Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 62
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Es steht von Island eine weisse Klippe in die See. Um die grünten dazumahl schöne, frische Buchenbäume her, und dunkle Schwarztannen, lauter hohe, gewaltige Stämme, wie sie heutzutage die gealterte Insel nicht mehr zu erzeugen vermag. Und die lichte Klippe leuchtete dazwischen anmuthig hell hervor; fast wie ein schönes Frauenbild zwischen edlen, dunkelgewappneten Heldengestalten.

Aber eine wirklich holdselige Frauengestalt zeigte sich an diesem Morgen oben auf dem Gestein. Das war eben Schön-Helga, angeleuchtet und verklärt von dem lieblichsten Frühroth. Und sie blickte sehnsuchtsvoll in die Meeresfluthen hinaus, und sang: 26

»Wie geh'n die Meeresschäume
    So weiß, fluthaus, fluthein!
    Das sind wohl lichte Träume?
    Geträumt, ach, muß es seyn!
    Die lichten Träume wallen
    Heran vom Ahnungsland,
    Die Schäume leuchten, fallen,
    Und finden nie den Strand.

Der Schaum entsteigt den Wellen,
    Der Wunsch entsteigt dem Traum.
    Und Wog' und Wünsche schwellen,
    Und sind nur Traum und Schaum.
    Es winken süße Lügen
    Dem Menschen allerwärts.
    Und doch soll Keinen trügen,
    Mensch, dein betrognes Herz!

Wohl ist's ein rechter Jammer,
    Wenn sich die Brust erhebt,
    Vor dem selbeignen Hammer,
    Der kühn zu bauen strebt,
    Und doch nicht kann vollbringen
    Das Werk der Meisterschaft!
    O unbeglücktes Ringen!
    O Kämpfen sonder Kraft! 27

O Meeresschaum an Klippen!
    O Fluthen ohne Rast,
    Die ihr mit weichen Lippen
    Nur schroffen Tod erfaßt!
    Die ihr mit lautem Streben
    Verhallt in's stumme Naß!
    Das ist des Menschen Leben,
    Des Menschen Hoffnung das!«

Rafn stand unten am Felsengestad, und hatte Lust, ihr diese letzten Worte nachzusingen. Aber weil er eben voll schmerzender Wahrheit in sich empfand, Schön-Helga seye ja nun wirklich sein Leben und seine Hoffnung geworden, verstummten ihm die Liedesklänge im tiefen Schmerz. Er wandte sich, als die Jungfrau, ohne ihn zu bemerken, die Klippe verlassen hatte, zu dem Rechtsgelahrten, und sagte:

»Das ist nun erst das rechte Elend für uns Alle, und der rechte tiefe Jammer für mich. Siehe, früher hab' ich Schön-Helga nur deßhalb zu erringen getrachtet, weil sie Gunlaugur's höchster Wunsch war auf aller Welt, und weil ich ihm Fehde angesagt habe, wider all sein liebstes Hoffen. Aber es blieb noch immer möglich dabey, daß Helga mir nur wenig gefiele. Und 28 dann hätte ich doch wohl endlich dem Gunlaugur seine thörichte Liebe zu ihr gegönnt, nach einigen ihm zugefügten Plagen der Eifersucht und des kindisch auflodernden Unwillens. Aber nun –!«

Er verstummte. Denn es stieg ein Wogen des zornigen Schmerzes und der überkühnen Sehnsucht in seiner Seele auf, die ihm alle seine Worte zurückwarf und vernichtete, wie etwa eine Sturmesfluth die aussegelnden Schiffe an den Strand zurücke schleudert und zerschellt.

Skapti sagte:

»Wie Dir in diesem Augenblicke zu Sinne ist, wage ich nicht zu ermessen. Wie Du aber schon früher Schön-Helga erringen wolltest, einzig deßwegen, weil sie des Gunlaugur liebste Freude seyn mag, das verstehe ich nicht von Dir, Du edles, sittiges Gemüth!«

»Du solltest es dennoch!« sagte Rafn. »Wollet Ihr Gesetzeskundigen uns ja dahin bringen, daß wir uns selber so bezähmen, wie etwan ein kunstreicher Südlandsmann ein Tigerthier, daß es auf seinen Wink Sprünge vor und rückwärts macht, oder sich zahmer Weise niederlegt, und allenfalls den Kopf seines Züchtigers in den Rachen nimmt, ohne ihn abzubeissen! Aber bildet Ihr Euch etwa ein, damit seye nun der wilde 29 Wunderling in seinem tiefsten, zorneslustigen Herzen umgewandelt? O da kocht es um so entsetzlicher, je aussenher friedlicher sich der kunstvoll Gebändigte erweisen muß. Ja, Ihr habt uns gebändigt nach Eurer Weise, aber Ihr müßt Euch nicht verwundern, wenn wir dennoch nach unserer Weise auf der Lauer liegen und nach der Beute springen, wo irgend die Gelegenheit es verstattet. Ach, trätet Ihr nicht mit Eurer lähmenden Weisheit alle Augenblicke und an allen Küsten dazwischen, da hätten Gunlaugur und ich unsern Unfrieden längst ausgefochten mit lieben scharfen Klingen, und Alles stände gut!«

»Die isländischen Gesetze verbiethen den Zweykampf nicht so durchaus!« sagte Skapti.

»Nicht unmittelbar die!« entgegnete Rafn. »Aber viele Hemmungen haben sie ihm doch schon in den Weg gelegt. Und dann habt Ihr uns überhaupt zu so rücksichtsvollen Leuten erzogen, und absonderlich mich, und Lobpreisungen darüber sind mir dergestalt hier und an fremden Küsten zu Theil geworden, daß ich dem armen Gunlaugur eine recht häßliche Fehde, statt einer recht ritterlichen, angesagt habe, bloß weil ich aus lauter angelernter Sittlichkeit den Augenblick versäumt hatte, wo es ihm und mir geziemt, zu 30 rufen: Aug' in Auge! Schwert an Schwert! Mann an Mann! Und darnach hätte entweder der Tod einen rühmlichen Frieden geschlossen, oder wir hätten als Überlebende wie in einem neuen, gereinigten Daseyn, uns wieder einander ausnehmend liebgewonnen. Aber jetzt! Und vollends seitdem ich sie gesehen habe! Meine Braut muß Schön-Helga seyn, oder ich renne mir ein Schwert in meine verwilderte Brust, blitze es nun mir oder einem anderen kühnen Wappner in der Hand!«

»Das ist eine wunderliche Geschichte!« sagte der Rechtsgelahrte. »Weil es nun aber einmahl so geworden ist, und ich den starren isländischen Sinn kenne, will ich trachten, das Beste daraus zu machen, was vor der Hand daraus zu machen ist, nähmlich eine Heirath zwischen Dir, mein Vetter, und Schön-Helga!«

»Du hast gesprochen, wie ein weiser Mann!« sagte Rafn mit düsterem Lächeln. Und darauf gaben sie einander die Hände, und gingen heim. 31

 


 

 << Kapitel 61  Kapitel 63 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.