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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 88
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreyßigstes Kapitel.

Als Illugi der Schwarze eines Nachts auf seinem Lager zu Gilsbacka schlafend lag, träumte es ihm, die Thüre seiner Kammer gehe sehr langsam und schwer auf, nachdem Einer davor lange, mit den Händen suchend, herumgetappt habe, wie ein Blinder und wie ein Halbohnmächtiger. Mehrmahl wollte dabey Illugi rufen: »Herein!« oder auch aufzuspringen gedachte er, und dem schauerlich Suchenden die Pforte zu öffnen. Aber im Traume kann man nicht immer wie man will. Dadurch vermehrte sich Illugi's Grausen, als nun endlich der unheimliche Gast hereintappte, in der Gestalt eines ganz blutübergossenen Menschen, und dicht vor dem Bette des Träumenden stehen blieb, und sich ein paarmahl ängstlich räusperte, um seine Todtenstimme vernehmbar zu machen. Dem Illugi ward, als seye das sein Sohn Gunlaugur. Doch gedachte er wieder bey sich: »Der 200 würde dich ja gewiß nicht so schlimm erschrecken wollen. Denn wild ist der Gunlaugur freylich oft, wie ein Sturm. Aber nimmer ist er lauernd und tückevoll, wie ein giftiger Schwadendampf in den Höhlen der Gebirge. Nein, das ist nur ein schlimmer Kobold, und meines lieben Gunlaugur häßliches Gegenbild!«

Derweilen ächzte und stöhnte das Gespenst folgende Worte in einer Art von Sangesweise heraus:

»Dein Gunlaugur hat gehalten
Holmgang mit dem bösen Skalden!
Beyder Waffen dröhnten, schallten!
Beyde ruh'n in Grabeshalten,
Böser Skalde hat erschlagen
Lauernd deinen Sohn, den Sieger!
Island wird um Beyde klagen!
Beyde, Beyde sind Erlieger!«

Schaudernd hüllte sich Illugi tiefer in seine Decken. Der Spuck beugte sich über ihn, und träufelte heißes Blut auf seine Schläfe hinab.

Da flog ein Morgenglanz durch die Kammer, und Gunlaugurs tönende Heldenstimme klang von droben herein:

»Fort, du nächtiger Lügenkrieger
Rafn und ich sind beyde Sieger!«

201 Heulend verschwand das Gespenst, und Illugi rief erwachend: »Lasset doch meinen lieben Sohn Gunlaugur zu mir herein! Doppelt lieb ist mir seine Heimkehr, da sie mir einen recht abscheulichen Traum verscheucht hat. Komm herein, Gunlaugur! Oder vielmehr, komm herab! Denn von droben ja sangest Du mich wach; ob ich gleich noch nicht begreifen kann, weßhalb Du wunderlicher, hier stets willkommener Gast lieber das Dach des Hauses erklettern wolltest, als behaglich hereintreten durch die auch Fremden gastlich geöffnete Pforte!«

Er rief es, und Alles schwieg. Nur einige erwachende Knechte antworteten ihm endlich, es seye ja tiefe Mitternacht, und Niemand noch zur Arbeit fertig, und auch weder Gast noch Bothe sey erschienen.

Da streckte sich Illugi schmerzlich still auf sein Lager zurück, fast wie ein Sterbender, und seinen Geist quälten furchtbare Gedanken über das Schicksal seines lieben wilden Sohnes Gunlaugur.

In selbiger Nacht geschahe bey dem Oenundur, dem Hausvater auf Mosfelli, Aehnliches.

Dem ward es im Traume, als trete sein blutiger Sohn Rafn zu ihm herein, und singe in Schmerzenstönen: 202

»Nun lieg' ich todt und blutig
Im edlen Norwegland,
Erst focht ich schön und muthig,
Dann hieb zu rasch die Hand.
Ich kann mich noch nicht finden;
Die Wahrheit scheint mir Traum.
Man glaubt fürwahr es kaum,
Wenn man aus Weltgewinden
Erwacht im ew'gen Raum.«

Damit lachte er auf eine etwas weinerliche, fast kindischfreundliche Weise, und sahe dennoch beynahe so glänzend aus, wie der Vollmond, wenn er durch Wolken bricht; aber dann verschwand er, und Oenundur erwachte weinend, und rief aus: »O wehe, mein Sohn Rafn ist umgekommen, und alle die Klugheiten, welche man mir angerathen hat, seinem Tod zu verhindern, gleichen wohl nur Zeltgewanden, die etwa ein alberner Hauswirth über seine Aecker und Gärten breiten möchte, um sie vor dem Mehlthau zu beschirmen. Ach, allerwärts dunstet der Mehlthau durch, und nur die heilenden Lüfte des Morgens und Abends und die segnenden Strahlen der Mittagssonne wehret unsere dünkelvolle Ueberweisheit von uns ab!« 203

 


 

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