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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 19
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Achtzehntes Kapitel

Endlich kam der verlorene Sohn heim.

Es war am vierten Juli zur Zeit des zweiten Frühstücks in den Bürgerhäusern. Die Hitze, die gleich einer gefrorenen Masse festgestanden hatte, zerschmolz aus einem unbekannten Grunde und kam ins Fließen; da das aber in den Häusern noch nicht bemerkt worden war, lag die Sandalenmachergasse fast entvölkert da.

Aus dem Hofe des Puffbohnenhändlers heraus rollte ein mit vielen kleinen klirrenden Ringen besetzter Faßreifen, der von einem kleinen Jungen in Soldatenuniform mit einem Stocke lustig getrieben wurde und die Gasse mit einer angenehmen Musik erfüllte, als plötzlich aus dem Barbiergäßchen ein junger schwarzhaariger Lümmel auftauchte und dem Faßreifen einen Fußtritt versetzte, der ihn in Priscillas Salzladen landen ließ. Der kleine Junge war dem Weinen nah; als er dann jedoch Jon in dem Gewalttäter erkannte, fragte er mit weit aufgerissenen Augen:

»Was fällt dir denn ein? Bist du nicht recht gescheit?«

»Zuzeiten töricht erscheinen, das ist das Los der Weisen, mein Freund«, antwortete Jon herablassend, und er hätte noch mehr gesagt, aber in diesem Augenblick erschien die größere Schwester des Kleinen, die von Jons Schandtat nichts gesehen hatte. Sie begrüßte ihn herzlich und fragte:

»Nicht wahr, die Uniform steht Tib gut?«

Darauf antwortete Jon: »Ein Esel ist schön für die Augen eines Esels und ein Ferkel für die Augen eines Ferkels.«

Woraus zu ersehen ist, daß Jon heil und gesund zurückgekehrt war.

Pomona ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken, als er in die Küche glitt, am Wasserhahn seinen vorgetäuschten Durst löschte und dann mit dem Eßbesteck auf den Tisch trommelte, der gerade für sie und Philetus gedeckt war. Aber während sie Eier, Fisch, Brot, Käse, Obst und Wein zwischen den Gedecken verteilte, sah sie, daß das eine Auge unseres Jon von gewissen hübsch kolorierten Polstern verdeckt war, die die Umgebung darüber hatte hinschwellen lassen, daß seine rechte Hand gewindelt war, wie ein Säugling eingebunden, und daß eins seiner Ohren lauter Schrammen aufwies. Sie hätte leicht sagen können: »Bist du schon wieder bei einer Schlägerei dabeigewesen?« Aber sie sagte nur: »Geh hinüber und hol zwei Blutegel!«

Worauf Jon durch die Tür nach dem Hofe hinausbrüllte: »Onkel Phil! Bring zwei Blutegel mit herüber – aber von den kleinen!«

 

Jon verschleuderte seine Freunde in der Weise, wie sehr kleine Kinder die Geldstücke verschleudern, die man ihnen schenkt. Zwischen den Jungen im Isistempel wäre er bald so allein umhergewandert wie eine Stechfliege zur Weihnachtszeit, wenn er es überhaupt noch gewagt hätte, sich dort zu zeigen. Und selbst Pabek, der ihm noch am vorhergehenden Tag einen mit dem Saft von Sauerklee und Sempervirens getränkten Grützumschlag gemacht hatte, hätte jetzt einen Besen ergriffen, ihn hinauszujagen, sobald er sich hätte blicken lassen.

Man würde die Entwicklung, die dazu führte, daß ihn ein ganzer Tempel in Bann tat, einigermaßen verstehen, wäre man vierzehn Tage vorher mit Sergius Felix in den Tempel gegangen, wo er wie zufällig mit Jon zusammentraf und ihn fragte, ob er etwas herausgebracht hätte.

»Ich habe das herausgebracht: Hor klaut Geld aus den Automaten mit dem Wasser, das die Sünde wegnimmt!« sagte Jon eifrig und zeigte mit dem Kopf nach dem Weihwasserautomaten.

Sergius Felix nickte nachdenklich. Das war nicht mehr, als er von so einem Ägypter erwartet hatte – er verabscheute die Nilleute.

»Aber Muths Strafe kommt über ihn«, fügte der Junge hinzu. Muth – was Mutter bedeutet – war die Göttin, die man auch Hathor, Meter oder Isis nannte, und Sergius Felix gab zu, daß er es sehr begreiflich finden würde, wenn sich die Große Mutter dieses gotteslästerlichen Vorfalls annähme; er fuhr dann fort: »Und hast du sonst nichts gesehen?«

Jon schaute sich vorsichtig um; dann sagte er: »Hor hat angefangen, bei Tag sehr lange zu schlafen, und bei Nacht läuft er dann in die kleine Isis- und Bubastiskapelle. Wenn er wiederkommt, bringt er Tafeln für Biquesa mit, und Biquesa steht sofort auf und liest sie.«

Sergius Felix spitzte die Lippen und nickte: »Wann pflegt das zu geschehen?«

»Meist dann, wenn Typhon dem Kaemin das Auge ausgerissen hat«, antwortete Jon.

Auch zu dieser Umschreibung der Tatsache, daß diese Dinge sich hauptsächlich ohne die Mitwirkung des Monds ereigneten, nickte Sergius Felix. Und ehe er die Treppe hinunterschlenderte, sagte er mit gleichgültigem Tonfall: »Ich werde dir abwechselnd Tom und Paul schicken, so kannst du mich darüber, was geschieht, auf dem laufenden halten.«

»Schick uns auch Marcia!« bat Jon, und Sergius Felix versprach das. Bevor er sich entfernte, steckte er ein Geldstück in den Automaten und besprengte sich feierlich mit dem Wasser, das die Sünde wegnimmt – kein Mensch hätte auf eine Verbindung zwischen dem aufrechten alten Legionär und dem Jungen mit der Priestertrompete aus Knochen und Glas im Gürtel schließen können.

Den zweiten Grad des Verständnisses in diesen Dingen erlangt man, wenn man ein paar Zeilen eines Rapportes liest, den der Chef der heimlichen Polizei an den Gouverneur von Rom richtete. Da stand:

»... und nahm endlich drei Jungen in den Dienst der Curiosa: Jonas, Paulus und Thomas – alle aus der Sandalenmachergasse. Tom wurde in der Isis auf dem Marsfeld untergebracht, Paul in der Detektivschule der Ägypter und Jon in dem Isis- und Serapistempel der dritten Region. Allerhand Beobachtungen machten es wahrscheinlich, daß durch die Isis- und Bubastiskapelle auf dem Kapitol Indiskretionen vermittelt würden. Die Untersuchung hat klargelegt, daß dies richtig ist. Man weiß nun, daß die Kurierposten von den Krugwirten in den ›Drei Pfauen‹ und im ›Wildesel‹, eine oder zwei Tagereisen von Rom auf der transalpinischen Straße, aufgehalten werden, während dort die Depeschen aufgebrochen, gelesen und wieder versiegelt werden, worauf der Inhalt durch Fackelsignale oder Brieftauben an die bemeldete Kapelle weitergeleitet wird. Ich stelle anheim, die beiden Krugwirte exemplarisch zu bestrafen ...«

Die genauere endgültige Ausmalung stammte von Marcia, der aufgeweckten Pflegetochter des Vaters Hyazinth, die davon ihrer Freundin Julia gegen deren Ehrenwort, unbedingt dicht zu halten, erzählte. Die umständliche, durch häufige Aufschreie und andere Gefühlsausbrüche oft unterbrochene Darstellung lautete zusammengedrängt folgendermaßen:

»Sie hätten sie ja leicht ohne weiteres klauen können, aber das wollten sie nicht, um keinen Verdacht zu erwecken. Da versprach ich Jon, den Horus zu einer Zusammenkunft zu locken; und es war stockdunkel. Es war drüben bei dem wilden Feigenbaum neben dem Aufgang zum Kapitol – du weißt, da, wo jeden Abend ein graues Gespenst mit dem Kopf unter dem Arm steht. Aber Jon gab mir einen aus Eisen von einem Galgen verfertigten Ring sowie ein Bild, das Horus von einem Teufel gezeichnet hatte – du weißt, dem mit dem Eselskopf und all dem Zeug. Großer Gott – hatte ich eine Angst! Weißt du noch, wie es im Lesebuch steht: ›Starr stand ich da, mir sträubt' sich das Haar und verschlug es die Stimme!‹ Das ist wirklich nicht übertrieben. Schon vorher hatte ich es zu Jon gesagt: ›Wenn Hor mit seinen abscheulichen Rattenzähnen versucht, mich zu küssen, dann schrei' ich ganz laut.‹ Aber Jon sagte: ›Lieber die Wolle hergeben als das Schaf!‹ Und das war natürlich ganz richtig. Und dann kam Hor und sagte: ›Sieh her, mein Schatz!‹ Und dabei hat er sogar ein Mädchen daheim im Tempel! Sie heißt Isidora – na, was sagst du dazu! Und früher hatte er eine gehabt, die hieß Neilus. Na, und dann wollte er mich natürlich küssen, aber da kam Jon auf einmal und sagte: ›Was heißt denn das, Hor! Was fällt dir ein, mein Mädchen zu küssen!‹«

»Bist du denn jemals mit Jon gegangen?« fragte Julia scharf.

»Bist wohl verrückt? Niemals im Leben«, versicherte Marcia.

»Hat er dich denn nicht an dem Abend geküßt?« fragte Julia.

»Unsinn! Nein, gar nicht«, fertigte Marcia sie ab. »Hör zu! Dann sagte Hor: ›Halt mir das einen Augenblick, Mädel!‹ Aber ich schrie: ›Ich trau' mich nicht!‹ Da ließ er die Rolle fallen, und er hatte schon vorher eine schlimme Hand, weil er aus Versehen bei den Mysterien des Paetus Naphtha angesteckt hatte. Und da fuhr Jon auf ihn los und drosch ihm ins Gesicht, und Horus verlor zwei Zähne, und ein Auge wurde ihm grün und blau geschlagen, und nachher fanden sie die Rolle nicht mehr, die Hor mitgebracht hatte. Du verstehst: ich hatte sie mir vorn in die Brust gesteckt. Und Hor heulte und sagte, daß er es nicht wagte, heimzugehen. Aber Jon sagte, dann solle er lieber gleich hinausgehen und sich auf den Scherbenberg legen. Dann begleitete Jon mich heim, aber er selbst ging noch hin und lieferte dem Herrn, von dem er mir den Namen nicht sagen wollte, die Rolle ab.«

»Hat ihn Jon tüchtig verhauen?« fragte Julia ängstlich.

»Gefährlich genug sah es aus«, räumte Marcia ein.

»Du, Marcia«, sagte Julia, »gefällt dir Jon nicht arg gut?«

Marcia überlegte einen Augenblick. »Ja, so weit schon!« antwortete sie dann. »Aber er ist nicht gerade mein Ideal.«

Im Doktorhaus verzehrte Jon schweigend sein Frühstück. Als die Mahlzeit so ziemlich zu Ende war, steckte Rufus den Kopf zur Tür herein und erblickte Jon. Er duftete tüchtig nach einem Frühstück, das er soeben in den »Vier Säften« hinter sich gebracht hatte. Er sah nicht so aus, als hätte er den Jungen vermißt. Dagegen musterte er das mißhandelte Gesicht flüchtig und stellte dann lakonisch die Diagnose. »Opalauge«, sagte er. »Nimm zwei große Austern und leg sie darauf!« befahl er seiner Frau. »Das ist immer noch besser als Blutegel.«

 

Terentius Neo, der Chef der Diogmiten (der Landstraßenpolizei), ritt mit einer Abteilung von Konstablern selbst hinaus; sie nagelten die beiden Krugwirte mit den Händen an den Türen ihrer Notdurfthäuschen fest und hielten Wache, damit sie drei Tage und drei Nächte so stehenblieben, ohne mehr an Essen und Trinken zu kriegen, als gerade not tat, wenn die Zusammenarbeit zwischen ihren schmutzigen Leibern und ihren noch schmutzigeren Seelen lebendig bleiben sollte.

Biquesa geschah weiter nichts, als daß er von der geheimen Polizei eine Verwarnung erhielt. Doch schloß Turcius Amachius die kleine ägyptische Kapelle auf dem Kapitol, aber nur, um vier Wochen später die Wiedereröffnung zu gestatten, die auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers, aber freilich gegen den ausdrücklichen Wunsch des Statthalters, erfolgte. Die Ursache für solchen Mangel an Festigkeit lag in dem wunderbaren Ereignis, das sich auf dem großen Trommelplateau zutrug, wo die kaiserlichen Legionen durch ein dämonisches Unwetter aus ihrer anscheinend hoffnungslosen Lage errettet wurden und überdies noch die Kraft erlangten, ihre Feinde zu zerschmettern. Das »Regenwunder« wird bis auf den heutigen Tag dieses Wunder genannt, und der Umstand, daß es durch das Gebet des Feldpredigers Arnuphis herabgerufen worden war, reichte – wie leicht zu verstehen ist – aus, den Ägyptern auf lange Zeit die Gewogenheit des Kaisers zu sichern. Aber für die Christen verschlimmerte sich die Sache dadurch. Zweimal im Laufe des Spätsommers kamen vom Kaiser inspirierte klare Vorschriften, man solle nötigenfalls gegen die einschreiten, »die durch Aberglauben den leicht zu beeinflussenden Sinn der Menge in Angst versetzen«. Als dieses Einschreiten stattfand, war es Rab Chaninas Bethaus, das daran glauben mußte.

Die erste Mitteilung von dem Wunder erreichte Rom am fünfzehnten Juli, dem Tag des jährlichen Paraderittes der Ritter. Der Kurier traf während des Festes ein und übergab das Schreiben dem Kanzler, der das Volk unverzüglich mit der wunderbaren Nachricht bekannt machte. Sie war von Marc Aurel eigenhändig abgefaßt und lautete ganz kurz also:

»Mit Gottes gnädigem Beistand ist es uns geglückt, die Reihen der Quaden zu durchbrechen und den Feind zu dezimieren. Dieser hat seinen König Turtius vertrieben und den Ariogasus eingesetzt; aber ich wünsche nicht, ihn anzuerkennen. Die Reihe kommt jetzt an die Sarmaten und die Jazygen. Ich habe mit Zanticus wegen seiner Falschheit ein Hühnchen zu rupfen. Mir schwant so etwas, als dürften wir jetzt ein Ende dieser langwierigen und unglückseligen Kriege absehen. Bring den Römern meine Botschaft. Ich bete jeden Tag für das Wohl meines Volkes. Möge dieses auch für mich beten!«

Schon in der nächsten Nacht öffneten sich die Tore der Stadt für eine Patrouille der in die Rollen eingeschriebenen Fechter, die der Kaiser mit dem Namen der Obsequenten – der ihm ganz Ergebenen – geehrt hatte. Sie brachten zwei Schreiben von dem Magier Arnuphis mit – eines an die Kanzlei und eines an den Oberpriester Biquesa; und am folgenden Tag wußte die ganze Stadt schon alle Einzelheiten der Schlacht. Gerechterweise muß zugegeben werden, daß diese Beschreibung an Farbenpracht nichts dadurch einbüßte, daß sie in ägyptischem Gewande auftrat.

Fast alle Stämme von der illyrischen Grenze an bis nach Gallien hinüber hatten einen Bund gegen Rom geschlossen, und jedem Römer waren die Namen dieser Barbarenstämme, die eine beständige Bedrohung für das Reich bedeuteten, ganz genau bekannt. Da gab es Markomannen, Varistier, Hermunduren, Quaden, Sueven, Sarmaten, Latoviker und Burier, denen sich andere zugesellten, wie Cosisbier, Siscoboten, Roxalaner, Bastarner, Alanen, Peukiner und Caestobozier. Unter dem Namen Sueven verstand man alle Völker zwischen Elbe, Oder und Donau, also auch die Longobarden, Semnonen und Hermunduren. Die Großmutter Papiria hätte ohne jedes Nachdenken feststellen können, daß die Varistier in der Unterpfalz wohnten, die Burier in dem Polen diesseits der Weichsel und die Bastarner jenseits der Weichsel gegen die Donau zu. Auch brauchte dem Euphemus kein Mensch zu erzählen, daß die Peukiner Grenze an Grenze mit den Bastarnern hausten, oder daß die Roxalaner und eine Reihe von anderen näher bezeichneten Völkern in Sarmarien und in dem südwestlichen Teil von Rußland siedelten. Dagegen waren die politischen Beziehungen zwischen diesen Stämmen ein Hauptgegenstand der täglichen Streitigkeiten, und der Himmel mag wissen, womit sich die Leute die Zeit hätten vertreiben sollen, wenn ein Wunder plötzlich das vielbesprochene tausendjährige Reich aufgerichtet hätte.

Das Haus hielt sich nur eine einzige »Zeitung«, und durch sie bezog man den größten Teil dieser Kenntnisse. Diese Zeitung hieß Hippolyt; er hatte eine Hasenscharte und wurde von dem Nachrichtenbüro des Biquesa selber mit Neuigkeiten versehen. Die Großmutter Papiria gehörte zu den kritischsten und dankbarsten Abonnenten. Ihre kleinen, glänzenden schwarzen Augen über der mit sprudelnd heißem Wein gefüllten flachen Schale (die auf drei Fingern balancierte) konnten gültig für alle Zeiten die Fruchtbarkeit der Neugier symbolisieren, an der man eine gespannte und runde Intelligenz erkennt. Und dann Euphemus – immer bereit, die Unzuverlässigkeit, Schwatzhaftigkeit, Sensationssucht der Presse sowie alle sonstigen Defekte der ganzen Einrichtung anzuprangern. Gar nicht zu reden von der »Zeitung« selber: von Hippolyt – allwissend wie Heimdall, und sich in eine Toga von diskreter Artigkeit hüllend, wenn seine Allweisheit am Ende war. Die Welt würde sicherlich nicht trauriger, selbst wenn sich die Götter des graphischen Fachs eines Tages freundlich entschlössen, die Schnellpressen wieder zu sich in den Himmel zu nehmen.

Hippolyt sprach ein Griechisch mit ägyptischer Aussprache. Wenn ein Mann, der sich einer Hasenscharte erfreut, mit ägyptischem Akzent griechisch spricht, wenn dieser Mann dazu noch von der Wärme halb aufgelöst ist, weil sich das alles in den Tagen der Siriushitze und im Brand der Julisonne zuträgt, und wenn er überdies von der Hast, seine Sensation so rasch wie möglich zu kolportieren, noch mehr mitgenommen ist, so kann die Wirkung schwerlich langweilig sein. Großmutter Papiria bewunderte den Mann, während er seine Zuhörer in die Einzelheiten der glücklich überstandenen Schlacht einweihte.

»Arnuphis betont, daß natürlich alle Ehre dem Hermes gebührt, und daß er selbst nur ein demütiges Werkzeug zur Verherrlichung des Gottes war!« sagte Hippolyt, der es vorher schon stark hervorgehoben hatte, daß Arnuphis seit vielen Jahren einer von seinen besten Freunden sei.

»Theologische Koketterie!« sagte Euphemus verächtlich. »Ich möchte darauf schwören, daß er vor lauter Einbildung am Platzen ist – wenn er nicht schon geplatzt ist. Ich müßte sonst keinen Priester kennen.«

»Wie lange waren die Legionen umzingelt?« fragte die Großmutter ablenkend, obgleich sie mit dem Torhüter ganz einer Meinung war.

»Drei Tage lang«, antwortete die Zeitung. »Drei Tage ohne irgendeine Zufuhr. Das große Trommelplateau ist schwer ersteigbar, und die Quaden hatten alle Zugänge besetzt und warteten nur darauf, daß die Not die Leute heraustriebe. Es war glühend heiß, und die Legionen standen Tag und Nacht in Reih und Glied. Am dritten Tag hatten Anstrengungen, Wunden, Sonne und Durst die Römer in die größte Not versetzt, und die Götter kümmerten sich nicht mehr um die Gebete der Priesterschaft, als um – wie soll ich sagen –, als zum Beispiel, ja, um ...«

»Um einen Bienenstich auf einem Elefantenrüssel«, schlug Euphemus vor.

»... kümmerten sich nicht darum«, sagte Hippolyt. »Aber schließlich trat Arnuphis vor den Kaiser hin und sagte, er wolle den Hermes anrufen. Er hielt den Gott der Luft für die richtige Behörde in so einem Fall.«

»Und es zeigte sich dann auch, daß Hermes der Rechte war?« fragte die Großmutter.

»Noch während er betete, zogen schwere Wolken von Südwesten auf«, begann Hippolyt lapidarisch.

»Wirklich von Südwesten?« unterbrach Euphemus ihn kritisch.

»Und als er mit seiner Anrufung fertig war, fielen die ersten Tropfen!« fuhr die Zeitung fort. »Bald rieselte der Regen herunter, und die Römer fingen ihn ungesäumt mit dem Munde auf, sammelten ihn eifrigst in ihre Helme und Schilde und ließen auch die Pferde trinken. Während nun der Feind heranrückte, wurde der Regen zu einem furchtbaren Hagelwetter, das den Feinden ins Gesicht schlug, wie wenn Blitze in ihre Reihen führen. Eine Zeitlang strömten Wasser und Feuersäulen auf die Horden der Quaden hernieder.«

»Warum Horden, mein Freund? Du sprichst ja auch nicht von römischen Horden?« fragte Euphemus nachdenklich.

Hippolyt führte seinen Bericht zu Ende, ohne der Unterbrechung Aufmerksamkeit zu schenken.

»Als das Wetter am allerschlimmsten war, machte Marc Aurel ein Zeichen gegen die Legion hin, die die Soldaten unter sich die Welfenlegion nennen – sie ist unter den dalmatinischen und dardanischen Räubern ausgehoben worden. Ihr Schlachtgeschrei gleicht dem Gebrüll von Panthern; und als die vorrückten, erzitterte die Erde von ihren Stimmen. Die Zahl der gefallenen Feinde kennt man nicht; aber bei Sonnenuntergang glich das Land um das große Trommelplateau einem Schlachthof, und die Beute war unermeßlich.«

»Hast du je persönlich ein Wunder erlebt?« fragte Euphemus die Großmutter, als die Zeitung weitergegangen war, um ihre Lektion anderswo zu wiederholen.

»Persönlich? Nein«, antwortete Großmutter Papiria mit überlegter Freundlichkeit. »Aber ich hoffe seit vielen Jahren, das Wunder zu erleben, daß du dich einmal anständig aufführst – wenigstens wenn Besuch da ist.«

 

Eine Zeit, die nichts von Kartoffeln, Kaffee und Tabak weiß und die vorhandenen Zuckermengen in der Hauptsache zur Heilung von Augenkrankheiten benützt, muß schon allein durch diesen Umstand ein anderes Gepräge haben als spätere Zeiten, für die solche Dinge Notwendigkeiten wie das liebe Brot sind. Und ein Geschlecht, dessen sämtliche Individuen sich in Parteien teilen, je nach ihren verschiedenen haarsträubenden Theorien darüber, welcher Gottheit das Wunder eines rettenden Gewitters zu danken sei, hat trotz allem urmenschlichen Gemeingut eine malerischere Psyche als ein späteres Geschlecht, das lediglich Aberglauben in behördlich autorisierten und gedämpfteren Formen aufzuweisen hat.

Es dauerte nicht lange, bis die Christen (»erfinderisch wie immer«, sagt der damalige Bericht) daherkamen und Arnuphis seinen Rang als Zauberer streitig machen wollten; und um die Sache noch verwickelter zu machen, kam schließlich eine dritte Theorie auf, die sowohl den Gott der Christen als auch den Arnuphis beiseite schob und erklärte, das Gewitter sei vom Kaiser selbst herabgerufen worden. Die Wahrscheinlichkeit spricht ja dafür, daß jedermann, als die Geschichte ernsthaft gefährlich war, in der äußersten Not seine Gottheit anrief – ausgenommen vielleicht die ruchlosen dardanischen Räubersoldaten, die sich hauptsächlich auf ihre eigenen behaarten Glieder verließen; die Ägypter aber hatten den Vorteil des Vorsprungs, und diesen nützten sie aus.

Wer, wie der Gouverneur Turcius Amachius, weder an böse Dämonen, noch an gute glaubte, hatte es insofern am leichtesten, als er sich mit einem gutmütigen Achselzucken darüber wegzusetzen in der Lage war. »Der Töpfer beneidet den Töpfer, der Schmied – den Schmied!« hätte er sagen können. Wenn aber gerade Turcius Amachius durch den überall wogenden Meinungsstreit nicht mehr Widerwärtigkeiten zu kosten bekam, so kam das nur daher, daß sich ihm in einer anderen Sache um so mehr Schwierigkeiten entgegenstellten, nämlich in der Untersuchung wegen der Tötung des »Vogels«. Die Aufklärung dieses unheimlichen Ereignisses und die damit verbundene Erregung lenkten eine Zeitlang die Aufmerksamkeit von dem Regenwunder ab; und noch ehe der Winter kam, erfolgte die Bestrafung der Christen. Auf diese Weise schnürte die eine Erregung der andern den Atem ab, und die Zeitung des Biquesa hatte sich auch weiter nicht über Mangel an Stoff zu beklagen.

Und die Sandalenmachergasse erwarb sich in diesem Sommer einen Ruf, den wieder zu reinigen und glattzubügeln kaum mehrere Jahre hinreichten; wie denn auch der herostratische Anteil des Doktorhofes in dem ersten dieser Dramen von fast überwältigender Monumentalität war.

 

Wie zu erwarten stand, verfolgte die römische Bürgerschaft die Polizei wegen ihrer im Falle des »Vogels« bewiesenen Untüchtigkeit mit Hohn und Spott. Ein gelegentliches Gespräch zwischen dem Kioskeigentümer Fabius, dem Vogelhändler Verecundus und einem Manne, der ägyptisches Bier importierte und damit Handel trieb, ist in dieser Hinsicht typisch.

»Daß doch der große Jupiter dem Amachius das Genick bräche!« wünschte Fabius voller Verachtung dem nicht besonders beliebten Gouverneur.

»Daß der Wein in seinem Keller zu Essig und das Korn in seiner Scheuer lebendig würde!« lautete der Beitrag des Verecundus.

Der Bierhändler aber überbot die beiden noch an Giftigkeit. »Um aller Grazien willen!« sagte er. »Kann man vom Ochsen mehr als Gebrüll verlangen? Und wenn er überdies Ehrenmitglied einer Zunft ist, die sich mit Äsern abgibt und draußen vor der Stadt wohnt!«

Diese ausgesuchte Anklage hatte ihr Fundament in einem volkstümlichen Witz, der den Amachius den »Gerber« nannte wegen seiner Vorliebe dafür, bei Tumulten die Rücken des Volkes kräftig zu bearbeiten. Ehe das Bierparlament zu anderen Dingen überging, die sein Interesse beanspruchten, zog Fabius den gemeinsamen Eindruck zu der alten Beobachtung zusammen, daß »ein schlechter Hund keinen Wolf riecht.«

Eines Tages aber wurde die Stadt durch die Mitteilung überrascht, daß die Polizei einen Kissenverleiher aus dem Zirkus festgenommen habe, der in dem Verdacht stehe, das Verbrechen begangen zu haben, und zwei Tage später wurde die Sandalenmachergasse durch die Nachricht gelähmt, daß sich Jons Sklave, der friedliche und etwas ängstliche Onkel Phil, bei der Hauptwache gemeldet und sich als schuldig bekannt habe. Acht Tage später wurde sein entseelter Körper den Tarpejischen Felsen hinuntergestürzt und sogleich von der Strömung tiberabwärts getrieben.

Aber auch dies Ereignis stärkte den Kredit der Galiläer nicht. Sie hatten in dieser Periode überhaupt kein Glück.

 

In dem Schatten gesehen, den das Kreuz des Philetus warf, ließen sich viele Einzelheiten in seinem Benehmen während seines letzten halben Lebensjahres leicht erklären. Die zunehmende Ängstlichkeit, die er an den Tag legte, und die Befangenheit, die aus seinem ganzen Verhalten sprach, erklärten sich geradezu mit der größten Selbstverständlichkeit, wenn man die Verpflichtung in Betracht zieht, die ihn an die Gesellschaft band, der er sich angeschlossen hatte. Als die Bewohner des Hofes sich schließlich wieder beruhigten, gab es nicht einen unter ihnen, der sich nicht an Züge erinnert hätte, die mit fast schreiender Stimme den elenden Abschluß dieses Daseins voraussagten.

Ein sonst unbedeutendes Vorkommnis in dem Pferdestall des Trebius ist dafür bezeichnend. Trebius wohnte im Doktorhof und lebte von Wagenfahrten für die Gemeinde. Sein Geschäft war nicht groß. Sein Marstall bestand aus vier Pferden, von denen zwei eher schlampig mit Haut überzogenen Gerippen glichen. Jedenfalls war das eine davon ein Krippenbeißer und dürr wie alle Krippenbeißer, die Haut klebte ihm fest an den Rippen, es hatte Triefaugen und zusammengekrampfte Kopfmuskeln. Sie waren auch ein wenig kreuzlahm – die beiden alten Pferde. Ein solcher Zustand entspringt einem kleinen täglichen Übermaß an harter Arbeit, und er wird manchmal noch dadurch verschlimmert, daß man in der rauhen Jahreszeit zu sehr mit den Decken spart. Daher kam es, daß sich die Gäule nicht wieder auf die Beine zu stellen vermochten, wenn sie sich nachts einmal niedergelegt hatten. Der Knecht pfiff dann alles zusammen, was sich an männlichen Wesen auf dem Hofe befand (Jon mit eingerechnet). Dann wurden sie mit Hilfe einer am Stallbaum befestigten Winde aufgerichtet, und wenn dann die Pferde erst wieder ihre Hufe auf dem Pflaster hatten, sahen sie das Dasein aufs neue überlegen an.

So ein Morgen war es, kurz nach Jons Rückkehr; die Pferde waren eben aufgerichtet worden und schielten nun nach dem Geschirr hin, ob es ihnen auch richtig angelegt würde. Wie Männer pflegen, zögerten die Helfer noch ein wenig und sahen sich den weiteren Verlauf an, ehe sie wieder zu ihrer Arbeit gingen. Obgleich es noch früh am Morgen war, herrschte doch schon eine große Hitze, und man sah schweigend zu – besonders weil man nichts sagen mochte. Da legte Philetus dem Jon seine Hand auf die Schulter und sagte: »... nie ein Seil, immer Zugriemen, wenn ich ... wenn ich nicht mehr da bin!« Das klang verwirrt, und doch war an dem Satze nichts auszusetzen, außer dem einen, daß er wie viele Häuser dazu bestimmt war, in der Reihe zu stehen; jetzt aber schoß er mit seinen aufdringlichen Giebeln mitten aus diesem Felde des Schweigens heraus hoch in die Höhe. Deshalb nahm er sich so verwirrt aus. Und als das Philetus klar wurde, war es zu spät. Ein paar ergänzende Sätze verstärkten nur den sonderbaren Eindruck, weil auch sie sich einzeln hervortaten und traurig aussahen. Später verstand man es ausgezeichnet, daß er für den Fall, daß einmal keine Zugriemen zur Hand wären, vor der Todsünde hatte warnen wollen, das erste beste Seil zu ergreifen und es unter den Bauch der Pferde zu legen. Und den Pferden diente diese Warnung zum Nutzen, bis sie eines Tages alle beide mitsamt dem Wagen in einen Steinbruch der vierzehnten Region stürzten und sich zu Tode fielen.

Nachträglich wurde man sich auch klar darüber, daß Philetus in der letzten Zeit tatsächlich von Detektiven verfolgt worden und einer gewaltsamen Festnahme nur dadurch entgangen war, daß er sich selbst anzeigte. Man erinnerte sich wohl, daß auffallende Leute im Hofe erschienen waren, und zwar hauptsächlich Frauen. So kam eines Tages eine Frau daher, die ihrem Aussehen nach wohl Verwandte an den Ufern des Nils haben konnte, und kurz nachher zeigte sich eine andere von demselben Gepräge, die Aphrodisias hieß. Beide versuchten mit Philetus zu scherzen, während sie zur Erklärung ihres Besuches Hustentropfen oder eine Stange Augensalbe kauften. Der langgestreckte Hals des Philetus mit den weißen Brandnarben streckte sich in die Länge und schraubte sich gleich wieder auf eine Weise zusammen, die einen Kenner wohl merken ließ, wie beunruhigt er war. Später kamen noch mehr Besuche – unter anderen ein Junge, der Jon über den Sklaven auszuholen versuchte, und schließlich hatte man die Ehre, den Fahnder Istacidius vor sich zu sehen. Auch er kaufte Tropfen – gegen Kolik – und schwatzte ins Blaue hinein mit jedem, dessen er habhaft werden konnte. Schließlich kam ein krummbeiniger Wagenlenker vom Zirkus und fragte Jon, ob er nicht meinte, daß Philetus ihm ganz im geheimen zu einer mit christlichem Weihwasser besprengten Verfluchungstafel verhelfen könnte? Jon gab die Frage an den Sklaven weiter, aber dieser lehnte ab. Sein Hals schraubte sich dabei fast ganz in den Körper hinein, und nachher zitterte er so stark, wie wenn ihm der Schweiß heftig ausbräche. Am nächsten Tage ging er umher und drückte den Leuten die Hand auf eine Weise, die ihnen nur so lange schwachsinnig vorkam, als sie den Zusammenhang noch nicht begriffen. Diese Händedrücke, diese Danksagungen und Ermahnungen waren sein bescheidenes Testament und blieben in den Gedächtnissen haften, nachdem sich der Zorn erst gelegt hatte. Schließlich meldete sich Philetus auf der Hauptwache und wurde festgenommen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der augenblickliche Antrieb, aus dem heraus Philetus sich selber stellte, in der Festnahme des besagten unschuldigen Kissenverleihers zu suchen war. An einem Justizmord wollte er nicht mitschuldig werden. Es ist deshalb für die spätere Beurteilung seiner Beweggründe bedauerlich, daß Istacidius mit Recht geltend machen konnte, man wäre in der Untersuchung schon so weit vorgeschritten gewesen, daß nur noch rein formelle Dinge zu regeln gewesen wären, bevor man dem Sklaven die Hand hätte auf die Schulter legen und ihn verhaften können.

Übrigens stand seine Schuld vollkommen fest. Auf Grund seiner eigenen Angaben fand man die Verfluchungstafel in einem Grab an der Flaminischen Straße. Die Tafel wurde dem Gericht vorgelegt. Sie bestand aus Blei, und mitten durch sie hindurch war ein Nagel geschlagen. Ganz oben stand der Name des unglücklichen Wagenlenkers: »Restutus, genannt Gidas, Sohn der Fulgentia.« Etwas weiter unten stand: »Umwerfen!« In die linke Ecke war ein Kreuz eingeritzt, und in der rechten stand das Wort »Jesus«. So also sah das Verfluchungsformular aus, womit Restutus den Göttern der Unterwelt übergeben worden war.

»Wann hast du diese Tafel hergestellt?« fragte Amachius den Philetus.

»Kurz nachdem ich angefangen hatte, die Mysterien der Christen zu besuchen«, antwortete der Sklave. »Gregorius gab mir Geld, und ich besprengte die Tafel mit Weihwasser.«

Amachius zog die Brauen hoch: »Gregorius, der rote Oberbereiter! Ach so – so, so! Na, das ist ja der, der bei den Häuptern seiner Kinder geschworen hat, daß er keinen Teil an der Verfluchung hätte.«

Gregorius wurde vorgeführt und leugnete. Er sei aus alter Zeit her ein Freund des unter die Götter versetzten Lucius Veras gewesen und hätte es deshalb niemals über sich gebracht, gegen dessen Lieblingstier zu konspirieren. »Ich habe zum Beispiel mit elf anderen an einem Festmahl teilgenommen, das der Kaiser nach dem Partherkrieg veranstaltete. Jeder Gast bekam den schönen Knaben und Vorschneider zum Geschenk, der ihn bei der Mahlzeit bedient hatte, und dazu die Platten, auf denen ihm serviert worden war. Ferner wurde ihm von jeder Art Geflügel – wild oder zahm –, die auf die Tafel kam, ein Stück ins Haus geschickt. Sooft man ausgetrunken hatte, wurden neue Trinkgefäße aus Porzellan und Glas hingestellt – auch mit Edelsteinen besetzte Pokale aus Gold und Silber. Die Kränze, mit denen die Gäste geschmückt wurden, waren aus einer andern Jahreszeit und mit goldenen Bändern durchflochten. Die ausgeteilten Salbentöpfe hatten die übliche Form, waren aber aus Gold. Beim Abschied am Morgen bekam jeder einen Wagen samt Kutscher und Maultier mit silberbeschlagenem Geschirr. Dieses Festmahl hat sechs Millionen Sesterzen gekostet ...«

Amachius hatte diesen langen Bericht ruhig angehört. Er schwieg auch noch, als Gregorius nicht mehr weiter wußte. Schließlich sagte er: »Was für eine Kinderei!«

»Was?« fragte der Bereiter.

Amachius sagte mit verstärkter Stimme: »Ich frage mich, was das mit der Sache hier zu tun hat.«

Als Gregorius nichts darauf zu antworten wußte, trat auf einen Wink von Amachius Istacidius heran und legte ein Dokument vor ihn hin. Es war ein Schreiben, worin Gregorius einem gewissen Wagenlenker Euthymius den Rat gab, sich wegen einer besonders wirksamen Tafel an Philetus zu wenden.

»Hat er sie bekommen?« fragte Amachius den Philetus. Dieser bestätigte es mit einer Verneigung.

»Peitscht ihn aus!« befahl Amachius und deutete mit dem Kopf auf Gregorius.

Der Bereiter öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, aber es kam kein Ton hervor.

»Aber gebt es ihm doppelt, weil er das Andenken des Kaisers so schlecht ehrt!« fügte der Gouverneur phlegmatisch hinzu.

 

Die Festnahme des Philetus geschah am Nachmittag des ersten Tages in jenem Monat, der nach dem unter die Götter versetzten Augustus genannt ist. Die Läden waren geschlossen, und, wie es an diesem Tag üblich ist, waren die Straßen in Ballsäle verwandelt, und die Bewohner feierten dort den Tag mit Gesang und Tanz. Die Häuser waren mit Blumen und grünen Zweigen geschmückt, und Laternen in leuchtenden Farben hingen bereit, bei anbrechender Nacht angezündet zu werden.

Aber die festliche Stimmung erlosch vollständig bei der Nachricht, daß das Verbrechen aufgeklärt sei. Die Blumen und Laternen nahmen sich mit einemmal sinnlos aus, und einzelne von den Leuten machten sich augenblicklich daran, die Girlanden herunterzunehmen. An Tanz dachte niemand mehr. Alle waren von dem einen erfüllt, dieser Demütigung, daß die Schande ihren Ursprung in ihrer Straße hatte, wo doch unter tausend andern die Wahl freigestanden hätte.

Dann glitten die ersten durch das Tor in den Doktorhof hinein. Gleich darauf marschierte ein Trupp Polizisten herbei und besetzte alle Eingänge des Hauses. Immer mehr Menschen strömten herbei, von der Mystik angezogen, die der Tatort eines Verbrechens immer ausstrahlt. Der Hof zog sie unwiderstehlich an; er saugte sich voll, ja, mehr als voll. Draußen auf der Straße drängten sich weithin zu beiden Seiten die Menschen in der dunklen Erwartung, daß etwas geschehen würde. Und die Polizei verhielt sich passiv. Nur einzelne Leute aus dem Korps des Papirius waren in aller Stille damit beschäftigt, die Rücken der schlimmsten Schreihälse mit einem weißen Kreuz zu bezeichnen – für alle Fälle.

Aber unter den einzelnen Männern wütete der Kampf zwischen Rot und Grün. Für die grüne Partei war Restutus mit einem Schlag eine Art Held geworden, dem man jede Art von Genugtuung zu erweisen suchte. War es zum Beispiel nicht Restutus gewesen, der den Kampf gegen die Heuraufen geführt hatte, die überall in den Ställen zu hoch angebracht waren. Jetzt waren sich alle darüber einig, daß diese ungünstigen Einrichtungen den Pferden Senkrücken gemacht und ihre Augen durch den Staub geschädigt hätten. Aber Restutus war es gewesen, der das Schlagwort aufgebracht hatte: »Ein Pferd ist keine Giraffe, die sich ihre Nahrung von den Bäumen pflückt.« Witzig und schlagend formuliert! Und war er es nicht auch, der zuerst darauf hingewiesen hatte, daß »Rattenschwänze« bei schlechten Pferden niemals vorkämen! Und er, der die Verwendung von Gerberlohe auf der Übungsreitbahn eingeführt hatte! Und er, der einen Maulkorb erfunden hatte, der bequem und zweckmäßig zugleich war? O ja – die Roten wußten wohl, was sie taten, als sie auf Restutus hingezielt hatten.

Aber man genoß diese Verherrlichung nicht bis zur Neige. Papirius, der im ersten Stock des Hauses gerade gegenüber dem Doktorhofe stand, beobachtete, wie die Stimmung umschlug. Einem erfahrenen Trabfahrer gleich, der weiß, daß ein eigenartiges Spiel der Pferdeohren unweigerlich der Vorläufer eines Galoppsprunges ist, wußte er im voraus, was kommen würde. Deshalb griff er nach einem kleinen stählernen Wurfpfeil, befestigte einen Zettel daran und warf ihn in die gerade gegenüberliegende Wohnung. Auf dem Zettel stand: »Schafft Jon aus dem Wege!«

Kaum war das geschehen, als sich drinnen, vom Hof ausgehend, ein Ruf durch die Menge fortpflanzte: »Gebt den Jungen heraus!«

»Ist er nicht selber mit einem Hexenmeister in die Stadt eingezogen?« fragten andere.

»Werft ihn in den Tiber, solang' es noch Zeit ist!« schlug einer vor.

Jon selbst hatte sich schon die ganze Zeit die Schar durch ein Guckloch betrachtet. Er saß wie der Igel im Kaninchenstall, und er fühlte, daß viele da unten ihn wie ein Gespenst anstarrten. Ein Stein sauste an seinem Kopf vorbei, und mehrere von der Art klatschten hörbar draußen an die Mauer.

Aber er hatte da drunten auch Freunde, die ihn nicht im Stich ließen. Verecundus und Fabius, die seit acht Jahren in allen erdenklichen Winkeln der Sandalenmachergasse wunderbare Prophezeiungen über ihn getuschelt hatten, erzählten nun mit lauter Stimme, daß er in Wirklichkeit ein ganz gewöhnlicher und eher ein bißchen einfältiger Junge sei. Viele schlossen sich diesen an – namentlich viele Rote; aber die Lage wurde durch die wohlbekannte Tatsache, daß Rufus fanatisch grün war, wieder verdorben. Der Hof und die Gasse kochten vor Erregung, und an dem äußersten Ende, wo es Platz dafür gab, waren da und dort schon Prügeleien im Gang, als der wohlbekannte Ruf ertönte: »Gasse frei!«

»Occupo, steh mir bei! Die Polizei!« kreischte eine Frauenstimme; und wieder ertönte es fest und geduldig: »Gasse frei!«

Es ist ein Rätsel, woher bei so einer Gelegenheit die Steine kommen; aber es flog einer durch die Luft und traf einen der Reiter. Dann erklang eine Pfeife, Säbel blitzten, und die Pferde rückten gewohnheitsmäßig in zwei Reihen vor, – immer der Mauer entlang, so daß die Menge in die Straße hinein und vorwärts gedrängt wurde. Es schienen mehrere Polizeiabteilungen zu sein – denn die Reihen nahmen immer zu, und immerfort klang es eintönig: »Gasse frei!« Ab und zu schwippte eine Klinge über einen weißangekreideten Rücken hin, und der Schlag wurde durch ein Pfeifen, ein Gurgeln oder einen Schrei quittiert.

Nach der Gasse kam der Hof an die Reihe. Das verlangte Zeit, aber es ging sicher vorwärts. Die Methoden des Amachius verfehlten ihre Wirkung selten.

Am Abend, als die Polizei verschwunden war, versammelten sich kleinere Gruppen, die drohend oder mißbilligend nach des Doktors Haus hinsahen, und zur Nachtzeit machte sich Jon daran, seinen Rückzug anzutreten.

»Was tust du denn, Junge?« fragte Pomona, während sie ihn bekümmert betrachtete. Jon hatte geweint, aber die Spuren davon waren schon beinahe vergangen.

»Man muß zu den Rudern greifen, wenn der Wind abflaut«, antwortete er resigniert, und kurz danach stieg er zu einer Dachluke hinaus. Er zögerte ein Weilchen und schaute über die Stadt hin – über die Dächer, die er von zahllosen Expeditionen als Postillon d'amour her so gut kannte. Von diesen Dächern aus hatte er in alle Einzelheiten des menschlichen Registers von Ausschweifungen hineingestarrt, und er hatte sie ebenso leidenschaftslos betrachtet, wie er sich die intimere Entwicklung einer Insektenhochzeit ansah. Aber während sich Pomona im Gebet vor der Schicksalsgöttin niederwarf, schwebte Jons riesenhafter, eiliger Schatten wohlvertraut über Gartenanlagen und Trockenplätze hin, bis er sich wieder mit seinem Eigentümer vereinigte und durch eine Luke zu der ehemaligen Lagerlaus Tausendschön hineinkroch. Hier blieb der Junge einen Augenblick stehen und horchte auf die ruhigen Atemzüge des Taubenhändlers, bevor er lautlos die Tür öffnete und sich die Treppe hinunterschlich, die an der Wohnung des Nigidius Vaccula vorbei auf die Straße führte.

 

Wenn die Basaltritter, wie das gemeine Volk die Vagabunden betitelte, den Weg nach der Ewigen Stadt einschlugen, sagten sie nicht, daß sie nach Rom zögen, sondern daß sie den Scherbenberg aufsuchten.

In dieser Nacht schlief Jon auf dem Scherbenberg. Es war ein ungefähr dreißig Meter hoher Haufe von zerschlagenen Tongefäßen – namentlich Korngefäßen, der sich am Flußufer in der Nähe der überseeischen Landungsplätze aufgetürmt hatte. Als Jon dahin kam, lag da schon eine ganze Menge von Gästen jeglichen Alters rundum in den zu diesem Zweck ausgehöhlten Gruben. Jon fand ein passendes, mit Denksprüchen und pornographischen Miniaturen geschmücktes Loch. Hier blieb er eine Weile sitzen und biß abwechselnd von einem Brot und einem Stück Bauernkäse ab. Als die Mahlzeit überstanden war, rollte er sich zusammen, zog sich die Bluse über den Kopf, steckte die Hände in die Armlöcher und schlief ein.

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