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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 68
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Schön und immer schöner mit jedem Tage schwangen die Angelnkrieger unter Gunlaugurs Anleitung ihre Speere und schwenkten sie Klinge und Schild. Die Rosse hatten sie zwar von jeher zu tummeln verstanden; aber doch lehrte sie der Nordmann die edelschlanken Thiere fester zwischen Zaum und Schenkel halten, sie zum plötzlicheren Stehn aus vollem Lauf bändigen, und sie vom Stillstehn zum plötzlicheren Lauf ansprengen. Wo Mann und Roß tüchtig sind, wie bey den Englandsgeschwadern, ist dergleichen Übung für den tüchtigen Führer eine große Lust, und so wäre dem Gunlaugur die Zeit wohl in edler Kampfeserwartung fröhlich genug verstrichen, nur daß ihn Helga's Liebe an die Heimkehr nach dem gesangreichen Island mahnte.

69 Und eben damahl, vielleicht das Einemahl nur, ließen die Dänen mit dem Kampf auf sich warten. Wer mag ermessen, welch eine wundersame Schickung ihre kühnen Schwerter in den Scheiden hielt, während sie dennoch, bedrohlichen Wetterwolken vergleichbar, theils in den Burgen festhielten, theils an den Küsten umherkreuzten.

Mond auf Mond nahm ab und zu, und wie ein von Zaubersprüchen Festgebannter sahe Gunlaugur die thatenleere Zeit an seiner ungeduldigen Kämpfer- und Bräutigams-Seele vorüberziehen.

Einstmahlen griff er beym Festgelag zur Harfe, trat vor den lieben, alten König hin, und sang folgendes Lied, während die Saiten dröhnten, wie ein fernaufdonnerndes Frühlingsgewitter:

»Du hast den Harnisch ausgezogen
      Und thatst dran gut, du edler Greis!
      Mich aber, mich hast du umzogen
      Mit allzu engen Bannes Kreis.

Du hältst am raschgegebnen Worte
      Mich von ersehnter Heimath fern.
      Erschleuß, erschleuß die heil'ge Pforte!
      Du bist mein Fürst, doch nicht mein Stern. 70

Will dir der Däne kommen, komm' er
      In nächster Monde Vollmondslicht.
      Doch kommt er nicht in diesem Sommer,
      Dann, König, wart' ich langer nicht.«

Der König sprach zur Antwort:

»Das Alter nahm die Liedesstimmen
    Mir aus der Kehl' und aus dem Arm
    Die Kraft, durch's Kampfesmeer zu schwimmen;
    Doch glüht mein Geist noch frisch und warm!

Und tönt dich an mit ernster Frage:
    Mein Kriegsmann du, geziemt es dir
    Davon ziehn vor dem Kampfestage?
    Zieh, hält nicht eigner Geist dich hier!«

Da ward Gunlaugur feuerroth, wie eine Flamme, und verstummte, und blieb.

Als aber wiederum eine Zeit verlaufen war, ohne daß die Dänen angriffen, setzte er sich eines Morgens vor die Pforte der königlichen Pfalz, stieß wiederhohlt in sein mächtiges Heerhorn, und sang dazwischen folgende Worte:

»Feind herbey! Feind herbey!
Mach gebannten Adler frey!
Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen! 71

Feind rück an! Feind rück an!
Lös' mir strengen Wortes Bann!
Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen!

Ach mich lockt auf ferne Bahn,
Ein geliebter, weißer Schwan!
Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen!

Bleib' mein Lieb auch lang' mir fern;
Aber flamm', o Kampfesstern!
Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen!

Ferne Lieb und Kampfesrast,
O der Last! o der Last!
Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen!«

Da sprach König Ethelred aus dem Bogenfenster seiner Burg mit ernstfreundlichem Lächeln hinab:

»Ruf' nicht so nach der Gefahr,
Du gebannter Kampfesaar!
Rufst mir ja endlich noch her in die Pfalz alle Dänen! 72

Zeuch nur, zeuch dir ferne Bahn
Zum geliebten weissen Schwan!
Wir sind gerüstet, und kämen auch wirklich die Dänen!

Adlermann! Adlermann!
Los ist deines Wortes Bann.
Fleuch du zum Schwan, und denke nicht mehr an die Dänen!«

Da hätte man sehen sollen, wie der Gunlaugur aufsprang, nun wirklich einem Adlermanne vergleichbar, dem ein zauberisch unsichtbares Band plötzlich von den starken Fittigen gefallen wäre. Er streckte seine Arme weit und feurig aus, dem flammenden Morgenroth entgegen, und einen dankenden Feuerblick nach dem Könige emporsendend, eilte er von hinnen, sich ein Schiff zu erkunden und zu bereiten.

Es lag eines fertig zur Fahrt gen Norweg, und von da gab es wohl meist immer schwellende Segel, nach allen Gegenden der Welt hin, und vorzüglich auch nach dem stammverwandten Island bestimmt.

Noch am selbigen Abende schied Gunlaugur vom König Ethelred, mit edlen Gastgeschenken reichlich begabt. Der alte Herrscher legte ihm 73 segnend die ehrwürdige Hand auf das dunkelwilde Lockenhaupt und sprach:

»Es reißt Dich so stürmig fort, junger Freund. Ach möge doch das nur einmahl ein Zug des Glückes seyn! Aber Stürme geleiten selten zu dem erwünschten Port.«

Da sagte Gunlaugur etwas unwillig: »Stürme! Die ließe man sich wohl noch gefallen, und würd' auch schon fertig mit ihnen. Wenn nur die langen Windstillen nicht wären!«

»Bist Du mir böse, Gunlaugur?« fragte voll milden Ernstes der Greis.

Der Jüngling aber entgegnete freundlich: »Meine Braut ist Schön-Helga; Eure Braut ist Schön-England. Und Jeglicher sorgt billig für das Seine zunächst.«

»Gott segne uns und unsere Bräute!« sprach König Ethelred, und somit sind die Zweye in großer Liebe und Freundschaft vonsammen geschieden. 74

 


 

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