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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 66
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Es wollte sich das Lied
    Auf Islands Borde setzen,
    Und dort am Herde netzen
    Mit Thau manch Augenlied.
    Doch, wie es oft geschieht,
    Man blieb daheim so wohl gerne,
    Indeß der Gang der Sterne
    Doch unverseh'ns zur Ferne
    Mit Zauberkraft uns zieht.

Das mag dem Nordlandsmann
    Vor Allen oft begegnen!
    Wann just der Wehmuth Regnen
    Von seiner Wange rann,
    Just dann, wie Zauberbann.
    Faßt kühne Lust ihn heftig,
    Reißt ihn zur Irrfahrt kräftig!
    Die Saga tönt! Kühn heft' ich
    Gunlaugurs Fahrt mich an. 59

Gefällts Euch noch Einmahl,
    Dem Jüngling nachzuringen,
    Mit ihm sich fortzuschwingen,
    Ob Meer und Strand und Thal.
    Auf all der Meilen Zahl,
    Drauf wir ihn jetzt begleiten,
    Bleibt treu er der Geweihten,
    Und zählt im letzten Gleiten
    Doch herb mit Seelenqual!

Habt denn immer noch ein wenig Geduld mit dem armen wilden Gunlaugur, und wendet Euern Blick nicht von ihm, so viel ihr diese Geschichten leset, ihr lieben holdseligen Frauen, und ihr muthbegabten, sinneskräftigen Männer.

Gunlaugur Drachenzunge wäre gewiß mit seinen Geschenken zur rechten Zeit nach Island heimgekehrt, um sein schönes Lieb heimzuführen. Aber da sah er die feyerlich weißen Küsten der Angelsachsen-Insel, auch sonst Albion geheissen, mit Eins aus der See emporsteigen, und es ward ihm, als mahne ihm der greise, freundliche König Ethelred: »Ey, Du! Willst Du mir wirklich so ohne Gruß vorüberfahren? Und ich hatte Dich ja doch so lieb!«

Zugleich auch kam es in des Seefahrers Sinn, ob nicht der edle Herrscher dort vielleicht seines 60 kräftigen Arms zu irgend einer That bedürfen möge. Und so wendete er rasch das Steuer nach der Thamesströmung ihm wohlbekannter Einfahrt hin. Denn ob man gleich nicht ohne Grund ihn Drachenzunge benannte, hätte man ihn doch gewiß nimmer mit Recht Drachenherz heissen mögen, sondern vielmehr–wie später in die Welt einen König eben dieser Albions-Küsten mit grossem Rechte benannte – Löwenherz. –

Als nun für dasmahl Gunlaugur an der Lunduni-Burg landete, sah er mit Erstaunen, daß Alles sich hier so kampfbereit anstellte, wie er es vormahl in dieser Landschaft nie gewohnt gewesen war. Nicht etwan, als hätte man ihm selbst seine Landung verhindern wollen. Man erkannte den raschen Nordlandjüngling sogleich wieder, indem sein Schiff mit vollen Segeln, einem kühn, die Fittige blähenden Schwane vergleichbar, fluthan zog, und der junge Held auf dem Verdecke stand, das Steuer regierend, an seine goldleuchtende Hellebarde gelehnt, von dunkelwilden Locken umflattert, vom prächtigen Waffenmantel umwallt, mit gebiethendem Wink umherschauend, als sey es er, welcher über die Wogen der Tiefe und über die Stürme der Wolken 61 feste zu gebiethen habe. Laut jubelte ihm die Menge entgegen: »Gunlaugur! Willkommen, Drachenzunge Gunlaugur! Schrecklicher Blitz unsern Feinden! Fröhliches Licht unsern Heeren!«

Wäre Gunlaugurs hölzernes Seeroß – die Nordländer benennen ja oftmahlen ein Meerschiff also – ein wirklich lebendiges Roß gewesen, es hätte wohl scheuen müssen vor dem unbändigen Jubel der bewaffneten Menge. Aber auch dann gewiß hätte der kühne Isländer es zu bändigen gewußt. Und jetzt wandte er durch seine Steurergewalt das ungestüm treibende Schiff rasch an den Ankerplatz, und ließ es so kühn dahinanlaufen, daß viele der Mannen auf dem Verdeck zu Boden stürzten, vor dem gewaltigen Stoß, in ihren Waffen zusammenklirrend, Fahrzeug und Ufer erdröhnten davor.

Gunlaugur aber stand lachend fest. Als der Anker geworfen war, sprang er in's Wasser, schwamm mit all seinem Gewaffen vollends uferan, während seine Gefährten sich noch vergeblich beeilten, für ihn und sich das Boot hinabzulassen, und am Thamesufer stehend, sagte er mit stolzfreudigen Blicken:

»Nun, was gibt es denn hier, lieben Leute, daß Ihr so in Waffen seyd, auch solch eine 62 ausnehmende Freude zu meiner Ankunft habt? Krieg muß im Anzuge seyn. Das begreift sich aus Allem. Aber wer zieht gegen Euch? Wo ist Euer Feind? Wie bald können wir ihn anfassen? Je eher, je lieber, sage ich Euch. Denn ich möchte Euch gern recht von Grund aus helfen, und habe wenig Zeit dazu.«

»O Gunlaugur,« entgegneten ihm die Wortführer der jubelnden Menge, »Du wirst auch gar nicht überlange auf unsern Feind zu warten brauchen. Im Dänenland ist König Kanut der Reiche, des alten abgeschiednen König Swend Sohn, zu Thron und Herrschaft gekommen, und weil aus Jenes Tagen her noch einige Albionsburgen in dänischer Kriegsleute Händen sind, meint nun der junge, übermüthige Herr, es solle ihm ein Leichtes werden, diese ganze schöne Englandsinsel zu erobern. Mag seyn, daß er es mit in seiner jugendlichen Hoffnung Wagschaale wirft, wie unser guter König Ethelred nun schon so sehr alt geworden ist. Nun, deßwegen sollte ihm die Albions-Eroberung noch immer Blut genug kosten und auch manchen mühsamen Arbeitstag. Aber schaden kann es doch wahrhaftig auch gar nicht, sondern sehr viel helfen, wenn ein junger Held, wie Du, o Gunlaugur, an die Spitze 63 unserer Schaaren tritt. Du, dem Könige lieb und vertraut, Jedwedem unserer Kriegsmannen hochverehrt und in allen Norderlanden als ein gewaltiger Fechter berühmt!«

Das freute den Gunlaugur bis in die tiefste Seele herein, und er dachte: »Was sie hier wissen, wird ja auch zu Schön-Helga's Ohren kommen. Fahren doch so viele Isländer in der Welt umher, welche nach der Heimath-Insel schöne neue Kunden heimbringen, und auch vorzüglich von Ruhmeskränzen wackerer Islandsöhne gern erzählen!« Und während er das so recht frisch empfand, hatte er auch schon den Englandsmannen mit lauter Stimme die fröhliche Verheissung gegeben, er wolle nicht eher wiederum von hinnen ziehen, als bis keine Kriegsgefahr das Eiland mehr bedrohe. Da hätte man erst den Jubelruf der Albionskrieger hören sollen, und das schöne Zusammentönen ihrer wohlgeschmiedeten Waffen! Denn sowohl in der Kunst, dergleichen zu fertigen, als auch in der Gabe ihre Bewunderung aus recht freyem Herzen und mächtiger Kehle auszuströmen, mochten sie schon dazumahl für Meister gelten.

Als man den Gunlaugur in König Ethelreds Hallen geleitete, schritt der alte Fürst in voller, schwerer Waffenrüstung seinem 64 jugendlichen Gast entgegen. Aber sobald er ihm die Hand geschüttelt hatte, und ihm ganz nahe in's Auge gesehen, winkte er seinen Knappen, und sagte lächelnd:

»Entwappnet mich, und bringt mir ein Ruhebett herbey, wie sich das Alles wohl für mein hohes Königsalter geziemt. Gunlaugur Drachenzunge wird ja nun wohl dafür zu sorgen wissen, daß meine Schaaren kampfbereit sind und meine Küsten wohlbewacht. Ich danke dem Herrn der Himmel und Erden, daß er mir altem Königsmann einen so feurigen Engel zum Verfechter meiner Helden und zum Lichtstern meiner dunkelnden Augen gesendet hat.« Und als nun Alles geschehen war nach seinem Geboth, und er so behaglich in Purpur- und Hermelin-Decken vor seinem jungen Freunde da lag, winkte er mit heiterem Lächeln seinen Mannen, ihre Blicke nach dem Isländer zu richten, und flüsterte:

»Der wird nun einstweilen sorgen.«

Dann senkte er seine grossen ernsten Augen zu einem seit lange schon entbehrten, recht tiefen und stillen Erhohlungsschlummer, während ein wundersam holdes Lächeln um des Greisen träumerisch bewegte Lippen zog. 65

 


 

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