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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 89
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Letztes Kapitel.

Auf Island erhuben sich seit dieser Zeit böse Fehden zwischen den Stämmen Oenundurs und Illugi des Schwarzen. Thaten des dumpfen Grimmes stiegen auf; im rasenden Wahnwitz müheten sich die Geschlechter, Gräuel zu tilgen durch noch erhöhtere Gräuel.

Wir wenden uns davon weg, und suchen Schön-Helga, das trauernde Schwanenbild auf, die in ihres Vaters Thorstein Halle ein stilles, wehmuthdurchhauchtes Leben führte, den Gestalten ähnlich sehend, die kunstbegabte Meister uns in Stein von tiefumhüllten Frauen an Grabmählern bisweilen vor die Seele führen.

So sahe sie einst ein Mann, Thorkill geheißen und zu Hraundal ansässig, welchen Reisefahrt und Unwetter an Thorsteins gastlichen Herd geleitet hatten.

204 Er sahe sie, und sein edles Herz ergab sich der schönen Trauernden, welcher er noch erneuerte Frühlingszeiten über ihre jugendlichen Tage heraufzuführen hoffte.

Bey Thorstein und Jofridur um die Tochter werbend, erhielt er ein freudiges Ja. Doch reihete sich die Sorge daran, ob Schön-Helga aus ihren Witwenschleyern hervor wieder in das Leben werde treten wollen.

Die Aeltern bathen sie sehr darum. Sie erwiederte Tage lang gar nichts.

Endlich geschah es eines Abends, daß Thorstein, von der Jagd heimkehrend, als er den Hochsitz zu Jofridur und Helga hinaufsteigen wollte, ermattet an eine Stufe stieß und niedersank, wobey ihm der Waidmannshut vom Haupte fiel, während seine dichten, nun schneeweiß gewordnen Locken weit über Stirn und Antlitz herniederrollten.

»Der schöne Thorstein!« sagte Helga schmerzlich, und seufzte tief. »Ach wer hat ihm sein prangendes Haupthaar so frühe gebleicht? Die Leute werden sprechen, seine schlimme Tochter Helga habe das gethan. Und sie haben auch gar nicht Unrecht daran. Dennoch, o Vater« – und sie faßte zärtlich des nun wieder 205 emporgerichteten und sich neben sie setzenden Thorstein Hand – »dennoch ist Deine arme Helga nur eben unglücklich, nicht aber schlimm! Nicht wahr?«

Thorstein erwiederte:

»Soll etwa die Tochter ein gutes Kind heißen, die den Vater und die Mutter tagelang bitten und werben hört, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwiedern?«

Da fuhr Schön-Helga erschreckt zusammen, und sprach:

»Ihr habt Recht. Euer Spruch hat mich erweckt, wie ein Donnerschlag einen Ohnmächtigen. Dergleichen ist kein fröhliches Erwachen; aber in's Leben reißt es uns dennoch zurück. Wollt Ihr denn so gern, daß ich den Thorkill heirathen soll?« »Und Du, o Thorkill,« fuhr sie fort, zu dem eben jetzt auch in die Halle tretenden Brautwerber sich wendend, »möchtest Du mein bräutliches Ja empfangen, wenn ich Dir dabey gestehen müßte, das Liebste an Dir seye mir Dein Nahme? Thorkill auch hieß jener wackre Schützling und Anverwandter, welcher dem edlen Gunlaugur treu durch das stürmige Leben gefolgt ist, und treu ihm vorangegangen in den blutigen Tod!« Sie weinte still, ohne dasmahl ihre Thränen unter den Schleyern bergen zu wollen.

206 Thorkill sahe eine Zeitlang ernst vor sich nieder; dann gen Himmel. Dann sagte er:

»Sey es, wie Du es gesprochen hast, Du schönes, bleiches, weinendes Bild. Ein Thorkill will ich Dir seyn und bleiben; ein treulicher Genoß in allen Stürmen und Wechselfahrten des Lebens, wie Jener dem Gunlaugur es war. Aber nicht als Dein Schützling ich, sondern als mein holder Schützling Du, und wär es auch nur, damit Du desto sanfter und ungestörter weinen könntest.«

Darauf haben sie einander die Hände zur Verlobung gereicht, und Thorstein und Jofridur haben sie eingesegnet.

Bald nachher ward die Hochzeitfeyer still und edel begangen, und Thorkill führte seine Gattinn heim.

Still und edel auch lebten sie mitsammen, und auch liebevoll. Denn Thorkill störte die sanfte Trauer Schön-Helga's nie.

Auch dawider nicht wandte er das Mindeste ein, daß sie jenes ihr vom Gunlaugur geschenkte Purpurkleid oft vor sich auslegen ließ, und dann wohl mit dem leuchtenden Gewande sprach, gleich als mit einem lebenden Menschen.

207 »Es ist nun nichts unbegreiflicher damit,« sagte Thorkill einstmahlen, »als daß, wie die Lieder begeisterter Skalden es verkünden, der edle Gunlaugur sich vordem sehr freute, da er das Königs-Kleid des alten Seidenbart, vor sich am Tauwerk seines Fahrzeuges schweben sah.«

»Ganz Recht, mein edler Gatte und Schutzherr!« sagte Schön-Helga, und sah ihn mit Einem jener Blicke an, welche nur Seelen, die gemeinschaftlich auf das Ewige gerichtet sind, verstehen.

Eines stillen Abends hatte sie abermahl das Purpur-Gewand vor sich ausbreiten lassen.

Da lächelte sie unter Thränen sehr lieblich, legte ihr müdes Haupt wie zum Schlummer in Thorkill's Schooß zurück, und starb.

Im ersten christlichen Dom auf Island, welcher just damahls fertig erbauet stand, ward sie begraben.

Thorkill erklärte sich seitdem zu des Gotteshauses Schirmvogt, und wohnte fort und fort ganz nahe dabey.

Ueber Schön-Helga's Grab hat et mit Runen-Schrift Worte eingegraben, die etwa zu 208 Deutsch in unsern Tagen folgendergestalt heissen möchten:

»Du lieblich Bild der Erdenfreude,
Stets nahe blieb das Leiden dir.
Nun strahl'st du hold im Palmgestäude,
Vom Leiden fern, denn das blieb hier.
Heil dir, du stillgewordne Freude!
Dein Palmengruß winkt einst auch mir.« 209

 


 

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