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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 13
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Zwölftes Kapitel

Es ist ein Glück für die Pädagogen, daß der kindliche Ton ihnen nicht in den Händen vertrocknet, sondern beständig weich und feucht bleibt und, wenn auch nicht dazu aufgelegt, doch geeignet ist, in neue Formen geknetet zu werden. Das war auch ein Glück für den Sohn des Schullehrers Paulus, der Paul hieß gleich seinem Vater. Er stand im gleichen Alter mit Jon und trug als besonderes Gepräge die pessimistische Art, wie er die Pädagogik und die Pädagogen betrachtete. Wie ein Kuchenteig in den Händen eines Kindes, war er allmählich in all die Figuren geformt worden, zu denen während der letzten dreizehn Jahre pädagogische Schlagworte die Muster geliefert hatten – von der Superdisziplin bis zur Zügellosigkeit, oder wie es im Argiletum hieß: von Schwarzbrot zu Kuchen. Das vorläufige Produkt war denn auch – was niemand wundern konnte – ein verschlagener und weltkluger kleiner Heuchler, der die Zusammenkünfte im christlichen Bethaus (der alte Paulus war Galiläer geworden) schwänzte, sooft es sich tun ließ, darüber hinaus aber an den Liebesmahlen und dem übrigen Kultus teilnahm wie an einem seelischen Exerzitium. Aber es war ein ausgesuchtes Glück für ihn, daß er zur rechten Zeit unter den Einfluß von Jon geraten war – Jon, vor dem sich der Schullehrer gefürchtet hatte, seit dieser Teufelsjunge mit sechs Jahren an einem Herbstmorgen bei pfeifendem Nordwind, eine Hornlaterne in der einen Hand und seine Tafeln an ihrem Riemen über die Schulter gehängt, bei ihm angetreten war, Weisheit zu saugen in seiner Schule, die von der Straße nur durch eine ausgespannte Leinwand getrennt war. Die ersten, die an jenem Tage Hiebe bekamen, waren Jon und Paul gewesen. Nicht weil sie etwas angestellt hätten – Paul bekam die seinen auf Vorschuß, und Jon hatte nur ein paar faule Äpfel in die Brotbüchse des Lehrers gelegt.

Es war das Unglück des Schullehrers Paulus, daß er in dem orthodoxen Glauben an die Gleichberechtigung der Peitsche mit Nahrung und Kleidung in dem Register kindlicher Lebensnotwendigkeiten aufgewachsen war, und daß seine Einweihung in die christlichen Mysterien seinen bessern Menschen veranlaßte, dem humanen Prinzip der Selbsterziehung zu huldigen. Versuche auf dieser letzteren Basis verwandelten die Schule in ein Raritätenkabinett, worin weiße Mäuse, kleine Schlangen, Chamäleons, Hunde und schwatzende Stare auftraten, angefeuert von den Leistungen, die die Jungen mit Pfeifen, Vogelstimmen, Glöckchen und Kastagnetten hervorbrachten. Zu Anfang fand er sich in der sanguinischen Hoffnung darein, die Sanftmut, die alles überwindet, werde auch hier die Probe bestehen. Es zeigte sich aber, daß Jungen von der sonst so vortrefflichen Regel ausgenommen werden mußten, und die Folge war ein greulicher Rückfall in die altmodische Manier. Dabei vergaß sich Paulus auf das peinlichste, er prügelte die Sünder einen für alle und alle für einen, wobei er sich einer Sprache bediente, die im wesentlichen aus Anrufungen der verlassenen, aber keineswegs vergessenen Götter bestand. Geradeheraus gesagt: er fluchte. Hinterher bereute Paulus das, ja er trieb die Reue so weit, daß er die Jungen um Verzeihung bat; und die erteilten sie ihm auch – feierlich und mit wohlgemeinten Ermahnungen. Und am Mittwoch konnte ihn die Gemeinde unter den bittersten Selbstanklagen der Länge nach auf dem Gesicht liegen sehen. Jons Ruf war so schlecht, daß die Aussagen des Schullehrers Paulus nicht viel davon oder dazu tun konnten, als der Junge mit zwölf Jahren einmal sein bekanntes und gefürchtetes Gesicht in dem Bethaus zeigte. Ohne Untersuchung wurde das Urteil gefällt: aus welchem Grunde auch er gekommen sein mochte, jedenfalls sei es ein verwerflicher Grund gewesen. Und als man nach der befohlenen Ausschließung der Ungetauften vor Beginn der Mysterien in der unreinen Herde vor dem Hauptschiff einen jungen Igel fand, hörte man ohne Unglauben die kleinen Züge berichten, die der Schullehrer über seine ganz ausgesuchten Nöte mit Jon berichtete. Er bezeichnete diesen als ein Teufelskind, das oft genug die direkte Ursache zu seinen, des Paulus, Rückfällen in die Sünde gewesen sei.

Und Priscilla erhob ihre Stimme und sagte: »Er ist vielleicht noch viel mehr ein Teufelsjunge, als wir alle wissen!« Diese Weisheit hatte sie von dem Kioskmann und dem Vogelhändler bezogen.

Caecilia aber, das junge Mädchen aus der Villa beim fünften Meilenstein an der Appischen Straße, hatte die Sache gleich im Anfang dadurch erstickt, daß sie aufstand und sagte: »Es ist mein geliebter kleiner Bruder, und niemand soll ihn einen Teufelsjungen heißen.«

 

Zwei Tage nach dem Fest bei Nigidius erinnerte sich der »geliebte kleine Bruder« an sein Versprechen, Marcellus das Phänomen zu zeigen, das sogar die überirdische Geliebte des Sergius Felix schlagen sollte. Es war Markttag, und Jon war mit Philetus zusammen sehr damit beschäftigt, junge Maulwürfe in Empfang zu nehmen, die die Bauern gegen Abführmittel, Pflaster oder Pillen zur Abwehr des kalten Fiebers umtauschen wollten. Jon beschäftigte zu jener Zeit seinen Freund Paul als eine Art Sekretär, da er von der fixen Idee besessen war, sein Vorrat an griechischer Kenntnis sei zu einem solchen Umfang angewachsen, daß er gut daran tue, elementare Dinge wie die Muttersprache dem gemeinen Volk zu überlassen.

»Da schreib einen Brief für mich, wenn du doch da bist!« sagte Jon zu seinem Sekretär, der an einem Pult stand und über den Tauschhandel mit den Maulwürfen Buch führte. »Du kannst schreiben – laß mal sehen: hast du die Tafel? – gut! Es ist sehr wichtig. Der Brief ist an ihn, Marcellus, weißt du, den Schwarzen, Flotten in der Flußbank. Du kannst schreiben: › Jon an Marcellus.‹ Hast du das? Gut. Weiter: › Ich bete beständig darum, daß du gesund sein mögest, ich selbst bin gesund ...‹«

Paul schrieb feierlich seine Druckbuchstaben und hielt die Zunge zwischen den Zähnen fest.

»Gut. Wart mal ... Ja: › Wenn du sie sehen willst, von der wir gesprochen haben ...‹ Leg die Maulwürfe doch nicht auf die Stangen mit Augensalbe! (Der Bauer entfernte sich mit einem erschreckten Blick auf den Jungen.) › gesprochen haben, erwarte ich dich beim Sandalenmacher-Apollo ... Apollo ...‹ Richtig ...! › Sonntag morgen bei Tagesgrauen.‹«

»Er will doch wohl nicht unter die Heiligen gehen?« fragte Paul mißtrauisch. »Heilige« und »Gottlose« waren seine liebsten Benennungen für die Glaubensgenossen seines Vaters.

Jon scheuchte diesen Gedanken in die Finsternis zurück, aus der er aufgestiegen war, und sagte: »Er ist ein großer Dichter. Julias Mutter sagt, im Grunde brauchte man keine anderen mehr als ihn und Horaz. Kannst du dir vorstellen, daß Horaz heilig sein könnte? Na – wo sind wir stehengeblieben? ... Sonntag morgen bei Tages- grauen. Jawohl. Schreib also: › Natürlich ist nichts zu machen ... machen ... weil sie nur die Mysterien liebt‹ ... Wart einmal, du ... Kann man so sagen?«

Der Sekretär fand die Wahl der Wörter über jede Kritik erhaben, was ihn davor behütete, etwas von dem Geschriebenen auswischen zu müssen, und Jons Diktat ging weiter:

»› Mysterien liebt ...‹ Gut. Schreib weiter: › Also abgesehen von mir, der ich ihr Freund und Bruder bin ...‹ Nun kommt der Schluß: › Aber schlaf nur nicht zu lange ... lange ... und wenn du nichtkommen kannst, weil du in die Bank mußt ... mußt ... so schreib es auf diese Tafel.‹«

Der Brief hatte also diese Form:

 

»Jon an Marcellus. Ich bete beständig darum, daß du gesund sein mögest, ich selbst bin gesund. Wenn du sie sehen willst, von der wir gesprochen haben, erwarte ich dich beim Sandalenmacher-Apollo Sonntag morgen bei Tagesgrauen. Natürlich ist nichts zu machen, weil sie nur die Mysterien liebt, also abgesehen von mir, der ich ihr Freund und Bruder bin. Aber schlaf nur nicht zu lange, und wenn du nicht kommen kannst, weil du in die Bank mußt, so schreib es auf diese Tafel.«

 

Auf eigene Rechnung fügte der Schreiber hinzu:

»Paul, Sohn der Plotina, der Frau des Lehrers Paulus, hat dies für Jon geschrieben, der selbst zu sehr beschäftigt war.«

Während er die Tafel versiegelte (drei solide Siegel!), befahl Jon seinem Sklaven Philetus, sie bei Papirius abzugeben.

»Du mußt ja sowieso mit der Pestarzenei hinaus zur Statua Mamuri!« sagte er. »Kannst du da nicht auch mit dieser Tafel auf Alta Semita vorbeigehen?«

Philetus lächelte vergnügt, als er hörte, daß er zu Papirius hinaus sollte, wo er seit dreizehn Jahren nicht mehr gewesen war. Ein Jahr vorher hätte er noch mit den Zähnen geknirscht, wenn er zu dem Mann hinausgeschickt worden wäre, der ihn in Halseisen geschmiedet hatte.

»Oder wie ist es?« fragte Jon. »Hast du nicht einmal gesagt, du haßtest den dicken Papirius?«

Philetus schüttelte den Kopf: »Das war damals. Jetzt bin ich ihm dankbar! Sehr dankbar! Hätte er mich nicht in Eisen geschmiedet und verkauft ...«

»Na, dann ist's ja gut!« unterbrach ihn Jon. Er wußte ebensogut wie die übrigen Hausbewohner, daß sich Philetus »den Kopf angestoßen« hatte. Das war vor einem halben Jahre geschehen. Nachdem er acht Jahre lang sauer wie ein Essigfabrikant herumgelaufen war, hatte er plötzlich zu heulen angefangen, welcher Zustand eine Woche lang währte. Man vermutete, er wäre krank, was dadurch bekräftigt wurde, daß er mehrere Tage hintereinander Jon bat, ihm aus Platos Buch über die Seele vorzulesen. Doch Plato bot dem Sklaven nicht das, was er suchte; das zeigte sich bald: Philetus wurde immer wässeriger. Dann schlug er ins entgegengesetzte Extrem um und legte eine maßlose Munterkeit an den Tag. Plötzlich hatte seine Hilfsbereitschaft und Dienstwilligkeit kein Ende mehr. Ja, als Philetus eines Morgens besonders närrisch wirkte, hatte der alte Steinoperateur die Sache bekümmert aufs Tapet gebracht.

»Suff!« vermutete Rufus sachverständig und ohne sein Augenmerk von den Sardinen abzuwenden, die er vor sich aufgehäuft hatte.

»Er selbst sagt, es komme davon, daß er in die Mysterien der Christen eingeweiht worden ist«, wendete Maecius ein.

»Glaubst du das?« fragte Rufus eine Sardine, der er eben den Kopf abbiß.

»Heutzutage weiß man bald nicht mehr aus noch ein!« erwiderte Maecius kopfschüttelnd im Namen des Tieres, worauf er hineinging, sein Morgengebet zu verrichten.

Aber die Sache hatte vorgehalten – einzelne Anfälle von Melancholie in der letzten Zeit ausgenommen. Und zugleich schien seine Arbeitskraft verdoppelt zu sein. Philetus fegte den Hof in kürzerer Zeit, als Rufus brauchte, aus den »Vier Säften« einen Gegenstand zu holen. Die schweren Steinstößel sausten in den Mörsern mit Salbe herum, als ob sie durch Wasser führen. In jeder Hinsicht hatte er sich zum Bessern verändert. Bei den Affen mistete er zur festgesetzten Zeit aus. Wurde er in die Bibliothek geschickt, die Sternbilder-Gedichte des Calpurnius zu holen, so kam er nicht mehr saumselig und schläfrig mit Stellas »Taube« daher.

Und als er zu Papirius auf Alta Semita hinausgeschickt wurde, kam er schon nach anderthalb Stunden mit der Tafel zurück, die nachlässig nur mit einem einzigen Siegel geschlossen war. Auf der andern Seite stand mit den großen, eleganten Kaufmannsbuchstaben des Marcellus geschrieben:

»Werde Sonntag morgen zur Stelle sein!«

 

Marcellus war am Sonntag morgen zur Stelle. Aber in der Zwischenzeit hatte er eine Unterredung mit seinem Verleger, dem Buchhändler Eros, teils über seine Gedichte, mit deren Vervielfältigung dreißig Sklaven beschäftigt waren, teils – und nicht zum wenigsten – über Caecilia.

Eros hatte das höchste Haus in der Straße zu eigen, und auf dem Dache hatte er sich einen Garten eingerichtet – gewiß nicht größer, als daß er – wie es der Dichter ausdrückt – hätte mit einem Zikadenflügel zugedeckt werden können. Aber was für ein Garten! Schon jetzt im frühen Frühjahr war er ein blühendes und duftendes Gedicht, oder besser: er hing da oben wie ein schimmerndes, glühendes und blauendes Kissen, das in Sonne und Wind hinaufgehoben ist. Sogar der Buchhändler Eros sah in dieser Umgebung beinahe gottesfürchtig aus, so ehrbar starrten die Borsten aus dem ungepflegten Gestrüpp, das seine Haare vorstellen sollte. Und doch war er als ein mürrischer und polternder Herr bekannt, mit einem Sinn, so starr wie die Borsten auf seinem Kopf. Wenn ihn ein Fremder fragte, ob er ein Römer sei, antwortete er verächtlich: »Nein, ich bin Neapolitaner!« Und das, obgleich er Neapel seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Marcellus ging es auch nicht besser, als er die Bemerkung machte, Rom sehe bei dem schönen Wetter ganz festlich aus. »Bah, da solltest du Neapel sehen!« sagte Eros. »Rom ist schlimmer als ein vertrockneter Kuhfladen auf der Landstraße. Ich möchte wissen, ob es in der ganzen Welt irgendein Staubkorn gibt, das nicht gelegentlich den Weg zu uns fände!«

Marcellus aber war gekommen, zu hören, ob Eros etwas von Caecilia und ihrer Familie wisse, und nicht, weil er seine Ansicht über die Stadt hören wollte. Und Eros konnte Auskunft geben. Überhaupt war seine Personenkenntnis sehr groß; denn er war im Gegensatz zu Sergius Felix ein vorzüglicher Mitarbeiter der Curiosa.

»Selbstverständlich kenne ich die Caecilier – sie sind der feine Zweig der Familie. Diese pflegte früher den Anspruch zu erheben, von göttlicher Abkunft zu sein. Seneca erwähnt einen von ihnen: Quintus, der vor reichlich zwei Jahrhunderten starb. Cicero spricht auch von ihm. Er war ein ungewöhnlich rein gezüchteter Wucherer, der seinem eigenen Bruder unter einem Prozent im Monat keinen Schilling lieh. Er hatte eine Wohnung mit Garten auf dem Quirinalhügel; für gewöhnlich hielt er sich aber in seinem Landhaus draußen beim fünften Meilenstein auf und führte seine Bücher. Ein wilder Geselle, und selbstverständlich zu geizig, sich zu verheiraten. Na, sein Ende war auch danach. Sein Leichnam wurde mit einem Strick um den Hals in den Gassen herumgezogen.«

»Er ist aber doch nicht typisch für die Familie?«

»Selbstverständlich nicht. Das Typische behält man nicht zweihundert Jahre im Gedächtnis. Zur Zeit befinden sie sich am andern Ende des Spielplatzes.«

Marcellus sah aus, als ob er das nicht verstünde.

»Durch einen Bekannten, der die Aufgabe hat, das Steuerwesen durch Untersuchungen unterderhand zu unterstützen (eine zartfühlende Bezeichnung für die Curiosa), weiß ich, daß sich das Familienvermögen im Augenblick verringert. Eine Generation sammelt, die andere zerstreut. Das ist es, was mein philosophischer Freund Rufus das Gesetz von der Ausbalancierung der Dinge nennt. Auch Rufus zerstreut nach seinen Kräften – meist wirft er sein Geld den Gastwirten in den Rachen. Die Schillinge der Caecilier bekommen hauptsächlich Bettler, Propheten und alles mögliche andere Gelichter.«

»Das ist wohl Sache des Geschmacks und des Temperaments.«

»Und des Durstes.«

»Aber die junge Dame ... Ich erinnere mich nicht, wie sie heißt. Kennst du sie?«

»Vom Sehen, ja. Sie kauft bei mir. Ausgeprägter Geschmack. Ich meine: ausgeprägt schlechter Geschmack. Ich schickte ihr den Ovid – Prachtausgabe – zur Ansicht. Bekam ihn uneröffnet zurück mit einer bestimmten, freundlichen und umständlichen Auseinandersetzung, weshalb sie ihn für ungeeignet hielt, als Einwickelpapier! Die Jugend ist aufrührerisch. Kein Respekt für Tradition und Autorität. Aberglaube statt Gottesfurcht. Verachtung für das, worauf die Väter gebaut haben. Und die schöne Cornelia Stella Attica ist eine von den schlimmsten!«

»Heißt sie so?«

»So ist sie beim Saturn eingeschrieben, ja. Aber manche nennen sie spöttisch die heilige Caecilia ... zum Unterschied mit den mehr profanen Caeciliern ... Nein, Marcellus! Wie oft habe ich zu deinem Vater gesagt, wir müßten dafür sorgen, daß es noch mehrere von deinem Schlag gäbe. Männer mit Ehrfurcht vor der Obrigkeit und für das, was uns von den Vätern überliefert ist. Damit steht und fällt das Reich. Wenn du dieser Notwendigkeit nur auch gehorchen und eine Familie gründen wolltest. Es ist peinlich, wenn man sehen muß, daß die Gottlosen wie die Ratten jungen, während wir anderen ... Na ja, entweder verhöhnen wir die Vorschriften und heiraten nicht, oder wir setzen zur Not zwei Normalkinder in die Welt, die wir nicht erziehen können. Beachte es wohl: ein durchschnittlicher Satz von zehn Kindern steht immer weit über einem solchen von zweien!«

Marcellus horchte nicht auf die Beobachtungen des Buchhändlers auf dem Gebiete der Eugenik. Er war in Anspruch genommen durch den Gedanken an ein konkretes Individuum in einem konkreten Satz von Kindern und warf hin: »Wie würdest du diese Cornelia Stella Attica beschreiben?«

Eros machte das mit einem Lächeln ab, das in dem einen Augenwinkel anfing. »Wie ich sie beschreiben würde?« sagte er. »Klein. So klein, daß sie sich auf eine Olivenkiste stellen muß, wenn sie in Rab Chaninas Bethaus das Wort ergreift. Im übrigen: bestimmt, hellblond, ovales Gesicht, weiche Züge, graue Augen, schwach gewölbte Augenbrauen, gerade Nase, mittelgroßer Mund mit mitteldicken Lippen. – Was willst du? Wirst du sie danach erkennen? Nein, aber sie hat das vor den meisten andern voraus, daß sie – wenn ich so sagen darf – aus sich selber leuchtet. Verstehst du?«

Marcellus nickte zustimmend, und der Buchhändler fuhr fort: »Wenn ich einen meiner Stenographen wörtlich nachschreiben ließe, was sie sagt, und es hinterher mit dem vergliche, was zum Beispiel meine eigene Frau oder andere gewöhnliche Frauen äußern, so ergäbe sich vielleicht gar kein besonders großer Unterschied. Aber wenn sie den Mund aufmacht, lauschen wir alle wie hingerissen. Wenn dagegen meine Lucretia anfängt, kann sie kaum die Küchenmädchen dazu bringen, ihr zuzuhören. Bin ich deutlich?«

Marcellus stimmte wieder zu. Dieses Phänomen war ihm nicht neu. Aber der Vollständigkeit wegen ging Eros noch tiefer auf die Sache ein. Er sagte: »Es gibt Philosophen und Bethausprediger, die alte, spatlahme und schiefe Ideen so aufzumöbeln verstehen, daß sie aussehen wie junges Vollblut. Und andere können neue und verhältnismäßig überraschende Dinge vorbringen, aber die Zuhörer langweilen sich so, daß man ihnen die Faust in den Rachen stecken kann. Genau das gleiche auf andere Weise.«

Marcellus mußte leicht lächeln, als er im stillen den Einfluß des Papirius auf die Gedankengänge des Buchhändlers feststellte. Der Jargon war echt Argiletum – mit dem war er vollkommen vertraut. Selbst die Großmutter hatte etwas davon. Aber die Denkart war Alta Semita.

»Übrigens kannst du die allerbeste Auskunft von Jon – du weißt, dem Doktorjungen – erhalten!« schloß Eros. »Soweit ich unterrichtet bin, betrachtet er die Caecilier als eine Familie, die er adoptiert hat.«

 

Wie schon bemerkt, war Marcellus am Sonntagmorgen zur Stelle. Obgleich er bei guter Zeit kam, saß Jon schon mit einem vorwurfsvollen Leidensausdruck zu Füßen des Apollo. Wer nicht wußte, daß Philetus an der Ecke der Straße, woher Marcellus kommen mußte, eine halbe Stunde Wache gestanden hatte, daß er, als Marcellus kam, heimgestürzt war, Jon aufzuscheuchen, worauf dieser kaum notdürftig seinen Anzug hatte in Ordnung bringen können – solch ein Unwissender hätte leicht den Eindruck gewinnen können, daß der Junge die ganze Nacht zu Füßen der Statue zugebracht habe.

»Du hast doch nicht gewartet?« fragte Marcellus gleichsam mit einer leisen Entschuldigung, zu der in Wirklichkeit gar kein Grund vorhanden war.

»Na, nicht besonders lange!« antwortete Jon in einem Ton, der zu dem Wortlaut in Widerspruch stand. Etwas weicher gestimmt, fügte er hinzu: »Du wirst doch jetzt nicht Galiläer werden wollen?«

Diese Frage kann vielleicht ziemlich aufdringlich erscheinen, wenn man den Altersunterschied in Rechnung stellt; nichtsdestoweniger aber hatte sich Marcellus, ehe er von Hause wegging, sorgfältig vergewissert, daß die Scheuklappen seines dogmatischen Unglaubens richtig saßen, und so antwortete er ablenkend: »Wäre das so schlimm? – Deine Schwester – wie nennst du sie gleich? – ist doch Galiläerin!«

»Rhod' nenn' ich sie. Oder Rhodope. Bei einer Frau ist das etwas anderes. Frauen plätschern immer in Mysterien herum.«

»Nun kannst du mir wohl behilflich sein und mir sagen, wie ich mich benehmen soll«, warf Marcellus ein, der den Ort nicht für geeignet hielt, eingehend über die Unbeständigkeit der Frauen im allgemeinen zu verhandeln.

Jon antwortete protegierend: »Du mußt nur genau nachmachen, was ich tue. Und dann darfst du beileibe nicht über Vater Hyazinth lachen. Das ist der Vater von Marcia. Er ist Eunuch, und in Vertretung von Rab Chanina ermahnt er uns und erklärt uns die Propheten. Wenn er spricht, wirft er den Kopf zurück und das Kinn in die Höh', wie ein Huhn, das trinkt. Sag, gibt es wohl was Lächerlicheres als ein Huhn, das trinkt?«

Auf solch leichtfertige Weise führte Jon die Unterhaltung, bis sie in den Vorraum des Bethauses eintraten. Hier schien es nun, als wäre der Junge plötzlich in eine andere Haut gefahren – er zeigte sich so schweigsam, wie er vorher gesprächig gewesen war. Ortskundig steuerte er auf den Brunnen zu, wo er Marcellus sotto voce bedeutete, er solle es genau so machen wie er und sich die Hände waschen, »weil man dann beim Beten unbeschmutzte Hände zum Herrn erheben kann«, und weil man sich dadurch die Dämonen vom Leibe halte. Das war umständlicher als die Besprengung mit nassen Zweigen, die Marcellus aus andern Heiligtümern gewohnt war, aber einerlei! Sie lösten zwei Stricker ab – Marcellus erkannte das an der Stellung ihrer Finger im Wasser – und räumten nachher den Platz einem Manne, der wie ein Herzog in Schwierigkeiten aussah – Pegasus hieß er und war Leichenbitter, sowie einem losen Gassenvogel. Dieser erkannte Marcellus und nickte ihm freundlich zu, und Marcellus war es nicht besonders wohl beim Gedanken an die Bekanntschaften, die er hier aufzufrischen alle Aussicht hatte.

Drinnen im Saal, zu dem gelegentlich sonntags auch Ungetaufte Zutritt hatten, wurde es nicht besser. Der erste, der ihm ein freudestrahlendes Kopfnicken zuschickte, war Philetus, und durch sein Beispiel aufgemuntert, folgte ein dreifaches kameradschaftliches Kopfnicken von drei verhärteten Herumtreibern, deren Leben so sehr im Freien verlief – vorzugsweise sitzend oder auf den friedlichen Plätzen des Argiletums herumliegend –, daß sie hier auf Marcellus wie Eichhörnchen im Käfig wirkten. Ihnen schloß sich verlegen eine zerzauste Sklavin an, deren Äußeres ehrlich von einem langen Leben als Mädchen für alles in einem großen Haushalt erzählte. (Marcellus wußte, daß er sie schon gesehen hatte, konnte sich aber kaum erinnern, wo.) Und allmählich faßten noch mehrere den Mut: eine Dame, die ohne weiteres zu einer Statue der Fruchtbarkeitsgöttin hätte Modell stehen können, und die die Amme von zwei Senatoren gewesen sein sollte, ferner ein kleiner habichtnasiger Mann, der Trommelschläger für einen Sterndeuter war – oder gewesen war –, und dann, als sich die Ankömmlinge unter die verheirateten Männer gesetzt hatten – auch noch ein Herr, der nicht mehr Ausdruck im Gesicht hatte als ein Haubenstock, und der dem Marcellus sofort sein Herz erschloß, ohne daß dieser mehr davon erfaßte, als daß der Fremde zwanzig Sklaven und einen Hund fütterte.

Hier saß nun Marcellus, ein Mann von persönlichem Guß, der laufende Rechnung bei den Juwelieren hatte und offenen Kredit bei seinem Schneider – ein Mann, für den eine unschöne Bewegung oder die schweißige Hand eines Menschen genügte, daß er ihm den Rücken kehrte. Um ihn herum saß eine große und intime Familie von Frauen in billigen geblümten Gewändern, und Männern, von denen man befürchten mußte, sie könnten sich selbst vergessen und sich im Heiligtume hier die Nase schnauben.

Eine Dame kam heran und setzte sich neben Marcellus. Sie hielt eine Kugel aus Bergkristall in den Händen, wie sie die Frauen im Sommer zur Kühlung ihrer Handflächen verwenden. Es war nicht besonders heiß, mithin lag keine Veranlassung für eine derartige Veranstaltung vor, und deshalb war der Anblick dem Marcellus peinlich. Dadurch, daß sie sich hier niederließ, versündigte sie sich gegen die Etikette, nach der die Geschlechter während der gottesdienstlichen Handlungen getrennt sitzen sollten, und dennoch nahm niemand Anstoß daran, denn sie trug an der Brust ein kreuzförmig geschliffenes Stück des Steines, den man Katzenauge nennt, und der das Licht zurückwirft. Dieses lichtbrechende, schwach strahlende Kreuz war das merkwürdige Erkennungszeichen der Diakonissinnen. Sie hieß Schwester Petra, und da sie von rastlosem Unternehmungsgeist besessen war, benützte sie gewöhnlich die Pausen des Gottesdienstes und die Zeit vor seinem Beginn dazu, den neugeworbenen Seelen zum Heimischwerden zu verhelfen.

Marcellus betrachtete die symbolischen Tierbilder: Lamm, Fisch, Taube und so weiter, die schon lange die Kreuzungen zwischen Engeln und Amoretten an den Wänden des Bethauses abgelöst hatten. Es waren stilisierte Darstellungen, wie sie geschickte Malerlehrlinge herzustellen vermögen. Und dennoch – es lag etwas darin, was bei dem Beschauer den Verdacht erweckte, das kindlich Unfertige sei beabsichtigt, sei mit einer Geschicklichkeit gemacht, die auf Raffinement schließen ließ. Da war namentlich ein Fisch, keiner, dem man einen Namen geben könnte, sondern ein Universalfisch, so einer, wie die meisten von uns einen Fisch ausstatten würden, wenn sie sich unvermutet vor die Aufgabe gestellt sähen, ein solches Tier zu zeichnen, ungefähr torpedoförmig mit einigen ausgebreiteten Fächern oben und unten, einem scharfen weißen Lebensstrich von vorn bis hinten und einem gefühlvollen Horn an der Unterlippe.

»Das ist das Zeichen des Erlösers«, erklang eine Stimme neben Marcellus. Er drehte sich um und fand Schwester Petras Augen auf sich gerichtet. Dabei bemerkte er, daß sie einen großen grauen Schnurrbart und Triefaugen hatte, und er nickte ihr zu, zum Zeichen, daß er verstanden habe.

»Du mußt den Erlöser suchen!« fuhr sie fort, und es lag etwas in diesen rotgeränderten Augen, was ihm von großer Hingabe an eine Idee berichtete.

»Frauenrat ist entweder zu teuer oder zu billig!« warf Jon gedankenvoll und mit großer Deutlichkeit ein. Das war eine Schriftsteile, die er von dem Bibliothekar im Friedenstempel entlehnt hatte, und an die er fest glaubte. Marcellus nickte wieder, und die alte Diakonissin lächelte aufmunternd, denn sie kassierte das als Beifall ein.

»Du hast Kinder sehr gern!« stellte sie fest und deutete dabei mit dem Kopf nach Jon. Marcellus fühlte einen Stich in einem fernen Seitenwinkel seines Herzens, wo sich die Erinnerung an einen vierpfündigen Säugling mit schwarzen Augen barg, der, ohne zu sehen, ins Licht blinzelte.

»Ich kann Kinder nicht ausstehen!« sagte er höflich.

Aber daraufhin schaute ihn die alte Dame verschüchtert und ungläubig an und ging murmelnd ihres Weges.

Und dann stand neben ihrer Bank das Wundergeschöpf, dessen voller Name Cornelia Stella Attica Caeciliana war.

»Du, Rhod'!« flüsterte Jon. »Das ist er!«

 

Euphemus, der alte Türhüter auf Alta Semita, hatte die beschwerliche Gewohnheit, seine Ansicht von den Dingen in schnurrig gedrehten Sätzen von sich zu geben. Bei einer gewissen Gelegenheit hatte er von den Dichtern gesagt: »Das sind Leute, die die Seele der Dinge fühlen.« Und er hatte hinzugefügt: »Zuweilen schreiben sie Verse!« Einer Fliege kann nicht wohler zumute sein, wenn sie auf verschütteten Honig stößt, als ihm, wenn er solch eine kleine Spitzfindigkeit hervorgebracht hatte. Zu sehen, wie die Zuhörer das aufnahmen, machte ihm ebensoviel Spaß wie einer Katze eine haarige Raupe. Besonders hatte es ihn belustigt, Marcellus dabei zu beobachten, der bekanntlich an der Wahnvorstellung litt, er könne Verse schreiben. Aber in Wirklichkeit ergötzte er sich hier mit Unrecht, denn Marcellus war über den Durchschnitt zartfühlend gegen alles Leben, ja selbst gegen Tiere. Schon als Junge hatte sich das bei ihm gezeigt. Er fühlte einen Hund im gleichen Augenblick, wo er ihn sah, und ebenso wie Kühe und Esel deuchten ihn Hunde sympathisch, während Schweine ihm das nicht waren. Letzteres traf ohne jede Ausnahme zu, wie durch ein Schwein illustriert werden kann, das er im Alter von fünf Jahren gekannt hatte (als er selbst fünf Jahre zählte – das Schwein war eine Sau, die schon dreimal geworfen hatte), ein bemerkenswert nüchternes und spekulatives Tier, versehen mit dem vergnüglichen Reinlichkeitssinn, den Schweine beinahe ausnahmslos haben, wo der Raum für sie nicht zu beschränkt ist. Der Verschlag, worin sie wohnte, fiel von der Wand nach dem Troge zu ein wenig ab, und in einer Ecke, am niedrigsten Teil des Fußbodens, hatte sie sich aufs niedlichste eine Retirade eingerichtet, die sie mit konsequenter Akkuratesse benützte. Irregeführt durch die Sauberkeit, durch die verschlafen-freundlichen Äuglein und durch die sozusagen physiognomische Geographie (Kinder meinen immer, daß Schweine lächelten), beschloß er, die Sau von seiner Honigstange abbeißen zu lassen. Daß sie sich die ganze Stange aneignete und ihm dabei einen Finger verletzte, hätte ein Erwachsener vorhersagen können; aber daß sie außerdem, während der Junge weinte, die Gelegenheit benützte, ihm die Quaste von seiner einen Sandale abzufressen, vernichtete mit einem Schlag die Illusion bei ihm, daß es unter den ihm im allgemeinen unsympathischen Schweinen Ausnahmen geben könnte.

Aber namentlich fühlte er Menschen – einige allerdings nur als rohe Aufreizung; und deren Worte flatterten ihm lärmend wie Schellen in geschlossenem Raum zwischen den Wänden. Und doch war sein Feingefühl den ausgesprochen Sympathischen gegenüber am besten entwickelt. Dennoch meinte er, niemals einen Menschen so stark gefühlt zu haben wie dieses junge Mädchen hier. Er empfand ihre Nähe wie eine körperliche Berührung, und er schrieb das ausschließlich einer in ihm selbst hegenden Gabe oder aber einer gegenseitigen Anziehung zu.

Eine Seele stand hier vor ihm. Aus Rücksicht für die, denen es übel wird, wenn sie das Wort Seele hören (und sie haben ein Recht auf Mitgefühl), kann man auch sagen, daß es ein »Prinzip« war. Was sich außerdem im Saal befand, das waren meist Bündel von Funktionen, die sich um den Inhalt der Bruderbündel nicht kümmerten. Das waren Augen, Ohren, Münder und Hände, die als selbständige Einrichtungen auftraten – wie weggelaufene Kinder. Und inmitten der beherrschten Zügellosigkeit der andern stand nun dieses »Prinzip«, beinahe unbeschwert von Gesicht, Haar, Schultern, Händen – von allem dem, was bei einem Bündel aus Funktionen als um so größere Qual wirkt, je größer die Schönheit der Form ist, weil die sich hier nur als ein Cadeau für die groben Sinne des Beobachters darstellt. Und das Prinzip lächelte ihn an – mit einem Lächeln von der Art, die der, dem sie gilt, als Auszeichnung empfindet, als eine höchst erstrebenswerte Dekoration.

Ihre Art, zu lächeln, war von der anderer Menschen weit entfernt. In einem Augenblick schwamm ein Lächeln zwischen ihren Lippen hervor, blieb ein wenig stehen, trat gleichsam Wasser und tauchte dann wieder unter. Aber da es selbstverständlich nicht allzu lange ohne Luft bleiben konnte, tauchte es von neuem auf, warm und außer Atem. Auch in den Winkeln ihrer geistvollen Augen tauchte es auf, ja selbst in ihren Fingern schien es zu spielen.

Mit der linken Hand hatte sie Jon am Kinn gefaßt, und mit der Rechten strich sie ihm liebkosend über die Haare. Während dieser Zeremonie und während sie den Blick abwechselnd hob und senkte, sagte sie acht oder zehn Sätze zu Marcellus. Jon habe ihr von ihm erzählt, sie freue sich darauf, seine Gedichte zu lesen, und sie hoffe, Gelegenheit zu bekommen, ihn näher kennenzulernen. Das meiste davon waren Dinge, die er, als Mann, hätte sagen müssen; aber sie schien die gewöhnlichen Gesellschaftsregeln automatisch aufzuheben und benahm sich wie eine Königin, die einen Untertanen gnädig behandelt. Und er benahm sich wie ein begnadeter Untertan. Mittendrin, noch ehe Marcellus Zeit gefunden hatte, eine vernünftige Antwort zu geben, drängte sich eine dicke Mannsperson zwischen sie beide, küßte Caecilia herzlich und führte sie näher zum Altar hin, ließ sie dann aber doch bei den andern Jungfrauen, während er selbst bis zu dem Stuhle des Andachtleiters weiterging. Dies war ein mittelgroßer, gleichsam schlecht gepolsterter Mann mit blassen Hängebacken, ausdruckslosen Augen, abstehenden Ohren und Plattfüßen. Als er niederkniete oder besser: auf die Knie plumpste, geschah es mit dem Ton, mit dem etwas ins Wasser klatscht.

»Der kotterige alte Kerl!« bellte Jon hinter ihm her.

Marcellus schaute den Jungen fragend an, und dieser antwortete:

»Das ist Vater Hyazinth, Marcias Pflegevater.«

 

Als Marcellus schließlich so weit gekommen war, daß er einigermaßen kaltblütig darüber nachdenken konnte, ob sie dunkles oder helles Haar habe, saß er in den »Vier Säften« mit dem Geheimpolizisten Istacidius und dem alten zahnlosen Prophet-Agenten Paetus zusammen. Es lag eine Stunde – eine gute Stunde vielleicht – hinter dem Zusammentreffen mit Caecilia, und er wäre lieber allein mit Jon gewesen, der sich ortskundig in dem Restaurant, seinem ersten römischen Heim, herumtrieb.

Marcellus war sich keiner Gemeinsamkeit mit den beiden bewußt, und besonders Paetus empfand er so feindlich wie einen Ofen, in den man nichts hineinzulegen hat. Das war der lächerliche alte Kerl, der an dem Abend, wo Elina die Entsendung des Arnuphis als Feldprediger feierte, die Gesellschaft unterhalten hatte. Seine Stimme war mit jenem Nasenlaut behaftet, von dem die Fachleute behaupten, er käme von einer gewissen Trägheit des Gaumensegels her, während andere daraus wieder auf Polypen schließen. Er hatte Marcellus aus dem Bethaus der Galiläer herauskommen sehen, was ihn teils belustigte, teils erzürnte, und hatte ihm das mitgeteilt. Wenn Paetus gerade keine namhaften Notabilitäten im Vorrat hatte, kam er mit dem schweren Geschütz »aller vernünftigen Menschen« daher oder mit dem noch gröberen Mörser »aller rechtdenkenden Menschen!«

»Alle rechtdenkenden Menschen sind sich darin einig, daß etwas gegen die Christen unternommen werden muß!« sagte er mit düsterem Feuer. »Endlich einmal was Radikales. Man kann die Gutmütigkeit auch zu weit treiben!«

»Schlappschwänze!« sagte Istacidius, der getreue Isisverehrer.

»Daß man's erleben muß, dich, Marcellus, in ein Bethaus gehen zu sehen – das werde ich Elina erzählen!« sagte der Alte und schlug sich aus übergroßem Vergnügen ob dieser Überraschung auf seine beiden mageren Schenkel.

»Man muß allerhand erleben!« bemerkte der Geheimpolizist. »Bevor wir's uns versehen, ist Marcellus Galiläer!«

»Geschwätz!« sagten Paetus und Marcellus wie aus einem Munde, worauf der Prophet-Agent sich vertraulich zu Marcellus neigte und grinsend sagte:

»Es steckt doch nicht etwa eine kleine Dame dahinter – was?«

Diese witzige Bemerkung begleitete er mit einem Rippenstoß, der ihm einen Hustenanfall zuzog, daß er beinahe erstickt wäre; und sogar der ernste Istacidius spendierte ihm für diesen Witz ein Detektivlächeln, aber auch nicht mehr. Dann hämmerte er mit einem kleinen Schreibrohr auf den Tisch und sagte drohend: »Jetzt sollen sich die Gottlosen nur vorsehen! Ehe wir die nächsten Saturnalien feiern, wird die ganze Bande zerschmettert sein!«

»Ach – wirklich?« sagte Marcellus zweifelnd, denn er erinnerte sich, dieselben Drohungen schon bei vielen früheren Gelegenheiten gehört zu haben.

Aber der Geheimpolizist strich sich über die linke Hand mit der bekannten Gebärde, die andeutet, daß etwas kaputt sei, und sagte: »Ich setze meinen Kopf zum Pfand, daß sie ausgerottet werden wie ein Rattennest, noch bevor das Jahr um ist. Was meinst du, Paetus?«

Der alte Theologe meckerte: »Du darfst den meinen mit verpfänden, wenn es irgendeinen Wert hat. Er ist ein ziemlich verbrauchter alter Klotz. Neunundsiebzig Jahre. War einmal ein extra guter Kopf, nach dem die Mädchen ihre Augen rollen ließen. Aber die Gottlosen, pfui Teufel! Sie haben mit ihren Verfluchungen den ›Vogel‹ umgebracht. Die Galiläer müssen eine Lektion bekommen, aber radikal muß sie ausfallen, wie man zu sagen pflegt, damit wir nicht dieselbe Geschichte noch einmal kriegen.«

»Alle Teufel sollen die Christen reiten, die den ›Vogel‹ verhext haben!« erwiderte Istacidius. Neben seinem Beruf hatte dieser Mann nur eine unmäßige Leidenschaft: Pferde – Wettrennen – Zirkus! »Was sagst du?« wendete er sich an Marcellus. »Du gehörst wohl zu den Meergrünen!«

»Ja, ja gewiß!« sagte der Angeredete. »Warum findet ihr den Täter nicht?«

»Wir werden ihn im Handumdrehen haben!« versicherte der Detektiv sehr sicher. »Unter uns: es sind ein paar neue Spuren aufgetaucht. Nur noch ein paar Tage Geduld! Und dann gnade Gott den Christen!«

Marcellus hörte nicht zu. Er hörte es auch kaum, als Paetus Jon zu sich rief und ihm eine unterhaltende und einträgliche Stelle als Requisitenjunge und Page bei der Filiale des Propheten Alexander im Isistempel anbot ... »Dunkle oder helle Haare?« dachte er. Er hätte den Jungen fragen können; aber dieser war ganz von Paetus in Anspruch genommen. Und schließlich – was war sie anders als ein schönes Mädchen! Als ob es nicht schöne Mädchen genug gäbe! Als ob Elina nicht zweifellos viel mehr wert wäre ... und dazu auch viel schöner!

Marcellus ging allein nach Hause. Er war mit irgend etwas unzufrieden, was, nach den Anzeichen zu urteilen, nicht außer ihm lag, und wovon also zu vermuten war, daß es in ihm selbst liege. Liebe vielleicht ...? Ach, Unsinn! Er wollte Elina sobald wie möglich besuchen und freute sich darauf. Und dann war es wieder da – eine dumpfe Unzufriedenheit mit dem Marcellischen Generalstatus. Nun kann eine Liebe, die, wenn sie Liebe ist, den davon Ergriffenen mit sich unzufrieden macht, nicht von schlechter Art sein, und man kann ohne Übertreibung sagen, daß sie den Fuß im Bügel hat. Aber im ersten sauersüßen Zustand richtiger Erkenntnis nahm er, ohne es ganz bewußt zu wollen, eine flüchtige Bohrung in der erotischen Erfahrung vor, die sich allmählich bei ihm abgelagert hatte. Das wurde eine archäologische Arbeit, die mit dem gleichzeitig ordinären und raffinierten Verhältnis zu Elina anfing, dann eine flimmernde Reihe von fast vergessenen Frauen passierte und bei Ruth endete. Der größte Teil davon trat in beschädigtem Zustand und in einem Nebel von Unwirklichkeit vor ihn hin, und nur ein oder zwei Geschehnisse – noch dazu ganz unbedeutende – standen ihm klar vor Augen. So war ihm einmal in Karthago (in der Straße, die Schildschmiedestraße genannt wird) ein Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit begegnet, und da sie ihn anlachte, griff er nach ihrer Tunika, das Mädchen mit sich zu nehmen, und als er mit einer freien Hand Geld herauszog, um es ihr zu geben, versetzte sie ihm eine Ohrfeige, daß ihm das Geld entfiel; und während sie würdig wie eine Vestalin ihren Weg fortsetzte, stand er da und hatte das Gelächter der Vorübergehenden als Dreingabe. Wenn er sich dieser unbedeutenden Kleinigkeit noch erinnerte, kam es sicher daher, daß es die einzige Ohrfeige war, die er je von einer Frau erhalten hatte; und er dachte jetzt: »Armes Rom! Ein Mann muß bis nach Afrika gehen, sich eine Ohrfeige zu holen!«

Seine Betrachtungen verweilten bei seiner kindlichen geheimen Ehefrau, der reinherzigen und mütterlich schönen Nofretete – bei ihr, deren Mund ihm aus der Tiefe der Reihe von Nächten entgegenblühte, wo sie ihn, Strophe um Strophe, den heißen und ergreifenden Triumph des Hohen Liedes gelehrt hatte. Ganz deutlich hörte er sich selbst die Worte stöhnen, mit denen die Geliebte die Anmut des Geliebten anbetet, und deutlich klang über all die Jahre her ihr lachendes Flüstern: »Mein Freund ist wie ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt.«

Und als er so weit gekommen war, verschwand Ruths glühendes Gesicht, und Caecilias Gesicht trat an seine Stelle. Es war ernst und voller Freundlichkeit – einer etwas kühlen Freundlichkeit, die mit Wehmut verwandt war, und sie sagte geduldig: »Es stehet geschrieben!« So, wie sie es im Bethaus, auf einer Olivenkiste stehend, gesagt hatte.

Marcellus hatte vergessen, was es war, was da geschrieben stand, aber er entschloß sich, nach einer Gelegenheit zu forschen, bei der er seine Erinnerung auffrischen könnte.

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