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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 70
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Unterweges war noch viel von dem wirren Skalden die Rede. Eirekur Jarl berichtete, wie eine dunkle Saga gehe, Hallfredur habe vor vielen Jahren im Provenzalenlande eine wunderschöne Maid gesehen, vergeblich um deren Liebe werbend, und daher seye dieser verwirrende Schatten in sein Leben hereingeweht. »Es soll nähmlich,« fuhr er fort, »ein sehr fröhlicher Frankenritter sich ihm als beglückter Mitwerber gesellt haben. Und daher sein Unwille gegen Lachen und Spaß. Denn nicht nur in der Liebe, sondern vielmehr allerwärts kam ihm der lustige Frank als Nebenbuhler entgegen, unabsichtlich meist, die Beyde nur immerdar wie durch tolle Stürme zusammengeweht, und stets gewann der lachende Gegner über den ernstsinnigen Nordmann den Preis. Und das Tollste war, 84 Hallfredur mußte oft mitlachen über des Widersachers Spässe, wenn ihm just das Herz recht tief über das Wehe des Erliegens blutete. Davon auch soll sein Gesicht den starrgewordnen Ausdruck eines nie freywerdenden Lächelns angenommen haben. Aber genug für jetzt von dem schauerlichen Wunderling. Ich seh', es hat Euch trübe gemacht, mein edler Gast.« Gunlaugur entgegnete nachdenklich: »Es war da Etwas in Eurer Rede, mein edler Wirth, das mich mahnte, wie Ahnungsklang aus unberührten Skaldensaiten um Mitternacht. Von den Zweyen mein' ich, die sich immer als Nebenbuhler trafen; o wartet; wie hieß es doch? Unabsichtlich meist, die Beyden nur immerdar wie durch tolle Stürme zusammengeweht! Klang es nicht so?«

»Mag es geklungen haben, wie's kann!« entgegnete unwillig der Jarl. »Laßt uns die Rosse spornen. Zum Mahle! Zum Freudebringenden Mahle!«

Und rüstig sprengten Alle mitsammen bergan.

Doch mitten unter dem Roßgewieher und dem raschen Durchjagen entgegensausender Lüfte und dem Gedonner der erzbeschlagenen Hufe über den Steinweg hin, fragte Gunlaugur den Jarl:

»Woher kamen Euch jene Kunden von den 85 Schickungen des wirren Skalden? O sagt es mir gleich! Als Gastgeschenk muß ich es von Euch begehren.«

Und Eirekur entgegnete nachgiebig, doch düster:

»Wenn Ihr durchaus fürder von ihm hören wollt, und freylich, Ihr habt Euch ja sogar entschlossen, mit ihm zu schiffen über das herbstliche wilde Meer hinaus! da sollt Ihr wissen: Er singt sein früheres, schmerzgebärendes Leben den Wäldern und den Fluthen und den Bergen so oftmahlen vor, daß auch die Menschen Vieles davon vernehmen. Und dann hat er auch Pergamente mit schöner Runenschrift davon vollgeschrieben, o viele Bücher und Rollen! und die liegen unter alten Grabeshallen und Burgtrümmern und Strandhöhlen mannigfach verstreut. Bisweilen findet dann Einer oder der Andere solch ein Bruchstück, zerreißt es, oder bewahrt es, oder bildert spielend darin; je nachdem nun eben des Finders Natur es mit sich bringt. Aber die Spuren von vielen dieser Dinge möchtest Du wohl noch auffinden, wenn – doch, o Gunlaugur, Du willst Dir ja keine Zeit mehr nehmen, an diesem Sagastrande zu verweilen.

86 »Nein, nein!« rief schmerzhaft der Jüngling aus, und seine Rede ward ihm zum Gesange:

»Mich treibt ja eigne Liebe!
Mich treibt ja eignes Leid!
Und ob mir dunkel bliebe,
Bis an den letzten Streit,
Der wirren Skalden Leid,
Mich treibt ja eigne Liebe!
Mich treibt ja eignes Leid!«

Zugleich spornte er das Rost zu noch kühnerem Laufe an. Eirekur Jarl und seine Ritter, um sich in keiner Reiterkunst beschämen zu lassen, thaten dasselbe, und so brauste der Zug in Kurzem durch das Hofthor der schönen Hladiburg hinein, und Fest und Sang und Mahl verbreitete Freude durch die Hallen.

Wie man nun in bester Lust bey den Bechern saß, und mehr und mehr die Herzen aufgingen, fragte endlich Gunlaugur seinen edlen Wirth:

»O lieber Herr, woher mag es doch kommen, daß ich Euch so durchaus verwandelt wiederfinde?«

»Wie meinest Du das eigentlich, mein Gastfreund?«

»Offen heraus, mein Wirth: Ich meine es so. Einen starren, stolzen, kaltverdrießlichen 87 Klugmann hatt' ich in der Hladiburg damahls verlassen; einen frischen, frohen, freundlichen Herzensmann find' ich wieder. Wer hat Euch das angethan?«

»Du selbst, mein Gunlaugur, und dann auch der Weltlauf mit. Siehe, ich wollte mehr und mehr erreichen auf Erden. Es war mit meinem Begehr und dem Erfolg, wie etwa mit einem überweitem, seltsamlich gefeieten Kinderkleide, das sich allemahl noch weiter dehne und strecke, sobald das Kindlein hineinwüchse; und wäre der Knab auch endlich zum Riesen geworden von Thurmesgröße, das Hexenkleid hätte sich zu Bergeshöhe und Bergesumfang ausgedehnt. Da würde es dann endlich dem erwachsenen Manne zu toll, fort und fort in so verdrießlich weiten Falten und Schleppen einherzutaumeln, und er schleuderte von sich mit raschem Entschlusse das hemmend lästige Zeug, und fühlte nun erst sich als frischer Held in seiner ganzen Vollkraft. Die Bothschaft von jenem edlen Liedesspruch, womit Du meinen Ruhm in der Sigurdurhalle vertheidigt hast, sie lenkte zuerst wieder meine Sinne in Ehrfurcht und Liebe auf den Gesang, dem ich mich bis dahin überhaupt sehr fern gehalten 88 hatte, vermeinend, er hindere mich zerstreuend an dem, was ich meine grossen Entwürfe nannte. Wer nur aber erst dem Liede seine Seele frey und stark aufthut, dem thauen schon nach und nach von selbst Weisheit und Freude mit herein. Dazu ließ der Weltlauf mir hinlänglich viel mißlingen, um mich aus dem abgöttischen Traumvertrauen auf meine Klugheit zu erwecken; und doch hinlänglich viel ließ er mir gelingen, um mich bey frischer Thatkraft und Lust und Liebe zur Gegenwart zu erhalten. Ey, mein Gunlaugur, wir leben jetzt ein gar fröhliches Leben hier. Verlebe den nahenden Winter mit uns! Wer weiß, ob auf Island –«

Er hielt nachdenklich inne, und sahe ernst zu Boden.

»Wisset Ihr Etwas von dorten?« rief Gunlaugur aus. »Ist Schön-Helga todt?«

»Sie lebt!« sagte beruhigend der Jarl.

»Und wisset Ihr sonst?« fragte der Jüngling! oder vielmehr, er wollte es nur fragen. Denn in diesem Augenblick sah er des wirren Skalden griechischen Feuerdrachen in's dunkelnde Gewölk emporsteigen, und hörte gleich darauf dessen zerprasselndes Donnergekrach.

89 »Wohlan!« rief er. »Mit eignen Augen soll ich schauen. Island ruft und mein Schicksal!«

Damit drückte er Jarl Eirekurs Hand voll freundlicher Heldenkraft, und eilte nach der Meeresbucht hinunter. 90

 


 

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