann an einem willkürlich gewählten Platze seiner Sammlung einreihte. Immerhin versuchte er es doch, ihre menschliche Eigenart zu verstehen. Gemeinsam war ihnen beiden die Auffassung, daß sich Caecilia um ihre Aufgabe drückte, wenn sie weder Korrektur las, noch rubrizierte, sondern ihr Herz durchgehen ließ – oder, besser ausgedrückt: wenn ihr Herz den Menschen entgegensprang, weil die zuerst und zuletzt » Gottes liebe Kinder« wären.

Jetzt, wo Caecilia abwesend war, stellte sich Marcellus aus Solidaritätsgefühl oder Widerspruchsgeist – wenn nicht noch ein dritter Grund mitsprach – auf den galiläischen Standpunkt und sagte: »Wenn wir nun zu allererst Gottes liebe Kinder sind – was geht uns dann die Eigenart der Menschen an?«

Valerianus fragte lustig: »Sag mir, Marcellus, bist du ein Galiläer, oder bist du verliebt?«

»In Caecilia sind wir alle verliebt«, warf Tiburtius ein.

»Und ein wenig Galiläer sind wir infolgedessen auch«, fuhr Valerianus fort.

Jetzt ergriff Tiburtius das Wort aufs neue: »Weißt du, Marcellus, daß sie von dir irgend etwas Fanatisches erwartet? Ja, ein Schwert müßtest du werden – vermutlich in der Hand des Gottes der Galiläer.«

»Und als ich sie fragte, was sie selbst sein möchte, weißt du, was sie zur Antwort gab?« fragte Valerianus. »Sie antwortete: ›Ich will ein Schleifstein sein, der das Eisen schärft.‹«

Nun redete wieder Tiburtius: »Selbst unser junger Freund Jon – der Nachkomme des Königs Numa – betrachtet dich schon als Dreiviertelgaliläer. Weißt du, was er mir antwortete, als ich ihn fragte, warum er dieser Meinung wäre? ›Ja‹, sagte er, ›man kennt den Esel an den Ohren.‹ Was er nun auch damit gemeint haben mag ...«

Hier griff Marcellus in das Gespräch ein. »Man kann nicht wissen, wer von uns zuerst kapituliert«, bemerkte er.

Worauf beide Brüder wie aus einem Munde riefen: »Ich nicht!«

Die Überlieferung erzählt, daß sie alle beide kapitulierten.

An die Stelle der Besuche in der Villa am fünften Meilenstein traten nun Briefe, aber zwischen ihnen lagen Ozeane an Zeit oder doch wenigstens von einer Woche. Von den Alten wußte Marcellus, daß Trennung für die Liebe dasselbe bedeutet wie Sturmwind für das Feuer. Sie bläst das kleine aus und läßt das große auflodern. Auch diese Weisheit mußte er sich jetzt zu eigen machen, und sein ganzes Wesen bekam ein noch unruhigeres Gepräge. Er erinnerte an einen Mann, der von Flöhen geplagt wird.

Eine seiner ersten Taten nach Caecilias Abreise war ein Besuch im Tempel des Äskulap, wo er für die Gesundheit der Geliebten einen jungen Stier als Opfer darbrachte, und in der Woche darauf erhielt die Minerva medica aus derselben Veranlassung zwei Paar von Tausendschöns Tauben. Wenn dies Caecilia auch vielleicht nichts half, so brachte es jedenfalls ihm selbst etwas mehr Ruhe; und doch war er durchaus nicht auf Einsamkeit erpicht. Aber ob er sich auch vor der Einsamkeit fürchtete, er wurde der Gesellschaft andrer doch bald müde, und mit dem Appetit erging es ihm auch nicht besser: er nahm die Speise zu sich, wie man Medizin schluckt. Es war also kein fröhlicher Kamerad, der zu Rab Chanina kam, als sich Marcellus seines Versprechens erinnerte und sich zum Dienst in der Slum-Mission des Priesters meldete. Aber das focht Rab Chanina nicht an, er bedurfte in diesen Tagen fast eines verdrießlichen Menschen. Allerdings hatte er in seinem Beruf allerlei Widerwärtigkeiten und einzelne Widersacher, z. B. wie Urban; sonst aber geschah in seiner Gemeinde und weithin in anderen Gemeinden das höchst Merkwürdige, daß man drauf und dran war, Rab Chanina bei lebendigem Leibe zu kanonisieren. Das ist das peinlichste Los, das einen Menschen treffen kann. Die Fähigkeit, sich an den Spott seiner Umgebung zu gewöhnen, ist im schlimmsten Fall nur eine Sache charakterlicher Galvanisierung. Aber es gibt vielleicht auf dem ganzen Erdenrund nicht zwanzig wirkliche Mannsbilder, die nicht äußerst verlegen werden, wenn ihre vier besten Freunde sie hochleben lassen. Jedenfalls war Rab Chanina der Verzweiflung nah, weil man ihn schon halbwegs als Märtyrer feierte – ihn, dessen einziges Martyrium gerade das verfluchte Getue war, mit dem ihm diese geifernden Bewunderer unentwegt in den Ohren lagen.

Marcellus wirkte deshalb, als er zu Rab Chanina kam, auf diesen fast wie ein Mittel gegen Hautjucken; sein Benehmen war gemessener und kühler als früher, was seinen Grund darin hatte, daß er anfing, Rab Chanina so anzusehen, wie man etwa eine Ratte betrachtet: man sieht in ihr nicht ein an sich schönes und kluges Nagetier (viel schöner und klüger, als es der tausendmal bedichtete Hase ist), sondern man sieht in ihr zehn Millionen fressende und gebärende Ratten. Marcellus hatte angefangen, in Rab Chanina den Repräsentanten der Gesellschaftsklasse zu sehen, die Caecilia von ihm trennte, und so vergaß er es für einen Augenblick, daß alles in allem der Priester bloß ein Hund war, der sich in anstrengender und undankbarer Arbeit uneigennützig aufrieb. Aber Rab Chanina ließ sich nichts anmerken; ziemlich barsch trug er seinem Assistenten eine Menge schmutzige Arbeit auf; und die Belastung vollständig zu machen, ließ er ihn öfters mit Schwester Petra zusammenarbeiten. Schwester Petra hatte einen großen grauen Schnurrbart und Triefaugen, und überdies hatte sie die Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit »Halleluja!« und »Gott sei gepriesen!« und »Lob und Dank!« zu rufen. Dazwischen fuhr sie auch wohl in die Höhe und schrie: »Ich bin herrlich erlöst! Ich bin herrlich erlöst!« Das hervorstechendste Stück ihrer Kleidung war eine Art Kapuze aus schwarzem Stroh, die um den Kopf von einem breiten roten Band zusammengehalten wurde. Diese Kapuze trug sie sommers und winters. Sie war überhaupt ein ziemlich bösartiger Anachronismus; aber daneben lag doch auch manches Gute in ihr – auch wenn man von dem Wein absah, den sie massenhaft in sich hineinschmuggelte. So nahm sie den Marcellus auch gleich durch ihre Derbheit für sich ein. Ihre gemeinsame Aufgabe war es, Kleider und andere Gebrauchsgegenstände an den menschlichen Bodensatz auszuteilen, der zu diesem Zweck unentwegt das Bethaus aufsuchte; Marcellus gab einmal seinem Verdacht Ausdruck, es könnten einige von ihnen mit Ungeziefer behaftet sein.

»Mit Ungeziefer behaftet!« wiederholte Petra jubelnd. »Lob und Dank! Ja, das kann man wohl sagen. Sie wimmeln von Läusen. Daran gewöhnt man sich. Ich selbst war kürzlich auf einem kleinen Pilgerzug an dem Platz, wo ich zum ersten Male Riesenläuse bekommen habe. Mir wurde ganz wehmütig. Damals wäre ich vor Scham fast ins Wasser gegangen. Aber jetzt – nun, du kriegst schon bald selber welche.«

Es wurde dann so eingerichtet, daß Marcellus gleich bei seiner Ankunft seine Kleider wechselte, und daß er ein Bad nahm, ehe er heimging; aber sehr oft machte es Petra richtigen Spaß, ihm ein Stück Papier zuzuschieben, über das ein graues Gespenst eifrig zu ihm hinüberkrabbelte.

»Halleluja!« sagte sie. »Man hat die kleinen Plagen, um zu lernen, dafür dankbar zu sein, daß man von den großen verschont bleibt.«

Schwester Petra gern zu haben, das war nicht schwer.

Armut ist an und für sich nicht so schlimm, wie viele glauben. Das Triviale daran stellt sich eigentlich erst bei dem Vergleich mit denen ein, denen es besser geht. Genau so wäre, wenn alle Menschen reich wären, Reichtum etwas ziemlich Idiotisches.

Eine der ersten Erfahrungen, die Marcellus unter den Armen Rab Chaninas machte, war, daß ihre Unzufriedenheit die reine Hypnose war; – daß das Hinstarren auf die Begünstigteren sie vollkommen blendete. Er meinte wohl, man müßte ihnen aus ihrer Blindheit heraushelfen; hier aber stieß er bei Rab Chanina auf unerwarteten Widerstand. Denn der betrachtete die Armut als eine göttliche Einrichtung, dazu bestimmt, den Reichen Veranlassung zu Opfern und den Armen Veranlassung zur Dankbarkeit zu geben – zwei Dinge, an denen nach seiner Meinung Mangel herrschen würde, wenn alle genug hätten.

Wenn sie ihre Uneinigkeit auf diesem Gebiet festgestellt hatten, machten sie sich aufs neue daran, den bedauernswürdigen Armen zu helfen. Und es gab wahrlich genug von ihnen. Es war, als sickerten sie aus Löchern und Gruben und Wänden und Rissen heraus, wo immer man hinsah. Selbst aus den Kloaken kamen sie am Morgen herausgekrabbelt, wo sie es rätselhafterweise fertigbrachten zu schlafen. Und brauchten sie vielleicht auch nichts anderes, so waren es wenigstens ein Stück Brot und eine Badekarte. Ganze Stapel davon lagen bereit: ein Stück Brot und eine Badekarte – ein Stück Brot und eine Badekarte. In einzelnen Fällen bekamen sie auch Öl, sowohl zum Brot wie für das Bad, und einige bekamen überdies ein Schabeisen oder eine Scheuerbürste. Dieses Bedürfnis war am leichtesten zu befriedigen. Zum Teil waren es ewig dieselben, die sich immer von neuem meldeten. Sie stellten sich in einer Reihe auf, bekamen ihre Ration, stotterten eine Art Danksagung her und glitten wieder in den Sonnenschein hinaus. Die Bedürftigeren – hauptsächlich Frauen –, die Kleider und die Hausmiete nötig hatten, nahmen die Kräfte der Austeilenden viel mehr in Anspruch. Die meisten von ihnen hatten eine Leidensgeschichte zu berichten, die sie ungern bei sich behalten hätten; aber sie brauchten Zeit zum Erzählen. Außerdem mußte ein Teil der Angaben nachgeprüft werden, und die meiste Zeit eines Monats kroch Marcellus als Kontrolleur in den obersten Stockwerken des Sandalenmacherviertels herum. Das war eine in jeder Beziehung aufreibende Arbeit. Wenn er dann aber nahe daran war, das Ganze aufzugeben, dann tauchte Caecilia vor seiner Seele auf und spendete ihm ein Lächeln – jenes Lächeln, das immer seltener geworden war, je weiter ihre Bekanntschaft fortschritt. Marcellus hatte lange gebraucht, bis er entdeckte, daß es eine Auszeichnung war, wenn sie ihm nicht mehr so oft zulächelte. Ihr Lächeln machte den Eindruck eines Instruments, mit dem sie in aller Eile überflüssige Etikette, Form und Äußerlichkeit abstreifte, um zur Sache zu kommen, und das nachher weggelegt wurde. Um so wertvoller aber war es, wenn dieses Lächeln ein seltenes Mal strahlend und wunderbar schön hervorbrach.

Bisweilen jedoch fiel ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Arbeit auf die Nerven, und er konnte dann, wenn er schließlich nach Hause kam, stundenlang still dasitzen, vorgebeugt, zwischen den Händen den Kopf seines Hundes, dessen Augen aufmerksam auf ihn gerichtet waren; stand er dann schließlich auf, um zu Bett zu gehen, so tätschelte er dem Hunde wohl den Kopf und sagte: »Wir müssen vernünftig sein, Tob! Vielleicht nimmt sie uns doch noch einmal!«

 

Eines Abends saß er auch wieder niedergeschlagen daheim und überlegte und wog das Für und das Wider gegeneinander ab. Da sprang plötzlich die Tür auf, und er ging hin und machte sie zu. Kaum hatte er sich wieder gesetzt, als sie von neuem aufsprang, und abermals ging er hin, sie zu schließen. Obgleich er wußte, daß das überflüssig war, öffnete er sie doch vorher ganz und schaute hinaus, ob jemand draußen wäre. Darauf drückte er sie fest zu – nein, es war an dem Schloß etwas nicht in Ordnung, es schnappte nicht richtig ein. Der Sicherheit wegen rief er Euphemus herbei, der das Schloß in einem Nu zurecht brachte, dann aber unaufgefordert hereintrat und sich innerhalb der Tür aufpflanzte. An einem der letzten Tage hatte er ganz ohne Zartgefühl Marcellus über Caecilia ausgepumpt, und jetzt setzte er dies Gespräch fort, als ob es nie unterbrochen worden wäre.

»Ein Herz ist wie eine Buchsbaumtafel, worauf das Bild der Geliebten gemalt ist«, zitierte Euphemus. Marcellus nickte beifällig. »Und wenn die Liebe stirbt, nimmt man den Spachtel, kratzt die Tafel ab und malt ein neues Bild darauf«, schloß der Türhüter das Zitat. Er war im Namen des Hauses ernstlich darüber gekränkt, daß Marcellus verschmäht worden war. In seinem Innern verzweifelte er geradezu an Marcellus, nach außen hin aber stand er Schulter an Schulter mit ihm.

»Du warst nicht draufgängerisch genug«, tadelte der Alte weiter. »Ich bin mir beinah sicher, daß du dir nicht einmal einen Kuß erobert hast.«

»Sie hat mir angeboten, wie eine Schwester zu mir zu sein«, sagte Marcellus müde.

»Ein großzügiges Angebot!« nickte Euphemus. »Namentlich da sie alle miteinander Brüder und Schwestern sind – die ganze Blase.«

»Sie meinte mehr damit – sie war mir wirklich wie eine richtige leibliche Schwester«, wendete Marcellus ein.

»Ja, ich kenne den Typus«, sagte Euphemus. »Vor fünf- oder sechsundfünfzig Jahren einmal ...«

Marcellus hob abwehrend die Hand auf. »Ich zweifle nicht daran. Deine Erfahrungen sind Legion. Was hast du dann getan?«

»Darauf gepfiffen – selbstverständlich«, antwortete der Alte und ging. Indes war diese Darstellung der Sache nicht ganz wahrheitsgemäß. Das besagte Mädchen war mit Euphemus verlobt gewesen, hatte aber dann einen Mann getroffen, der an Brieftaschen-Elephantiasis – oder wie es zu jener Zeit geheißen haben mag – litt; und da zog sie es vor, sich seiner Pflege zu widmen. Und jetzt noch, nach sechsundfünfzig Jahren, konnte diese Erinnerung Euphemus ab und zu wurmen. Aber als er nun gegangen war, unterzog sich Marcellus einer Übung, die gerade der alte karische Türhüter ihn als Jungen gelehrt hatte. Er hatte nämlich die Notwendigkeit hervorgehoben, daß man bei gewissen Gelegenheiten aus sich selbst herauskriechen müsse, um einen Überblick über sein Futteral zu bekommen. Marcellus stellte sich also vor, er krieche in seinen leeren Vogelkäfig hinein, der in gleicher Höhe mit dem Fenster hing. Er tat es in einem Anfall von Galgenhumor, und er war nicht eben erfreut über das, was er da sah.

»Was ist im Grunde genommen eigentlich noch übrig von dir?« fragte er den Beobachtenden. »Ehemaliger Buchhalter – ehemaliger Anbeter der alten Götter – ehemaliger Liebhaber – ehemaliger Dichter – alles mögliche Ehemalige; aber was bist du heute andres als ein Narr! Ein Erznarr! Ein verliebter Narr!«

 

Manchmal kam auch Papirius unter irgendeinem Vorwand abends ganz leise zu Marcellus herein – etwas, worauf er sich früher nie eingelassen hatte. Einmal wollte er an der Schraube des großen Kandelabers, der seinen Platz mitten auf dem Tische hatte, etwas in Ordnung bringen. Ein anderes Mal kam er mit einem Bund Fichtenscheitern daher, die er etwas überflüssigerweise auf das Gestell im Kamin schichtete – für alle Fälle, wie er sagte. Das Zusammensein endete dann mit einer Unterhaltung über die aktuellen Fragen des Tages – bisweilen auch über die Galiläer. Papirius waren des Sohnes beständige Besuche in Rab Chaninas Bethaus durchaus nicht unbekannt geblieben, und es ist ein Beweis für seine diplomatische Begabung, daß er dieser Frage verständnisvoll gegenüberstand.

»Was die lehren, klingt ja großartig«, sagte er. »Und es sind ohne allen Zweifel auch Körner der Wahrheit darin, aber es nimmt den Leuten den Mut, und schon aus diesem Grunde sollte man diese Dinge nicht sagen.«

»Rab Chanina hat es den Mut nicht genommen«, wendete Marcellus ein.

Darauf antwortete Papirius: »Rab Chanina – ja! Immer Rab Chanina! Nichts beweist deutlicher ihre Armut, als daß sie jederzeit diesen Mann ausspielen müssen.«

»Wenn es eines Tages darauf ankommt, wird es sich zeigen, daß es ihrer viele sind«, behauptete Marcellus. »Ich könnte dir ohne jede Vorbereitung fünfzig nennen, die fest stehen werden, wenn eines Tages ein Sturm einsetzt.«

Papirius nickte anerkennend. »Um so besser!« sagte er. »Ich kann dir nämlich im Vertrauen mitteilen, daß sie wahrscheinlich bald Gelegenheit bekommen werden, ihren Mut zu beweisen.«

Marcellus wußte längst, welche Stellung sein Vater innerhalb der Polizei einnahm; aber auf stillschweigendes Übereinkommen wurde diese Sache zwischen ihnen nie berührt. So erwiderte er mit einem Achselzucken: »Wie lange schon wird das erzählt!«

»Ganz richtig!« gab Papirius zu. »Aber es ist jetzt dringende Gefahr für sie im Anzug. Ich wollte dich schon lange warnen. Die ganze erregte Atmosphäre verlangt notwendig nach einer Entladung. Es ist jetzt so weit, daß ganz im geheimen zwei Kohorten Polizei ›für besondere Aufgaben‹ gebildet worden sind, aus jungen, bärenstarken Bauern rekrutiert, deren Überzeugung es ist, daß die großen Städte hauptsächlich von Individuen bevölkert seien, die im besten Fall nichts Gutes ausrichten und deshalb wohl zusammengehauen werden dürften.«

»Was hat das mit den Galiläern zu tun? Sie machen ja keinen Aufruhr«, entgegnete Marcellus.

Papirius zog einen Rapport aus der Mappe, die er mitgebracht hatte. »Wir haben die Verfluchungstafel gegen den ›Vogel‹ nicht vergessen, und es ist noch mehr da«, sagte er. »Unter anderem ist hier ein Rapport, der von einer Weissagung handelt, mit der sie sich zur Zeit abgeben. Es heißt, es werde ein Königreich über die ganze Erde erstehen, und er, der die Gerechtigkeit sei, würde König werden und die Mächtigen von ihren Thronen stürzen. Zum Satan – warum können sie von dem allen nicht das Maul halten! Ich persönlich pfeife auf ihre sämtlichen Prophezeiungen und Königreiche; aber es ruft Aufregung hervor, und mit der Ware ist das Reich ohnehin schon genügend versehen.«

Marcellus sah grübelnd vor sich hin. »Das steht im Buche Henoch geschrieben – ja! Aber es ist eine geistliche Herrschaft, von der da die Rede ist.«

Papirius blätterte weiter und brummte: »Hier ist eine Beilage, die beweist, daß du unrecht hast. Der Eunuche, der Vater Hyazinth, hat in Gegenwart von Egrilius das Gegenteil gesagt: Man erwartet in Bälde einen Mann, der alles über den Haufen stürzen wird. Zweifelst du daran?«

»Nein!« antwortete Marcellus tonlos. Er kannte diese Sekte, die auf den Tag des Gerichtes wartete, genau; nur hatte er nicht gewußt, daß Vater Hyazinth auch dazugehörte. Er kannte die unablässig wiederholten haßerfüllten Worte des Esra: »Mit eisernen Spießen wird er sie zerschmettern und gottlose Heiden mit den Worten seines Mundes vernichten.« Da gab es keinen Widerspruch.

»Aber sie mißverstehen es«, sagte Marcellus.

Darauf antwortete Papirius: »In der Praxis ist das gleichgültig. Wenn ein solcher Wahnwitz Ausbreitung findet, wie es hier der Fall ist, dann entsteht allerlei Unglück. Es ist also die Aufgabe des Staates, diese Leute zurechtzuweisen.« Und er fügte hinzu: »Du könntest mir den Gefallen tun und Rab Chanina warnen. Ein Überfall auf die Galiläer wird jedenfalls gemacht, aber wir müssen trachten, ihn nach einem anderen Stadtviertel abzulenken.«

 

Die Stimme des Papirius hatte so ernst geklungen, daß Marcellus seinem Rat folgte und die Warnung an Rab Chanina weitergab. Aber in den Strömungen, die sich in den »Vier Säften« von Tisch zu Tisch fortpflanzten, lag noch viel mehr Ernst, wie Marcellus merkte, als er einige Tage später eine seiner Hilfsexpeditionen unterbrach, um eine Herzstärkung zu sich zu nehmen.

Das Wirtshaus zu den »Vier Säften« war vor langen Jahren von einem Arzt gegründet worden, der so viel von seiner Zeit in Kneipen zubrachte, daß er es schließlich am billigsten fand, sich selbst eine zuzulegen. Der Name des Lokals bezog sich nicht auf etwas Trinkbares, sondern im Gegenteil auf die vier berühmten Körpersäfte der vor kurzem aufgekommenen Humoralpathologie, deren Vaterschaft sich Galen eiligst gesichert hatte. Im täglichen Leben war es meist das sanguinische Temperament, das hier regierte; heute aber wurde der Zug der Säfte von den beiden regiert, die an die schwarze und die gelbe Galle gebunden sind.

Der eigene Beitrag des Hauses zu der Stimmung war von der möglichsten Munterkeit. Der neue Wirt Maës, der früher den »Weißen Walfisch« am Flusse betrieben hatte, stand wohlgenährt und lustig dabei und verhielt sich neutral. Und rings auf dem Boden lag ein halbes Dutzend von Mischlingskindern mit krausem Haar und weißen Zähnen. An den Tischen aber »schäumte die Brandung des Jähzorns um die Felsen der Besonnenheit«, wie Orbilius das ausdrückte. Er selbst war der einzige, der die Galiläer verteidigte, die von dem Arzt Rufus, dem Viehhändler Calvisius, dem Geldwechsler Sergius Orata und dem Buchhändler Eros hart angegriffen wurden, und so hieß er Marcellus als Bundesgenossen herzlich willkommen.

»Nicht wahr«, sagte er scherzend zu Marcellus, »die besten von den Christen stehen himmelhoch über dem Gestüt des Friedenstempels mit seinen leichtsinnigen Pflastertretern und traurigen Clowns – der Trunkenbolde ganz zu geschweigen, die ihre Zeit, ihr Geld und ihre Gesundheit in den Wirtshäusern vergeuden?«

»Belästige die Gäste nicht!« grinste Maës, der eben dabei war, eine Ecke des Marmortisches mit einem Stück Bimsstein zu glätten.

»Es soll ihnen eine scharfe Verwarnung zugekommen sein«, sagte der Geldwechsler. »Aber was fragen schon Galiläer nach Verwarnungen!«

»Das wirkt auf sie nicht mehr als ein Bienenstich auf einen Elefantenrüssel!« klagte Rufus. »Sie sind auf so etwas stolzer als mein Kleiner daheim auf ein blaues Auge.«

»Ja, du hast wohl Mühe und Not genug mit ihnen«, bemerkte der Buchhändler Eros. »Ich glaubte schon, die Burschen würden die ganze Straße einreißen.«

»Na ja, die Verfluchungskunststücke des Philetus!« warf Calvisius verständnisvoll ein. »Wer hätte das von ihm geglaubt!«

»Wer es geglaubt hätte?« spottete Rufus. »Wenn man es geglaubt hätte, wäre es natürlich nicht geschehen, du Dickschädel! Aber macht es euch zum Grundsatz, von der ganzen Bande das Schlimmste zu denken, dann werdet ihr nicht enttäuscht.«

»Was sagst du dazu, Marcellus?« fragte Sergius Orata. »Man sagt, du wärest auf dem Sprung, heilig zu werden.«

Aller Augen richteten sich auf den Angeredeten, und Rufus sagte bekümmert: »Er ist auf dem Punkt, ein zweideutiges Tier zu werden – ein Bastard wie die Krähe, die man bekanntlich weder zu den Tauben, noch zu den Raben rechnen kann!«

»Pfui Teufel!« rief Eros zusammenschauernd. »So verteidige dich doch gegen die Grobheiten des Rufus, Marcellus!«

Marcellus füllte seinen Becher und zuckte die Achseln. »Womit soll ich mich verteidigen – Rufus hat ja recht! Ich habe mich vorläufig zum Bastard entwickelt.«

»Natürlich hab' ich recht!« sagte Rufus mit Selbstgefühl. »Marcellus ist nicht nur drauf und dran, die alten Götter zu verlassen, sondern es sollen auch gewisse irdische Gottheiten vergeblich nach diesem Herrn seufzen. Na, ich kann mir doch nicht denken, daß Marcellus in dieser Richtung bis zum äußersten gehen wird. Dazu steckt in ihm doch zu viel von einem Papirius.«

»Wir wollen es hoffen!« polterte Eros los. »Aber – beim Schwanzbüschel des Anubis! – sag mir doch, ob du bei den Galiläern etwas anderes siehst als Schmutz und Gestank und Hinterlist?«

Marcellus antwortete ruhig: »Außer bei den Galiläern sehe ich noch etwas sehr Verwirrendes, nämlich, daß die Menschen lieber neun als sieben Prozent Zinsen von ihrem Geld ziehen möchten, sich aber höchst seelenruhig mit einer ganzen Kleinigkeit von intellektuellem und mit einem Nichts von seelischem Kapital begnügen.«

»Aber die Galiläer?« fragte Rufus.

»Die wirklichen Galiläer sind eifrig auf die Errettung ihrer eigenen Seele und die Seelen anderer aus«, antwortete Marcellus.

»Mag sein!« sagte Rufus. »Da du es behauptest! Aber haben wir denn nicht die Hunde? Sitzt nicht hier zwischen uns unser sehr geliebter Freund, der alte Orbilius, und nennt er dich nicht einen Narren, nur weil du hier sitzt?«

»Ach nein!« wendete Orbilius ein. »Selig ist jeder, der für die Gesundheit seiner Seele eifrig besorgt ist.«

Bei diesen Worten stand Marcellus auf, trat zu dem alten Hund hin und küßte ihn. »Laß mich dir danken für das, was du uns gewesen bist, ehe es zu spät ist«, sagte er. Und er fand später auch keine Gelegenheit mehr dazu.

 

Maës, der frühere Wagenlenker, der in diesen Tagen die »Vier Säfte« gekauft hatte, ahnte so wenig, ob er eine Seele hätte, wie er von dem Vorhandensein seines Blinddarms wußte. Wenn aber einer oder der andere – aus der Weisheit späterer Zeiten schöpfend – es hätte versuchen wollen, ihm die Beschaffenheit dieser beiden Dinge zu erklären, so hätte er daraus sicherlich gewiß nur den Schluß gezogen, daß sie zwei gleichwertige Phänomene wären. Er war ein gesunder, nüchterner Mann mit einem genußfreudigen Magen und einer Vorliebe für kleine warme Platten – insbesondere für in saurem Wein mit Pfeffer gekochte Schnecken. Er gab eine so große Portion davon, daß ein normal gewachsener Sklave sich daran hätte satt essen können, für nur zwei As her, und da ging noch die zugehörige Weizensemmel mit drein. Den Pfeffer bezog er von seinem Bruder, der auf seinem Hof in der Nähe von Neapel einige hundert Pfefferbüsche hatte. Die Körner waren allerdings nicht erstklassig; wenn sie aber hart getrocknet und nicht allzu fein gestoßen waren, konnte man sie schon verwenden. Die Schnecken kamen wöchentlich einmal frisch von Ostia, und die Weizensemmeln buk seine Frau. Maës war ein glücklicher Mann.

Aber er war auch ein gewissenhafter Mann. Gleich nachdem die eben geschilderte Gesellschaft aufgebrochen war, schickte er nach gemeinschaftlicher Überlegung mit dem Buchhändler Eros einen Brief an Papirius, der nur die kurzen Worte umfaßte: »Wie hat man sich zu verhalten, wenn sich bei einer Razzia im Bethause des Rab Chanina unter den Festgenommenen zum Beispiel der Sohn des Chefs der Curiosa befindet?«

Auf das Siegel drückte er den Stempel mit dem merkwürdigen Ohr, das das Erkennungszeichen der geheimen Polizei war, und mitten in dem Ohr stand die Nummer XXXVI. Auf der Tafel stand, als sie zurückkam: »Das wird nicht geschehen.« Und ganz unten auf der Tafel war hinzugefügt: »Geschieht es doch, dann kommt er mit den andern ins Gefängnis.«

In dem Ohr auf dem Siegel war jetzt das Zeichen des Chefs zu sehen: ein kleineres, halb eingerolltes Ohr.

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