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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 86
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Acht und zwanzigstes Kapitel.

Gäims-Weller hieß damahls eine Gegend im Schwedenlande. Das war eine Ebne zwischen zwey Seen; in die Gewässer des Einen erstreckt sich eine Landzunge; die nannte man Dyngiu-Nes. Einzelne Bäume und Gesträuche schmückten sie recht anmuthig.

Als jetzt das Morgenlicht blutroth hell über Erd' und Fluth heraufstrahlte, ruheten sich auf Dyngiu-Nes fünf Gewaffnete; das war der Skalde Rafn mit vier Genossen.

Zugleich kamen sieben andere Männer über die Ebne zu Roß heran. Das war Gunlaugur Drachenzunge mit seinen Kampfgefährten und den zwey Wegweisern.

Die zwey Parthen erkannten einander mit Falkenblicken von fern.

Rafn und seine Gefährten sprangen auf, 186 sich zum Gefechte rüstend. Die Andern trabten frisch heran, stiegen von den Rossen, und banden sie an's Gesträuch.

Als man nun von beyden Seiten zusammentrat, sagte Gunlaugur:

»Wohlan, da haben wir uns endlich gefunden. Mich freut's.«

»Mich auch!« entgegnete Rafn. »Sprich nun: wie willst Du's gehalten haben? Treten wir allzusammen, die hier gegenwärtig sind, in den Kampf? Oder fechten wir Beyde es allein aus?«

»Mir Eins so recht, wie das Andre!« sagte Gunlaugur.

»Uns aber nicht!« riefen wie aus Einem Munde Grimur und Olaf, jene zwey Schwestersöhne Oenundurs und die Edelsten unter Rafn des Skalden Fahrtgenossen. »Wir wollen nicht müssig zuschauen, wo Helden ringen.« »Ich auch nicht;« sprach Gunlaugurs treuer Thorkill, und Hallfredur summte in sich hinein:

«Mir wirrem Skalden winkt ein Ziel,
Ein schönes Ziel im Waffenspiel.
Mir winkt ein Glück, sie nennen's Tod,
So purpurn wie dieß Morgenroth.«

Da wurden sie zumahl einig, die Sache solle 187 durch alle Kampfgenossen zugleich ausgefochten werden, wie eine Schlacht.

Den zwey Bothen Eirekur Jarls aber sprach Gunlaugur ernsthaft zu:

»Ihr sollt hier Niemanden zu Liebe mit anstehen und Niemanden zu Leid. Nicht als Kriegsleute hat Euer Herr Euch mit mir gesendet, sondern als Bothen. Zudem ist unsrer beyden Parthen Zahl just gleich, und Ihr würdet doch weder den Einen Theil zum unbilligen Mehr verstärken, noch auch getrennt und widereinander fechten wollen. Setzt Euch also dorthin, wo der alte Denkstein noch an der Seefluth emporragt, und sehet als ehrbare Zuschauer mit an, was wir beginnen. Und wenn Ihr es der Mühe werth achtet, so erzählt davon bey Eurer Heimkehr, und helfet überhaupt sorgen, daß nicht vergessen werde, was jetzt auf Dyngiu-Nes geschehen soll.«

Die Eirekursbothen neigten sich und thaten nach Gunlaugurs Geboth; theils, weil ihm sich's überhaupt etwas schwer widersprechen ließ; theils aber auch, weil er wirklich für dasmahl vollkommen recht hatte.

Die Fünf, die fechten sollten von jeglicher Seite, stellten sich einander gegenüber, ihre breiten und scharfen Klingen von mächtiger Länge 188 gezückt zur Hand, ihre großen, erzbeschlagenen Schilde stark vor Brust und Haupt gehalten.

Rafn sprach den Gunlaugur tönend an:

»Durch wen von uns wird Kriegsbeginn entbothen?«

Gunlaugur sprach zurück:

»Siehst Du nicht dorten die Eirekursbothen?«

Und Rafn sang diesen Beyden zu:

»Wohlan! So rufet dreymahl: »Drauf!«
Und mit dem dritten Ruf beginnt der Lauf
Den bald'gen Siegern, oder bald'gen Todten!«

»Gilt's?« fragte er, umherschauend. Und von allen Zungen scholl es ihm entgegen:

»Es gilt!«

Da riefen die Eirekursbothen zum Erstenmahle:

»Drauf!«

Und die Kämpfer huben ihre Klingen hoch, und senkten sie wiederum tief, die spiegelblanken Flächen gegeneinander gewendet statt der Schneiden, wie um sich zum letztenmahle noch recht leuchtendhell und freundlich zu begrüßen.

»Drauf!«

– ließen zum Zweytenmahle die Eirekursbothen ihren mahnenden Ruf erschallen.

189 Und die Kämpfer erhuben die zweyschneidigen Klingen abermahl, Jedweder die Schneide so scharf nach dem Gegner zugekehrt, daß dem Einen die Waffe des Andern im klaren Luftraume fast verschwunden schien.

Nun schöpften die Bothen tief Athem. Dann riefen sie zum Dritten- und Letztenmahle aus schweren Herzen aber mit gewaltiger Stimme:

»Drauf!«

und das Kampfgewirr der Zornigen rasselte zusammen.

Da fügte sich's, daß Grimur und Olaf gegen Gunlaugur zugleich anrannten im wilden Getümmel der Heldenschlacht.

Das war ein ernsthaftes Stück für den Gunlaugur. Aber im Stoß ausfallend kam er dem Schwerthieb des Einen mit tödtlicher Wunde zuvor, während er den des Andern mit dem Schilde aufgefangen hatte. Und dann wandte er sich blitzschnell wider Jenen, und durchbohrte ihm mit gleich raschem Stosse, wie dem nur eben erst niedertaumelnden Bruder, die Brust.

Während dessen stöhnte Hallfredur der wirre Skalde, wildsingend im Sterben mit gespaltnem Haupte vom Boden herauf: 190

»Wehe!
Wehe nicht mir um Wundenbrand!
Aber vor dunkler Hand,
Nimmer im Liede genannt,
Küß' ich im Tode den Sand,
O darum: wehe!«

Zugleich sahe Gunlaugur, wie sein treuer Anverwandter und Schützling, wie der fröhlich muthige Thorkill vor Rafn's schmetternder Klinge in den Tod sank, und sterbend noch ausrief: »Lebe hoch, Gunlaugur!«

Auch die andern Mitkämpfer lagen, durch wechselseitige Wunden darniedergestreckt, verscheidend oder todt am Boden.

Da gingen Gunlaugur und Rafn mit geschwungnen Waffen inmitten der Leichen aufeinander los, daß die Eirekursbothen nachher gestanden haben, es sey ihnen ein Grausen davor angekommen. Sie stritten eine Zeitlang mit gleichem Erfolg mächtig hinüber und herüber, und drängten einander hart mit den Schilden.

Endlich waren sie wieder etwas auseinandergetreten.

Da schwang Gunlaugur das herrliche Schwert, welches ihm der gute König Ethelred auf Britannia vormahlen verehrt hatte, in wirbelnden 191 Schwingungen hoch über sein stolz emporgehobnes Haupt. Und die leuchtende Waffe funkelte im Strahl der aufsteigenden Sonne, wie ein Blitz.

Rafn deckte mit dem Schilde, weitvorn übergebeugt sein Haupt, wie früherhin Gunlaugur beym Zweykampf auf Auxar-Holm es that, und hielt seine scharfe Klinge zum tödtlichen Nachstoß in des Hauenden Antlitz oder Brust bereit.

Aber Gunlaugurs wirbelnde Waffe zielte nicht nach des Gegners Haupt.

Urplötzlich erdwärts gewendet, zischte sie von unten empor, und Rafn's linker Schenkel flog blutend ab, auf den zischenden Rasen hin, und mühsam zurückwankend stemmte sich der halbohnmächtige Sänger an seinem Schwert und an eines gefälleten Erlenbaumes Wurzelstamm noch fest.

»Du bist verloren!« sagte Gunlaugur. Und die Eirekursbothen wollen behaupten, es hätten ihm dabey helle Thränen in den Augen gestanden. Rafn blutete still. »Du bist verloren und besiegt!« wiederhohlte Gunlaugur mit sehr weicher Stimme. »Nicht wahr, das erkennest Du an?« Doch Rafn entgegnete düster: »Verloren mag ich seyn; besiegt bin ich nicht, so lange noch ein Fünklein des edlen Lebens in mir 192 sprüht. Was mich allein um's Leben bringen mag, noch vor der Zeit, das ist mein heisser Durst nach jenem Seegefluth, wie es dorten so sonnig und doch so kühlig blau in labenden Morgenschimmern vor uns funkelt. O Gunlaugur, nur Einen Trunk daraus, und ich vermöcht' es wahrhaftig noch, Dich sieghaft zu bestehen!«

»Ich will Einen der Eirekurbothen dorthin senden!« sagte Gunlaugur.

Doch Rafn, wildfieberisch zusammenzuckend, erwiederte: »Nicht, nicht doch! Das sind ja dorten nur hölzerne geschnitzte Bilder, die Beyden! Wer still beym Gefecht saß, vermag nicht, die Fechter zu laben. Nein, schick' Einen unsrer Mitkämpfer zur See, o Gunlaugur!«

Der aber entgegnete:

»Todt ja liegen so Deine als meine Mitkämpfer hier auf Dyngiu-Nes, o Rafn! Wer von den Fechtern allein Dir Labung zu schöpfen vermag aus dem See, das ist nur der Gunlaugur allein.«

»So schöpfe, Gunlaugur; denn ich verschmachte!« seufzte der Skalde.

»Und willst Du mir auch kein Leid zufügen, derweil ich Dir den Trank bringe?« fragte Gunlaugur.

193 »Kein Leid!« erwiederte Rafn.

Und Gunlaugur nahm seinen Helm vom Haupte, ihn als Schöpfgefäß zu gebrauchen, und ging nach dem Seestrand hinab.

Hell perlte alsbald in dem goldnen Ritterhelme die klare Fluth, und Rafn sah ihr verlangend entgegen.

Aber im Augenblicke wo Gunlaugur sich dem Todwunden näherte, stieß dieser ein wildes Schlachtgeschrey aus, und seine Klinge sausete durch die Luft.

Mit blutübergoßnem Haupte taumelte Gunlaugur zurück. Der Goldhelm stürzte aus seiner Hand zu Boden, die labungskräftige Seefluth darin verrann zwischen dem Haidemoose. Voll Entsetzen schrieen die Eirekursbothen drein, und Sterbende begannen noch einmahl in furchtbaren Schauern zu zucken.

Der blutende Gunlaugur sahe starr auf den blutenden Rafn, und sagte:

»Schlimm hast Du mich nun betrogen. Und ich vertrauete Dir ja doch!«

Rafn wiederhohlte schmerzlich:

»Und Du vertrautest mir ja doch!«

Aber bald setzte er voll düstrer Fassung hinzu:

»Ich warnte Dich längst vor mir. Weißt 194 Du noch? Damahls, als Du sprachest, Schön-Helga solle Dein werden nach meinem Tode. Das hat mich oftmahl wirr gemacht, und ist vor mir aufgestiegen, wie ein höhnendes Gespenst, und jetzt wieder. O Gunlaugur, als Du mir die Seefluth schöpftest und sie mir brachtest, da wahrlich, gedachte ich nur an die nahende Labung und an den nahenden rühmlichen Tod. Aber als Du nun so unweit von mir standest, den Labungs-Helm mir darbiethend, da verschwand der Helm vor meinen Augen, und ich sahe Schön-Helga's Hand sich in die Deine legen, und in Deinem dunkeln Haargelock sah ich einen frischgrünenden Kranz – Siegerkranz oder Festeskranz – hei, den mußte ich Dir abhauen! Nicht wahr, Gunlaugur? Und ich hab' ihn Dir abgehauen, und nun sind wir einander wiederum gleich. Und nun rasch den Todeskampf zu Ende gebracht, o Du Freund und Du Feind!«

Die Klingen schwirrten auf's neue. Aber nicht lange. Denn Gunlaugur hieb dem Rafn die Todeswunde. Lautlos sank der Skalde zu Boden. Er hatte ausgesungen und ausgerungen für diese Welt.

Nun war es ganz still geworden auf Dyngiu-Nes.

195 Gunlaugur setzte sich ermattet zwischen die Leichen der Erschlagenen nieder.

Da kamen die zwey Bothen Eirekur Jarls hinzu, und verbanden ihm seine schwere Kopfwunde.

Gunlaugur, theils um den Schmerz zu bezwingen, theils um sich stark und muthvoll zu erzeigen, sang dazwischen:

»Wer nun Schön-Helga's Huld gewinnt?
Es kommt auf's stolze Mägdlein an,
Ob lieber sie den Todten nimmt,
Ob lieber den todtwunden Mann.«

Er verstummte eine Zeitlang. Dann sang er wieder mit sinkender Stimme:

»Sie flüstern über meinem Haupt,
Die Zwey, bestellt mir zum Verband,
Gunlaugur sey zwar siegumlaubt,
Doch schon umstrickt von Todeshand.
Drum wähle Du, mein schönes Lieb,
Nicht Rafn und auch Gunlaugur nicht.
Soll Dich wegfahn ein Minne-Dieb,
Nimm wen im freud'gen Lebenslicht.
Das Lebenslicht ist frisch und hell,
Das Sterben ist so düsterschwer.
Und doch – wär' Tod nicht sein Gesell –
Das Leben würde matt und leer. 196
Man weiß, Schön-Helga, wahrlich nicht,
Wozu man noch dir rathen soll.
Mir stockt das Wort, mein Leben bricht,
Und ist im Tod doch liebevoll.«

Damit schwieg er. Aber er starb noch nicht. Die Bothen, nachdem sie während seines trüben Liedes die Erschlagnen beerdigt hatten, huben ihn auf sein Roß, und führten ihn nach Leifangur zurück. 197

 


 

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