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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 84
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Wie es ehrbaren Kämpfern geziemt, verschlossen nicht etwa Gunlaugur und Rafn ihre Herzen, als wären es Mördergruben, sondern indem sie frisch und froh sich zur Fahrt bereiteten, bekannten sie Jedweden, der es hören wollte, auch frey, sie wollten, von diesen allzufriedlich gewordnen Islandsküsten fern, auf Norweg ihrem Zank und ihrem Jammer ein Ende machen, durch ehrbar rüstigen Entscheidungskampf.

Die Anverwandten waren freylich sehr dawider. Doch ihre Gewalt über die selbstständigen jungen Männer ging nicht so weit, ihnen das Hinaussegeln auf das freye Meer zu verbiethen, und eben so wenig konnten sie etwan auf der Dingstätte abermahl ein neues Gesetz zu Stande bringen, vermöge dessen ein freyer Isländer nicht anders den Anker seines Schiffes lichten dürfe, 176 als mit Bewilligung sämmtlicher Vettern und Basen.

Zuerst schiffte sich Rafn ein, am Strande von Leyruwagum. Unter seinen Fahrtgenossen befanden sich zwey tapfere Schwestersöhne seines Vaters Oenundur; Einer hieß Grimur, der andere Olaf.

Bald darauf folgte Gunlaugur; mit ihm fuhr Hallfredur, der wirre Skalde, und eine edle Schaar anderer kühner Genossen. Natürlich war auch sein Schützling und Anverwandter dabey, der treue Thorkill. Beym Absegeln sang Hallfredur ahnungsvoll:

»Wohl möge bald nun uns erscheinen,
Was als Entscheidung wird beschert:
Sey's Schlummer unter Bautasteinen,
Sey's hochgeschwungnes Siegesschwert!
Doch drängt sich allzuviel dazwischen
An eitlen Wünschen, bangem Fleh'n.
Der Sturmwind braust, die Wogen zischen,
Und nichts recht Schönes mag ergeh'n!«

War es doch wirklich auch, als hätten die Anverwandten auf Island mit ihren Wünschen und Verwünschungen Wind und Wellen und mannigfach seltsame Ereignisse sonst noch 177 aufbeschworen, die jungen zürnenden Helden einander fern zu halten.

Oder vielmehr, schien es doch insgesammt Beyder trübschmerzliche Lebensaufgabe zu seyn, sich einander zu suchen im Zorn, und sich fast nur augenblicklich in Liebe zu finden, um, abermahl im Zorn auseinander gerissen, in Todeslust zusammenzustreben, lange vergeblich dem letzten, tödtlich befriedenden Umfassen entgegenringend.

Wetter und Jahreszeit und Irrungen rissen die Zweye wiederum mondenlang vergeblich hintereinander her. Schwer hielt es oft in jenen Zeiten einfacher Selbstständigkeit, durch Land- und Meeresfahrt zu bestimmten Tagen nach bestimmten Gegenden hinzudringen; schwer, wie den griechischen Siegeshelden über Ilion ihre Heimkehr fiel.

Auf seinen jetzigen Irrfahrten kam Gunlaugur im Spätjahr auch wieder zum edlen Jarl Sigurdur, dem Herrscher der Orkney-Inseln. Der strenge Nordlandswinter bannte ihn dorten fest, und manche schöne Heldenthat zu Land und zu Eise kränzte sein kühnes Haupt mit Ruhm. Doch wie mochte das ihn erquicken, so lange noch der unausgefochtne Kampf mit Rafn aus seiner flammenden Seele lag. Rasch segelte er mit 178 Frühlingsanfang hinaus; zu rasch, um irgend seinen Gegner durch geduldiges Erwarten anzutreffen. Mit abermahl eintreffender Winterzeit kam er an diejenige Norwegsküste, wo Jarl Eirekur im Strandschlosse Hladi Haus hielt.

Eirekur Jarl aber wußte vorlängst um diese Angelegenheit, und hoffte, selbige nun friedlich ehrenvoll beyzulegen, da Rafn abermahl an entlegnen Orten nach Gunlaugur forschte, und die Eisdecke am Meeresstrande von neuem die Gegner auf Monde lang am Schiffen hindern mochte.

Wie viel der dort edelstill verlebte Winter und die sänftigenden Ermahnungen eines Helden, wie Eirekur Jarl auf Gunlaugur vermochten, oder vermocht hätten, können wir nicht genau ermessen. Aber wir wissen, daß Folgendes geschah.

Um Frühlingsanfang, als der Schnee noch hoch auf den Bergen lag, und das Meer noch unter abschiednehmenden Winterstürmen brauste, während die Sonne schon Gräser und Frühblumen aus dem Thalesboden weckte, stand Gunlaugur eines schönen Mittags nachdenklich vor dem Thore der Hladiburg.

Was ihm Eirekur Jarl Alles zu Gemüthe geführt hatte, wie nehmlich es Unrecht sey vor Gott und Menschen, irgend Wem seine Hausfrau 179 abringen zu wollen; und wie ja auch Schön-Helga nicht ihre Hand dem Manne reichen werde, der ihr den Ehegatten erschlagen habe; und, ob die frühgehegte Liebe sie vielleicht so weit verblende, würden Vater und Mutter es ihr auf keine Weise zulassen; erliege dagegen Gunlaugur dem Todeslose der Waffen, so habe er ja die ehemahls Verlobte und die endlos Geliebte vollends für ihr ganzes Leben in ihrem eignen Herzen elend gemacht.

Das Alles von einem so grossen Helden und Ehrenrichter, wie Eirekur, vorgebracht, zog in mannigfachen Schwingungen durch Gunlaugurs Seele, und Gedanken an Frieden und Sühne stiegen darin empor.

Sein gesänftigter Blick wandte sich auf ein Trüpplein fröhlicher Knaben, die sich so eben zum Spiel auf der lichtgrünenden Aue versammelten.

»Was wollen wir spielen?« fragten Einige: »Krieg!« riefen Andere. »Ja, das versteht sich!« entgegneten noch Andere. »Aber was für Krieg? Zweykampf oder andere Kämpfe?« »Wißt Ihr was?« sagte der Eine. »Wir wollen Rafn und Gunlaugur spielen.« »Ja, ja! Rafn und Gunlaugur! Gunlaugur und Rafn!« scholl es aus dem blühenden Gewimmel, und bald hatte das 180 lustige Abzählen eines Sprüchleins entschieden, wer Held Drachenzunge seyn solle, und wer dessen Gegner, der Skalde.

Nicht unfreudig klopfenden Herzens hatte Gunlaugur bis hieher unerkannt und unbemerkt zugesehen, und meinte nun in seinem Sinne, es solle ihm vielleicht durch dieses fröhliche Kinderspiel eine Weissagung zu Theil werden, welch ein Ausgang dem Kampfe bevorstehe. Dafern er selbst dabey als Sieger erscheine, fühlte er sich um so mehr zur Sühne geneigt.

Aber wie ward ihm, als die Knabenschaar Hand in Hand einen Kettenreigen bildete, zwischen welchen hindurchschlüpfend bald der kleine Rafn vor dem kleinen Gunlaugur floh, bald wieder vor dem kleinen Rafn der kleine Gunlaugur, während sie einander mit den unbändigsten Drohworten herausforderten, wobey sich immer der eben Fliehende als der Allerzornigste anstellte. Vergeblich strebten die Uebrigen im Kreise, die Zwey aneinander zu drängen. Sie wußten sich jedesmahl sehr geschickt auszuweichen. Man sahe wohl, dieß Spiel mußte schon sehr oft in der lustigen Schaar geübt worden seyn. Und mit lautem Gelächter tönte dazwischen der Rundgesang: 181

»Auf Island ist verbothen
Der Kämpfergang recht friedsamlich!
Zwey, die sich dort bedrohten,
Die suchen dennoch dräuend sich:
Der Ein' an dieser Ecke der Welt
Der Andr' an jener hingestellt!
Dazwischen liegt die ganze Welt.
Niemand fällt zu den Todten!
Sie dräu'n recht friedsamlich.«

Gunlaugur ging schweigend in die Burg. Dort erzählte er seinem edlen Wirth, was er gesehen und gehört hatte. Da konnte der nicht mehr daran denken den Zweykampf zu hindern. »Ich habe vernommen, daß Rafn jetzt in Schweden nach Dir sucht;« sprach er. »Zieh' ihm entgegen. Ich gebe Dir zwey Bothen mit über die Schneeberge.« »Thue das, und habe Dank!« sagte Gunlaugur. Da sind sie voneinander noch in selbiger Stunde geschieden; mit treuer Freundlichkeit und zum letztenmahl. 182

 


 

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