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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 20
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Neunzehntes Kapitel

Ein Brief von Jon an Sergius Felix:

»Jon an Sergius Felix. Sei gegrüßt!

Wie Du wohl weißt, soll mein früherer Sklave Phil, den ich die ganze Zeit über hatte, seit ich mit Dir und den Legionen in die Stadt kam, morgen auf dem Tarpejischen Felsen hingerichtet werden. Mein Herz krümmt sich vor Schmerz, weil ich nicht bei ihm sein darf, ihm Lebewohl zu sagen und Erde auf ihn zu werfen, wenn er tot ist; aber alle sagen, daß es, seit Marc Aurel Kaiser wurde, nicht mehr erlaubt ist, Hinrichtungen beizuwohnen. Nun möchte ich Dich herzlich bitten: verschaff mir die Erlaubnis, bei der Hinrichtung dabei zu sein; das soll als Belohnung gelten für die betreffende Rolle, die zu erwischen mir Marcia geholfen hat. Ich schicke diesen Brief durch einen Zwerg, namens Ameisenhaufen, den ich auf dem Scherbenberg getroffen habe, er hat auf der einen Kopfseite rotes Haar und auf der andern weißes. Vielleicht nehme ich ihn statt Onkel Phil zu mir. Wenn Du gleich antwortest, kann er es mitbringen, damit mein Herz Ruhe bekommt.«

Ein Brief von Sergius Felix an Jon:

»Sergius Felix an Jon. Meinen Gruß zuvor! Es hat mich bedrückt, von dem Schicksal Deines treuen Sklaven zu erfahren, und ich bedaure bloß, daß er es nur allzusehr verdient hat. Bedenke jederzeit, daß, wer der Götter spottet, seiner selbst spottet. Was Deine Bitte betrifft, so teile ich Dir mit, daß ich ihr Folge gegeben habe; Du brauchst Dich jetzt nur noch an den Gefangenenwärter Maximus im Zentralgefängnis zu wenden. Von ihm bekommst Du einen Paß, der Dir erlaubt, der Hinrichtung beizuwohnen. Empfange die Versicherung, daß sich mein Schmerz mit dem Deinigen vereinigen würde, wenn das den Deinen vermindern könnte.«

Ein Brief von Jon an Julia:

»Jon an Julia, Tochter von Elina, Ehefrau des Kleiderhändlers Nigidius Vaccula. Wenn Du mitkommen willst, um Onkel Phil bei seiner Hinrichtung Lebewohl zu sagen, will ich am Fuße der ›Hundert Stufen‹ morgen bei Sonnenaufgang auf Dich warten. Ich komme in die Sandalenmachergasse zurück, wenn Fabius und Verecundus mich wissen lassen, daß es da wieder sicher ist, und vielleicht bringe ich einen Zwerg mit, der auf dem halben Kopf rotes und auf dem andern halben weißes Haar hat.«

 

Die ersten Sonnenstrahlen funkelten über die vergoldeten Bronzeplatten auf dem Dach des Jupitertempels, als die beiden Kinder Hand in Hand die oberste von den »Hundert Stufen« erreichten – der Treppe, die im Osten vom Tal auf das Kapitol hinaufführte. Die Richtstätte auf dem Tarpejischen Felsen hatten sie bald gefunden; da aber noch keine Soldaten zu sehen waren, wanderten sie langsam zwischen den heiligen Gebäuden und den zahlreichen Standbildern von Göttern und berühmten Männern die Straße entlang. Die Nacht war sehr heiß gewesen, und schon jetzt am frühen Morgen fiel es ihnen beschwerlich, sich in ziellosem Schlendergang zu bewegen, denn an diesem Tag schickten barmherzige Götter, die Qualen des Philetus abzukürzen, den glühend heißen Schirokko aus Afrika herüber.

Der Zug kam vom Gefängnis am Fuß des Berges her die Gemoniatreppe herauf. An seiner Spitze gingen der Mann, der das Rutenbündel auf dem Rücken trag, und der Schreiber mit dem Protokoll unter dem Arm. Daran schlossen sich der Oberst und vier Polizeisoldaten, dann Philetus und zum Schluß der Rest der Abteilung.

Abgesehen von einem Lendenschurz war der Sklave nackt. Sein Kopf ragte aus einem Halsblock hervor, der in seiner damaligen Form einem Balken glich. An beiden Enden waren die Handgelenke des Sklaven mit starken Nägeln festgemacht. An zwei in den Balken geschraubte Ösen waren Seile gebunden, die sich unmittelbar hinter dem Nacken Phils vereinigten, und deren Enden einer von den Soldaten des Gefolges in der Hand hielt. Der Rücken des Delinquenten war blutig von Peitschenhieben, auf der Brust trug er als Brandmal die Insignien des Staates, und sein Kopf war zur Hälfte rasiert.

Ein schmerzliches Zucken des Erkennens lief über das Gesicht des Philetus, als der Zug an den beiden Kindern vorüberkam. Jon hätte gern etwas gesagt, aber seine Zunge versagte den Dienst, und Julia klammerte sich von hinten an ihn an. In einem Nu war der Zug an ihnen vorüber, und die Kinder folgten ihm, bis er oben vor einem der hohen Pfosten, die Kreuze genannt wurden, haltmachte. Ohne Zögern verlas der Schreiber die Anklage »gegen den Sklaven Philetus, der durch Zauberei den Tod eines Pferdes herbeigeführt hat, das der ›Vogel‹ hieß und dem Kaiser Lucius Verus bis zu seinem Tode zu eigen gehört hatte«. Auf dieses Verbrechen stand der Tod, und seine Vollstreckung wurde dem Wachkommandanten übertragen, wie denn auch der Form gemäß der Polizeiarzt die Weisung erhielt, nachher das Todesattest abzuliefern. Mittlerweile hatte einer von den Soldaten das Seil durch die Öse gezogen, die sich oben auf dem Pfosten befand. Dann wurde der Sklave hinaufgezogen, das Seil an einem Zapfen ganz unten auf der Rückseite des Pfostens befestigt und um beide Füße des Mannes und den Pfosten verknotet. Ein schwaches Jammern drang aus dem Munde des Sklaven, aber nur für einen Augenblick. Nachdem sich die beiden Beamten von der Richtigkeit der Vorbereitungen für die Exekution vergewissert hatten, entfernten sie sich in der Richtung gegen den Tempel.

Da hing nun Philetus! Er war etwas blaß; aber das pflegte er immer zu sein; und so ließ es sich schwer sagen, ob hierin eine Veränderung eingetreten sei. Da hing er in einsamer Erhabenheit und versuchte, seinem Kopf irgendwo eine Stütze zu finden. Aber der Stammpfosten bot keine Möglichkeit dafür. Er war so schlüpfrig, als hätten ihn die Vorgänger des Philetus an dem schmerzlichen Kreuze glattgehobelt. Und mit dem Querbalken stand es nicht besser. Die Arme des Sklaven waren ihrer ganzen Länge nach ausgestreckt, so daß der Balken fest auf die Schulterblätter drückte. Da ließ er den Kopf nach vorn sinken, stützte ihn mit dem Kinn und hing eine Weile so da.

Die beiden Kinder saßen in einiger Entfernung unter Julias Sonnenschirm dicht beisammen auf einem Stein und starrten unverwandt den sterbenden Sklaven an. Ab und zu sah er auf sie herunter, und einmal lächelte er ihnen zu. Dann wieder ermahnte er Jon, er solle ein guter Junge sein und die Affen nicht zu viel ärgern. Jon versprach es ohne Überlegung; hätte Philetus ihn gebeten, hinüberzulaufen, die kapitolinische Amphora voll Scheidewasser zu gießen und sie in einem Zuge zu leeren, so hätte er das auch versprochen. Mit immer kürzeren Zwischenräumen wurde der Sklave von Krämpfen geschüttelt, und derweil stieg die Sonne immer höher am Himmel empor. Erst in dem scharfen Sonnenlicht sah man, zu was für einem Ballon der Bauch des Philetus aufgedunsen war. So hing er als eine schreckliche Karikatur des Mannes da, der einmal ein schlagfertiger Sklave gewesen war.

Einer der Soldaten sah vom Würfelspiel auf, musterte den immer grotesker aufgeblasenen Bauch des Philetus, seine zuckenden Beine, die langen mageren Arme und das Gesicht, das zu lächeln versuchte, sich aber gleichzeitig vor Schmerz verzerrte. Der Soldat deutete mit dem Kopf nach dem Kreuz, um die Aufmerksamkeit der andern darauf zu lenken, und sang aus vollem Halse:

»Liebte stets die Mädchen sehr,
War Soldat in Amors Heer ...«

Nur einer belohnte diesen Scherz mit einem Lächeln. Ein anderer rief zum Kreuz hinüber, Philetus solle sich gefälligst mit dem Sterben ein bißchen beeilen, damit sie heimgehen könnten. Und Philetus beeilte sich, so gut er vermochte, während die Sonne höher und höher stieg und sich Fliegen und Bremsen in dichten Schwärmen auf seinen Leib setzten. Einmal, als er von Insekten fast ganz bedeckt war, ergriff Julia eine von den Peitschen der Soldaten und ließ sie auf den mißhandelten Körper klatschen. Sie schlug aus aller Kraft zu, daß sich die Tiere in einem summenden Schwarm erhoben; und Philetus sah Julia dankbar an.

Stunde hängte sich an Stunde, und obgleich die beiden unter Julias Sonnenschirm saßen, schien ihnen die Hitze unerträglich. Der Kopf des Philetus war zur Seite gesunken, sein Mund stand weit offen. Der Körper, der im Anfang weiß und zierlich gewesen war, erschien jetzt als eine von Sonnenbrand und Fliegenstichen rotgekochte Masse. Der Auflösungsprozeß vollzog sich in der furchtbaren Hitze rascher, als es normal war.

Eine unwiderstehliche Schläfrigkeit bemächtigte sich der Kinder, und sie glaubten fast zu träumen, als Philetus das Schweigen aufs neue brach.

»Mütterchen!« lallte er mit einem verquollenen Mund.

Sie fuhren beide auf und traten ganz nah zum Kreuz hin.

»Durst!« flüsterte der Sterbende; und glücklich darüber, daß sie was tun konnten, machten sich die Kinder daran, für ihn etwas zum Trinken herbeizuschaffen.

»Leih mir deinen Trinkschwamm!« sagte Julia befehlend zu einem der Soldaten.

»Für den da droben?« fragte der Soldat, und als sie bejahte, fügte er hinzu: »Meinen bekommst du nicht. Man weiß ja nie, was so einem fehlt.«

Ein anderer aber war willfähriger. »Nimm den meinen!« sagte er. »Er hat wohl die Hundswut. Aber Essig hab' ich nur für mich selbst, und da kaum genug.«

Durch Zusammenlegen ihres kleinen Geldvorrats gelangten sie aber doch zu Essig, der ausreichte, den Schwamm zu füllen; und der Soldat, der den Horazischen Vers gesungen hatte, gab ihnen auch ein wenig von dem Bitterstoff, durch den der Essig erquickender gemacht wird. Auf einer Lanze hielt Jon den Schwamm an den Mund des Sterbenden; aber der war nicht mehr imstande, den Trank richtig einzuschlürfen. Er mummelte mit den Kiefern wie ein junges Kälbchen, das dem Stallknecht am Finger saugt, und der Essig lief ihm über die Brust herunter. Es war ein Jammer, das mit anzusehen, und noch bejammernswerter wirkte es, als Philetus durch Zeichen seine Dankbarkeit zu zeigen versuchte.

Die Kinder setzten sich wieder unter den Sonnenschirm, und sie mußten wohl eingeschlafen sein, denn Julia erwachte, den Kopf an Jons Schulter gelehnt, als sie einen Soldaten rufen hörte: »Jetzt können wir ihn wohl herunternehmen!« Im Nu war die ganze Abteilung auf den Beinen. Am Kreuz hing eine schwärzlich-rote Gestalt mit einem Bauch, der am Zerplatzen war. Der Kopf lehnte mit der einen Wange fest auf dem Querholz, und der weitaufgesperrte Mund war voller Fliegen. Das übrige war in einem Augenblick geordnet. Der Polizeiarzt stellte selbst auf die gesetzlich vorgeschriebene Art den eingetretenen Tod fest, indem er einen Spieß in die Weiche des Leichnams stieß, worauf dann die Soldaten dem Toten gemäß dem Brauch die Oberarm- und Schenkelknochen zerbrachen, das um die Knöchel geschlungene Seil lösten und den Leichnam herunterließen.

Ehe dieser fortgebracht wurde, reichte der Wachkommandant Jon eine Schaufel. Unter Tränen warf der Junge eine Schaufel voll Erde auf seinen toten Freund, drückte ihm die Augen zu und rief unter lautem Wehklagen seinen Namen. Unmittelbar danach stieß ein Soldat den Henkerhaken in die Brust des Leichnams, zog ihn an den Rand des Felsens und warf ihn hinunter. Vorher schon war ein anderer Soldat eilig die Gemoniatreppe hinuntergelaufen. Und nun stieß er seinen Haken in den Kadaver und schleppte ihn über den Platz an den Tiber und dort die Stufen hinunter, um ihn endgültig im Flusse verschwinden zu lassen.

Auf den Flußkähnen, die von Ochsen durch den Kanal nach Rom gezogen worden waren, hatte man eben die Arbeit eingestellt, um zu frühstücken. Da saßen die Prahmführer, die Flußschiffer, die Waagmeister und die Spanner, die Sackträger und die Zöllner. Einer von ihnen erblickte den Leichnam, der langsam dahintrieb. »Das wird der Kerl sein, der den ›Vogel‹ verhext hat«, sagte er. Und wie auf Befehl streckten sich Dutzende von Händen mit gespreizten Fingern bannend über den Wasserspiegel.

 

Die Kinder gingen engumschlungen die »Hundert Stufen« hinunter. Es war um die sechste Stunde; aber es hätte ebensogut sechs Wochen oder Jahre her sein können, seit sie sich am Fuß dieser Treppe getroffen hatten. Sie kamen wie von einer langen Reise zurück – müde, schmutzig, hungrig und verwirrt von der Sonne. Lange gingen sie, sich gegenseitig stützend, schweigend weiter – hinunter zum Flusse wanderten sie, einen letzten Blick auf den Sklaven zu werfen. Jons Gehirn plagte sich an einem Problem ab. Sein unermüdlicher Kopf war zur Zeit zu einer Arena umgeformt, in der zwei ebenbürtige Gesichtspunkte miteinander kämpften, ohne daß es einem von ihnen glückte, den Sieg davonzutragen. In seinen Zweifeln entschloß er sich, die Entscheidung in Julias Hände zu legen.

»Wenn du ein Pferd verhext hättest, würdest du dich dann später selbst bei der Polizei melden?« sagte er.

»Nein, und du?« fragte das Mädchen matt.

Jon wies jeden Verdacht in dieser Richtung weit von sich und erklärte verächtlich: »Pah – ich flüchtete mich in die Berge.« Damit betrachtete er die Sache aber noch nicht für abgetan. Er grub noch etwas tiefer und fuhr fort: »Wenn du aber eine Christin geworden bist, und euer Gott verlangt, daß ihr herumlauft und alle die Dummheiten, die ihr in eurem ganzen Leben gemacht habt, eingesteht?«

»Bei uns in der Familie wird keiner Christ«, antwortete Julia stolz.

»Nein, natürlich nicht! Aber (o glücklicher Fund!) das werden sie in der Familie des Philetus wohl auch nicht getan haben, bis dieser dem Rab Chanina begegnete. Also, wenn du dich nun trotzdem zu den Mysterien der Galiläer hieltest – würdest du dich dann wegen so einer Hexerei selbst anzeigen?«

Auf die Art in die Enge getrieben, wußte das Mädchen nichts anderes zu antworten als: »Dann wäre ich wohl dazu gezwungen.«

Jon nickte befriedigt. »Das ist klar«, erwiderte er. »Man soll seine Mysterien hochhalten. Onkel Phil war durch und durch prima.« Und dieser letzte Satz lief in etwas aus, was wie ein Aufschluchzen irgendwo in Jons Halse oder seiner Brust klang.

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