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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 22
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Einundzwanzigstes Kapitel

Rom litt ab und zu an Krämpfen, und jetzt näherte sich ein neuer Anfall. Es gab kaum jemand, der genau hätte sagen können, was eigentlich los war; aber die Einzelfälle von Unbehagen gingen allmählich in ein allgemeines Gefühl der Erregung über; und damit nur ja keine einzige Spezies von Unannehmlichkeiten mangle, hörte die Ruhe auf, die seit ungefähr zwei Jahren auf dem Arbeitsmarkt geherrscht hatte. Während dieser ganzen Zeit war die Stadt von größeren Arbeitskrisen verschont geblieben, abgesehen freilich von einem gelegentlichen Streik der Droschkenbesitzer, die wegen eines Zankes über die Haltestellen an den Stadttoren eine Woche lang ihre Wagen einfach daheimgelassen hatten. Diesmal begann es am vierundzwanzigsten August – dem ersten der drei Tage, wo die Unterwelt offen steht –, und das Baugewerbe war es, wo es am schlimmsten stand. Acht Gewerkschaften, die fünfhundert freie Arbeiter und acht Meister umfaßten und zweihundert Sklaven beschäftigten, verließen ohne vorherige Ankündigung eine Anzahl Neubauten im Flußviertel. Es drehte sich hauptsächlich um Lager- und Magazingebäude, und sofort wurde die bis zum Überdruß erhobene Forderung an die Regierung gestellt, sie solle die Arbeiten zwangsweise ausführen lassen. Aber diese Forderung war nicht ernst gemeint. Man hatte die Wohnhäuser noch in zu frischer Erinnerung, die auf diese Weise gebaut wurden, nach kurzem aber den Mietern über dem Kopf zusammengestürzt waren. Gleichzeitig mit den Vorbereitungen zum Streik wurden die Transportarbeiter davor gewarnt, überhaupt noch irgendwelches Baumaterial zu löschen; und zwei Prahme mit Backsteinen, die ein paar Tage danach den Fluß heraufkamen, stießen zusammen und sanken einen Steinwurf weit von der Probusbrücke. Das war die gewöhnliche – man kann fast sagen, die autorisierte – Stelle für Versenkungen aus Streikgründen.

So waren alle Vorbereitungen getroffen für den Stapellauf jenes Versagens der öffentlichen Selbstkontrolle, das man übereingekommen ist, eine Panik zu heißen. Die Gleitbahn war geschmiert (wie auf den Werften in Misenum), und es fehlte nur noch die Namengebung (die Einweihung wurde unter Verwendung von lesbischem Wein vollzogen), dann durfte man das Seil durchhauen und konnte das Fahrzeug zu Wasser gleiten lassen.

Noch herrschte einigermaßen Ruhe; aber die Polizei war auf alles vorbereitet. Nicht allein waren ihre sämtlichen eigenen Kohorten und die zusammengezogenen zehn Kohorten der Feuerwehr, die je tausend Mann zählten, heimlich durch Auffüllungsabteilungen von je zweihundert Mann (hauptsächlich frühere Gladiatoren) verstärkt worden, sondern es konnte auch ein ähnlich starkes Aufgebot von Prätorianern binnen weniger Minuten in Bewegung gesetzt werden, und zwar vermittels eines Signalalphabets, dessen Sendestation sich im Büro des Polizeidirektors befand, während die Empfangsstationen in den Gardekasernen außerhalb der eigentlichen Stadt lagen.

 

Wenn Marcellus in seiner eigenen Seele eine gewisse Erregung spürte, verwechselte er sie bisweilen mit der Erregung der Weltseele. Sein Spleen wurde zum Weltspleen. Gleichzeitig aber war er innerlichen Gefühlsschwankungen gegenüber abnorm empfindlich – eine Eigenschaft, die durch seine relative Unbeschäftigtheit auf das äußerste begünstigt wurde. Wenn man also eine Methode zur graphischen Darstellung der Bewegungen einer Menschenseele gekannt und sie gerade in diesen Tagen auf Marcellus angewendet hätte, wäre die Ausbeute eine unruhige Kurve gewesen, die auf einem Hochplateau vollkommenster Hoffnungsfülle angefangen und in einem Sumpf von Melancholie geendet hätte.

Gleichzeitig begann er seine äußere Erscheinung zu vernachlässigen. Das entdeckte er eines Morgens, als er feststellte, daß seine Handtücher schmutzig wurden. Einen Augenblick grübelte er darüber nach, wie das zugehen könnte. Dann mußte er beschämt einsehen, daß er sich nicht mehr gründlich wusch – ja, es konnte sogar vorkommen, daß er mehrere Tage lang kein Bad nahm. Und dies zog sich nun schon mehrere Wochen hin – auch das wurde ihm klar. Also mußte es auch die Großmutter wissen, die überall nach dem Rechten sah – die Großmutter, die zu sagen pflegte, man unterscheide einen wohlerzogenen Menschen von einem schlechterzogenen daran, daß ersterer im Gegensatz zu letzterem sein Handtuch nicht schmutzig mache.

Eines Morgen betrachtete Marcellus zufällig sein Gesicht im Spiegel. An der Nasenwurzel und an den Schläfen zeigten sich eingefallene Stellen, und die Augen waren ohne Glanz. Er schnitt eine Grimasse und beschloß, sich zusammenzuraffen. Noch an demselben Tag ging er mit zwei Freunden auf die Jagd; aber schon am ersten Morgen erlegten sie so viel Vogelwild, wie ihr Wagen fassen konnte, worauf er auch die Jagd stumpfsinnig fand und nach Hause fuhr.

Marcellus stellte bei sich selbst fest, daß, was ihm fehlte, nur die gewohnte Arbeit sei. Ein Mensch verliert ein Bein, hat aber fortgesetzt noch Schmerzen in den Hühneraugen. Auf dieselbe Weise – das erzählte er, von einem der Gleichnisse Caecilias inspiriert, sich selber – tat ihm seine Bank weh. Und wie ein Mensch, der die Wohnung gewechselt hat, aber die erste Zeit von seinen Füßen immer wieder dahin zurückgeführt wird, ging er so oft wie möglich an seiner früheren Arbeitsstätte vorbei, wo die Aushängetafeln, auf denen »Zu vermieten« stand, noch an allen Fensterladen hingen.

Bei einer dieser zwecklosen Expeditionen lenkte er seine Schritte auch nach der Wohnung der Mutter Sara, die nicht weit davon lag. Obgleich Mutter Sara im obersten Stockwerk wohnte, hörte er schon im ersten Stock ihre Stimme in lebhaftem Gespräch mit einem Bettler. Liebe gute Mutter Sara! Gerade so mußte man sie treffen: im Begriff, einem Bettler durch den Türspalt ein Almosen zu reichen! Es war jedesmal ein Quadran (sie hatte zu diesem Zweck eine Schachtel voll davon), und sie begleitete ihn mit dem freundlichen stehenden Spruch: »Hier, guter Mann – verwende es nun nicht zu etwas Unvernünftigem!« Fünf Pfennige mit Servitut – das war Mutter Sara! Eine Arme, die ihr Weniges mit einem noch Ärmeren teilte. Das war Mutter Sara! Eine, die ihre Gabe mit einem Scherflein aus ihrem kümmerlichen Vorrat an Lächeln segnete.

Sie war wieder hineingegangen, als Marcellus oben anlangte; und obgleich es draußen blendend hell war, herrschte Dunkelheit in dieser Armenkaserne. Als die Tür aufging, schwankten zwei Lichter wie herbstlich schwere Binsen in der Brise, und auf der weißen Wand sprang wie ein Tier plötzlich ein schwarzes Kreuz hervor. Mutter Saras Haar hatte noch immer dieselbe Farbe, die es gehabt hatte, solange Marcellus zurückdenken konnte – die Farbe, die eine Tasse Fleischbrühe bekommt, wenn man zwei Eidotter hineinrührt. Sie wendete ihr gefurchtes Gesicht fragend der Tür zu; und als sie ihren Gast erkannte, flog ein strahlendes Lächeln darüber hin.

Ehe er wieder fortging, gab sie ihm einen Zettel, den sie nun seit vierzehn Jahren aufgehoben hatte. Es war ein Zettel, auf den Ruth nach ihrer Gewohnheit allerhand gekritzelt hatte. »Marcellus« stand da viermal untereinander. Dann einmal »Jesus«; aber dieses Wort war ausgestrichen. Dann wieder oftmals »Marcellus« über den größten Teil des Papiers verstreut; und in der untersten Ecke stand »Marcellus und Ruth«.

»Er lag im Buch der Offenbarung«, sagt Mutter Sara und fügte entschuldigend hinzu: »Sie war ja so jung.«

Marcellus ging heimwärts und summte nachdenklich ein halbvergessenes Liedchen von einem Mädchen und einer blauen Glockenblume vor sich hin. Aber ein solches Vorkommnis half ihm höchstens für einen Tag. Außerdem machte sich nun auch die beginnende ökonomische Ebbe geltend. Es war ihm peinlich, als er einem Schulkameraden begegnete und ihm eine Anleihe verweigern mußte, die dieser zur Einlösung eines Familiengottes benötigte, den ihm ein Wucherer abgepfändet hatte. Gleichzeitig kamen zwei Gläubiger zu ihm, die ängstlich geworden waren, nachdem sie von seiner Arbeitslosigkeit Kenntnis erhalten hatten. Diese ließ er durch seinen Vater befriedigen; aber auch diese Ordnung war nicht angenehm. Schließlich entschloß er sich, einen energischen Versuch zur Erlangung einer Stellung zu machen; er war sich aber dabei wohl bewußt, daß es nicht ernst gemeint war.

 

Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Marcellus war in dieser Beziehung sein ganzes Leben lang ein eifriger Pflasterer gewesen; und der Wendepunkt in seinem Dasein wurde kein Wendepunkt in dem Sinne, daß er diese Tätigkeit als solcher unterbrochen oder lässiger betrieben hätte.

Schon am Ziehtag hatte er es sich vorgenommen, Elina mit der Sachlage bekannt zu machen, aber noch immer wußte er nicht, was sie vermutete. Doch mußte sie wohl merken, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Die kleinen Gelegenheiten zu verborgenen Händedrücken und heimlichen Blicken mußte sie nun selbst herbeiführen, wenn er ein seltenes Mal zu einem flüchtigen Besuch kam, und er erwiderte solche Zärtlichkeiten meist mit einer Freundlichkeit, die ohne Leidenschaft, wenn nicht geradezu matt war.

Es machte die Sache auch nicht besser, daß sie den Gedanken weit von sich wies, es könnte eine andere Frau in das Leben des Marcellus getreten sein. Wenn es aber für eine Frau peinlich ist, um einer andern willen verlassen zu werden, so muß es ihr doppelt peinlich sein, um keiner andern willen verlassen zu werden. Elina klammerte sich also an die Hoffnung auf eine Reihe von relativ glücklichen Möglichkeiten, und nur ein einziges Mal machte sie eine Anspielung auf die besprochene nahe Vereinigung. Diese Anspielung beantwortete er mit einem leichten Seufzer: »Liebste Elina, ich habe nicht einmal ein As, mir einen Strick dafür zu kaufen!«

Darauf wogte ihre Brust vor unterdrücktem Zorn, und ihre Hände preßten sich um die Armlehnen ihres Sessels; aber das Lächeln verließ ihr Gesicht keine Sekunde, und im nächsten Augenblick war sie wieder ruhig. Sie glitt darüber weg, und ihre Stimme klang wieder sanft. Am nächsten Tag aber begab sie sich nach Alta Semita, um ungestört mit ihm zu reden. Unglücklicherweise war er nicht daheim, und die Großmutter behandelte sie äußerst kühl, ja, forderte sie nicht einmal zum Dableiben auf.

»Jetzt müssen diese Narrenspossen ein Ende haben!« sagte die Großmutter nachher zu Euphemus. Nach dem Zusammentreffen mit Caecilia hatte sich nämlich der alten Frau ein Gefühl bemächtigt, das fast an Liebe gemahnte. Und am nächsten Tag machte sie Elina einen Gegenbesuch, der einen recht dramatischen Verlauf nahm.

»Recht der Liebe!« kicherte die Großmutter, sobald sie allein geblieben waren. »Das ist eine der schlauesten Redensarten, die der Teufel jemals erfunden hat. Diese, und dann, daß diese Waschlappen von Frauen keine Kinder mehr gebären wollen! Ach, sie sollen es nur bleiben lassen; die Welt kann ihre lappige Nachkommenschaft entbehren. Aber ›Recht der Liebe‹ – Geschwätz und Schweinerei! Heilige Isis!«

Wenn die Großmutter eifrig wurde, war ihre Rede wie ein Roulett, das bei dem Wort »Heilige Isis!« plötzlich haltmachte. Sie sah Elina rachsüchtig an, die auf den Knien lag und ihrem Töchterchen das Brustleibchen zuschnürte.

»Es gibt etwas, was nicht der Teufel erfunden hat, und was Pflicht heißt, meine Liebe!« fuhr die Großmutter fort, als Elina noch immer schwieg. »Du vergißt, was du deinem Manne schuldig bist.«

Elina war sehr bleich, als sie antwortete, während sie sich gelassen mit dem Kinde weiter beschäftigte: »Ich vergesse nichts, und ich bin ihm nichts schuldig – nicht mehr als Aufrichtigkeit. Und ich werde ihm alles sagen, alles, heute noch soll er es erfahren. Und Nigidius – meinst du, daß er mich vermissen wird? Bloß gekränkt wird er sein über das Unglaubliche, daß jemand ihn verschmähen kann.«

Die Alte rang klagend die Hände. »Das kannst du doch nicht tun! Du kannst es nicht tun! Es würde den armen Mann umbringen; und das Kind – hast du an das Kind gedacht, Elina?«

Elina richtete sich auf und reichte der Kleinen die elfenbeinerne Gliederpuppe, die ihr Nig am Abend vorher mitgebracht hatte, und sagte: »Ich kann es nicht nur tun, sondern ich werde es auch. Ja, ich tu' es, Jallia Clementina! Nigidius braucht mich durchaus nicht. Er ist viel zu sehr eingenommen von sich, als daß er imstande wäre, jemand lange zu vermissen. Wenn du wissen willst, was Nigidius ist, dann will ich's dir sagen: er ist anständig und dumm, und er ist beides aus lauter Bequemlichkeit.«

Nun sah die Alte plötzlich pfiffig aus, und sie schnüffelte nicht mehr. »Wovon willst du eigentlich mit unserem feinen Freund Marcellus leben?« fragte sie.

»O ja, unser feiner Freund!« lächelte Elina wehmütig. »Ich weiß es nicht, und er weiß es wahrscheinlich auch nicht. Aber siehst du, Jallia Clementina – ich könnte ja gern warten.«

»O ja – warten«, sagte die Alte eifrig.

»Ich meine: ich könnte ja gern warten, bis er ebenso reich wäre wie Nigidius Vaccula. Es gäbe ja kein Hindernis, ihm zu sagen: Lieber Marcellus, du weißt, daß ich dich liebe, und ich werde zu dir kommen, wenn du ein Geschäft, einen Hof und Sklaven und Maultiere hast und – alles das, was ich mit Nigidius aufgebe.«

»Sag das, mein Kind ... meine kleine Drossel!« redete ihr die Alte eifrig zu.

»Und weißt du, was er mir in seinem Herzen entgegnen würde? Er würde sagen: Ich weiß nicht, daß du mich liebst. Du sagst es, und wenn ich sehe, wie deine Lippen das aussprechen, glaube ich es. Ja, bei der Venus! Ich glaube es! Aber wissen kann ich es erst an dem Tag, wo du kommst.«

Solange Elina redete, drängte die Alte immerfort, bittend, warnend, drohend: »Eile mit Weile, kleine Frau! Eile mit Weile!«

»Aber weißt du, was ich zu mir selbst sagen würde, wenn ich zum erstenmal am Venustempel vorbeiginge, nachdem ich das zu ihm gesagt hätte?« fuhr Elina fort. »Ich würde sagen: Elina, jetzt hast du dich genau so aufgeführt wie die Hure Antistia Polita, die zu Epidius Sabinus sagte: ›Norbanus hat mich für fünfzigtausend Sesterzen gekauft; wenn du mir hunderttausend gibst, komm ich zu dir.‹«

»Dann gibt es nicht gerade wenig Huren in der Welt«, murmelte die Alte trocken.

»Ganz richtig!« Elina mußte über den putzigen Tonfall der Alten lächeln. »Und das macht die Sache auch nicht besser. Das Wichtigste aber ist, daß er mich jetzt braucht – jetzt, und nicht erst, wenn er reich geworden ist. Bis dahin werden genug da sein, die ihm helfen wollen. Gerade jetzt braucht er einen Menschen, der mit ihm durch Dick und Dünn geht, und nicht nur einen, der sagt: ›Ich liebe dich‹ und ein Lächeln an ihn verschwendet – etwas so Billiges wie ein Lächeln. Und außerdem ist es vielleicht trotzdem das Allerwichtigste«, die Tränen traten ihr in die Augen, und sie sah auf die Straße hinaus, »das Entscheidende ist, daß – ich ihn brauche.«

»Und das Kind braucht wohl niemand!« rief die Alte zornig.

Elina wendete sich rasch gegen sie. Sie streckte ihre linke Hand befehlend nach der Tür aus und sagte mit funkelnden Augen: »Du bist ein böses Weibsbild, Jallia Clementina, böse wie eine alte Eule, und du könntest jetzt gehen. Dich brauch' ich nicht. Geh! Na, so geh doch!«

Sie stampfte wütend auf den Boden, während sich die Alte mit kleinen trippelnden Schritten entfernte. Und mit zärtlicher, schluchzender Stimme rief sie nach ihrem Kinde: »Täubchen, wo bist du, kleines Fräulein? Komm zum Mütterlein!« Plaudernd, die Elfenbeinpuppe ans Herz gedrückt, kam das Kind auf seinen dicken Beinchen dahergestolpert. »Wir bleiben immer beisammen, mein kleiner Schatz!« sagte sie und drückte das Kind an sich.

Unter der Tür aber drehte sich die Großmutter noch einmal um und sagte hart: »Du sprichst vom Recht der Liebe, Elina. Aber dann merk dir, daß deine Liebe nicht die einzige ist! Du schiltst mich böse; aber vielleicht bin ich schließlich noch die Barmherzigste. Ich bin eine alte, einfältige Frau, die in der Hauptsache ihr Haus versorgt und nicht mehr viel von der Welt sieht; aber ich täusche mich wohl kaum, wenn ich annehme, daß deine Zeit gewesen ist, und daß du sie versäumt hast. Jetzt ist da ein stärkerer Magnet! Ach, vergiß nur dein ›Recht der Liebe‹ nicht, wenn dir bald einmal die Augen aufgehen!«

Elina war aufgesprungen und stand zornbebend vor der Großmutter. »Du lügst!« schrie sie. »Sag, daß du lügst!«

»Jawohl, ich lüge«, erwiderte die Großmutter mit mitleidigem Lächeln, und damit trippelte sie zur Tür hinaus.

Eine Stunde danach kam Nigidius heim. Er brachte einen großen Strauß weiße Rosen mit und ging rasch durch die Zimmer, seine Frau aufzusuchen. Als er sie schweigend und mit matten, glanzlosen Augen ins Kaminfeuer starren sah, schlich er sachte den Weg wieder zurück, den er gekommen war, und steckte in der Küche die Blumen nachlässig in einen Eimer Wasser.

Aber oben unter dem Dach des Hauses hatte Tausendschön Besuch von dem Bettler Parsus, der seinen Wirt mit Erzählungen über allerhand eßbare Dinge unterhielt, während dieser im Bett lag, weil seine Toga gewaschen wurde.

»Jetzt krieg ich sie in meine Gewalt«, sagte Tausendschön und streckte sich, als die Reihe des Sprechens an ihn gekommen war.

»Wen?« fragte Parsus neugierig.

»Die da unten mit den Lachgrübchen«, antwortete Tausendschön munter.

»Wie denn das?« fragte Parsus.

»Ich zerdrücke ihren Galan wie eine Made im Käse!« nickte Tausendschön zuversichtlich.

»Ei zum Henker!« sagte Parsus bewundernd.

 

Wer zwischen den bizarren Felsformationen der Kebne-Kejsa umherwandert und in den Kebnekittel, das Signetjokko und das Skartatjokko eindringt; findet da so außerordentlich tiefe Cañons, daß darin selbst die Eisranunkel nur selten fortkommt; und von dorther – so sagen die Lappen – kommen die Winde und die Flüsse. Auf die Gefahr hin, das Bild zu weit auszuwalzen, kann man sagen, daß Elinas Herz von diesem Tag an gleich diesen verzauberten zerrissenen Landschaften war – ohne eine einzige kleine Eisranunkel der Hoffnung.

Marcellus aber war von seinen eigenen Angelegenheiten zu sehr eingenommen, als daß er die Veränderung an ihr wahrgenommen hätte. Wenn er nun zu ihr kam – rastlos und mit sich selbst beschäftigt –, betrachtete sie ihn ruhig und forschend.

»Er ist eher krank als verliebt«, sagte sie sich, wenn sie jetzt den früher so diskret Zurückhaltenden unausgesetzt reden hörte, und zwar in Sätzen, die schlecht zusammenhingen. Meist waren es philosophische Fragen, mit denen er sie unterhielt, und besonders streckte das Wort »Geduld« unablässig seinen Kopf hervor. Das wirkte unecht auf sie, was es ja auch war; aber sie konnte nicht wissen, daß er, wenn er dieses Wort anwendete, seinen Pinsel in Vater Hyazinths Farbenschachtel tauchte – eines Mannes, der sich durch die Ungewandtheit seiner Redeweise den Ruf der Ehrbarkeit erworben hatte. »Loyalität« war ein anderes Wort aus der gleichen Schachtel. Marcellus fühlte sich vom Leben immer weniger angezogen; aber in seiner freundlichen Gesinnung gegen die Menschen war er bereit, weiter zu leben. Epiktet war das letzte Stück seines Programms, und dadurch reizte er Elina zu ängstlicher Verwunderung.

»Komisch, wie sehr du dich plötzlich auf Epiktet geworfen hast«, sagte sie.

»Plötzlich!« entgegnete er beleidigt. »Das kannst du nicht im Ernst meinen. Er ist eine alte Liebe von mir. Fast so alt, wie mein Gedächtnis zurückreicht.« Dies war eine ausgesprochen verlogene Wahrheit! Allerdings hatte er sich von jung auf für Epiktet »interessiert«, aber das relative Verständnis für dessen Wesen hatte er erst Caecilia zu verdanken. Ihr Verdienst sowie das der Christen überhaupt war es, sehr viel nur vegetierender religiöser Orthodoxie Leben einzuhauchen. Das Christentum beeinflußte das Christentum zu einer noch nicht dagewesenen Leistung.

Aber unglücklicherweise war sich Marcellus seiner kleinen Fälschung bewußt. Er wußte, daß ihm von Epiktet eigentlich nichts zu eigen war, als er ihn vor Elina herausstrich, daß er den Ehrwürdigen aufgeschnappt hatte, wie man nach dem ersten besten Kleidungsstück greift, um in einer schwierigen Lage seine Blöße zu bedecken. Aber, was schlimmer war, er wußte auch genau, daß er niemals den Preis zahlen würde, den Epiktet gezahlt hatte, sich die Freiheit zu erwerben.

Und bald wußte Elina das auch. In diesem Zusammenhang fragte sie ihn auch: »Nicht wahr, bei Epiktet dreht es sich doch um nichts anderes als um die vollkommene Freiheit.«

»Ja, so kann man wohl sagen«, antwortete Marcellus ahnungslos.

»Und der Preis dafür ist, soweit ich es verstehe, daß ein Mann auf Weiber, Macht und Genuß verzichtet – daß er sich von jeglicher Begierde freimacht?« fuhr sie fort.

Marcellus stimmte zu: »Das ist richtig! Man gewinnt alles dadurch, daß man alles aufgibt. Ein königlicher Tausch.«

Elina schloß mit den Worten: »Aus deiner wachsenden Begeisterung für den Epiktet ist wohl zu entnehmen, daß auch du auf das alles verzichten willst: auf Weiber, auf Wohlleben und Bequemlichkeit.«

Als die Antwort ausblieb, warf das Mädchen Hectica freundlich dazwischen: »Unser lieber Marcellus zieht es gewiß vor, der erste unter den Claqueuren zu sein. Es muß ja auch Leute geben, die Beifall klatschen.«

»Wir können nicht alle zur Vollkommenheit gelangen«, wehrte sich Marcellus.

Aber jetzt stand der Hund Theagenes auf, der zufällig hereingekommen war, und protestierte: »Doch, gerade das können wir! Aber, lieber Freund, du ruderst dir wie ein Verrückter Blasen an die Hände, daß dir alle Glieder weh tun, aber du ruderst in einem am Bollwerk vertäuten Boot.«

»Ja, damit gewinnt man allerdings den Pokal nicht«, sagte Hectica lehrhaft. Und zu Elinas Schmerz verließ Marcellus das Haus, von einem allgemeinen Gelächter zur Tür hinausgeleitet.

Als Marcellus in dieser Nacht zu Bett ging, arbeitete sein Herz mit Schlägen, die zuerst gegen den Brustkasten stießen, dann in seiner Matratze weiter klopften, und schließlich lag seine ganze Person da und hämmerte wie ein Herz für das ganze Haus, für ganz Rom, ja, für die ganze Welt – ein nacktes Herz, das irgend jemand aus irgendeiner Brust herausgerissen hatte.

»Du altes Weib!« schalt er sich selbst und stand auf, weil er keine Möglichkeit sah, in dieser Nacht noch schlafen zu können. Es war ein regelrechter Nervenanfall.

Tob richtete sich von seinem Kissen auf, streckte sich gähnend, schnupperte an den nackten Füßen seines Herrn, stand auf und drückte diesem die Krallen seiner Vorderpfoten in die Hüfte. Seine Krallen waren etwas zu lang, weil sein bequemer, sorgenfreier Lebenslauf Tob keine Bewegung zumutete, die sie hätte abnützen können, und Marcellus war es eine angenehme Empfindung, als sie sich ihm ins Fleisch bohrten. Er drückte sie mit den Händen noch etwas tiefer hinein, tätschelte dem Tier den Kopf und ging dann wieder zu Bett. Jetzt machte er sich ernstlich dahinter, die letzten Aktiennotierungen durchzusehen – eine niederdrückende Arbeit, aber doch nicht niederdrückend genug, daß sie ihn von sich selbst abgelenkt hätte: »Afrikanische Ziegelwerke – 40; Gerberei Ostia – 35; Bleigruben, Spanische – 15. – Ich altes Weib! Ich verfluchtes altes Weib!«

Es war ein wirklich schöner Nervenanfall.

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