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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 16
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Fünfzehntes Kapitel

Immer noch ging der Tod um wie eine bedächtige Kuh auf der Weide, die ihre Zunge um ihr Futter schlingt und es ausreißt, ohne einen Gedanken daran, ob sich das Gras zu dem einen oder dem andern Gott bekenne.

An der einen Seite des Tempels der Libitina war gleich beim Ausbruch der Pest ein gewaltiger verschlossener Torweg mit einer Tür an jedem Ende erbaut worden. Die Luft war hier zum Ersticken erfüllt mit Dämpfen von Räucherwerk und Pech, die den Oberregistrator der Todesgöttin und seinen Stab von Mithelfern halb verbargen. In diese Röhre hinein fuhren die Pestkarren mit den Leichen. Hier wurden die Namen der Toten aus den öffentlichen Listen gestrichen, und die Armen, deren Verbrennung auf Kosten des Kaisers geschah, wurden mit Wachs und Pech übersprengt, mit Ausnahme des Kopfes, dessen Wolldecke auf dem Begräbnisplatz mit Naphtha oder Steinöl getränkt wurde. Hinein zu der einen Tür, hinaus zu der andern, glitten die Karren über die lärmdämpfende Gummihaut des Pflasters im Torweg. Die einzigen Laute, die man hörte, waren das Knirschen der Karren und des Zaumzeugs, das Prusten der Maultiere und die knappen Fragen und Antworten, die die Wagenlast für unwiderruflich tot erklärten.

Am Ausgang ertönte dann noch das Brodeln des Pechs als Ankündigung dessen, daß die Leichen für die Verbrennung vorbereitet wurden. Es gab Nächte, in denen fünfhundert Tote von den Listen gestrichen wurden. Darunter waren Menschen jeder Stellung und jeden Alters, vom purpurverbrämten Patrizier bis zum Sklaven, der sich seinen Lebensunterhalt mit Arbeit in den Kloaken verdiente, vom hundertjährigen Greis bis zum Kinde, dessen Name noch nicht in den Listen des Saturntempels aufgezeichnet stand. Nur das Personal im Tempel der Todesgöttin steuerte nicht dazu bei. Seit mehr als sieben Jahren hielt es sich vollzählig – ja vermehrte sich hier und da, ohne daß je einer verschwunden wäre. Als schließlich der Oberregistrator dahinschied (das geschah gerade in den Tagen, wo sich das jetzt Berichtete zutrug), starb er nicht an der Pest, sondern an Überarbeitung. Mit dem Schreibrohr in der Hand sank er vornüber auf sein Pult, und ihn beweinten Diener, die zu Tode erschöpft davon waren, Menschen zu beweinen, die ihnen nahe standen, und Namen von Menschen auszustreichen, die ihnen gleichgültig waren.

Aber vom Heiligtum der Libitina ging der Weg der Karren weiter zum Stadttor, das in seinen Angeln knarrte, wenn das Tor an die Mauer zurückschlug, die verhaßte Last in die Finsternis hinauszuspeien. Weiter ging der Weg zu den Gruben des Leichenplatzes, wo Krane die Leichen ausluden und gleichmäßig in Stapel verteilten. Vor Sonnenuntergang zündete man die erste Grube an, und war die letzte Ernte der Nacht abgeliefert, dann wurden die Fackeln in die letzte Grube geschleudert.

Aber in weitem Kreise um diesen Ort zog sich ein Doppelring von Wachtposten, als fürchte man, die Toten könnten ihr Hinscheiden bereuen und beschließen, aufs neue in die Stadt, die sie erst verlassen hatten, hineinzuwandern.

Man muß die Empfindung festhalten, daß die Pest einer Gewitterschwüle gleicht, die drückend über der Landschaft liegt. Zuweilen verziehen sich die Gewitterwolken ein wenig, aber nur, um gleich darauf schwer und drohend zurückzukehren. Manchmal ballen sie sich zu einem kräftigen Ausbruch zusammen – wie gerade in diesen Tagen –, sie jagen den erschrockenen Teil der Bevölkerung in den Schutz der Priesterröcke und hetzen die Gottlosen in ein Leben hinein, dessen Frechheit nicht einmal angedeutet werden kann. Das sind zwei Reaktionen der Ohnmacht – des peinlichen Gefühls, widerstandslos auf dem kurzen Ende der Wippschaukel zu sitzen. Wenn man sich's recht überlegt, kann es selbstverständlich gar nicht anders sein; und in den Atempausen kriechen die Menschen aus ihren Höhlen heraus, wie Schlangen, die die Gelegenheit nützen, sich an der Sonne zu wärmen.

Ebenso darf man nicht vergessen, daß die Pest nun schon acht Jahre lang gewütet hatte, daß Menschen, die sich ihren gottgegebenen Anlagen nach eines praktischen Verstandes erfreuten, es für sehr denkbar hielten, daß die Pest es im Sinn habe, noch einmal acht Jahre zu wüten – was sie auch in der Tat vorhatte. Das unterscheidet sich nicht sehr von dem Gefühl, mitten in einer Riesen-Freiluftversammlung eingeklemmt zu sein: man kann dabei fluchen, jammern, weinen, oder aber es sich so behaglich machen, wie es die beengten Verhältnisse irgend erlauben. Vernünftige Leute nützen jeden Vorteil aus, und zu den Allervernünftigsten in Rom gehörten die Leute, in deren Siegelstein ein Bild der Heiligen Mutter eingeschnitten war, ausgestattet mit dem Kuhhorn wie die Jo der Griechen, oder ein Bild derselben Isis mit dem Horus an der Brust und dem Mond als Hintergrund, oder eines des Osiris selbst mit der Sonne als beinah gar zu blendender Glorie um das Haupt.

Die heiligen Männer waren gleich vom Ausbrach der Pest an auf die Möglichkeiten aufmerksam gewesen, die die Krankheit für sie mit sich brachte. Wie die Votivtafeln von Kostbarkeiten strotzten – das sagte genug über Heilungen durch die Große Mutter; und an dem himmelblau drapierten Bilde der Göttin, das Ruth dereinst für ihr ungeborenes Kind angerufen hatte, war man wiederholt genötigt gewesen, Bestandteile wie den Marmorkopf und die Marmorhände (der Körper war aus Holz!) auszuwechseln, ja sogar das schelmische Horuskind hatte erneuert werden müssen – und dies alles, weil durch die Gaben, die man als Ausdruck der Anrufung oder des Dankes darangehängt hatte, die genannten Teile beschädigt worden waren.

Man könnte nun einwenden, die göttlichen Kräfte hätten wohl noch viele andere Zentralen gehabt, wo sie ihre geheimen Kräfte ausstrahlen konnten, und die hatten sie auch. Die frommen und heilkundigen Brüder auf der Insel des Äskulap im Flusse, die Priesterschaft der Minerva medica, die der Isis und des Serapis auf dem Marsfeld und nicht zum mindesten die ehrwürdige Brüderschaft an dem Heiligtum des Großen Jupiter waren jederzeit bereit, bei der Anrufung gnädiger Hilfe gegen die häßliche Krankheit vermittelnd einzutreten. Aber kein Ort wurde von so vielen aufgesucht wie der Tempel der Ägypter in der dritten Region, und einer der Gründe dafür war die glückliche Erweiterung des Tempels durch eine Filiale des berühmten Orakels in Abonoteichos, von wo aus der Prophet Alexandros der ganzen Welt zu äußerst billigen Bedingungen mit Rat und Tat beistand. Um die Summe von einer Million Sesterzen hatte Alexanders Vertrauter, der alte Paetus, dem Tempel auf zehn Jahre das Recht verpachtet, das Orakel zu vervielfältigen, das gleich beim Ausbruch der Pest dem Propheten geoffenbart worden war und also lautete: »Phöbos, der niemals Geschorne, verjaget die Nebel der Krankheit!«

Auf ein grünes Pergament geschrieben und mit dem Siegel der Orakel-Filiale versehen, wurde dieses Orakel in Rom, in sämtlichen italienischen Städten, in Gallien und überhaupt, soweit im Norden noch eine römische Kohorte zu finden war, an den Mann gebracht. Es wurde ein glänzendes Geschäft. Während der Prophet selbst als dreivierteltotes, halbverfaultes Aas mit seinen verdorrten Beinen in Jonapolis saß – mit diesem Namen hatte Seine Kaiserliche Majestät Marcus die Stadt des Propheten geehrt –, schaufelte sein Generalvertreter Geld zusammen in einem Maße, das den Römern den Atem versetzte, und sie waren in dieser Hinsicht doch einiges gewohnt. So hoch wurde dieses Orakel an höchster Stelle geschätzt, daß Marc Aurel, obgleich er beständig im Felde lag, den Befehl heimschickte, man solle eine Münze schlagen, mit Glykon, dem Privatgott Alexanders, auf der einen Seite, und auf der anderen Alexander selbst, geschmückt mit dem Lorbeerkranz seines angeblichen Großvaters Äskulap, und in der Hand den Krummsäbel seines mütterlichen Ahnherrn Perseus. Dies war die vierte Münze mit dem Bilde Alexanders, die ein römischer Kaiser hatte schlagen lassen.

Dieses Orakel nun suchte Marcellus eines Tages auf, etwa um die Zeit, wo die Schwalben und die Turteltauben wiederkehren; doch eher ein wenig später. Genau gesagt war es am Jahrestage der Stadtgründung – dem 21. April, und die Veranlassung war besonders bedeutungsvoll.

Es ging um die Frage: Elina oder Caecilia.

Die Autorität Alexanders war so fest gegründet, daß man allmählich wohl sagen konnte, selbst die Orakel von Klaros und Didyma lebten nur noch von seinen Gnaden. In den Tagen seiner höchsten Macht hatte er seinen Organismus mit konzentriertem Spiritus und halbgebratenem Fleisch zusammengehalten. Viele Frauen seiner Heimat rühmten sich, daß er der Vater ihrer Kinder sei, und ihre Männer beschworen es, dies sei die reine Wahrheit. Er war ein ins Zehn- bis Zwanzigfache vergrößerter Rasputin. Männer der höchsten Rangklasse suchten ihn auf, an ihrer Spitze der ehrenwerte Rutilian. Dieser, der verschiedene hohe Ämter bekleidet hatte, litt an einer Art von unersättlichem religiösen Bandwurm. Es gab keinen gesalbten oder bekränzten Stein, keinen halbvergessenen Altar und kein neuaufgetanes Orakel, wo er nicht hingeeilt wäre, sich das Wohlwollen dieser Institution zu sichern. Durch diesen Mann verschaffte sich Alexander Zugang bei Hofe, wo er und der Gott Glykon dann zahllose Verbindungen anknüpften. Dadurch kam er auf den Gedanken, sein Unternehmen durch eine Tochtergesellschaft zu erweitern – eine Spezialabteilung für Gelderpressung. Wenn er nämlich in den Fragen an das Orakel etwas Kühnes oder Gefährliches fand, behielt er die Fragetafeln einfach und ließ sie sich für hohe Summen abkaufen.

Die Kenntnis, die die Bevölkerung im allgemeinen von dieser Seite der Orakel besaß, war schleierhaft und gänzlich ohne scharfe Umrisse. Dank seiner Agenten und Propagandisten war Alexander für den Durchschnittsmenschen der Wundermann, der alles aufdeckte, was sich um Diebe, Räuber und weggelaufene Sklaven drehte, der verborgene Schätze nachwies und Kranke heilte, ja sogar Tote auferweckte. Für gewöhnlich hörte auch Marcellus nicht darauf, was Klatsch und Skepsis über dieses Metier zu erzählen wußten. Er hatte selbst bei verschiedenen Gelegenheiten gute Orakel bekommen, teils zum eigenen Gebrauch, teils für seine Großmutter, die sich bei jedem wichtigen Schritt durch Stimmen von oben leiten ließ. Wenn dennoch von ihm gesagt werden muß, daß er an diesem Tag mehr auf dem Oberleder seiner Orakelgläubigkeit spazierte, so lag die Ursache dafür in mehrfachen früheren Begegnungen mit Xenophon, einem Spötter und Ungläubigen, der viele Jahre Sekretär bei dem berühmten Schriftsteller und Geißler der Menschheit Lukian gewesen war, dem Manne aus Samosata. Wenn Xenophon in Rom weilte, war er am sichersten im Friedenstempel zu treffen – dem eleganten Sammelplatz für scharfen Witz, boshafte Satire und unfruchtbare Kritik. Hier hatte Marcellus oft seine witzigen und giftigen Ausfälle gegen die Galiläer, gegen Aberglauben, Propheten, Dummheit und vor allen Dingen gegen Alexander mit angehört.

Diesen Propheten beehrte er mit einem unbeherrschten Haß – welche Tatsache wohl kaum außer aller Verbindung damit war, daß Lukian um ein Haar einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, das dieser Rasputin von Abonoteichos geschwind gegen ihn in Szene gesetzt hatte. Lukian hatte sich nämlich im Hauptquartier des Propheten in der Absicht aufgehalten, Material zu sammeln, das beweisen sollte, wie sehr die ganze Sache auf Schwindel gegründet sei. Sein erster Vorstoß bestand in der Einreichung einer kunstreich verzierten Tafel mit der Frage: »Hat Alexander eine Glatze?« Nachdem der Prophet die Tafel eine Nacht hindurch unter seinem Kopfkissen liegen gehabt hatte, gab er folgende Antwort: »Attis war ein anderer Manach (König) als Sabardalachus!« Ein andermal fragte Lukian auf zwei verschiedenen Zetteln unter zwei verschiedenen Namen: »Wo ist der Dichter Homer geboren?« Auf den einen schrieb Alexander (denn Lukians Diener hatte ihm gesagt, es handle sich um ein Mittel gegen Hüftweh): »Salbe dich mit Kytmis und mit Tau von Latona!« Auf dem andern Zettel, der dieselbe Frage enthielt, antwortete er: »Hüte dich vor dem Meere – Reisen zu Lande sind besser!« Aber Alexander merkte Unrat. Xenophons Bericht darüber, wie sich der Konflikt entwickelte, lautete folgendermaßen:

Rutilian, der alte Hofmann, der sich in der Stadt des Propheten aufhielt, hatte Lust bekommen, sich wieder zu verheiraten, und auf die Frage, ob das rätlich sei, gab der Gott Glykon dem alten Herrn die sehr deutliche Antwort:

»Nimm Alexanders und Selenes Tochter zur Ehe!«

Zum Verständnis dieses Wortes diene, daß Alexander früher die Kunde verbreitet hatte, eine Tochter von ihm, die bei ihm lebte, sei die Frucht seiner Verbindung mit der Göttin Selene (Luna), die sich in ihn verliebt hätte, als sie ihn einmal schlafend sah. Selbstverständlich beeilte sich Rutilian, ins Brautbett mit der von dem Gott Erkorenen zu kommen. Indessen hatte er zuvor auch Lukian um Rat gefragt, und dieser sah sich nicht imstande, die Verbindung zu empfehlen, was der alte Schwätzer Rutilian umgehend dem Propheten weiterklatschte, und so war nun der Teufel los. Alexander wurde wütend, und als der Alte Auskunft über Lukian verlangte, bekam er folgendes Orakel:

»Nächtliches Schwärmen in schmutzigen Schenken
und schandbarste Unzucht
sind sein beliebtestes Tun!«

Nun war also das Spiel im Gang. Der Prophet forderte Lukian vor sich, und dieser erschien, begleitet von zwei bewaffneten Soldaten, die ihm sein Freund, der Gouverneur von Kappadozien, als Reisebedeckung mitgegeben hatte. Und sofort ging es verkehrt: Als der Prophet dem Lukian seine Hand zum Kusse reichte, biß dieser kräftig hinein, und die anwesende Menge der Gläubigen hätte ihn beinah gelyncht. Das Ganze sah so drohend aus und machte Lukian so perplex, daß er lieber eine Scheinfreundschaft mit dem Propheten einging, was die Gläubigen als ein großes Wunder auffaßten.

Lukian reiste nun, nur von Xenophon begleitet, zur See von Abonoteichos ab. Während der Reise fand Lukian einmal den Steuermann weinend im Streit mit seinen Matrosen, und es stellte sich heraus, daß diese von Alexander den Befehl erhalten hatten, Lukian ins Wasser zu werfen. Der Schiffer setzte nun die beiden in Argiali an Land und fuhr heim. Die beiden fanden da einige Herren vom Bosporus; die waren auf der Durchreise, abgesandt von ihrem König Eupator, um dem Statthalter in Bithynien den jährlichen Tribut zu bezahlen. Sie brachten Lukian glücklich nach Amastris; aber von nun an tat Lukian alles, was er konnte, sich an Alexander zu rächen.

Und Xenophon gab ihm an haßerfülltem Eifer nichts nach. Wo sich nur irgendeine Möglichkeit zeigte, griff er das Orakel des ägyptischen Heiligtums in der dritten Region an, und seine Beredsamkeit hatte immerhin so viel erreicht, daß auch Marcellus ein kleines ärgerliches Zweifelgefühl hegte, als er am Jahrestag der Stadt im Schatten eines der beiden Riesenobelisken aus der Zeit des zweiten Ramses die Haupttreppe des Isistempels hinaufstieg. Ganz besonders beschäftigte ihn das fraglose Fiasko mit den kaiserlichen Löwen. Und dann das kleine Mißgeschick mit Severian, der von Osroës zu Hackfleisch gemacht worden war. Von dem kürzlich verstorbenen Halbbruder des Euphemus ganz zu schweigen.

Der Fall Euphemus ist rasch erzählt. Als sein Halbbruder die Pest bekam, ging der alte Türhüter bekümmert zum Orakel, das ihm liebenswürdig nicht nur Heilung, sondern sogar rasche Heilung versprach. Freudig bezahlte Euphemus die dreifache Taxe und eilte zu seinem Bruder zurück, den er mit Schaum vor dem Mund in den letzten Krampfzuckungen vorfand. Nach der Beerdigung ging der Alte zu der Orakelfiliale, um jedenfalls sein Geld wiederzubekommen; Paetus aber tauchte in der Kartothek des Geschäftes unter und fischte eine Karte heraus, die angeblich die des Euphemus war, und worauf stand:

»Spar dir die Mühe, vergebens nach Mitteln der Heilung zu suchen.
Merk dir: Dein Schicksal ist nah, meiden kannst du es nicht!«

Dieses Klischee hatte Paetus schon oftmals gerettet, und auch jetzt prallten die Verwünschungen des Euphemus an der Umsicht des Orakels ab. Der Türhüter ging heim, noch fester als zuvor von der allgemeinen Schurkenhaftigkeit der Welt überzeugt.

Die Geschichte mit Severian war viel ernster und war auch, wie Xenophon im Friedenstempel versicherte, typisch für den ganzen Betrieb. Sie hatte sich in Abonoteichos einige Jahre nach dem Start des Propheten entwickelt. Um etwas Abwechslung zu schaffen, machte er bekannt, der Gott Glykon habe im Sinn, gelegentlich auch mündlich zu orakeln. Dieses Orakel wurde das autophonische genannt, und es war durchaus nicht für jeden zu haben. Im Gegenteil, es war eine aristokratische Einrichtung, die sich hauptsächlich den Vornehmsten und Freigebigsten zur Verfügung stellte. Die Einrichtung des Apparates war übrigens keineswegs extravagant: aus der gehörigen Anzahl Luftröhren von Kranichen stellte er ein Sprachrohr her, dessen vorderes Ende in einen künstlichen Schlangenkopf aus bemalter Leinwand auslief, der täuschend dem des Gottes Glykon glich, dessen wirklicher Kopf aber in der Achselhöhle des Propheten festgeklemmt war, während der Leib des Gottes in seinem Schoße ruhte. In das andere Ende des Rohres sprach ein Mithelfer, der hinter der Szene verborgen war. So großartig und einzig in seiner Art war dieses Orakel, das von Feldherrn und Statthaltern aufgesucht wurde.

Das Erlebnis des Severian hatte sich zwölf Jahre vor diesem Sommer ereignet – also im Jahre 915 nach der Gründung der Stadt. Es geschah unmittelbar nach dem Tode Seiner Kaiserlichen Majestät Antonins des Frommen, daß der Partherkönig Vologeses II. in Armenien einfiel, das seit der Eroberung durch Trajan unter römischer Herrschaft stand. Severian, der damals Gouverneur von Kappadozien war, wendete sich vorsichtig an das Orakel des Alexander und erhielt die folgende Aufmunterung, sich den aufsässigen Armeniern entgegenzustellen:

»Vor deinem Speer wird das kecke Armenien jämmerlich fallen.
Reich mit Lorbeer bekränzt und von goldener Glorie umleuchtet,
ziehst im Triumph du nach Rom, an des Tibers glitzernde Fluten!«

Und nachdem Osroës als Feldherr des Vologeses diesen Optimisten von einem Gallier mitsamt seiner ganzen Armee zerschmettert hatte, radierte Alexander diesen kleinen Irrtum aus seinem Register und schrieb dafür:

»Wisse, wohl mag es geschehn, wenn das Heer zieht gegen Armenien,
daß ein fliegender Pfeil von eines Langröckigen Bogen
dich zum Ziele erwählt und dich Lichtes und Lebens beraubet!«

Das war geschickte Arbeit. Kein diplomatisches Korps hätte Grund gehabt, sich dieses Schlaukopfs unter seinen Mitgliedern zu schämen. Die Parther wurden erst von Statius Priscus unterworfen, einem erdgebundenen Mann, der weder nach Göttern noch nach Orakeln was fragte, dagegen einen großen Teil seiner Zeit damit hinbrachte, sich zu vergewissern, ob die Stiefel seiner Soldaten ordentlich genagelt wären und die Leute sich frei von Läusen hielten.

Nun bleibt noch der sehr ärgerliche Fall mit den Löwen des Marc Aurel zu berichten. Die Tatsache, daß sich Alexander hier nicht nur aus der Affäre zu ziehen wußte, sondern sogar in diesem Sommer – nur drei Jahre später – eine neue Münze auf den Glykon schlagen lassen konnte, beweist am besten, welche Bedeutung man ihm an höchster Stelle beilegte. In dem Jahr, das man übereingekommen ist, das hunderteinundsiebzigste nach der Geburt Christi zu nennen, begab es sich, daß der Kaiser nach Rom eilte, alle mystischen Kräfte gegen die Markomannen mobil zu machen. Er verschaffte sich damals durch Paetus auch ein Orakel des Alexander. Dieser befahl, zwei lebendige Löwen, viel Räucherwerk und kostbare Kräuter in die Donau zu werfen.

»Dann wird auf der Stelle Sieg erscheinen und Ruhm zusamt dem gesegneten Frieden!«

Der Spruch des Orakels wurde pünktlich befolgt. Unter den Lieblingen der Römer befanden sich zwei große menschenfressende Löwen. Menschenfresser waren sie aber nur gewesen, denn dank der unfaßbaren Sanftmut des Kaisers hatten sich's die Tiere seit ihrer Überführung nach Rom an gefallenen Wagenpferden und zähen Eseln genügen lassen müssen. Diese Tierquälerei grämte die Römer um so mehr, als genügend fette Christen und sonstige Gottlose und Verbrecher zur Verfügung standen, die für jeden Unbefangenen doch offenbar als von den Göttern eigens zugunsten der Löwen in die Welt gesetzt erscheinen mußten. Diese – zwei der prachtvollsten Kleinodien der Stadt – wurden mit großer Mühe über die Alpen an die Donau geschleppt; aber die beiden Tiere prellten sowohl den Kaiser als auch Alexander, sowie auch das ganze erwartungsvolle römische Heer, denn sie schwammen an das feindliche Ufer hinüber, wo sie von den Barbaren, die sie für eine neue Art von Hunden hielten, mit Knüppeln totgeschlagen wurden. In der dann entbrennenden Schlacht verloren die Römer zwanzigtausend Mann an einem Tag. Alexander zog sich auf gut altdelphische Art aus der Schlinge und redete sich darauf heraus, daß der Gott wohl Sieg verheißen, aber nichts davon gesagt habe, auf welche Seite dieser fallen würde.

Marcellus fand es schwierig, diese drei Fälle aus seiner Erinnerung zu bannen, als er aus dem Schatten des Riesenobelisken trat und auf den Isistempel zusteuerte. Aber er beruhigte sich damit, daß die Darstellungen des Xenophon häufig jenes Gepräge der Schiefheit trugen, die jeden Fanatismus charakterisiert. Und außerdem gab es ja Zehntausende von Zeugnissen für Voraussagungen, die an das Unglaubliche grenzten.

 

Das Schicksal, das keineswegs die Verpflichtung fühlt, als Dramatiker aufzutreten, aber oft genug eine kleine Szene hinwirft, oder einen Bauernroman bis zum Ende reckt, ja, sich hie und da gar mit ein bißchen Lyrik versucht – dieses unberechenbare Schicksal hatte gewollt, daß Marcellus an jenem Tag im Isistempel mit Elina zusammentreffen sollte. Marcellus kam, den Mysterien des Paetus anzuwohnen, Elina kam, ihre Sünden aus dem letzten Monat dem Oberpriester Biquesa zu beichten. Nach den Mysterien trafen sie hinter der Säule mit dem Festkalender aufeinander; aber zuvor hatte noch der Requisitenjunge Jon Gelegenheit, auf eigene Faust ein wenig Schicksal zu spielen.

Alle Tempel und alle Glaubensgemeinschaften feierten das Fest des Jahrestages der Stadt – natürlich die Galiläer ausgenommen, in deren Augen Rom stets das war, was einer ihrer unbeherrschten Lehrer »Die große Hure« zu nennen pflegte. Selbstverständlich feierten auch die Isisleute diesen Tag. Aus reiner Loyalität wurden sämtliche römischen Festtage gefeiert, und da man im Vorhinein schon eine recht artige Serie Feste von mystisch-nationaler Art hatte, war das Ergebnis ein absolutes Minimum an Werktagen.

Die kleinen Ägypterjungen, die zu dieser Zeit Jons Kameraden waren, schwelgten in der Erinnerung an Feste. Kaum waren sie mit den Festen des Säemonats fertig, in dem das Siebengestirn erscheint, als sie schon anfingen, sich auf den Monat Mesori zu freuen, wo Hülsenfrüchte geopfert wurden. Wenn das überstanden war, konnte Theon zu Kleon sagen: »Gelobt sei Isis! Jetzt kommt bald das Merkurfest!« Und doch fiel dieses Fest, wie jedermann weiß, nicht vor den neunzehnten des ersten Monats, wo man Honig und Feigen ißt. Aber dennoch sollte man sich nicht verblüffen lassen, wenn Kleon seinerseits Theon antwortete: »Ja, und dann ist es nicht mehr lange bis zum Sonnenlauf!« Worauf sie vielleicht beide in die Hände klatschten, umhersprangen und einander um den Hals fielen. Aber der Sonnenlauf – welcher Optimismus – war ja das Fest der Wintersonnenwende, wo die Priester die allerheiligste Kuh siebenmal rund um den Tempel führten. Das nannte man das Aufsuchen des Osiris.

Aber selbst bei Jungen kann sich eine gewisse Festmüdigkeit geltend machen, und die Stimmung in der Schar der beschnittenen und tonsurierten Jungen, die hinter den Säulen in der Vorhalle des Isistempels lagen, war beinah matt. Dazu hatte wohl noch etwas andres beigetragen: die monatliche dreitägige Generalreinigung mit Brechmitteln und Klistieren ging nämlich ihrem Ende entgegen. Daher hatten die Gesichter der Jungen einen schattenhaften Zug von Unwahrscheinlichkeit, der nicht belebend auf den ungewohnten Beschauer wirkte. Außerdem herrschte ja große Hitze. Es war mitten in der toten Zeit des Tages, und der Sonnenschein lag hell und breit auf den Treppenstufen. Draußen über den Platz flog hie und da eine träge Schar Tauben und ließ sich langsam auf das heiße Pflaster nieder, und drinnen zwischen den Jungen standen zwei Käfige mit Wachteln, die sich auch nicht zu dem bescheidensten Kampfe hatten entflammen lassen.

Aus Mangel an anderer Unterhaltung hatte Jon angefangen, den kleinen beschnittenen Jungen eine Geschichte zu erzählen, für die sie beim Wiedererzählen eine Tracht Prügel beziehen würden, weil ihre Mütter eine andere Wiedergabe derselben Geschichte vorzogen. Es war dies eine unordentliche Mischung aus der altsyrischen und der griechischen Sintfluttradition, und die violetten Schatten in den Gesichtern wurden noch violetter, als man sich dem Schlußeffekt näherte, wo sich in der Erde eine große Kluft öffnet, die das Wasser in sich hereinschlingt und es so Deukalion und seinen Mittieren möglich macht, wieder auf festen Boden zu kommen.

Der Beifall hatte sich kaum gelegt, als Marcellus unter den ersten Orakelsuchenden die Stufen zum Haupteingang in fünf Sprüngen hinter sich gelassen hatte. Der kleine Wirbel von Händeklatschen veranlaßte ihn, sich nach den Jungen umzudrehen, wobei ihm der Mittelpunkt der Versammlung in die Augen fiel. Mit zornigem Gesichtsausdruck winkte er Jon heran und fragte:

»Weiß deine Mutter, daß du hier bist?«

Jon antwortete ausweichend: »Pomona hat nichts dagegen, daß ich in die Tempel gehe.«

»Warst du nicht daheim seit jenem Tag, du weißt ... dort bei dem Halteplatz der Isisprozession im ...?« Marcellus machte eine Kopfbewegung in der Richtung des Argiletums.

Jon antwortete wieder indirekt: »Ich denke, ich gehe morgen heim oder übermorgen.«

»Oder in der nächsten Woche, oder im nächsten Monat, oder zu den Saturnalien!« fuhr Marcellus fort. »Sieh lieber zu, ob du es nicht morgen machen kannst. Ich fürchte, ich werde sonst genötigt sein, Rufus einen Wink zu geben, wo er dich durch Onkel Phil holen lassen kann. Verstanden?«

Jon grunzte etwas, das andeuten mochte, er habe wohl die Worte erfaßt, den Geist davon aber noch nicht verdaut. Er fühlte sich tatsächlich tief gekränkt über diesen plötzlichen Angriff auf seine persönliche Freiheit – jawohl, tief gekränkt; und so machte er Marcellus nicht darauf aufmerksam, daß dieser eine kleine Marmorvenus verloren hatte, als sich der hochgewachsene und geschmeidige Bankbeamte in der Richtung der Orakeltür entfernte. Die kleine Mascotte lag unbeschädigt auf einer Matte aus imprägniertem Papyrus, und Jon hob sie auf und kehrte damit in seinen Winkel zurück. Da saß er nun und spielte damit, als Elina eine halbe Stunde später auftauchte, um beichten zu gehen, und dieser Umstand war die Veranlassung, warum Elinas langgehegter Wunsch in Erfüllung ging, ihren Geliebten zu treffen.

 

Nach der Meinung des Plinius war die Erfindung der Segelschiffe eine höchst verwerfliche Beleidigung der Naturordnung. Für seine Frömmigkeit wäre es eine harte Probe gewesen, wenn er in der folgenden halben Stunde mit dem alten Orakel-Paetus, dem Isispriester Zachlas und dem weltberühmten Erfinder des Weihwasserautomaten, dem riesengroßen Heron, in der Ecke hinter eben diesem Automaten gesessen hätte. Dieses berühmte Kleeblatt hatte die kleinen Ägypter in dem Augenblick abgelöst, wo diese hineingerufen wurden, um bei der Festmesse zu assistieren, und Jon hatte sich vor ihnen auf eine Matte gesetzt, weil er Weisheit ergattern wollte. Während das spröde Plätschern seinen – trotz des Plinius – einfältigen Gesang hören ließ und davon kündete, daß die Menschen des Wassers bedürften, das »die Sünden abwäscht«, diskutierte man weiter hinten über die verwickelten Methoden, wie man den Schwachheiten des Körpers begegnet. Die direkte Ursache, warum man auf dieses Gebiet geriet, war das Wunder, das sich eben erst im Heiligtum des Äskulap zugetragen hatte. Ein Blinder mit Namen Gaius hatte den Orakelspruch erhalten, er solle am Altar beten, darauf von rechts nach links den Altar umschreiten, die fünf Finger auf den Altar legen, dann die Hand erheben und sie auf die Augen pressen. Und – wie man noch heute nach achtzehnhundert Jahren auf einer Tafel lesen kann – hatte er richtig in Anwesenheit des Volkes sein Augenlicht wiedererlangt.

»Was wendet ihr daheim in der Sandalenmachergasse gegen den Star an?« so fragte Paetus den Jon, denn er meinte, es sei jetzt von den Leuten auf der Insel genug Wesens gemacht worden.

»Die Magier sagen: das Hirn eines sieben Tage alten jungen Hundes«, fing Jon an.

»Geschwätz!« knurrte Paetus. »Nein, nimm die Asche eines Wiesels, mein Sohn! Was habt ihr gegen Geschwüre genommen?«

»Storchenmagen, in Wein aufgelöst, oder alten Schaftalg mit Asche von Frauenhaar zusammengeknetet!« antwortete der Junge.

»Hm! hm!« grunzte Paetus. »Das ist die Kur des Galen. Und gegen Wassersucht?«

»Das Herz einer lebenden Schlange, mit der linken Hand herausgerissen!«

»Hm! hm! Und gegen Fieber?«

»Ach, vielerlei. Maecius hat oft die Schnauze und die Ohrenspitzen einer lebendigen Maus in einem rosafarbenen Tuch angewendet!« erwiderte Jon schlagfertig.

»Vier Glieder von einem Skorpionschwanz, in ein schwarzes Tuch gewickelt, wirken besser!« widersprach Paetus. »Und gegen die Gicht? Maecius hat ja einen guten Namen als Gichtarzt.«

»Gicht und Leichdörner vertreibt man mit Mehl, das in Honig und Öl gerieben wird«, antwortete Jon geduldig, und die Antwort belebte den Alten sichtbar.

»Das ist richtig!« brummte er. »Wir wollen das gute Alte nicht verachten! Was für unsere Vorfahren gut genug war, darüber brauchen wir nicht die Nase zu rümpfen!«

Mit diesem angreifbaren Räsonnement schloß er die Unterredung und ging, den Empfang der Gäste vorzubereiten, Jon aber setzte sich wieder und lauschte auf die Laute aus der Stadt. Hinter allem lag das große Brausen, dessen Zusammensetzung niemand kennt – Fußtritte, Reden und Gegenreden, Gelächter, Maultiergeschrei, Flügelschläge, Pauken und Trompeten. Darüber gleichsam reliefartig gleich unten vor dem Tempel der Baß des Kranzbinders Juninianus, hart bedrängt von den Rufen seines Freundes Tausendschön, der die Bitte, seine Tauben ja nicht zu vergessen, an Damen richtete, deren Seidenhüte mit magischen Stickereien verziert waren. Darein mischten die Frauen, die auf Gebot des Senates an diesem Festtag die Tempeltreppen mit ihrem Haar fegten, das Gejammer, mit dem sie diesen ihren Einsatz gegen Pest und Elend begleiteten. Aus allernächster Nähe aber hoben sich die Stimmen des Heron und des Zachlas wie körperlich aus dem Tönegewirr hervor – die des Erfinders voll und elastisch, die des Priesters von seinem Fett halb erstickt.

»Danach ist die Anzahl der Statuen in Rom unter unserem Kaiser Marcus von dreitausendsiebenhundertfünfundachtzig auf viertausendzweihundertelf gestiegen«, stöhnte Zachlas.

»Ist es denn möglich!« sagte Heron. Ohne hinzublicken, konnte sich Jon den Ausdruck seines Gesichts genau vorstellen und den des Zachlas ebenso. Aber es war unglaublich heiß.

»Mein Gott, und wozu nur?« fragte der Erfinder.

»Tja!« sagte der Priester.

»Hat es irgendeinen Wert, Denkmäler zu errichten, Kleiner?« rief Heron zu Jon hinunter, der seinen Kopf auf dem einen Arm ruhen ließ, mit der freien Hand aber mit der Mascotte spielte.

»Denkmäler heißt einen Balken im Wasserfall des Anio aufhalten!« antwortete der Junge, einen Ausspruch des Barbellion beinah wortgetreu zitierend.

Der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen und einer überragenden Begabung ist, daß jene dahingegangene Weise zitiert, diese solche der Zukunft. (Wie jedes Kind weiß, ruht die Größe des Horaz wesentlich darauf, was er von Shakespeare gestohlen hat.) Die Wahrheit zu sagen, war dieser tiefsinnige Spruch eine in der Bibliothek des Friedenstempels gepflückte sympathische Unkrautstaude, und Heron zeigte seine starken Zähne in einem wiedererkennenden Lächeln.

Die Laute von draußen krochen wieder heran. Die Rufe des Kranzbinders, der seinen Vorrat vermutlich ausverkauft hatte, waren nicht mehr zu hören. Tausendschöns Stimme erklang von Zeit zu Zeit, jetzt aber seltener, da ihn wohl hie und da Käuferinnen mit Beschlag belegten. Die Hitze flimmerte bis unter die Bogengänge herein, und das hinsterbende Gejammer der treppenfegenden Frauen wurde von drei kurzen, harten Stößen in eine Priestertrompete gleichsam mit der Keule erschlagen. (Nur Horus war imstande, diese Virtuosennummer auf einem Instrument aus Bein und Metall auszuführen!) Danach kamen die flackernden, wogenden, ohrenzerreißenden Fanfaren der Glastrompeter und endlich die kleine, dreimal wiederholte Skala auf dem Widderhorn, das Hephaistion, Kleons sechsjähriger Bruder, als Geschenk von dem Schauspieler Paris erhalten hatte, und dem er bereits beinahe übernatürliche Töne zu entlocken verstand. Jon achtete nach alter Gewohnheit auf die Bedeutung jedes einzelnen Lautes: dies war das festliche erste Signal zum Beginn der Isis-Festmesse, das nächste würde den Beginn der Beichte verkünden, das dritte wäre die endgültige Einleitung des Gottesdienstes, aber dieses würde auch verkünden, daß die Zeit gekommen sei, wo Jon dem Paetus bei der Versiegelung der Orakeltafeln helfen müßte.

Orakeltafeln ... Öffnen ... Antwort ... Versiegeln ... Orakeltafeln ... Jon war im Einschlummern, als eine Kraft, die stärker war als alle Laute, ihn hellwach machte. Das war ein Parfüm, ihm besser bekannt als die Tempelsignale und Tausendschöns eintönige Stimme. Dieser Duft legte sich ihm auf die Brust wie eine Katze, die einem den Schlaf in Alpdrücken wandelt, und verhinderte ihn, seinen ersten Gedanken folgend die Arme zur Abwehr zu erheben; aber zugleich wußte er genau, was geschah: eine üppige und behende Dame mit großen Lachgrübchen – die nicht lachten –, in der schneeweißen Leinentracht der Isisgemeinde, beugte sich über ihn, sich die kleine Marmorvenus zu sichern, die ihm einen Augenblick vorher aus der Hand gefallen war. Und schließlich erklang auch ihre Stimme. Auf sie zu warten, war schlimmer, als in einen Schlammgraben zu fallen. Die Stimme war, wie gewöhnlich, etwas lispelnd, aber wider Erwarten nicht zornig.

»Lieber Jon!« sagte sie. »Woher hast du das?«

Pomona hätte gesagt: »Tu doch nicht so, als ob du schliefest!« Und Jon hatte erwartet, durch ein langsames und sorgsam durchgeführtes Erwachen Zeit zu gewinnen. Dies wurde durch Elinas praktische Methode verhindert, und sie wiederholte:

»Ich bin in Eile, lieber Jon. Sag mir, woher du das hast!«

»Bekommen!« antwortete Jon träge; aber ehe er Zeit fand, nachzudenken, stand er – ausschließlich infolge eines kräftigen Zerrens an seinem Nacken und Arm – aufrecht vor Elina, die fortfuhr, ihn zu schütteln.

»Du lügst! Von wem hast du das bekommen?« rief sie.

»Na ja, eigentlich hab' ich das Ding gefunden!« so wagte sich die Wahrheit schüchtern hervor.

»Und wo – wenn ich fragen darf?«

»Hier auf der Matte!« antwortete der Junge etwas lauter, als unbedingt notwendig gewesen wäre.

»Und wann, du Unglücksjunge?«

»Heute, vor ... vor ... vor einem Augenblick!«

Der Junge war im Begriff, wütend zu werden, und so wirkten seine Worte glaubhaft.

Elina wurde nun wieder ruhig und fragte: »Hast du Marcellus gesehen?«

Ohne zu antworten, führte Jon seinen Daumen an die Vorderzähne und nahm ihn gleich wieder weg. Doch reute ihn dieses Leugnen sofort wieder, und er deutete mit einer Kopfbewegung in der Richtung des Orakels.

»Dort drinnen ist er und wünscht ein Orakel. Er hat das Ding da verloren.«

»Und du hast es ihm nicht wiedergegeben!« Elina hielt inne mit Vorwürfen, und ihre Stimme schlug in einen Ton um, dessen Liebenswürdigkeit in starkem Gegensatz zu der seitherigen Energie stand.

»Liebes Jonchen, ach, sei doch so gut und sag Marcellus, er soll nach den Mysterien beim Festkalender auf mich warten! Ich danke dir. Du bist immer ein guter Junge gewesen. Das heißt, du bist immer ein böser Junge gewesen. Warum kommst du nicht mehr und besuchst uns? Wenn du wüßtest, wie die arme Julia auf dich gewartet hat!«

Hätte Elina geahnt, daß Jon diese ganze Komödie durchschaute, dann hätte sie sie wohl wesentlich anders komponiert; aber in mancher Hinsicht war sie blind wie eine Eule um Mittag. Jetzt spielte sie ihre Rolle zu Ende: sie lachte mit beiden Lachgrübchen und wiederholte:

»Also vergiß nicht: beim Festkalender, nach den Mysterien. Ich finde dann schon etwas, was dir Freude macht!«

Damit zog sie ihre Sandalen aus und ging barfuß nach den Isissälen. Das zweite Hornsignal rief, die Beichtkinder sollten kommen: Jetzt – jetzt – jetzt! – Und dann noch ein dreifaches Jetzt! aus dem Widderhorn des kleinen Hephaistion für Isis-Osiris und Horus.

Als Jon hinging, Marcellus den Wink zu geben, klangen andere noch kräftigere Signale und Fanfaren von dem Platz herein, wo eine Prozession aus dem Tempel der Stadt ohne Aufhören die Götter anrief, daß »diese Stadt und dieses Reich bestehen möchten, bis das Eisen auf dem Meer schwimmt und die Bäume aufhören, im Frühling zu blühen!«

 

Swinburne hat sich einmal zu der Qualität der Feinde gratuliert, die er in seinem Leben hatte. Seither hat schon mancher diesen Glückwunsch an die eigene Adresse wiederholt, und Marcellus hätte das im Vorhinein tun können, wenn er gewußt hätte, mit welchen Gefühlen der Oberpriester im Isis- und Serapistempel der dritten Region ihn betrachtete.

Biquesa war nicht der Erste Beste. Biquesa war ein Gedicht wert. Wenn von Caecilia gesagt wurde, sie sei eine Seele, verbleibt man in dem dadurch eingeführten Vorstellungskreis, wenn man sagt, Biquesa sei ein Gedanke. Dieser Gedanke hieß Isis und Serapis. Wie ein Bauwerk, in dem jeder Stein, jeder Balken und jedes Stück Eisen die Initialen des Baumeisters trägt, trug jede Stimmung, jedes Gefühl, jeder Gedanke und jede Tat bei ihm unverkennbar das Zeichen I und S. Wenn sein Wesen sich in einer Art äußerte, die als Eitelkeit, Berechnung, Geldgier oder Willkür gedeutet werden mußte, so waren die Eitelkeit, die Berechnung, die Geldgier und die Willkür Dinge, die dem Tempel angehörten und diesem dienen sollten. Er war, was die jüdischen heiligen Bücher, und die seines Tempels ebenso, einen gerechten Mann nennen – ein Mann, der sich alles Eigenen entäußert und sich dafür mit einem Willen erfüllt hatte, dessen Gesetz das Recht und dessen Recht ihm Gesetz war.

Biquesa! Am Ende des Hauptganges im Tempel befand sich ein Bild, so alt wie das Gebäude selbst, das Richter ohne Hände und mit geschlossenen Augen darstellte. »Denn«, so wurde den Lehrlingen der Priesterschule gesagt, »die Gerechtigkeit kann ebensowenig empfangen, wie sie geben kann!« Dies war Biquesa – schematisch wie die Gerechtigkeit, gefürchtet wie die Gerechtigkeit. Und wenn seine Stimme wie Donner oder wie dumpfer Trommelwirbel vom Hochaltar das majestätische Wort durch den Raum rollen ließ: » Ich bin alles, was war und noch ist und sein wird, und meinen Mantel hat noch kein Sterblicher aufgedeckt!« – dann klang die Antwort der Gemeinde viel bebender, als da dieselben Stimmen kurz zuvor mit demselben Wort das höchste Wesen – das Weltall – angerufen hatten. »Amun!« klagte es unter den wunderbaren Dekorationen der Decke, und »Amun!« klirrten die gläsernen Stimmen der Messejungen, und »Amun!« verhallte das Echo im Raume dahinter. Das war ein Schauer von Ehrfurcht. Es war wirklich der Allschöpfer, den man begrüßte. Und wenn Biquesa danach mit unbarmherzigen Worten seine Anklage gegen die Sünde hinausschmetterte, da war es die große Macht, die da donnerte. So war Biquesa.

Biquesas Gerechtigkeit hatte den kleinen Fehler, der jeder Gerechtigkeit anhaftet: Er wäre bis ans Ende der Welt gegangen, ein Unrecht zu sühnen, das sein Tempel vielleicht begangen hatte; aber er hätte sich – wenn es sein mußte – bis in die Hölle geschleppt, ein Unrecht zu rächen, das gegen diesen Tempel begangen worden war – oder gegen ihn selbst, was auf das gleiche herauskam.

Die Sache Isis-Marcellus hätte richtiger die Sache Biquesa-Elina heißen sollen. Es handelte sich dabei um verletzte Eitelkeit. Daß die Sache fast ein Dutzend Jahre zurücklag, spielte hier, wo nichts vergessen wurde, keine Rolle, denn Gerechtigkeit ist zu neunzig Prozent Gedächtnis und Mangel an Vergeßlichkeit. Die ganze Geschichte kann in vier bis acht Sätzen erzählt werden:

Biquesa, der damalige Oberpriester, war durch das Heiratsbüro des Hermias mit Elina in Verbindung gekommen, und die Dinge schienen sich recht artig anzulassen. Indessen sprang Elina noch rechtzeitig mit ihren Lachgrübchen, den verführerischen Augen und dem kleinen Vermögen des Tapezierers aus dem Wagen und verband sich mit dem ebenso überraschten wie glücklichen und ängstlichen Nig. Als Beweis für ihre unverändert freundschaftlichen Gefühle verblieb sie in der ägyptischen Gemeinde, und bald darauf verheiratete sich Biquesa mit dem unschuldigen Kind eines wohlhabenden Gutsbesitzers in der Nähe von Tibur. Das war der ganze Konflikt – ein ungewöhnlich schlapper Konflikt, von dem außer den beiden niemand etwas wußte, ausgenommen Hermias (Hauptgrundsatz der Firma: Diskretion – unverbrüchliche Diskretion!). Aber für Biquesa war die Welt seit jener Zeit anders gefärbt. Nicht er war verschmäht worden – nichts wäre gleichgültiger gewesen –, nein, aber das Heiligtum des Tempels, die Würde des Amtes waren eines Mannes wegen beiseite gesetzt worden, der Kleidungsstücke verkaufte. Dieser Gedanke war grotesk in seiner Ungeheuerlichkeit, entsetzlich in seiner Blasphemie.

Man wird vielleicht der Meinung sein, es könnte in diesem Mann, der eine Idee war, ein bißchen Liebe erwacht sein. Eine solche Vermutung beweist, daß unsere Schilderung Biquesas schlecht oder mangelhaft gewesen ist. Von der Liebe erzählt Plato irgendwo, die Armut, die keine Kinder hatte, habe sich zu dem Reichtum gelegt, als dieser schlief; sie sei durch ihn schwanger geworden und habe dann die Liebe geboren. Ein schöneres Bild läßt sich kaum denken. Aber die Gerechtigkeit ist weder reich noch arm – sie kann weder bitten noch geben, und sie kann niemals an der Erzeugung von Liebe beteiligt sein. Und in diesem Tempel, der der Heiligen Mutter und der Fruchtbarkeit und der Liebe geweiht war, aber von der Gerechtigkeit beherrscht wurde, nahm Biquesa Monat um Monat, Jahr um Jahr der Elina die Beichte ab. Und auch nicht durch den Schatten eines Zuckens verriet sein Gesicht, daß er geduldig auf eine Gelegenheit wartete, seinem Heiligtum die Sühne zu verschaffen, die ihm zukam.

Und auch nicht durch den Schatten eines Zuckens verriet er an jenem Tag, daß er seit dem letzten Besuch seines schönen Beichtkindes Nachricht über ein Verhältnis erhalten hatte, dessen Entwicklung er mit Spannung entgegensah – über Elinas Verhältnis zu Marcellus. Vor vierzehn Tagen hatte die Wut den Taubenhändler Listillus mit dem Nachtauge, alias Tausendschön, übermannt. Die Entrüstung war an jenem unseligen Muttertag angefacht worden, da Elina ihn in ihrer kurzatmigen Verbitterung aus der Küche wies. Diese Demütigung kostete ihn den Schlaf mehrerer Nächte, und um nicht vor Wut zu platzen, entschloß er sich, endlich einmal seine Rache ins Werk zu setzen. Als Mitglied der Isis-Gemeinde wurde er, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, von Biquesa empfangen. Dieser hörte ihn ohne ein Zeichen von Interesse an; aber Biquesas Gesicht war, wie bekannt, keine Plaudertasche. Als Tausendschön mit seinen Beobachtungen in Nigs Küche fertig war, fragte der Oberpriester höflich:

»Elina pflegt dir Freundlichkeiten zu erweisen?«

Die gewesene Lagerlaus mußte das brummend zugeben.

»Warum dann dieses?« hatte Biquesa gefragt, und Tausendschön hatte mit nichts anderem zu antworten gewußt als einem nicht sehr glaubwürdigen Gemurmel von den Verpflichtungen, die einem die Zugehörigkeit zur Gemeinde auferlege. Gleichzeitig hatte er das peinliche Gefühl gehabt, daß von dem Priester her entschieden etwas wie Spott gegen ihn ausströme; aber Biquesa hatte die Unterredung damit abgeschlossen, daß er den Finger erhob und sagte: »Geh hin in Frieden!«

»Abi in pace!« Das war für den Augenblick die sehr magere Ausbeute; und dennoch verschaffte sie Tausendschön Ruhe. Von jenem Tag an schlief er wieder normal, verdaute erträglich und brachte erneut Gleichgewicht in seine Abendgedanken, wenn er auf seinem Bette lag und an die Zimmerdecke über sich hinaufspuckte.

 

Die Lehre, daß unsere Taten wieder zu uns zurückkehren als Früchte, die zu verzehren wir gezwungen sind, ob sie nun bitter schmecken oder süß, kann richtig oder falsch sein; aber jedenfalls ist sie anschaulich und als moralisierende Pädagogik von Nutzen. Und sie war die Voraussetzung für die sieben kleinen Kioske, durch deren Schalltrichter die Priesterschaft die Bekenntnisse der Gemeinde entgegennahm.

Als Elina hereinkam, hatte die Prozession der Priester diese kleinen Kioske erreicht, und jeder von ihnen stellte den symbolischen Gegenstand, den er in der Hand trug, auf das kleine Bord über dem vorhangverhüllten Gitter. Der erste trug eine hellschimmernde goldene Lampe in der Form eines Schiffes, in dessen Mitte eine breite Flamme in die Höhe stieg, der zweite hielt in beiden Händen Altäre, Hilfsaltäre genannt, weil die Göttin sich diesen besonders gnädig erwies, der dritte trug einen goldenen Palmzweig, der vierte das Symbol der Rechtschaffenheit, nämlich eine linke Hand mit ausgestreckten Fingern, der fünfte eine goldene Schale von der Form einer runden Brust, worin er Milch opferte, der sechste ein Sieb, aus goldenen Stäben geflochten, und der letzte einen Wasserkrug. Nachdem alle diese Gegenstände an ihren Plätzen waren, setzten sich die Priester gleich sieben großen zahmen weißen Krähen auf ihre Stangen, um auf die Beichte unseliger süßer Taten, die bittere Früchte trugen, zu lauschen.

Elina kniete vor Biquesa auf dem Schemel. Mit den nackten Zehen nahm sie die Kühle des Steinfußbodens in sich auf und lauschte auf das leise Schluchzen der Sünder zu beiden Seiten. Meist waren es Leute aus dem melancholischen Ghetto jenseits des Flusses – ehrbare Leute mit zerzausten und verkümmerten Sünden. Es waren Leute, die in schlauer Einfalt mit Schmutz und Geld in derselben Hand zum Heiligtum kamen und dann leer und getröstet heimgingen. Sie waren kleine Nagetiere aus dem römischen Dschungel.

Elina mit den pomadisierten Haaren, die von einem unsichtbaren Netz gehalten wurden, und mit den zu stark zinnoberrot gefärbten Lippen kniete immer noch gleich einer roten Blume vor dem Schleier des Beichtstuhles. Ihre Gestalt wurde durch in Pech getauchtes Rebenreisig, durch Fackeln aus Werg oder Wachs von allen Seiten beleuchtet, und unruhige Schatten fuhren über sie hin. Sie hatte ihre monatliche Sündenernte hergetragen, die nicht aus schweren Garben bestand, sondern eher aus einem koketten kleinen Büschel von Gewürzkräutern, und sie wartete auf die rituellen Fragen des Oberpriesters. Endlich kamen sie.

»Ist das alles, meine Tochter?«

»Alles, dessen ich mich erinnere, so wahr mir Minerva gnädig sei!«

»Du hast nichts Wachsendes geknickt und keine Quellen verstopft?«

»Bei der Heiligen Mutter – nein!«

»Du hast nichts von dem, was den Göttern teuer ist, am Leben verkürzt?«

»Vater, von dem allen habe ich nichts getan!«

Jetzt hätten die Fragen zu Ende sein und der Segen hätte gegeben werden sollen. Statt dessen schwieg die Stimme drinnen eine Weile, und dann fragte sie, jedes Wort einzeln betonend:

»Meine Tochter, manche Frauen begehen Taten, die sie vor ihren Ehegatten geheimhalten müssen; du aber ...?«

Diese unerwartete Frage brachte Elina aus der Fassung, und sie schnappte nach Luft.

»Du zögerst?« sagte der Priester mit demselben Nachdruck. Elina hatte sich jedoch inzwischen wiedergefunden. Sie antwortete:

»Ich gehöre nicht zu diesen Frauen, Hochehrwürdiger!«

Biquesa, der seine Wirkungsmittel genau kannte, ging nicht sofort weiter; aber als seine Stimme wieder durch den Schleier drang, hatte sie es mit gewissen Leuten gemeinsam, daß sie gleichsam mit Stacheln von Freundlichkeit besetzt war. Er sagte:

»Mein Kind! Die Zeit wird kommen, wo du keine Freude mehr daran haben wirst, dich im Spiegel zu sehen; und dann wird deine Reue nicht mehr wert sein als deine Schönheit. Bedenke, ehe es zu spät ist, daß unsere Taten zu uns zurückkehren! Alles kehrt zurück!«

»Vater, ich schwöre ...!« stöhnte Elina.

»Noch nicht, Kind!« bat Biquesa. »Du weißt ja, wir sagen von den Bienen, daß sie meinten, die Lupinen würden ihretwegen gesät; Frauen denken zuweilen wie die Bienen, daß die Freuden dazu geschaffen seien, ohne weitere Gedanken genossen zu werden. Aber auch die Freuden müssen wir kaufen – jedes Ding hat seinen Preis.«

»Vater!« stöhnte Elina wieder.

Die Stimme des Priesters bekam nun einen leichten Beiklang von Drohung: »Vergiß das eine nicht, mein Kind: jedes einzelne Haar wirft einen Schatten!«

»Aber ich schwöre ...!« Elinas Stimme war wie in Angst ertränkt; und ohne es zu wissen, hatte sie sich halb aufgerichtet. Aber in diesem Augenblick reichte ihr der Oberpriester in der geballten Hand einen Gegenstand heraus, und seine Stimme sagte gebieterisch:

»Gut, so schwöre denn! Nimm diesen Kieselstein, der aus dem Tempel des Jupiter Feretrius geholt ist, und sprich mir nach ...!«

Halb bewußtlos griff Elina nach dem Stein. Wieder kniete sie auf dem Schemel, und ihr Gesicht stand weiß wie eine Gipsmaske um die allzu roten Lippen.

Der Priester sprach ihr ohne Barmherzigkeit vor: »Die Götter mögen mich zu Boden fallen lassen ...«

Zögernd sprach Elinas Stimme nach: »... zu Boden fallen lassen ...«

»... so, wie ich diesen Stein fallen lasse ...«

Ihre Stimme bebte vor Entsetzen: »diesen Stein fallen lasse ...«

»... wenn meine Worte etwas anderes sind als die Wahrheit!«

Der Schlag des Steines auf den Boden übertönte den schwachen Schrei, in den dieser letzte Satz ausmündete. Rasch hielt ihr Biquesa das Sistrum hin, das heilige Instrument, und sie küßte es. Dann segnete er sie mit dem sonderbaren Segen, der mit der Ermahnung schließt: »Folge dem Wasserlauf, und du kommst ans Meer!«

Endlich begann der Gottesdienst.

 

Elina sah für den Rest des Tages ihre Umgebung gleichsam wie durch ein Schlüsselloch, und mitten in ihrem Gesichtsfeld schwebte Biquesas Elfenbeinkopf. Ihr erster Gedanke war, den Gottesdienst zu verlassen, aber da sie von Natur zu den klugen Ratten gehörte, die die Lockspeise aus der Falle nagen oder diese ungefährdet zum Einschnappen bringen, schob sie diesen Gedanken von sich und blieb einzig und allein, weil sie sich ein Alibi, oder doch wenigstens nicht das Gegenteil davon, schaffen wollte; aber sie nahm ihren alten, etwas zu sichtbaren Platz mit der tapferen Blässe ein, die den Ungeübten kennzeichnet, der zum erstenmal einen Löwenkäfig betritt.

Als das Fest begann, war der Tempel von weißgekleideten Andächtigen fast ganz erfüllt. Wenn die Sache wissenschaftlich untersucht werden könnte, würde es sich wohl zeigen, daß es der schöne Stil dieser Feste, vereint mit der magischen Wirkung der Musik, war, was Elina jahrelang an die Versammlung gefesselt hatte. Alle, Priester wie Laien, trugen dichtanschließende Gewänder von schimmernder weißer Leinwand, die bis zu den Füßen hinunterreichten; und als der festliche Aufzug von außen hereinkam, teilte sich die Schar der Andächtigen wie eine Schneewehe vor dem Schneepflug, während alle mit Händeklatschen und Jo-Rufen ihren Beifall kundtaten. An der Spitze ging ein Musikkorps mit Querflöten und Kitharen aus Gold, Silber und Messing. Dem Musikkorps folgten die Jungen, diese ernsten kleinen Männchen, die nicht den Wunsch normaler Jungen teilten, in barbarischer Unwissenheit aufzuwachsen, sondern von Geburt an aus vollem Herzen die verschiedenen Zwangsjackenmuster des Tempels genossen. Zusammen mit den Kastraten, die der Göttin geweiht waren, sangen sie einen Wechselgesang über das beschädigte Auge des Horus (was die poetische Umschreibung für den Neumond war), und ihre Stimmen klirrten wie die Glasscheiben eines Geisterbeschwörungsapparats, der draußen im Sommerwind hängt. Gleich darauf sah man die Göttin selbst, die sich dazu erniedrigte, auf Menschenfüßen daherzukommen, und hinter ihr erhob Anubis seinen schrecklichen steifen Hundenacken – bald mit einem schwarzen, bald mit einem vergoldeten Gesicht. In der linken Hand hielt er eine Gabel, in der rechten einen Palmenzweig. In seinen Fußstapfen folgte ihm eine Kuh in aufrechter Stellung, die auf ihren Schultern einen gestikulierenden Priester trug. Ein anderer Priester trug einen Korb mit den allergeheimsten Geheimnissen, und ein dritter eine goldene, mit Hieroglyphen bedeckte Urne, um deren Ausguß sich eine Schlange wand.

Elina sah das alles, ohne es eigentlich zu sehen. »Wenn ich doch schon längst ein wenig gebeichtet hätte!« dachte sie. »Nun, auch die Phrygier wissen es hinterdrein besser! Man kann nicht alles voraussehen!« fügte sie als echte Römerin hinzu.

Nun kam die Opferhandlung. Der Kontrollpriester untersuchte das Tier – zuerst, während es noch stand, dann, nachdem es schon hingelegt war. Die Zunge wurde herausgezogen und auf die vorgeschriebenen Zeichen untersucht. Der Schwanz wurde in die Höhe gehoben, herumgedreht, in allen Winkeln besichtigt. Endlich band der kontrollierende Priester dem Tier eine Binde von Byssus um die Hörner und drückte seinen Ring hinein; der Abdruck zeigte einen knienden Mann mit einem Opferschwert in den nach hinten gehaltenen Händen. Denn es heißt: Wer ein unversiegeltes Opfer darbringt, ist des Todes schuldig.

»Woher kann er etwas wissen?« überlegte Elina bei sich. »Weiß er wirklich alles?« Ihr schauderte bei diesem Gedanken. »Alle diese verwünschten Mysterien!« dachte sie. »Sie sind nur dazu da, einem das Leben beschwerlich zu machen!«

Jetzt war das Feuer entzündet, Wein über das Tier gegossen worden, und die laut schallenden Anrufungen Gottes waren unter den Wölbungen verhallt. Der Kopf des Opfertieres wurde abgeschnitten und unter einer äußerst sinnreichen und langgezogenen Verwünschung verflucht und weggeworfen.

»Gott weiß, ob nicht alles nur Vermutung ist!« schoß es Elina plötzlich durch den Kopf. »Biquesa ist zu durchtrieben. Er geht ganz einfach davon aus, daß jede Frau von meinem – ä – Alter einen Geliebten hat!« Dieser Gedanke tröstete sie ein wenig; aber er hätte größere Lebenskraft gehabt, wenn sie nicht immer die achtundzwanzig priesterlichen Glatzköpfe mit Biquesas gelber Kugel in der Mitte hätte vor sich sehen müssen.

Die Opferhandlung näherte sich ihrem Ende. Das Fell wurde abgezogen, das Darmende herausgenommen, die Beine wurden an den Lenden und Schultern abgeschnitten. Der Leib wurde nun mit reinem Brot, Honig, Rosinen, Feigen, Räucherwerk, Myrrhen und anderen zweckdienlichen Sachen gefüllt. Die Verbrennung begann.

Nach Musik, Lieder- und Wechselgesang, während Elina es sich sehr wünschte, schon bei Marcellus zu sein, trat der Priester, der der Schreiber genannt wurde, mit erhobenen Händen vor die Heilige Mutter hin und betete mit lauter Stimme:

»O du Heilige! Du, die das Menschengeschlecht ewig erhält! Du, die niemals aufhört, die Sterblichen zu beschützen, sondern mit der zarten Sorgfalt einer Mutter die Schmerzen der Leidenden lindert! Ohne Wohltaten von dir vergeht kein Tag, keine Nacht, nicht der unbedeutendste Augenblick. Du stillst die Stürme des Lebens und streckst ihnen deine erlösende Rechte entgegen, mit der du das Unglück milderst und den schädlichen Lauf der Sterne aufhältst. Dich ehren die Götter der Oberwelt und die der Unterwelt. Du drehst den Erdball, du erleuchtest die Sonne, du lenkst die Welt, dein Fuß betritt den Tartarus. Dir antworten die Sterne. Durch dich kehren die Jahreszeiten zurück. Auf deinen Wink erheben sich die Winde, finden die Wolken Nahrung, keimt die Saat und wächst das Gras. Doch mein Geist ist zu schwach, dein Lob zu verkünden. Darum will ich tun, was die fromme Armut vermag: ewig will ich dein göttliches Antlitz, deinen allerheiligsten Namen in meinem Herzen bewahren!«

Und wie ein Gewittersturm, der aus schweren Wolken unversehens über die Felder niederbraust, stieg der Name des Allmächtigen in einem einzigen Ruf aus allen Kehlen zu dem Bilde auf. »Amun!« erscholl es in grenzenlosem Jubel. »Amun!« antwortete es aus dem Kollegium der Pastophoren, und »Amun!«, so hob sich die zarte Glockenstimme des kleinen Hephaistion aus den Stimmen der anderen Jungen.

Als auch diese Stimme verstummte, wurde Elina noch eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Biquesa stand auf dem hohen Rednerstuhl in der Mitte des Raumes. Als er hinaufgestiegen war, hatte Elina den Eindruck gehabt, als sehe er scharf nach ihr hin. Aber oftmals hat jeder einzelne in einer Versammlung das Gefühl, der Redner schaue gerade ihn an. Nichtsdestoweniger klopfte ihr das Herz in der Brust, wie das eines jungen Mädchens, wenn es ein paar Stunden zu spät nach Hause kommt. Aber: sei stille, mein Herz! Biquesa liest vor. Biquesa liest aus dem Formularbuch die Segenswünsche für den Kaiser, den Senat, die Ritter und das römische Volk. Biquesa formt die Worte mit seinem Mund, aber in den Worten formt er die Stille. Seine Worte handhaben diese Stille wie eine Schleiertänzerin ihren Schleier. Sie drapieren sich um sie, bis sie in weichen Falten und Schatten liegen und hervorheben oder verbergen, was hervorgehoben oder verborgen werden soll. Die Segenswünsche für »die Schiffahrt und alles, was unter der Herrschaft des Reiches steht«, werden unter seiner Macht zum Epos, obgleich die Worte vorgeschrieben und armselig genug in ihrer Zusammenstellung sind. Aus der Verwünschung der Feinde des Reiches – aller derer, die durch ein unverantwortliches Leben am Mark des Reiches zehren, der Wucherer und der Gewissenlosen wird ein Misericordia!, dessen Jammer sich drückend auf alle Gemüter legt. Aber dann kommt das Entsetzliche: die Verdammung aller Weichlichkeit, des Ehebruchs und des Meineids wird in seinem Munde ein Elina gerade ins Gesicht geschleuderter haßerfüllter Fluch. So rücksichtslos und brutal geschieht das, daß sich der dicke Viehhändler Calvisius aus der Sandalenmachergasse fragend gegen sie wendet. Und dennoch glückt es Biquesa, dem Beherrscher dieses Oratoriums, gleich mit dem nächsten Satz sogar bei Calvisius Zweifel zu erwecken, ob überhaupt etwas mehr gesagt worden sei als die vorgeschriebenen Worte. Unmittelbar darauf folgt nach griechischer Sitte die griechische Formel, die der Gemeinde gestattet, heimzugehen. Und nachdem jeder einzelne die Füße der Göttin geküßt hat, geht jeder mit grünen Zweigen in der Hand nach Hause.

 

Das Orakel war in einem kleinen dunkeln Kämmerchen zwischen dem Mysteriensaal des Paetus und den Hauptgebäuden des Isistempels untergebracht. Für gewöhnlich war dieses Loch von der Redaktion der ägyptischen Presse besetzt. Hier liefen alle Reporternachrichten ein, hier wurden die politischen Leitartikel redigiert, und hier kamen auch die fünfzig bis sechzig zweibeinigen Zeitungen zusammen, um mit dem Stoff erfüllt zu werden, der von der sechsten Stunde ab an die Gesellschaften der Oberklasse, die mondänen Gasthäuser und andere Abonnenten in der ganzen Stadt vermittelt werden sollte.

Für das Orakel sollte dieser Festtag dadurch besonders festlich werden, daß ein kaiserlicher Kurier mit Eilpost eintraf. Er kam gerade, als Marcellus seine Tafel abliefern wollte, und wurde selbstverständlich zuerst vorgelassen. Eine halbe Stunde später sauste ein Schwarm von Jungen davon, die Zeitungen aufzusuchen und ihnen frische Nachrichten vom Kriegsschauplatz zu überbringen, und noch vor dem Abend wußte die ganze Stadt, daß sich der Kaiser wieder gegen die Quaden gewandt hatte, ja sogar in ihr eigenes Gebiet eingefallen war, um sie zu zerschmettern. Zugleich erhielt man ausführliche Berichte über den Winterfeldzug, den man bisher nur in den Hauptzügen gekannt hatte. Und siehe, den Römern war es wirklich gelungen, die Jazygen zusammenzuhauen, die die gefrorene Donau südlich von Aquincum überschritten und Pannonien angegriffen hatten. Am Ufer des Flusses und nachher auf der Eisdecke selbst verdroschen die Legionen die Jazygen und ihren Anhang von germanischen, dakischen und sarmatischen Stämmen so, daß man mit Gewißheit sagen konnte, sie würden in den nächsten Jahren ausschließlich damit beschäftigt sein, ihre Wunden zu pflegen.

Es war nicht die Aufgabe des kaiserlichen Kuriers gewesen, das alles zu berichten – im Gegenteil, es war seine fundamentale Pflicht, den Mund zu halten. Aber er brachte vier Tafeln mit, von denen zwei vorerst von dem römischen Orakel aufbewahrt wurden, während die andern zwei durch Eilkurier nach Abonoteichos weitergeschickt werden sollten.

Für Alexander und Paetus war dies ein großer Triumph und eine – höchst unverdiente – Ehrung nach der Geschichte mit den Löwen vor drei Jahren. Denn obgleich es niemals zugegeben worden war, hatte diese Sache seinem Ruf doch sehr geschadet. Tatsächlich hatte der herzensgute und fromme Kaiser Marcus sich lange Zeit dagegen gesträubt, die Lieblinge der Stadt, die beiden Löwen, zu opfern. Möglicherweise befürchtete er dieser Sache wegen einen offenen Aufstand, und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß wirklich so eine Gefahr vorlag. Der kaiserliche Gesandte erklärte Alexander, daß dies unmöglich sei. Alles andere: Geld, Güter – nur das nicht! Aber der Prophet, der gern ein hohes Spiel spielte, lächelte mit ausgesuchtem Spott und sagte:

»Die Katze frißt gern Fische, aber sie steckt die Pfote ungern ins Wasser!«

Na, man erinnert sich der Geschichte. Die ganze Katze plumpste ins Wasser. Und jetzt war der Kaiser wieder da und wollte sich einige Fingerzeige für seine Tätigkeit in der nächsten Zeit kaufen.

 

Jon traf den Marcellus, wie dieser vor der Tür des Orakels auf und ab ging. Die Seele des Jungen krümmte sich noch von der Behandlung, die Elina ihm hatte angedeihen lassen. Ihre Augen waren voller Vergebung für die törichte Sache mit dem Aderlaß gewesen – als ob dabei überhaupt etwas zu verzeihen wäre! Und als er zu Marcellus kam, wurde dieser ärgerlich über Elinas Verlangen, sich beim Festkalender mit ihr zu treffen: Als ob man aus diesem Anlaß Jon mit Fug und Recht einen Vorwurf machen könnte!

»Streiten wir uns nicht um das Fell des Bären!« sagte der Junge mit müder Freundlichkeit. »Du brauchst ja einfach nicht hinzugehen!« Und damit zog er sich durch eine geheime Tür zu seiner Tätigkeit als Siegellöser für Paetus zurück. Ihm war etwas eingefallen.

Jons Aufgabe war es, Abdrücke von den Siegeln der Tafeln herzustellen, sie dann zu lösen und später durch die Kopien zu ersetzen, nachdem die Antwort auf angeblich wunderbare Weise unter die Frage geschrieben war. Nur sehr undeutliche oder verschnörkelte Siegel mußten unberührt gelassen werden, weshalb die ungelesenen Fragen auf gut Glück mündlich beantwortet wurden.

Es gab bald Arbeit genug. Nachdem der kaiserliche Kurier abgefertigt war, trat Paetus herein, munter ein kleines Schelmenlied summend und beide Arme voll Tafeln. Seine Toga war über und über mit züngelnden Schlangen bestickt – Bildern nicht seines früheren Herrn Äskulap, sondern Glykons, des Gottes, der, aus einem Gänseei geboren, im Laufe eines einzigen Tages zu einer Riesenschlange von fünf Metern Länge herangewachsen war. Paetus türmte die Tafeln vor Jon auf und kam dann mit einem neuen Armvoll wieder.

»In Zukunft mußt du mich Eminentissimus titulieren, mein Lieber! Wir sind kaiserliche Hoflieferanten geworden!« Der muntere Arzt stolzierte einmal in der Stube herum und schlug mit den Flügeln wie ein siegreicher Hahn nach dem Hahnenkampf.

»Wie wollen wir dann mich titulieren?« fragte Jon, der schon mit der ersten Tafel angefangen hatte.

»Perfektissimus selbstverständlich, naseweiser Herr Nächstkommandierender! Schreib diesen Tag zu den Glückstagen, an denen man sich verheiratet. Wenn du einmal dein eigenes Orakel eröffnest, tu es an diesem Tage!« Und der zahnlose Narr stolzierte noch einmal in der größten Glückseligkeit durch die Stube.

Inzwischen machte Jon Abdrücke von den Siegeln. Für gewisse besonders grobe Siegel machte er sich eine Form aus Gips und Buchbinderleim – das war am bequemsten. Für verwickeltere verfertigte er, was in der Fachsprache ein Kollyrion genannt wurde – eine Mischung aus bruttischem Pech, Asphalt, pulverisiertem Kristall, Wachs und Mastix. Diese Masse erwärmte er in einer Kupferkasserolle, goß sie in eine Reihe von niedrigen Töpfchen von zwei Daumen breitem Durchmesser, ließ sie zur Hälfte trocknen und machte mit großer Behendigkeit in jedes Töpfchen den Abdruck eines Siegels. Darauf schrieb er in die Ecke jeder Tafel die Nummer des entsprechenden Töpfchens, riß das ursprüngliche Siegel ab, und das Orakel konnte an seine Arbeit gehen.

Während dies geschah, befaßte sich Paetus selbst mit den beiden kaiserlichen Tafeln. Er war eben bei der Redaktion der Verse und kaute an dem Federhalter, mit dem er die Gedanken, wie sie ihm gerade kamen, auf ein Papier kratzte. Als er damit fertig war, gab er Jon einen Klaps auf die Haare, unterdrückte ein Kichern, schloß und versiegelte die Tafeln und streckte Arme und Beine von sich, bis er den Sonneneichhörnchen von dem Emblem der Mithrasverehrer glich.

»Nun, mein feiner Freund!« gähnte er dann. »Willst du mir das Tasten der Unwissenheit nach Erkenntnis verdolmetschen!«

Jon sortierte sorgfältig die Ernte in zwei Haufen, legte die Hand auf den einen und antwortete: »Diese sind für Alexander. Wollen wir sie teilen?«

»Das wollen wir. Desto leichter werden wir damit fertig!« willigte Paetus ein, worauf sie den Haufen in zwei gleich große Teile teilten und zu schreiben anfingen. Der Text lautete:

»Rat für alles, wenn ich will,
und Alexander, mein Prophet, betet für euch!«

Dieses schlaue Orakel wurde an Tagen, wo es geschäftlich heiß herging, fleißig benützt. Das hatte zwei Vorteile: es sparte Zeit und brachte doppelte Bezahlung ein, denn Alexander betete nicht gratis. Die Taxe für ein gewöhnliches Orakel belief sich auf eine Drachme und zwei Obolen, und Alexanders Gebet kostete dasselbe. Es muß jedoch gesagt werden, daß diese Summe durchaus nicht Reinverdienst war; denn es gab große Kosten für die Helfer, Aufwärter, Anmelder, Orakelschmiede, Kassierer, Obsignatoren und Exegeten, welch letztere den geistig Armen bei der Deutung der Orakel beistanden. Aber, wie Alexander selbst zu seinem Schwiegervater, dem kaiserlichen Hofmann, zu sagen pflegte: »Krumen sind auch Brot, und man bekommt doch etwas zu essen.«

Diese Gruppe zu erledigen, nahm nicht viel Zeit in Anspruch, und als Paetus sein letztes Punktum gesetzt hatte, legte er die Beine auf das Schreibpult, sich so von dem Jungen die nächste Abteilung vorlesen zu lassen.

Jon fing unverzüglich mit der Vorlesung an:

»Hier ist einer, der fragt, ob er glauben darf, was ihm seine Liebste gesagt hat.«

»Was soll man antworten, Perfektissimus?« fragte Paetus.

»Ich antworte: ›Was eine Frau dem Geliebten erzählt, das schreib in den Wind und ins rinnende Wasser‹ – das ist vielleicht sehr gut. Wenn er schon einmal zweifelt, hat er gewiß Grund dazu.«

»Kann man unsern Gott Glykon Catull zitieren lassen?« überlegte Paetus.

»Catull kann ja von Glykon inspiriert gewesen sein, als er den Vers machte!« schlug Jon vor.

»Na ja!« gab der Alte zu. »Kann schon gehen!«

Jon fuhr mit dem Vorlesen fort. »Da ist wieder mal L–liebe ...!«

»Frühling am Tiber!« warf der Prophet-Agent ein.

»Der Sohn unseres Nachbars hat mir viel Aufmerksamkeit erwiesen. Kann ich mich darauf verlassen, daß er mich liebt ... Dasselbe Blech! Ich antworte: ›Wie der Wolf das Lamm liebt.‹«

»Tu das, Perfektissimus!«

»Jetzt kommt da einer mit einer andern Frage – Herkules steh uns bei –, hör nur! Warum treibt mich meine Unrast von Lehrer zu Lehrer, so daß ich keinen Nutzen von meinen Studien habe? Das mußt du übernehmen!«

»Wenn du nichts Besseres weißt, kannst du schreiben: ›Wer kein Geld hat, kommt schnell durch die Wirtshäuser!‹«

»Dann kann ich ja gerade so gut sagen, daß er ein Dummkopf ist!«

»Es gibt etwas, was Takt genannt wird, mein Sohn!«

»Na ja! – Du, Paetus, manchmal glaube ich, sie halten uns für Narren.«

»Nicht, wenn sie eine Drachme und zwei Obolen zahlen müssen, Söhnchen!«

Jon unterwarf diese Behauptung einer Prüfung, und da er sie nicht sofort entkräften konnte, ging er weiter: »Hier ist endlich einer, der die Sache praktisch anpackt: ›Wer gibt mir dreißig Prozent für mein Erspartes?‹«

»Warum gerade dreißig? Es ist etwas Bedenkliches um solch eine anmaßende Genauigkeit!«

»Vielleicht ist es ein Galiläer«, meinte Jon. »Übrigens kenn ich jemand, der es tut!«

»Wenn du Provision bekommst, teilen wir!« setzte Paetus fest. »Aber was ist das für ein Wucherer, der dreißig Prozent geben kann? Ich selbst kriege selten mehr als achtzehn.«

Jon nickte bestätigend mit dem Kopf. »Es ist Caecilius Jucundus daheim in unserer Gasse. Er wird meist Trochylos genannt.«

»Gut. Es ist übrigens gegen unsere Grundsätze, direkte Reklame zu machen, jedenfalls Gratisreklame; aber ... ausnahmsweise einmal. Schreib – wir wollen es mit einem kleinen Vers versuchen:

›In die Sandalenmachergasse begib dich vertrauend,
Glaube mir: Trochylos kann, wenn er will, und erwartet dein Kommen!‹

Helden und Dämonen, was für ein Vers! Es ist ja zum Heulen, daß der für eine Drachme und zwei Obolen fortgehen soll! Das Nächste!«

Jon legte eine Tafel beiseite und ergriff also die nächste. »Jetzt kommen wir aus der Traufe in den Regen. Hier ist einer, der wissen will, wie es Epikur in der andern Welt geht.«

Paetus unterbrach ihn gereizt – er war nah daran, vor Gereiztheit das Gleichgewicht zu verlieren – und rief: »Das verfluchte Epikureerpack! Ja, es soll erfahren, wie es diesem Oberschwein geht. Schreib:

›Schwer in eiserne Ketten geschlagen, so steckt er im Miste
hoch bis über die Ohren hinauf!‹

Hä – Epikur! Ich will ihnen ihren Epikur versalzen! Hast du verstanden?«

Etwas, was so deutlich ausgedrückt war, hätten sogar Theon, Kleon, Serenus und Hephaistion mit Leichtigkeit verstanden, und Jon verlor darum keine Zeit mit einer Antwort. Er ging noch ein halbes Dutzend Tafeln durch, und schließlich blieb dann eine zurück, an die er sich beinahe klammerte. Die Zeit in die Länge zu ziehen, fragte er mit einer etwas gesuchten Anknüpfung an den bereits überstandenen Wutanfall des Paetus:

»Warum sind wir so furchtbar wütend auf die Epikureer, Eminentissimus?«

Der Alte grinste bei dieser ersten Anwendung seiner feierlichen Titulatur und sagte: »Warum sind die Fliegen wütend auf die Fliegenklatsche, Perfektissimus Minor? Das ist die eine Seite der Sache, aber dahinter kommt noch was Ernsthafteres!« Sein Gesicht zog sich zu einem salbungsvollen Ausdruck zusammen. »Sie verhöhnen die Götter. Jon, mein Junge, wie es dir auch immer gehen mag: halte dich jederzeit den Gottlosen fern. Besonders den Epikureern, aber den Galiläern auch. Es kommt nichts Gutes bei dem Verkehr mit ihnen heraus.«

Jon wand und krümmte sich wie ein Aal auf der Pfanne. »Du, Paetus, da ist noch eine Tafel!« sagte er endlich.

»Tod und Hölle, muß das eine Tafel sein!« wieherte Paetus. »Du führst dich ja auf, als ob es ein eben aus dem Ofen gezogenes Brot wäre!«

»Es stehen nur drei Worte darauf!«

»Also wahrscheinlich um dreie zuviel. Ist es etwas Unanständiges, weil du dich nicht damit herauszurücken getraust?«

Jon machte einen Anlauf: »Es ist merkwürdig – da steht nur: Caecilia oder Elina?«

Paetus ergriff die Tafel mit geheucheltem Erstaunen. »Bei dem Beschützer aller Hunde – du sprichst die Wahrheit!« rief er. »Da steht wirklich: Caecilia oder Elina! Gib ihm den Rat, er soll die schönere nehmen!«

»Aber wenn nun beide gleich schön sind?«

»Dann soll er die nehmen, die am wenigsten Hühneraugen hat. Es ist eine gute Vorbedeutung, wenn eine Frau ihre Zehen in Ordnung hält.«

All dies wäre recht lustig anzuhören gewesen, wenn die Sache Jons Interessensphäre nicht so ernstlich berührt hätte. Er leitete eine allgemeine Erörterung der Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern ein, um so hinter die Kulissen der Frage zu kommen.

»Was für eine Frau soll man sich zur Heirat aussuchen, Paetus?« fragte er.

»Am besten keine, Kamerad, oder eine ohne Unterleib. Na, das verstehst du noch nicht. Die Frauen sind ein Übel – darüber sind sich alle Propheten einig.«

»Auch Alexander?« fragte Jon vorsichtig; aber die Vorsicht war überflüssig. Paetus bekam einen Lachanfall, an dem er beinahe erstickt wäre.

»Du schlimmer Junge!« sagte er. »Du schlauer Fuchs! Ja, auch Alexander. Auch er sagt, daß die Frauen ein Übel sind, ein notwendiges Übel, ein köstliches Übel! Ein ... Ach, du Perfektissimus! Du wirst ein Frauenverderber!«

»Aber wenn man nun einmal eine haben muß!« fragte der Junge verdrossen.

Paetus räusperte sich, um einen Übergang zu finden. Er sagte: »Es gibt etwas, was Perspektive heißt. Die Triebe und Eigenschaften, die in einem Menschen sind, bilden Linien, die irgendwo weit draußen zusammenlaufen, sich zusammenzwirnen, gerinnen. Ein Weiser, dessen Perspektive, wie vorauszusehen gewesen war, unter dem Henkerbeil endete, sagte von den Frauen, man müsse die Mutter ansehen, bevor man die Tochter wähle. Begreifst du?«

Jon nickte eifrig und fragte: »Wenn sie nun aber keine Mutter haben?«

»So muß man die Perspektive ohne das konstruieren; gewisse Anhaltspunkte hat man immer; aber wir wollen die Tafeln erledigen. Du kannst das Orakel schreiben und die Tafeln fertig machen, während ich hineinschlüpfe und zusehe, ob die Mysterien richtig vonstatten gehen, wie sie sollen. Aber bedenke, daß man sich prinzipiell am besten an die gefälligen Frauen hält. Wenn also das Gesetz nicht verlangte, daß man sich verheiratet ... Und mach nun endlich fertig!«

Jon brauchte eine halbe Stunde, den Vers zusammenzuflicken, aber dann war er auch reichlich eine Drachme und zwei Obolen wert. Er lautete:

»Klügstens nimm keine von beiden – halt dich an die Fohlen der Venus.
Wählst du trotzdem, so mußt du die Perspektive bedenken!
Denn am teuersten kommt die, die heut du am billigsten findest.«

Hätte Jon noch etwas öfter Gelegenheit gehabt, sich mit der Erziehung seines Vaters zu beschäftigen, so wäre vielleicht noch ein Mann aus Marcellus geworden.

 

Ein Traum und dessen Deutung waren mitbestimmend gewesen, daß Marcellus zum Orakel ging und sich von ihm bei dieser Wahl leiten lassen wollte. Es war in der Morgenstunde, unmittelbar bevor der Wecker zu lärmen anfing, da sah sich Marcellus, als sei das etwas ganz Selbstverständliches, im Traum auf dem Großmast eines Dreideckers. Er starrte geradeaus und versuchte zu zählen, aus wie vielen Häuten das Segel zusammengesetzt sei; dabei bewunderte er den Bootsmann, der an einem Tau hinaufkletterte und ohne Mühe über die Rahe balancierte, wobei er sich an den Wanten festhielt. Das Schiff war hundertzwanzig Ellen lang, dreißig breit und – vom obersten bis zum untersten Deck, wo die Pumpe stand – neunundzwanzig tief. Von dem allen hatte Marcellus auf irgendeine Weise genaue Kenntnis. Daß es eines von den Kornschiffen war, sah man an der goldenen Gans, die hoch oben auf dem Achtersteven saß. Das alles unterschied er mit großer Deutlichkeit (mit dem äußeren und dem inneren Sinne zugleich): den Anstrich, die Purpurflagge, die Anker, die Spille, die Winden; aber am deutlichsten sah er den Vordersteven, vor dem die Göttin Isis als Gallionsfigur angebracht war. Soweit war alles normal. Plötzlich aber geschah das Sonderbare, daß der Steven sich in der Mitte spaltete und auf jeder Seite eine Göttin hinunterglitt, während Marcellus in rasendem Wirbel ein halbes Dutzend Meilen durch den Äther fiel und auf dem Fußboden neben einem kleinen Sonnenfleck erwachte, während der Wecker aus Leibeskräften schrillte.

 

»Wegen der beiden Damen gibt es keinen Zweifel!« meinte der Traumdeuter, ein junger schwarzbärtiger und sehr energischer Schüler des berühmten Artemidor, zu dessen Füßen einst auch der Schuhmacher Pedanius gesessen hatte. »Daß sich der Steven spaltet, muß nicht mit Gewißheit ein Unglück bedeuten, auch nicht notwendigerweise ein unsicheres Glück, sicher aber eine herannahende Krisis. Das unglücklichste Zeichen ist, daß du die Häute im Segel gezählt hast. Ein Segel muß als ein Ganzes gesehen werden. Such dir ein gutes Orakel zu verschaffen, eins von Alexander zum Beispiel. Dann wird wohl noch alles recht werden.«

Elina kam, als er im Mysteriensaal des Paetus hinter der Säule mit dem Festkalender auf die Antwort des Orakels wartete. Die Blässe ihres Gesichts, die Quecksilberfarbe ihrer Augenhöhlen und ihrer zinnoberroten Lippen machten sie der wohlbekannten Elina in unheimlicher Weise unähnlich, jener Elina mit den unternehmenden Lachgrübchen, der gesunden Farbe und den jederzeit vielversprechenden Augen. Marcellus legte ihr die Hände auf die Schultern und fragte besorgt:

»Liebste, was ist geschehen?«

Sie faßte mit beiden Händen den oberen Saum seiner Tunika, legte den Kopf an seine Brust und sagte sanftmütig: »Gar nichts, du – nur ein Unwohlsein während des Gottesdienstes. Es ist schon wieder vorbei. Ist es dir unangenehm, daß ich dich bat, hierherzukommen? Ich habe schon so lange auf dich gewartet!«

Das war eine ganz neue Elina. Die gefeierte, feurige und flotte Spenderin von freundlichem Lächeln und sonstigen Gnadenbeweisen war verschwunden, und dafür stand hier ein erschrockenes und demütiges Kind, das seine Sehnsucht eingestand.

»Unangenehm?« wiederholte Marcellus. »Als ob ich mich nicht nach dir gesehnt hätte!« Und er glaubte vermutlich selbst, was er sagte.

»Dann hättest du ja doch kommen können!« sagte sie leise. »Seit sieben Wochen hast du dich ferngehalten, ja, seit dem ersten März. Ich weiß das ganz genau. Es war an dem Tag, wo der Polizeiarzt kam, nach Julia zu sehen.« Sie lächelte schwach, und durch dieses Lächeln hindurch wurde der erste Schimmer von der alten Elina sichtbar.

»Du!« fuhr sie fort. »Bist du wirklich auf den alten dummen Polizeidoktor eifersüchtig gewesen?«

Er schaute verständnislos vor sich hin – dann dämmerte es ihm: der riesenmäßige Oberarzt mit dem kleinen Kopf erschien vor ihm mit seiner pythagoreischen Philosophie und seinem ganzen Apparat von Biederkeit; Marcellus mußte lächeln, doch gelang es ihm, sich zu fassen. Aber dieser Gedanke war beinah zu komisch.

»Ein klein bißchen, fürchte ich!« sagte er entschuldigend.

Sie lachte beinahe glückselig. »Ach, Marcellus!« rief sie. »Was für ein Esel doch so ein kluger Mann sein kann!« Und sie fuhr fort: »Aber heute abend gehst du mit mir heim – nicht wahr? Du ahnst nicht, wie sehr dich Nig vermißt hat. Er fürchtet, er könnte dich mit irgend etwas vor den Kopf gestoßen haben.« Sie wurde lebhafter, während sie sprach, und nur die Mysterien, die am entgegengesetzten Ende des Saales zelebriert wurden, legten ihr einen kleinen Dämpfer auf. Marcellus nickte. Ja, er wolle gern mit ihr heimgehen.

»Und nun kommst du oft!« bat sie leise und schmiegte sich dicht an ihn.

»So oft es meine Pflichten erlauben!« antwortete er. »Du weißt ja, daß ich mehr in Anspruch genommen bin als früher.«

Sie sahen eine Weile den Mysterien zu, dann hob sie wieder ihr Gesicht zu ihm und sagte: »Du mußt bald, sehr bald, ein Nest für uns bauen!«

Er hatte eine Hand unter ihren Arm gesteckt. Jetzt beugte er sich zu ihr nieder und küßte sie.

»Geliebte!« flüsterte er.

Sie zog seinen Kopf zu sich herunter und hauchte ihm in die Ohren: »Sag das andere!«

»Mein Weib!«

Nun erst gab sie sich mit einem Aufseufzen zufrieden und wendete wie Marcellus ihre Aufmerksamkeit den Mysterien zu.

Diese bestanden aus einem Schauspiel in drei Auftritten, die die seltsame Geschichte des Propheten Alexander darstellten.

Der erste Teil zeigte die Niederkunft der Latona, die Geburt Apollos, die Hochzeit der Koronis und die Geburt Äskulaps. Im zweiten Teil wurde die Geburt Glykons gefeiert. Hier wurde eine ganze Entbindungsanstalt gezeigt. Im dritten sah man die Hochzeit des Podaleirios mit Alexanders Mutter. In Abonoteichos, wo jeder dieser Teile einen ganzen Tag in Anspruch nahm, hieß dieser Tag Dadis, denn er wurde mit Fackeln gefeiert, wobei in früheren Tagen Alexander selbst das Amt des Oberfackelträgers und Hierophanten ausgeübt hatte. Die früher schon erwähnte Liebesgeschichte zwischen Luna und Alexander sowie die Geburt von Rutilians Frau bildeten den Schluß. Der neue Endymion lag schlafend mitten auf der Bühne; und nun stieg vom Himmel an Stelle der Luna eine gewisse Rutilia hernieder, eine bezaubernde Person, die im Privatleben mit einem kaiserlichen Kanzleisekretär verheiratet war. Sie gab sich mit zunehmender Heftigkeit einer Umarmungszene hin, bis die Fackeln erloschen. Kurz nach dieser Zeremonie zeigte sich der Schemen Alexanders in hierophantischem Ornat und rief in die entstehende Stille mit hohler Stimme hinein: »Jo Glykon!« Und eine Schar von eingeborenen Paphlagoniern, die nach Fisch, Knoblauch und Halbstiefeln aus Rohleder stanken und seine Mysteriendiener vorstellen sollten, rief aus vollem Halse: »Jo Alexander!« Nach einem neuen Geschrei, das angeblich von Geistern im Hintergrund ausging, wurden die wieder versiegelten Orakel ausgeteilt, und die Vorstellung war zu Ende.

»Du hast dir ein Orakel gekauft?« fragte Elina neugierig. Sie gingen im Gedränge die Treppe hinunter und auf den großen Obelisken zu. Er griff nach der nächstliegenden Ausflucht und erwiderte:

»Für die Großmutter – ja! Sie holt sich hier und da bei Glykon Rat.«

Sie lächelte wie in gleichgültiger Überlegenheit. Darüber stutzte Marcellus, und er fragte: »Hältst du nichts von Alexander?«

Sie antwortete ausweichend: »Xenophons Frau meint, er ist ein herzgewinnender Lügenbeutel.«

»Deine Meinung ist mir wichtig, und nicht die von Xenophons Frau«, sagte er scharf.

Sie sah ihn erstaunt an und sagte mit Tränen in den Augen: »Aber Liebster, ich kenne dich nicht wieder! Das klingt ja beinah, als ob wir im Begriff wären, uns zu zanken.«

Zu ihrer Beruhigung ergriff er ihren Arm und versetzte entschuldigend: »Vergib mir, liebe Schwester! Ich bin in letzter Zeit etwas aus dem Gleichgewicht. Das Geschäft – verstehst du! Man steht wie auf einem Vulkan. Wir kommen nicht ohne eine Reihe von Pleiten durch den Sommer. Es gibt tatsächlich wenige Firmen, die ganz sicher stehen.«

Ein Epileptiker taumelte ihnen in den Weg. Sie wichen ihm aus und dabei spuckte Elina ihn an – aus Mitleid, und um sich gegen Ansteckung zu sichern.

»Armer Freund!« sagte sie, als sie an dem Kranken vorbei waren. »Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es mit den Geschäften steht. Aber wenn ich nur weiß, daß du meiner nicht überdrüssig bist, darfst du gern verdrießlich sein!« Sie blieb unter dem Bogengang beim Janustor mit ihm stehen, schmiegte sich eng an ihn – ohne Rücksicht auf die Umgebung – und wiederholte einige Worte aus dem Schauspiel:

»Vergiß alles,
Vergiß die Götter,
vergiß die Sterne des Himmels,
nur mich nicht!«

Marcellus wiederholte, innerlich jedes Wort betonend:

»Nur dich niemals

Und während ihr vor den Augen Biquesas ausdrucksloses und unergründliches Gesicht flimmerte, ergriff sie Marcellus an der Hand und führte ihn in die Sandalenmachergasse, wo Nig die beiden mit ungeheuchelter Freude empfing.

Erst als Marcellus auf dem Heimweg in das Marsfeld einbog, öffnete er die Tafel mit dem Orakel und las es grübelnd. »Mußt du die Perspektive bedenken!« wiederholte er sich selbst. »Ich hätte viel darum gegeben, wenn er mir statt dessen die Perspektive gezeigt hätte!«

Zu diesem Zeitpunkt war Jon im Isistempel damit beschäftigt, ein Stück Hyänenfell, in ein Tuch gewickelt, dem Priester Pabek um den Hals zu binden, der in der unüberwindlichen Angst lebte, er könnte an der Wasserscheu sterben. Dieses Arkanum, das nach Galen die Hundswut auch im höchsten Stadium zu heilen vermochte, sollte der dicke Priester von nun an stets an sich tragen, und es würde ihm Ruhe geben.

Aber mit den Augen des Marcellus vom Marsfeld aus gesehen, lag der Mond wie ein leuchtender Wirbel auf dem Tempel des Jupiter Capitolinus, und das Gesicht im Monde war ein ernsthaftes Mädchengesicht – das einer schönen und zeitlosen Jungfrau, die mit tiefer Stimme sagte: »Es stehet geschrieben!«

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