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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 18
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Siebzehntes Kapitel

Die Jagd hat in der letzten Nacht
Der Katz 'ne fette Maus gebracht.

Es geschah immer seltener, daß die Hundsphilosophen zu einer Diskussion zusammenkamen. Allerdings sah man in manchen Bogengängen und in den Bibliotheken mancher Bäder gelegentlich noch ein gestikulierendes Grüppchen von Barten und Mänteln; aber auch die Schar der Hunde war durch die Seuche gelichtet, und ein verehrungswürdiger Teil von ihnen war emsig damit beschäftigt, die Kranken auf den Tod vorzubereiten; so blieb für Klubleben und Zusammenkünfte nicht viel Zeit übrig.

Orbilius bewohnte noch dasselbe Loch in einem Hinterhause der Sandalenmachergasse, wo er vor dreizehn Jahren gehaust hatte, als er versuchte, sein Kopfkissen auf der Auktion im Circus Maximus zu verkaufen. Zweimal in der seitdem verflossenen Zeit war er die Veranlassung gewesen, daß das Gleichgewicht des Viertels eine Stunde lang ins Wanken kam. Das erstemal, als Großmutter Papiria sich in ihrem bekannten Prunkaufzug mit Mietbaldachinen nebst dem nötigen Zubehör von Negern und Trommelschlägern bei ihm sehen ließ. Sie hatte ihm ein richtiges Bett mit Kissen und Decken mitgebracht und Orbilius unter Tränen und fürchterlichen Drohungen gezwungen, es in seinem Gemach aufstellen zu lassen und ihr zu versprechen, daß es nicht wieder wegkäme. Aber man kann bekanntlich ein Pferd an den Brunnentrog führen, es jedoch nicht zwingen, daß es dort trinke. Orbilius fuhr fort, nur mit seinem Mantel zugedeckt, auf der Pritsche zu schlafen. Eingefleischte Gewohnheiten haben ein zäheres Leben als die Katzen.

Das zweitemal stand die Gasse kopf, als Kaiser Marc Aurel, im Jahr vor diesem Sommer, eines Tages bei einem Blitzbesuch vom Kriegsschauplatz her anspaziert kam, in Begleitung seines alten Lehrers den Hund zu begrüßen. Nicht als ob bei näherer Überlegung irgend jemand davon hätte überrascht sein können, daß sich das sorgenvoll-fromme kaiserliche Satyrgesicht in der Bude des Hundes sehen ließ; aber immerhin verblüffte es die Leute anfangs nicht wenig. Als der Zustrom von Neugierigen allzu riesengroß wurde, wanderten die drei in die »Vier Säfte«, wo der Wirt vor Schreck seine rotgestreifte Serviette fallen ließ. Die Legende berichtete später, der Hund sei dahergekommen, als ob er der Kaiser wäre, während Marc Aurel sanft fragend und lauschend daneben marschiert sei. Als sie sich trennten, küßten sich die zwei Philosophen zum Abschied, und von jenem Tag an kostete ein Becher vom guten Falerner in den »Vier Säften« um ein As mehr. Aber auf das Benehmen des Orbilius und auf das Ansehen, in dem er stand, hatte das keinen Einfluß. Er ging seines Weges wie gewöhnlich, von den Kindern mit fröhlichen Zurufen begrüßt und von den Brothändlerinnen mit der demütigen Bitte, er möge sich doch ein Brot mitnehmen. Und wenn er einer ein Brot abnahm, so empfand sie das, als habe sich ein Segen über ihr Haus ergossen.

Seit die Pest ihren Einzug in Rom gehalten hatte, war Orbilius sehr gealtert. Es sah aus, als wollten seine zähen alten Beine nachgeben, und er stützte sich schwerer auf seinen Stab, wenn er seinem Beruf nachging oder von ihm heimkam. Jeden Tag viele Gänge zu machen, um Tränen in Lächeln zu verwandeln, war ein schwieriges Mirakel; und es gehörte zu den wenigen Dingen, die durch häufige Wiederholung nicht leichter werden. Orbilius sagte eines Morgens zu Rab Chanina, als sie, einer wie der andere erschöpft und mutlos, zusammentrafen:

»Es ist ein verstimmender Augenblick, wenn man zum erstenmal empfindet, daß der Trost, den man spendet, mechanisch klingt.«

Nun hätte sich ja Rab Chanina als guter Christ auf seine allzeit frische Quelle berufen sollen; er tat es aber nicht, sondern sagte:

»Ei sieh, hast du das auch erfahren?«

Diese wenigen Sätze knüpften sie noch fester aneinander.

 

Marcellus kam nun täglich in die Sandalenmachergasse. Die Besuche bei Nig und Elina setzte er trotz des beunruhigenden jungen Mädchens fort. Gewisse Anzeichen deuteten darauf hin, daß Elina eine vertrauliche Aussprache mit ihr gehabt hatte, und nur wenn Nig ausnahmsweise nicht da war, begrüßte sie Marcellus gelegentlich damit, daß sie eifrig ihre Handarbeit zusammenpackte und höflich sagte: »Ich will nicht stören!«, worauf sie sich aber doch widerstrebend überreden ließ, dazubleiben.

Auch in Rab Chaninas Bethaus und in die »Vier Säfte« kam Marcellus regelmäßig. Es gelang ihm sogar, sich im Bethaus ganz wohl zu fühlen, selbst wenn Caecilia fehlte, was aber fast nie der Fall war. Die buntscheckige Gemeinde behandelte ihn, wie ihm vorkam, mit einem herzlichen und passiv neugierigen Mitleid, das er sich nicht erklären konnte. Außer mit Caecilia sprach er für gewöhnlich nur mit Vater Hyazinth und mit Rab Chanina; diesen hatte er für sich gewonnen, weil er eine gewisse Angst mit ihm teilte, eine Angst, die vielleicht komisch erscheinen kann, die aber sie beide sehr beunruhigte, nämlich die Angst vor einer Übervölkerung der Erde, dieselbe Angst, die noch dreißig Jahre später in den Werken des Kirchenvaters Tertullian, eines Nachfolgers des Rab Chanina, stark in Erscheinung trat.

Auf seinem Weg nach der Sandalenmachergasse begegnete ihm oftmals Orbilius, und eines Tages ging er mit ihm heim, in der ganz bestimmten Absicht, die Lösung zu finden, der ihn das Orakel des Paetus nicht näher gebracht hatte. Daß Marcellus dem Orbilius nun alles möglichst offen darlegte und es nicht für unmännlich hielt, ihm seine ganze Hilflosigkeit zu zeigen, beweist, welches rührende Vertrauensverhältnis zwischen dem alten Seelsorger und seinen vielen Beichtkindern bestand.

Zu den Lebensregeln des alten Hundes gehörte es, nicht mehr Weisheit preiszugeben, als der Zuhörer verdauen konnte. Während Marcellus von seiner zunehmenden Leidenschaft für Caecilia erzählte, zog Orbilius ein beifälliges Nicken als Schirm vor seine Erfahrungen und vor das aufkeimende Lächeln, worein sie sich hüllten. Wäre dieses Thema mit dem »Säbel« oder dem »Glücksrad« oder mit dem mürrischen Crescens zu verhandeln gewesen, dann hätte er ungefähr gesagt:

»Oh, ihr Meineidigen der Liebe! Ihr verblendeten und unbändigen Liebhaber! Wenn der Himmel durch alle Zeiten hindurch für jeden von euch einen Stern hätte, wäre das Himmelsgewölbe eine einzige glühende Kuppel!«

Und der »Säbel« oder das »Glücksrad« oder Crescens hätten versichert, daß das Herz dazu bestimmt sei, vergessen in der menschlichen Brust zu liegen.

Der alte Hund aber schob bloß dieses Kopfnicken dazwischen, was als eine Bestätigung für die leidenschaftliche Darstellung des Marcellus aufgefaßt werden mußte, und als nun Stille eingetreten war, betrachtete er einen Augenblick nachdenklich die Nägel seiner einen Hand. »Du hast wohl viele Frauen gekannt?« fragte er im Gesprächston.

Marcellus fuhr kaum merklich zusammen und antwortete ungeduldig: »Ach, nicht auf diese Art! Niemals so!«

Orbilius untersuchte wieder seine Nägel und fragte: »Auf welche Art hast du Elina geliebt?«

»Das ist ganz etwas anderes! Gute Kameradschaft – nicht mehr!« eiferte Marcellus. »Nun ja – vielleicht doch etwas mehr. Man ist sich über die Tragweite seiner Taten nicht immer klar.«

»Nein, man ist sich über die Tragweite seiner Taten nicht immer klar.« Die Stimme des Orbilius klang, als wäre dies zum Teil eine neue Entdeckung für ihn. »Ach, wenn du wüßtest, wieviel Leute mich jahrein, jahraus aufsuchen! Und immer steht ihnen das im Wege. – Eile mit Weile! sage ich, aber ihr lernt es nur durch Stolpern.«

Der alte Hund redete wieder: »Es war an einem Abend des Saturnalienfestes – es ist wohl dreizehn bis vierzehn Winter her ... Du kannst es nicht vergessen haben. Da hieltest du ein elendes Kindlein auf deinen Armen, und in einem Bett lag eine Frau – ein Kind noch, und schöner als viele andere. Heute sagst du, du hättest nie so geliebt wie jetzt. Aber damals – wie hast du damals geliebt?«

Marcellus saß vor ihm, das Gesicht in den Händen verborgen. »Was soll ich tun?« fragte er.

Der Blick des Orbilius ruhte auf der Staubsäule, die sich als leuchtender Streifen vom Fenster her gegen den Fußboden zog. Wie Demonax wußte er, daß allen Menschen gemeinsam ist, Fehler zu begehen, und daß, wer Fehler verbessern will, dies tun muß wie ein Arzt: ohne den Kranken zu erzürnen. Er hätte die unermüdliche Mahnung des Epiktet an die Menschen: »Erforschet euch selbst!« wiederholen können. Aber zu welchem Zweck? Dieser Mann kannte den Epiktet ebensogut wie er selbst, und er war gekommen wie die andern auch – nicht um belehrt zu werden, sondern um seine eigene Last – die Verantwortung – ihm, Orbilius, auf die Schultern zu legen.

»Wer Liebe sucht, muß zuerst Liebe beweisen«, antwortete der Hund.

»Aber sag mir, wie!« bat Marcellus.

» Bisweilen muß man sie dadurch beweisen, daß man verzichtet«, erwiderte der Hund mit Nachdruck.

Dann gingen sie zusammen aus, und Marcellus konnte es nicht vermeiden, zu sehen, wie heftig die Hände des alten Mannes zitterten. Es machte den Eindruck, als befinde er sich in einem Zustand von innerer Erregung, was ihm sonst nie anzusehen war. Als sie das Bad erreichten, das das spanische hieß, trat Orbilius unter die Arkaden, rief das Volk zusammen und hielt eine Rede, über die sich alle höchlich verwunderten.

Mit fester und klarer Stimme sprach er von einem Volke, das durch Ausschweifungen unter dem schweren Druck despotischer Regenten die Nerven verloren habe. Von einem Volke, verheert durch eine epidemische Erkrankung des Verstandes, das es aus religiöser Heimatlosigkeit mit jeder neuen orientalischen Mystik versuche, mit neuen Gottesdiensten, Mysterien, Schwärmereien, Bruderschaften. Von einem Volke, das die ganze Welt gewonnen, diesen Gewinn aber mit seelischer Impotenz bezahlt hätte. Von einem Volke mit vielen Tränen, aber keinem echten Kummer, mit einem Mute, der seinem Mangel an Phantasie entspringe, und mit einem durch Eitelkeit hervorgerufenen Schönheitsdurst. Von einem Volke, das die ewigen Gesetze schände, weil es die Tugend fürchte. Von einem Volke, das die Götter zum Lächeln bestimmt hätten, und das der Welt eine Grimasse schnitte. Von einem Volke von Lügnern: von dem römischen Volk!

Er beschwor es, umzukehren, solange es noch Zeit sei, sich hohe Ziele zu setzen und ihnen nachzujagen, es sich abzugewöhnen, in unedeln und niedrigen Gedanken zu leben. Er warnte es streng davor, sich zu Grundsätzen zu bekennen und von ihnen zu reden, ohne sie in die Tat umzusetzen. Und er schloß mit den Worten: »Vergiß nie, daß du dazu bestimmt bist, Gottes Kundschafter und Sendbote unter den Menschen zu sein!«

Als er schwieg, schüttelten viele unter den Zuhörern die Köpfe. Und als er dann wieder bei Marcellus stand, legte er diesem die Hand auf die Schulter und sagte:

»Setz dich niemals dem Vorwurf aus, der den Makedoniern gemacht worden ist: daß sie daheim Löwen seien, in Ephesus aber Füchse!«

Dann humpelte er, schwer auf seinen Stab gestützt, in der Richtung des Flusses davon.

 

Jeder Umschwung in dem Intellekt des Marcellus wurde, bildlich gesprochen, durch Abführmittel oder das Gegenteil davon reguliert. Obgleich er ein Skeptiker war, blieb er doch jederzeit für Eindrücke von außen her empfänglich; und die Folgen zeigten sich darin, daß ein Eindruck bei ihm den andern vertrieb. Aber so wunderbar ist der menschliche Organismus eingerichtet, daß, was andere Wankelmut heißen würden, von ihm selbst als Vorurteilslosigkeit angesehen wurde. Er war etwa, was sein enzyklopädistischer Freund Xenophon nicht ohne Witz einen Gläubigen ohne Glauben nannte.

Wenn ihm also Caecilia ihre Auffassung von den christlichen Mysterien auseinandersetzte, dann hatte das alles für ihn einen starken Schein von Glaubwürdigkeit. Wenn er aber im Theater saß und den Marull ein Lied mit einer zotig-erotischen Pointe singen hörte, dann schwamm auch er ungehemmt mit in dem allgemeinen Gerase von Beifall und Gelächter. Und war er daheim, dann deuchte ihm das eine töricht und das andere noch törichter.

Mit der Einschränkung, die durch diese Wesensart des Marcellus bedingt war, hatte die Strafrede des Orbilius starke Wirkung auf ihn getan. Schon allein, daß dieser Apostel der Milde und des Vergleichs um seinetwillen das Schwert des Zornes gezogen hatte, schien ihm eine Auszeichnung, die wohl noch keinem andern zuteil geworden wäre. Was sich aber am meisten in ihm festhakte, war doch die Mahnung des alten Hundes, daß er an Ruth denken solle, und es tat weder etwas dazu noch davon, daß Orbilius nicht wissen konnte, wie wenig die Rolle des Marcellus in dieser Sache eine Heldenrolle gewesen war.

Trotz der vierzehn Jahre, die seitdem verflossen waren, stand ihm das alles noch sehr lebendig vor Augen. In der ersten Zeit nach Ruths Tod hatte er dadurch ein bekümmertes Aufsehen erregt, daß er sich auffallend früh im Büro einzufinden pflegte. Er kam öfters um eine volle halbe Stunde zu früh, und die Gesundheit des Pförtners litt geradezu darunter, daß er sich so sehr den Kopf über die Veränderung zerbrechen mußte, die mit dem Herrn Buchhalter vorgegangen war. Dieser abnorme Zustand dauerte zwei Monate an; dann legte er sich langsam, und dann fand sich Marcellus wieder einen Monat lang ungefähr rechtzeitig ein, schließlich aber traten wieder die planmäßigen Verspätungen in ihr Recht. Er erinnerte sich jetzt, wie erstaunt er eines Tages festgestellt hatte, daß er trotz des Todes seiner Ruth noch am Leben war, ja, daß er sogar anfing, sich für ein Kaviarbrot zu interessieren. Solche Entdeckungen pflegen sich den Menschen hie und da aufzudrängen.

Während der Tage, wo die frisch angefachte Erinnerung an Ruth noch in reiner Flamme in ihm brannte, fand er es besser, seine Freizeit mit Elina und nicht mit Caecilia zu verbringen. Elina hatte nie übermenschliche Eigenschaften von ihm verlangt und nie etwas sehen lassen, was an Caecilias Unerbittlichkeit mit Goldschnitt erinnert hätte. Seit ihrem Zusammentreffen im Isistempel am Jahrestag der Stadt war sie überdies in das entgegengesetzte Extrem verfallen. Sie schien sich in einem Zustande von glücklich-unglücklicher Anbetung zu befinden, und ihr Beifall lag schon zum voraus in einem Lächeln bereit, sobald ihr Geliebter nur den Mund auftat.

Da es ihnen daheim niemals glückte, ungestört miteinander zu reden, bat Elina den Marcellus öfters, sie bei ihren Besorgungen zu begleiten. So gingen sie eines Tages zusammen aus, einige kleine Einkäufe zu machen: ein Maniküre-Etui, eine Schreibtafel, eine Flasche Parfüm und derartige Kleinigkeiten, wie man sie Sklaven und kleinen Leuten zum Geburtstag schenkt. Sie kamen dabei auch in einen Juwelierladen (zu Agathopus in der Neugasse!), und Elinas Blick fiel da auf einen ziemlich großen und schön geschliffenen ungefaßten Topas. Während der Juwelier in einiger Entfernung stand, zeigte sie diesen Stein dem Marcellus und sagte: »Ist er nicht wundervoll!«

Marcellus blickte flüchtig hin und zuckte die Achseln. »Glas!« sagte er verächtlich. Verblüfft schaute sie ihn an, und der Juwelier trat näher – hitzig und mit rotem Kopf.

»Der Herr beliebt zu scherzen!« sagte er.

»Ich war niemals weniger zum Scherzen aufgelegt!« antwortete Marcellus. »Sieh her!«

Sie betrachteten nun den Stein genau, erst mit dem bloßen Auge, nachher durch eine Lupe, und Marcellus erklärte ihr, was dem Stein zu einem echten Topas fehle.

»Unmöglich!« rief der Juwelier. »Für den Stein bürgt mein guter Name!«

»Um so schlimmer für deinen Namen!« sagte Marcellus. »Soll ich die Materialpolizei holen lassen?«

Der Juwelier zögerte. Dann gäbe es eine Untersuchung; und der Laden war voll von echten und unechten Steinen in unglückseligem Durcheinander.

»Wie hast du das gleich sehen können!« rief Elina, als sie wieder auf der Straße standen.

»Ich habe eine kleine Ahnung von solchen Dingen«, sagte er gleichgültig. Und das war richtig. Über Edelsteine und Pferde hatte er ein Urteil, und wenn ihm eine Schüssel Austern vorgesetzt wurde, so konnte er feststellen, ob sie von Centumcellae, aus dem Lucriner See oder woher sonst stammten. Für diese Seite seiner Erziehung hatte Papirius gesorgt, noch ehe Marcellus zwanzig Jahre alt gewesen war.

Und Elina ging heim, bestärkt in ihrer Überzeugung, daß Marcellus nicht nur hoch über dem armen Nig stehe, sondern über allem, was ihr je von Männern über den Weg gelaufen war.

Caecilia hätte sich dadurch weniger imponieren lassen.

Wahrscheinlich ist über die Liebe mehr verrücktes Zeug gesagt worden als kluge Dinge über irgend etwas anderes. Eines der abgenütztesten Stücke in der Maximenkiste des Euphemus war der Spruch, daß man den Teufel mit Beelzebub und ein Weib mit dem andern Weib vertreiben müsse. Inzwischen brach im Leben des Marcellus eine kurze Periode an, in der Kräfte, die von außen her kamen, ihn vollständig mit Beschlag belegten, und so vergaß er beinahe alles, abgesehen von dem, was Caecilia Schein und Unwirklichkeit nannte – dem äußeren Leben nämlich, der Arbeit und dem Kampfe ums Dasein. Im Leben des Marcellus wurde dieser Schein dafür, daß er etwas Unwirkliches sein sollte, außerordentlich anmaßend.

Das Unheil spann sich ungefähr um die Zeit an, als die Raben die Walstatt der Schlacht umkreisten, die unter dem Namen der »Schlacht auf dem großen Trommelplateau« bekannt ist, und mit der die Kinder noch heutigen Tages in der Schule gequält werden, weil hier die Legionen Marc Aurels auf wunderbare Weise durch das sogenannte »Regenwunder« gerettet wurden. Und dies erwies sich nicht nur als sehr bedeutungsvoll für das Dasein des Marcellus, sondern es war auch eine der ersten unter den Erschütterungen, die während dieses Sommers die Stadt in allen Fugen krachen ließen.

Wie immer, wenn unangenehme Ereignisse in größerem Ausmaß eintraten, zeigte es sich hinterher, daß sie durch irgend etwas angekündigt worden waren, was der Natur zuwiderlief. Zum mindesten kommentierte die Natur solche Ereignisse durch Erdbeben, Kometen, Froschregen oder andere Unregelmäßigkeiten. In diesem Fall geschah es, daß ein Maultier ein Junges warf; und so war man gewarnt.

Wie das so zu sein pflegt, traten die Unannehmlichkeiten in Serien auf. Es fing mit einem allgemeinen Gefühl von Unruhe an – oder es wirkte nachher in der Erinnerung wenigstens so. Kurz darauf erhoben sich in den Wirtshäusern der Sandalenmachergasse die ersten Gerüchte von bevorstehenden Krachen und Bankerotten. Und endlich kam die Gewißheit: eine große Aktiengesellschaft für den Import und Export von Eisenwaren stellte ihre Zahlungen ein, vier fusionierte alexandrinische Glashütten folgten; dann hörte man das gleiche von einem Steinbruchtrust, zwei Ziegelwerken, einer Bleigießerei und einer kleinen Korbwarenfirma. Jede für sich war wohl keine dieser Pleiten von großer Bedeutung; aber alle zusammengenommen gaben dennoch Grund zur Sorge. Nach einem kurzen Aufatmen kam die Bronzeindustrie an die Reihe. Die beiden weltberühmten Fabriken des P. Cipius Polybius und des L. Ansius Epaphroditus brachen hilflos zusammen, und endlich trat die große Katastrophe ein: das Clearing-house, bei dem Marcellus angestellt war, gab seine Sache in aller Stille verloren. Eines Morgens fand man die beiden Prinzipale mit aufgeschnittenen Pulsadern in ihren Sesseln vor einem Tisch, auf dem sie eine flüchtige Übersicht ausgebreitet hatten, die den Umfang des Bankerottes klarmachte. Die Firma war eine Art Zentrale für Wechsler und Aktienmakler – ein Platz, wo man kaufte, verkaufte und Kreditbriefe austauschte. Die Folge war unvermeidlicherweise eine neue Reihe von Zusammenbrüchen.

Auf Marcellus wirkte die Katastrophe fast als Befreiung. Jeder kennt das Behagen, das es bedeutet, bis an den Hals mitten in solchen Ereignissen zu stecken; daß überhaupt etwas geschieht – wenn auch etwas Unangenehmes –, erweckt Kräfte, deren man sich im gewöhnlichen Tageslauf gar nicht bewußt war. Und für Marcellus hatte die Sache noch eine besondere Bedeutung: das peinliche und nicht vom Fleck kommende Doppelspiel mit den zwei Frauen trat für eine Weile zurück. Die große Überlastung mit Arbeit, auf die er sich immer zu berufen pflegte, die aber keineswegs gar so groß gewesen war, schien nun Tatsache zu werden. Vierzehn Tage lang wurde nun bei einem Mindestmaß von Schlaf Tag und Nacht gearbeitet. Es galt, den mageren Bestand an Aktien so rasch wie möglich unter die Gläubiger zu verteilen. Dann aber konnte man eines Morgens zum letztenmal mit dem alten Pförtner zusammen die breite Haupttreppe hinuntergehen. Dieser verschloß das Tor sorgfältig, überzeugte sich durch Rütteln, ob das Schloß hielt, und gab zum ersten- und letztenmal Marcellus zum Abschied die Hand.

»Man weiß nicht einmal, an wen man nun eigentlich verkauft ist!« sagte der Diener und erfüllte seine Stirne mit Gedankenstrichen.

»Fürchterliche Zeiten!« sagte Marcellus düster. Der alte Mann, den er über fünfzehn Jahre lang gekannt hatte, tat ihm leid.

»Die verrücktesten Zeiten, seit Jupiter ein kleiner Junge war und auf dem Markt stand und Veilchen verkaufte!« sagte der Pförtner und war dem Weinen nah.

»Aulus hätte für dich sorgen müssen!« sagte Marcellus; aber der alte Diener erwiderte gelassen:

»Zupfen wir den toten Löwen nicht am Bart!«

Wie auf Verabredung drehten sich beide zugleich um und betrachteten noch einmal das Firmenschild, das ihnen jetzt gleichsam etwas Neues war.

Aulus Vettius Conviva

stand mit großen altmodischen Buchstaben darauf. Es war der Name des Seniorchefs, und es war auch der Name seines Vaters gewesen. Neben dem Schild sowie an allen den vergitterten Läden waren Plakate angeheftet mit den einladenden Worten:

Zu vermieten!

Es war früh am Morgen; aber trotz der frühen Tageszeit waren die Mitglieder der oder jener Sekte bereits eifrig damit beschäftigt, auf der Straße Fische zu braten, weil das ihr Gott gerade an diesem Tage des Jahres von ihnen erwartete.

 

Marcellus hatte sich in seinem Leben meist als Sieger fühlen dürfen. Dies Fazit braucht nichts so Großartiges zu bedeuten, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Man kann auch so dazu kommen, daß man alle offenbaren Möglichkeiten einer Niederlage vermeidet. Wie zum Beispiel in dem Jahre, wo sich Marcellus als der beste Speerwerfer auf dem Marsfeld bewährte (es war das Jahr, da Lucius Aelianus und Pastor die gewöhnlichen Konsuln waren). Er war zu dem entscheidenden Wettspiel nicht angetreten, bevor er sicher sein durfte, daß er in diesem Jahr keine gefährlichen Gegner fand. Und seitdem konnte er sich ungestört in dieser Glorie sonnen, nur weil er den Speer, den silbernen Schild und den Lorbeerkranz an der Wand hängen ließ.

Und er hatte hauptsächlich mit Siegern verkehrt, oder doch wenigstens mit Menschen, die sich selbst dafür hielten und deshalb den Kopf hoch trugen. Erst jetzt als Arbeitsloser lernte er durch Rab Chanina auch die andern kennen – Menschen, die durch Mißerfolge und Unterdrückung unterwürfig, verzagt oder neidisch geworden waren. Die Begegnung mit solchen Leuten, auf die er seit seiner Kindheit herabgesehen hatte, wirkte auf ihn, als schaue er in eine ganz neue und seltsame Welt hinein. Und als er sie kennengelernt hatte, empfand er es als demütigende Niederlage, daß sie ihre Schüchternheit und ihr Mißtrauen niemals weit genug überwinden konnte, um ihm, dem feinen Manne, die Hand zu reichen. Rab Chanina war lange vor der Zeit alt geworden. Sein Kampf gegen Not und Tod wäre an und für sich eine vollauf ausreichende Erklärung dafür gewesen, aber die Mikrobe, die seinen Zusammenbruch veranlaßte, bildete sich doch erst, als noch die ewigen Unannehmlichkeiten innerhalb der Gemeinde dazukamen. Wenn er von seiner aufreibenden Tätigkeit bei den Sterbenden und den Notleidenden kam, erwartete ihn bei seiner Heimkehr täglich eine Auslese von Zweifeln und Zwistigkeiten, die er widerlegen und zum Frieden führen sollte, entweder allein oder mit dem Ältestenrat zusammen. Und er fühlte sich so ungeeignet zu der Beschäftigung mit solchen Bagatellen, wie ein Dockarbeiter, der müde von der Arbeit kommt, zum Einfädeln einer Nähnadel. Da erhob sich zum Beispiel die Frage, ob es zulässig sei, daß Gemeindemitglieder ihre Nahrung in Berufen suchten, die mehr oder weniger direkt dem heidnischen Kultus dienten. Für verschiedene Professionen war die Sache bereits durch verjährten Brauch oder durch päpstliche Dekrete entschieden; bei anderen Erwerbsarten half man sich durch einstweilige Abmachungen von Tag zu Tag. Daß die Inhaber von Wirtschaften und Spielhöllen bei der Bekehrung zu den christlichen Mysterien ihren Erwerb aufgeben mußten, war ebenso selbstverständlich, wie daß die feilen Dirnen von ihrem Beruf abstanden. Was die Bildhauer betrifft, so lag die Sache nicht ebenso unbedingt klar, obgleich sie sich, praktisch gesprochen, nur der Herstellung von Götterbildern widmeten, ja, dies so ausschließlich taten, daß man die Bildhauer ganz allgemein nur Hermen-Schnitzer nannte. Aber hier konnte man sich an eine allgemeine Abmachung halten, wonach das einstweilen geduldet wurde. Schlimmer stand es, wenn Rab Chanina heimkam und sich einem Menschen mit einem von Anfechtungen und Grübeln verhärmten Gesicht gegenüber sah, der ihn fragte, ob er als Erlöster seinen Beruf weiter betreiben dürfe: er hatte sein ganzes Leben lang seinen Unterhalt dadurch gefunden, daß er Theaterbillette aus Knochen schnitzte. Er hatte es auf diesem Gebiet bis zur Vollkommenheit gebracht und konnte nichts andres. Oder es handelte sich um einen Bäderkontrolleur. Der Ruf der öffentlichen Bäder war – geradeheraus gesagt – von der Art, daß sich die Christen bekreuzigten, ehe sie hineingingen. Oder es handelte sich um einen Messerschmied, der sein Leben lang Opfermesser verfertigt hatte. Von den Soldaten ganz zu schweigen – Gladiatoren gab es zu der Zeit keine. Jeder neue Fall war ein Problem und führte zu einem langen Meinungsaustausch. Hierbei hatte Rab Chanina lange Zeit zu den Gemäßigten gehört; aber gepeinigt durch die beständigen Anrempelungen vom linken Flügel her, hatte er vollständig kehrtgemacht und war so tief in ein orthodoxes Bestehen auf den strengsten Forderungen hineingeraten, daß auch der linke Flügel ihm nicht mehr zu folgen vermochte. Auf diese Weise stand er nun wieder allein, und doppelt allein, weil ihn die Duldsamen und Milden nun auch mit Mißtrauen ansahen. Und mit der Zeit war es so weit gekommen, daß er es nicht mehr wagte, die einzige Botschaft zu predigen, die für ihn wirklich von Bedeutung war: Lasset uns zwar über Taufe und Liebesmahl wachen; allein das erste und letzte ist: liebe deinen Nächsten, nicht nur deinen Bruder oder deinen Glaubensgenossen, sondern alle Menschen – den Bettler auf der Straße, das Mädchen im Bordell, den Verbrecher, der zur Richtstätte geschleppt wird, den heidnischen Opferpriester, alle! Er wagte es nicht mehr, dies seiner Gemeinde zuzurufen, denn er merkte, wie seine eigene Liebesfähigkeit verdorrte.

Was Rab Chanina und Marcellus zusammenführte, war wohl das zunehmende Interesse, das Marcellus aus besonderem Grund an der wenig angesehenen Gemeinde der Galiläer nahm – vielleicht auch die ihnen gemeinsame sozial-ökonomische Schwarzseherei und die gemeinsamen Bekannten. Aber was sie wirklich miteinander verband, war sicherlich das Gefühl der Absonderung, das sich ungefähr gleichzeitig des einen wie des andern bemächtigte. Es gefiel Marcellus nicht mehr in den »Vier Säften«. Die Wirtshausbesucher schienen ihm allmählich bemitleidenswert, und so kam er nur noch selten hin. Mit dem Friedenstempel ging es ihm nicht viel besser. Er nahm Ärgernis daran, wie man hier tagtäglich in oberflächlicher und selbstgefälliger Weise über alle und alles aburteilte. Er ärgerte sich besonders, wenn er die halsbrecherischen Turnkünste des Xenophon mit ansehen mußte, der, getreu der Gewohnheit langer Jahre, auf der Grenzmauer seines Wissens einherturnte und dabei gewöhnlich auf die äußere Seite hinunterplumpste. Und über alle Beschreibung ärgerte er sich, wenn er gerade diesen selbstgefälligen Mann sagen hörte, daß die Bethäuser der Galiläer nichts anderes seien als »Lehrstühle des Parasitismus«. Denn Xenophon hatte tatsächlich noch niemals auch nur einen Fuß in eines dieser Häuser gesetzt.

Die nähere Bekanntschaft der beiden Männer knüpfte sich eines Tages während eines Spazierganges vom Marsfeld gegen den Tiber hinunter. Der Sommer hatte begonnen, eine wahre Gluthitze auszustrahlen. Ein alter abgelebter Schwan graste auf einer Rasenfläche, zuweilen breitete er seine Schwingen aus, tat einen Schlag damit, der weit im Umkreis widerhallte, faltete die Flügel dann wieder um seinen Körper zusammen, steckte den Kopf unter den einen von ihnen und sank in Schlaf.

Im Park gab es nicht viel Leute; die beiden Spaziergänger kamen an einem athletisch gebauten Mann von hochmütigem Gesichtsausdruck vorbei. Er trug einen gestreiften Sonnenschirm in der Hand; und der grelle Gegensatz zwischen der kräftigen Gestalt und dem weibischen Gebrauchsgegenstand machte Marcellus hell auflachen. Das war Paris – der Abgott der römischen Honoratiorendamen. Marcellus berichtete davon, was diesem Menschen nachgesagt werde: er sollte auf Kissen aus schwarzer Seide schlafen, und die Salben, die er benützte, müßte er mit Gold aufwägen. Man erzähle auch, daß er sich von zwölf syrischen Sklavinnen an- und ausziehen ließe, auch halte er sich allein vier Halsärzte zur Pflege seiner kostbaren Stimme. Und endlich würde in dem grobschlächtigen Argiletum behauptet, daß er ganz einfach ein gewöhnlicher Schürzenjäger sei.

»Aber er hat eine Seele!« sagte Rab Chanina.

Marcellus zuckte die Achseln.

»Und er ist ein guter Sohn!« fuhr der Priester fort. »Das erste, was er tat, als Lucius Verus ihn in die Stadt gezogen hatte, war, daß er seine alte Mutter kommen ließ. Ich habe sie gesehen – eine kleine alte Bauernfrau mit rotgeränderten Augen. Ja, die haben wohl manchmal weinen müssen. Aber es gibt ja auch Zugwind, nasses Brennholz, schlechtes Licht – kurz, was man mit einem Wort Armut nennt. Wenn er Besuch hat, kommt sie herein und begrüßt die Gäste, und er sagt: ›Das ist meine Mutter!‹« Sie schritten den Fluß entlang weiter, den Arsenalen zu, und Rab Chanina schloß mit den Worten:

»Und er hat Sorgen! Er hat einen Sohn, dessen Geist umnachtet ist – Gott lasse ihm sein Licht leuchten! –, und eine Tochter, die auf Abwege geriet. Und es gibt wenige, die ihre Kinder heißer geliebt haben als er!«

Marcellus sollte in kurzem noch des öfteren durch Rab Chaninas Wissen um die verborgenen Seiten der Menschen verblüfft werden. Rab Chanina schien einen sechsten Sinn zu haben, der ihn befähigte, zu sehen, was andere übersahen, und das Ins-Auge-Fallende unbeachtet zu lassen. Und noch eins: er ließ es sich nie anmerken, wenn ihm unrecht getan wurde.

Marcellus hatte den Priester nach Hause begleitet, und sie nahmen nun zusammen eine Mahlzeit ein. Außer Brot, Öl und Salz war nichts da als ein paar kleine pietistisch aussehende Anchovis, wie sie auf den Ladenplakaten als »die vornehmste Delikatesse der kalten Küche« bezeichnet werden. Marcellus wußte, daß Urban den Rab Chanina bei vielen Gelegenheiten verfolgt hatte und ihm überhaupt ein Bein stellte, wo dies nur irgend ging. Als sie eine Weile gegessen hatten, brachte Marcellus das Gespräch auf den päpstlichen Vikar; aber alles, was Rab Chanina sagte, war dieses:

»Ach so, du bist mit ihm zusammengetroffen, das freut mich. Er lechzt nach dem Martyrium. Sein Eifer ist nachahmenswert.«

»Er kann mich nicht leiden!« sagte Marcellus impulsiv.

»Ja, lieber Freund, dann mußt du ihn lieben!« antwortete Rab Chanina. Und zum erstenmal begriff Marcellus, daß es einen Sinn hatte, die Dinge so aufzufassen.

Während Rab Chanina vom Tisch aufstand, fragte er plötzlich: »Warum hast du nicht geheiratet?«

Diese Frage könnte aufdringlich und unüberlegt erscheinen; Marcellus faßte sie nicht so auf. Er antwortete mit der Gegenfrage: »Warum, lieber Rabbi, hast du nicht geheiratet?«

Der Rabbi neigte seinen rothaarigen Kopf, drehte auf dem Tischtuch eine Brotkugel und gab zuerst keine Antwort. Schließlich sagte er mit leiser Stimme:

»Du weißt: ich bin Jude, in Jerusalem geboren und vor nicht allzu langer Zeit in Rom eingewandert.« Und er fuhr fort: »In meiner Heimat gehörte ich einem Priesterstamm an – Kohanim nennen wir ihn –, der keine Ehe mit nicht-israelitischen Frauen eingehen darf.«

»Und warum hast du nicht eine von deinen Landsmänninnen geheiratet?« fragte Marcellus.

Rab Chanina antwortete: »Da ich jetzt Galiläer bin, könnte ich heiraten, wen ich wollte – wenigstens, wenn ich die Priesterschaft aufgäbe.«

»Und doch?« fragte Marcellus.

»Doch!« antwortete Rab Chanina. »Doch, lieber Marcellus! Zuerst nahm meine Stellung als Diener der christlichen Gemeinde meine ganze Zeit in Anspruch, und dann ... Bedenke, lieber Freund, ich bin nur ein Mensch! Vor wenigen Jahren, vor drei oder vier vielleicht, lernte ich ein junges Mädchen kennen ...«

»Und dann?« fragte Marcellus.

»Von da an war ich der Einsamkeit geweiht!« sagte Rab Chanina mit würdigem Ernst.

»Weshalb?« fragte Marcellus.

»Sie ist eine Braut Christi!« antwortete Rab Chanina mit strahlendem Lächeln.

 

Es gibt Daten, die man leicht behält. Es steht fest, daß es der erste Juli war, als Marcellus einmal gegen seine Gewohnheit bei Tagesgrauen aufstand, um zu Caecilia hinauszuwandern; denn Rom oder doch ein Teil der Stadt, wo die Mietkasernen lagen, erzählte mit weitschweifiger Offenherzigkeit von dem großen Wohnungswechsel des Ziehtages. Um die zehnte Stunde, zu der die Straßen für Fahrzeuge geöffnet wurden, versammelten sich vor allen Stadttoren lange Karawanen von Packeseln und Maultieren, dazu schwere Wagen mit Pferden davor und Karren, von Ochsen gezogen, die sinnig bemalte Hörner und Klauen hatten, und deren schilfgeflochtene Stirnkissen mit Blumenkränzen geziert waren. Alle strebten sie den Plätzen im Tiberviertel zu, wo die Mietabschlüsse unter Zanken und Wehklagen und unter Aufgebot aller denkbaren dramatischen Hilfsmittel vor sich gingen. Danach verteilten sich die Beförderungsmittel durch die Stadt, und noch spät in der Nacht waren sie rasselnd im Dienste von Leuten unterwegs, die im Laufe des Jahres für ihre bisherige bescheidene Wohnung zu wohlhabend geworden waren, oder von Leuten, die die Armut zwang, ihre Ansprüche einzuschränken; ganz zu schweigen von dem häßlichen Bilde zahlreicher Familien, die man schon bei Tagesgrauen auf die Straße gesetzt hatte, und die noch bei Sonnenuntergang die zerbrochenen Möbelreste bewachten, die ihnen nichtbefriedigte Hauswirte oder Pächter übriggelassen hatten.

Als Marcellus seine Wanderung antrat, waren erst einzelne zerstreute Vorläufer dieser traurigen Schar wahrzunehmen. Die Stadt war kaum erwacht. Einige Bäckerjungen, die mit ihren Körben auf dem Kopf durch die Straßen eilten, hie und da ein Klient auf dem Wege zu seinem Patron, ein paar Heimatlose mit grauen Gesichtern – das war, außer den Polizeipatrouillen, alles, was die Straßen bevölkerte. Vor den Toren saßen die Droschkenkutscher schlafend auf ihren Wagen. Ein Trunkenbold verhandelte mit dem einzigen von ihnen, der wach war, über den Preis einer Fahrt. Die Bäume dufteten. Es war kühl, aber die Kühle war von der Art, die einen heißen Tag verspricht. Die Hähne krähten noch, als Marcellus das Landgut der Caecilier erreichte.

Gerade in diesem Augenblick öffnete Caecilius beide Flügel seines Gartentors und hängte die Haken fest in die Ringe, ehe er sich aufrichtete und die Rasenplätze und Rabatten vor seinen Augen mit zufriedenem Lächeln begrüßte. Seine Zufriedenheit war etwas, was er sich gleichsam handgreiflich des Morgens zugleich mit seiner Unterwäsche anzog. Bei Caecilius war die Zufriedenheit mehr ein Willensakt als eine Stimmung.

Der breite Purpurstreifen an seiner Toga und die hohen Stiefel, die bis über das halbe Schienbein hinauf mit schwarzen Riemen geschnürt waren, machten es wahrscheinlich, daß Caecilius heute schon früh an einer außerordentlichen Sitzung des Senates teilnehmen wollte, und er bestätigte dies, noch bevor Marcellus gefragt hatte.

»Wir haben eine Sitzung mit dem Kanzler!« sagte er. »Ich kann dir im Vertrauen mitteilen, daß die Lage an der Front sehr kritisch ist. Es laufen jeden Tag Nachrichten ein, wonach wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen müssen. Der Kaiser selbst soll mit acht Legionen auf dem ›Trommelplateau‹ umzingelt sein. Die letzte Nachricht, die wir durch Eilpost bekamen, meldet, der Proviant des Heers sei auf ein Minimum zusammengeschmolzen.«

»Und was dann, wenn er sich nicht mehr halten kann?«

»Ich wüßte nicht, was in diesem Fall die Barbaren hindern sollte, über uns herzufallen«, sagte Caecilius.

»Dann ist Rom verloren!« prophezeite Marcellus.

»Ach, nein! Warten wir doch erst ab! Heute wollen wir über den Plan beraten, eine neue Front bei Aquileja aufzustellen, wenn es dem Hauptheer wirklich schlecht gehen sollte. Aber der Kaiser, Marcellus! Ihn können wir nicht entbehren! – Nein, wir können ihn nicht entbehren!« wiederholte er mit leiserer Stimme. »Wenn Commodus an die Macht kommt, wird Rom ein Sumpf von Liederlichkeit.«

»Aber den Christen geht es dann besser!« warf Marcellus ein.

»Lieber böse Tage unter Marc Aurel, als gute unter Commodus!« sagte Caecilius mit Nachdruck.

 

Und es sah wirklich aus, als könnte man den zugleich verspotteten und geliebten Fürsten nicht entbehren. »Der alte Kopfhänger«, so nannte man den Kaiser. »Frommes altes Weib!« höhnte Avidius Cassius hinter ihm her, und der Kaiser hörte es und vergaß es am gleichen Tage wieder. »Hahnrei!« krähte Marull auf der Bühne, und »Hahnrei!« krähte von der Donau bis zum Tigris das Echo tausendfach. Auch dies hörte der Kaiser, und als Antwort erhob er die Männer, die für Liebhaber seiner Frau galten, zu glänzenden Stellungen. Denn fromm war er ja, und vielleicht war er auch all das andere; aber wenn er den Kopf hängen ließ und kalte Füße hatte und an der Gicht litt und ein wenig unter dem Pantoffel stand, so belästigte er durch diese Abweichungen von der herkömmlichen zornmütigen Männischkeit das Volk von Rom wenigstens nicht in bedeutendem Maße. Während die Spötter behaglich zu Hause saßen, lag er bei seinen Legionen an den Grenzen des Reiches, mit seiner Gicht, seinen kalten Füßen und seiner leichtsinnigen, angebeteten Frau, und schlug auf die Feinde des Reiches los. Auch sie lernten seine ungeheure Selbstbeherrschung kennen. Auch ihnen vergab er nach der Züchtigung. »Wir sind selber Tiere, die töten und fressen!« sagte er mit seiner betrübten Gelassenheit. Aber er mordete nicht unnütz, er fraß nicht aus Lust. »Wir haben nichts, gar nichts, dessen wir uns rühmen könnten!« erkannte er, und er wurde auch nicht nennenswert gerühmt. Man hielt sich ein bißchen über seine Sonderbarkeiten auf, meist so, wie man sich über die Sonderbarkeiten eines Familienhauptes aufhält. »Vater des Vaterlands!« war er siebenmal öffentlich genannt worden, und es lag kaum eine größere Auszeichnung darin, als wenn man einen Mann mit dem Namen begrüßt, auf den er Anspruch hat. Er war der Vater aller, der Verantwortliche; und Spott und Sticheleien galten ihm nur als ein Ausschlag von Kindlichkeit und Unreife.

Aber er verachtete die Christen.

 

»Der alte Fronto hat ihm diesen Haß beigebracht, und Dio Cassius gehört zu denen, die ihn am Leben erhalten!« behauptete Caecilia, als der Senator in die Stadt gefahren war. »Es gibt kaum eine Schandtat, die diese Menschen in ihrem blinden Eifer uns Galiläern nicht nachsagen. Kinderopfer, mitternächtige Messen, Eselanbetung und Verhältnisse, die ich nicht mit Worten nennen kann. Vater Urban hat Fronto vor dessen Tode einmal aufgesucht und ihm die Ungebühr vorgehalten, die darin liegt, Gerüchte ohne Grundlage zu verbreiten. Aber Fronto wünschte sich gar nicht zu vergewissern, ob er uns unrecht tue. Warum hassen sie uns, Marcellus? Es sind doch soviel andere Mysterien aus dem Osten gekommen, die freundliche Aufnahme fanden.«

»Der Unterschied hegt darin, daß es die andern verstanden, sich unserer alten Priesterschaft unterzuordnen oder mit ihr zusammenzuarbeiten«, antwortete Marcellus. »Sie haben – wenn ich so sagen darf – nur um ein Fach in dem Laden gebeten; das Christentum aber verlangt den ganzen Laden für sich. Das muß ja zum Krieg führen!«

Caecilia ging auf diesen Gedankengang ein und sagte: »Nun ja, es stehet geschrieben: ›Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert!‹ Es muß wohl so sein!«

Es stehet geschrieben!

Es war an demselben Tag gegen Abend, und die beiden benützten den größten Teil ihrer Zeit, das Wesentliche aus der Literatur zu betrachten, die Marcellus nach Caecilias Anweisung bereits durchgenommen hatte. Die Bücher, die sie ihm lieh, waren voll von Unterstreichungen, und er verabscheute Unterstreichungen. Aber bei ihr war das eine andere Sache. Man hätte denken können, es sei eine Fliege mit einem Fuß in einen Tintenklecks getreten und habe damit die Linien gezogen – so fein waren sie. Und ein paarmal hatte sie an den Rand geschrieben: »Unsinn!« Wenn er auf solche Stellen traf, erschienen sie ihm in der Regel auch als Unsinn. Überhaupt konnten sie sehr weit nebeneinander gehen; aber im entscheidenden Augenblick bog jedes nach seiner Seite hin aus. Bei Marcellus war es wie mit einer Uhr, die keine Hemmung hat. Er konnte vollkommen zufriedenstellend aufgezogen werden; aber wenn es dann Ernst wurde, lief es mit einem freundlich energischen Surren wieder ab. Er war gleich dem magischen Würfelbecher mit zwei Klappen, wo der Würfel bald in dem einen Fach, bald in dem andern steckt. Und zum Schluß ist gar kein Würfel da. Marcellus war ein Taschenspielergerät. Aber kein Mensch ist nichts als ein Taschenspielergerät; und wenn er ihren ewigen Hinweisen darauf lauschte, was »geschrieben stehet«, wurde er bisweilen von einer Sehnsucht und von Entschlüssen gepackt, die die Kluft zwischen ihnen überaus schmal machten.

Die merkwürdigsten Dinge standen in den Büchern geschrieben, die Caecilia unermüdlich hervorholte. »Es stehet geschrieben« – das wurde in ihrer Hand zu Wurfgeschossen, die den Panzer zerschmettern sollten, in den ihre feurigen Gedanken die Seele des Marcellus gehüllt sahen. Esra, Baruch, Daniel, die Sibyllinischen Bücher und die Offenbarung sind die Namen für eine bescheidene Auswahl aus dem Vorrat an Wurfgeschossen, der ihr zur Verfügung stand. Und nicht zum wenigsten wirkte ihr Bericht von einer Rede, die der hingerichtete Lehrer der Gläubigen auf einem Berghang an einem des näheren bezeichneten Orte eines des näheren bezeichneten Landes gehalten hatte. Marcellus liebte diese Rede, die so kristallklar und in ihrer Verachtung jeder Anpassung an menschliche Begrenzung so unwahrscheinlich war.

»Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.«

»Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.«

»Alles nur, was ihr wollet, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!«

Aber er kannte jeden Titel schon von den Griechen, von Epiktet, von den Hunden, von Orbilius her. Und er sagte geradeheraus:

»Dann könnte ich ebensogut gleich den Mantel der Hunde anziehen.«

Sie antwortete mit einem herzlichen, nachsichtigen Lächeln. »Nein, aber du kannst dich ebensogut jetzt gleich vor dem auf dein Angesicht werfen, der diese Worte gesprochen hat.«

Der Abend nahte, als sie so weit gekommen waren. Er stand auf, sich zu verabschieden, ergriff ihre beiden Hände und dankte ihr für die freundliche Belehrung.

»Und was ist dir nun bei all dieser Belehrung klarer geworden?« fragte sie eifrig.

Er sah sie ernst an und antwortete: »Daß ich dich liebe!«

Sie runzelte die Stirn ein wenig und sagte mit einem tiefen Atemzug: »Dann müssen wir wieder von vorn anfangen.«

 

Es war der erste Juli. Wem es entfallen wäre, den hätten die überlasteten Wagen, begleitet von schwerbeladenen Männern und Frauen, mit einem Kind auf dem Arm und mehreren an den Röcken hängend, schon daran erinnert. Solch ein Tag war es, an dem Marcellus – höchst apropos! – seine Liebe von Elina auf Caecilia übertrug, auf eine Frau, die so ganz anders war als alle anderen weiblichen Wesen, mit denen er bis jetzt zusammengetroffen war. Er ging heim, fest davon überzeugt, daß er nun etwas Großes schreiben werde – nicht ein Gedicht über die Liebe, sondern das Gedicht, das unvergeßliche, göttliche Gedicht über die Liebe. Deshalb schnitt er sich vier ausgezeichnete Gänsefedern, füllte sein Schreibzeug mit schwarzer und roter Tinte (um die großen Buchstaben rot zu schreiben!), dann setzte er sich hin und wartete. Er wartete lange, sehr lange, und schließlich schrieb er in sein Tagebuch: » Jetzt weiß ich, was Liebe ist«, genau so, wie man nach dem Empfang eines elektrischen Schlages schreiben könnte: »Jetzt weiß ich, was Elektrizität ist!« Und nach erneuter längerer Überlegung schrieb er die merkwürdigen Worte nieder: » Später – wenn ich mit Frauen zusammentraf, die mich früher schön gedeucht hatten – war es, als seien sie in der Zwischenzeit verblüht.« Mehr aus Nachlässigkeit als aus Diebesinstinkt vergaß er es, die Quelle anzugeben, und mehr wurde aus dem Gedicht überhaupt nicht. In seinem Innern tauchte in schwachen Umrissen die Erkenntnis auf, daß es nicht immer am leichtesten ist, das in Worte zu kleiden, wovon man am meisten erfüllt ist. Dreiunddreißig Jahr war er alt geworden, bis er das entdeckte.

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