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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 81
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drey und zwanzigstes Kapitel.

Hell und frisch ging das Morgenroth über der Kampfesinsel auf. In funkelnden Waffen schiffte von Einer Seite des Stromes Gunlaugur, von der andern Rafn, Jedweder in reicher Begleitung der Seinigen, schöngewaffnet heran. Dem Gunlaugur trug sein Bruder, Hermundur den Schild, dem Rafn sein neuer Blutsfreund, der jüngst verehlichte Swertingur.

Gunlaugur tönte das Auxar-Eiland mit diesen Worten an:

»Ich grüß dich froh, du Eiland!
    Begrüß' du froh auch mich!
    Man kannte kaum dich weiland;
    Inskünft'ge preist man dich. 158
    Siehst du mein Schwert, erglühend
    Zur Rach' um Helga's Raub?
    Den Skalden, jetzt noch blühend,
    Wirfts bald in deinen Staub.

Dann wird er da begraben,
    Wo ich den Tod ihm gab,
    Und Bautasteine haben
    Soll hoch und schön sein Grab.
    Du, ganz vergessen weiland
    Wie unter Nebelduft,
    Bald strahlst du, Auxar-Eiland,
    Als edlen Sängers Gruft.«

Rafn sang ihm entgegen:

»Skalden läßt oft Ahnung wissen,
    Was die Zukunft birgt im Schooß.
    Doch ich schiff' im Ungewissen
    Inselan heut, ahnungslos.
    Doch durch Zukunftnebel leuchtet
    Meiner scharfen Klinge Schwung.
    Eines weiß ich: Thräne feuchtet
    Bald zwey Augen schön und jung.

Wird ihr der Gemahl erschlagen,
    Weint die Spröde doch wohl laut!
    Wenn zu Grab sie Jenen tragen,
    Weint sie als verlobte Braut. 159
    Helga, Helga, dir gibt Trauer
    Dieser Tag zum Eigenthum.
    Doch dich grüß' aus Todesschauer
    Tröstend deiner Kämpfer Ruhm!«

»So ist's recht!« rief Gunlaugur, aus dem Nachen springend, und dem landenden Rafn entgegeneilend. Er schüttelte ihm freudig die Hand, wie in den Tagen ihrer brüderlichsten Freundschaft, und so blieben sie eine Zeitlang stehen, einander mit seltsamen Blicken sehr genau betrachtend.

Die Verwandten und Freunde besprachen sich derweil gegenseitig über Art und Ordnung des bevorstehenden Zweykampfes. Thorstein, als der Beste aller Rechtskundigen auf Island, übte dabey eine Art von Vorsitz. Da ward nun Folgendes von Allen beliebt, und den zwey Widersachern folgendermaßen als Gesetz angekündigt durch Thorsteins Mund:

»Rafn hat nach altem Islandsrechte den ersten Hieb, sintemahl dem zum Kampf Gefordertem keine Wahl um Streit und Frieden bleibt, dem Ausfordrer es aber freygestellet war, zum Kampf zu fordern oder nicht. Dünkt Euch das Beyden recht so?«

160 Die Jünglinge neigten sich schweigend, der alten Sitte wohl kundig und ihr ergeben. Da sprach Thorstein weiter:

»Der Kampf soll nicht zum Tode gehen, sondern zur Sühne. Wenn also wir: Halt! rufen, sollet Ihr unweigerlich inne halten, Ihr jungen Fechter. Und der sodann für überwunden gilt, zahlt als Buße für gestörten Frieden und erweckte Unruh' drey Mark löthigen Goldes an die sämmtliche Genossenschaft. Und damit sey alsdann Euer Streit für ewige Zeiten abgethan. Habt Ihr es vernommen, Ihr Jünglinge?«

»Vernommen?« entgegnete Rafn, und seine Gesichtszüge zuckten verwildert. »Vernommen, o freylich ja, mein gesetzkundiger Herr Schwiegervater und Ihr friedelustigen Anverwandten allzumahl! Vernommen haben wir Euern klingenstumpfenden Vertrag sehr deutlich. Aber ob wir uns vornehmen, drauf einzugehen, das ist eine andere Frage. Nicht wahr, Freund Drachenzunge?«

Da trat Gunlaugur, der schon auf Kampfesweite von seinem Gegner abgeschritten war, mit lächelndem Munde wieder dicht an ihn heran, und flüsterte ihm leise zu:

»Laß sie doch immerhin dingen und marken 161 nach ihrer schadenverhüthenden Weisheit, wie es ihnen beliebt. Wir haben unsere zugestandenen Hiebe zu führen nach erprobter Fechterkraft. Wähnst Du, es könne damit so leichtfertig abgehen?«

Rafn entgegnete warnend:

»Du! Erwäge das wohl. Mein ist der erste Hieb, und am wenigsten dießmahl gedenk' ich ihn unnütz zu vergeuden.«

»Schmach Dir, wenn Du das könntest!« sprach der zornaufglühende Gunlaugur. »Aber ich weiß, das kannst Du kühner Fechter nicht. Aber mein Schild und all mein Gewaffen hält fest. Kommt es demnach zum zweyten Hiebe, zum Hiebe von der Gunlaugurs-Hand, da seye Du ganz unbesorgt. Schön-Helga soll alsdann fürwahr nicht länger unter zweyen Werbern zu wählen haben.«

»Wie?« sprach der Skalde mit aller Bleichheit des furchtbarsten Zornes; »so bildest Du Dir noch immer ein, über meine Leiche hin den Weg nach Schön-Helga's Hand und Liebe zu gewinnen? Ich künde Dir bey meiner Nordmanns-Ehre: dergleichen soll Dir nun und nimmermehr gelingen.«

»Schwöre doch nicht so unvorsichtig!« sagte 162 Gunlaugur begütigend. »Wenn ich Dich nun in den Sand des Streitfeldes todt niederstrecke, geschieht es ja doch.«

»Du hast ein schlimmes Wort gesprochen;« erwiederte Rafn der Skalde. »Nun hast Du selbst Dich mir verfehmt. Hüthe von diesem Augenblick an, Dich vor dem Schwunge meines Schwertes auf alle Weise. Nun treff' ich hinfürder Dich wo und wie ich kann!«

»Deßwegen sind wir hier auf Auxar-Holm zusammengetreten;« sagte Gunlaugur, ging etwa drey Schritte von dem Gegner zurück, und legte sich dann in Fechterstellung aus, seinen Schild über sein Haupt, zum Theil auch vor sein Antlitz gestreckt, ausrufend:

»Nun haue Dein Bestes, Du Schlimmer!«

Da wirbelte Rafn sein leuchtendes Schwert mächtigen Schwunges empor, daß die Lüfte davor zischten, und im Niederfahren traf es Gunlaugurs Schild gewaltig. Aber das Schild blieb unversehrt; die Klinge sprang in Stücken. Ein Splitter derselben flog wieder Gunlaugurs Wange an, und ritzte sie blutig.

»Nun kommt der Tanz an mich;« sagte Gunlaugur gelassen. »Und ich hoffe, das Schwert, welches mein lieber König Ethelred mir geschenkt 163 hat, soll sich besser bewähren, als die Waffe in meines Gegners Hand.«

Aber da erhub sich ein Gerede und Gestreite von Vettern und Vätern und Schwiegervater, und wer weiß, was noch Alles, daß es dabey heraus kam, als seye wirklich der Zweykampf durch jenen Erstlingshieb für alle Zeiten entschieden. Die Einen sprachen für Rafn, weil er seinen Gegner verwundet habe; die Andern für Gunlaugur, weil ja dessen Gegner nach zersprungner Schwertesklinge für waffenlos zu achten sey.

Gunlaugur, zornsprühend aus Augen und Seele, rief durch die tosende Menge:

»Weitergefochten!«

Und Alles ward still, und es wär' auch wohl nach Gunlaugurs Willen geschehen, aber Illugi der Schwarze trat dazwischen, und verboth nach väterlicher Ober- und Priestergewalt seinem Sohn das fürdere Kämpfen.

Da neigte sich Gunlaugur in trüber Ehrerbiethung vor seinem Vater. Doch sprach er gleich darauf laut vor der ganzen Versammlung:

»Die Welt hat mich scheiden können von 164 meiner holden Freundinn. Aber nicht für immer soll sie mich scheiden können, von meinem tapfern Feinde! Nicht wahr, Du kühner Rafn, da bist Du gleichen Sinnes mit mir?«

»Da bin ich gleichen Sinnes mit Dir!« entgegnete feyerlich Rafn, und sie schlugen ihre starken Hände ineinander, und schieden. 165

 


 

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