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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 17
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Sechzehntes Kapitel

Den Dichtern folgen die Verwirrten ...

26, 224. Sure

Ohne merklichen Übergang segelte man in den Vorsommer hinein. Es war ein unruhiges Frühjahr gewesen, und die Römer zitterten wieder wie die Küchlein vor einem Hühnerhabicht. Eines Nachts, lange nachdem die Jahreszeit dafür vorbei war, trat der Tiber mit gewaltiger Stärke aus seinem Bette, warf einen im Bau begriffenen Tempel und eine Reihe Miethäuser um, spülte die Bollwerke von Gütern, Buden und Booten rein und verursachte damit einen betrüblich großen Geldverlust; auf dem Lande aber ertrank die Hälfte des Weideviehs, das die Römer den Sommer über hätte ernähren sollen. Alte Leute meinten, ein Gebirgssee müßte ein Loch bekommen haben, und obwohl kein solcher See vermißt wurde, einigte man sich doch auf diese Theorie. Bald danach geschah ein Erdbeben. Eines Tages vernahm man ein dumpfes Donnern im Erdboden, und bald verbreitete sich das Gerücht, die Rückwand der kleinen Isis- und Bubastiskapelle auf dem Kapital sei von oben bis unten geborsten. Zugleich bildete sich in der Gasse, die von alters her Flötenmachergasse genannt wurde, ein Loch, groß genug, daß sich acht Legionäre mit vollem Gepäck darin stehend verbergen konnten. Viele Furchtsame brachten die Nacht am Fluß oder in den Parken zu. Aber wenn man fragte: »Warum geschieht solches?« so lautete die Antwort von Gruppe zu Gruppe: »An all dem Unglück sind die Gottlosen schuld!«

Und im Isistempel der dritten Region wurde dies durch ein Orakel geoffenbart, das sagte, dies sei ein Memento, weil der Mann noch nicht gefunden und bestraft sei, durch dessen Zauberei der »Vogel«, das Pferd des zum Gott erhobenen Kaisers Lucius Veras, sein Leben verloren habe.

Und wieder sagte man: »Wehe den Gottlosen!«

Ohne Aufhören und mit einer beinahe maschinellen Pünktlichkeit zog die Peitsche des Unglücks ihre Striemen über den Rücken der Stadt. Selbst das Spiel der Kinder in den Sandkisten auf den öffentlichen Plätzen und auf den ausgedehnten Sportbahnen des Marsfeldes bekam einen düsteren Anstrich. Sie spielten ein Spiel, das »Tiberüberschwemmung« genannt wurde, und ein anderes, das sie »Erdbeben in Afrika« nannten, ein drittes vom Mißwachs in den Kornländern, ein viertes von den ewigen Kriegen mit den Barbaren, vor allem aber als erstes und letztes das Spiel, bei dem sie Kranke heilten und Pestleichen auf die Begräbnisplätze brachten. In allen diesen Spielen gab es Klagelieder über den Zorn der Götter, der sich über die Welt gelagert hätte, und alle liefen sie in die Frage nach der Ursache dieses Zornes aus. Nicht weil darüber der geringste Zweifel geherrscht hätte, denn die Antwort hatte sich längst niedergeschlagen und gesetzt. Wenn das Klagelied schloß, erhob sich der gesamte Chor von schrillen und zornigen Stimmen und schrie: »Vor die Löwen mit den Christen! Vor die Löwen mit den Gottlosen!« Und es geschah, daß die Kinder aus christlichen Familien zerschlagen und mit heftigem Erbrechen nach Hause kamen. Wenn das kein Pestanfall war, wußten ihre Mütter, daß sie von den Spielplätzen hinweggesteinigt worden waren, und so legte sich auf die Christen, wie auf die Juden und die Epikureer, noch eine besondere Bürde zu den Sorgen, die sie mit der übrigen Bevölkerung teilten.

Der Gedanke, daß Unglück eine Strafe der Götter sei, ist den Menschen eigentümlich und nicht nur die Meinung eines einzelnen Zeitabschnitts. In diesem Fall machten die Christen ihre Sache nicht besser dadurch, daß sie es den Gläubigen mit gleicher Münze und oftmals noch mit einer schlecht verhüllten Zugabe von Schadenfreude heimzahlten. »Das ist die Vergeltung des Herrn!« flüsterten die Furchtsamen. Aber die Mutigen, die eine unbändige Sehnsucht hegten, an dem Lobgesang vor dem Thron des Lammes teilzunehmen, die rot sahen und nicht mehr überlegten, schrien so laut, daß es jedermann hören konnte: »Hier habt ihr die Strafe für eure Herzenshärtigkeit, für eure Liederlichkeit, eure Ausschweifungen, eure Götzenanbetung. Und wenn das schon die eigentliche Strafe wäre! Aber es ist erst der Anfang.«

»Einst wird kommen die Zeit,
wo ihr zum Himmel um Gnade schreit
und kein Engel des Himmels sich neigt,
der euch Erbarmen zeigt.«

Dies war ein Vers eines Liedes, das unverhüllt schilderte, welche Pein die Ungetauften erwartete, und welche Seligkeit die Schar der Auserwählten. Es war kein Raum darin für Trauer über diesen entsetzlichen Zustand der Dinge und auch nicht für Mitleid mit denen, die zur Pein ausersehen waren. Denn hatten sie sich das nicht selbst erwählt dadurch, daß sie nicht wählten? Auf diese Weise geschah es, daß die Menschen ihre Herzen verhärteten, statt sie unter das Unheil zu beugen.

 

Aber auch gegenüber der Öffentlichkeit neigten die Christen dazu, stärker hervorzutreten. Auf einer Art Generalsynode war die Frage behandelt worden: »Wie erziehen wir unsere Kinder, damit sie gute Christen werden?« Die Antwort, die der päpstliche Vikar, Vater Urban, gab, war vernünftig, aber unpraktisch. »Umgebt sie soviel wie möglich nur mit Christen, schließt jede weltliche Atmosphäre aus und errichtet christliche Schulen!« Mit andern Worten: »Isoliert sie!« Aber christliche Schulen waren doch auch darauf angewiesen, sich der üblichen Bildungsmittel zu bedienen. Kenntnisse – in Latein und Griechisch – und Redegewandtheit waren nur durch die bekannten und bewunderten Erzählungen von den Seitensprüngen der Götter zu erwerben. Unpraktisch! Und nicht nur unpraktisch – auch gefährlich, äußerst gefährlich! Rab Chanina, der an der Versammlung teilnahm, hob gerade diesen Standpunkt hervor. Er, der Draufgänger und der Mann des rücksichtslosen Bekenntnisses, mußte auf den Kothurn der Überlegung treten und sagen: »Eile mit Weile!« – ganz so, als ob er der Hund Orbilius wäre. »Wir wollen jedenfalls heute noch nichts fest beschließen!« schlug er vor – worauf man umgehend beschloß, alle Kraft für die Durchführung von Urbans Verzweiflungsvorschlägen einzusetzen.

Durch Zufall erfuhr Marcellus von dieser Episode und hörte diese Nachricht mit Interesse, wie alles, was die Galiläer betraf, seit er Caecilia kennengelernt hatte. Papirius erzählte ihm davon. Sie waren eines Morgens bei einem gemeinsamen Ausgang in der inneren Stadt von einem Leichenzug aufgehalten worden. Das Leichengefolge machte halt, und die Tubabläser bliesen einen düsteren Choral. Das Schicksal wollte es, daß die beiden Männer zu einer Anschlagtafel für Staatsnachrichten hingedrängt wurden – der einzigen sichtbaren und offiziellen Zeitung des Reiches. Unter dem Neuesten des Neuen stand da auch die Nachricht, der Kaiser hätte eine Belohnung von fünftausend Denaren für den ausgesetzt, der Mitteilungen beibrächte, auf Grund deren man die Person dingfest machen könnte, die den »Vogel« umgebracht hätte.

»Was denkst du davon?« fragte Marcellus.

Papirius sagte ohne Zögern: »Man wird den Betreffenden in Bälde dingfest machen, selbst wenn man sich die Belohnung spart! Man muß jetzt unbedingt einen fassen – schuldig oder unschuldig. Es ist zur fixen Idee bei der Hälfte der Bevölkerung geworden, daß das Wohl des Reiches mit der Bestrafung dieser Tat stehe oder falle. Aber merk dir, was ich sage: sollte es sich herausstellen, daß es einer der Galiläer ist, dann kann nichts mehr sie retten. Wahrscheinlich auch ohne das nichts mehr. Sie strecken den Kopf mehr vor, als zur Zeit gut ist. Auf einer Art von Generalsynode haben sie kürzlich ...« Und er erzählte von den Verhandlungen über die Erziehung christlicher Kinder.

»Aber wenn man die Querköpfe kennt, warum sucht man sie nicht heraus und exportiert sie?« fragte Marcellus.

»Weil sie zusammenhängen wie Erbsenstroh!« antwortete Papirius. »Urban – um nur ein Beispiel zu nennen – hält sich auf dem Gute von Max Caecilius an der Appischen Straße auf. So einen Mann kann man nicht einfach ›herausklauben‹. Max ist im Senat beliebt – na ja, du kennst die Leute ja! –, und das Mädchen ist schlimmer als ein Wildkätzchen. So steht es noch mit vielen von ihnen. Des Rab Chanina könnte man sich ja leicht versichern; aber er ist einer von den wenigen, die zu gut dazu sind, in die Bleigruben zu kommen.«

Damit trennten sie sich. Aber Marcellus war daran erinnert worden, daß er Caecilia einen Besuch schuldete, und außerdem hatte er die ihm von ihr geliehenen Bücher längst gelesen.

 

Obgleich Marcellus gegenüber Frauen nicht der angreifende Teil zu sein pflegte, hatte doch eine nachlässige und leichtaufreizende Blasiertheit das Rückgrat seiner Form gebildet, seit er eine eigene besaß. Aber Caecilia näherte er sich stets mit etwas, was dem Examensfieber glich.

Bereits am nächsten Tage ging er zu ihr hinaus. Es war einer der launenhaft wolkigen Tage der Jahreszeit, bevor der Sommerhimmel seine ewigblaue Farbe annimmt. Sie empfing ihn mit ebenso großer Wärme wie bei seinem ersten Besuch und führte ihn sofort nach seiner Ankunft, wie sie versprochen hatte, in das Kinderheim hinüber, das sie sich in einem Nebengebäude eingerichtet hatte.

Sichtlich war es ihr eine Freude, ihm ihre kleinen Kinder zu zeigen. Als sie über die Schwelle traten, wendete sie sich ihm zu (wie eine Heliotropblüte der Sonne! dachte er) und lächelte strahlend, er aber begriff ihre Freude sofort. Da saßen achtundzwanzig kleine Kinder paarweise – Rücken an Rücken – auf vierzehn kleinen Doppelstühlchen. Jedes trug ein Röckchen, eine Bulla und ein ledernes Namenschild, und alle hatten irgend etwas in den Händen – irgendeinen kleinen Gegenstand, der sie gelegentlich veranlaßte, es zu vergessen, daß ihnen zwanzig Minuten Ruhe vorgeschrieben waren, so daß man sie von ihren Besuchen bei den Kameraden auf ihren Platz zurückbringen mußte. Es waren ausschließlich getaufte Kinder von christlichen Eltern, aber sie benahmen sich genau so selbstisch munter und graziös, als wären sie allesamt ausgesucht anziehende Heidensprößlinge.

Eins zeigte sich bald: die Schar war in zwei feindliche kriegführende Vereinigungen geteilt, unbehindert durch den Plan Caecilias, sie, wie sie es nannte, zu einem unüberwindlichen Block von Streitern Christi aufzuziehen.

»Ich will sie zu Kriegern ausbilden, zu Eroberern, die sich die Welt in seinem Namen unterwerfen sollen!« sagte sie.

»Oder vielleicht eher ihr Leben an achtundzwanzig Kreuzen enden werden!« meinte Marcellus gutmütig spottend.

Sie bedachte sich einen Augenblick, ehe sie antwortete. Vermutlich erhoben sich vor ihrer lebhaften Phantasie achtundzwanzig kleine Kreuze in zwei Reihen an der Landstraße.

»Ja, das wäre das Allerschönste!« sagte sie nachdenklich. »Einige von ihnen, hoffe ich; du verstehst: wenigstens zwei oder drei von ihnen!« Mit der einen Hand zog sie einen winzig kleinen buckligen Jungen zu sich heran und küßte ihn, mit der andern Hand fing sie sich ein lebendiges Püppchen von unbestimmtem Geschlecht ein. Für Marcellus sah das aus, wie wenn einer im Hühnerhof die Vögel fängt, die für den Suppentopf bestimmt sind.

Es war gerade die Fütterungsstunde für die Kleinsten – die Breikinder. Fast ein Dutzend von diesen gab es da, und auch sie waren in zwei Gruppen geteilt, eine, die Milch mit Gersten- und Haferschleim darin bekam, und eine, die nach der Art ihrer Nahrung zu den Spinat- und Hafersuppenkindern gerechnet wurde. Caecilia holte sich zwei aus dieser letzten Gruppe heraus, trug sie in eine Fensternische und bedeutete Marcellus, er dürfte gern eines der Kleinen füttern. Doch das verlangte, wie sich herausstellte, größere Kenntnisse und mehr technische Feinheiten, als man im voraus vermutet hätte. Das Fenster, unter dem sie saßen, war an sich klein, und es war teilweise mit Weißdornzweigen verdeckt, um die Ungeheuer der Nacht fernzuhalten, die sonst den Kindern das Blut ausgesaugt hätten. Immerhin kam reichlich genug Licht herein, sowohl das Spinatkind als auch die Schüssel mit Spinatbrei zu beleuchten; aber nichtsdestoweniger glückte es Marcellus nur ausnahmsweise, dem Kind einen Löffel voll in den Mund zu stecken. Gewöhnlich traf er die Nase oder ein Auge, und wenn im letzteren Fall das Kind den Kopf wegdrehte und sich mit der kleinen schmutzigen Faust das Auge rieb, ging der Rest des Essens in die Haare. Die Folge davon war alsbald, daß Caecilia ihr Kind vor Lachen auf dieselbe Weise mißhandelte, was die anderen Kinder zu wildem Jubel begeisterte.

Das war ein Spiel, über dem Marcellus sowohl sein Examensfieber als auch Justin und das übrige neuerworbene Wissen vollständig vergaß. Caecilia aber wartete nur, bis sie wieder im Garten vor dem Tor des Kinderheims standen; dann atmete sie nach den letzten Lachtönen tief auf, strich sich die Haare zurück und fragte ohne Umschweif: »Berichte mir nun, was Justin dich gelehrt hat, Marcellus!«

Marcellus überlegte. Obgleich er gewissenhaft versucht hatte, sich in die Gedanken des römischen Märtyrers hineinzuleben, fühlte er sich doch nicht ganz sicher. Hätte es sich darum gehandelt, dem Oberbibliothekar im Friedenstempel oder dem Xenophon einen Auszug vorzusetzen, so wäre es im Handumdrehen geschehen gewesen. Aber diesem jungen Mädchen gegenüber, das kaum zur Welt gekommen war, als er selbst seine Bulla an der Wand neben den Masken seiner Vorfahren aufgehängt hatte – ihr gegenüber packte ihn wieder das Fieber.

»Ich will es versuchen!« antwortete er. »Aber du mußt verzeihen, wenn dich meine Darstellung in dem einen oder andern Punkt verletzen sollte.«

»Ach du, darum handelt es sich doch nicht!« rief sie und schüttelte zurechtweisend seinen Arm.

»Und auch, wenn ich einen Ausdruck gebrauchen sollte, der ...«

»Ach, was für einen langweiligen Begriff mußt du doch von mir bekommen haben!« sagte sie kopfschüttelnd.

Nun sprach Marcellus eine halbe Stunde lang über den Mann, der vor wenigen Jahren im Zentralgefängnis von Rom mit dem Schwerte hingerichtet worden war – einen edeln und milden Mann, der überall versucht hatte, zur Sammlung zu mahnen. Aber in diesem Falle war es geschehen, daß sich auf jede Seite von ihm ein Mann stellte. Beide betrachteten ihn mit Bewunderung und Ehrerbietung; aber jeder der beiden nahm nur das eine von ihm an, was zu seiner eigenen Einstellung paßte. Doch eins kann sofort festgestellt werden: die Grenzscheide, die Justin gleich von Anfang ihrer Bekanntschaft errichtete, sollte niemals überschritten werden; zugleich jedoch darf auch nicht vergessen werden, daß Justin es war, der es mehr als irgend etwas anderes vermochte, zwei Menschen, deren Liebe von sehr weit verschiedener Art war, dazu zu bringen, sich in dem Augenblick die Hand zu reichen, wo der eine von ihnen nicht mehr am Leben war.

Wir kennen alle den lieben alten Herrn, der das Schicksal hatte, daß in allem, was er schrieb, immer wieder irgendwo das Haupt Karls des Ersten auftauchte. Justin hatte nie etwas von ihm gehört, aber er war ein derber Mann, der sich anschaulich ausdrückte. Wäre ihm der eben berührte Fall bekannt gewesen, so hätte er zweifellos gesagt, daß bei den Handlungen eines Christen Gott dieselbe Rolle spiele wie bei Dick das arme königliche Haupt. Ein wahrer Christ könne die ernstlichsten Anstrengungen machen, dieses Gesetz zu umgehen, aber es nütze ihm nichts. Irgendwo in seinen Handlungen tauche unweigerlich Gott auf.

Es war der Lieblingsgedanke Justins, daß die Reihe der Welterlöser sich ständig vermehre. Sokrates wurde als Staatsverräter umgebracht; aber Sokrates ist darum noch ebenso lebendig wie zuvor. Christus wurde wegen Konspiration gegen das römische Weltreich hingerichtet und lebt weiter. Demonax hörte auf, Nahrung zu sich zu nehmen, als er in seinem hohen Alter keine Kraft mehr in sich fühlte, länger zu leben; aber der Tod machte Demonax nicht weniger lebendig. Und Justin – Justin hätte sich vielleicht große weltliche und geistliche Macht verschaffen können und wäre mit dieser Macht untergegangen; aber damit, daß er in allem das sah, was er Christus nannte – in Sokrates, in Plato, in Demonax –, schloß er sich selbst der Reihe der gotterwählten Weltehrenbürger an.

Auf solche Art zog Marcellus das Resultat zusammen, zu dem er inzwischen gelangt war, und Caecilia hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Etwas grob wiedergegeben vielleicht und derb ausgedrückt war es wohl. Aber wie sie bei den Menschen nichts von dem sah, was handgreiflich ist – Kleider, Gesicht, Bewegungen –, so hörte sie auch nicht die Worte, sondern die Gedanken, die in ihnen ausgesprochen wurden, diese oft so schmächtigen und schwächlichen Gedanken, die sich in den Worten breitmachten, wie ernsthafte kleine Kinder sich breitzumachen suchen, um soviel Raum wie möglich in einem mächtig großen Wagen einzunehmen. Bei dem Gedanken an alle diese selbstbewußten kleinen Kinder in dem langen respekteinflößenden Wagenzug lächelte sie ein klein wenig.

»Du lachst!« sagte Marcellus ein bißchen verdrießlich, aber doch auch ein bißchen erfreut; denn niemand konnte der Wirkung ihrer Freude widerstehen, selbst wenn er nicht wußte, woher sie kam.

»Hab' ich gelacht?« fragte sie. »Ach ja, ich freue mich, daß du so fleißig gewesen bist. Aber du hast eines vergessen: das Kreuz! Du weißt, ich habe gesagt: die Christen können auf vielen Wegen zu Gott gelangen, aber beim Kreuz müssen sie alle zusammentreffen. Und alle Christen müssen vor dem freiwillig Blutenden auf ihr Angesicht fallen. Warum umgehst du das Kreuz? Findest du dafür keinen Platz?«

Aufs neue fühlte sich Marcellus bei diesem jungen Geschöpf wie in der Schmiedeesse. Wie die kräftigen Kiefer einer Zange faßten ihn ihre beständig wiederholten und, ach, so freundlich betonten Worte und hielten ihn fest. Die Richtstätte, der Galgenhügel, das Kreuz! Ja gewiß hatte er Platz dafür. Für die große Schreckenskammer, ja für mehr noch, wenn es sein mußte. Er erklärte sich so:

»Selbstverständlich hat jedes dieser Dinge seine Bedeutung: der Becher des Sokrates mit dem Schierlingssaft, das Kreuz Christi und das Schwert, mit dem das Urteil an Justin vollzogen wurde. Sie alle zusammen ragen gen Himmel wie Warten, wie Rufzeichen. Und wir haben ja die Warten so nötig, die uns viel zeigen, woran wir sonst vorbeigehen würden.«

»Auch du könntest solch eine Warte werden«, versetzte Caecilia weich.

»Aber sie sind ja schon da, die Warten!« sagte er und versuchte so, sich aus dem Griff ihrer Zange frei zu machen. »Sie stehen durch alle Zeiten hindurch da. Die Menschen können ja jetzt ihrem Rufe folgen und, wie du sagst, auf den vielen Wegen zu Gott kommen.«

Und dann, zu allerletzt, packte sie ihn noch einmal mit ihrer Zange und legte ihn in ihre Esse. »Willst du ihrem Rufe folgen?« bat sie.

Er wußte nicht gleich, was er antworten sollte. Allzu lange war er wie ein Haus ohne Türhüter gewesen, in dem die Gedanken und Gefühle nach Lust und Laune aus- und einliefen – gleich willkommen, wenn sie über die Schwelle traten, und gleich wenig vermißt, wenn sie wieder verschwanden. Später sollte eine Zeit kommen, wo sich ihre Worte in ihn hineinfressen würden wie brennender Phosphor; jetzt aber saugte er nur die Süße und den Wohlklang in sich, womit sie sich unbewußt umgab.

»Eine Warte sollst du werden!« sagte sie, und ihre Stimme rieselte wie ein Bächlein zwischen den Steinen seines Bettes dahin. »Eine Warte und ein großer Hund des Herrn. Darum bete ich jeden Tag, und deshalb wirst du es auch.«

»Und warum soll gerade ich ein großer Hund des Herrn werden?« fragte er.

Sie schaute ernsthaft zu ihm auf. Es war ein prüfender, ungläubiger Blick. Endlich sagte sie: »Du hast vorhin von Epiktet gesprochen, den du hochachtest. Er fragt irgendwo: ›Woher kannst du wissen, daß gerade du von Gott erwählt bist?‹ Und er antwortet sich selbst mit einer neuen Frage: ›Woher weiß der Stier, daß sein Platz, wenn Gefahr naht, an der Spitze der Herde ist?‹«

Marcellus schüttelte verständnislos den Kopf, und sie gingen dem Hause zu, einem aufsteigenden Gewitter zu entgehen. Und als er an jenem Tage heimging, nahm er mehrere Bücher mit nebst der Mahnung, sehr bald wiederzukommen.

 

Marcellus ärgerte sich darüber, daß er sich von diesem Kind am Zügel halten ließ, und er beschloß, wenn sie beim nächsten Zusammenkommen die Führerschaft übernehmen wolle, ihr gründlich die unerreichbare Hoheit des Demonax und des Epiktet nachzuweisen. Übrigens war sie vorsichtig genug gewesen, gelegentlich selbst den Epiktet zu zitieren. Aber sie hatte eine Taktik, wie er es nannte, die ihn entwaffnete: sie hörte zu! Sie hörte ganz still und aufmerksam zu, und wenn er fertig war, sagte sie nach einer Pause: »Wie schön ist das! Man muß Epiktet wirklich sehr liebhaben!« Dann aber glitt sie behende in ihr eigenes Thema hinein. Wie großartig doch Epiktet sei! Welcher Gedankenreichtum! Und welcher Seelenadel! Aber es gebe ja auch einen Mann, der Paulus heiße ... Es gebe Tausende, die so hießen ... Aber dieser eine, Paulus von Tarsus, der Zeitgenosse des Epiktet – na ja, es endete damit, daß Marcellus eine Abschrift des Briefes mitnahm, den dieser Mann an die Galiläer in Rom geschrieben hatte.

Am nächsten Tag gab er ihn ihr wieder zurück – mit einem höflichen und gleichgültigen Dank. Er lese immer noch lieber die Griechen selbst und ihre römischen Schüler, statt sich die griechische Moralphilosophie in jüdischem Gewand anzueignen. Wider Erwarten machte das keinen Eindruck auf sie. Er hatte erwartet, sie betrübt oder zornig zu sehen; aber sie verfiel nur in Gedanken über neue Dinge, die da geschrieben stünden.

Obgleich er sich Zurückhaltung vorgenommen hatte, erfolgten seine Besuche immer häufiger und schließlich täglich. Oft war sie von ihren vielen Pflichten in Anspruch genommen, aber nicht allzu selten hatten sie doch eine Stunde oder zwei ungestört für sich allein. Da bemühte er sich, praktische und äußerlich persönliche Dinge in das Gespräch einzuführen; aber diese Versuche beantwortete sie geistesabwesend und uninteressiert, und immer kehrte sie wieder zu ihrem ewigen Thema zurück. Es belustigte ihn gelegentlich, sich dem allem gegenüber gleichsam außerhalb zu stellen und die deutlich hervortretende Doppelnatur ihres Wesens zu betrachten. Sie war zartfühlend und sagte oft Dinge, die dem vorgriffen, was er zu sagen im Begriff stand, und sie war taktvoll in einem Grade, wie nur auserwählte Menschen es sind. Trotz alledem konnte sie auf eine unüberlegte Bemerkung wie ein Falke niederstoßen und ihre Beute mit unermüdlicher Kraft festhalten. Sie hatte die Gewohnheit, gerade in dem Augenblick zu entschlüpfen, wo Marcellus nahe daran war, sie sozusagen zu verhören, wie man einen Mann mit einem moralischen Kassendefekt vor eine unerwartete Revision stellt. Dann bog sie geschmeidig aus. Dies geschah hauptsächlich, wenn Marcellus, als der sich selbst bespiegelnde Mensch, der er zweifellos war, Bundesgenossen hatte, die, absichtlich oder unabsichtlich, das negative Element in ihm wachriefen – das, was man einigermaßen erschöpfend den Geist aus dem Friedenstempel nennen mag: die prahlerische, altkluge und verwitternde Unfruchtbarkeit. In erster Linie wurde dieser Geist von zwei recht wohlbegabten jungen Adligen repräsentiert, die einander darin glichen, daß sie ihre heftige Verliebtheit in Caecilia keineswegs zu verbergen suchten. Es waren die Brüder Valerianus und Tiburtius aus dem berühmten Geschlechte der Valerianer. Zum erstenmal traf Marcellus mit ihnen zusammen, als er eines Tages gegen Abend in den Garten hinunterging, Caecilia aufzusuchen. Sie saß auf einem Faltstuhl hinter einer Staffelei, im Begriff, ein Wachsgemälde der Landschaft, die vor ihr lag, fertig zu machen. Die beiden Brüder suchten einander an spitzfindigen flotten Reden zu übertreffen, sie bemühten sich dann lachend, den Beifall des Marcellus zu erlangen, und er belohnte sie verschwenderisch für die Mühe, die sie sich gaben. Er stimmte mit einem Lächeln dem Tiburtius bei, als der die Behauptung auffrischte, daß die Tugend, wie der Rabe, in Ruinen hause. Ja, das arme erniedrigte Königskind, das man ganz allein in einer Klasse für sich sitzen lasse, dazu noch in einer unter denen der andern armen ehrbaren Menschen, weil es ihm so fürchterlich an Takt gebreche, und weil es überdies sehr eckig sei und sehr merkwürdige Augen habe, die niemals den Ausdruck des Vorwurfs zeigten, sondern immer nur verwundert in die Welt hineinstarrten. Marcellus ließ es sich nicht an dem Beifallslächeln genügen, das ihm dafür wurde. Mit großer Gewandtheit fischte er sich bei einem Engländer, der aber erst viele hundert Jahre später leben sollte, einen Gemeinplatz heraus, der beinah noch flotter klang. Marcellus und der Engländer erklärten: »Tugend ist die Kunst, so zu handeln, daß man dafür gelobt wird.«

Caecilia hörte dem munteren Geplauder anscheinend ohne Interesse zu und gab auf ihre Malerei acht. Sie schaute abwechselnd die Landschaft und ihr Bild an; man sah die Wälder in der Ferne, sie nahmen sich von hier gut aus, Berge und Wälder, wie moosbekleidete Steine. Nur eine Ecke des Bildes war noch unfertig. Hier ritzte sie die Zeichnung in den Überzug mit dem spitzen Ende ihres Spachtels ein; mit dem andern Ende trug sie die aus der Farbenschachtel geholten verschiedenen punischen Wachsfarben auf, die sie unmittelbar vorher durch eine Mischung mit Olivenöl weich gemacht hatte. Als dies geschehen war, bat sie Valerianus, ihr die eiserne Stange zu reichen, die auf einem Kohlenbecken nebenan in Glut erhalten wurde. Mit geübter Hand hielt sie sie, bald näher, bald ferner, an die Malerei, bis die Farben gleichmäßig miteinander verschmolzen waren. Dann stand sie auf, reichte den Stuhl Tiburtius, die Staffelei Valerianus und das Gemälde Marcellus.

Plötzlich, während sie auf das Haus zuging, sagte sie dann: »Ihr ehrt den Sokrates und verachtet die Tugend – wie sinnlos!«

Sie hatten diesen Gesprächsstoff in glücklicher Einigkeit bereits aufgegeben und wurden verwirrt, als er wieder auftauchte.

»Tugend ist treue Hingabe an das, was man ernstlich erkannt hat!« sagte sie nachdrücklich; und als die andern weiter schwiegen, fuhr sie fort: »Die wahre Tugend ist mit ihrem Dasein als Tugend ganz zufrieden; sie ist nicht prüde und beneidet das Laster um seine ›guten Tage‹ nicht.« Und sie schloß: »Tugend heißt: an dem festhalten, was man für richtig erkannt hat, und von dem abweichen, was man in seinem Herzen verwirft. Tugend ist der einzige wahre Mut!«

Sie schaute träumerisch zu den Bergen hinüber, als läse sie zwischen den ersten Sternen eine Formel, und ihre Augen waren glänzend wie Sterne und strahlten hell.

Aber der Tag war noch nicht zu Ende. Die beiden Brüder gingen zeitig weg, um nicht ein Fest in ihrem Familienpalast jenseits des Flusses zu versäumen. Einige Stunden später ging auch Marcellus heim; und wie es Brauch geworden war, begleitete ihn Caecilia bis an die Landstraße. Beim Abschied fingerte sie nervös an dem Herkulesknoten herum, von dem, als Amulett gegen Verzauberung, ihr wollener Gürtel zusammengehalten wurde. Als sie seine Hand mit ihren beiden Händen ergriff, hatte sie Tränen in den Augen.

»Marcellus!« sagte sie. »Versprich mir, daß dein Mund niemals verhöhnen wird, was dein Herz verehrt!«

»Aber Teuerste!« rief Marcellus bestürzt.

»Danke!« sagte sie mit einem Lächeln und einem Händedruck, und mit stürzenden Tränen wendete sie sich von ihm ab und eilte durch die Allee auf das Haus zu.

An diesem Abend kam Marcellus froh nach Hause. Ach, dieses süße Gefühl, daß eine Frau um einen weint, diese salzige Lust, dieser unbestimmte Entwurf zu jubelnder Marter! Welch bezauberndes Gefühl von reuigem Stolz und zärtlichem Machtbewußtsein. Und welche Hingabe in eine Schuld, die man froh erkennt, ohne sie zu begreifen – froh, weil die Zauberkraft der Tränen lauter spricht als ihre Anklage.

 

Marcellus hatte Nig gegenüber allmählich das Gefühl, ein Schurke zu sein. Nachdem er darauf aufmerksam geworden war, wie häßlich es ist, beständig die Gastfreundschaft eines Mannes zu genießen und ihn gleichzeitig mit seiner Frau zu betrügen, wuchs dieses Gefühl fortgesetzt, und er stellte mit Unbehagen fest, daß dieser bedauerliche Zustand schon soundso viele Jahre und Monate gedauert hatte. Er war nahe daran, seine eigene Reue zu bewundern, als ihm ein Teufel ins Ohr flüsterte, daß es doch eigentlich schöner gewesen wäre, wenn sich diese an und für sich anerkennenswerte Stimmung bei ihm eingestellt hätte, als sie noch nicht in so hohem Grad von dem zunehmenden Zauber unterstützt wurde, den Caecilia auf ihn ausübte. Unmittelbar darauf krabbelte der Teufel Nummer zwei herauf und übte seine advokatorische Begabung. »Die Sache liegt nun also so, daß du keinen andern Ausweg mehr hast, als, sagen wir, mindestens eine von den beiden zu verletzen. Nimmst du Elina, so müssen es Nig, die Kinder und Caecilia entgelten. Nimmst du Caecilia, so wird Elina wahrscheinlich wahnsinnig, was ebenfalls Nig und die Kinder trifft. Gehorchst du dem Orakel ...«

Er zog das Orakel hervor – gänzlich überflüssigerweise, denn er kannte es auswendig: »Klügstens nimm keine von beiden!« Und dann die Sache mit der Perspektive. Elina sollte dieses Orakel kennen; das würde sie vorsichtiger machen als das, was Xenophons Frau sagen könnte.

Hier zeigte sich der letzte Teufel und sagte: »Such doch etwas über die Perspektiven zu erfahren. Frag zum Beispiel Eros. Er kennt sie ja beide!«

Und er ging wirklich zu seinem Verleger und trug ihm die Frage auf äußerst delikate Weise vor. Der Kopf des Eros glich wie immer einem reichgespickten Nadelkissen, von dem Nadeln in allen Richtungen herausragten, und es hatte nicht die geringste Wirkung, daß er bei Aufwerfung dieser Frage die Nadeln mit beiden Händen wühlend noch mehr in Unordnung zu bringen suchte.

»Ach ja, die Perspektiven, Marcellus!« sagte er. »Die Welt macht immer Fortschritte. Wenn wir andern nur auch so vorsichtig gewesen wären!«

»Nehmen wir einen Fall, den wir beide kennen«, schlug Marcellus vor. »Zum Beispiel Elina, Vacculas Frau? Welche Perspektive bietet sie?«

Eros überlegte und sagte dann: »Ich hab' ihre Mutter gekannt; aber ich gebe nichts auf das Geschwätz, daß man erst die Mutter ansehen müsse. Der Vater kann doch auch ziemlich wichtig sein, und von ihm weiß man bekanntlich niemals so recht etwas. Aber jedenfalls wird Elina in zehn Jahren eine dicke ältliche Frau sein, und ich zweifle daran, ob sie zu den Weinen gehört, die durch Lagern besser werden.«

»Dann nehmen wir einmal einen andern Fall!« sagte Marcellus. »Was meinst du von der Tochter des Max Caecilius an der Appischen Straße – du weißt, die ...«

»Ja, ich kenne sie ausgezeichnet. Ein kalter Schauer überläuft mich, sooft sie zu mir ins Geschäft kommt – sie wird immer galiläischer. Von ihrer Perspektive reden wir lieber nicht! Aber denk dir die Perspektive für den Mann – wenn sich wirklich einer finden sollte –, der den Mut hätte, sie zu heiraten.«

»Wie denkst du dir die Perspektive für ihn?«

»Das will ich dir sagen, Brüderlein: sie ruht nicht, bis er an ein Kreuz genagelt ist!« Und mit lautem Lachen fügte er hinzu, während er Marcellus hinausbegleitete: »Du kannst es ja einmal versuchen!«

 

In der Zeit zwischen dem Jahrestage der Stadt und dem Tage des Umzugtermins – dem ersten Juli – besuchte Marcellus Nig und Elina mindestens zweimal in der Woche. Ein einziges Mal gingen die beiden Herren zu einer Kegelpartie im Hofe des Puffbohnenhändlers; aber das Gewöhnliche war, daß sie daheim einige Partien Domino spielten, mit einem Becher Wein und einem Mundvoll Essen den Beschluß machten und dann auseinandergingen. Es war kein großer Schwung dabei; keine hohen Probleme und keine spekulativen Unergründlichkeiten wurden erörtert. Aber die beiden Männer fühlten sich während dieser Zeit stärker aneinander gefesselt als je vorher, und trotz allem vermißte Nig den Freund, als alles zerbarst.

Nigidius Vaccula war trotz seines Krämerwesens ein Mann mit schnurrigen und selbsterworbenen Ansichten von den Dingen. Es war seine Überzeugung, daß jeder Mensch mit einem Eigengewicht geboren werde, und damit sei zum voraus abgemacht, ob er steige oder falle. Bleimenschen und Korkmenschen nannte er sie, und er war sich völlig im reinen darüber, daß ein Kaiser gut aus Blei und ein Sklave gut aus Kork sein könnte. Daß Marcellus eine Korknatur habe, stand für ihn unanfechtbar fest. Er war ein fanatischer Bewunderer des Dichters Marcellus.

Außerdem hatte Nigidius ununterbrochen Glück in Geschäften. Außer der Kleiderhandlung besaß er ein Landgut mit einer Villa bei Neapel, und es war sein Lieblingsgedanke, den er aber nur in engerem Kreise verlauten ließ, seine Laufbahn als Geschäftsmann mit einem soliden Bankerott abzuschließen, sich dann auf das Landgut zurückzuziehen und dort seinen Kohl zu bauen.

Die äußerlichen Gründe für dieses geschäftliche Glück waren seine Verträglichkeit in religiöser Beziehung und sein Sinn für Reklame – zwei Eigenschaften, die sich bei ihm unabhängig voneinander entwickelt hatten. Er persönlich hielt sich an erprobte universelle und lokale Gottheiten; daneben aber war er als guter Römer bereit, die Vortrefflichkeit von allen möglichen anderen Systemen zuzugeben. Er war viel zu nüchtern, sich in Diskussionen darüber einzulassen, ob es dreißigtausend Götter gebe oder mehr oder weniger. Das überließ er den Priestern und Philosophen, die nichts anderes zu tun hatten.

Nig behauptete nicht, daß die Reklame eine Erfindung von ihm sei; aber er wünschte es anerkannt zu sehen, daß er einige Verbesserungen des Apparates eingeführt hätte, den der Handelsstand von den Persern und den Ägyptern übernommen hatte. Wenn die Gebäude des ganzen Geschäftsviertels bis zum zweiten Stock von leinenen Tüchern bedeckt waren, die unkontrollierbare Behauptungen auf die Köpfe der Vorübergehenden hinunterschrien, ging Nigidius ins andere Extrem und begnügte sich mit einem Schild, auf dem sein Name deutlich in einsamer Größe mit weißen Buchstaben auf blauem Grunde stand. Desto extravaganter betätigte er sich fern von seinem Hause. Den ganzen Tag, von der sechsten Stunde an, wanderten Sklaven selbzweit mit hoch an Stangen in die Luft ragenden Schildern durch die Stadt. Darauf stand ganz einfach: » Togen – Nigidius – Sandalenmachergasse!«, oder » Weiche Hemden – Unzerreißbare Tuniken!«, oder schlecht und recht: » Nigidius – Sandalenmachergasse!« Zuerst lachte das Publikum. Später schnarrte es: »Zum Henker mit diesem unzerreißbaren Nigidius und seinen weichen Hemden!« Aber allmählich fing es anerkennend zu nicken an, weil hier doch endlich einer war, der es mit der ermüdenden Lüge verschonte, daß seine Waren »die besten und billigsten« seien. Und wenn der Verbraucher eines schönen Tages, erweicht durch die ewige Wiederholung, den Laden des Nigidius betrat, sich eine Toga anzusehen – nicht eigentlich, sich eine zu kaufen –, so endete das gewöhnlich damit, daß er einen Mantel und einige Hemden mehr kaufte, als er sich gedacht hatte.

Nig selbst aber sah man nicht mehr oft im Geschäft. Er war ein Haushammel geworden.

»Man hat tatsächlich Frau und Kinder vernachlässigt!« sagte er an dem Abend zu Marcellus, wo sie in aller Bescheidenheit seinen fünfzigsten Geburtstag feierten. »Und wenn man eine schöne Frau hat ...!« Fröhlich schlang er den Arm um Elina; aber diese machte sich mit einer zornigen Bemerkung frei.

»Hab' dich doch nicht so!« sagte sie.

Nig lachte nur. »Ich glaube gar, sie wird so rot wie ein Ägypter, wenn er ein Schwein angerührt hat!« rief er. Und zu Marcellus und Sergius Felix gewendet, sagte er: »Hört doch das Neueste! Elinas neuester Einfall ist, sie will ein eigenes Schlafzimmer. Nächstens wird sie wahrscheinlich ein eigenes Haus wollen!«

»Ja, und einen andern Mann!« sagte sie bedeutungsvoll und schaute Marcellus an.

»Ach ja, man wird alt!« seufzte Nig und nahm sein kleines Mädchen auf den Schoß. »Die Menschen sollten nicht älter werden als fünfzig. Da haben sie Zeit genug, sich fortzupflanzen, ihre Kinder aufzuziehen und zu sehen, wie sich die Enkel in der Welt einrichten ...! Nur ich hinke nach!« fügte er mit einem Anflug von Bitterkeit dazu.

Eine Pastete aus Hahnenkämmen – Nigs Leibessen – ließ ihn diese Mißstimmung vergessen. Er war wie eine von den magischen Tafeln, die selbst wieder auswischen, was auf sie geschrieben wird. Darin war er ein ausgesuchter Gegensatz zu Marcellus.

Doch später am Abend sammelten sich noch einige Sprengstofflager an, die aber nicht wirksam wurden, was ausschließlich dem zu danken war, daß der gutmütige Nig so gut vergessen und schweigen konnte. Zu den Gesprächsstoffen, die Nig mit Vorliebe umkreiste, gehörten – in trefflicher Übereinstimmung mit seiner optimistischen Natur – der Tod und die vorzüglichsten Arten, aus dem Leben zu gehen, Sergius Felix – der einzige Gast außer Marcellus – ließ es sich an dem Wunsch genügen, in seinen Schuhen zu sterben. Nig dagegen zog es vor, auf dieselbe Weise zu sterben wie der Lustspieldichter Philemon – abgesehen davon, daß dieser fast hundert Jahre alt geworden war. Der alte Philemon lag eines Tages auf seinem Lotterbette und sah, daß sich ein Esel an einer Schale Feigen gütlich tat, die für ihn selbst bestimmt gewesen waren. Darob bekam er einen gewaltigen Lachanfall, er rief seinen Diener und befahl ihm; dem Esel auch Wein zu seiner Mahlzeit zu geben. Aber sein Lachen steigerte sich so, daß er sich buchstäblich totlachte.

»Ein beneidenswerter Tod!« meinte Nig.

Hier aber griff Elina ein; sie hatte vorher Blütenköpfe nach Marcellus geworfen und hatte das in einer reichlich herausfordernden Weise getan.

»Hier im Hause stirbt man wirklich nicht vor Lachen!« sagte sie verächtlich.

Niemand konnte bezweifeln, daß dies auf Nig gemünzt war; aber dieser schmunzelte nur ruhig und sagte: »Um so besser! So habe ich einen Grund mehr, zu hoffen, daß du mir erhalten bleibst.«

Die letzte, beinahe unmerkliche Reibung wurde zur Verwunderung aller durch ein junges Mädchen verursacht – Hectica hieß es –, das seit einiger Zeit im Hause lebte. Sie war Nigs Nichte und machte auf alle, die sie nicht näher kannten, durch ihre anscheinende Kälte und Teilnahmslosigkeit den Eindruck, daß sie hart und herzlos sei, was aber durchaus nicht der Fall war. Dies ist durchaus kein ungewöhnliches Los. Überströmende Teilnahme – das, was man Herzlichkeit ohne Herz nennen kann – ist so verbreitet, daß niemand erst darauf aufmerksam gemacht werden muß. Mit viel größerer Wahrscheinlichkeit kann einen das Gegenteil irreführen, das, was man Herz ohne Herzlichkeit nennen könnte, oder besser: Herzlichkeit ohne Symptome oder doch nur mit verzagten und schwächlichen Symptomen. Die süßen Mädchen, die vor Begeisterung immer die Arme ausgebreitet halten, enttäuschen selten einen, der vorsichtshalber gleich vierzig bis fünfzig Prozent der Begeisterung als Übertreibung abzieht. Aber bei einem zurückhaltenden Mädchen ist die Gefahr der Täuschung größer. Sie kann natürlich schon zurückhaltend geboren sein; aber es ist ebensogut möglich, daß sie ein überdiskreter Tempel für echtes und feines Mitempfinden ist. Möglicherweise besitzt sie, was man vor Jahrhunderten mit dem krausen Lobwort »Scham« belegte. Und das ist eine Kostbarkeit in dem weiblichen Inventarium.

Hectica ging ab und zu und setzte sich von Zeit zu Zeit auf einen Schemel. Für gewöhnlich sprach sie selbst kaum ein Wort, sondern begnügte sich damit, kurz und etwas spöttisch zu antworten, wenn jemand sie anredete. Von ihrer Art bekam Sergius Felix eine typische Probe, als er aus reiner Liebenswürdigkeit, und um sie ins Gespräch zu ziehen, bemerkte:

»Gibt es etwas Ansprechenderes, als sich mit einem guten Buch still hinzusetzen!«

»Versuch es doch einmal mit einem schlechten!« antwortete Hectica. So war sie.

Noch ein zweites kleines Beispiel: Elina hatte einen Hund, der » Treu« hieß – das Mädchen nannte ihn » Opportunist«; und das war er gewiß auch.

Kleine Dinge sind es, die die Menschenkenntnis fördern.

Was Hectica an diesem Tag Gelegenheit verschaffte, eine sehr wohlgelungene Doppelsinnigkeit anzubringen, war ein allgemeiner Meinungsaustausch über Dichter und Dichtung. Sergius Felix rieb sich mit seiner haarigen rechten Hand die Stirn. Er redete mühsam, wenn ihm etwas zu Herzen ging. Seine Furcht davor, sich einer Ungerechtigkeit schuldig zu machen, war überaus groß, und er setzte sich lieber der Gefahr aus, für einen langsamen Denker und schlechten Redner gehalten zu werden, als daß er jemand durch Redekünste übervorteilte.

»Ich habe gar nichts gegen die Dichter«, sagte er. »Gerade meine Ehrfurcht vor der Dichtung macht mich kritisch. Und ich hege unter bestimmten Voraussetzungen auch Ehrfurcht vor denen unter ihnen, die ernste und demütige Diener ihrer Kunst sind. Sie mögen es ja oft schwer haben. Ich denke mir zuweilen, es muß unmöglich sein, immer wieder etwas Neues zu sagen – ehrlich etwas Neues über die ewigen Stoffe. Meiner Ansicht nach hat jeder dahingegangene Dichter die Schwierigkeiten für die Kommenden vermehrt. Nehmen wir nur einmal Menander, oder, um unserer Zeit und unserem Volk näher zu bleiben: Ovid! Wäre ich ein Dichter, ich hätte eine Wut gegen diesen Unmenschen, der sozusagen das ganze Kapitel der Liebe beschlagnahmt und ausgeschöpft hat. Was nützt es, wenn auch das Herz eines jungen Dichters zu Asche verbrennt – kommt er mit seinem Gedicht zu der Geliebten, dann sieht sie sich's höflich an, unterdrückt ein Gähnen und sagt: »Sehr nett von dir, lieber Freund! Aber – nimm mir's nicht übel! – du lehnst dich ein bißchen reichlich an Ovid an!«

»Du hast vergessen, wie junge Mädchen sind!« warf Nigidius lächelnd ein. »Die sind immer noch genau so wie in deiner eigenen sündigen Jugend. Kommt der Liebhaber und liest der Auserkorenen seine Huldigung vor, so vergißt sie Ovid und alle andern Sänger und neigt sich dem einen – diesem Sänger aller Sänger – zu, der den vortrefflichen Gedanken gehabt hat, gerade sie unsterblich machen zu wollen.«

Sergius Felix lachte freundlich. »Kann wohl sein«, sagte er. »Ich habe viel vergessen. Der Mond hat ein paarmal gewechselt, seit ich im Mondschein vor einer gewissen Villa die Kithara spielte. Diese Villa würde ich gern einmal wiedersehen. Aber es ist ja auch gleich – wenn die Erkorene es auch nicht sagt, so muß er selbst es jedenfalls denken. Jeder selbständige Dichter ist gewissermaßen ein Dieb, der seinen armen, noch ungeborenen Kollegen die Gedanken und die Worte stiehlt. Und das ist wirklich traurig zu denken!«

Der weißhaarige Legionär sah bei dieser Betrachtung selbst so betrübt aus, daß Marcellus und Nigidius hellauf lachen mußten.

Als wieder Stille eingetreten war, erklang Hecticas Stimme, mit düsterer Weisheit beladen, wie die einer Sibylle. »Den Dichtern laufen die Verwirrten nach!« sagte sie. An sich lag in dieser Bemerkung gar nichts; aber sie bekam einen höchst peinlichen Sinn durch die bewußt wissende Betonung und namentlich durch den unverhüllten Blick, den das Mädchen gleichzeitig Elina zuwarf. Und um es noch schlimmer zu machen, lief sie hinüber und küßte ihre Tante mit einem mütterlich verstehenden Lächeln.

»Du süßes Gänschen!« sagte das erstaunliche Mädchen.

»Zehntausend Frauen erschaffen die Götter zum Unglück der Männer;
Einer nur unter zehntausend verleihn sie die Gabe der Liebe.«

Es ist nicht leicht zu ergründen, wo der Dichter dieses Stückchen niederschlagende Statistik her hat; aber je länger Marcellus Caecilia ansah, desto bereiter wurde er, für die Richtigkeit dieses Wortes zu bürgen. Ein Monat, während dessen er immer häufiger mit ihr zusammenkam, brachte ihn dazu, es für äußerst wahrscheinlich anzusehen, daß die Götter neuntausendneunhundertneunundneunzig Entwürfe hätten machen müssen, bevor dieses eine Wundergeschöpf gelungen wäre.

Auch sie sah Marcellus als einen Auserwählten an, aber allerdings in einem etwas anderen Sinn, und entschieden als einen Auserwählten, dem das Verständnis für seine Erwählung noch fehlte.

Gegen ihren Vater äußerte sie sich darüber so: »Es ist etwas Trauriges mit Marcellus: er verwechselt sich mit einem andern, und so setzt er sich in Gesellschaft anderer dadurch herunter, daß er diesen andern darstellt. Aber laß ihm Zeit, sich zu besinnen; und bevor wir's uns versehen, werden wir eines Tages einen großen Domini canis in ihm haben!«

»Ein großer Hund des Herrn!« Das war der beständige Kehrreim.

»Wenn er dir nur nicht aus den Händen gleitet!« wendete Papa Caecilius bedenklich ein.

»Aus den Händen Gottes, meinst du? Ach nein, das hat keine Not. Wer mit Gott würfelt, kann sich's ersparen, den Becher vorzeitig wegzuwerfen. Der Höchste wird ihn ihm schon wieder in die Hand drücken. Nur das eine ist sicher und gewiß: entlaufen kann ihm keiner!«

Marcellus kam eines Abends zu der Zeit in die Villa an der Appischen Straße, wo es kühl zu werden begann. Das schöne Wetter recht zu genießen, hatte er den ganzen Weg zu Fuß gemacht, und da es deshalb ziemlich spät geworden war, blieb er nun zum erstenmal über Nacht draußen.

Er war inzwischen wohlvertraut mit dem Gute geworden, das an seiner Ecke, die der Stadt zunächst lag, mit einem Hospital anfing, wo Bettler und Landstreicher aufgenommen wurden. Darauf folgte ein Pfad, der zu dem Platz an der Hauptallee führte, wo er bei seinem ersten Besuch den Vater Urban getroffen hatte. Der päpstliche Vikar war auch diesmal wieder da. Er trug diesmal nicht den Kakadu auf der Schulter, sondern streute den Vögeln Brotkrumen und Korn hin. Sie fielen von den Bäumen, als ob sie Kastanien wären, die heruntergeschüttelt würden. Urban sah weniger abstoßend aus als bei der ersten Begegnung; aber wie gewöhnlich wendete er sein Gesicht halb ab, als Marcellus ihn ansprach.

»Schönes Wetter heute, Vater!« grüßte Marcellus.

»Gewiß, es ist ein schönes Wetter!« antwortete Urban. Er hatte die Gewohnheit, zur Unzeit hochtrabende Worte zu gebrauchen, wie manchmal schlampige Menschen ihre Festgewänder täglich tragen und dann für die Festtage nichts Ordentliches mehr haben.

»Aber wir kriegen wohl noch ein paar Regenschauer«, meinte Marcellus.

»Das weiß nur der Allwissende!« sagte Urban fromm.

»Ja, Gott weiß es!« gab Marcellus nachgiebig zu; und das trug ihm einen Seitenblick ein, der sagen sollte: »Schon recht, lieber Freund – mit all deiner Verstellung; aber ich durchschaue dich, und unter gewissen Voraussetzungen vergebe ich dir auch!« Dieses Vergeben war eine Pflichthandlung – ein Schilling, den er dem andern gleichsam mit der Pinzette reichte.

Obschon Marcellus auf Caecilias Wunsch begonnen hatte Urban zu lieben, kamen die beiden einander doch nicht näher. Der Priester verbarg sein Mißtrauen gegen Marcellus nur sehr wenig. Außerdem meinte er, Marcellus mache sich gern mit seiner Belesenheit wichtig; und da er selbst unwissend war, verachtete er alles Wissen. »Es gibt nur eine wahre Weisheit!« stellte er fest. »Alles andere ist Eitelkeit!« Ebenso schrieb sich seine Verachtung der Reinlichkeit daher, daß er als Schmutzfink geboren war, und es entsprang keineswegs reiflicher Überlegung, wenn er sagte: »Dieser Lehm ist von Geburt an so schmutzig, daß jede Art von Kot ihn nur schmücken kann!«

»Unsere liebe Patronin hat einen Brief von Tatian erhalten«, berichtete Urban unschuldig.

»Na, und was schreibt Tatian diesmal?« fragte Marcellus. Er wußte genau, was jetzt kommen würde. Er wußte auch rein intuitiv, daß Urban nur von Tatian redete, um ihn zu reizen; nichtsdestoweniger ließ er sich dadurch reizen.

»Bruder Tatian erzählt von der neuen Gemeinde, die er in Pisidien gegründet hat. Sie sind in der Heiligkeit schon sehr weit vorgeschritten und kommen von Tag zu Tag weiter. Keiner wird aufgenommen, der dem Fleisch und dem Wein nicht entsagt. Die Ehe und jede Art von Leichtsinn sind verdammt. Ach, wir sind beschämt – wir Lüstlinge, die wir sind!« Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Ohne Zweifel war ein Teil dieser Begeisterung echt.

»Tatian ist ein Mann von Tatkraft, soviel ich sehe!« bemerkte Marcellus leichthin.

»Er ist ein wahrer Hund des Herrn!« erwiderte Urban mit kräftiger Betonung des ersten Wortes. »Und Gedichte macht er, herrliche, gotterfüllte Verse!«

»Verse von einem Wassertrinker können weder ansprechen noch lange leben«, warf Marcellus gedankenlos ein.

»Und das sagst du?« fragte der päpstliche Stellvertreter.

Marcellus wurde sich bewußt, was ihm da unversehens entschlüpft war, und er sagte wahrheitsgemäß: »So sagt Horaz, wie du wohl weißt. Und ich meine – na ja, ich glaube nicht, daß ich je Verse von Wassertrinkern gelesen habe. Was aber Tatian angeht – ist es nicht leichtsinnig von ihm, alle diese heiligen Menschen von der Fortpflanzung abzuhalten, während die Gottlosen rundherum Nachkommen in die Welt setzen?«

Urban machte ein paar Katzenschritte auf Marcellus zu, bis sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. »Doch – gewiß!« zischte er dann, »wenn nicht die Wiederkunft des Herrn nahe bevorstünde!«

»Ist das auch Caecilias Meinung?« fragte Marcellus.

»Sie ist mit Tatian in jedem Stück einig!« versicherte Urban.

»Danach muß ich sie doch fragen!« sagte Marcellus und verließ seinen beschwerlichen Freund.

An diesem Abend hatte Marcellus eine lange Unterredung mit Caecilia. Unter anderem sprachen sie über das »Segnen«. Caecilia war es, die davon anfing, und trotz ihrer großen persönlichen Sicherheit wollte es ihr am Anfang nicht recht damit klappen. Sie nahm mehrere Anläufe, kam heran, blieb stecken und bog aus wie ein Pferd vor einem Hindernis. Aber ihr Wille saß fest auf dem Rücken des furchtsamen Tieres, und schließlich kam dieses doch hinüber, wenn es auch den oberen Teil des Hindernisses mitnahm.

»Du, Marcellus! Darf ich dich segnen ... später einmal ... wenn es dir recht ist?« bat sie ihn etwas atemlos.

Diese Frage überraschte ihn, und er antwortete verwirrt: »Segnen? Wieso? Ich verstehe nicht recht!«

Als sie erst so viel gesagt hatte, wurde ihr das übrige nicht mehr so schwer.

Sie erklärte: »Über einen Segen kann man sich immer freuen, von wem er auch kommen mag. Ich freue mich über die Segenswünsche der Bettler, obgleich sie Bezahlung dafür erwarten. Und da wir schon davon reden, will ich dir sagen, was ich sonst noch niemand mitgeteilt habe, weil ... Vater Urban zum Beispiel würde es nicht verstehen. Eines Tages habe ich Orbilius gebeten, mich zu segnen.«

Marcellus lächelte aufmunternd. Er begriff, daß man den alten Hund um so etwas bitten konnte.

»Er tat es auch und küßte mich auf die Stirn, und als ich ging, sagte er liebevoll: ›Gesegnet sei jeder, der dich segnet!‹ Seitdem habe ich die kleine Stelle auf meiner Stirn nicht mehr gewaschen!«

Wenn Marcellus seinem Trieb, sie zu küssen, gefolgt wäre, und sie hätte sich dem mit derselben Pietät gebeugt wie bei Orbilius, so hätte sie sich in Zukunft das Waschen überhaupt sparen können.

»Segne mich ein – ein ander Mal!« sagte Marcellus kurz.

Dann geschah nichts mehr, was diesen Abend besonders erzählenswert gemacht hätte, und doch war dies einer von den Abenden, die einem lange im Gedächtnis bleiben, nur kraft der Stimmung, die sie durchweht. Lange Zeit – vielleicht eine ganze Stunde lang – saßen Marcellus und Caecilia beinahe schweigend auf der alten grüngeäderten Marmorbank – sie meist wehmütig grübelnd. Er wußte jetzt, was sie beschäftigte: es war der Gedanke, daß die Menschen Geschöpfe sind, die sterben müssen. Und sie hegte keinen Wunsch, sie so sterben zu sehen, wie der hundertjährige Philemon gestorben war. Dennoch erlosch ihr großer Haß gegen den Hund Crescens wie eine Fackel in einem Wasserzuber, wenn sie ihn aus diesem Gesichtswinkel betrachtete. »Er muß sterben!« wiederholte sie sich angstvoll. Und was einen Menschen wie der Hund Crescens nach dem Tode wohl erwarten mochte? Einen Menschen, der das Blut Justins auf dem Gewissen hatte! Das war kein erbaulicher Gedanke.

Was Caecilia von Gleichgesinnten unterschied, war nicht ihr Glaube, sondern ihre Vorstellungsgabe – ihre Phantasie. Es gab auch andere, die den Glauben hatten – den unerschütterlichen Glauben; aber sie hatten nicht die Gabe, einen Gedanken bis an die Grenzen seiner Möglichkeit zu verfolgen. Sie sprachen von der Verdammnis, dem ewigen Verderben, der Hölle – Caecilia fühlte das Entsetzen dieser Unglücklichen voraus. Die andern nahmen Ärgernis an dem Sünder – sie fühlte sich schon gequält durch ihr bloßes Wissen um die Sünde. Wenn jemand auf das Grauenvolle verfallen wäre – aber das könnte natürlich niemals geschehen! –, ein Abbild des hingerichteten Meisters in seiner Pein am Kreuze zu schaffen, hätten sich die andern vermutlich mit der Zeit an das Bild gewöhnt, nichts mehr daran gefunden, sich unter ihm an- und auszukleiden, unter ihm zu streiten, zu gähnen oder vergnügt zu sein. Sie niemals! Sie war eine Seele, umhüllt von einem Spinngewebe aus Gefühl und Nerven – die andern waren stumpfe Maschinen aus Fleisch und Blut.

»Und Tatian?« fragte Marcellus, als sie die nächtliche Kälte von ihrem Sitze vertrieb. »Bist du dir mit ihm in allem einig?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht einmal mit Justin bin ich mir in allem einig – auch nicht mit der Gemeinde. Rab Chanina und beinahe alle – der Papst zum Beispiel – sind sehr böse darüber, daß ich den Geburtstag unseres großen Lehrers als Festtag begehe. Aber es dreht sich ja nicht darum, worin man sich uneinig ist. Es muß als ein Grundgesetz gelten, daß man das sucht, was wir miteinander teilen können.«

Marcellus ließ sich den neuen Brief des Tatian mitgeben, als er schlafen ging, und nachdem ihn die Sklavin, die ihn zu Bett brachte, geküßt und ihm eine gute Nacht gewünscht hatte, las er ihn sorgfältig durch. Wie der erste Brief war er von der roten Raserei erfüllt, so viele wie möglich – Männer und Weiber – derselben Kasteiung zu unterwerfen, der er selbst sich unterworfen hatte.

»Er ist verrückt!« sagte sich Marcellus, als er die Lampe löschte.

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