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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 12
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Elftes Kapitel

Es war eine von den oftmals vorgebrachten Lieblingsbehauptungen des Papirius, daß ein Gedanke immer auf den Schultern eines andern stehe, und daß niemand sagen könne, wo eine Handlung beginne. Man könne an eine Vorsehung glauben oder es bleiben lassen, doch sei sicherlich leichter daran zu glauben, wenn eines Menschen Schicksal – oder auch eine Bewegung – wie ein Pfeil auf das Ziel zufliege. Untersuche man aber, was zu einer willkürlich gewählten Handlung geführt habe, so zeige es sich ja jederzeit, daß sie nicht von einer oder von zwei Seiten her bestimmt worden sei, sondern daß Kräfte von vielen Seiten her sich vereinigt hätten, sie hervorzubringen. Und oftmals müsse man sich fragen, was sich wohl ereignet hätte, wenn nur eine dieser Kräfte gerade anderswo in Anspruch genommen gewesen wäre.

Betrachtet man beispielsweise die ganze Geschichte der Galiläer in Rom am Ende des sogenannten zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, dann kann man es einen Zufall nennen – und zwar einen für die Christen äußerst glücklichen Zufall –, daß der Eunuch Vater Hyazinth ein kleines Mädchen, namens Marcia, in seiner Priesterwohnung in der Sandalenmachergasse aufzog, daß diese schöne kleine Marcia die Geliebte des Ummidius Quadratus, des Schwiegersohnes von Kaiser Marcus, wurde, daß sie nach dem Tode des Quadratus an den Kaiser Commodus überging, und daß sie dann als dessen Mätresse noch nach achtzehnhundert Jahren scharf wie ein Mosaikbild vor unseren Augen steht als die »glaubenstreue Konkubine« dieses Kaisers, die jederzeit die Sache der Christen vertrat. Man kann es einen Zufall nennen, aber man kann auch mit denen nicht scharf ins Gericht gehen, die sagen, es sei Gottes Fügung gewesen, daß nicht einer der Faktoren fehlte, durch die dieses gebrechliche junge Weib zu einer Stellung emporstieg, die sich in keiner Weise wesentlich von der Stellung einer Kaiserin unterschied. Man kann es nicht sinnlos heißen, wenn sie behaupten, das habe Gott getan, durch ihren Einfluß die Leiden derer zu lindern, die von denselben Menschen »seine Kinder« genannt werden.

Und wenn man versucht, die unübersichtlichen Fäden zu entwirren, die zu der Polizeirazzia in Rab Chaninas Bethaus führten und weiter zu dessen Schließung und der Deportierung vieler Brüder und Schwestern nach Sardinien, dann wird es wahrscheinlich, daß das Fehlen auch nur einer einzigen der mitwirkenden Ursachen den Lauf dieser Dinge in eine andere Richtung gelenkt hätte. Vielleicht wäre dann der Angriff in der Gemeinde einer andern Region erfolgt. Es ist wahrscheinlich, daß sich das ganze Bild verschoben hätte, wenn nur Jon friedlich mit dem Priesterjungen im Isistempel hätte auskommen können, oder wenn der »Vogel« nicht gestürzt wäre, oder wenn Marcellus niemals die junge Dame getroffen hätte, die Rhodope zu nennen Jon das Privilegium hatte. Und zumal, wenn Marcellus nicht zuvor in ein Verhältnis zu einer andern Frau verstrickt gewesen wäre – ein Verhältnis, von dem schon aus diesem Grund in Verbindung mit dem übrigen Bericht gesprochen werden muß.

Elina, die mit dem Kleiderhändler Nigidius (der Vaccula – kleine Kuh – genannt wurde) verheiratet war, liebte ihren Mann so, wie man einen liebt, der einem dreizehn ereignislose Jahre lang den Unterhalt gewährt hat. Das Wort ereignislos ist nicht als ein Vorwurf gegen Nigidius Vaccula gemeint; jedenfalls hätte Elina es nicht als Herabsetzung aufgefaßt, denn sie gehörte nicht zu denen, die nach Ereignissen gieren! Und alles, was sie von ihrem Manne verlangte, war ein freundliches Gesicht und eine Lebensführung, die die der bestgestellten unter ihren Nachbarn um die Dicke eines Lineals überragte.

Ferner war sie ihrem Liebhaber ergeben. Das klingt vielleicht nicht nach viel, und wenn man in Betracht zieht, daß Marcellus in diesem Verhältnis eine Zeitlang vollständig den Kopf verloren hatte, war es eigentlich auch nicht viel. Wenn er am Abend sein Kontor verließ, wo er die letzte Arbeitsstunde gewöhnlich damit zubrachte, Dinge zu treiben, die seinem großen Vorbild Horaz endgültig den Wind aus den Segeln nehmen sollten – ja, dann vergaß er zuweilen, nach der Gladiatoren-Bar zu gehen, weil ihn mehr danach gelüstete, am Tiber zu sitzen und von Elina zu träumen.

Zwischen Nigidius Vaccula, ihrem Mann, und Marcellus, ihrem Liebhaber, bestand der Unterschied, daß der eine an sie glaubte, weil er die Menschen nicht kannte, und der andere, obgleich er sie kannte. Wenn sie bei Nacht dem Rufe des Nigidius Vaccula folgte und zu ihm unter die germanische Kaninchenfelldecke glitt, war es ihr Lachen, das erklang, und ihre Stimme, die sich glückselig zu ihm als dem einzigen bekannte; dem über alles Geliebten. Und Nigidius nahm, was sein war, weil es nun einmal sein war. Nachher schliefen sie – etwas schwer und sehr beruhigt, wie Menschen schlafen, die einander ergeben sind. Und wenn sie hie und da Marcellus traf, schmiegte sie sich mit demselben Lachen an ihn. Und mit genau den gleichen Worten bekannte sie sich zu ihm als dem einzigen – dem über alles Geliebten.

Nun war es ja nicht zu vermeiden, daß sich Elina gelegentlich vor die Wahl zwischen ihren beiden Männern gestellt sah. Wenn das geschah, fühlte sie sich gleichsam ein wenig vom Schicksal betrogen. Am liebsten dachte sie sich eine Zukunft aus, in der der jetzige Zustand Dauer hätte. Das war bequem. Das war vergnüglich. Darin lag genau das Maß von Spannung, das freundliche Naturen gern mitnehmen, wenn es ihnen in den Schoß fällt. Und – bei Aphrodite! – die Wahl war nicht leicht! Nigidius Vaccula bedeutete eine gesicherte Stellung, gute Kleidung, Umgang mit fröhlichen Menschen von gleichem Ansehen. Mit Marcellus lag die Sache nicht so glatt und eben. Solange er seine Stellung in seinem Bankhause behielte, könnten sie sich ja vielleicht durchschlagen, wenn auch auf wesentlich kleinerem Fuße als mit Nigidius; aber einesteils schwebte um den großen Geldmarkt ein Hauch von Unsicherheit, andererseits drohte Marcellus beständig, er wolle alles andere im Stich lassen und sich ausschließlich der Kunst widmen. Und Xenia, eine Frau, die aus der Glaskugel wahrsagte, hatte Elina mitgeteilt, daß es bei Männern, die die Kunst zu ihrem Lebensberuf machten, nur zwei Möglichkeiten gebe: entweder Gerstenbrot und saueren Landwein oder allen Überfluß der Götter. Selbstverständlich wußte sie wohl, daß es Menschen gab, die an ihren Geliebten glaubten – also nicht Krämer wie Nigidius Vaccula, sondern freie Männer mit bestimmten Ansichten und großer Einsicht –, darunter sogar Männer wie die berühmten Dichter Apuleius und Gellius. Nahm aber der Fleischer diesen Glauben als Bezahlung an, oder der Schuhmacher, oder der Parfümhändler? Nicht daß sie wüßte! Sie dachte daran, wie Marcellus zum erstenmal von diesem Plan gesprochen hatte. Sie hatte gefragt, ob es sich auch bezahle, wenn man Gedichte mache. Er hatte sie groß angeschaut – überrascht, als sei ihm diese Seite der Sache noch nie eingefallen. Dann hatten seine Augen gefunkelt, und er hatte zornig geantwortet:

»Das will ich nicht hoffen!«

Sie lachte natürlich, und als er ihr Lachen hörte, lachte er mit und hatte wahrscheinlich zugleich die ganze Sache vergessen. Aber sie hatte das nicht vergessen. Durchaus nicht. Wenn sie ihn später unpassende Dinge sagen oder auf die leichtsinnige Art spotten hörte, die ihm Spaß zu machen schien, dachte sie oft an jenes erste Mal, und sie dachte genau dasselbe wie damals, nämlich, daß er vielleicht, bei Licht betrachtet, am ernstesten war, wenn er spaßte.

Es hatte aber noch einen andern Grund, wenn Elina an ihnen beiden festhielt. Es war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß Nigidius Vaccula sich herausgemacht hatte, seit der Fremde in ihr Dasein getreten war. Diese unumstößliche Tatsache – aber das wußte sie nicht – hatte ihren Grund wesentlich in der neuen Kraft, die durch das Eintreten des Marcellus in ihr Leben ihr zugeflossen war. Sie war schöner und spannkräftiger geworden, und das Weibliche an ihr trat deutlicher hervor. Sie war wärmer und gefühlvoller geworden, und ihre Augen hatten einen Glanz bekommen, dessen sich der Ehemann nach dreizehnjährigem Zusammenleben nicht immer erfreuen kann. Von diesem allen hatte Nigidius Vaccula den Genuß, und er nahm das hin, wie man im Winter den Nordwind und im Sommer die Hitze hinnimmt. Es fiel ihm nicht ein, es in irgendeine Verbindung mit dem eleganten Bankbeamten zu bringen, der hie und da abends bei ihnen saß und von seinen Erlebnissen im fernen Afrika erzählte. Und außerdem schwor sie ja selbst, daß er – Nigidius Vaccula – der einzige Mann ihres Lebens, ihr treuer Geliebter sei.

Die Kraft, die die Fliege erschaffen hat, hat auch den Fliegenleim erschaffen. Der Koran drückt das etwas anders aus (und es ist vielleicht nicht dazu bestimmt, auf solch ein Verhältnis angewendet zu werden), denn Sure 8,30 steht geschrieben: »Die Ungläubigen spinnen Ränke; aber Allah spinnt auch Ränke, und er ist der Tüchtigste im Ränkespinnen.«

Außer ihnen selbst lauerte noch eine Gefahr auf diese beiden Menschen, und die Grübler, die in allem eine göttliche Fügung erblicken, werden anerkennend nicken und sagen: »Das ist nur in der Ordnung, wenn man bewußt auf die Unwahrheit baut ... Allah ist der Tüchtigste im Ränkespinnen.«

Diese lauernde Gefahr verkörperte sich in der Person des Listillus mit dem Nachtauge. Dies war ein einäugiger, schiefer Buckliger, der vor dem Tempel der Minerva medica in der fünften Region Opfertauben verkaufte, von wo er sich gelegentlich ein paar Steinwürfe weit zum Isis- und Serapistempel in der dritten Region hinüberschlich und Liebestauben mit gestickten seidenen Hüten an die Damen der ägyptischen Gemeinde absetzte.

Will man sich ihn vorstellen, so muß man sich einen Mann denken, der sich lautlos bewegt und dazu neigt, Zehengänger zu werden – zwei Merkwürdigkeiten, die er sich damals zugelegt hatte, wo er in den Treppenhäusern Schnürbänder verkaufte. Diese maskierte Form der Bettelei war nichts Neues. Die ältesten Leute in Rom erinnerten sich von ihrer frühesten Kindheit her des Mannes, dem ein Bündel Lederschnüre den Rücken hinunterhingen, und an dessen beweglichen Appell an das Mitleid der vom Schicksal Begünstigteren. Die Schachte, die diese befransten Söhne des Merkur von der Straße bis in das Dachgeschoß hinaufführten, standen in der Erinnerung wie gepolstert mit Segen und Fluch, womit der Ausfall der Bettelei von Tür zu Tür charakterisiert wurde. Und die Bürger fanden sich in diese rattenartige ängstliche Frechheit, wie sie andere Kulturerzeugnisse hinnahmen, zum Beispiel Krankheit und Feuersbrünste.

Von diesem Beruf hatte Listillus die sechs Jahre lang gelebt, seit er mit den parthischen Legionen als Lagerlaus Tausendschön in die Stadt gekommen war, bis er eines Tages das Unglück hatte, in einem Haus in der Tribaldergasse vom dritten Stock aus mit einem Fußtritt die Treppe hinabgeworfen zu werden, wonach er nach zwei Dimensionen schief wurde. Seither hatte er sich seine Nahrung als Taubenhändler verdient. Er wohnte im Dachstock desselben Hauses in der Sandalenmachergasse, wo auch Nigidius Vaccula wohnte, und da er prinzipiell alle Frauen haßte, weil sie ihn als Krüppel verschmähten, haßte er demgemäß auch Elina. Dies durfte ein sinnloser Haß geheißen werden, denn sie war immer freundlich zu ihm und gab ihm Ziegenmilch mit Honig zu trinken, wenn er hustete, nachdem er den ganzen Tag auf dem kalten Platz vor dem Tempel der Minerva medica gesessen hatte. Außerdem ließ sie ihn häufig hereinkommen, daß er sich wärme, oder um mit ihm zu plaudern, und zwar, ob nun Nigidius Vaccula zu Hause war oder nicht. Aber gerade darin erblickte sein krankes Gehirn den Ausdruck der Verachtung.

»Sie verachtet mich!« sagte er zwischen zwei Hustenanfällen zu dem Bettler Parsus, der gleich ihm die Treppe des Minervatempels nur verließ, wenn er sich einmal zur Abwechslung hinüberschlich, um im Schatten der Heiligen Mutter zu betteln. »Sie verachtet mich; nichts kann deutlicher sein. Nur einen Tropf, der vollkommen unmöglich ist, der überhaupt nicht in Betracht kommt, würde sie so hereinbitten. Aber – ich gebrauche meine Augen, jawohl. Auch wenn ich in der Küche sitze und halb schlafe; da vielleicht am meisten. Und ich schlummere viel, wenn ich dort sitze.«

Parsus war ein kleiner alter Mann, in dem über das Notwendige hinaus keine Bosheit lebte. Er dachte gerade darüber nach, ob ein Hahn als Kapaun oder gemästet unter erzwungener geschlechtlicher Enthaltsamkeit besser schmecke, oder ob vielleicht letzten Endes ein gewöhnliches vier Monate altes, gut entwickeltes Kücken, in Öl gebacken mit gerösteten Oliven, vorzuziehen sei. In Anbetracht dessen, daß er keinerlei Aussicht hatte, irgendeines von diesen Dingen zu bekommen, könnte man meinen, dies hätte für ihn von untergeordneter Bedeutung sein sollen. Aber derartige Erwägungen hatten Parsus von jeher lebhaft beschäftigt. Nichts besänftigte sein Gemüt so sehr wie der Gedanke an eßbare Dinge. Noch heute als Mann in vorgerückten Jahren konnte er ganz lebendig werden beim Gedanken an ein junges Wildschwein, das er in seiner Jugend den Leutnant Sergius Felix hatte am Spieße braten sehen, den zwei Äthiopier langsam drehten. Die beiden Äthiopier standen in seiner Erinnerung auf dem gleichen Blatt mit dem podolischen Wein und dem Muskat und dem wohlriechenden Holz, welche Dinge alle bei der Zubereitung verwendet wurden. Wenn sich diese Erinnerung hervordrängte, mußte er davon erzählen, ob er auch mutterseelenallein im Schatten der Heilenden Minerva saß.

Die Geschichte hatte sich in der Form kristallisiert, daß Sergius Felix ihn erblickt und ihm durch einen der Äthiopier ein Stück des Rückens hatte überreichen lassen. (Eine ältere Version hatte sich's an der halben Leber, in Öl und Weizenmehl gebacken, genügen lassen.) Tatsächlich verhielt sich die Sache so, daß einer von den zwei Spießdrehern – beide waren Sklaven von irgendwo jenseits der Apenninen her und standen in keinerlei Verbindung mit Äthiopien – einen der Füße des Schweines so glücklich geworfen hatte, daß er weniger als drei Schritte von Parsus entfernt niedergefallen war. Aber einesteils hatte er schon damals sehr ehrbar gedacht, andernteils war er nicht ganz so keck gewesen wie sein damaliger Konkurrent, dem der Schweinsfuß auch eigentlich zugedacht war. Und der Hund hatte ihn auch bekommen, ohne sich dabei übereilen zu müssen – und sich damit seitwärts in die Büsche geschlagen.

In diesem Augenblick jedoch begnügte sich Parsus mit seiner Anthologie von Brathühnern verschiedener Art, welches Problem ihn so stark in Anspruch nahm, daß er sogar vergaß, sein gewohntes verständnisinniges Grunzen einzuschieben, als Tausendschön ihm erzählte, daß er seine Augen gebrauche, wenn er bei Elina Ziegenmilch trinke. »Die ganze Welt mag sagen, was sie will, ich halte es mit jungen Kücken, in Öl gebacken mit gerösteten Oliven dazu!« dachte Parsus vergnügt.

Zu gleicher Zeit aber schnarrte Listillus zum zweitenmal:

»Aber ich gebrauche meine Augen. Auch wenn ich dusele.«

Nun ärgerte sich Parsus über die Unterbrechung, und nur, weil er ärgerlich war, machte er die kleine spitzige Bemerkung:

»Auch dein Nachtauge, Listillus?«

Es war nicht hübsch, den Krüppel mit seinem fehlenden Auge zu necken, und Parsus bereute es auch sofort. Aber ehe er noch seine Gedanken zu einer Entschuldigung zusammenraffen konnte, hatte der Kamerad sein Vogelbauer mit den Tauben auf den Rücken genommen und war seines Weges gegangen. Doch nahm er sich die Zeit, ehe er außer Hörweite war, zurückzuknurren:

»Wenn ich ein lausiger Bettler wäre, würde ich mich schämen, einen Unglücklichen zu verspotten!«

Und das war das Schlimmste, was er sagen konnte; denn es war der offenkundige Stolz des Parsus, daß die Läuse einen weiten Bogen um ihn machten oder doch nicht bei ihm gediehen. Und Parsus, der kleine alte Bettler mit dem gleichsam abgetragenen Bart und den hängenden Schultern, fing zu bereuen an, nichts davon angedeutet zu haben, daß Listillus seine Opfertauben auf dem Weg des Diebstahls an sich bringe. Aber bei dem Gedanken an Tauben tauchte in seiner Erinnerung ein halbvergessener Küchentrick auf, durch den man den Geschmack von Taubenbrüsten veredeln kann: man muß sie nämlich zusammen mit Fasanenbrüsten – gleich viel von jeder Art – als Ragout zubereiten. Dies machte, daß er die nächstliegende Welt mit ihren Verdrießlichkeiten und Listillus mit seinem Nachtauge sofort vergaß und wieder der kleine magere und gutmütige Träumer ohne Neid wurde und ohne Wünsche – außer dem Wunsch nach einer in Öl gebackenen Kückenkeule.

Indessen eilte Listillus heim, das Taubengitter auf dem Rücken und den Kopf voll mörderischer Entschlüsse – nicht gegen Parsus; denn wer schenkt einem armen Bettler Beachtung! – aber gegen Elina, gegen Marcellus. Hatte er nicht lange genug deren Verliebtheit beobachten können, weil sie sie in seinem Beisein nur recht schlecht verborgen hatten? Ob er oder ein Hund oder die Schildkröte auf dem Hofe das mit ansah, kam doch auf eins heraus. Auch gegen Nigidius Vaccula wälzte er finstere Pläne; denn der verbarg es nie, daß er es nur zur Not noch duldete, wenn er Tausendschön in der Küche sitzend fand, weil Elina es nun einmal wünschte und es darum nicht anders sein konnte. Auch gegen Julia, die dieselben Lachgrübchen und dieselbe Katzenfreundlichkeit hatte wie ihre Mutter. Und gegen den kleinen Teufelsbraten, die Marcia, die ihm Fratzen schnitt und ihn am Bart zog. Und gegen ... Hätte er das ganze Argiletum in die Kloaken versenken können, so wäre das seine glücklichste Stunde gewesen.

Das meinte er wenigstens.

Aber im Heim des Nigidius an der Sandalenmachergasse befand man sich in sorgloser Unwissenheit über Tausendschöns mörderische Gesinnung und man war mit den letzten Vorbereitungen zur Aufnahme von ein paar Gästen beschäftigt.

Die Veranlassung dazu war etwas an den Haaren herbeigezogen: Biquesa, der Oberpriester des Isistempels, hatte Arnuphis, dem Vater des Horns, Befehl gegeben, auf den Kriegsschauplatz zu den Truppen zu reisen, die gegen die Quaden kämpften, und Elina hatte sich deshalb entschlossen, ein kleines Abschiedsfest zu geben.

»Nur ein paar Gedecke – Marcellus und Papirius, Rufus und seine Frau und – vielleicht – Trochylos!« warf Elina hin, als sie dies aufs Tapet brachte.

»Ausgezeichnet! Großartig! Dann kann ich die Gelegenheit benützen und Sergius Felix besuchen. Ich bin ihm seit Jahr und Tag einen Besuch schuldig!« erwiderte Nigidius entgegenkommend. Er schätzte die Gesellschaft von Ägyptern wenig.

Elina fuhr fort: »Vielleicht sollten wir auch die Mädchen mit einladen. Ich glaube, das tun wir!«

Die »Mädchen« waren fünf von Elinas Jugendgespielinnen, die zuweilen als eine Art Pulververschwörung zu Gesellschaften kommandiert wurden, die sonst zu langweilig zu werden drohten.

Nigidius fuhr fort: »Und Verecundus und den Kioskmann und Priscilla und Stephan und seine Frau – wenn wir nicht gleich das ganze Viertel einladen wollen. Ich habe dir doch schon hundertmal gesagt, daß neun Leute das Maximum bei einem Abendessen sind.«

Elina überlegte (laut): »Wenn wir zwei Eßtische nehmen und sie ganz besetzen, geht es.«

Nigidius brüllte entrüstet: »Es – kann – doch – nicht deine Absicht sein, aus diesem verrückten Anlaß achtzehn Menschen zusammenzutrommeln!«

Worauf Elina antwortete: »Zwei Tische, ja – das sind achtzehn Menschen. Du bist ein Rechengenie, mein Lieber! Ich fürchte, drei würden etwas viel für unsere Zimmer.«

Damit war die parlamentarische Debatte geschlossen, und die Einzelheiten der Zusammenkunft konnten festgestellt werden. Die vorgesehene Unterhaltung war einfach: ein kleines Würfelspiel, ein wenig Vorlesen, etwas Diskussion, früh nach Hause.

»Ich glaubte, du hättest mit Isis nicht mehr viel zu tun«, so tastete sich Nigidius zum Schlusse vor.

Elinas Antwort darauf war ein ziemlich unklarer Hinweis darauf, daß der Zusammenhang mit einer okkultistischen Gemeinde nicht davon abhänge, daß man früh und spät zu den Messen laufe. Sie achte jeden Standpunkt – wenn er nur echt sei –, und sie halte sich frei von jeder Übertreibung in Gestalt von allzu glühender Isisverehrung und allzu tief dekolletiertem Christentum. Übrigens halte sie darauf, einmal im Monat zur Beichte zu gehen ... Aber da war Nigidius bereits auf seinem Weg ins Geschäft.

Und als das Fest vor der Tür stand, lief er in glänzender Laune, nur mit einer Schürze angetan, in den Stuben herum, denn niemand freute sich mehr über Geselligkeit, sobald der einleitende Streit überstanden war. Elina war schon umgekleidet, als sich Marcellus als erster mit einem großen Strauß gelber Rosen einstellte. Bei ihren gesellschaftlichen Auftafelungen war Marcellus ein feststehender Gang ... wie eine Art von Plat-de-ménage, während die Gerichte sonst wechselten. Das schien selbstverständlich und unumgänglich. Seine Ankunft gab das Signal dazu, daß sich der fette Rücken und die lose Muskulatur des Nigidius samt der republikanischen Schürze davonmachten, weil ein Gesellschaftsanzug als Sockel für das liebenswürdige Gesicht des Kleiderhändlers an ihre Stelle treten sollte.

»Hast du erraten, weshalb wir diese Gesellschaft geben?« fragte Elina und schlang ihre Arme um den Hals des Marcellus, als das in abnehmender Stärke hörbare Klatschen der nackten Fußballen des Nigidius bewies, daß dieser etwa in der Nähe des Badezimmers angekommen war.

»Du schriebst doch, es sei eine Abschiedsfeier für Arnuphis!« antwortete Marcellus zwischen zwei Küssen.

Elina schmollte: »Es ist mir nicht im Schlafe eingefallen, daß du das glauben könntest! Weißt du wirklich nicht, was heute für ein Tag ist?«

Erfolglos sann Marcellus nach. Niemand im Hause hatte Geburtstag, und von einem allgemeinen Festtag war auch keine Rede. Als er aufgab, es zu ergründen, biß sie ihn vorsichtig in den Hals und flüsterte, ehe sie hinauslief, in die Küche zu schauen: »Dein und mein zweijähriger Hochzeitstag – dummer Junge!«

Er sah ihrer festen Gestalt in der Musselintunika, mit den Ohrenklunkern, den Armbändern, den silbernen Spangen auf den Schuhen nach. Ihre Hochzeit stand ihm deutlich vor Augen. Kurz nach seiner Rückkehr aus Afrika – er hatte vorher schon ein paar Besuche bei ihr gemacht – war er ihr eines Tages auf dem Heimweg vom Kontor bei dem vierköpfigen Janus begegnet. Diese Begegnung machte einen ganz zufälligen Eindruck. Spätere Erfahrungen jedoch hatten ihn gelehrt, daß zufällige Arrangements und arrangierte Zufälligkeiten für Elina nicht wenig Reiz besaßen. Es regnete – platzregnete. Also ... »Du mußt durchaus mit hereinkommen und etwas Warmes genießen!« Dabei war nichts Auffälliges gewesen. Auch daran nicht, daß sich Nigidius bei einer Auktion befand. Vielleicht auch daran nicht, daß im Hause alle Menschen wie weggeblasen schienen; – sogar das drei Monate alte Kind war nicht da. Alles wirkte ganz natürlich. Nur das eine konnte dabei auffallen, daß Elina ihr Alibi gleichsam allzu gut in Ordnung gehabt hatte ...

Elina kam wieder aus der Küche herein. Sie ergriff seine Hand und küßte sie sanft. »Erinnerst du dich noch des Tages vor zwei Jahren? An jenem Tag fragte ich dich, warum du mich nicht genommen hast, als wir damals bei euch auf Alta Semita die Saturnalien feierten?«

Er nickte bejahend. Er erinnerte sich sehr lebhaft daran.

»Du antwortest, du hättest Bedenken vor einer Ehe gehabt, in der der weibliche Teil die Zügel in der Hand hielte.«

»Man sagt gar viel, wenn man zwanzig Jahr alt ist. Da ist nicht alles wohlüberlegt. Übrigens war das ganz richtig gedacht. Wenn du in einer Ehe glücklich sein sollst, mußt du der stärkere Teil sein. Und du bist ja glücklich geworden!«

»Ü–ber al–le Ma–ßen!« bestätigte sie, und ihre Worte waren stark mit Spott gefirnißt.

»Und Nigidius ist doch kein Dummkopf. Im Gegenteil. Er ist ein Mann, der die Dinge praktisch und fest angreift.«

»Mich ausgenommen – ja! Aber du, Geliebter, nur du allein hättest ...«

Er unterbrach sie lachend: »Nein, Elina! Wir wollen ehrlich sein! Es wäre sicher brillant mit uns beiden gegangen – vielleicht ebensogut wie mit dir und Nig'; aber dank meinem Alten und der Großmutter und Euphemus sind meiner Selbsteinschätzung einige komische Auswüchse abgeschnitten worden. Schadet das etwas?«

Elina drehte ihr Taschentuch in den Fingern herum, während sie horchend auf das Gebrumm des Nigidius wartete und auf den Ton, den das Badewasser hören ließ, wenn der letzte Rest davon in das Ablaufrohr gesaugt wurde. Sie sagte: »Aber du bist im letzten Jahr entsetzlich schwierig geworden – viel mehr als im ersten. Willst du mir versprechen, heute abend nicht eifersüchtig zu werden.«

Er versprach es.

»Und nicht wieder monatelang wegzubleiben?«

Er versprach es.

»Ich komme ja zu dir, sooft es möglich ist in Rücksicht auf die Kinder, und ohne Nig' allzusehr zu schädigen. Er wäre hilflos ohne mich!« Sie lachte, glücklich über ihre Macht, küßte ihn auf den Mund und flüsterte: »Du mein einzig Geliebter!«

Und sie glaubte es wahrscheinlich selbst. Sie glaubte es gewiß, so gewiß, wie man so etwas in einer Gesellschaftsschicht glaubt, wo ein großes Kontingent von Damen die Beschränkung auf einen einzigen Liebhaber für den Gipfelpunkt der Exzentrizität und altmodischer Zimperlichkeit ansieht. Und während sie sich umdrehte, die Zimmer mit Safran zu besprengen, schwatzte sie weiter: »Ich habe dir doch gesagt, daß ich zu Nig' durch das Ehevermittlungsbüro des Hermias gekommen bin. Daran erinnerst du dich wohl nicht mehr?«

Doch, er erinnerte sich gut daran.

»Hab' ich dir je gesagt, daß ich zuerst eine Verbindung mit einem ägyptischen Geistlichen angeknüpft hatte?«

Ein Gedanke zickzackte Marcellus durch den Kopf, und er riet: »Arnuphis.«

Dieser Gedanke kam ihr so komisch vor, daß sie sich setzen und lachen mußte. »Nein, du, der war leider verheiratet und hatte gewiß schon den Bengel, du weißt, den mit den Rattenzähnen, der allmählich die Gasse hier unsicher zu machen anfängt. Ich glaube wirklich, er läuft meiner Julia nach. Nein, es war wahrhaftig Seine Heiligkeit Biquesa selbst. Kannst du dir mich bei ihm vorstellen?«

»Nicht für sehr lange. Eines von euch wäre vom Bock geworfen worden. Aber Biquesa höchstwahrscheinlich nicht. Verehrst du die Isis seit jener Zeit?«

»Ja, daher stammt es wohl«, warf sie hin. »Aber ich pfeif darauf. Ich muß dir etwas geben, bevor Nig' erscheint. Hier!« Sie wickelte eine daumenlange vergoldete Marmorvenus aus einem sorgfältig umschnürten Seidentuch heraus und sagte: »Trag sie immer bei dir! Bete jeden Tag zu ihr! Denk jedesmal dabei an mich! Dann kommt unsere Zeit – ehe wir's uns versehen! Und«, sie drückte sich mit Gewalt an ihn und preßte dabei sein linkes Handgelenk, »sag es nun!«

» Meine Frau!« sagte er, heiß von der Wärme, die von ihr ausging.

»Mein – geliebter – Junge!« stöhnte sie erregt. Und ehe sie hinaustanzte, die ersten Gäste zu begrüßen, fügte sie hinzu:

»Und dann – niemals wieder Eifersucht! Nig' hat mich ja in Wirklichkeit gar nicht!«

Der erste, der kam, war Rufus, der frühere Zahnarzt, jetzt Zunftmitglied bei den Pestärzten. Mit sich führte er – dies Wort ist mit Überlegung gewählt – seine Frau. Er schlenderte stracks zu Marcellus hin, den er recht gern leiden mochte, ohne ihn irgendwie hochzuachten. Marcellus für seinen Teil fühlte sich zu dem Trunkenbold von Arzt hingezogen (der Arzt war unterdessen zum Behälter für einen Liter trockenen Falerners geworden, den er in den »Vier Säften« in sich hineingegossen hatte), dessen Derbheit wohl etwas bewußt werden konnte, aber dennoch ursprünglich war wie Unkraut oder Ohrenweh. Im angrenzenden Zimmer hüpften Elinas Lachgrübchen munter bei einem eifrigen Meinungsaustausch über die Erziehung von Knaben mit Pomona, der Frau des Rufus. (»Obgleich Jon ja von gewissen Leuten hier in der Straße für ein Gotteskind angesehen wurde ...« – »Ach nein, ein Teufelsjunge, solltest du lieber sagen!«)

Elinas letzter Hinweis auf die Eifersucht des Marcellus beschäftigte diesen immer noch, und er fragte Rufus, dessen Urteilskraft als gangbare Münze galt, wie es bei Trunkenbolden öfters der Fall ist: »Bist du je einmal eifersüchtig gewesen, Doktor?«

Rufus war einigermaßen erstaunt über diese unvorhergesehene Frage. »Du bist der reinste Sturmbock!« antwortete er. »Man könnte meinen, du wärest bei der Artillerie. Eifersüchtig, sagst du? Abgesehen vom Delirium – das ja ernsthaft genug sein kann – habe ich noch nie irgendeine Art von Gebresten gehabt. Gesund an Leib und Seele! Und dann einen moralischen Defekt wie Eifersucht – pfui, wie abscheulich! Nein, ich habe mir meine Frau mit Überlegung ausgewählt. Sie sieht etwas verbraucht aus ... und das ist sie auch. Ich hab' das Geld versoffen, womit wir eine Hilfe für sie hätten bezahlen sollen. Sie wirkt auch etwas – kalt! Nicht? Ja, das ist sie aber nicht. Sie gehört zu den Frauen, bei denen man auf Entdeckungsreisen gehen kann. Die sind selten. Beim größten Teil von ihnen ist es wie bei den Mietkasernen in den Armenvierteln: weiß man, wo in einer von ihnen die Speisekammer ist, so weiß man es in allen.«

»Aber Eifersucht so im allgemeinen?«

»Eifersucht – ja! Meine Lieblingstheorie – sie bildet ungefähr meine ganze Philosophie – ist das Gesetz der, wie ich es nennen möchte, Ausbalancierung aller Dinge. Es gibt zwei Prinzipien, die sich befehden und einander aufwägen. Sie sind es, die machen, daß Glück und Ruhm ein Zweigespann sind wie Fuchs und Krebs, daß sich der Reiche um seinen Reichtum ängstigt, und daß die erzwungene Mäßigkeit des Armen die schöne Blüte treibt, die man Gesundheit nennt, daß, wer hart arbeiten muß, gut schläft, und daß ... du kannst dir selbst ein Buch mit Beispielen füllen. Ich weiß wohl, daß dies ein krummbeiniger, weißbärtiger Wandersmann von einem Gedanken ist ...«

»Aber Eifersucht!«

»Ja – Eifersucht! Siehst du: Ein Mann, der in seinem Verhältnis zu den Frauen aufrichtig ist, kennt schwerlich Eifersucht. Andere brauchten sie natürlich auch nicht zu kennen. Aber ein durchaus ehrlicher Mann wird fast immer frei davon sein. Das Wesen der Eifersucht versteht man erst gründlich, wenn man sich klarmacht, daß ihr Vorhandensein nicht an die Liebe gebunden ist. Sie ist da, ehe die Liebe erwacht, und sie ist noch da, wenn es mit der Liebe aus ist. Vielleicht ist sie mehr mit Sorge um den Besitz verwandt als mit Liebe. Eifersucht ist ein Ausschlag von erotischer Unordnung, ein Mahnbrief wegen einer Schuld, die man sich irgendwie aufgeladen hat. Das ist die Ausbalancierung. Alles balanciert. Alles muß bezahlt werden. Wir sagen von dem Prinzip, auf Grund dessen wir Opfer bringen, daß wir geben, damit uns gegeben werde. Aber das Prinzip des ganzen Daseins lautet gerade umgekehrt: Wir bekommen, damit wir geben. So einfach ist es. Ach, wenn man doch nur etwas zu trinken hätte!«

Dieser etwas plötzliche Übergang hätte die meisten abgelenkt, aber Marcellus war von seinem Vater und dessen Umgang her solches gewöhnt, und so ging er, Wein zu holen, was dadurch erleichtert wurde, daß dieser Fall vorgesehen war. Als er damit wiederkam und Rufus getrunken hatte (er floß in ihn hinein, wie Wasser in ein Pferd), sagte Marcellus: »Wenn ich dir nun sage, daß ich halbwegs verrückt vor Eifersucht gewesen bin!«

Rufus trocknete sich mit dem Handrücken den Bart; dann sagte er: »Dann antworte ich dir, daß du es sicherlich redlich verdient hast. Du hast dich sicher auf hundert Dinge eingelassen, die du nicht gern öffentlich ausgestellt sähest. Gut – das genügt. Das Eigentümliche bei der Eifersucht ist, daß sie beinahe immer unlösbar mit der andern Krankheit verfilzt ist: der Lüge. Und, beachte es wohl, je niedriger ein Ding steht, desto heftiger jungt es: Fische, Köter, Lügen. Und je edler es ist, desto mehr ruht es in sich selbst. Es gibt wenig Wahrheiten, ja vielleicht nur eine einzige, wenn wir sie finden könnten, aber Millionen Lügen, die alle ihr Dasein damit zubringen, die Wahrheit zu umgehen, weil sie sie fürchten und sich doch zugleich von ihr angezogen fühlen. Beim Jupiter! Was bin ich durstig!«

Nachdem er abermals seinem großen Durste zu Hilfe gekommen war, schloß er: »Ich erinnere mich an einen Fall, wo ich einen Mann beobachtete, der der Liebhaber der Frau des Mannes war, dessen Gastfreundschaft er an jenem Abend genoß, wie schon oftmals vorher. Der Hauswirt wurde fröhlich vom Wein und machte seiner Frau den Hof – unleugbar etwas kräftig. Es liegt kein Grund vor, auf Einzelheiten einzugehen. Wir lachten alle. Alle, außer dem Liebhaber. Ich beobachtete ihn; denn es interessiert mich, Leute zu beobachten, und ich kannte die Verhältnisse. Er war weiß im Gesicht, nicht blaß, sondern vollständig weiß. Auch der Unkundige konnte diesem Gesicht die Qualen ansehen, die der Mann litt. Es war Strophe für Strophe Ovids Elegie über den eifersüchtigen Liebhaber auf offener Szene. Als der Wirt endlich aufstand, seine Frau ergriff und sie unter lautem Jubel hinaustrug – das war derb; aber wir Römer sind nun einmal nicht anders –, wankte der andere mit starren Augen um die Gesellschaft herum, wankte in die Garderobe, wankte hinaus. Ich folgte ihm in einem gewissen Abstand und hörte ihn röcheln. An jenem Abend hielt ich es für gegeben, daß wir ihn zum letztenmal gesehen hätten.« Halb spöttisch schaute er Marcellus an, der nervös mit der kleinen marmornen Maskotte spielte, die Elina ihm gegeben hatte. Dann ging er zu den andern hinein.

Marcellus stand noch einige Minuten im innersten Zimmer. Er hörte Rufus in Rosenöl ertränkte Seepferdchen als unübertreffliches Mittel gegen kaltes Fieber anpreisen. Ein anderer bekam den Rat, Meerschaum als Mittel gegen die Krätze eines Sklaven anzuwenden. Die jetzt beinahe vollzählige Gesellschaft summte und lärmte und sagte alles das, was man von ankommenden Gästen erwartet. »Schönen Dank für die Einladung!« – »Wie nett von euch, daß ihr an uns gedacht habt!« – »Habt ihr schon von dem Erdbeben in Ephesus gehört?« – »Wie schrecklich – diese Geschichte mit dem ›Vogel‹!« – »Ob Sagitta nun wohl als Sattelpferd zu gebrauchen sein wird!« Jene Elegie des Ovid! Jawohl ... Marcellus erinnerte sich ihrer gut. Und er erinnerte sich ausgezeichnet jenes Abends, als Nig' ausnahmsweise betrunken gewesen war. Verflucht gut erinnerte er sich daran. Wie ein Wahnsinniger war er durch die Gassen gestürzt, bis er in eine Wirtschaft hineintaumelte – es war bei Maës drunten am Fluß –, wo er trank, trank, wie er weder je zuvor noch hernach jemals getrunken hatte. Dann war eine Weile alles Nacht um ihn gewesen. Als er wieder zum Leben erwachte, war er in dem bekannten Zustand, wo die verschiedenen Maschinerien des Körpers vertauscht zu sein scheinen – derart, daß die Lunge die Arbeit des Herzens besorgt, der Magen die der Lungen und das Gehirn überhaupt keine. Erst beim fünften Becher kehrte das Bewußtsein schüchtern zurück; und das erste, was er sah, war das Bild des selig betrunkenen Nig' mit seiner Frau auf den Armen. Ob er Ovids Elegie kannte! Er hätte sie im Schlaf hersagen können. Und Rufus nannte die Eifersucht einen moralischen Defekt.

Die Hand, die er auf den Rücken hielt, empfing einen vertraulichen Druck, und als er sich umdrehte, sah er Elina hinter sich stehen. Sie sah ihn verwundert an und sagte:

»Wo bleibst du denn, Liebster? Ih – was für ein feierliches Gesicht! Grübelst du über einem Gedicht?«

Marcellus lächelte bitter und sagte: »Ja, ich grüble über einem Gedicht.«

 

Wer war da?

Am Tisch der Damen die fünf Mädchen, die alle entweder geschieden oder Witwen waren –, sowie Alis, die Frau des Arnuphis, und noch eine Priesterfrau und Pomona, in der man nach der Aussage des Rufus Entdeckungsreisen machen konnte.

Unter den Herren bemerkte man den Ehrengast Arnuphis, der noch salbungsvoller als gewöhnlich war bei dem Gedanken an die ihm bevorstehende Sendung als Missionar und Feldprediger. Außerdem war da noch der theologische Maler Pabek, der einem popularisierten Buddha glich und mit vielen Extrakissen unterstopft war. Weiter der Anwalt Trochylos, der in Wirklichkeit Caecilius Jucundus hieß, und Papirius, der erst spät kam, aber, als er endlich da war, seinen Platz wohl ausfüllte. Endlich waren da der Oberbibliothekar des Friedenstempels und ein zahnloser alter Arzt, Paetus, der den Agenten für den weltberühmten Propheten Alexander von Abonoteichos machte. Beim Ausbruch der Pest hatte Alexander ein Orakel durch die ganze Welt verschickt, das also lautete:

»Phoebus, der niemals geschorne verscheucht uns die Nebel der Seuche.«

Dieser Vers wurde als Beschwörungsformel verkauft und über Zehntausenden von Türen angebracht. Außer dem Verkauf dieses Orakelspruchs vermittelte Paetus private Orakel, wie er denn auch bei festlichen Gelegenheiten auf eigene Faust orakelte.

Marcellus lag so zwischen Rufus und dem Oberbibliothekar, daß er den Kopf des letzteren vor sich hatte. Wenn das allgemeine Gespräch seine Teilnahme nicht beanspruchte, sann er darüber nach, wieviel Rufus wisse, und wieviel man im allgemeinen wisse. Er glaubte, in des Arztes Beschreibung der Ovidschen Szene eine halbverblümte Anspielung erkannt zu haben, und so fühlte er sich in gewissem Grade – mit Juvenal zu reden – den Pferden vorgeworfen, oder – um eine Redensart aus anderer Zeit zu benützen –, als wäre er im Begriff, hinauszuschwimmen. Dieses Gefühl wäre wesentlich bestimmter geworden, hätte er durch die sechs Stockwerke des Hauses bis in die Dachkammer hinaufschauen können, wo der Taubenhändler Tausendschön angekleidet auf seinem Lumpenbett lag und mit sich selber sprach.

»Ihr seid so sicher, Elina und Marcellus!« sprach er in die Dämmerung hinein. »Und ihr seid so hochmütig – stinkhochmütig! Aber wartet nur, bis ich mir die Sache überlegt habe!« Als Schlußpunkt spuckte er an die Decke hinauf, die sehr niedrig war und deutliche Zeichen von häufigerer Ausübung dieses Sportes trug. Er drohte. »Ich gebrauche meine Augen, jawoll!«

Aber da die Natur es uns in ihrer Weisheit versagt hat, vermittels Schauens durch die Stockwerke im Spiel zu betrügen, und da dem Verdachte des Marcellus dadurch eine geeignete Nahrung entzogen war, beschloß er bei sich, die Sonne nicht durch Wölkchen verdunkeln zu lassen. Und was er in einem Augenblick des Schwarzsehens geneigt gewesen war, als das Gefühl jener Unheimlichkeit aufzufassen, das, wie man sagt, großen Katastrophen voranzugehen pflegt, wurde nun mit fortgerissen durch den Wasserfall von Gelächter, der der Ermahnung des Rufus zu einem Glücke zweiter Klasse folgte, und die Blicke aller wendeten sich Pomona zu. Dieses Intermezzo geschah gleich nach der Einleitung des Mahles, die – nach Brauch der vornehmen Ägypter – darin bestand, daß die Diener das Holzbild eines Toten in einem anderthalb Ellen großen Sarg hereintrugen. Dieser Sarg wurde vor jeden einzelnen der Gäste hingestellt mit der Ermahnung: »Iß und trink und sei guten Mutes; wenn du erst tot bist, geht es dir wie diesem da!«

Die Harmonie der Gesellschaft wurde jedoch schließlich durch Elina wiederhergestellt. Ihr Lachen, ihre Lachgrübchen, ihre witzigen Einfälle und ihre persönliche Fröhlichkeit, das alles hatte teil daran. Aber es lag auch etwas an der Stellung, in der sie zu Tische lag, mit der rechten Hand auf der Hüfte und mit einem Zucken im Augenwinkel, das Marcellus mit Recht für auf sich gemünzt hielt. Und als Papirius mit der ganzen Anmut und Feierlichkeit der alten Schule einen Toast auf die bezaubernde Wirtin ausgebracht hatte, konnte man sich den Tafelfreuden ohne jegliche Hemmung hingeben. Ja, bis hinauf zu Tausendschön verstieg sich ein Ableger dieses Wohlbefindens in der Gestalt einer Portion Kohlrabisalat, der mit Salz, Senf und Essig angemacht und mit Hilfe einer Chemikalie violett gefärbt war, die einen ausgesprochen heidnischen Namen trug.

Zuweilen macht sich nach Tisch vorübergehend eine matte Stimmung breit, während man sich, wie Papirius das ausdrückte, den Bauch rieb. Dank dem kleinen zahnlosen Prophet-Agenten Paetus, der sich als Repräsentant einer allzeit erstrebenswerten Form von strahlender enzyklopädischer Idiotie auswies, kam man viel schneller, als normal war, über dies Stadium hinweg. Sein Wissen von dem, was es überhaupt an Wissen auf der Welt gab, und von der Tendenz, die darin lag, war ohne sichtbare Grenzen. Anscheinend war er eine zweibeinige Kartothek mit Stapeln von Namen, Jahreszahlen, Schlagworten, Hinweisen und Vergleichen. Einer oder der andere erwähnte zum Beispiel gelegentlich den Aufenthalt des Augustus in Tarraco – wupp dich! war er mit der Bemerkung da: »Krinagoras aus Mytilene, meine Herren; wer denkt jetzt noch an Krinagoras! Solch ein schwaches Ding ist der Ruhm, so kurz die Nachrede, so jämmerlich die Erinnerung des Volkes!« Als ob das Volk irgendeinen Grund gehabt hätte, die Erinnerung an einen verstaubten griechischen Dichter mitzuschleppen, selbst wenn dieser Gesandter in Rom gewesen war. Oder es wurde zufällig ein Datum erwähnt, ein Datum in einer ganz beliebigen Verbindung, zum Beispiel der einundzwanzigste September. »Der einundzwanzigste September!« sagte er. »Ach ja, das ist Vergils Todestag. Welch ein Mensch! Was hat er nicht alles geleistet! Und überdies in nur einem halben Jahrhundert! Er war noch nicht einundfünfzig, als er starb. Ach ja!« Und dann zitierte er ein paar Brocken, die er von den Zitaten anderer her kannte, und schloß endlich mit einigen Tiefsinnigkeiten über Aemilius Macer oder Strabo oder mit dem Preise des Nilsandes im Jahre 672.

Um etwas mehr Stil in die Unterhaltung zu bringen, bat Elina ihn später, der Gesellschaft die Freude zu machen und etwas vorzulesen. Wenn man die Menschen auffordert, Beethovens Sonate Opus 2 Nr. 1 (Joseph Haydn gewidmet) zu spielen, oder auf den Händen um den Rahmen eines Billard herumzuspazieren, so gibt es viele, die ablehnen, obgleich nichts leichter ist. Aber vorlesen – darum bittet man niemand vergebens, obgleich es wenig Dinge gibt, die schwieriger sind. Paetus machte darin keine Ausnahme. Noch dazu wählte er etwas Komisches, nämlich »Die Weinflasche« von Crotinus. Wer die »Weinflasche« nicht durch einen kleinen vollgegessenen, zahnlosen Mann von neunundsiebzig Jahren hat vorlesen hören, hat nur einen unvollkommenen Begriff davon, was Komik ist. Selbst Crotinus hätte da noch viel lernen können. Die Mädchen schluchzten vor Lachen, und von den Männern her kam ein Mittelding von zunehmendem Gebrumm und Jammern. Als er endlich mit einem Bums, einem Knicks und einem Fingerkuß das Heft zuschlug und niedersank als etwas, das gut als ein humoristisch sterbender Schwan aufgefaßt werden konnte, ergab sich sogar die Geistlichkeit. Das bedeutet etwas Ungewöhnliches.

 

Die Stunde war nun so vorgerückt, daß die Herren anfingen, nach den Spieltischen und den Wasserwagen zu schielen, und man kann nicht behaupten, Alis, die Frau des Arnuphis, hätte ihren gesellschaftlichen Kredit sehr dadurch gestärkt, daß sie mit unglaublich schriller Stimme eine Diskussion über weibliche Lyriker aufs Tapet brachte. Kaum hatte sie Sappho ausgespielt, als eines von den Mädchen diese mit Caecilia Trebulla stach, worauf eine andere von ihnen mit Corinna und der von Properz geliebten Hostia übertrumpfte. Um rasch den Höhepunkt zu erreichen, holte Elina einen Band Gedichte von Sulpicia, der Gattin des Calenus, und bat Pomona, einige Stücke vorzulesen. Die tat das. Und sie machte es sogar gut. Marcellus, dessen einer kleiner Finger von Elinas Hand (sie hatte sich hinter ihn gestellt) in unvorhergesehener Gefangenschaft gehalten wurde, erkannte, daß man in dieser kühlen Frau mit den rauhen Händen wirklich auf Entdeckungsreisen gehen konnte. Bekanntlich schildern die Gedichte der Sulpicia die Freuden eines glücklichen Ehestandes ohne jeden Umschweif. Pomona las sie mit einem Unterton von Wärme, der sie recht zu frohen, glaubwürdigen Bekenntnissen machte; und als sie das Heft zuklappte, tat Rufus etwas, wozu unter hundert Männern nicht einer den Mut gehabt hätte: er ging quer durchs Zimmer und küßte sie auf eine ihrer Hände, die rot und rauh waren, weil er – der Trunkenbold, und doch der Reichtum ihres Lebens – das Geld vertrank, für das sie sich eine häusliche Hilfe hätte leisten können. Im Lärm des Beifalls wendete sich Marcellus an Elina. Sie lächelte ihm zu und sagte halblaut: »Ein solides Glück zweiter Güte!« Aber Pabek wischte sich ganz offen die Tränen aus seinem jovialen Buddhagesicht und lächelte der unglücklichen Pomona, die alles andere eher als gerade diese Huldigung erwartet hätte, bewundernd zu. An diesem glücklichen Abend schien über diesem Haus ein freundlicher Stern zu blinken.

Dann wurde die Artillerie der Spieltische in Stellung gebracht, und ihr auf dem Fuße folgte das Verpflegungskorps mit dem ambulanten Warmwasserbehälter und den Getränken, die offenbar unlöslich mit dem Spiel um Geld verbunden waren. Bei oberflächlicher Betrachtung hätte man meinen sollen, es gelte in einer solchen Situation in besonderem Grade, den Kopf klar zu behalten, und daß es vom sportlichen Gesichtspunkt aus konsequenter gewesen wäre, Eisbeutel auszuteilen. Aber die Hand nach dem stimulierenden Becher auszustrecken, schien für die Spieler ein Naturgesetz, wie es ein Naturgesetz für kleine Kinder ist, den Blumen die Köpfe abzureißen.

Unter den Herrn gab es zwei, die nicht spielten – Marcellus und Pabek. Der dicke ägyptische Priester ging in den Zimmern umher und betrachtete sich die Gemälde an der Wand. Wo es Gemälde gab, existierte für Pabek nichts anderes mehr. Marcellus hatte die Gedichte der Sulpicia aufgenommen, die Pomona weggelegt hatte. Auf gut Glück schlug er auf und las ein Gedicht, ohne es eigentlich zu lesen. Dann blätterte er weiter – ohne große Aufmerksamkeit; ein halbes Dutzend Gedichte durchblätterte er, bis plötzlich seine Aufmerksamkeit von einem Gedicht gefangen genommen wurde, das er nur durchflogen hatte. Die meisten hätten es mit den andern in einen Topf geworfen, Marcellus aber wurde davon ergriffen, weil es gerade dem Verlangen diente, dessen Befriedigung einem Gedicht erst seinen vollen Klang verleiht: die Erfahrung zu bestätigen, die der Empfänger soeben gemacht hat oder zu machen erwartet.

Vom Metrum abgesehen, sagte das Gedicht folgendes:

»Die Harmonie in einer Ehe, wie sie durch erotische Befriedigung hergestellt wird, ist jederzeit dem Manne anzumerken.

Sein Angesicht, seine Bewegungen und Entschlüsse werden unbewußt und ruhig triumphierend und ohne ein Anzeichen von jener Abnützung sein, die von ruckweisem Hunger und Übersättigung hervorgebracht werden.

Er wird wie ein sorgloses Kind sein, das Schlaf und Nahrung zu rechter Zeit empfängt.«

Diesen drei Strophen war eine vierte angefügt, die die abrundende Pointe enthielt. Sie sagte:

»Oh, Calenus, mein geliebter Ehemann – mein sorglos spielendes Kind!«

Klar und nüchtern stand dies da, ohne daß etwas ausgelassen und ohne daß Überflüssiges gegeben worden wäre. Marcellus hätte sich sofort von der fehlerlosen Abgerundetheit dieses kleinen Meisterwerkes geschlagen fühlen müssen, aber es war nicht die künstlerische Seite, die ihn beschäftigte. Ohne daß er wollte, suchten seine Blicke Nigidius, den sorglosen, nicht reflektierenden Krämer. Nig' schlug gerade in diesem Augenblick ein ungehemmtes Gelächter auf über einen besonders launenhaften Wurf, auf den hin ein Stapel Geld von der einen Seite des Tisches zur andern hinüberwanderte. Es war kein Grund vorhanden, warum er nicht hätte lachen sollen, da alle andern es taten – sogar Arnuphis, dessen Geld es war, das seinen Platz wechselte. Aber ein dem Haß verwandtes Gefühl erfüllte Marcellus gegen den nichtsahnenden Mann. Ovids vielgerühmte und vielverurteilte Elegie – hundertundfünfzigste oder Gott weiß wievielte Aufführung!

Wie ein Kranker, der sich das Pflaster von der Wunde reißt, warf sich Marcellus wieder auf Sulpicias Gedicht. Er wußte es jetzt auswendig. Schon die kunstreichen Initialen grinsten ihn jovial an. Und als Schwanz dazu die vierte Strophe, in der jedes Wort ein kleines privates Grinsen war. Das Ganze war so wahnsinnig lächerlich, und der Schweiß perlte Marcellus auf der Stirne. Er überlegte, ob er diese laute Fröhlichkeit verlassen und sich still zurückziehen solle – hinaus in die Nacht, wo die Pestkarren ihre makabern Melodien knarrten und rumpelten –, vielleicht in irgendeine Mädchen-Bar gehen. Warum sollte er der einzige sein, der sich nicht amüsierte! Und er amüsierte sich jetzt wirklich nicht.

Ovid – du sogenannter Altmeister in der Kunst der Liebe! Welche Qualen der Unterwelt mußt du gelitten haben, bis du diese verfluchte Elegie schreiben konntest!

Elina stand vor ihm, schlank und geschmeidig. Ihre Wangen mit den unglückseligen Lachgrübchen brannten hektisch. Sie sagte ungeduldig: »Wo bleibst du denn, Liebster? Wir vermissen dich bei den Damen. Du sollst den Mädchen durchaus einige von deinen Gedichten vorlesen.«

Forschend schaute er sie an, ehe er mit einem Bleistift in dem Gedicht vor ihm etwas verbessert hatte. Dann reichte er es ihr und sagte: »Ich will lieber das da lesen, wenn du nichts dagegen hast.«

Sie las es zweimal durch. Er hatte das Wort Calenus ausgestrichen und es durch Nig ersetzt, so daß es nun hieß: Oh, Nig, mein geliebter Ehemann, – mein sorglos spielendes Kind!«

Sie hatte Tränen in den Augen, als sie das Heft in ihren Busen steckte und gebietend, mit einem Metallklang in der Stimme, sagte: »Geh hinein in mein Zimmer – ich komme sofort!«

Und sie kam sofort. Er hatte sich auf ihr zierliches Schreibmöbel gesetzt, ließ das eine Bein baumeln und hielt die kleine Marmorvenus in der Hand. Sie stellte sich gerade vor ihn hin – ungefähr so, wie sie bei jenem Saturnalienfest auf Alta Semita vor ihm gestanden hatte, und sagte:

»Jetzt rede ich ruhig und ausführlich mit dir, obgleich ich Ruhe und Ausführlichkeit hasse. Aber ich will ... ich will heute abend keine Szenen! Darum brauchst du auch überhaupt nichts zu sagen. Du bist ungerecht und siehst Dinge – weil du sie sehen willst! –, die niemand andres sieht, und die gar nicht vorhanden sind. Eifersucht gehört zum Albernsten, was es gibt. Sie späht unglücklich und sich ihrer eigenen Armseligkeit voll bewußt nach Flecken bei dem Wesen, das sich ein entgegengesetzter Trieb in demselben Gemüt allzu fehlerfrei vorgestellt hat. Du bist jetzt so weit, daß du Nigidius nicht mehr vergnügt sehen kannst, ohne verrückte Betrachtungen über den Ursprung dieses Vergnügens anzustellen!«

»Lies doch Sulpicias Gedicht! Das ist konzis und klug!«

»Es ist ein dummes Gedicht. Es hat noch nie ein weibliches Wesen gegeben und wird auch nie eins geben, das ein Gedicht machen kann. Das solltest du doch besser als die meisten wissen. Das wäre ja ein nettes Dasein, wenn Nig' als Brummbär herumlaufen wollte! Lieber, teurer Marcellus! Wir wollen jetzt vernünftig sein, und ich schick dir morgen einen Brief, in dem ich dir mitteile, wo wir uns treffen und aussprechen können. Du wirst dann gewiß einsehen, wie unbillig du das alles beurteilt hast.«

Marcellus lächelte widerwillig und sagte: »Alle Räubergeschichten fangen ungefähr so an: ›Ich machte einmal eine Reise nach Thessalien, um ein Geschäft abzuschließen, das ich von meinem verstorbenen Vater übernommen hatte ...‹ So oft wir zwei uns aussprechen, endet das mit einem Hinweis darauf, wie ungerecht, unbillig, unerträglich ich wäre. Es ist. dies eine Art Gegenfeuer, das du ansteckst, aber vergnüglich ist es nicht!«

Sie seufzte ergeben. »Ich stehe zwischen dem Hund und dem Wolf. Meinst du, daß das vergnüglich ist? Übrigens ist Nig' nicht annähernd so munter, wie er vorgibt. Aber jeder Hahn kräht ja am lautesten auf seinem eigenen Misthaufen.«

Sie sah sich erst vorsichtig um, dann schlang sie die Arme um seinen Hals und sagte: »Ich gehe jetzt eine Weile hinein zu den Herren und du gehst zu den Damen. Wenn ich komme, liest du einige von deinen Gedichten vor; und dann ist es bald Zeit, aufzubrechen. Aber morgen hörst du von mir. Sei nun gut!«

Zwei weiße Arme, um den Hals eines verliebten Mannes gelegt, sind Waffen, die prinzipiell nicht ehrlicher sind als Wolfsgruben oder ein Hinterhalt. Marcellus war »gut«! Elina brachte den Gedichtband von ihm herbei, der im Verlag »Eros« herausgekommen war. Es war eine bibliophile Ausgabe auf Purpurpergament, mit Gold- und Silberschrift und gemalten Randverzierungen. Und Marcellus las vor. Seine Stimme klang tief und gedämpft, und er war von Angesicht und Gestalt ein Mann geworden, der den Frauen noch besser gefiel als damals, wo er im hyazinthblauen Mantel auf dem Marsfeld spazierenritt und die Mädchenherzen seinem Pferd vor die lackierten Hufe rollten. Selbst Alis, die die Neigung hatte, alles zu mißbilligen, was nicht im engsten Sinne zu der ägyptischen Gemeinde gehörte, stimmte warm in die Begeisterung ein.

Als man aufbrach, schimmerte das erste Tagesgrauen.

 

Marcellus hatte – wie er bei sich selbst feststellte – an diesem Abend nicht weniger als zwei wohlgemeinte kleine Strafpredigten bekommen: eine von Rufus, der ihm mit einfachen Worten Mangel an Ehrlichkeit vorgeworfen, und eine von Elina, die ihn noch deutlicher ungerecht und unbillig geheißen hatte.

Und er sollte noch eine bekommen. Auf dem Heimweg hörte Marcellus Schritte hinter sich, die ihm bekannt vorkamen; und als er sich umdrehte, sah er die Gestalt seines Vaters aus der noch wenig verdünnten Finsternis als einen dichteren Kern hervortreten.

Der Chef der Curiosa hustete und fluchte, schien aber sonst bei guter Laune zu sein. Er sagte sofort: »Ich habe gehört, daß du den Damen Gedichte vorgelesen hast ... Sie fangen an, etwas Form zu bekommen; was?«

Niemals war es – trotz größerer Annäherung während der letzten Jahre – Marcellus gelungen, sich aus der väterlichen Autorität herauszuschlängeln. In allzu hohem Grad war sein Vater als ein freistehender Baum mit breiter Krone erschaffen, zum Unterschied von den Bäumen, die in ungerichteten Plantagen und Hecken zusammengepfercht wurden. Marcellus antwortete in beinahe entschuldigendem Tone:

»Ja, ich habe ein paar Gedichte vorgelesen. Übrigens hast du mir noch gar nicht deine Meinung über die ganze Sammlung gesagt. Gefällt sie dir?«

»Ehrlich gesagt, nicht besonders«, antwortete Papirius. »Sie ist mindestens nicht viel besser als der Durchschnitt von dem, was zur Zeit geschrieben wird.«

Ein krampfhafter Husten unterbrach ihn und gab Marcellus Zeit zu seiner Frage: »Hast du im großen und ganzen Gedichte gern, Vater?«

Papirius antwortete mit einem bei ihm ungewöhnlichen würdigen Ernst: »Das ist eine peinliche Frage gerade von deiner Seite, der du mich so viele Jahre hast beobachten können. Aber wenn du es nicht selbst wahrgenommen hast, kann ich es dir ebensogut sagen, daß ich unter die zu jeder Zeit existierenden Fünfhundert gehöre, die – wenn ich mich so ausdrücken darf – die Dichtkunst schaffen, die genug maßzuhalten verstehen und genug Ehrfurcht vor der Kunst haben, um das Versemachen zu lassen. Verstehst du: alle hundert Jahre einmal senden die Götter einen Mann, der einige Griffe in die Saiten des Wortes tut. Ihn können wir gut einen Dichter nennen. Es wäre aber richtiger, wir nennten ihn einen Gott, selbstverständlich. Aber wir – wir armen Fünfhundert ... wir sind klanggefesselt. Ohne uns gibt es keine Musik – nur gebrochene Laute. Hast du das alles verstanden – was! Meinst du, daß du ein Gott bist?«

Der Schluß kam wie ein ohnmächtiges Zischen und wurde von einem neuen Anfall des Krampfhustens abgelöst. Dieser überraschende Husten übertönte beinahe das Perfide in seiner Frage, und Marcellus antwortete langsam und ablehnend:

»Ich habe ja nur einen Versuch gemacht. Übrigens haben sowohl Gellius wie Apulejus dafür gutgesagt.«

»Ein paar fette Bürgen!« prustete Papirius.

»Und auch heute abend habe ich Beifall geerntet.«

»Du bist krankhaft bescheiden, Junge! Nein, die Hühner wären ja beinah gestorben, so hingerissen waren sie. Unvergleichlich! Göttlich! Wun-der-bar! Ja – ich kenne sie. Beifall! sagst du. Als ob Beifall nicht das sicherste Echo der Talentlosigkeit wäre! Als ob Beifall etwas anderes bedeutete, als daß sie jetzt ein Lieblingsstück noch einmal gehört haben. Und dann ... (er hustete krampfhaft und schnappte nach Luft) dann ist es endlich Zeit, daran zu denken, daß sie morgen einem andern Beifall spenden und übermorgen dem dritten. Nichts ist billiger als Beifall. Nein, willst du etwas sammeln, so lege dir eine wohlassortierte Sammlung von dokumentierten Verrissen an. Darin ist immer ein Teil geistigen Brennstoffs enthalten – und gar nicht wenig Kohlenstoff.«

»Dann kann ich ja passenderweise jetzt gleich mit dieser Sammlung anfangen«, bemerkte Marcellus spöttisch. »Aber was meinst du denn, daß ich tun soll, um ... ja also, der eine ... Gott zu werden, wie du sagst?«

Papirius änderte seine Haltung nicht; er sagte: »Ja, was soll ein Kamel tun, um ein Löwe zu werden? Vermutlich eine andere Maske anlegen und sich die Hufe zu Krallen feilen. Ernsthaft gesprochen, Junge, wir haben im Lauf der Jahre recht wenig miteinander gemein gehabt. Es ist nicht viel an dir erzogen worden ... Eigentlich haben wir wohl nur gelegentlich den Ton angeschlagen. Jeder trägt ja die Verantwortung für das Seine. Und wenn wir schon von Gedichten reden ...!«

Papirius zögerte und suchte nach Worten. Marcellus erinnerte sich nicht, je gesehen zu haben, daß sich sein Vater so gründliche Mühe gegeben hätte, den richtigen Ausdruck zu finden. Da war kein Zweifel möglich: es lag ihm viel daran, seine Ansicht in einer guten Form vorzubringen. Selbst als es seinem Gesicht anzusehen war, daß die Gedanken nun geordnet waren, kamen die Sätze tastend heraus. Papirius fuhr fort:

»Man ist zuzeiten geneigt, zu vergessen, daß ja überall gedichtet wird: in Beton, in Stahl, in Basalt, in den tausend Stoffen, mit denen wir suchen, unsere Seelen an den Staub zu fesseln. Ein Gedicht aber muß jeder von uns machen, und zwar aus dem am schwierigsten zu behandelnden Material der Erde: aus unserem eigenen widerspenstigen Herzen!«

War dies Papirius? Marcellus horchte ungläubig, und sein Vater machte es ihm nicht leichter, als er fortfuhr: »Und der Sinn und der Zweck des Lebens, mit denen ein Dichter vor anderen sich oftmals herumschlagen muß, bis er stürzt ... Ich denke mir, daß die Kraft, die in dem Stein, der verwittert, im Pulsschlag des Blutes, in dem Lächeln der kleinen Kinder lebt, einmal als eine lachende Bestätigung dem Herzen antworten wird, das seine Strophe bis zu Ende gedichtet hat. Und ich glaube, früher finden wir die Formel nicht.«

»Meinst du, ich sollte überhaupt keine Gedichte machen?« wendete Marcellus ein.

»Ich meine, wie die Juden, daß, wer den Gürtel anlegt, sich nicht so rühmen sollte, wie wer ihn ablegt!«

»Aber ich – was meinst du, soll ich tun?«

Marcellus hatte das Gefühl, als bitte er den Alten zum allererstenmal um einen Rat, und als fange der Alte an alt zu werden. – Und wie wenn er in den Gedanken des Marcellus lesen könnte, antwortete Papirius gerade, als er seine eigene Vortreppe hinaufstieg und die Türglocke zog:

»Es ist hübsch von dir, daß du mich fragst. Oh, das verdammte Podagra! Ob's wohl unter der Republik auch Podagra gegeben hat? – Es handelt sich ja nicht darum, wieviel Verse du dichtest oder nicht. Wenn ich du wäre, würde ich mich dem Leben in die Arme werfen, dem Leben, das fern von Vergnügungen und Gesellschaftssälen auf dich wartet. Das lachende, jammernde und schäumende Leben, weißt du ... Etwas niedertreten oder versuchen, sich selbst niedertreten zu lassen. Sorg dafür, eines Tages am Rand eines Abgrundes zu erwachen! Und dann such deine Scherben zusammen und schreib dein Gedicht! So leicht ist es! So verflucht schwer! Und, bei den Göttern! der Beifall der Hühner wird zu dir dringen, wenn wir Fünfhundert dein Gedicht in uns aufgenommen, es an unseren Herzen erwärmt haben und es in unsern Tränen haben glänzen lassen. Und ... Jupiter, was für ein besoffenes Gewäsch!«

Es sind kleine Dinge, die den großen Mann machen. Als Marcellus in seinem Schlafzimmer war, zog er Morgenschuhe an, holte einen Band Ovid hervor und setzte sich behaglich hin, die famose Elegie genau durchzugehen. Nachdem er sie zweimal gelesen hatte, legte er das Buch weg und sagte sich das Gedicht laut und langsam her. Es machte ihm keinen nennenswerten Eindruck mehr.

»Wer den Gürtel anlegt, rühme sich nicht so, wie wer ihn ablegt!« sagte er zu sich selbst. Und ehe er sich zu Bett legte, schlängelte sich die Hausschlange über den Fußboden und rollte sich auf dem kleinen Sonnenfleck zusammen, der von dem Spiegel an der Wand nach dem Fußboden vor der Tür umadressiert worden war. Ein sehr gutes Vorzeichen!

Im Kopf des Marcellus war ein Gesumm wie von einer Schar Mistkäfer in einer Wasserkanne.

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