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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

In den ersten Tagen des Sommers sahe Frau Jofridur der Stunde entgegen, worin sie ihrem Eheherrn ein Kindlein gebären sollte, und freuete sich schon, wie das hübsch seyn werde, wenn nun abermahl ein kleines freundliches Wesen erblühe, und nach etwa zwölf Monden anfange, mit den andern Kindlein in der Halle zu spielen, und draußen vor der Thür. Thorstein aber freute sich nicht darauf. Ihm lag die trübe Weissagung seines Wintergastes im Sinn, und sein eigner schwerer Traum. Deßwegen sann er Tag und Nacht, wie er den bedrohlichen Heldentod verhindern möge, den seine Tochter in die Welt bringen sollte. – Dann tröstete er sich freylich wohl mit dem Gedanken: »Wenn es nun aber ein Söhnlein ist, welches Jofridur Dir bringt?«

Und davor fing er bisweilen herzlich zu lachen 50 an, vorausbedenkend, wie er denn den Bardur sammt allen Träumen und Traumesdeutern verspotten wolle.

Spott aber säet keinen guten Saamen: weder in die Seele, noch in die Zukunft des Menschen.

Deßwegen fühlte auch Thorstein immer sein Lachen über diese Voraussagung von einem gar schrecklichen Dunkel gedämpft, das sich wie ein schwüles Gewitter in banger Nacht über seine Seele zu lagern begann. Er murmelte manchmahl ingrimmig in sich hinein: »Wenn meine Hausfrau eine Tochter gebiert, so weiß ich schon, was ich thun will. Um so eines bethörlichen Geschöpfchens willen sollen keine Helden sterben.« –

Aber wer kann so sicher in die Zukunft hineinsprechen: »ich weiß!« und: »es soll!« Und das fiel dem Thorstein jetzt sehr auf's Herz.

Denn die Zeit kam heran, wo sich alle Bewohner des Gaues auf der Dingstätte Wahlfeld versammeln sollten, um über mancherley hochwichtige Sachen miteinander zu berathen. Nun durfte natürlich der Älteste des Hauses der Myramannen, der edle Thorstein dabey nicht fehlen.

Deßhalb setzte er Alles zu der Fahrt geziemend in Stand. Aber er war sehr düster dabey. 51 Und das war eine Art von Glück für die Frau Jofridur. Denn so konnte sie doch im Voraus merken, und nach und nach, es drohe etwas sehr schmerzliches herein. Sie setzte sich auch dazu nach ihrem starken Sinne in Bereitschaft, so gut es ihr jetzt schwacher Zustand erlauben wollte. Indessen kam es doch schlimmer noch, als ihre schlimmsten Vorstellungen es gemeint hatten, da nun Thorstein, im Begriff zu Pferde zu steigen, sie wieder nach dem Herde zurückführte, und leise in ihr Ohr flüsterte:

»Jofridur, wenn Du während meiner Abwesenheit ein Kind gebierst, und es ist ein Knäblein, so pflege dessen gut, und laß es an gar nichts fehlen, was unser reicher Haushalt zu biethen vermag.«

Jofridur kämpfte noch Einmahl die Schauer in ihrem Herzen nieder, und sagte mit freundlichem Lachen:

»Mußtest Du mir das erst vorschreiben wollen, o Thorstein? Sorgt ja das leichtsinnige Luftgeflügel für seine Jungen um sehr viel früher schon, als sie geboren sind! Mein Kindbett ist bereitet, und besser bereitet noch die Pflege des Kindleins, das wir in Freuden erwarten.«

Thorstein murmelte etwas Unverständliches in 52 den Bart, ganz wider seine sonst so anmuthige Weise, und wandte sich tiefstöhnend ab.

Da sagte Jofridur, sich auf ihren Sessel matt, jedoch in feyerlicher Würde niederlassend:

»Du hast etwas Entsetzliches im Sinne, Hausvater. Aber sprich es jetzt nur ganz frey und rasch heraus. Du selbst ja kannst Dein Geheimniß nicht mehr so im Zwielichten von Trotz und Jammer herumtragen. Sprich, sag' ich Dir – wenn Du fürderhin für einen wackern Mann gelten willst.«

Thorstein richtete sich hoch und stolz und streng' empor, winkte Kinder und Hausgesinde gebiethend fern ab, und sprach:

»Wenn Du ein Mägdlein gebierst, da sollst Du es aussetzen in die Wildniß, daß wir nimmermehr etwas von dem Kinde vernehmen.«

»Thorstein, wie wird Dir zu Sinne?« sagte Jofridur. »Du bist krank.«

»Mir wird und ist,« sprach er zurück, »wie es schon vielen wackern Islandsmannen war, die ihre Kinder in die Barmherzigkeit unsichtbarer Gewalten übergaben, weil der Hausvater selbst für die Unglückswesen nicht fürder zu sorgen verstand.«

»Thorstein, besinne Dich doch!« sagte 53 Jofridur. »Das haben ja meist nur immer ganz verarmte Leute gethan auf unserm Eilande. Und im Lichte des neu aufdämmernden Hoffnungsglaubens will man es auch Denen nicht gern mehr zulassen, so schmerzlich zu verstören in ungläubiger Angst, was ihres Lebens süßeste Freude werden kann. Thorstein, Du reicher Mensch an Hof und Herden und Freunden und Gold,– ach so besinne Dich doch nur!«

Thorstein aber entgegnete voll einer ganz furchtbarlichen Festigkeit, die ihm wohl unsichtbar schlimme Gewalten bescheert haben konnten:

»Du weißt nun meinen Beschluß. Und das möchte nicht eben gut werden, wenn es Jemandem einfiele, ihn zu brechen. Im Übrigen: – die alten Gesetze bestehen noch immer. Und mag das gesammte Island es wissen: ich will mein Kind aussetzen, falls es ein Mägdlein ist. Und neugierig wäre ich, Den kennen zu lernen, welcher mich daran zu hindern gedächte. Wollte er mich aber vollends darüber zur Verantwortung ziehen, so wär' er ein Narr. Was Dich betrifft, thue nach meinem Geboth!«

Darnach ging er stumm und finster hinaus, und Frau Jofridur blieb sehr betrübt am Herde zurück.

54 Zwar als er nun fortsprengte vom Hof, und die Kinder vor der Thüre jubelten:

»Mutter, nun reitet der Vater ja rasch nach dem Wahlfeld! Mutter, nun komm' doch und sieh, wie herrlich der Vater reitet!« –

Da kam Jofridur auch heraus, aber sie konnte ihm nicht ihr weißes Schleiertuch glückbedeutend nachwehen lassen, wie sonst. Vielmehr sang oder sagte sie still vor sich hin:

    »Reite! –
Was Dich geleite, –
        Wer kann es wissen –
        Schwärzlich aus Traumes
        Drohender Nacht,
        Trüb' aus der Macht
        Stürmigen Schaumes
        Wandeln zerrissen
        Gräuelgestalten.
        Wer kann sie halten?
        Ach, Dich geleite
        Mildernde Macht!
        Ich, die künftig nun jegliche Nacht
        Weinend durchwacht,
        Flüst're Dir lebend nach in die Weite:
        Armer, unselig Getrieb'ner – so reite! 55

 


 

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