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Die Sandalenmachergasse

Nis Petersen: Die Sandalenmachergasse - Kapitel 10
Quellenangabe
authorNis Petersen
titleDie Sandalenmachergasse
publisherAlbert Langen Georg Müller
year1952
printrun11.-20. Tausend
firstpub1932
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectid731da238
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Neuntes Kapitel

Dieses – das neunte – Kapitel wird wohl einen summarischen und langweiligen Eindruck machen, und man kann es überschlagen, wenn man sich nur seinen Ausgang merkt, nämlich, daß Jon von Rufus, dem versoffenen Arzt, nach einer Abmachung mit Kaiser Lucius adoptiert wurde.

Dieses Kapitel wird namentlich darum erzählt, weil Lukians Absichten wegen der Galiläer mit starker Unterstreichung typisch waren. Und der Rest der Erzählung handelt im wesentlichen von einem bedeutungsvollen Abschnitt in der Geschichte der Galiläer aus der Sandalenmachergasse.

Der »Kampf um die Seele eines Knaben!« könnte man diesen Bericht nennen, und das Ende dieses Kampfes wäre wahrscheinlich anders gewesen, wenn er nicht in der Wirtsstube der »Vier Säfte« ausgefochten worden wäre. Er fing um die zehnte Stunde jenes Tages an, der wie eine mächtige Flut hereinbrach, und er begann mit einem Haufen Gewäsch um alles mögliche andere. Um diese Zeit füllte sich das Lokal mit einzelnen kleinen Gesellschaften, die der Hitze mit Hilfe von einer Art Cocktail oder schlecht und recht mit verdünntem und eisgekühltem Falerner die Stange zu halten suchten. Unter den letzten, die kamen, waren Papirius, der Direktor der Curiosa und der Zahnarzt Rufus, dieser letztere von Durstes, aber der erstere von Amtes wegen. Hätte man in die Wirtschaft zum »Phönix« hineingesehen, so hätte man dort den Buchhändler Eros erblicken können, ebenfalls mit Eisabkühlung zu dienstlichen Zwecken beschäftigt. Der »Skolopender« beherbergt den Ehevermittler Hermias, der »Gute Hirte« Egrilius, und im ganzen Häuserblock waren überall andere von derselben Brüderschaft zu finden. Hätte man Papirius nach der Ursache dieser Veranstaltung gefragt, so hätte er sicherlich nicht eingestanden, daß alle diese Männer zusammengetrommelt worden waren, weil Kaiser Lucius Verus aus dem Lager zu erwarten stand, wo er den Tag des Triumphes abwartete. Papirius hielt mehr davon, sich prinzipiell und in Aphorismen über philosophische Gegenstände auszudrücken. Gerade um die Zeit, wo die goldene Kugel auf dem Marsfeld zum zehntenmal herabrasselte, rülpste er ungeniert und faßte die Summe der Belehrung einer halben Stunde in solch einen gewöhnlichen Aphorismus zusammen.

»Ein Gedanke steht immer auf den Schultern eines andern Gedankens«, sagte er. »Und niemand kann sagen, wo eine Handlung beginnt. Das einzige, was sicher ist, ist, daß nichts sicher ist, und nichts ist törichter und eitler als ein Mensch.« Nachdem er sich dieser Weisheit entledigt hatte, sah er sich anklagend um, und da er kein Zeichen des Verständnisses wahrnahm, wiederholte er seinen Spruch. Aber alles, was dies an Verständnis hervorrief, war des Rufus' gemurrtes: »Das kümmert mich keine Feder!«

»Pluma haud interest ... Das kümmert mich keine Feder.«

»Du solltest etwas weniger trinken. Das würde dem Flaum deiner Lippen besser anstehen«, warf Papirius empört hin, und wie um Bestätigung zu suchen, warf er einen Blick auf einen der Nachbartische, wo ein Grieche von reifem Alter seinen Blick mit den spöttischen Worten beantwortete:

»Du reichst den Toten Arznei, Bürger! Aber wer ist übrigens der Gottgeborene, der es wagt, der Mode der Zeit zu trotzen, der kaiserlich bekränzten Tugend?«

»Ein Schwein aus der Herde Epikurs!« antwortete Papirius mit leisem Gelächter, und während er aufstand und zu dem Griechen hinüberging, fuhr er fort: »Und ich bin Papirius, ein Mann, der in der Nähe von Tibur Perlhühner züchtet, Austern bei Centumcellae und ... und ... Kater in Rom. Aber wer bist du, Fremder?«

»Lukian, Lukian von Samosata, einer Stadt, die am westlichen Ufer des Euphrats liegt – du weißt: in der syrischen Provinz Kommagene. Ich bin also ein halbbarbarischer Grieche. Aber du – nach dem, was ich vorhin gehört habe, wette ich darauf, daß du dich neben allem andern auch mit Philosophie – oder vielleicht Dichtkunst – beschäftigst.«

Papirius zuckte die Achseln. »Der ist ein Tor, der nicht zwei Verse schreiben kann!« sagte er.

»Und ein Dummkopf, der mehr als vier schreibt!« vollendete Lukian das Zitat. »Der Mann spricht die Wahrheit. Aber weshalb wirfst du deine Worte in eine löcherige Schachtel?« Er deutete mit dem Kopf auf Rufus hin, der inzwischen vom Stuhl gesunken war und nun seinen Kopf zum Ausruhen an den Schenktisch gelehnt hatte. Papirius setzte sich zu dem Fremden und klopfte auf den Tisch um Eis und Falerner.

»Molliter ossa cubent!« lachte er. »Mögen seine Gebeine im Frieden ruhen! Man muß mit den Kretern Kreter sein. Übrigens ist er noch keiner von den Schlimmsten. Er ist Arzt von der Zunft der Zahnärzte; ebenso munter wie arm; ebenso arm wie betrunken; und ebenso voll wie ein Ei. Er gehört zu denen, die an einem Vertäuungspfahl Schiffbruch erleiden können. In zwei, höchstens drei Jahren hat er sich totgesoffen.«

»Je kürzer eines armen Mannes Leben ist, desto kürzer ist sein Elend. Doch: Ehre, einem Unwürdigen erwiesen, ist wie ein goldener Ring für einen Schweinerüssel, und was soll der Blinde mit einem Spiegel?« Der Mann, der sich Lukian nannte, starrte pessimistisch auf das leichenartige Wesen am Boden hinunter. Aber wie aufgestachelt von all dieser Schwarzseherei, stützte sich der Betrunkene auf den Ellbogen und schnaubte:

»Wahrlich, ein dritter Cato ist vom Himmel gefallen! Aber wer ist dieser Verkäufer von Räucherwerk? Woher kommt diese Zartheit, gegen die der Seufzer einer Taube ein gewaltiges Gewitter ist?« Nun stand er ganz auf: »Nein, was seh' ich!« rief er. »Ein Jude, ein richtiger lebendiger Jude!«

»Syrer!« berichtigte Papirius. »Beinah ein Grieche.«

»Syrer, Jude oder Schwein – du kennst doch das Sprichwort. Aber du machst dir vielleicht nichts aus Sprichwörtern?«

Der Arzt war inzwischen bis an den Tisch gekommen, an dem die beiden andern saßen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Wenn du es lassen willst, mich Landsmann zu nennen – denn ich bin Grieche, kein Ungefähr-Grieche, und ich heiße Rufus hier in der Stadt«, sagte er. »Also dann will ich auch mit an deinem Tisch sitzen und eventuell etwas genießen – um der Gesellschaft willen. Und wegen der Belehrung. Denn, wie geschrieben steht: Die Traube bekommt ihre Farbe davon, daß sie eine andere sieht.«

»Aber es steht auch geschrieben: Die Traube reift nicht bei Mondschein!« sagte der Grieche lächelnd mit gutmütigem Spott.

»Du denkst schneller, als man Spargel kocht«, sagte der Arzt beifällig nickend. »Vergib mir, wenn ich mich in dir geirrt habe, du Sohn einer weißen Henne. Du weißt: von Feuer kommt Feuer, und ich gehöre leider zu den ehrlichen Leuten, die eine Katze eine Katze nennen und einen Anwalt einen Schuft. Aber wer bist du? Was bist du? Und so weiter?«

Der Fremde schaute einen Augenblick zu Rufus hinüber, ehe er den Kopf zurücklehnte und Rufus unter gesenkten Lidern hervor betrachtete. Offenbar befriedigt antwortete er:

»Ich bin ein Mann, der beobachtet und Kenntnisse sucht – ein Reisender. Ich habe Griechenland durchwandert, Makedonien, Kappadokien, Paphlagonien, Bithynien, über Rom nach Gallien, von Gallien nach Rom. Jetzt komme ich von Athen und gehe wieder nach Athen. Ich studiere den Menschen hinter seiner Maske, ich trinke Weisheit!«

»Wie ein Hund am Nil Wasser trinkt ... im Laufen!«

»Das kann man wohl sagen; aber nicht aus Furcht vor den Krokodilen, obschon ...!«

»Obschon – was?«

»... ich zuzeiten eher auf der Jagd nach Krokodilen bin.«

Rufus hob den Becher und grüßte: »Juvante Deo – domine! – du bist hier fremd. Wenn das eine Jagd ist, bei der wir dir behilflich sein können, so stehen wir zu Diensten.«

Papirius spitzte die Lippen und pfiff einige Takte aus einem Revueschlager. Er kannte Lukian ausgezeichnet. Dieser Hungerer nach Weisheit hatte schon seit einer Reihe von Jahren sein Konto in der Kartothek auf Alta Semita, und sein Status hatte Marc Aurel interessiert. Der Chef der Curiosa bestätigte das Anerbieten des Rufus.

»Sag uns, Fremder, ob du jemand Bestimmtes suchst, und ob wir dir behilflich sein können?«

Lukian streckte abwehrend die Hand aus und sagte: »Der Mann, auf den ich warte, ist erst heute in die Stadt gekommen, aber er wird nicht schwer zu finden sein. Er wird mit dem Hunde Theagenes zusammen zu sehen sein. Das ist so sicher wie das S. P. Q. R. auf einem Senatsplakat. Übrigens: Bibamus, moriendum est ... laßt uns trinken, wir müssen alle sterben I«

Rufus grüßte förmlich, nachdem er zuerst einen Schluck Wein in der Richtung gegen Harpokrates gesprengt hatte. »Richtig!« warf er hin. »Aut bibe, aut abi! ... Trinken oder aufbrechen! Das war das einzige geflügelte Wort, das Cicero, der alte Schwätzer, zusammengebraut hat. Aber es ist auch gut. Es ist ein ganzes Gedicht ... noch dazu eins, das den ganzen Catull und seine Schleifsteinlyrik aufwiegt. Es ist tief wie die Unsterblichkeit. Wer ist der Kerl, von dem du gesprochen hast?«

»Ein Mann, lügenhafter als ein Parther und schwatzhafter als ... als ...«

»Als Harpokrates, jawohl. Wie heißt er?«

»Peregrin heißt er; aber es beliebt ihm, sich Proteus zu nennen; übrigens ohne daß er mit seinem Homerischen Namensbruder irgend etwas Gemeinsames hätte.«

Papirius hatte nicht reagiert, als er den Namen fallen hörte; aber in seinem exemplarisch wohlgeordneten Gedächtnis fiel eine Klappe nieder vor einem Raum mit gewissen Akten über einen Mann, der vor sechs Jahren aus der Stadt ausgewiesen worden war, weil er sich lästig gemacht und unter anderem öffentlich den guten Kaiser als »frommen Anton« verlästert hatte.

Rufus fragte wieder: »Was hat er getan, daß du ihn nicht leiden kannst?«

Lukian antwortete (unter Zwischenrufen von Rufus): »Er ist ein Schuft in jeder Beziehung: Ehebrecher (ach – was!) seit seiner frühesten Jugend, Knabenverführer (hm!) und Vatermörder (au!). Als er wegen dieses letzten Verbrechens aus seiner Vaterstadt landflüchtig werden mußte, ließ er sich in den Mysterien unterrichten, die von denen geübt werden, die sich Christen nennen ... Ihr kennt sie wohl ... jedenfalls vom Hörensagen.«

Sie kannten sie, wie sie ihre eigene Lieblingssünde kannten; aber ein Fußtritt veranlaßte Rufus, eine Art von improvisierter Unwissenheit zur Darstellung zu bringen.

»Eine Art Isisverehrer?« versuchte er.

»Unsinn!« verbesserte Papirius. »Sie sind Juden von einer besonders fanatischen Sorte!«

»Das ist eher richtig!« sagte Lukian. »Es sind Leute, die den bekannten Magier anbeten, der in Palästina gehenkt worden ist, weil er diese neuen Mysterien einführte. Die dummen Teufel haben sich's in den Kopf gesetzt, daß sie mit Leib und Seele unsterblich seien und in alle Ewigkeit leben würden. Daher kommt es, daß sie den Tod verachten, und daß viele ihm geradezu in die Hände laufen. Außerdem hat ihr erster Gesetzgeber ihnen weisgemacht, daß sie alle Brüder seien, sobald sie den großen Schritt getan haben, die griechischen Götter zu leugnen, sich vor jenem großen Sophisten aufs Antlitz zu werfen und nach seinem Gesetz zu leben. Alles andere verachten sie ohne Unterschied – ohne überhaupt darüber nachzudenken, weshalb sie dies tun. Und namentlich verachten sie den Reichtum.«

»Dann sind sie ja eine Art Hunde!« versuchte Papirius.

»Gewissermaßen ja«, gab Lukian zu. »Ich erinnere mich an eine Parabel, die ihr Hingerichteter zu erzählen pflegte ... Hallo – Wirt! Noch einen Falerner her! Ja, er erzählte also: ›Es war ein reicher Mann, der sich in Purpur und Byssus kleidete und alle Tage in eitel Freude lebte. Und es war auch ein armer Bettler da mit Namen Lazarus, der sich voller Wunden vor seine Tür geworfen hatte und sich gerne von den Brosamen sättigen wollte, die von des Reichen Tische fielen. Aber auch die Hunde kamen und leckten seine Wunden. Dann geschah es, daß der Bettler starb und von guten Dämonen in Abrahams Schoß getragen wurde ...‹ Abraham war, soviel ich verstehe, eine Art Halbgott ... Und der Reiche starb auch und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und als er im Hades in der Pein seine Augen aufhob, da sah er in weiter Ferne Lazarus in Abrahams Schoß. Da bat er den reichen Abraham, ihm den Bettler herüberzusenden, damit er nur den kleinen Finger ins Wasser tauche und ihn mit einem Tröpfchen labe. Aber Abraham erwiderte: ›Sohn, erinnere dich, daß du das Gute während deiner Lebenszeit empfangen hast, Lazarus aber das Böse. Jetzt aber wird er getröstet und du wirst gepeinigt ...‹ Und der erwähnte Magier lehrte sie: ›Selig sind die Armen; denn sie werden das Reich Gottes erlangen ... Und wer hier hungert, wird dort satt werden ... Und wer weint, wird lachen. Aber wehe euch, ihr Reichen, ihr habt euern Lohn dahin. Wehe ihr Satten, denn ihr werdet hungern!‹«

»Das ist das Gesetz vom Gleichgewicht der Dinge – vollständig durchgeführt!« sagte Rufus. »Eine ausgezeichnete Lehre, wirklich eine ausgezeichnete Lehre-für die Reichen nämlich. Wenn sich die oberen Zehntausend über diese Dinge klar wären, würden sie nicht eher ruhen, bis sie allgemein angenommen wäre – von den Armen.«

Papirius rümpfte die Nase und trommelte auf den Tisch. »Aber dieser Peregrin, der Vatermörder, ist also Christ geworden?« fragte er.

»Mit Haut und Haar!« versicherte Lukian. »Das heißt: er ist kaiserlicher geworden als der Kaiser, in casu christlicher als die Christen. Er wollte – koste es, was es wolle – Wundertäter sein wie ihr hingerichteter Wundertäter, und er wollte den Tod erleiden wie dieser. Wie ich schon gesagt habe: für einen flugbereiten Christen gibt es nur einen einzigen innigen Wunsch: die Behörden so lange zu reizen, bis sie ihn wegschaffen. Das ist Verrücktheit, um so mehr, als es ja nicht mit großer Beschwerde verbunden ist, sich von dem bißchen Leben zu scheiden, das in einem menschlichen Körper Platz hat.«

»Aber wenn er jetzt in Rom ist, kann er nicht gar so gründlich gehenkt worden sein«, bemerkte Papirius.

Lukian, der allmählich vom Falerner und seiner guten Laune etwas beschwipst war, lachte laut. »Selbstverständlich wurde er nicht gehenkt, und dafür dürfen die Christen nur dankbar sein. Denn, wie sagt noch gleich das Sprichwort: Bring der Minerva kein Schwein zum Opfer! Immerhin: ins Gefängnis hat man ihn gesteckt, und da kam Leben in den christlichen Ameisenhaufen. Zuerst suchten sie ihn aus dem Gefängnis zu befreien, was ihnen nicht gelang. Dafür machten sie ihn nun zum Gegenstand der sorgfältigsten Pflege. Vom ersten Morgengrauen an sah man eine Horde von alten Weibern, Witwen und Waisen sich um das Gefängnis lagern – ja, die dreistesten bestachen den Gefangenenwärter und brachten ganze Nächte bei ihm zu, fütterten ihn mit üppigen Mahlzeiten und lasen ihm aus ihren heiligen Büchern vor. Er war für sie wie ein zweiter Sokrates. Selbst Abgesandte aus verschiedenen Städten Asiens kamen an, die ihm hilfreich sein, ihn trösten und vor Gericht für ihn wirken sollten. Denn wenn es einem der Ihren gilt, sind diese Leute von einer verblüffenden Hurtigkeit und Tatkraft, und sie sparen weder Mühe noch Geld. Na, als seine Sache zur gerichtlichen Entscheidung kam, geschah nichts Besseres und nichts Schlimmeres, als daß der gutmütige Statthalter von Syrien sein närrisches Streben nach dem Martyrium durchschaute und ihn zur Tür hinauswarf, ohne ihm auch nur einen Denkzettel zu geben.«

»Und seither – jetzt?« fragte Papirius, den Peregrinus in Wirklichkeit weiter nicht kümmerte, der aber um so mehr alles wissen wollte, was ein Licht auf die Christen werfen könnte.

»Das Weitere ist unklar. Er lebt jetzt von dem Vorschuß, der ihm gezahlt wird, weil er in zwei Jahren bei den nächsten olympischen Spielen zeigen will, wie man den Tod verachtet, indem man sich lebendig verbrennen läßt.«

Rufus gähnte laut. »Es herrscht jetzt ein wahres Delirium, sterben zu wollen: sich die Pulsader aufzuschneiden, sich zu Tode zu hungern, sich zu erhängen, sich zu verbrennen, sich kreuzigen zu lassen! Und der Last, Kinder zu gebären, will sich niemand mehr unterziehen, oder doch höchstens ein- oder zweimal. In des Himmels Namen – wie geht es bergab mit den Menschen!«

 

Papirius saß da, Tinte und Papier vor sich auf dem Tisch, und der steigende Lärm im Lokal überhob Lukian der Notwendigkeit, zu antworten. Die Diener brachten Bier für eine Gesellschaft von Schreibern und Stenographen und zankten sich mit ihnen um die Bezahlung. Ein Polizist kam herein und glitt sacht zum Schenktisch hin, wo er – verhältnismäßig diskret – einen Becher aus seinem Gürtel hervorholte, einen tüchtig großen Becher, der sich anscheinend auf übernatürliche Weise füllte, aber mit der herzgewinnenden Natürlichkeit geleert wurde, mit der Polizisten ihre Becher geleert haben, seit es Polizisten gibt. Es entwickelte sich überhaupt in typischer Weise jene Art von Stimmung, die für manche Männer so anziehend ist und die sie eigentlich ins Wirtshaus zieht, während sie sich nur wenig daraus machen, daheim zu trinken.

Bei diesem Lärm wurde es kaum bemerkt, daß vier Männer hereinkamen, mit roten Köpfen und eifrig diskutierend. Es waren der Oberbibliothekar aus dem Friedenstempel, Rab Chanina, Fabius und Verecundus. Hinter ihnen kam Jon daher wie ein kleiner herrenloser Hund. Sein Gesicht war ernst, und er sah ungepflegt und zerzaust aus.

»Mein kleiner Freund von gestern!« rief Rufus ihm zu. »Und eine halbe Kohorte, die alles totschlägt, was wir eben zusammenqueruliert haben. Der Bibliothekar, der mehr Kinder hat, als man an den Fingern beider Hände abzählen kann. Wieviel hast du denn, Alter?«

»Zwölf – im Augenblick!« antwortete der Bibliothekar mit den runden Vogelaugen und trat an der Spitze seiner Gesellschaft zu dem Tisch heran, wo die drei saßen. Rufus fuhr fort:

»Und alle zusammen hat er sich als Protest gegen die Kindermüdigkeit und Lebensmüdigkeit und Schlappheit und Feigheit zugelegt! Du bist mein Mann, alter Freund! Und Rab Chanina! Nur deinetwegen dulden wir die Galiläer noch – fürs erste! Und Verecundus und Fabius ... mörderisch und munter. Was im Namen aller Götter ist mit euch los?«

»Es handelt sich um den Jungen da«, begann der Bibliothekar, und zugleich fingen auch die drei andern jeder mit seiner Erklärung an.

»Mäuler gehalten – tausend Teufel!« brüllte Rufus. »Wir wollen zuerst einmal den Bibliothekar hören. Er ist der einzige, der kühl bleiben kann. Leg los, Wächter der Bücher!«

»Es handelt sich um den Jungen da«, begann der Bibliothekar von neuem, während er sich setzte. »Du kennst ihn ja von gestern her – und Lukian auch. Gut! Heute früh sitzt der Kerl auf der Treppe des Friedenstempels und will zu Orbilius. Ein kleines Verhör zeigt, daß er in die Familie des Hundes aufgenommen zu werden wünscht. Sehr ehrenvoll für Orbilius. Aber da ein Hund keine Familie hat und sich kaum dazu eignet, kleine Jungen zu erziehen, sehe ich keine Veranlassung, ihn aus den Thermen des Trajan holen zu lassen, wo er vermutlich damit beschäftigt ist, mit Theagenes und einem zugereisten Griechen die Maschinerie der Weltseele auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Es zeigt sich auch bald, daß es genug Leute gibt, die bereit sind, die sicheren Lasten und die recht unsicheren Freuden der Vaterschaft auf sich zu nehmen ... Er führte sich in meiner Wohnung dadurch ein, daß er sich mit der Nummer acht meiner Frau prügelte, und in Anbetracht des augenblicklichen Gesundheitszustandes fraglicher Nummer acht wage ich nicht länger, ihn im Tempel des Friedens zu behalten ... Gleich hinter dem Jungen her erscheint Rab Chanina, der ihn zu adoptieren wünscht, um ihn – das ist doch die Absicht, nicht wahr? – in die christlichen Mysterien einzuweihen. Möchtest du gern zu den Gottlosen gehören, Junge?«

Jon schüttelte energisch den Kopf und warf Rab Chanina einen bösen Blick zu.

»Das ist recht, mein Junge; halte dich nie zu den Ungläubigen. Außerdem ist Rab Chanina auch Junggeselle, wie Orbilius, und hat also noch keinen Beweis dafür geliefert, daß er imstande wäre, einem Nachkommen des Königs Numa die Erziehung angedeihen zu lassen, auf die er Anspruch hat.«

Rab Chanina protestierte: »Wir haben Kinderheime, und außerdem sind da verschiedene achtungswerte Familien, die den Jungen gern im Namen Christi bei sich aufnehmen.«

»Ich nehme ihn gern mit mir heim«, brummte Papirius, der Jon genau angesehen und Lust bekommen hatte, ihn für sich zu erwerben. »Aber wenn er ein Nachkomme von Numa ist, wird er wohl kaum käuflich zu haben sein.«

»Die Gute Göttin bewahre uns! Käuflich!! Er hat Geld und einen Sklaven, der sauer ist wie verdorbener Essig. Nein, aber es gibt noch mehr Reflektanten. Galen will ihn draußen an der Appischen Straße in dem Äskulap- und Hygieiastift oder bei der Arzt-Priesterschaft auf der Insel unterbringen, was zu überlegen wäre. Ferner hat sich der Wirt hier erboten, ihn zu nehmen. Da sein Motiv dafür nicht genügend klar ist, hat man das Anerbieten abgelehnt. Endlich kommen hier Fabius und Verecundus und erbieten sich ... nein, sie erbieten sich nicht ... sie verlangen – beachtet das Wort: verlangen –, daß man ihnen den Jungen ausliefere. Auch sie wollen ihn in irgendwelche Mysterien einweihen. Jupiter mag wissen, was sie 'sich da zusammengebraut haben!»

»Sein Kommen ist von der Salzhändlerin Priscilla vorhergesagt worden!« erklärte Fabius, und Rab Chanina seufzte hörbar.

»Unsinn!« schnaubte der Bibliothekar.

»Geschwätz!« sagte Papirius ärgerlich.

Verecundus ereiferte sich: »Unsinn? Geschwätz? – Durchaus nicht! Es ist durch die Aussage des toten Mannes vollständig bekräftigt ...!«

»Woran ist er gestorben?« fragte Lukian mißtrauisch.

»An einer Art von bösartigem Ausschlag!« antwortete Rufus rasch. Er war von Maecius instruiert worden und pries sein Glück, daß er anwesend war und eine allzu eingehende Untersuchung abwenden konnte.

Fabius griff von neuem ein und sagte: »Außerdem erzählt der Junge selbst, er wäre sein ganzes Leben lang vom Ende der Welt her gewandert, um hierher zu kommen und sich Rom zu unterwerfen!«

»Ja, das könnte euch ja wohl so passen!« sagte der spöttische Lukian. »Hast du noch weitere Zeugen?«

»Jawohl – gerade! Genau das haben wir eben!« Verecundus kam seinem Freunde zu Hilfe und fiel ein: »Die Syrerin, Mutter Jallia, die am Appischen Tor Porzellan verkauft, hat zu uns gesagt: ›Ich hörte, wie die Mütter der Jungfrauen Roms ihre Türen verschlossen, als das kleine Gotteskind einzog, sich die Stadt zu unterwerfen.‹«

Ein schallendes Gelächter begrüßte diese pathetische Replik. Als es dahinstarb, schwiegen alle, und alle wendeten sich einem Manne zu, der seit einiger Zeit, in eine Kapuze gehüllt, hinter dem Stuhl des Rufus gestanden hatte. Jetzt hatte er diese abgeworfen und sagte mit einer tiefen und munteren Stimme:

»Nun spricht der Kaiser Recht!«

 

Die meisten kannten ihn schon – meist von betrunkenen Anlässen her, einige aber hatten ihn noch nie gesehen. Doch diese dicken, zusammengewachsenen Augenbrauen, dieses goldgepuderte Haar und der goldgepuderte Bart, dieses sorglose Funkeln in den Augen und dieses muntere Lachen, mit dem er die allgemeine Bestürzung begrüßte – all das paßte nur auf einen einzigen Menschen in ganz Rom. Er stand immer noch mit der Kapuze in der Hand da, die er zu tragen pflegte, wenn er einen Gang durch die Wirtshäuser der inneren Stadt machte.

»Bleibt sitzen!« sagte er, als alle Miene machten, aufzuspringen. »Und du, mein alter lustiger, unveränderlicher Zechbruder!« Er umfaßte Rufus und setzte sich neben ihn, während er ein flüchtiges Nicken mit Papirius wechselte.

»Falerner!« rief er dem Aufwärter zu. »Aber vom besten! Ist das der kleine Kerl, um den ihr euch streitet?«

Er nahm Jon auf die Knie und begann dann, mit großen Goldstücken nach den Bechern rundum auf den Tischen im Lokal zu werfen; und er traf jedesmal. So wurde es bekannt, daß Lucius Verus, der Halbbruder und Mitkaiser des Marc Aurel, wohlbehalten heimgekehrt war.

»Ihr Götter, was habt ihr es gut! Saufen und sich amüsieren, während wir andern unter der Last des Staates seufzen!« klagte er düster, während die Diener frische Becher und frischen Wein brachten. Es war ihm unmöglich, längere Zeit nicht zu lachen.

Die Sache Jons wurde dem Kaiser vorgelegt, und er hörte jedem einzelnen aufmerksam zu und munterte nur von Zeit zu Zeit die Stube dadurch auf, daß er mit einem Goldstück – er schien deren eine unbegrenzte Zahl zu haben – einen Becher umwarf. Zu Rab Chanina sagte er:

»Mir ist es einerlei, ob du zwanzigmal ein Christ bist; aber nimm dich vor meinem frommen Bruder in acht. Sein Haß gegen die Gottlosen wächst mit seiner eigenen Frömmigkeit. Aber – beim Endymion! – wenn ich begriffe, wie jemand Lust dazu haben kann, solange es schöne Frauen die Fülle gibt und Wein die Fülle ... Aber du trinkst ja nicht einmal, Mensch!« Zu Jon sagte er: »Du hast ein schönes Mütterlein gehabt, Kleiner. Was habt ihr mit ihr gemacht?« – –

»Armer kleiner Kerl!« rief er dann herzlich, als er hörte, daß der Junge sie niemals gekannt hatte. »Wir müssen dir eine neue suchen. Leider darf ich dich nicht zu Lucilla heimbringen. Auch glaube ich nicht, daß sie dir Spaß machen würde. Mir hat sie niemals Spaß gemacht. Sie gleicht ihrem Vater allzusehr! Aber ... Laßt uns die Sache entscheiden: der Bibliothekar will dich nicht, ich wage es nicht, Rab Chanina darf nicht, Galen wäre ganz recht, hat aber niemals Zeit, sich selbst um dich zu kümmern, Heime und Stifte sind mir ein Greuel, Papirius ist zu alt, und die Großmutter ... Heilige Isis! Lebt die Großmutter noch?«

Von Papirius über diesen Punkt beruhigt, fuhr er in seiner Überlegung fort:

»Fabius und Verecundus würden dich mit ihrem Geschwätz vom Weltenschöpfer und Antichrist in weniger als einem Jahre verderben. Lukian kann dich nicht mit sich in Griechenland herumschleppen. Und der Wirt hier kann dich schon seines dicken Bauches wegen nicht im Auge behalten; der ist nicht billig gewesen! – Halt! Es bleibt wahrhaftig niemand übrig als mein braver Freund Rufus! (Er legte diesem den Arm um die Schultern.) Meinst du, daß Pomona darauf eingeht?«

Rufus kratzte sich zweifelnd in den Haaren; aber der Kaiser ließ sich das nicht anfechten und fuhr fort:

»Es wird schon gehen. Grüß sie von mir! Den ökonomischen Teil der Sache nehme ich auf mich, solange ich lebe. Leider gehör' ich zu den Leuten, die kurz, aber lustig leben. Papirius besorgt die Registrierung.«

Dies alles brachte er in nachlässigem und schlenderndem Tonfall vor. Der Schluß: »Ich habe gesprochen!« fiel wie ein Peitschenhieb.

 

Die geschlagenen Truppen trennten sich bald darauf, und der Kaiser ging in das Legionslager, wo die Vorbereitungen zu dem Triumphzug in vollem Gang waren. Rufus begab sich mit dem Jungen und Philetus in seinem Gefolge nach Hause. Sein Gehirn quälte sich mit einer Berechnung ab: ein Sklave stiehlt weniger als zwei, ißt weniger und hält sich besser in Form (wenn er Arbeit für zweie leisten muß); ferner hört und sieht er weniger, und daraus folgt wieder, daß er weniger lügt und sich also auch geistig besser in Form hält. Das Fazit war, daß Rufus sich entschloß, den Sklaven, den er daheim hatte, zu versaufen und sich mit Philetus zu begnügen, der bei einem Verkauf doch nichts Nennenswertes eingebracht hätte.

Seine Frau – Pomona – nahm die Mitteilung über Jon entgegen, als ob sie gerade hierauf seit längerer Zeit gewartet hätte. Sie nahm Jons Hand in die ihre, und ihr Händedruck war so freundlich und sanft, wie der Druck eines Reibeisens überhaupt sein kann.

Galen opferte fünf goldene Mäuse im Tempel des Äskulap auf der Tiberinsel – genau zu der Zeit, wo Jon auf dem Hof hinter der Klinik des Rufus und des Aelianus Maecius in der Sandalenmachergasse mit den Versuchsaffen des kaiserlichen Leibarztes Bekanntschaft machte.

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