Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 76
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel.

Es war an Thorsteins Herde bey Schön-Helga's Hochzeitfeyer wirklich ungefähr so zugegangen, wie Gunlaugur es in seinen kranken Traumgesichten erschauet hatte.

Stumm und trüb, mit verweinten Augen, saß die holde Gestalt auf dem Hochsitze, und öfters, wenn neue Thränen ihr unaufhaltsam aus dem Herzen empordrangen, ließ sie die Schleyer vor das liebliche Antlitz herniederwallen. Manch Einer der Gäste mußte bey ihrem Anblicke des Spruches gedenken: »Frühe Liebe rostet nicht.«

Rafn, in all seinem Glücke sich unbeschreiblich elend fühlend, saß gesenkten Antlitzes schweigend neben seiner Braut.

Auch Thorstein und die Brautmutter 134 Jofridur waren nachdenklich still. Als einmahl mit hereinbrechender Nacht Adler lauten Rufes über das Gehöft hinzogen, fuhren Beyde erschrocken auf, sahen einander kopfschüttelnd an, und blieben nur noch stummer seitdem.

Das Fest ging trüb und früh zu Ende.

Tages darauf führte Rafn seine junge Frau nach seiner Heimath, Mosfelli, heim, und wohnte dort ein paar Tage sehr einsam und stille mit der trauernden Neuvermählten.

Eines Morgens in der ersten Dämmerfrühe hatte sich Schön-Helga wachend und weinend auf ihrem Lager emporgerichtet, wie sie das in dieser Schmerzenszeit auch wohl ganze Nächte hindurch so zu halten pflegte.

Da sahe sie, wie der schlummernde Rafn sich in ängstlich schreckendem Geträume zu regen anhub, und endlich mit einem Ruf des Entsetzens emporfuhr, nach Schwert und Mantel greifend. Erst dann schien er sich deutlich zu versinnen, und so, wie zur Reisefahrt, in den Mantel gewickelt und auf das gezückte Schwert gelehnt, stand er gespenstisch bleich vor Helga, und sprach in Liedesgetön folgende Worte: 135

Er soll von hinnen,
Er soll mir von hinnen durchaus,
Der lügende, gauckelnde, gräßliche Traum!
Hinaus mit ihm!
Tönender Skaldengabe mir stolz bewußt,
Scheuch ich im Sang sie fort, die Gespenster der Nacht!
Siehe, da schlüpfet er scheu hinaus
Durch das kleinste der Fenster!
Aber mein Skalden-Auge,
Gefeiet vom Reigen der Elfen,
Es erspähet ihn doch.
Häßlicher, kleiner, bärengestalteter,
Röchelnder Alp,
Hu, wie du aussiehst!
Ich höhne dich, Gräßlicher!
Will dir das Wiederkommen verleiden
Mit lautschallendem Spottgelächter;
Nun ist er fort.
Und, Helga, nun laß dir verkünden,
Was er mir brachte,
Der Häßliche, lügende, gräßliche Alp.
Siehe, der May war gekommen,
Und deine süße Liebe,
Sie war mir erwacht mit dem May.
Ein Blumenbett hatt' ich bereitet dir,
Draußen unter den Buchen des Hains, 136
Und – schönere Blume –
Saßest du auf den Blumen hold,
Zu deinen Füßen ich gelagert,
Mein selig träumendes Haupt dir in deinen Schooß gelehnt.«

Da tönte Helga ihm mit leiser, schauerlich flüsternder Stimme die Anfangsworte seines Liedes nach:

»Er soll von hinnen,
Er soll mir von hinnen durchaus,
Der lügende, gauckelnde, gräßliche Traum!«

Rafn jedoch, jetzt milderen Erscheinungen hingegeben, hörte nicht darauf, sondern blieb eine Weile still mit sanftverzücktem Lächeln, sich selber ähnlich in schöneren Tagen.

Dann aber fuhr er erschreckt zusammen, und rief im Gesange:

»Wehe! Da kommt der Drache!
Grausen! Da bricht er aus Blumen
Zornig ringelnd empor!
Und er traf mich mit tödtlichem Stoß,
Und mein Blut quoll wild,
Entsetzlich unhemmbar
Aus der Wunde mir! 137
Und deine Hand nicht vermocht es zu stillen,
Und alle Becher des Festes
Unseres Hochzeitfestes,
Wurden gefüllet,
Überfüllet mit meinem Blut
Und schäumten es auf den Boden hin,
Und gierig getrunken hat es
Altmutter Erde.
O Helga, mich fassen ahnende Schauer,
Indem ich die Worte dir künde.
Der Traum, der warnende Traum,
Er hat wohl dennoch
Mir Wahres verkündet,
Und vor der Thüre der Zukunft
Steht nahe dem Rafn, dem Skalden,
Blutiger Tod!«

Er konnte ein tiefes Erbeben seiner Glieder nicht ganz zurückdrängen.

Helga jedoch blieb, einem Steinbilde vergleichbar, ohne Bewegung auf ihrem Lager sitzen, nur daß sie die Lippen kaum merklich rührte, um diese Worte hervorzubringen:

»Den Tod Rafn des Skalden, welchen sie meinen Ehegatten nennen, den werde ich nimmer beweinen. Du und Ihr Alle, Ihr habt mich betrogen. Ich fühl' es durch meine weissagende 138 Seele hinziehen. Gunlaugur ist heimgekehrt nach Island!«

Sie schien noch etwas Strenges hinzufügen zu wollen. Aber plötzlich brach sie in sänftige, reichquillende Thränen aus, und weinte noch sehr lange so fort.

Ein paar Tage später kam die Kunde nach Mosfelli, Gunlaugur seye wirklich heimkehrend auf der Insel gelandet, und habe just am Tage des Winter-Anfangs die Schwelle seines väterlichen Hauses betreten.

Seit dieser Bothschaft hat Schön-Helga vollends den unglücklichen Skalden Rafn keines freundlichen Blickes mehr gewürdigt. Sie begehrte streng nach Borgarfiörde in ihres Vaters Wehrfeste zurück. Rafn willfahrte ihr und geleitete sie dorthin. Aber das half ihm zu nichts. Fremd blieb sie und kalt gegen ihn, wie ein unerfreulicher Traum, und er nannte sie auch wohl öfters seitdem nur: meine Todes-Norne.«

Und doch behielt er sie noch immer im tiefsten Herzen auf eine seltsame Weise unaussprechlich lieb, so daß man ihn bisweilen wohl hat vor sich hinsingen hören: 139

»Und hätt' ich all meinen Jammer vorausgesehn,
Doch ließ ich, was geschah, auf's neu geschehn.
Und hätt' ich, Schön-Helga, dich gleich so zornig erschaut,
Als jetzt du mir dräuest, ich grüßte dich dennoch: Braut!
Und wüßt' ich: All das wird mir nun ein blutiger Tod,
Doch würb' ich wieder um Liebes- und Todesnoth.
So ficht es denn aus, mein ritterlicher Geist,
Und fahre hin im Sange, wohin dich Schicksal reißt!« 140

 


 

 << Kapitel 75  Kapitel 77 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.