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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 74
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Das ward eine trübe Reise. Denn ob auch Gunlaugur bisweilen ein Roß bestieg, wie die Leute aus den Gehöften es gern dem berühmten und geliebten Jüngling darbothen; die Schmerzen des verletzten Fußes mehrten sich nur, wenn der so von dem Rossesrücken herniederhing, und das Blut da hineinschoß; wie denn schon mancher kühne, von Unfällen betroffne Reiter Ähnliches erfahren hat.

Dann sprang der Gunlaugur wieder vom Gaul, sich den Fuß auf der Wanderung festzutreten. Doch eine ohnmachtähnliche Schwäche wandelte ihn dabey an, und er sprach am vierten oder fünften Tage der Fahrt zu Hallfredur:

»Ich war doch ein überaus hochmüthiger Thor, als ich beym ersten Zusammentreffen mit dem 124 edlen Eirekur Jarl, damahls just durch einen Ankerstoß mich wund fühlend, sagte, nie würd' ich hinken, derweil mir Ein Bein so lang blieb als das andere. Nun sind sie mir Beyde gleichlang, und nun hink' ich dennoch, und vermag nicht recht zu reiten, und vermag nicht recht zu gehen. Und fürwahr, ich meine, wenn ich mich auf einen Wagen heben ließe, gleich dem sehnsuchtkranken Halbgott Baldur aus unserer alten Sagenwelt, das Haupt würde mir dennoch schwindeln, und die Seele mir taumeln vor wunderlichen Schmerzen. Ach, Hallfredur, ist das die Heldenstärke, auf die wir uns oftmahlen so sehr viel einbilden?«

Der wirre Skalde sang:

»Wir sind so weise,
Wir sind so witzig;
Wir wähnen, zu spähen
Was spenden die Nornen!
Und schmerzet ein Zahn uns,
Und schüttelt ein Fieber uns,
Nur wenig wissen von Nornen wir!
Nur kaum von uns selber mehr!«

»Das soll dennoch nicht wahr bleiben an mir!« sagte Gunlaugur trotzig, und riß sich, schon halb zusammensinkend, empor, und zwang 125 sich vorwärts. Dergestalt reiseten sie mitsammen noch ein paar Nächte und Tage fürder.

Als die siebente Nacht hereinbrach, sagte Gunlaugur:

»Bilde Dir nicht ein, Hallfredur, mein treuer Gefährt, es seye Schwäche, die mich etwa jetzt so viel langsamer gehen ließe, als vorhin. Es ist etwas Schöneres; es ist etwas Schmerzlicheres. Siehe, dort aus dem Gebüsche steiget der stille Giebel von Gilsbacka, meines Vaters Gehöft, empor. Wie mich da so wunderliche Erinnerungen anwehen, von Liebe und Streit, und Zank und Versöhnung, von Kinderspiel und Jünglingslust –«

Er verstummte, und schritt eiliger fürder.

»Wie denn?« sagte Hallfredur. »Und doch wendest Du Deinen Gang seitwärts ab von der geliebten Heimath, als wolltest Du fliehen vor ihr!«

»Hast Du vergessen, Du edler, wirrer Skalde, wo ich hin muß?« entgegnete Gunlaugur. »Ach, dorthin ja, wo es mich hinruft mit gewaltigerer Sehnsucht, als Heimath, Herd, und Vater und Vaterland, ja wohl selbst, als der Ruhm zu entzünden vermag in einer muthigen Brust! Und doch, mir kommt hier Alles so anlockend vor; mir wird fast wie sonst, wenn als Knabe 126 mich meine wilde Laune erfaßte, und die freundlichen Geschwister zu mir sprachen: »Was treibt dich denn von uns, Gunlaugur? Wir sind ja so vergnügt. So spiele doch mit, und sey auch vergnügt.« Trüb dann und stumm rannte ich von hinnen, ohne selbst zu wissen, was mir fehle. Sie mochten mich dann wohl für einen recht trotzigen Burschen halten. Ach und in meinem Innern quoll ja doch eine ganze Fluth von Thränen, und wenn ich recht einsam war, weinte ich sie auch wohl hin und wieder einmahl reichlich aus. Waren das Ahnungsthränen? Ich weiß nicht. Es ist sehr, sehr lange her, seit ich das Letztemahl geweint habe. Weg damit! Laß uns lieber zuhören, wie dorten der wackere Bauer, von seinem Acker heimkehrend, ein so überaus fröhliches Lied anstimmt. Es ist doch ein gar sangbegabtes Land, unser liebes altes Island. Horch!«

Und der Bauersmann sang folgende Worte in die frische Abendluft hinein:

»Ein Gast hat Abschied genommen,
An Gaben reich und mannigfalt.
Ein Andrer ist wieder gekommen,
Der ist ein wenig karg und kalt. 127
Doch müssen auch solche Gäste seyn,
Und gastlicher Wirth spricht niemahls: Nein,
Wann Einer anklopft, »laß mich ein!«
Hei Winter! Winters Anfang,
Auch du sollst schön willkommen seyn!
Heut kamst du uns herein!«

»Winter! Winters Anfang heut!« schrie Gunlaugur, und strengte sich zum gewaltigsten Lauf an. Aber die furchtbar überreizte Natur versagte endlich auch diesem Starken ihren Beystand. Taumelnd stürzte er zu Boden, und Hallfredur und die übrigen Genossen trugen den Ohnmächtigen nach Gilsbacka zu seinem Vater hinein. 128

 


 

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