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Die Salamandrin und die Bildsäule

Christoph Martin Wieland: Die Salamandrin und die Bildsäule - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Siebenundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1786
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleDie Salamandrin und die Bildsäule
pages62
created20131008
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Die Salamandrin und die Bildsäule.

Eine Erzählung.


Als Gegenstück des »Stein der Weisen«.

 


 

Es war an einem schwülen Sommertage, da die Sonne sich bereits zu neigen anfing, als ein plötzlich einbrechendes Ungewitter einen wandernden Fremdling, dessen äußerliches Ansehen eher Dürftigkeit als Wohlstand ankündigte, in einer ziemlich wilden und ihm gänzlich unbekannten Gegend überfiel, und ihn nöthigte sich nach irgend einem Orte umzusehen, wo er Schirm gegen den daher brausenden Sturm finden könnte. Die natürliche Dunkelheit eines finstern Tannenwaldes, durch die Schwärze der Gewitterwolken womit der ganze Horizont umzogen war, verdoppelt, hüllte ihn auf einmal in eine so grauenvolle Nacht ein, daß er ohne das blendende Licht der Blitze nicht zwanzig Schritte vor sich hätte sehen können. Glücklicher Weise entdeckte er bei dieser furchtbaren Art von Beleuchtung einen alten halb verfallnen Thurm, der auf einer kleinen Anhöhe aus wildem Buschwerk hervorragte, und ihm, wenn er ihn erreichen könnte, eine erwünschte Zuflucht anzubieten schien.

Bei diesem Anblick fiel ein Strahl von Freude in die Seele des Wanderers: eine Freude, die sich in Entzücken verwandelte, da ein neuer sehr heller Strahl ihn wahrnehmen ließ, daß unter den zerfallenen Zinnen dieses Thurms noch drei ganz unbeschädigt waren.

Endlich, rief er, hab' ich gefunden, was ich schon so lange vergebens suche; denn es ist unmöglich, daß mich 226 Kalasiris betrügen könnte. Ganz gewiß ist dieß der Thurm, wo ich das Ziel meiner Wünsche finden soll.

Indem erblickte er einen schmalen Fußpfad der sich durch das Gebüsch zu dem Thurm hinauf zu winden schien. Eine gute Vorbedeutung! dacht' er; und wirklich führte ihn dieser Pfad einen so kurzen Weg, daß er in wenigen Minuten bei dem Thurm anlangte, dem einzigen Ueberbleibsel eines dem Ansehen nach uralten zerstörten Schlosses, dessen majestätische Ruinen, mit Buschwerk und Farnkraut durchwachsen, in wilden seltsamen Gestalten umherlagen.

Der Fremdling, dem der einfallende Platzregen keine Zeit ließ diese rauhen Schönheiten zu betrachten, eilte was er konnte das Innere des Thurms zu gewinnen, dessen Eingang offen stand; und er befand sich nun in einer großen gewölbten Halle, die durch den Eingang und von oben herab durch eine schmale Oeffnung in der dicken Mauer nur gerade so viel Licht empfing, daß er eine Wendeltreppe gewahr werden konnte, die in den obern Theil des Gebäudes führte. Ungeachtet des freudigen Ausgangs, den sich seine Seele weissagte, überfiel ihn eine Art von Grauen, und das Herz klopfte ihm, wie einem der zwischen Furcht und Hoffnung der Entscheidung seines Schicksals entgegen geht, indem er mit beiden Händen um sich tappend, die finstre Treppe hinauf stieg. Er fand, daß sie ohne Stufen sich in ziemlich sanfter Erhebung dreimal um den Thurm herumwand, bis sie ihn zu einem kleinen Vorsaal führte, der so schwach beleuchtet war, daß er nichts darin erkennen konnte, als eine steinerne Bank an der einen Seitenwand, und den schmalen Eingang in ein anderes Gemach, aus welchem das wenige Licht hervorbrach, das in dem kleinen Saale dämmerte. Er blickte durch diesen Eingang hinein, und was er auf den ersten Blick entdeckte, 227 gab seiner Erwartung auf einmal eine solche Gewißheit, daß er zurückbebte, und, um einen ruhigern Schlag seines Herzens abzuwarten, sich auf die mit Matten belegte Bank im Vorsaal niedersetzte. Er betrachtete seinen Aufzug, und schämte sich zum erstenmal der armseligen Figur, die er darin machte. In der That sah er keiner Person gleich, die zum Eintritt in ein so prächtiges Gemach berechtigt war. Ein brauner Leibrock von grober Leinwand, der ihm bis an die Knöchel reichte, und ein sehr abgetragener, an den Enden zerrissener Mantel von blauem Tuche, mit einem ledernen Gürtel um den Leib, machte seine ganze Kleidung aus. Er trug eine Art von Halbstiefeln, denen man es nur zu sehr ansah, daß sie durch lange Dienste mitgenommen waren; und den Kopf hatte er in einer großen Mütze von braunem Tuche stecken, die von seinem schwarzbraunen, runzeligen und abgezehrten Gesichte nur so viel sehen ließ, als nöthig war, seinen Anblick widerlicher zu machen. Dieß alles, mit einem auf die Brust herabhangenden rothen Bart, machte ein Ganzes aus, das jedermann beim ersten Anblick für – einen Bettler halten mußte, und war nicht sehr geschickt weder das Auge noch das Herz für ihn einzunehmen. Indessen, da er mit dieser nämlichen Figur schon über ein ganzes Jahr durch die Welt gekommen war, raffte er sich zusammen, und entschloß sich es darauf ankommen zu lassen, wie er in dem schimmernden Zimmer würde aufgenommen werden.

Er ging hinein, und es däuchte ihn, er trete in das Schlafgemach einer Göttin. Der Fußboden war mit einer Decke von goldnem Stoffe belegt; die Wände mit blaßgrünen atlaßnen Tapeten beschlagen, und ringsum mit Kränzen von vergoldetem Schnitzwerk eingefaßt, woran große Ketten von frischen natürlichen Blumen herabhingen. Mit eben dergleichen 228 waren auch die rosenfarbnen Vorhänge eines prächtigen zeltförmigen Ruhebettes aufgebunden, welches nebst einigen an den Wänden aufgeschichteten Polstern von blaßgelbem Atlaß, mit Silber durchwirkt, alle Geräthschaft in diesem Zimmer ausmachte. Das Ganze empfing durch die bunt bemalten Glasscheiben eines einzigen großen eirunden Fensters eine Art von gebrochnem Lichte, das die angenehmste Wirkung that, und diesen Ort zum unbelauschten Genuß eines geheimnißvollen Glückes zu bestimmen schien.

So unerwartet alles dieß unserm Wanderer in dem halbverfallnen Thurm eines alten zertrümmerten Schlosses war, so war ihm doch noch unerwarteter, daß er, anstatt dessen was er hier zu finden hoffte, einen jungen Menschen auf dem Ruhebette liegen sah, der bei seiner Annäherung sich aufrichtete, und einen finstern aber ruhigen Blick auf ihn warf, ohne das mindeste Zeichen von Furcht oder Verlegenheit über die plötzliche Erscheinung einer Gestalt von so schlimmer Vorbedeutung von sich zu geben.

Der Jüngling war in einen abgenutzten Mantel von Scharlach gehüllt; seine Haare (die schönsten gelben Haare die man sehen konnte) hingen nachlässig in langen natürlichen Locken um seine Schultern; seine Augen lagen tief im Kopfe, seine Gesichtsfarbe war blaß und kränklich, und über sein ganzes Wesen war ein Ausdruck von Schwermuth ausgegossen, der den Resten einer welkenden, aber noch immer seltnen Schönheit etwas unwiderstehlich Rührendes gab.

Der Fremde fühlte sich beim ersten Blick so stark zu dem liebenswürdigen Unbekannten hingezogen und mit so viel Theilnehmung für ihn erfüllt, daß er verlegen war, Worte für das zu finden, was er ihm auf einmal hätte sagen mögen. Er fing an eine Entschuldigung hervorzustottern, die ihn der Jüngling nicht 229 zu Ende bringen ließ. Du scheinst, sagte er, nach deinem Ansehen zu urtheilen, dem Glücke wenig schuldig zu seyn. Wenn du unglücklich bist, so bist du mein Bruder, und mir willkommen, wer du auch seyn magst.

Ich bin ein Fremdling, antwortete der Wanderer; ein Ungewitter, das mich in diesem Walde überfiel, trieb mich hierher. Ich erblickte, indem ich nach einem Schirmort mich umsah, diesen Thurm; und das Wunderbarste ist, daß es gerade der war, den ich schon seit fünf bis sechs Monaten in diesem Lande suche.

Bei diesen Worten richtete der schöne Jüngling sich noch mehr in die Höhe, um den Fremden mit verdoppelter Aufmerksamkeit zu betrachten. Wie abschreckend auch das Aeußerliche desselben war, so glaubte er doch den Klang seiner Stimme im Innersten seines Herzens widerhallen zu hören; und bloß um dieses Klanges willen, der auf einmal die süßesten und schmerzlichsten Erinnerungen in ihm rege machte, fühlte er sein Herz gegen den Unbekannten aufgehen, der ihm, ohne daß er sich sagen konnte warum, ganz etwas andres zu seyn schien, als seine Außenseite zu erkennen gab. Kurz, sie wurden in wenig Minuten so gute Freunde, als ob sie sich schon eben so viele Jahre gekannt hätten. Der schöne Jüngling hieß den Alten neben sich auf das Ruhebette sitzen, und stand auf, um aus einem verborgenen Schrank in der Mauer einige Früchte, etwas Brod und eine Flasche Cyprischen Wein zu holen. Diese Flasche, sprach er, steht schon einige Tage unerbrochen hier; ich kann sie nicht besser anwenden als dich damit zu erfrischen. Du scheinst dessen zu bedürfen, Freund; ich nähre mich seit mehr als einem Monat von bloßem Brod und Wasser.

Der Alte dankte ihm mit einem Blick der zärtlichsten 230 Theilnehmung für seine Güte: und, um dir wenigstens meinen Willen, dankbar zu seyn, zu beweisen, sprach er, will ich damit anfangen, mich dir in meiner eigenen Gestalt zu zeigen. Mit diesen Worten lösete er eine unter seinem Bart verborgene Schnur auf, nahm seine Mütze und sein schwarz-braunes runzeliges Mumiengesicht mit dem langen rothen Barte (welches nichts weiter als eine sehr künstlich gearbeitete Larve war) ab, warf seinen Mantel von sich, und zeigte dem schönen Jüngling einen schwarzlockigen jungen Menschen von seinem Alter, der an Schönheit nur ihm allein weichen konnte; wiewohl er, so wie er selbst, von irgend einem geheimen Grame noch mehr als von ausgestandenen Mühseligkeiten gelitten zu haben schien.

Der Unbekannte war bei den Worten – »ich will mich dir in meiner eigenen Gestalt zeigen« – in eine Bewegung gerathen, die er nicht verbergen konnte: aber, wiewohl er sich einen Augenblick darauf in der seltsamen Hoffnung, die sie in ihm entzündet hatten, betrogen sah, so fand er doch etwas so Besonderes und Anziehendes in der Gesichtsbildung des schönen Fremden, daß er nicht satt werden konnte ihn anzusehen. Endlich hielt er sich nicht länger; er sprang auf, fiel ihm um den Hals, drückte ihn mit feuriger Wärme an seine Brust, und überschwemmte seine Wangen mit einem Strome von Thränen.

Der Fremde, wie gerührt er sich auch von einem so plötzlichen und sonderbaren Ausbruch von Zärtlichkeit fühlte, konnte sich doch nicht enthalten, ein Erstaunen darüber in seinem Gesichte zu zeigen, welches dem Jüngling vom Thurme nicht unbemerkt blieb. Du sollst alles erfahren, sprach dieser, indem er ihn von neuem umarmte; aber vorher schwöre mir, wenn du anders willst daß ich das Leben wieder lieb 231 gewinne, schwöre mir daß du mich nie wieder verlassen willst, und daß uns von nun an nichts als der Tod trennen soll! – Ich schwöre dir's, antwortete der Fremde mit halb erstickter Stimme und thränenden Augen, ich schwöre dir's bei dem Leben derjenigen, für die ich selbst athme, die ich so lange schon suche, und die ich hier zu finden hoffte.

Hier in diesem Thurme? rief der andere mit einer sichtbaren Bewegung. – Doch, ich denke das hast du mir schon gesagt. Es ist etwas Geheimnißvolles in deinen Reden, in deinen Gesichtszügen und in unserm Zusammentreffen in diesem Thurme. Sage mir, ich beschwöre dich, wer du bist und wen du hier suchest; und ich will deine Offenherzigkeit erwiedern, und deinem Busen ein Geheimniß anvertrauen, das noch niemals aus dem meinigen gekommen ist, und woran das Schicksal meines Lebens hängt.

Eine unfreiwillige Sympathie zieht mich zu dir seitdem meine Augen den deinigen begegneten, antwortete der Fremde; was könnte ich dir vorenthalten wollen, da ich alle Augenblicke bereit bin, dir die Stärke der Zuneigung die du mir einflößest, mit Darsetzung meines Lebens zu beweisen? Aber mache dich auf eine seltsame Geschichte gefaßt!

Sie kann schwerlich seltsamer seyn, erwiederte jener, als diejenige, die ich dir zu erzählen habe, wenn du erst so gefällig gewesen seyn wirst meine Ungeduld zu befriedigen.

Während diese beiden Jünglinge, zu sehr mit einander und mit sich selbst beschäftiget um auf etwas andres aufmerksam zu seyn, in diesem Gespräche begriffen waren, langten zwei bis an die Augen eingehüllte Reiter an, welche der noch fortdauernde Sturm hier ebenfalls Schirm zu suchen nöthigte. Sie ließen einen Knecht bei ihren Pferden, und stiegen die Wendeltreppe hinauf. Aber bevor sie den Vorsaal erreichten, 232 merkten sie daß sie hier nicht allein seyen, und daß in dem daranstoßenden Zimmer ziemlich laut gesprochen werde. Bescheidenheit oder Vorwitz, oder was es sonst war, hielt sie ab, die Unbekannten in ihrer Unterredung zu stören. Sie setzten sich also, ohne von jenen bemerkt worden zu seyn, auf die steinerne Bank, nahe bei dem Eingang in das offne Zimmer, wickelten sich aufs neue in ihre Mäntel ein, und horchten mit hingerecktem Ohre und zurückgehaltenem Athem, um, wo möglich, kein Wort von dem was gesprochen wurde zu verlieren.

Der Ort wo ich geboren bin, fing der Fremde an, ist Memphis in Aegypten, wo Kalasiris, mein Vater, Oberpriester und Statthalter des Königs ist.

Was hör' ich? unterbrach ihn der Jüngling vom Thurme: Kalasiris dein Vater? und du sein Sohn Osmandyas? –

Wie? rief der Aegyptier erstaunt, du kennest uns also?

Vergib mir, Osmandyas, versetzte der andere, ich werde dich nicht wieder unterbrechen. Du sollst alles wissen – aber jetzt fahre fort!

Die Namen Osmandyas und Kalasiris setzten auch die beiden Vermummten im Vorsaal in eine so sonderbare Bewegung, daß ihre Gegenwart dadurch hätte verrathen werden müssen, wenn die beiden Jünglinge nicht im nämlichen Augenblick unfähig gewesen wären zu hören was außer ihnen vorging. Sie faßten sich aber bald wieder, winkten einander zu, ruhig zu seyn, und rückten noch ein wenig näher, um mit allen ihren Ohren aufzuhorchen.

Da du mit Aegypten nicht unbekannt zu seyn scheinst, fuhr der Fremde fort, so wär' es überflüssig, dir zu sagen wie die Söhne unsrer Oberpriester erzogen werden. Als ich das sechzehnte Jahr zurückgelegt hatte, schickte mein Vater, um meine Erziehung zu vollenden, mich unter der Aufsicht eines 233 alten Priesters nach Griechenland, um in den Kabirischen, Orphischen und Eleusinischen Mysterien eingeweiht zu werden, und dadurch meine zu Memphis und Sais erlangte Einsicht in die Geheimnisse der Urwelt, welche seiner Meinung nach alle Wissenschaften der spätern Zeiten weit hinter sich lassen, vollständig zu machen. Ich brachte über zwei Jahre mit diesen Reisen zu, und kehrte, nachdem ich in Samothrace, in Kreta, zu Lemnos, zu Eleusis und anderen Orten alles erfahren hatte was mir die Mystagogen sagen konnten, mit der Ueberzeugung nach Hause, daß ich von allem, was ich zu wissen am begierigsten war, gerade so viel wußte als zuvor.

Bei meiner Zurückkunft wurde ich von meinem Vater sehr gütig empfangen; und da er fand, daß der Zweck meiner Reisen nicht verfehlt war, so machte er sich (vermuthlich um mich vor dem Eigendünkel junger Leute die viel zu wissen glauben zu verwahren) ein eigenes Geschäft daraus, mich von dem wenigen Werth aller meiner erworbenen Kenntnisse zu überzeugen. – »Was, sagte er mir, kannst du nun mit allen diesen vorgeblichen Geheimnissen wirken? Der wahre Weise ist nicht der, der schwatzen kann was Wenige wissen und niemand zu wissen verlangt noch braucht, sondern der Mann, der ein vollkommeneres Leben lebt als die gemeinen Menschen, der die Kräfte der Natur zu seinen eigenen zu machen weiß, und der durch sie Dinge thun kann, die in den Augen der Unwissenden Zauberei und Wunderwerke sind. Die wahren Mysterien, zu welchen dich nur langwieriger Fleiß und unermüdetes Forschen vorbereiten kann, sind der Treue und Weisheit einer kleinen Anzahl von Günstlingen des Schicksals anvertraut; und selbst diese Geheimnisse sind nur schwache Ueberreste dessen, was die Menschen ehemals wußten und konnten, ehe die letzte Katastrophe unsers Planeten dieser edlern Menschengattung ein 234 Ende machte. Du selbst wirst davon Proben sehen, die dich in Erstaunen setzen werden – und die doch nur ein geringer Theil dessen sind, was der Mensch hervorzubringen vermag, der im wirklichen Besitz aller seiner Kräfte ist.«

»Durch dergleichen Reden suchte Kalasiris, wie ich glaube, meine Wißbegierde zu entflammen, und mich zu einem Fleiße anzuspornen, ohne welchen ich (wie er sagte) keine Empfänglichkeit für die Geheimnisse haben könnte, die allein diesen Namen verdienten. Aber das Schicksal scheint mich nicht zum Erben seiner Weisheit bestimmt zu haben. Eine Leidenschaft, die er mit aller seiner Philosophie nicht verhindern konnte (die seltsamste und unsinnigste, wenn du willst, die vielleicht jemals die Einbildung eines Sterblichen überwältigt hat) bemächtigte sich meines ganzen Wesens, und vernichtete alle Plane meines vorigen Lebens, alle Bestrebungen mich des Unterrichts von Kalasiris würdig zu machen indem sie mich – an die Füße einer Bildsäule anheftete.«

Einer Bildsäule? rief der Jüngling vom Thurme lächelnd und erstaunt.

»Höre mich an, sagte Osmandyas, und entschuldige oder verdamme mich alsdann, wie dein Herz dir's eingeben wird. Denn von Sachen des Herzens kann nur das Herz urtheilen. Seit meiner Zurückkunft nach Memphis hatte mir Kalasiris den freien Zutritt in sein Zimmer verstattet, welches ich zuvor nie anders, als wenn er mich rufen ließ, betreten durfte. An dieses Zimmer stieß ein Cabinet, das niemand in seinem Hause um irgend einen Preis zu öffnen sich unterstanden hätte, wiewohl es gewöhnlich unverschlossen war; denn man machte sich eine sehr fürchterliche Vorstellung von diesem Cabinette. Man war fest überzeugt, daß die Thür von einem Geiste bewacht werde, welcher außer dem Oberpriester jeden andern, der sich 235 erkühnen wollte sie zu öffnen, auf der Stelle tödten würde. Auf mich hätte ein bloßes Verbot meines Vaters stärker gewirkt als die Furcht vor diesem Geiste; denn ich war von Kindheit an gewohnt, alle seine Befehle oder Verbote als unverletzbare Gesetze anzusehen. Aber da er mir über diesen Punkt gar nichts gesagt hatte, so überwog endlich der Vorwitz, was in diesem geheimnißvollen Cabinette zu sehen seyn möchte, jede andere Betrachtung; und ich benutzte dazu die erste Stunde, wo ich gewiß war nicht von ihm überfallen zu werden.

»Ich gestehe, daß ich an allen Gliedern zitterte, als ich den Riegel zurückzog. Aber der furchtbare Geist war so gefällig mich einzulassen; und, sobald ich mich wieder gefaßt hatte, war das erste, was mir unter einer Menge sonderbarer Sachen in die Augen fiel, ein alter Mann in priesterlicher Kleidung, dessen majestätisches Ansehen und sanft ernster Blick mich so sehr überraschte, daß ich im Begriffe war mich zu seinen Füßen niederzuwerfen, wenn seine Unbeweglichkeit, die mir nicht ganz natürlich vorkam, mich nicht zurückgehalten hätte. Sollte es, dachte ich, eine bloße Bildsäule seyn? Ich hatte aller meiner Herzhaftigkeit nöthig, um mich von der Wahrheit dieser Vermuthung zu überzeugen; aber es blieb mir unbegreiflich, wie die Kunst ein so vollkommenes Werk zu bilden, einer todten Masse diesen Schein von athmendem Leben und diesen Ausdruck eines inwohnenden Geistes zu geben vermocht hätte.

»Ich war noch mit dieser Betrachtung beschäftigt, als mir in einer andern Ecke des Cabinets ein wunderschönes junges Mädchen in die Augen fiel, das auf einem Ruhebettchen sitzend mit einer Taube spielte, die etwas aus ihrer schönen Hand zu picken schien. Sie war in eine lange Tunica von 236 feinem Byssus mit goldenen Streifen gekleidet, die oben auf den Schultern mit einem Knopfe befestigt und dicht unter dem leicht bedeckten Busen mit einem goldenen Bande umschlungen war; Arme und Schultern waren bloß, und das leichte Gewand, wiewohl es sie nach morgenländischer Weise sehr anständig bekleidete, bezeichnete doch auf die ungezwungenste und reizendste Art alle schönen Formen ihres mit vollkommenstem Ebenmaß gebauten Körpers. Ich erstaunte, eine so reizende Person in dem geheimen Cabinette des Kalasiris zu finden, den seine Weisheit, sein Alter und seine Würde über allen Verdacht von dieser Seite weit erhob; und wiewohl ich so eben gesehen hatte, wie weit es die Kunst im Nachahmen der Natur bringen kann, so täuschte mich doch der erste Anblick zum zweitenmale, und der Gedanke, daß auch dieses liebenswürdige Mädchen eine bloße Bildsäule sey, kam mir nicht eher, bis mich ihre gänzliche Unbeweglichkeit davon überzeugte.

»Ich bin unvermögend dir zu beschreiben was in diesen Augenblicken in mir vorging; man müßte selbst durch meinen damaligen Zustand gegangen seyn, um etwas davon zu begreifen. Ich konnte nicht zweifeln, daß es ein bloßes lebloses Bild sey; und doch bestand mein Herz hartnäckig darauf, es lebe und athme und höre was ich ihm sage. Meine Phantasie half die Täuschung unterhalten; und diese Täuschung war so stark, daß ich eine halbe Stunde auf den Knieen vor ihr lag, und ihr alles sagte was der zärtlichste und ehrerbietigste Liebhaber der Geliebten seines Herzens sagen kann, ohne daß ich gewagt hätte sie anzurühren, um mich zu überzeugen, daß sie nichts als eine Masse ohne Leben sey. Unfehlbar, dachte ich, ist sie bloß bezaubert; sie lebt, wiewohl sie nicht athmet; sie hört mich, wiewohl sie mir nicht antworten kann; ganz gewiß 237 wird sie gegen die unbegrenzte Liebe, womit sie auch mich bezaubert hat, nicht immer unempfindlich bleiben; ich werde sie durch die Beständigkeit meiner Leidenschaft rühren, und vielleicht ist es mir aufbehalten, den Zauber, der ihre Sinne gebunden hält, aufzulösen, und zur Belohnung in ihren Armen der glücklichste aller Sterblichen zu seyn.

»Ich begreife daß dir eine solche Leidenschaft unsinnig vorkommen muß, und ich habe nichts zu ihrer Rechtfertigung zu sagen, als daß ich (wie es auch damit zugegangen seyn mag) von dem Augenblick an, da ich dieses himmlischen Mädchens ansichtig wurde, meiner selbst nicht mehr mächtig war. Ich war es so wenig, daß ich endlich ihre nicht widerstehende, aber leider auch nicht fühlende Hand ergriff, und sie mit eben so schüchterner und eben so inniger Inbrunst an meinen Mund drückte, als ob sie lebendig gewesen wäre.

»In dem nämlichen Augenblicke trat mein Vater in das Cabinet, und überraschte mich, auf meinen Knien vor dem leblosen Mädchen liegend, und mein Gesicht über eine ihrer Hände gebückt. Ich fuhr über seinen Anblick zusammen, und erwartete hart von ihm angelassen zu werden: aber ich irrte mich glücklicherweise; seine Miene hatte nichts Strenges. Du bist, wie ich sehe, bei den Griechen ein großer Bewunderer der Kunst geworden, Osmandyas? sagte er lächelnd. – Ich habe in meinem Leben nichts so Liebenswürdiges gesehen, antwortete ich erröthend. – Liebenswürdig? versetzte Kalasiris, indem er mir mit Aufmerksamkeit in die Augen sah. – So Vollkommnes wollt' ich sagen, mein Vater. – Das kann seyn, erwiederte er; es ist das Werk eines großen Meisters. – Und hiermit brach er die Unterredung ab. Wie gern ich auch eine Menge Fragen an ihn gethan hätte, so wagte ich's doch nicht eine einzige laut werden zu lassen; so groß war 238 die Ehrfurcht, an die ich von Kindheit an gegen ihn gewöhnt war. Es war mir nie erlaubt gewesen, durch Fragen mehr über eine Sache von ihm erfahren zu wollen, als er mir von freien Stücken zu sagen für gut befand.

»Ich entfernte mich aus dem Cabinet, aber mein Herz blieb bei der schönen Bildsäule zurück, der es einen ganz andern Namen gab. Ich bestärkte mich immer mehr in dem Wahne, daß es eine wirkliche Person in einem sonderbaren Zustande von Bezauberung sey. Dieser Wahn schmeichelte meiner Leidenschaft, und erhöhte sie in wenigen Tagen auf einen solchen Grad, daß ich an nichts andres dachte, und, weil ich sonst nichts, das sich auf sie bezog, thun konnte, im eigentlichsten Verstande gar nichts that.

»Mein Vater unterließ einige Wochen lang dieser Sache nur mit einem Worte zu erwähnen. Er schien sogar nicht zu bemerken, daß ich allen meinen gewohnten Arbeiten und Ergötzungen entsagte, und unvermerkt in eine Art von Schwermuth verfiel, die mich die einsamsten Orte suchen und allen Umgang mit Menschen fliehen machte. Indessen däuchte es mir sein Werk zu seyn (wiewohl keine besondere Veranstaltung von seiner Seite dabei in die Augen fiel), daß ich in dieser ganzen Zeit keine Gelegenheit fand in sein Cabinet zu kommen. Die Folgen davon wurden endlich so sichtbar, daß sie seiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnten: ich wurde niedergeschlagen und traurig, verlor Eßlust und Schlaf, bekam Ringe um die Augen, und veränderte mich, mit Einem Worte, so sehr daß ich mir selbst unkenntlich wurde. Kalasiris allein schien es nicht gewahr zu werden: aber auf einmal erhielt ich wieder Gelegenheit, ganze Stunden unbeobachtet in seinem Cabinette zuzubringen.

»Die Entzückung, mit welcher ich das erstemal, da mir 239 dieses Glück wieder zu Theil wurde, dem geliebten Mädchen zu Füßen fiel, wie ich ihre Knie umarmte, was ich ihr sagte, und wie glücklich ich war, kannst du dir nur vorstellen, wenn du jemals wahrhaftig geliebt hast.«

O gewiß kann ich's, rief der Jüngling vom Thurme mit einem tiefen Seufzer.

»Dieses erste Wiedersehen wirkte so stark auf mein Gemüth und auf meine Gesundheit, daß ich auf einmal wieder ein ganz anderer Mensch zu seyn scheinen mußte. Kalasiris bemerkte immer nichts; aber ich fand acht bis zehn Tage lang täglich eine Stunde, die ich zu den Füßen meines bis zum Wahnsinn geliebten Bildes zubringen konnte. Es gab Augenblicke, wo meine Bethörung so weit ging, daß ich mir einbildete sie von meinen Thränen gerührt zu sehen, und als ob ihre Lippen sich bewegen wollten mir etwas Gütiges zu sagen. Meine Ueberredung, daß sie kein lebloses Bild sondern nur bezaubert sey, bekam, wie natürlich, neue Stärke dadurch; und ich konnte mich endlich nicht länger zurückhalten, diese Hypothese meinem Vater als eine Sache vorzutragen, die mir keinem Zweifel unterworfen zu seyn scheine.

»Kalasiris hörte mich ruhig an; aber als ich fertig war, warf er einen ernsten Blick auf mich und sagte: allerdings ist hier jemand bezaubert, wie ich sehe, und dieß ist sonst niemand als du selbst. Es ist hohe Zeit, Osmandyas, einem so lächerlichen Spiel ein Ende zu machen; oder, wohin glaubst du daß dich deine Liebe für eine Bildsäule endlich führen werde?

»So hart mir diese auf einmal angenommene Strenge meines Vaters auffiel, so war ich doch froh, daß er mir selbst Gelegenheit gab, ihm den Zustand meines Herzens zu entdecken. Die Stärke meiner Leidenschaft durchbrach jetzt auf 240 einmal den Damm, in welchem die Ehrfurcht vor ihm sie bisher eingezwängt hatte; ich warf mich zu seinen Füßen, bat ihn um Mitleiden, und erklärte ihm zugleich in den stärksten Ausdrücken, daß diese Liebe, wie unsinnig sie auch immer scheinen möge, das Glück oder Unglück meines Lebens entscheiden werde.

»Die Leidenschaft pflegt in solchen Fällen wortreich zu seyn; gleichwohl hörte mich Kalasiris mit großer Geduld an, ohne von dem Feuer womit ich sprach beleidiget zu scheinen. Aber er sagte mir demungeachtet alles, was ein so weiser Mann nur immer aufbringen konnte, um einen einzigen geliebten Sohn von einer in seinen (und ohne Zweifel in eines jeden andern) Augen so widersinnigen Verirrung des Verstandes und Herzens zurückbringen. Er brachte mich endlich zum Stillschweigen, aber ohne mich überzeugt zu haben; und entließ mich auf eine gütige Art, jedoch mit einigem Ausdruck von Mißvergnügen, daß ich mir (wie er sagte) so wenig Mühe gäbe, meiner Vernunft den Sieg über eine unwürdige und abenteuerliche Schwachheit zu verschaffen.

»Von dieser Zeit an verflossen mehrere Wochen, ohne daß es dieser Sache halben wieder zwischen uns zur Sprache kam. Die Gelegenheiten den Gegenstand meiner Leidenschaft zu sehen wurden seltner, und Kalasiris machte dagegen täglich andere entstehen, wodurch er meine Sinne zu zerstreuen und meiner Phantasie eine andere Richtung zu geben hoffte. Bald waren es Aufträge oder kleine Verschickungen, bald Lustfahrten auf dem Nil, bald andere meinem Alter angemessene Vergnügungen. Aber alle diese vermeinten Heilmittel bewirkten gerade das Gegentheil. Wo mein Leib auch immer seyn mochte, mein Seele war bei dem was ich liebte; und ich ertrug den Verdruß, mich oft viele Tage davon getrennt zu 241 sehen, bloß darum mit einiger Gelassenheit, weil eine einzige Viertelstunde, die ich wieder im Anschauen meiner lieben Bildsäule zubrachte, mir alles vergütete, und ein Glück war, das ich mit noch viel größern Leiden willig erkauft haben würde.

»Es schien als ob Kalasiris ein besonderes Augenmerk darauf habe, keine Gelegenheit zu verabsäumen, wo ich die schönsten jungen Personen in Memphis zu sehen bekommen könnte. Das Fest der Isis kam ihm dazu ganz erwünscht. Eine feierliche Procession führte alle jungen Mädchen aus Memphis und der umliegenden Gegend, unverschleiert und in ihrem schönsten Putze, vor meinen Augen vorbei. Ich sah einige, die als außerordentliche Schönheiten gerühmt wurden, wiewohl ich sie unter den übrigen entweder übersehen oder nichts Besonderes an ihnen gefunden hatte. Mein Vater ergriff diese Gelegenheit. Er fragte mich in einem scherzenden Tone, der mir an ihm ungewöhnlich war: ob ich unter dieser Menge von schönen Personen keine gesehen hätte, die mir das Original meiner Bildsäule zu seyn schiene? – Keine (antwortete ich in eben dem Tone), die mir schön genug vorgekommen wäre ihre Aufwärterin zu seyn. – Das thut mir leid, versetzte Kalasiris etwas ernsthafter; denn du hast unter diesen Jungfrauen diejenige gesehen, die ich dir zur Gemahlin bestimmt habe. – Mir, mein Vater? rief ich, bestürzt über einen Antrag, auf den ich gar nicht vorbereitet war. – Sie ist die liebenswürdigste unter allen (fuhr er fort), und wenn meine Augen mich nicht sehr betrügen, auch die schönste; wenigstens gewiß schöner als diese Dame von emaillirtem Thon, an der du einen so sonderbaren Geschmack findest. – Das ist unmöglich, rief ich. – Wenn es auch wäre, sagte Kalasiris, so ist Schönheit nicht das, was die Wahl einer Gattin bei 242 einem verständigen Menschen entscheidet. Aber da du selbst nicht im Stande bist eine vernünftige Wahl zu treffen, fuhr er mit großem Ernste fort, so habe ich für dich gewählt. Ich bin meiner Sinne mächtig, ich weiß was sich für dich und mich schickt, und du kannst keine Einwendung gegen meine Wahl zu machen haben.

»Diese Rede stürzte mich wie ein Blitz zu meines Vaters Füßen. – Wenn du dir vorstellest, daß ich meine Bildsäule über alles liebte, daß meine Leidenschaft, ihrer Ungereimtheit ungeachtet, alle Eigenschaften der wahrsten, zärtlichsten und entschiedensten Liebe hatte, die jemals eines Menschen Brust entflammte: so kannst du auch leicht ermessen, was ich sagte, und that, um das Herz meines Vaters zu rühren, und ihn von dem Vorhaben, das er mir mit einer so auffallenden Härte angekündigt hatte, zurückzubringen. – Er hörte mich lange an, und da er mich zu heftig bewegt sah, um durch Vernunftgründe etwas auszurichten, stand er auf, und ließ mich allein, mit dem Bedeuten, mich zu fassen, damit ich ihm, wenn er wieder käme, mein letztes Wort über diese Sache sagen könnte.

»Kaum hatte er das Cabinet verlassen, so warf ich mich meiner geliebten Bildsäule zu Füßen, und schwor ihr, in einer Begeisterung die ich noch nie in diesem Grade gefühlt hatte, ewige Treue, und wenn auch das Unglück meines Lebens oder ein grausamer Tod die Folge davon seyn sollte. Zum erstenmal überwältigte in diesem Augenblick die Heftigkeit meiner Empfindungen die zärtlich ehrerbietige Zurückhaltung, die mir bisher nie etwas mehr erlaubt hatte, als ihre Füße zu umfassen, oder meinen Mund auf ihre Hand zu drücken. Ich umarmte sie mit der feurigsten Inbrunst, ich drückte mein Herz an ihren unelastischen Busen, ich überdeckte 243 ihr holdseliges Gesicht mit Thränen und Küssen, und mein Wahnsinn ging so weit, daß ich mir auf einen Augenblick einbildete, sie erwarme unter meinen Umarmungen.

»Die Täuschung konnte nicht lange dauern, und es war ein Glück für meinen Kopf daß ich sie so bald gewahr wurde. Aber wie unzufrieden auch mein Herz darüber war, so veränderte es doch nichts an meiner schwärmerischen Liebe, und als Kalasiris zurückkam, fand er mich entschlossener als jemals, ihr alles, wenn es seyn müßte, aufzuopfern. Mit dieser Entschließung in meinem Blick und Tone ging ich ihm entgegen. Mein Vater, sprach ich, ich bin überzeugt, daß etwas Außerordentliches in dieser Bildsäule, und in den Gesinnungen die sie mir einflößt, ist. Sie ist entweder durch Zauberei in diesen Zustand versetzt worden; oder sollte sie ja nichts als eine todte Masse seyn, so lebt ganz gewiß eine Person, die das Urbild dieses bis zur Täuschung der Sinne und der Vernunft vollkommnen Nachbildes ist. In beiden Fällen hängt das Schicksal meines Lebens von dieser Person ab; sie wird bis zum letzten Athemzug der Gegenstand meiner feurigsten Liebe bleiben, und es ist vergebens das Unmögliche von mir zu fordern. Ich kann nur mit meinem Leben aufhören sie zu lieben, und wer das Verlangen sie zu besitzen aus meiner Seele verbannen will, muß mir zuvor dieß Herz aus meinem Busen reißen. Laß mich, mein Vater, deiner Güte das Glück des Lebens, das du mir gabst, zu danken haben! Ich bin gewiß, das Geheimniß dieser wundervollen Bildsäule, die, eben so wie jener ehrwürdige Greis, zu leben und zu athmen scheint, ist kein Geheimniß für dich. Ich kann diesen Zustand der Ungewißheit und des Schmachtens nicht länger ertragen! Du, mein Vater, ich bin es gewiß, kannst ihm ein Ende machen. Sage mir, ich beschwöre dich 244 bei den ehrwürdigen Geistern unsrer Voreltern, was ich thun muß um meiner Liebe zu genießen, oder sage mir daß es unmöglich ist, und gib mir den Tod!

»Ist dieß dein letztes Wort, mein Sohn? sagte mein Vater mit einem furchtbar ruhigen Ernst in seinem Blicke. – Mein letztes, antwortete ich unerschrocken und mit fester Stimme. – So komm morgen mit Anbruch der Sonne wieder hierher, und vernimm was ich dir sagen werde, sprach er mit einem Blick, worin ich mehr Theilnehmung als Strenge zu fühlen glaubte, und winkte mir mich zu entfernen.

»Ich verließ ihn mit Ehrerbietung, aber in einem Gemüthszustande, den ich dir nicht zu schildern versuchen will. Die Erwartung verschlang alle meine Gedanken, und jede Minute, bis die Sonne unter- und bis sie wieder aufgegangen war, schien mich an einer ausdehnenden Folter langsam aufzuschrauben.

»Kaum fing der Himmel an zu dämmern, so fand ich mich schon in dem Vorzimmer meines Vaters ein; aber ich mußte noch eine äonenlange Stunde warten. Ich zählte meine Pulsschläge, indem ich dabei unverwandt nach dem Punkte des Himmels sah, wo die Entscheidung meines Schicksals im Anbruch war. Endlich ging die Sonne auf, die Thür meines Vaters öffnete sich, ich trat hinein, und fand ihn vor dem majestätischen Alten stehend, in einer Stellung, als ob er in einer geheimen Unterredung mit ihm begriffen sey. Weil er mir den Rücken zukehrte und nicht auf mich Acht zu geben schien, so bediente ich mich dessen, um mich meiner geliebten Bildsäule zu nähern. Sie schien mich gütiger als jemals anzublicken, und da ich meine Lippen auf ihre Hand drückte, fühlte ich ganz deutlich einen sanften Gegendruck.

245 »In diesem Augenblicke wandte sich mein Vater gegen mich. Du willst es so, mein Sohn! (sprach er ruhig und in einem Tone der mir Gutes vorzubedeuten schien) wir müssen uns trennen. Eine so wunderbare Liebe wie die deinige muß jede Probe aushalten können, oder sie würde nur Zauberwerk und Täuschung seyn. Hier, Osmandyas, lege diese Kleider an, und verbirg dein Gesicht in dieser Larve! Beide werden dir das Ansehen eines dürftigen Greises geben, dem niemand nachstellen und der im Nothfall überall Mitleiden finden wird. Hier ist dein Wanderstab, und hier ein Beutel, worin so viel Drachmen sind als du Tage deiner Wanderschaft zählen wirst. Geh, mein Sohn, und der Genius deiner Liebe geleite dich! Wandre so lange nordwestwärts, bis du nach Gallien kommst; und wenn du die Gränze von Armorika erreicht haben wirst, so suche darin einen alten Thurm, an welchem nur noch drei Zinnen unbeschädigt sind. Dort wirst du das Ende deiner Wanderschaft und das Ziel deiner Wünsche finden.«

Indem der junge Aegyptier diese Worte sprach, schien der Jüngling vom Thurm auf einmal in ein tiefes Nachdenken zu fallen, und Osmandyas hielt ein. Aber jener bemerkte es in wenig Augenblicken, erheiterte sich plötzlich wieder, und bat ihn seine Erzählung zu vollenden.

»Kalasiris half mich ankleiden, und band mir mit eigner Hand die Larve um, die so künstlich gemacht war und sich so genau an mein Gesicht anschmiegte, daß sie bei jedermann für das meinige gelten konnte, zumal da sich niemand versucht fühlte mir lange und scharf ins Gesicht zu schauen. – Ich sehe Fragen auf deiner Zunge schweben, mein Sohn, sagte Kalasiris, indem er mich so ausrüstete: aber frage mich nichts, und unterwirf dich deinem Schicksal. Verlaß dich 246 nie selbst, so wird dich auch dein Genius nicht verlassen. Mein Herz weissagt mir Gutes. Lebe wohl, Osmandyas, wir werden uns wiedersehen!

»Bei diesen Worten umarmte er mich mit vieler Liebe, küßte mich auf die Stirne, und hieß mich mit diesem Schritte meine Wanderschaft antreten.

»Es sind nun zehn Monden seit ich Memphis verließ. Die Beschwerden meiner langen Pilgrimschaft würden mich vielleicht mehr als einmal zu Boden gedrückt, oder den Gedanken zurückzukehren in mir hervorgebracht haben, wenn ich mit der Hoffnung ausgegangen wäre eine Krone zu finden. Aber was ich suchte, konnte nach der Schätzung meines Herzens um keinen Preis zu theuer erkauft werden. Ich sollte die Belohnung meiner Beharrlichkeit in den Armen meiner geliebten Bildsäule finden! Ich hatte das Wort eines Mannes dafür, dessen Worte mir immer Göttersprüche gewesen waren; und ich hielt mich des glücklichen Erfolges gewiß, wiewohl mir die Mittel dunkel und unbegreiflich waren. Diesen Morgen hatte ich meine letzte Drachme ausgegeben, und der Thurm, den ich suchte, entzog sich noch immer meinen Augen. Unverhofft mußte ich ihn mit Hülfe eines Sturmes finden, und in ihm einen Freund, den ich nicht suchte: aber ach! das Ziel meiner Wünsche –«

Ist dir vielleicht näher als du glaubst, fiel ihm der Jüngling vom Thurm ins Wort. Wenigstens hast du Ursache so zu denken, da die übrigen Umstände mit deines ehrwürdigen Vaters Vorhersagung so genau zugetroffen haben. Wollte der Himmel ich hätte nicht mehr Ursache zur Verzweiflung als du! Du selbst, Osmandyas, in den neu belebten Armen deiner wieder liebenden Bildsäule würdest nicht glücklicher seyn, als ich war, als ich noch wäre und immer hätte seyn 247 können, wenn ich nicht aus eigener Schuld – denn wozu hälf' es mir das Schicksal anzuklagen? – durch den unwiederbringlichen Verlust dessen was ich einzig liebe der elendeste aller Menschen geworden wäre!

Der Jüngling vom Thurm, indem er dieß mit halb erstickter Stimme sagte, sank mit dem Gesichte auf ein Polster, das neben ihm gegen die Mauer angelehnt war, um eine Flut von Thränen zu verbergen, deren eindringende Gewalt er nicht zurückzuhalten vermochte. Osmandyas wurde von dem Schmerz seines jungen Freundes so gerührt, daß er seines eigenen darüber vergaß. Er näherte sich ihm, nahm seine herabhängende Hand, drückte sie mit theilnehmender Wärme, und blieb so eine gute Weile stillschweigend neben ihm stehen.

Der schöne Jüngling blieb nicht lange unempfindlich gegen das Mitgefühl seines neuen Freundes; er schien sich seiner übermäßigen Weichheit zu schämen, und raffte sich zusammen, um etwas mehr Gewalt über seine Leidenschaft zu zeigen. Endlich, als Osmandyas ihn wieder ruhiger sah, sprach er: es ist zuweilen wohlthätig für ein gepreßtes Herz, sich in den Busen eines Freundes erleichtern zu können. Glaubst du, daß dieß Mittel dir gegenwärtig zuträglich seyn könne, so entdecke mir, wenn meine Bitte nicht unbescheiden ist, die Ursache des Kummers, wovon ich dich verzehrt sehe. Vielleicht ist dein Zustand nicht so verzweifelt, als eine von Schmerz und Gram verdüsterte Phantasie ihn darstellt. Vielleicht sieht das ruhigere Auge der Freundschaft einen Ausweg, wo du selbst keinen sehen kannst.

Höre meine Geschichte, antwortete ihm der Jüngling, und urtheile dann ob ich noch etwas hoffen kann. Ich habe sie dir versprochen, ich bin sie deiner Offenherzigkeit schuldig; 248 auch ist es, selbst für den, der das Glück seines Herzens auf ewig verloren hat, noch immer Wonne, mit einem mitfühlenden Wesen von seiner ehemaligen Glückseligkeit zu reden.

Die Natur hat mich mit einem weichen Herzen begabt, und mit einem Hang, lieber in einer Welt von schönen Ideen als in dem Gedränge der gewöhnlichen Menschen, und in dem unreinen Dunstkreis ihrer so widerlich zusammen gährenden Leidenschaften zu leben. Meine Erziehung nährte diesen Hang, wiewohl ich von edler Herkunft bin; denn ich wuchs in einer sehr einsamen Lebensart auf, und so erzeugte sich, unter andern Folgen derselben, als ich die Jahre der Mannbarkeit erreichte, eine seltsame Abneigung gegen die Weiber und Tochter der Menschen, die ich zu sehen Gelegenheit hatte; desto seltsamer, weil schwerlich jemals ein Sterblicher mit einem zärtlichern Gefühl für das Schöne, und mit mehr Empfänglichkeit für die reinste und erhabenste Art zu lieben auf die Welt gekommen ist als ich.

In einer solchen Gemüthsstimmung fielen mir aus einer Sammlung von seltnen Handschriften, welche mein Vater (der das Haupt der Druiden dieses Landes ist) zusammen gebracht hatte, einige in die Hände, woraus ich die Einwohner der reinen Elemente kennen lernte: eine Art von Mittelwesen zwischen Geistern und Menschen, die, sobald ich durch diese Schriften mit ihnen bekannt wurde, einen ganz andern Reiz für mich hatten, als die aus gröberm Thon gebildeten rohen Einwohner von Armorika. Urtheile selbst, ob das, was ich aus diesen Quellen von der hohen Schönheit und Vollkommenheit der elementarischen Nymphen erfuhr, geschickt war, meine Abneigung gegen die Töchter meines Landes zu vermindern; und ob, nachdem ich von der Möglichkeit, zur Gemeinschaft und sogar zu den innigsten 249 Verbindungen mit diesen herrlichen Wesen zu gelangen, versichert war, etwas natürlicher seyn konnte, als die Entschließung, die ich von meinem vierzehnten Jahr an faßte, allem Umgang mit den Töchtern der Menschen zu entsagen, um durch die pünktlichste Beobachtung aller Vorschriften der Weisen mich des hohen Glückes, vielleicht dereinst von einer Sylphide oder Salamandrin geliebt zu werden, fähig und würdig zu machen.

Meine Mutter, eine Frau von großer Schönheit und Tugend, und meine einzige Schwester, ein junges Mädchen, die ein Abdruck ihrer Mutter schien, waren ganz allein von diesem Gelübde ausgenommen: die erste, weil ich mich überredete, daß sie selbst eines dieser höhern Wesen sey; als woran mich ihre großen Vorzüge vor allen Weibern, die ich je gesehen hatte, und die außerordentliche Achtung, die ihr ein so großer Weiser als mein Vater bezeigte, gar nicht zweifeln ließen. Da mir die Erziehung, die ich in einem einsamen Druidenhaus erhielt, das Vergnügen sie zu sehen nur selten und auf kurze Zeit erlaubte, so befestigte sich diese Meinung um so mehr in meinem Gemüthe; und indem ich in dieser in gleichem Grade majestätischen und liebreizenden Frau eine Sylphide sah, erhielten die Ideen, die sich in meiner Phantasie von diesen geistigen Schönheiten bildeten, mehr Bestimmtheit und Leben, und wirkten um so viel stärker auf mein Herz, als sie ohnedieß hätten thun können. Die Kenntnisse, die ich aus der Geschichte von den verderbten Sitten der Weiber in den Hauptstädten der Welt bekam, trugen nicht wenig dazu bei, meine Abneigung vor den Erdetöchtern zu unterhalten. Diese wurde endlich zu einem beinahe körperlichen Ekel; so daß es, als ich siebzehn bis achtzehn Jahre hatte, unmöglich war, mich dahin 250 zu bringen, nur eine Viertelstunde in einer Frauenzimmergesellschaft auszudauern.

Mein Vater schien diese seltsame Wendung meiner Phantasie (wie er es nannte), sobald er sie gewahr wurde, zu mißbilligen, und mit allerlei Gründen zu bestreiten; und meine Schwester erlaubte sich bei allen Gelegenheiten über meine Unempfindlichkeit zu scherzen, und mir mit der Rache ihres Geschlechts zu drohen: aber beides wirkte keine Veränderung in meiner Denkungsart. Von meinem Vater glaubte ich, daß er mich bloß auf die Probe stellen wolle: und meine Schwester wiewohl ich sie zärtlich liebte, vermochte wenig über mich, weil sie durch ihre Verbindungen mit verschiedenen Erdetöchtern alles Recht an mein engeres Vertrauen verwirkt hatte.

Es sind nun ungefähr acht oder neun Wochen, als mich auf einem der einsamen Spaziergänge, die ich zuweilen in diesen Gegenden mache, eine nahe bei mir im Gebüsch auffliegende Taube von ungewöhnlicher Schönheit verleitete, ihr nachzugehen, indem sie so zahm schien, so niedrige und kurze Sätze machte, und sich so oft wieder ganz nahe vor mir niederließ, daß ich hoffte, sie würde sich von mir fangen lassen. Sie schien sich eine Lust daraus zu machen, mich in einem Umfang von zwei- bis dreitausend Schritten im Kreise herum zu führen, bis ich sie endlich, da die Nacht hereinbrach, ganz aus den Augen verlor.

Ich befand mich in einer so wilden Einöde, daß ich, ungeachtet sie nicht sehr weit von dem Schlosse des Druiden, meines Vaters, entfernt seyn konnte, mich nicht erinnerte, jemal so tief in den Wald eingedrungen zu seyn. Es war schon zu dunkel, um mich wieder heraus zu finden, und ich sah mich bloß nach irgend einem Obdach oder einer Höhle um, wo ich die Nacht, die um diese Zeit so kurz war, 251 zubringen könnte, als ich auf einmal dem Eingang dieses nämlichen Thurmes, worin wir uns jetzt befinden, gegenüber stand. Ich glaubte einen hellen Schein in dem mittlern Theile des Thurmes zu sehen; und wiewohl die öde Stille, die in und um denselben herrschte, mir einiges Grauen erweckte, so gewann doch die Neugier die Oberhand. Ich ging hinein; eine über dem Eingang der Treppe hangende Lampe wies mir den Weg; ich stieg hinauf, und kam endlich in dieses Gemach, welches ich von einer Art von Morgenröthe beleuchtet fand, ohne zu sehen, wodurch dieser Glanz hervorgebracht wurde. In der That hatte ich keine Zeit mich darnach umzusehen; denn eine junge Dame, die auf diesem Ruhebette schlummerte, fesselte meinen Blick beim ersten Eintritt. Ein langes feuerfarbnes Gewand von dünner Seide hüllte sie bis zu den Füßen ein. Es war nach Griechischer Weise gefaltet, und mit einem schimmernden Gürtel unter dem Busen zusammengehalten, dessen Schönheit ein purpurfarbner Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, mehr errathen als sehen ließ. –

Eine der vermummten Personen im Vorsaal flüsterte bei diesen Worten der andern zu: nun ist's hohe Zeit unsers Weges zu gehen. – Hiermit stand sie leise auf, schlich sich mit einer kleinen Flasche, die sie unter dem Mantel hervorzog, in den obern Theil des Thurmes, kam aber bald wieder zurück, und stahl sich mit der andern vermummten Person eben so unvermerkt wieder weg als sie gekommen waren.

Ein Grieche (fuhr der Jüngling vom Thurme fort) würde geglaubt haben in das Schlafgemach der Aurora gekommen zu seyn; in mir ließ das, was ich sah und fühlte, keinen andern Gedanken entstehen, als daß ich eine dieser himmlischen Nymphen vor mir sähe, deren bloße Idee seit mehrern 252 Jahren hinlänglich gewesen war jedem Eindruck, welchen irdische Schönheiten auf meine Sinne hätten machen können, das Gegengewicht zu halten. Die unbeschreiblichen Empfindungen, die ihr Anblick mir einflößte, erhöhten diesen Gedanken gar bald zur Gewißheit. Es war ein süßverwirrtes Gemisch von ganz neuen nie gefühlten Regungen, ein blitzschnelles Abwechseln von Glut und Frost, von Grauen und Entzücken, wofür die menschliche Natur keine Bilder und die Sprache keine Worte hat. Es würde also vergebens seyn, lieber Osmandyas, wenn ich versuchen wollte dir zu beschreiben, –

»Und unnöthig dazu, fiel ihm Osmandyas ein; denn was du fühltest, kann nicht außerordentlicher, nicht reiner noch stärker gewesen seyn, als was ich beim ersten Anblick meiner bezaubernden Bildsäule empfand.«

Der Jüngling vom Thurme war im Begriff etwas hierauf zu sagen, als eine plötzliche Besinnung es auf seinen Lippen zurückhielt. – Du hast Recht, fuhr er nach einer kleinen Pause fort; solche Erfahrungen lassen sich weder beschreiben noch vergleichen. Wer sie beschreiben will, setzt seinen Zuhörer in den Fall, entweder gar nichts zu denken, oder das, was er selbst in dieser Art erfahren hat, zum Bild und Maße dessen, was der andere erfuhr, zu machen. Du müßtest nicht nur an meinem Platze, du müßtest ich selbst gewesen seyn, um die unbeschreibliche Leidenschaft zu begreifen, die diese göttliche Schöne, sogar in ihrem Schlummer, und in einer Verhüllung, die den größten Theil ihrer Reizungen verbarg, in mir zu erschaffen fähig war.

Osmandyas, der (mit aller seiner Schwärmerei für eine Bildsäule) mehr Philosoph war als man ihm zutrauen sollte, 253 lächelte dem Jüngling vom Thurme stillen Beifall zu, und dieser fuhr in seiner Erzählung folgendermaßen fort:

Es gibt Gefühle, die so rein und einfach sind und die Seele so ganz erfüllen, daß sie allen Begriff von Zeit ausschließen. Dasjenige, in welches die meinige zerfloß, indem ich, allmählich kühner, mit leisem Tritt und zurückgehaltnem Athem der schlummernden Göttin mich näherte und in wonnevollem Anschauen unbeweglich vor ihr stand, war ohne Zweifel von dieser Art: denn ich kann nicht sagen, ob ich eine oder zwei Stunden oder noch länger in dieser Entzückung verharrte; aber als die himmlische Erscheinung wieder verschwunden war, schien es mir nur ein Augenblick gewesen zu seyn.

Armer Freund! rief Osmandyas: so war es nur ein Traum?

Du irrest weit, mein Lieber, antwortete der andere; aber sie erwachte, richtete sich auf, betrachtete mich einige Augenblicke mit Verwunderung, und, indem sie mit der linken Hand eine Bewegung machte, die zu schnell war als daß ich sie deutlich hätte sehen können, schwand sie aus meinen Augen. Ich stand von der dichtesten Finsterniß umgeben, und würde vor Schrecken zu Boden gesunken seyn, wenn ich nicht, eben da ich die Besinnung zu verlieren anfing, von unsichtbaren Armen aufgehalten worden wäre. Als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich auf eben dem Ruhebette, wo ich die Dame liegen gesehen hatte; der anbrechende Tag warf eine schwache Helle durch das gefärbte Glasfenster; ich sah mich voll Erstaunen um, und erkannte den Ort; aber von ihr war keine Spur mehr übrig, als ihr Bild das ich in meiner Seele fand, und das neue Wesen das sie mir gegeben hatte.

254 Ich verließ den Thurm, und kehrte nach Hause, wo mein Außenbleiben einige Unruhe verursacht hatte. Ich erzählte, wie ich mich verspätet, und endlich von ungefähr einen Thurm im Walde gefunden, wo ich die Nacht wenigstens bequemer als im Walde zugebracht hätte: aber von dem, was mir darin begegnet war, ließ ich mir nichts merken. Niemand wußte etwas von einem solchen Thurme; aber jedermann wollte eine seltsame Veränderung in meinem Gesichte wahrnehmen, und beunruhigte mich mit der Vermuthung, daß mir etwas Außerordentliches zugestoßen seyn müsse.

Ich machte mich los so gut ich konnte, und brachte den Tag in Betrachtungen über mein wundervolles Abenteuer zu. Die Meinung, worin man war, daß ich die vergangene Nacht schlecht geruhet hätte, gab mir einen Vorwand, mich früher als gewöhnlich schlafen zu legen. Ich fand Mittel mich heimlich davon zu machen, eilte dem Walde zu, und suchte, so gut es in der Dämmerung möglich war, den Weg, der mich gestern zum Thurme geführt hatte: aber, da die Dunkelheit immer zunahm, würde mir's schwerlich gelungen seyn ihn zu finden, wenn ich nicht ein paar hundert Schritte vor mir ein Licht wahrgenommen hätte, dem ich zu folgen beschloß. Es bewegte sich immer vor mir her, und brachte mich auf einem viel kürzern Weg so nahe an meinen Thurm, daß ich ihn, wiewohl das Licht verschwand, um so weniger verfehlen konnte, weil der Mond inzwischen aufgegangen war, und durch eine Oeffnung im Gebüsch einen hellen Glanz auf einen Theil der Ruinen warf, woraus der Thurm hervorragte.

Stelle dir vor, wie mir ward, als ich, in einer Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten, auf einem Stück 255 einer umgestürzten Säule die nämliche Dame sitzend fand, die ich in der vorigen Nacht auf dem Ruhebette gesehen hatte. Ihr Anzug war eben derselbe, außer daß ihr zurückgeschlagener Schleier, wiewohl ich noch zu fern war ihre Gesichtszüge deutlich zu erkennen, mir den schönsten Kopf zeigte, den ich jemals gesehen zu haben glaubte. Sie saß auf ihren linken Arm gestützt, und sah nach dem Mond, als ob sie das Bild eines Geliebten darin suche. Der unwiderstehliche Reiz, den ihr diese Stellung gab, würde mich in fliegender Eile zu ihren Füßen hingeworfen haben, wenn nicht zu gleicher Zeit die Majestät ihrer Gestalt, nebst dem Gedanken an das was sie war, mich zurückgeschreckt und in ehrfurchtsvoller Entfernung gehalten hätte.

Sobald sie mich gewahr wurde, hüllte sie sich ein, und stand auf, mir entgegen zu gehen. – Suchest du hier jemand, Klodion? fragte sie mit einer Stimme, die in meiner Seele widerklang. – Wen könnte ich hier suchen als dich selbst? antwortete ich. – Ist dieß Schmeichelei oder Empfindung deines Herzens? erwiederte sie lächelnd. – Ein Blick in meine Seele, versetzte ich, würde dir diese Frage am besten beantworten; denn seit dem gestrigen Abend, der mir die Wonne dich zu sehen verschaffte, hat dein Bild alle Spuren anderer Eindrücke in ihr ausgelöscht. – Das ist viel, sprach sie, für eine Bekanntschaft, die wenigstens von deiner Seite noch so jung und unvollständig ist. Denn, was mich betrifft, so muß ich gestehen, der Zufall war mir günstiger als dir: ich kenne dich schon lange; und wenn du dich mit meinen Augen sehen könntest, so würdest du in dieser Versicherung die Antwort auf die deinige finden.

Ich warf mich zu ihren Füßen, und küßte ihre dargebotne wunderschöne Hand in einem Taumel von Liebe und 256 Entzücken. Was ich ihr in diesem Zustande sagte, weiß ich selbst nicht: aber sie fand für gut, mich baldmöglichst wieder zu mir selbst zu bringen. Sie hieß mich aufstehen, und führte mich, weil die Nacht ungewöhnlich schön und warm war, in die Gegend hinter den Ruinen, die, bei aller ihrer Anmuth und scheinbaren Freiheit der Natur, zu viel Geschmack und Harmonie in den mannichfaltigen Theilen, woraus sie zusammengesetzt war, verrieth, um die verschönernde Hand der Kunst verbergen zu können. Wir irrten durch Lustgänge von wohlriechenden Gebüschen, die uns bald zu großen mit Blumenrändern eingefaßten Rasenplätzen, bald auf einem sanftsteigenden Pfade zu hohen mit Bäumen und Strauchwerk bewachsenen Felsenwänden führten, wo wir uns unvermerkt eingeschlossen fanden, bald in kleine Thäler, wo murmelnde Quellen sich zwischen zerstreuten Bäumen und leichten Gebüschen schlängelten, und zuletzt in einen Canal zusammenflossen, welcher dem Ganzen die Gestalt einer Halbinsel gab, die mit allen ihren abwechselnden Schönheiten, in der magischen Beleuchtung des Mondscheins, bei der heitersten Luft und am Arme der Göttin meines Herzens, so sonderbare Eindrücke auf meine Sinne machte, daß ich mich in eine Gegend des Feenlandes versetzt glaubte: ein Gedanke, der in dieser Lage um so natürlicher war, weil ich mir nicht erklären konnte, wie ein so reizender Ort, der so nahe an dem Schlosse meines Vaters zu liegen schien, mir bis zu dieser Stunde hätte verborgen bleiben können.

Meine schöne Unbekannte unterhielt mich, indessen wir in diesen Zaubergärten bald umherirrten, bald auf eine Moosbank oder unter eine lieblich dämmernde Laube uns setzten, mit tausend angenehmen Dingen, auf eine Art, die mir von der Schönheit ihres Geistes und von dem Umfang ihrer 257 Kenntnisse die größte Meinung gab, und mit einer so einnehmenden Offenheit und Vertraulichkeit, als ob wir uns immer gekannt hätten. Endlich kamen wir mittelst einer über den Canal geworfenen Brücke in den Wald zurück, und auf einmal fand ich mich wieder den Trümmern und dem Thurm gegenüber, wo ich sie angetroffen hatte. Die Morgenröthe war nun im Anbruch. Wir müssen uns trennen, sagte die Unbekannte; aber, wenn dir meine Gesellschaft angenehm gewesen ist, so steht es bei dir, mich so oft du willst um die nämliche Stunde wie heute in diesem Thurme zu finden. Und hiermit führte sie mich von einer andern Seite an den Eingang eines durch den Wald gehauenen Weges, der durch einige Krümmungen mich in weniger als einer Viertelstunde nach meiner Wohnung zurückbrachte. Sie begleitete mich eine Zeit lang, und verschwand so unvermerkt, daß ich einige Schritte fortging, eh' ich gewahr wurde daß sie mich verlassen hatte.

Ich brauche dir nicht zu sagen, lieber Osmandyas, ob ich von der Erlaubniß, die mir meine wundervolle Unbekannte gab, Gebrauch machte. Glücklicherweise schien weder mein Vater noch sonst jemand von unserm Hause auf mein Thun und Lassen Acht zu haben. Ich schützte bald Spaziergänge, bald die Jagd, bald Besuche in der Nachbarschaft vor, um mein nächtliches Außenbleiben zu beschönigen; und man beruhigte sich damit, ohne genauer nachzufragen, oder sich darüber zu wundern, daß ich gewöhnlich die erste Hälfte des Tages verschlief, und alle Nächte abwesend war.

Auf diese Weise brachte ich etliche Wochen lang in dem geheimen Umgang mit meiner Unbekannten wahre Götternächte zu. Ich durfte ihr alles sagen was ich für sie empfand; sie ließ mich hinwieder in ihrer Seele lesen: und wiewohl 258 meine Ehrfurcht und ihre majestätische Sittsamkeit meine Begierden in so engen Schranken hielten, daß eine Vestalin über das was sie mir bewilligte nicht hätte erröthen dürfen; so wußte sie doch den kleinsten Gunstbezeugungen so viel Werth und Bedeutung zu geben, und war so unerschöpflich an Unterhaltung, Witz und guter Laune, daß ich mich für den glücklichsten aller Sterblichen hielt.

Sie entdeckte mir in diesen Stunden der zärtlichen Vertraulichkeit, daß sie von dem ersten Augenblicke, da sie mich gesehen, beschlossen habe, mich zum Meister ihres Herzens und ihrer Person zu machen, wofern sie mich dessen bei näherer Erforschung meines Charakters würdig fände. Sie gestand, daß meine Abneigung von den Erdetöchtern und meine Parteilichkeit für die elementarischen Schönen mir kein kleines Verdienst in ihren Augen gegeben habe: indessen beharrte sie doch darauf, mir aus ihrem Namen und Stande ein Geheimniß zu machen, bis sie genugsame Ursache hätte, von der Aufrichtigkeit und Beständigkeit meiner Liebe eine bessere Meinung zu fassen, als die Liebe der Männer gewöhnlich verdiene.

Da ich sie wirklich über alles liebte, so war es mir leicht, mich zu jeder Probe zu erbieten, auf welche sie meine Treue stellen wollte: aber so groß war meine Ehrerbietung für sie, und meine Furcht durch allzu feurige Begierden die zarte Empfindlichkeit eines Wesens ihrer Gattung zu erschrecken, daß ich es nicht wagte, sie um Abkürzung einer Probezeit, die mir eben so unnöthig als beschwerlich vorkam, zu bitten. Sogar des verhaßten Schleiers, der mir noch immer mehr als die Hälfte ihres Gesichtes verbarg, wurde nur mit großer Behutsamkeit erwähnt. Denn da sie sich über die Proben, auf welche sie meine Zärtlichkeit stellen wollte, nicht deutlich erklärte: 259 wer sagte mir, ob nicht gerade dieß eine Probe war, woraus sie sehen wollte, wie weit ich meine Gefälligkeit gegen ihre kleinen Grillen oder Eigenheiten zu treiben fähig wäre?

Es waren nun ungefähr vier bis fünf Wochen verflossen, seitdem meine Liebe zu der schönen Unbekannten, wiewohl beinahe bloß mit geistiger Speise genährt, täglich zugenommen und endlich die ganze Stärke der feurigsten Leidenschaft gewonnen hatte; als ich sie einsmals, gegen ihre bisherige Gewohnheit, weder unter den Trümmern, noch in irgend einer Laube oder einem kleinen Tempel des Zaubergartens, sondern im Thurm auf dem nämlichen Ruhebette fand, wo ich sie zum erstenmal gesehen hatte. Ein kleiner Regen, der diesen Abend gefallen war, hatte sie (wie sie sagte) befürchten lassen, daß mir die Luft im Freien nachtheilig seyn könnte; und sie schien übrigens hier eben so wenig von meiner Leidenschaft zu besorgen, als an den Orten, wo wir bisher alle Nächte einige Stunden beisammen gewesen waren.

Mein ehrerbietiges Betragen rechtfertigte ihr Vertrauen: indeß wurde doch unsere Unterredung unvermerkt zärtlicher als sie jemals gewesen war. Sie selbst schien es mir mehr als gewöhnlich zu seyn; ihr Ton war die Stimme der Liebe, und das schöne Feuer ihrer Augen blitzte durch den doppelten Schleier, der von ihrer Stirne auf ihren Busen herabhing. Ich sprach mit Entzücken von der Wonne der Liebe und von den Hoffnungen, zu welchen sie mich aufgemuntert hatte; und zum erstenmal wagte ich's, ihr in den zärtlichsten Ausdrücken eine Ungeduld zu zeigen, von welcher sie nicht beleidigt zu werden schien. Nur noch sieben Tage sagte sie – Sieben Jahrhunderte! rief ich, indem ich zu ihren Füßen fiel.

Sie ließ sich endlich erbitten, die sieben Tage auf drei zu vermindern. Schenke, sagte sie mit einem gerührten 260 bittenden Tone, noch diese drei Tage meiner Furcht einen Unbeständigen glücklich zu machen. Du selbst, fuhr sie fort, wende diese Zeit dazu an, dein Herz zu prüfen, ob du einer so reinen, so getreuen, so standhaften Liebe fähig bist, als die Wesen meiner Gattung von ihren Liebhabern fordern. Denke nicht, daß diese Prüfung überflüssig sey, und rechne nicht auf die Zärtlichkeit meines Herzens, wenn du jemals fähig wärest mir ungetreu zu werden. Sie würde mir zwar keine grausame Rache erlauben; aber niemals würdest du mich wieder sehen. Ich athme nur für dich; aber ich verlange dagegen, daß dein Herz mir ganz und allein angehöre. Glaubst du, daß mein Besitz eines solchen Opfers werth sey, und findest du dich fähig in jeder Probe rühmlich zu bestehen, so komm in der dritten Nacht nach dieser wieder hieher, und laß uns die Schwüre einer ewigen Treue gegen einander auswechseln. Aber heute verlaß mich, Klodion!

Verlang' es nicht, angebetete Beherrscherin meines Herzens, rief ich indem ich ihre Knie mit der feurigsten Inbrunst umarmte; laß mich hier zu deinen Füßen –

In diesem Augenblick erstarb die zauberische Morgenröthe, die das Zimmer erfüllt hatte, in pechschwarze Finsterniß, und die schöne Unbekannte war meinen Armen entschlüpft. Vergebens flehte ich ihr wieder sichtbar zu werden, vergebens tappte ich überall nach ihr herum: sie war verschwunden, und ich mußte mich, wie grausam ich auch diese Prüfung fand, mit der Hoffnung beruhigen, daß ich in drei Tagen die reichste und vollkommenste Vergütung für den Schmerz, den sie mir verursachte, erhalten würde.

Die Zwischenzeit zwischen dieser und der dritten Nacht war eine Kluft in meinem Leben. Ich existirte bloß als eine Uhr, welche Stunden, Minuten und Secunden zählte. Unter 261 lauter Zählen kam endlich doch der sehnlich erwartete Abend, und ich eilte früher als gewöhnlich dem Walde zu. Aber, wie es auch zugegangen seyn mag, ich konnte den Weg, den mich die Unbekannte gelehrt hatte, nicht wieder finden, wie hartnäckig ich ihn suchte. Endlich verirrte ich mich in dem Walde, gerieth auf unbekannte Wege, kam wieder zurück um andere zu suchen, und wurde endlich von der Nacht überfallen, ohne den Thurm, das Ziel meiner ungeduldigsten Wünsche, erreicht zu haben.

Zuletzt erblickte ich ein Licht, und ich ging ihm nach, in der festen Hoffnung, daß es mich wieder auf den rechten Weg bringen werde. Nachdem es mich ziemlich lange wie in einem Labyrinth herumgeführt hatte, fand ich mich, so viel ich im Dunkeln erkennen konnte, unter dem Portal eines prächtigen Palasts.

Ein wohlgekleideter Diener mit einer Fackel in der Hand kam heraus, betrachtete mich, und fragte mit Ehrerbietung: edler Herr, ist euer Name Klodion! – Ich war nicht gewohnt meinen Namen zu verläugnen, wie auffallend mir auch die Frage vorkam; aber kaum hatte ich mit Ja geantwortet, so wandte sich der Diener, und flog mit einem Ausruf der lebhaftesten Freude in den Palast zurück.

In wenigen Augenblicken öffneten sich beide Flügel der Pforte; sechs schöne prächtig gekleidete Jungfrauen, denen sechs Sklaven eben so viele Wachsfackeln vortrugen, kamen heraus, hießen mich willkommen, und ergriffen ehrerbietig meine Hände, um mich in den Palast hinein zu führen. Ich bat sie um Entschuldigung, sagte ihnen ich wäre irre gegangen, wäre ganz und gar nicht an dem Orte wo ich erwartet würde, und könnte mich hier keinen Augenblick verweilen. Verzeihet uns, edler Herr, versetzte eine der Jungfrauen. Ihr seyd, zu 262 unser aller Freude, an dem Orte, wo Ihr schon lange mit Schmerzen erwartet werdet!

Dieß ist unmöglich, sagte ich; ihr spottet meiner, und ich habe keine Zeit mich aufhalten zu lassen. Mit diesem wollte ich mich eilends davon machen: aber die Sklaven versperrten mir mit ihren Fackeln den Weg, die Jungfrauen warfen sich vor mir auf die Erde, und die älteste unter ihnen, welche schon gesprochen hatte, beschwor mich bei dem Leben meiner Dame, sie nur einen Augenblick anzuhören. Was wir von Euch bitten, großmüthiger Ritter, sagte sie, ist etwas das Ihr allein vermöget; es wird Euch keine Viertelstunde aufhalten, und es ist, was kein Mann Eures Standes und Ansehens dem Flehen so vieler Unglücklichen versagen kann. Gewähret uns unsre Bitte, und niemand in diesem Palaste soll sich unterstehen, Euch einen Augenblick länger als Ihr wollet aufzuhalten. Die übrigen fünf Jungfrauen vereinigten sich mit der ersten, mich mit thränenden Augen zu beschwören, daß ich mich erbitten lassen möchte; und da ich keine Möglichkeit sah, ihnen ihre Bitte unter solchen Umständen abzuschlagen, und längeres Weigern nur so viel verlorne Zeit mehr gewesen wäre, so folgte ich ihnen, aber so mißmuthig daß ich kaum höflich seyn konnte, in das Innere des Palastes.

Sie führten mich durch eine lange stark erleuchtete Galerie, und durch verschiedene Zimmer, wovon das letzte nur von einer einzigen Lampe schwach erhellt war. Eine große Pforte in der Mitte desselben führte in ein anderes, und zu beiden Seiten der Pforte standen zwei Riesen mit ungeheuern Streitkolben, um den Eingang zu bewachen. Ich blieb stehen und sah die Jungfrau, die meine Führerin war, an; denn ich war unbewaffnet: aber in diesem Augenblicke fuhr ein feuriger Drache, mit einem funkelnden Schwert im Munde, aus der 263 Decke vor mir herab; die Jungfrau bat mich, dieses mir zugedachte Schwert von ihm anzunehmen und meinen Weg zu verfolgen. Ich gehorchte ihr; der Drache verschwand; und so wie ich, das Schwert um meinen Kopf schwingend, mich der Pforte nahte, fielen die Riesen zu Boden.

Ich trat in einen schwarz ausgeschlagnen Saal, in dessen Mitte sich aus einer hohen und von einer Menge Pechpfannen erleuchteten Kuppel ein bleicher Lichtstrom herabstürzte, der die furchtbare Dunkelheit der Wände nur desto auffallender machte. Unter der Kuppel stand auf einer drei Stufen hohen Estrade ein großer mit schwarzem Sammet beschlagener Sarg. Sechs Mohren mit runden Schürzen von Goldstoff um die Hüften, mit feuerfarbnen Federbüschen auf dem Kopfe und mit bloßen Säbeln in der Faust, umringten den Sarg in drohender Stellung: aber kaum blitzte das wundervolle Schwert in meiner Hand in ihre Augen, so sanken sie zu Boden und verschwanden. Zwei von den Jungfrauen, die mich hierher begleitet hatten, stiegen hinauf, und hoben den Deckel des Sarges ab. Diejenige, die bisher das Wort geführt hatte, winkte mir herauf.

Ich stieg hinauf, und erblickte in dem dumpfen Lichte, das aus der Kuppel auf den Sarg herab fiel, eine darin liegende Dame von ausnehmender Schönheit, mit einem Pfeile, der bis zur Hälfte des Schaftes in ihrer linken Brust steckte.

Indem ich mit Entsetzen von diesem Anblick zurückfuhr, sprach die Jungfrau zu mir: Ihr sehet hier den mitleidenswürdigen Gegenstand, dessen Befreiung Euch das Schicksal aufbehalten hat. Diese junge Dame, unsre Gebieterin, hatte das Unglück, einem Genius von großer Macht, wider ihren Willen, die heftigste und hartnäckigste Leidenschaft einzuflößen. 264 Ihr Abscheu vor ihm war so groß als seine Liebe; denn er ist das häßlichste aller Wesen, wie sie das liebenswürdigste ist. Nachdem er sie lange vergebens mit seinen verhaßten Anmaßungen gequält, und nie etwas andres als die entschlossensten Erklärungen ihres unüberwindlichen Widerwillens von ihr hatte erhalten können, verwandelte sich endlich seine Liebe in Wuth. Er brachte sie mit Gewalt in diesen Saal, legte sie in diesen Sarg, und stieß ihr mit eigner Hand diesen Pfeil in die Brust. Seit mehr als einem Jahre kommt er alle Morgen und zieht den Pfeil aus ihrem Busen. Sogleich ist die Wunde geheilt, die Dame kommt wieder zu sich selbst, und er verfolgt sie aufs neue den ganzen Tag mit seiner verabscheuten Leidenschaft. Aber da sie unbeweglich auf ihrer Weigerung beharret, so stößt er ihr alle Abend den Pfeil wieder in die Brust, legt sie in den Sarg, und entfernt sich, indem er, bei den Anstalten die er zu ihrer Verwahrung getroffen hat, sicher ist sie des Morgens wieder zu finden. Denn außer den Riesen und Mohren, die zu ihrer Bewachung bestellt sind, hat er einen Talismann über die Pforte dieses Palastes gesetzt, der ihn unsichtbar macht; und als ob es daran noch nicht genug wäre, versetzt er uns und den ganzen Palast durch die Geister, die ihm unterthan sind, alle Tage an einen andern Ort. Gleichwohl hat er mit allen diesen Vorkehrungen nicht verhindern können, daß es nur von Euch abhängt, dem schrecklichen Schicksal unsrer geliebten Gebieterin ein Ende zu machen. Ein berühmtes Orakel, welches ich deswegen um Rath fragte, gab mir zur Antwort: dieses Abenteuer könne von niemand als von einem jungen Gallischen Ritter, Namens Klodion, zu Stande gebracht werden, der sich zur bestimmten Zeit einfinden und unter dem Schutz einer höhern Macht die Bezauberungen unsers Tyrannen 265 zerstören würde. Nach langem Warten sind wir endlich so glücklich gewesen Euch zu finden, edler Ritter, und es ist kein Zweifel, daß Ihr der Befreier seyd, den uns das Orakel versprochen hat. Der Umstand, daß Euch allein dieser Palast nicht unsichtbar war; das bezauberte Schwert, das Euch auf eine so wunderbare Art zugeschickt wurde; die Gewalt, die es Euch über die Sklaven unsers Feindes gab: alles versichert uns eines glücklichen Ausgangs. Vollendet nun das Werk des Schicksals, wohlthätiger Ritter! Keine Macht in der Welt, außer dem Genius und Euch selbst, vermöchte diesen Pfeil aus der Brust unsrer unglücklichen Gebieterin zu ziehen. Versuchet es! Wenn es Euch gelingt, so hat der verhaßte Tyrann alle seine Gewalt über die schöne Pasidora verloren, und ihre unbegränzte Dankbarkeit wird die Belohnung Eurer Großmuth seyn.

Ich versicherte die Jungfrau, wenn das Verdienst, so ich mir um ihre Gebieterin machen sollte, auch zehnmal größer wäre, so verlangte ich keine andere Belohnung, als daß ich nicht einen Augenblick länger abgehalten würde mich aus diesem Palaste zu entfernen. Die Jungfrau, ohne mir hierauf zu antworten, bat mich, zu bedenken, daß ihre Dame, so lange der bezauberte Pfeil in ihrem Herzen stecke, noch immer in der Gewalt ihres Verfolgers sey, welcher alle Augenblicke kommen könne, sie, wenn ich länger zögerte, meinen Augen zu entrücken und vielleicht an einen Ort zu verbergen, wo es mir unendlich schwerer seyn würde, das mir vom Schicksal aufgetragene Werk zu Stande zu bringen.

Ich näherte mich also der jungen Dame, deren Schönheit mir so blendend vorkam, daß ich mir nicht getraute sie recht zu betrachten. Schaudernd faßte ich den Pfeil, und, indem ich ihn mit einiger Mühe herauszog, verschwand auf einmal der Glanz, der die Mitte des Saales bisher erleuchtet 266 hatte. Ein lauter Donnerschlag erschütterte den ganzen Palast, und ich befand mich einige Augenblicke in einen dichten schweflichten Nebel eingehüllt. Aber, als er sich verlor, wie groß war mein Erstaunen, mich in einem von allen Seiten schimmernden und von einer Menge krystallner Kronleuchter erhellten Saale zu finden, und den Sarg, worin die junge Dame gelegen hatte, in einen prachtvollen Thron verwandelt zu sehen, auf welchem ich sie in der Stellung einer Person erblickte, die nur eben aus einer langen Ohnmacht wieder ins Leben zurückgekommen ist. Ihr Gesicht lag auf dem Busen einer der Jungfrauen, während die andern, um sie her kniend, ihre Freude über die Befreiung ihrer Gebieterin zu bezeigen schienen. Sie stand auf um sich wegzubegeben, und indem sie, an zwei Jungfrauen gelehnt, langsam bei mir vorbei ging, warf sie einen Blick voll zärtlicher Dankbarkeit auf mich, der mir in die Seele drang. Meine Augen folgten ihr unfreiwillig, bis ich sie aus dem Gesichte verlor.

Verwirrt von so unerwarteten und seltsamen Begebenheiten stand ich und fragte mich selbst, warum ich länger hier verweile? als eine der Jungfrauen zurückkam, und mich im Namen ihrer Gebieterin ersuchte, den Palast nicht zu verlassen, bis sie mir für den wichtigen Dienst, den ich ihr erwiesen, gedankt haben würde. Da sie sich in dem Aufzuge, worin sie im Sarge lag, mit Anständigkeit nicht wohl vor Euch sehen lassen kann, fuhr sie fort, so seyd so gütig nur so lange zu verziehen, bis sie sich umgekleidet hat. Es wird nicht lange währen.

Wie peinlich mir auch dieser neue Aufschub war, so hielt ich es doch für unmöglich, ohne Beleidigung aller Gesetze der Höflichkeit mich dessen zu weigern. Ich ließ mich also von der Jungfrau in ein Zimmer führen, wo sie mich ersuchte 267 einen Augenblick auszuruhen, und mich einiger Erfrischungen zu bedienen, womit ich einen Tisch von Ebenholz auf Silberfüßen, der neben einem Lehnstuhl stand, reichlich versehen fand. In der That hatte mich das lange Herumirren im Walde, und der Verdruß über die abenteuerlichen Hindernisse, die mir so sehr zur Unzeit aufstoßen mußten, so abgemattet, daß einige Minuten Ruhe und etwas Erfrischung mir sehr gelegen kamen. Indessen fand ich doch die Zeit, die ich hier mit Warten verlieren mußte, unendlich lang. Die Jungfrau, welche sich entfernt hatte, um mich wieder abzuholen wenn ihre Dame bereit seyn würde meinen Besuch anzunehmen, zögerte, und eine Viertelstunde verging nach der andern ehe sie wieder kam.

Unglücklicher Weise brach indessen der Tag an, und ich sah mit einem unbeschreiblichen Schmerz, daß die Zeit, in welcher ich mich in dem Thurme hätte einfinden sollen, verstrichen war. Ich hätte bei dem Gedanken, von meiner Unbekannten vergebens erwartet worden zu seyn, von Sinnen kommen mögen. Was mußte sie von mir denken? Welches Hinderniß konnte groß genug seyn, mein Außenbleiben zu entschuldigen? Und wie konnt' ich, da sie Ursache hatte sich so unbegreiflich von mir beleidigt zu glauben, jemals Vergebung von ihr zu erhalten hoffen?

In diesen niederschlagenden Betrachtungen fand mich die Jungfrau, da sie mich zu ihrer Gebieterin abholte. Ich folgte ihr mit einer Unruhe und mit einem Ausdruck von Verdruß und Traurigkeit in meinem Gesichte, der ihr aufzufallen schien; aber – kann ich es dir gestehen, Osmandyas, ohne von dir eben so sehr verachtet zu werden wie ich mich selbst verachte? – beim ersten Blicke, den die allzu reizende 268 Pasidora auf mich heftete, verschwand, wie durch Bezauberung, aller Unmuth aus meiner Seele; und, was auch die Folgen des Dienstes seyn möchten, den ich (wiewohl als bloßes Werkzeug einer höhern Macht) einer so liebenswürdigen Person geleistet hatte, so konnte ich mich's unmöglich reuen lassen, ihrer Rettung mein Glück aufgeopfert zu haben. Meine Unbekannte selbst, dachte ich wie ein Thor, würde mein Außenbleiben billigen, wenn sie die Ursache desselben sehen würde.

Ich fand die schöne Pasidora auf einem Kanapee sitzen der die Bequemlichkeiten eines Ruhebettes hatte; wie es sich für eine Person zu schicken schien, auf deren lieblichem Gesichte noch einige Blässe und etwas Schmachtendes, als Spuren dessen was sie so lange gelitten hatte, zurückgeblieben war. Sie bat mich neben ihr Platz zu nehmen, und dankte mir mit einem gefühlvollen Tone für das was ich für sie gethan hatte. Der Klang ihrer Stimme rührte mich sonderbar. Es war nicht die Stimme meiner Unbekannten; aber sie hatte etwas so Aehnliches mit ihr, daß mein Herz um so viel mehr zu ihrem Vortheil eingenommen wurde. Sie sprach wenig; aber ihre schönen Augen sprachen desto mehr. Ihre Blicke waren eben so viele Pfeile der Liebe, die gerade ins Herz trafen, aber zu süße Wunden machten, als daß man daran denken konnte sich ihnen zu entziehen. Jeder Theil ihres schönen Gesichtes war dieser zaubervollen Augen würdig, und alles zusammen machte ein Ganzes aus, das an Feinheit und Harmonie der Züge, an Vollkommenheit der Formen und Reinheit der Farbe, alles unendlich übertraf, was ich je gesehen hatte. Denke dir noch hinzu, was die Seele der Schönheit ist, den Ausdruck der zartesten Empfindlichkeit, und ein gewisses verborgenes Lächeln, das ihren Mund und ihre Wangen umfloß und alle Augenblicke neue Reize entstehen machte, 269 die eben so schnell wieder verschwanden um andern Platz zu machen; und sage, ob es möglich war –

Armer Klodion, fiel ihm der schöne Fremde ins Wort, wo blieb das Bild deiner liebenswürdigen Unbekannten, daß du fähig seyn konntest, ein Gesicht, das nicht das ihrige war, so genau und so unbehutsam anzusehen?

Du wirst mich noch mehr bedauern, vielleicht auch entschuldigen, wenn du alles gehört haben wirst, fuhr der Sohn des Druiden fort. So schwer es war, die Augen von einem so liebreizenden Gesichte zu verwenden, so fehlte es doch nicht an Versuchungen dazu. Die schöne Pasidora hatte auf ihrem weichen Polstersitze eine halbliegende Stellung genommen, welche mit allem möglichen Anstand die Reizungen ihrer ganzen Person in das vortheilhafteste Helldunkel setzte, das der schlaueste Maler zu einem Bilde von großer Wirkung wählen könnte. Ihr Anzug war ein zauberisches Mittelding von Pracht, Geschmack und Simplicität. Ein leichter Schleier von durchsichtiger weißer Seide vertrat die Stelle des Kopfputzes, bloß um den Glanz ihrer Augen zu mildern, und ihrem Gesicht einen Schein von reizender Mattigkeit zu geben. Eine sechsfache Schnur von großen Perlen schmückte ihre rundlichen Arme, als wär' es bloß um die Weiße derselben noch auffallender zu machen. Ihre pechschwarzen Haare, gleichfalls mit Perlenschnuren durchwunden, fielen in langen zierlich krausen Locken, an dem schönsten Halse der jemals einen so schönen Kopf trug, auf ihren Busen herab, der etwas weniger als gewöhnlich ist verhüllt war, vermuthlich um ihrem Retter die Sorge zu benehmen, daß der bezauberte Pfeil eine Narbe zurückgelassen haben möchte. Gesteh' es, liebster Osmandyas, meine Treue gegen die Unbekannte wurde auf eine schwere Probe gesetzt! Es war grausam meinem Herzen und meinen 270 Sinnen zugleich nachzustellen, und es gibt vielleicht keinen Sterblichen, der gegen die vereinigte Macht so vieler Reizungen ausgehalten hätte.

Ich fühlte die Gefahr, und meine Unruhe, welche (wie ich glaube) mehr ängstlich als zärtlich scheinen mußte, konnte der schönen Pasidora nicht verborgen bleiben. Sie fragte mit einem theilnehmenden Tone, was mir fehle? und setzte hinzu, sie würde untröstlich seyn, wenn mir das Verdienst, das ich mir um sie gemacht, vielleicht ein größeres Opfer kosten sollte, als sie mir zu vergüten fähig wäre.

Diese Rede war ein Dolch in mein Herz. Es fehlte wenig, daß ich meine geliebte Unbekannte nicht um ihren Beistand angerufen hätte. Ich erneuerte ihr in meinem Herzen die Schwüre einer ewigen unverbrüchlichen Treue; aber jeder Blick auf die allzu reizende Zaubrerin machte mich wider Willen treulos. Ich fühlte zu gleicher Zeit, daß mich nur die schleunigste Flucht retten könne, und daß nicht einmal der Wunsch zu fliehen in meiner Gewalt war.

Während dieß in meiner Seele vorging, bemühte ich mich der schönen Pasidora eine Antwort zu geben, die ihr den Zustand meines Herzens verbärge ohne ihre Eigenliebe zu beleidigen. Ich sagte ihr etwas, das nur sehr höflich seyn sollte, aber, wie ich besorge, sehr zärtlich war; wenigstens schien sie es dafür genommen zu haben, weil sie sich dadurch berechtigt hielt, unter dem Vorwande der Dankbarkeit mich ihre Zuneigung mit weniger Zurückhaltung als bisher merken zu lassen.

Die Gefahr wurde jetzt mit jedem Augenblicke größer, und es war hohe Zeit, daß ich alle meine Kräfte zusammenraffte. Ich sagte ihr also: es gebe für mich keine Belohnung in der Welt, die mit dem Vergnügen zu vergleichen sey, 271 einer Person von ihrem Werthe vielleicht mit meinem Schaden nützlich gewesen zu seyn. Da ich aber versichert worden wäre, daß sie von ihrem Verfolger nun nichts weiter zu besorgen habe: so bäte ich um die Erlaubniß mich von ihr zu beurlauben, weil eine Sache von der äußersten Wichtigkeit für mich meine Gegenwart an einem Orte erfordere, wo ich schon gestern, als ein unvermutheter Zufall mich vor die Pforte ihres Palastes gebracht, erwartet worden sey.

Diese Bitte, deren sie sich ganz und gar nicht versehen zu haben schien, brachte einen sehr sichtbaren Ausdruck von Verdruß in ihre schönen Gesichtszüge. Sie verbarg mir nicht, wie sehr es ihr auffalle, daß nach der Art, wie sie mir ihre Dankbarkeit beweise, die Entfernung von ihr die einzige Belohnung sey, die ich zu wünschen habe. Ich entschuldigte mich mit der Nothwendigkeit; aber vermuthlich in einem Tone, der sie glauben machte, daß mein Herz, wenigstens zur Hälfte, auf ihrer Seite sey. Denn auf einmal klärte sich ihr Gesicht wieder auf, und sie sagte mir mit der offensten und gelassensten Miene: sie würde sich's nicht verzeihen können, wenn mir der Wunsch sie zu verbinden das geringste Opfer kosten sollte; das was sie mir bereits schuldig sey, gäbe ihr kein Recht noch neue Gefälligkeiten von mir zu erwarten; und wenn ich ihr nur diesen einzigen Tag schenken wollte, so wolle sie sich's gern gefallen lassen (setzte sie lächelnd hinzu), die Nacht derjenigen zu überlassen, welcher die vorige zugedacht gewesen sey.

Mein Unglück wollte, daß ich, bei so großer Ursache mich vor ihr zu fürchten, nicht bedachte, wie viel ich wagte, wenn ich einen ganzen Tag der Macht ihrer Reizungen und der Verführung ihrer übel verhehlten Liebe ausgesetzt bliebe. Kurz, lieber Osmandyas, ich willigte ein; und nachdem sie einen so 272 wichtigen Sieg über mich erhalten hatte, befahl sie einer ihrer Jungfrauen, mich in ein Zimmer zu führen, wo ich einige Stunden der Ruhe pflegen könnte.

Kaum sah ich mich allein, so war mein erster Gedanke, mir die Sicherheit, worin man wegen meines Bleibens war, zu Nutze zu machen, und, ungeachtet meines der schönen Pasidora gegebenen Wortes, heimlich davon zu gehen. Glücklich wenn ich dieser Eingebung meines guten Genius gefolget wäre! Aber der Gedanke eine so liebenswürdige Person, die sich auf mein Wort verließ, zu hintergehen, hatte etwas so Niedriges und Grausames in meinen Augen, daß ich es unmöglich über mich gewinnen konnte ihm Platz zu geben. Je weniger ich mir indessen den Zustand meines Herzens verbergen konnte, desto stärker war mein Vorsatz, mich gegen alle die Eindrücke zu waffnen, die ihre Schönheit und Liebe auf mich machen würden.

Gegen Mittag wurde ich wieder zu der Dame des Palastes gerufen. Ich fand sie in einem herrlichen Saale, der gegen eine Terrasse des Gartens offen stand, mitten unter ihren Jungfrauen, in einem morgenländischen Anzuge, der allen Grazien ihrer anmuthsvollen Formen ein freieres Spiel zu geben schien. Ich konnte mich kaum enthalten, mich zu ihren Füßen zu werfen, und fühlte alle meine muthigen Entschließungen bei ihrem ersten Anblick dahin sterben.

Der peinliche Kampf, der jetzt von neuem in meinem Innern anfing, mußte mir ein zwangvolles und verlegenes Ansehen geben: aber sie schien es so wenig zu bemerken, daß sie vielmehr desto muntrer aussah, und, wiewohl sie selbst über der Tafel wenig sprach, doch ihren Jungfrauen immer Gelegenheit gab, mich mit angenehmen Gesprächen zu unterhalten.

273 Nach der Tafel trug sie mir ein Schachspiel an; und wenn (wie ich nicht zweifeln kann) ihre Absicht war, mich in einem so engen Kreise, allen ihren zauberischen Reizungen gegenüber, vollends um die wenige Vernunft, von der ich noch Meister war, zu bringen, so hätte sie kein schlaueres Mittel, diese Absicht zu erreichen, wählen können. Du kannst dir einbilden, Osmandyas, wie oft ich schachmatt ward, und ob Pasidora große Ursache hatte, auf die Siege, die sie im Spiel über mich erhielt, stolz zu seyn: aber desto sichtbarer funkelte in ihren unwiderstehlichen Augen das Vergnügen des Sieges, den sie über mein Herz davon getragen hatte.

Indessen kam der Abend herbei, und lud uns durch seine Schönheit zu einem Spaziergang in die Gärten ein, die an die Terrasse des Palastes stießen. Sie schienen von sehr weitem Umfang zu seyn, und alles, was die Natur Großes, Schönes und Anmuthiges hat, in der geschmackvollesten Abwechselung in sich zu vereinigen. Da mir unbegreiflich war, wie dieser Palast und diese Gärten, von denen ich nie etwas gehört hatte, in eine mir so bekannte Gegend gekommen seyn könnten: so bestärkte mich dieß um so mehr in dem Gedanken, daß die schöne Pasidora eine Fee, oder eines von den elementarischen Wesen sey, mit denen meine Einbildungskraft vertraut genug war, daß es nichts Befremdendes für mich hatte sie meinen Sinnen dargestellt zu sehen. Unvermerkt verloren sich die Jungfrauen, die uns einige Zeit begleitet hatten; unvermerkt wurden wir beide, Pasidora und ich, immer stiller; unvermerkt wirkte die schöne Natur, die laue von Blumendüften durchwürzte Luft, das Säuseln der Blätter, das Singen der Vögel, das Rieseln der Quellen, und, was über das alles ist, die wunderbare Magie der Schlaglichter und des lieblichen Wettstreites zwischen Licht und Schatten, 274 um die Zeit, wenn die Sonne sich zum Untertauchen neigt; unvermerkt fühlten wir uns, ohne es zu sagen, in einen Einklang von zärtlichen Rührungen gestimmt; unvermerkt drückte ich Pasidorens willige Hand an mein höher schlagendes Herz; unvermerkt hatte ich aus ihren in Liebe zerfließenden Augen ein zauberisches Vergessen alles Vergangenen und Zukünftigen eingesogen, und unvermerkt befanden wir uns in einem kleinen Marmortempel, mitten in einem dichten Gebüsche von Myrten, eingeschlossen.

Ich sehe du zitterst für mich, Osmandyas, – und ich erröthe fortzufahren. – Die liebenswürdige Verrätherin sank auf einen Polstersitz, und ich zu ihren Füßen, ihre Hand in sprachlosem Entzücken mit Küssen überdeckend; als auf einmal der ganze Tempel in Flammen stand, ein heftiger Donnerschlag mich zu Boden warf, Pasidora aus meinen Armen verschwand, und meine Unbekannte mir mit zürnender Stimme zurief: Treuloser, du hast mich auf ewig verloren!

Verschone mich, Freund, mit der weitern Erzählung; ich habe keinen Athem mehr für das was ich dir erzählen müßte, und keine Kräfte, die Qualen dieser schrecklichen Nacht noch einmal auszuhalten. Seit dieser Zeit bin ich der elendeste unter den Menschen, wie ich ohne diese unselige Probe der glücklichste gewesen wäre. Denn nun seh' ich es und bin ganz überzeugt, daß es meine geliebte Salamandrin selbst war, die sich mir unter dem Namen Pasidora unverschleiert zeigte, und durch alle die Reizungen, wovon ich während unsres nächtlichen Umgangs im Thurme nur einige einzelne Strahlen erblickt hatte, mit allen diesen Schauspielen und Kunstgriffen, die sie zu meiner Verblendung anwandte, mich zur Untreue an ihr selbst verleitete. Die Grausame! wie konnte sie zweifeln, daß mein Herz einer solchen Probe unterliegen würde? 275 Oder wie kann sie es von dem ihrigen erhalten, mich so unerbittlich dafür zu bestrafen, daß ich, unter einem andern Namen und unter dem Zauber, den sie auf meine Augen geworfen hatte, doch nur sie selbst liebte?

Auch bin ich gewiß, sagte Osmandyas, sie wird, sie kann nicht unerbittlich bleiben. Daß sie dich liebt, ist zu offenbar –

Du kennst, wie es scheint, das Zartgefühl der Wesen ihrer Gattung nicht, unterbrach ihn der unglückliche Liebhaber der schönen Salamandrin: sie verzeihen auch nicht den Gedanken, nicht den Schatten einer Untreue. Sie wird mir nie vergeben! sagte er, mit thränenden Augen die Hände ringend. Es sind nun mehrere Wochen seit dieser unglücklichen Katastrophe, daß ich alle Nächte in diesem Thurme zubringe. Sie hat meinen Schmerz, meine Reue, meine Verzweiflung sehen können und ist ungerührt geblieben! Was hab' ich nicht versucht sie zu bewegen! wie hab' ich ihr gefleht! – Denn wiewohl sie mir immer unsichtbar blieb, so bin ich doch gewiß daß sie mich gehört hat. Aber ich habe sie auf ewig verloren! – Dieß waren die schrecklichen Worte worin sie mir mein Urtheil ankündigte, und es ist nur zu gewiß daß es unwiderruflich ist. Da ich aller Hoffnung entsagt habe jemals wieder glücklich zu werden, so war ich entschlossen mein Leben in diesem Thurme zu enden, den ich seit drei Tagen nicht mehr verlassen habe. Meine Liebe, die mich tödten sollte, und das Wenige, was ich von der Speise zu mir nehme, die ich täglich, ohne zu wissen wie, in diesem verborgenen Schranke finde, hat mir bisher ein verhaßtes Leben gefristet. Aber, ich gesteh' es, seit mir die Götter auf eine so unverhoffte Art den Sohn des Kalasiris zugeschickt haben, ist ein schwacher Strahl von Hoffnung in meine Seele gefallen; und vielleicht 276 ist es ein Zeichen, daß meine angebetete Salamandrin meinen Tod nicht will, weil sie noch gütig genug ist für die Erhaltung meines Lebens zu sorgen. Denn es nur zu desto längerer Qual mir zu fristen, wie ich in meiner düstern Verzweiflung wähnte – einer solchen Grausamkeit kann ein Herz wie das ihrige nicht fähig seyn.

Wer sie auch seyn mag, sagte der Sohn des weisen Kalasiris, so ist es unmöglich, daß sie so sehr ihre eigene Feindin sey, um einen Fehler nicht zu verzeihen, den du mit so ernstlicher Reue gebüßt hast, und der, wenn man's genau besieht, für ihre Eigenliebe mehr schmeichelhaft als beleidigend ist. – Aber erlaube mir, da du mich selbst wieder daran erinnert hast, dich zu fragen, woher du meinen Vater zu kennen scheinest? Warst du jemals in Aegypten?

Eh' ich dir antworte, erwiederte der Jüngling vom Thurme, laß dich bitten, mit dem Wenigen fürlieb zu nehmen, was ich dir vorsetzen kann. Wir bedürfen beide einiger Erfrischung. Hiermit öffnete er den geheimen Schrank, und zog noch etwas kalte Küche und Früchte und eine Flasche Wein hervor, die er vorher nicht darin wahrgenommen hatte. Meine unsichtbaren Verpfleger, sagte er, indem er seinen Vorrath auf dem Fußteppich auslegte, haben, wie es scheint, auf meinen Gast gerechnet. – Eine gute Vorbedeutung für uns beide, versetzte Osmandyas, indem er der Bewirthung seines neuen Freundes Ehre machte.

Der weise Mann hatte wohl Recht, der den betrübten Seelen Wein zu geben befahl. Das Mittel schlug bei den beiden Jünglingen so wohl an, daß sie unvermerkt ihres Kummers zu vergessen und gutes Muths zu werden anfingen.

Es kommt mir auf einmal ein wunderlicher Gedanke, fing jetzt der Sohn des Druiden an. Was sagtest du dazu, 277 wenn deine Bildsäule von meiner Bekanntschaft und sogar meine nächste Verwandte wäre? – Der Aegyptier starrte ihn mit großen Augen an. – Wenigstens, fuhr jener fort, wär' es keine Unmöglichkeit, wie du hören wirst, wenn ich dir erzähle, wie ich dazu gekommen bin deinen Vater zu kennen.

Es sind nun über drei Jahre, seitdem uns meine vortreffliche Mutter durch den Tod entrissen wurde. Mein Vater, wiewohl er für den weisesten aller Druiden anerkannt wird, fand in dem ganzen Schatze der Geheimnisse, welche ihm die Natur entdeckt hatte, keines, das ihm diesen Verlust erträglich machte. Er sah sich gezwungen seine Zuflucht zu dem gemeinsten Mittel in solchen Fällen zu nehmen, und befahl mir und meiner Schwester Klotilde, welche damals ungefähr funfzehn Jahre alt war, uns zu einer großen Reise anzuschicken. Ich will nach Aegypten reisen und in den Armen meines Freundes Kalasiris Trost suchen, sagte er. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß sie einander in ihrer Jugend kennen gelernt und seit mehr als dreißig Jahren, der großen Entfernung ungeachtet, die engeste und vertrauteste Freundschaft unterhalten hätten.

Nachdem wir die berühmtesten Städte und Inseln der Griechen besucht hatten, langten wir zu Memphis an, und wurden von dem ehrwürdigen Kalasiris mit unbeschreiblicher Freude empfangen. Die beiden Alten schienen durch das Vergnügen, einander nach so langer Zeit wieder zu sehen, verjüngt zu werden, und fanden in ihrem wechselseitigen Umgang so große Unterhaltung, daß mein Vater sich leicht überreden ließ ein ganzes Jahr zu Memphis zuzubringen. Du hieltest dich damals in Griechenland auf, und ich selbst, nachdem ich mich etliche Tage in dem Hause deines Vaters erholt hatte, schloß mich in den großen Tempel der Isis ein, 278 um in euern Mysterien iniziirt zu werden. Ich brachte den größten Theil des Jahres damit zu: und, weil ich begierig war, auch die Merkwürdigkeiten von Oberägypten zu besehen, und sodann noch eine Reise zu den Aethiopischen Gymnosophisten thun wollte, so erhielt ich die Erlaubniß noch zwei Jahre dazu anzuwenden, und mein Vater kehrte ohne mich nach Armorika zurück. Deine Schwester Thermutis hielt sich zur Zeit unsrer Ankunft bei einer Schwester ihrer Mutter auf; ich war nicht mehr in euerm Hause als sie zurück kam, und ich habe sie nie gesehen. Mein Abscheu vor dem Geschlechte, zu dem sie gehörte, war damals schon so groß, daß mein Vater, als er mir von seinem Vorhaben sprach mich mit der Tochter eines seiner Freunde zu vermählen, kein andres Mittel mich wieder zu beruhigen fand, als ein feierliches Versprechen, mich mit Anträgen dieser Art auf immer zu verschonen. Die Furcht, daß Thermutis diejenige sey die er mir zugedacht, war ein neuer Beweggrund für mich, allen Gelegenheiten, wo ich sie hätte sehen können, sorgfältig auszuweichen. Aber zwischen ihr und Klotilden entspann sich eine Freundschaft, die so weit ging, daß man sie die Unzertrennlichen zu nennen pflegte: und wie es endlich zum Scheiden kommen sollte, fand sich's, daß Klotilde entweder zu Memphis bleiben, oder Thermutis mit ihrer Freundin nach Armorika ziehen müßte, wenn ihre Väter nicht beide Töchter auf einmal verlieren wollten. Der meinige hatte inzwischen eine so große Zärtlichkeit für deine Schwester gefaßt, daß Kalasiris sich gern überreden ließ ihm seine Rechte an sie abzutreten: hingegen bat er sich dafür die Bilder seines Freundes und Klotildens aus, damit er wenigstens etwas hätte, das ihm die Trennung von ihnen versüßte. Der Druide, mein Vater, besitzt unter andern wunderbaren Kenntnissen auch das 279 Geheimniß, den feinen Thon, woraus das Aegyptische Porcellan gemacht wird, so zuzubereiten, daß die daraus verfertigten Bilder im Feuer einen Schmelz erhalten, der ihnen eine bis zur Täuschung gehende Aehnlichkeit mit dem wirklichen Leben gibt. Ein Griechischer Künstler, der mit ihm nach Memphis gekommen war, verfertigte die Bilder, mein Vater vollendete das Werk mittelst seines erwähnten Geheimnisses, und so entstanden –

Hier bewog eine sehr unerwartete Wahrnehmung den Sohn des Druden auf einmal einzuhalten; und dieß war nichts Geringeres, als daß sein junger Freund über einer Erzählung, die so viel Interesse für ihn hätte haben sollen, – eingeschlafen war. Dieser Zufall kam ihm, ungeachtet er die kleine Flasche leer sah, unbegreiflich vor: allein, indem er noch im Nachdenken darüber begriffen war, sank er selbst, von einem unwiderstehlichen Schlummer überwältigt, auf ein hinter ihm liegendes Polster zurück.

Wir können nicht sagen, wie lange die beiden Jünglinge in diesem magischen Schlafe verharreten. Genug, sie erwachten ungefähr zu gleicher Zeit, und man stelle sich ihr Erstaunen vor, als sie die Augen aufschlugen, und Osmandyas seine geliebte Bildsäule, und Klodion seine angebetete Salamandrin vor sich sah.

Beide glaubten in diesem Augenblick aus einem schönen Traume zu erwachen, und schlossen eilends die Augen wieder, um weiter fortzuträumen: aber, da sie fanden daß sie nun nichts mehr sahen, so öffneten sie die Augen wieder, und sahen mit Entzücken die nämliche Erscheinung vor ihrer Stirne stehen. Osmandyas erblickte seine Bildsäule mit ihrem Täubchen auf dem Schooße auf eben demselben Ruhebettchen sitzend, und eben so lebenathmend und liebeblickend wie er sie so oft in 280 dem Cabinette seines Vaters gesehen hatte. Klodion sah seine Unbekannte in ihrem feuerfarbnen Gewande, mit dem schimmernden Gürtel um den Leib und dem purpurnen Schleier über ihrem Gesichte, wie er sie mehrmals in diesem Thurme gesehen hatte. Beide wußten nicht was sie denken und ob sie ihren Augen trauen sollten: aber beide sprangen in eben demselben Nu von ihren Polstern auf, um in sprachloser Entzückung sich ihren Geliebten zu Füßen zu werfen; als eine verborgene Thür aufging, und die majestätischen Alten, Taranes und Kalasiris, Hand in Hand zwischen sie tretend, durch eine so unvermuthete Erscheinung ihr Erstaunen auf die höchste Spitze trieben. Taranes ergriff lächelnd die Hand des jungen Aegyptiers, und sagte, indem er ihn zu der Bildsäule führte: belebe sie wenn du kannst, und sey glücklich! Zu gleicher Zeit führte Kalasiris den Sohn des Druiden zu der vermeinten Salamandrin, und sagte, indem er ihren Schleier wegzog: verzeihet einander – euer Glück; denn es würde nicht so vollkommen seyn, wenn es euch weniger gekostet hätte.

Die Augenblicke, die nun folgten, sind von denen, die sich weder malen noch beschreiben lassen. Osmandyas, in die Arme seiner geliebten Bildsäule sinkend, fühlte mit sprachloser Wonne ihr Herz zum erstenmale dem seinen entgegenschlagen; Klodion, zu den Füßen der liebenswürdigen Thermutis, hatte alles das Feuer der Liebe, das ihn aus den Augen der zauberischen Pasidora überströmte, vonnöthen, um von der Wonne, in beiden seine geliebte und wieder versöhnte Salamandrin zu finden, nicht entseelt zu werden. Nie hatte die Liebe vier Sterbliche so glücklich gemacht; und nie hatten zwei Väter das Vergnügen, in der Wonnetrunkenheit ihrer Kinder ihre eigenen Entwürfe vollzogen zu sehen, in solchem Grade genossen.

281 Der Thurm mit den drei Zinnen war zu enge für so viele Glückliche. Sie eilten in die Gärten herab, die hinter den Ruinen in einem sanften Abhang sich bis in die Ebne herabzogen, und Klodion erkannte nun auf einmal in dem nächtlichen Elysium der Salamandrin die Zaubergärten, in welche ihn die Fee Pasidora bei Tage geführt hatte. Auch zeigte ihm die schöne Thermutis, daß es nur auf die Salamandrin angekommen wäre, ihn durch einen kleinen Schlangenweg bis zu Pasidorens Palast zu führen, der ihm bei ihren nächtlichen Spaziergängen von einigen Gebüschen und einem kleinen Pappelwäldchen versteckt worden war.

Unvermerkt befanden sich die beiden ehrwürdigen Alten mit ihren glücklichen Kindern in dem kleinen Tempel, den die Verwandlung der Fee Pasidora in die eifersüchtige Salamandrin dem schönen Klodion unvergeßlich gemacht hatte. Sie ließen sich auf die rings herumlaufenden Polstersitze nieder, und der Oberdruide Taranes, da er in den Augen der beiden Jünglinge das Verlangen las, das, was in ihrem schönen Abenteuer noch räthselhaft war, sich erklären zu können, befriedigte ihre Neugier folgendermaßen:

»Die Freundschaft, welche mich mit dem ehrwürdigen Kalasiris verbindet, war von ihrem ersten Anfang an so beschaffen, daß es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, in der ganzen Welt den dritten Mann dazu zu finden. Aber sobald wir uns beide, jeder mit einem Sohne und einer Tochter gesegnet sahen, deren erste Jugend die schönsten Hoffnungen von dem was sie einst seyn würden fassen ließ, beschlossen wir, wo möglich nur eine einzige glückliche Familie aus ihnen zu machen. Wir fragten bei eurer Geburt nicht die Sterne um Rath: aber wir kamen überein, daß euer Glück eben so sehr das Werk euers eigenen Herzens und unsrer Vorsicht, als das Werk des 282 Schicksals seyn sollte, und machten uns ein Geschäft daraus, auf alle Winke und Spuren Acht zu geben, die uns den Weg zeigen würden, wo das, was der Himmel über euch beschlossen hätte, mit euern Wünschen und den unsrigen in Einem Punkte zusammenträfe.

»Bei dem Besuche, den ich vor mehr als drei Jahren meinem Freunde Kalasiris gab, erneuerte sich das Verlangen, unser lange verabredetes Familienbündniß zu Stande zu bringen, mit verdoppelter Wärme. Aber der Sohn des Kalasiris war abwesend; und meinem Sohne Klodion, der von seiner ersten Jugend an ein so seltsames aber hartnäckiges Vorurtheil gegen die Erdentöchter gefaßt hatte, würde es gefährlich gewesen seyn, die liebenswürdige Thermutis, die ihm, wenn er sie für ein Wesen von höherer Ordnung hielte, vielleicht unendliche Liebe eingeflößt haben würde, als die Tochter des Kalasiris sehen zu lassen. Osmandyas sollte in dem Laufe seiner Reisen und Studien nicht unterbrochen, Klodion in seiner grillenhaften aber Nachsicht verdienenden Laune nicht voreilig gestört, und der sanft aufkeimenden Neigung unsrer Töchter sollte Zeit gelassen werden, sich zu entwickeln und zur Reife zu kommen. Denn Thermutis hatte meinen Sohn mehr als Einmal gesehen, ohne von ihm gesehen werden zu können; und Klotilde hatte nichts als die Versicherung einer großen Aehnlichkeit zwischen Osmandyas und seiner Schwester vonnöthen, um ganz zu seinem Vortheil eingenommen zu seyn.

»Wie gewiß wir uns aber auch zum voraus hielten, daß alles am Ende nach unsern Wünschen ausgehen würde, so fanden wir doch für nöthig, eine wechselseitige Zuneigung, die das Glück oder Unglück des ganzen Lebens unsrer Kinder entscheiden sollte, auf die stärksten Proben zu setzen: und so 283 veranstalteten wir das doppelte Abenteuer, dessen Ausgang unsere Entwürfe so schön gerechtfertigt hat. Osmandyas lernte Klotilden nicht anders als in Gestalt einer Bildsäule kennen, und Klodion glaubte in Thermutis eine Salamandrin zu lieben. Die zwei Jahre, mein Sohn, die du noch mit deinen Reisen zubrachtest, nachdem ich mit Thermutis und Klotilden schon wieder in Armorika angelangt war, gaben uns hinlängliche Zeit, die zu unserm Vorhaben benöthigten Anstalten zu treffen. Der wildeste Theil des an meine Wohnung angränzenden Waldes wurde in die Gärten der vermeinten Salamandrin umgeschaffen; und der neu erbaute Pavillon, welcher den beiden Schwestern während deiner Zurückkunft zur gemeinschaftlichen Wohnung diente, wurde an einen solchen Ort gestellt und auf eine so geschickte Weise verborgen, daß Thermutis ihre zweifache Rolle sehr bequem spielen konnte, und der Gedanke, daß es mit deinen Abenteuern in einer dir, wie du glaubtest, so wohl bekannten Gegend nicht natürlich zugehe, um so nothwendiger in dir entstehen mußte, weil alle unsere Hausgenossen in Pflicht genommen waren, dir aus dem was in deiner Abwesenheit vorgegangen, und aus allem was dir das Wundervolle der Sache hätte enträthseln können, ein Geheimniß zu machen.«

Und daß es, fuhr Thermutis lächelnd fort, mit den Wunderdingen im Palast der Fee Pasidora sehr natürlich zugegangen, wird dir der Augenschein zeigen, wenn du diesen Zauberpalast, mit allen seinen Jungfrauen, Mohren und Drachen, und allem übrigen Zubehör, als ein Geschenk von mir annehmen willst, das der Hand und dem Herzen der Eigenthümerin folget. –

Und das ich mit Vergnügen bestätige, fiel der ehrwürdige Kalasiris ein. Was dich anbetrifft, mein Sohn Osmandyas, 284 fuhr er fort, indem er sich an Klotildens Liebhaber wendete, so wird auch dir alles begreiflich werden, wenn ich dir –

Das Geheimniß der beiden Bildsäulen hab' ich ihm bereits aufgeschlossen, sagte Klodion: aber eh' ich noch damit fertig war, sah ich ihn eingeschlummert, vermuthlich durch eine geheime Kraft des Weins in der kleinen Flasche –

Die wir selbst heimlich in den Schrank hineinprakticirten, sagten die beiden Schönen, als uns die Ungeduld, zu erfahren, ob Osmandyas, den wir mit Schmerzen erwarteten, glücklich angelangt sey, auf den Einfall brachte, in reisende Mannspersonen verkleidet nach dem Thurme zu reiten, wo wir, ohne daß ihr uns gewahr wurdet, einem Theil eures Gespräches zuhörten.

Die Täuschung des Wunderbaren hat etwas so Anziehendes und Zauberisches für die meisten Menschen, daß man oft schlechten Dank bei ihnen verdient, wenn man sie hinter die Coulissen führt, und die vermeinten Wunder einer künstlichen Täuschung vor ihren Augen in ihre wahre Gestalt herabwürdiget. Aber hier war das Wahre selbst so schön und außerordentlich, daß es aller Vortheile, die es von der Illusion gezogen hatte, leicht entbehrte. Der Sohn des Kalasiris fand unendlichemal mehr in der liebenswürdigen Tochter des Druiden, als ihm seine so schwärmerisch geliebte Bildsäule versprochen hatte; und Klodion, dem seine aufs höchste gespannte Einbildungskraft nichts Vollkommneres als die göttliche Thermutis vorzustellen vermochte, hielt sich nun versichert, daß eine Erdentochter ihrer Art das Urbild zu den Sylphiden und Salamandrinnen gewesen seyn müsse, womit eine phantastische Geisterlehre die reinern Elemente bevölkert hat.

 


 








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