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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 63
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Es blieb darnach eine Zeitlang sehr still auf Island, unterschiedliche Wetterstürme abgerechnet, welche bisweilen aus den See- und Landnebeln auftauchten, und mit entsetzlichem Brausen über die Insel hinraseten. Das Wetterleuchten wollte dann gar nicht aufhören, und spiegelte sich in den Meeresfluthen und in den Nebeln auf eine höchst räthselhafte, und für einen Fremden sinnverwirrende Weise. Die Isländer aber sind an diese und ähnliche staunenweckende Erscheinungen vorlängst gewöhnt, und haben es schier an der Art, die Fremden etwas auszulachen, wenn die sich über dergleichen verwundert bezeigen.

Man hat dieß Inselland mit großem Rechte das Land der Sagen genannt. Man könnte es auch wohl das Land des Staunens heissen. Selbst Eingeborne, wenn sie einige Zeit lang von dem 32 Eilande fern gelebt haben, können sich öfters nicht der Verwunderung über manches Seltsame, welches dorten vorgeht, erwehren.

So ging es auch dem Skalden Rafn um diese Zeit.

Eines Spät-Abends unter Andrem, als er noch einsam vor der Hausthür seines Vaters stand, und auf Skapti den Rechtsgelahrten wartete, von welchem er meinte, Bescheid über seine immer noch aufgeschobene Werbung um Schön-Helga zu erhalten, sahe er, früher unbemerkt von ihm, ein hochgewaltiges Leuchten am nächtigen Himmel aufgegangen.

Gelbliche Lichter flammten empor, anmuthig in Roth und Grün spielend, oder auch in andere verwandte Farben hinüber, und ihm ward es, als hätten Engelskindlein Blumengärten im Himmel angebaut, welche nun so schauerlich anmuthig herniederfunkelten in die Welt, als wollten sie den menschlichen Geist anmahnen: »O ranke Dich empor zu uns! Hier wohnen die rechten Lichter und Farben und Freuden! Hier ganz allein! Was treibst Du Dich um in dem wirren Dunkel da drunten, wo Du Schiffbrüchiger Dich an Felsenspitzen anklammern mußt, welche Deine Glieder zerbrechen oder mindestens doch aus 33 Deiner zerrissenen Haut einen Quell Deines Lebens in rothen Tropfen hervorreissen. O komm Du lieber herauf! Hier oben ist es kühl und dennoch glühend auch zugleich. Die Palmen, welche nach uralten Sagen einst auf Island geschattet haben und nun noch als versteinte Gerippe von Euern Bergleuten tief unter der Erde gefunden werden, sie grünen und rötheln und glänzen hier wiederum frisch und hold über Euerm veraltenden Eiland durch die Sturmesgewölke, und winken nach Euch, wie nach dem verarmten Bräutigam die reiche, schöne und noch immer unaussprechlich liebende Braut!«

Rafn schlug beyde Hände vor seine Augen, und stöhnte: »O weh. Nicht also ist es mit meiner Werbung um Schön-Helga bestellt.«

»Warum denn wär' es damit nicht gut bestellt?« sagte Skapti, welcher jetzt eben von Borgarfiörde her auf seinem bequemen Pferdchen herangetrabt kam. »Warum denn nicht?« wiederhohlte er fröhlich. »Zwar das Jawort eben bringe ich noch nicht so ganz bestimmt, aber doch die besten Anzeichen dazu.«

»Beste Anzeichen!« rief in wilder Wehmuth der Skaldenjüngling aus, indem er zugleich wieder die Hände von seinen Augen fortriß. »Beste 34 Anzeichen! Siehest Du denn nicht, wie der ganze Himmel in fröhlichen Lichtflammen über Island herableuchtet? Und das Meer auch möchte gern ihn abspiegeln. Aber das hat keinen rechten Muth dazu, und zuckt nur so scheuend auf und nieder in all seinen Wogen, die tiefe, grausige Nacht vor den geahneten Himmelslichtern um desto schauriger offenbarend! Und dann vollends dieß starre Island, sich hüllend in tiefe, schwarze Wolkenschleyer zum bleischweren Todesschlaf. Skapti, auch uns laß schlafen! Und keine Rede von Verlobung und Hochzeit wollen wir aufkommen lassen für heute. Wahrhaftig, der Himmel sieht allzufurchtbarlich prangend darein, und allzu schwärzlich verschleyert bergen sich Meerfluth und Insel vor ihm.«

»Das ist so bräutlich-blöde Weise!« sagte Skapti, etwas verwildert von Rafn's wunderlichen Worten. »Wenn Meer und Island blöde thut, weil unversehens der buntstrahlende vielgereiste Bräutigam emporsteigt am Kreise der endlos wechselnden Zeit, weil Nordlicht kommt, anstatt der Sonne oder des Mondes; was thut dem leuchtenden Nordlicht das?«

»Nordlicht?« wiederhohlte Rafn in ernstem Nachsinnen, und setzte dann hinzu: »Aber horch! 35 Wie brauset und rauschet es so wunderbarlich in der Luft? Und was knistert so seltsam ringsumher, wie funkendurchzucktes Reisig kurz vor der erwachenden Flammengluth? Das sind mir wunderliche Bräutigamsgrüsse! Das sind mir Brautlieder von entsetzlicher Art!«

Skapti entgegnete, wieder nun ganz ruhig und besonnen:

»Ja so! Du bist freylich sehr jung von Island ausgezogen, und zwischen vielen wechselnden Eindrücken der Fremde mochte Dir manche Erinnerung der Heimath verlöschen. Sonst würdest Du von selbst bedacht haben, daß die Menschen in den minder nordlich hohen Landen nur den matten Abglanz jenes reich in Gluth und Farben strahlenden Lichtes kennen. Auch streiten sie dorten mit sehr weislichen und vielverschlungenen Reden darüber, ob das Nordlicht wirklich ein feyerliches Brausen in der Luft mit sich bringe, wie doch schon jegliches waffenleuchtende Heer einen feyerlichen Liedes- und Hörnerklang mit sich bringt! Und dieses wunderbare Knistern, wie von erwachender, noch leise vor sich selbst warnender Feuersbrunst; das hören die Südermannen freylich gar nicht, weil sie so weit aus 36 dem Schwunge dieser drohend leuchtenden Nordlandsflammen wohnen.«

»Ganz recht! ganz recht!« sagte Rafn mit nachdenklichem Kopfnicken, und seine Wangen rötheten sich höher, und seine stolzen Blicke flammten kühner auf, und feuriger fuhr er in seiner Rede fort:

»Wie ein Zaubertraum war das Alles in meiner Seele noch wach! Aber in den zahmen, glattgeschliffnen Landen, und vor der zierlichen, niemahls widersprechenden Art und Sitte, die Ihr mir schon von frühauf eingeflößt hattet, machte ich am Ende mir selber weiß, das seye wirklich nur ein Traum gewesen. Und darüber kam es mir nun heute vor, als wolle jenes bedrohliche Kampfesgesaus in den Wolken; jenes unsichtbar zuckende Funkengeknister rings um mich her, als wolle das allzumahl mich abmahnen von der Werbung um Schön-Helga. Nun aber! – sind es ja doch nur lustige Scherze der alten Mutter Island – nun –«

Aber Skapti unterbrach ihn sehr ernst mit den Worten:

»Lustige Scherze? Nein, Rafn, fürwahr! Nicht also frevelhaft hab' ich zu Dir gesprochen. Island ist freylich unsere liebe Mutter, aber eine 37 sehr ernste Mutter ist sie dennoch. Und wenn an einer Solchen die Kinder absonderlich gestrenge Mienen sehen – wie oft auch dergleichen vorkommen mag – soll Jegliches immerdar bey sich gedenken und erwägen: Mag seyn, daß es eben mir vorzüglich gelten soll!«

Rafn wiederhohlte leise:

»Mag seyn, daß es eben mir vorzüglich gelten soll!« Doch bald wieder kecken Muthes rief er aus: »Was hilft es nun, Altmutter Island. Was hilft es selbst, o du Hochvater Himmel, daß ihr Zweye mich schaurig anflüstert und flammige Blicke durch meine staunende Seele schießt. Der entscheidende Würfel ist gefallen. Das Schachtafelspiel muß seines kühnen Ganges fürdergehen. Schach der Königinn! so habe ich gesprochen. Denn, Skapti, sagtest Du nicht selbst, Du hättest meine Brautwerbung bey Schön-Helga schon ausgerichtet?«

»Gott verhüthe, daß ich so etwas gesagt hätte!« entgegnete Skapti. »Ein Rechtsgelahrter weiß seine Zunge besser zu hüthen, aber eben deßwegen läßt er sich auch von Niemanden etwas aufreden, was er so oder so gesprochen haben soll. Gute Anzeichen verhieß ich Dir, und weiter nichts.«

38 »Beste Anzeichen hast Du gesagt!« erwiederte Rafn trotzig.

»Ach, meinethalb auch das!« sprach unwillig der Gelahrte. »Aber soll das etwan heissen, ich hätte für Dich um Schön-Helga geworben?«

»Nun, so erzähle denn nach der Ordnung, was geschehen ist und was nicht!« sagte Rafn, und sahe flammenden Auges in das flammende Nordlicht hinein, während Skapti folgendes berichtete:

»Vorgestern Abends kam ich in Thorstein's Gehöft auf Borgarfiörde an, und übernachtete dort. Beym Becher des Mahles gaben der edle Wirth und ich einander unterschiedliche Rechtsfragen auf zur kunstreichen Lösung, denn Du weißt ja, er ist in diesem edlen Wissen berühmt auf unserer Insel. Und wie zwey Kämpfer, wenn sie fröhlich mitsammen sind, nur selten unterlassen, einander ihre Waffen zu zeigen, auch wohl sie gegenseitig zu prüfen, und vollends wie zwey Skalden, sich ihre Lieder vorzusingen, also haben auch wir Forscher des Rechtes es dann in der Art, unser Wissen gegenseitig durch manch' eine klugerdachte Aufgabe zu prüfen. Da gedachte ich, o Vetter, Deines Wunsches wegen Schön-Helga, und meinte so vorläufig der Ältern und 39 des Mägdleins Sinn zu erforschen. Frau Jofridur nähmlich und ihre Tochter sassen zwar etwas fern von uns, die wir auf den Bänken in der Halle Platz genommen hatten, oben auf dem Hochsitz, webten, und sangen alte Liebes und Heldenlieder dazu, bald mit hellem Klange, bald mit träumerisch leisem Gesumme. Aber sie lauschten doch auch bisweilen auf unser Gespräch, vorzüglich wenn etwas von Brautstand, Entführung oder sonstigen wunderbaren Minnesagen dabey vorkam.«

»Da brachte nun ich es in unsere Fragen, wie fest wohl eine Verlobung auf Bedingung ohne eigentlich erklärten Brautstand halte, wenn etwa der Verlobte schon lange in der Fremde sey, und man daheim keine Kunde von ihm vernehme. Schön-Helga ward todtenbleich. Frau Jofridur lächelte ernst. Beyde stellten ihr Gesinge und ihr Gewebe ein, und lenkten die schönen Augen achtsam scharf nach uns hernieder. Thorstein aber entgegnete kopfschüttelnd: »Vor Ablauf der Gelobungszeit ist nicht davon zu sprechen, seye der ferne Freyer auch noch so verschollen. Und auch nachher noch muß man eine ganze Zeit darüber hinauswarten. Denn der wunderlichen Zufälle, die einen fahrenden Abentheurer zurück halten 40 können, gibt es viel, und die Grundlage nordischen Rechtes ist Billigkeit. Das siehest Du ja schon daraus, wie bey jeder Vorladung man auf Tage Stunden, auf Monden Tage zulegt, und so weiter. Deine Frage ist also gar keine Frage. Denn kommt nach vollständig abgelaufenem Zeitraum und großmüthig zugelegter Frist ein anderer Brautwerber und ein willkommner, ey nun da!« Und siehe, Rafn, er sahe dazu so freundlich aus, daß mich Alles trügen müßte, oder Meister Thorstein hat sich zusammengereimt, worauf der Pfeil meiner angelegten Rede zielte, und will zum Schwiegersohn eigentlich lieber Dich, als den wilden Gunlaugur Drachenzunge. Ich hätte auch wohl noch Deutlicheres darüber an's Licht gebracht. Aber wunderlich rauschte da unversehens Fittigschlag um den Giebel des Gehöftes her, und Schön-Helga rief im kindisch-mägdlichen Erschrecken. »O Vater, das sind nächtige Adler! Das deutet auf kein Glück!« Und seltsam bestürzt sahen Frau Jofridur und Thorstein sich an, und thaten dem verzognen schönen Kindlein den Willen, Mahl und Gespräch abbrechend; und der Hausvater geleitete mich stumm zu meiner Ruhestätte. Morgens aber trieb mich ein 41 Geschäft zum ganz frühen Aufbruch, und es kam die Rede vom gestrigen Abend nicht mehr auf.«

»Und das nennest Du gute Anzeichen?« sagte Rafn, zornig lächelnd. »Oder vielmehr beste Anzeichen gar?«

»Warum nicht!« erwiederte Skapti. »Ein Umstand, der so gut steht, als er nach der Lage der Sachen stehen kann, mag billig der beste heissen. Ich meine doch fürwahr nicht, Du könnest Dir einbilden, Schön-Helga habe ihre Seele in dem Augenblicke vom Gunlaugur abgewendet, wo sein Schiff die Segel von der Islandsküste abwendete. Oder möchtest Du das wirklich glauben, was hättest Du für Gewinn an einem solchen Sommervogelherzen? Du könntest ja gar nicht einmahl sagen, daß Du es dem Gunlaugur abgerungen hättest. Und davon handelte sich es doch Anfangs allein in Deinem stolzen Herzen.«

»Ja,« entgegnete Rafn schmerzlich, »Anfangs! das heißt: bevor ich Schön-Helga gesehen hatte. Aber nun! Dennoch hast Du Recht, mein Rechtsgelahrter. Wie ich Schön-Helga liebe, darf sie ja nicht als ein leichtsinnig wankelmüthiges Wesen jeglichem neuen Bewerber die wunderholde Engelshand reichen, weil etwa der Früherverlobte um einige Wochen später 42 heimkehrte, als es sein sehnsuchtsvoll gegebenes Wort ihr verhieß. O nein! Sie soll, sie muß den wilden Gunlaugur lieben. Treu lieben muß sie ihn. Und nur meine Liebesgewalt, unendlich glühender, als die seine, und meine Sangesgewalt, unendlich herrlicher, als die seine – in den Waffen mögen wir etwa gleich wiegen gegeneinander – nur solch eine Siegesmacht muß ihre Treue zu mir herüberzwingen, daß er selbst, der trotzige Jüngling, welcher nach ihr zu ringen wagte, gestehen soll, die Sterne gehören den Sternen an, nicht aber können sie sich etwa zu den Funken eines wildsprühenden und unsinnigflackernden Lagerfeuers gesellen.«

»Freund, wenn Du auf solch ein Geständniß Gunlaugurs warten willst,« entgegnete Skapti lächelnd, »da kannst Du ziemlich lange mit Deiner Verlobung warten.«

Doch Rafn entgegnete zürnend: »Welch ein toller Elfe schrillt Dir in's Ohr, daß ich darauf mit meiner Verlobung warten will! Ich will nur, daß Schön-Helga auf diese Weise mir ihre Hand gebe, von Liebesgluth und Sangestönen süß bezwungen. Mag dann der unbeglückt heimkehrende Gunlaugur in seiner stolzen Seele tief 43 zerreissend empfinden, was er sich nicht mehr abläugnen kann. Und den Waffenkampf zwischen ihm und mir, ey nun, versteht sich, daß ich den voraussehe. Was hindert das? Das wird, den Ausgang betreffend, über den Wolken abgewogen; das Ziel meiner Sehnsucht und Rache jedoch habe ich dann auf alle Weise schon lange vorher erreicht.«

Skapti sagte bedächtig:

Wozu den Menschen treibt die Lust,
Das, denkt er, hat er just gemußt.
Und keines And'ren Spruch und Schreyn
Gilt ihm für ein vernünft'ges Nein.
Ermiß denn selbst, was du beginnst.
Das Tuch ausbieth' ich, das du spinnst,
Doch dein sey, was du draus gewinnst!«

»Versteht sich!« sprach der glühende Rafn mit wildem Lachen.

»Nun wohlan!« sagte Skapti. »Vorwärts also!«

»Vorwärts!« wiederhohlte Rafn, und wandte sich nächstenweges zu der Richtung nach Thorsteins Gehöfte, und wollte seinen Vetter rasch mit sich fortziehen. Der Rechtsgelahrte jedoch leistete ernstlichen Widerstand, und sagte in Einem fort dazu:

»Was willst Du denn? Was fällt Dir denn ein? Wo soll denn Dein Weg hingehen?«

»Ey nun,« sprach endlich Rafn ungeduldig, »zu meinem künftigen Brautvater Thorstein soll mein Weg hingehen. Hast ja Du selbst nur eben erst gesprochen, vorwärts!«

»Ja so!« entgegnete Skapti kopfschüttelnd. »Aber, Vorwärts, das heißt nicht allemahl, Gerade drauf los. Das heißt auch bisweilen, in Geduld abwarten, bis es besser wird! Und dennoch ist und bleibt es, Vorwärts! Hier aber heißt es vollends, sich nicht von der Stelle rühren, bis die Zeit abgelaufen ist, in welcher der wilde Gunlaugur heimzukehren verhieß

»Ein allerliebstes Vorwärts!« sprach ingrimmig lächelnd Rafn.

»Das Einzige, welches zum Ziele verhelfen kann!« entgegnete gelassen Skapti.

»Aber es ist ja nur eben eine unsinnige Förmlichkeit damit!« sagte Rafn. »Ich kenne ja diesen unbändigen Gunlaugur. Innerer Sturm muß ihn fort und fort in äussern Sturm 45 verflechten, und vor diesen Stürmen mannigfachster Art ist es ihm rein unmöglich, zu irgend einer fest bestimmten Zeit wieder an der heimathlichen Küste zu landen.«

»Ey nun, desto besser für Dich!« sagte Skapti. »Aber ist denn schon je ein guter Jäger aus dem Anstand vorgesprungen, weil er etwa mit Gewißheit abnehmen konnte, nun komme das Wild ihm bis auf wenige, ganz wenige Schritte nah' in die Schußweite heran?«

»Nein!« entgegnete Rafn, und schien etwas verwundert darüber, daß er so sehr Unrecht hatte.

Da sagte Skapti: »So warte, bis wir uns das nächstemahl auf der Dingstätte zum allgemeinen Rechthalten versammeln. Dann ist die Zeit für Gunlaugurs verheißne Rückkehr abgelaufen. Und dann beginnt die Zeit für Deine Werbung und für Dein zukünftiges Recht. Die Ältern sind Dir gewogen, mehr Dir, als dem Gunlaugur; das geben all ihre Worte und Blicke mir deutlich kund. Das Mägdlein – ey Freund, Du bist ja ein Skalde. Laß Deine Saiten klingen, Laß Deine Träume lauschen, das schafft – wenn's rechter Art 46 ist – das schafft im Waffenstillstand Dir schon vorläuf'gen Sieg!«

»Mir ist, als hättest Du Recht!« sagte Rafn, und ging in das Haus zurück. Man hörte gleich darauf wundervolle Saitenklänge aus den Fensterlucken seiner Kammer über die Thäler hinströmen. 47

 


 

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