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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 55
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vier und zwanzigstes Kapitel.

Gunlaugur sahe ihn regungslos an, den Langegesuchten, den oft Gescholtnen, den bisweilen recht herb Gehaßten, der ihm nun auf Einmahl so unerwartet entgegen getreten war, und zwar in anmuthig kriegerischer Huld und Schönheit, ja in edel vermittelnder, landsmännischer Freundlichkeit und Güte, vor des fremden Herrschers gewaltigem Thron.

Und wie freundliche Sonnenpfeile trafen noch immer die Blicke des schweigenden, sanft lächelnden Jünglings in Gunlaugurs trotzige – man mußte wohl manchmahl, eben wenn vom Skalden Rafn die Rede war, sprechen – winterlich-starr umeisete Brust. Gunlaugur indessen konnte noch immer kein Wort aus seinem tiefen, seltsam bewegten Innern an das Tageslicht heraufbeschwören. Und auch in seinem 175 dunkelflammenden Auge mochte sich wohl nichts Freundliches spiegeln.

Denn als die beyden Jünglinge einander in der nächtigstillen Waffenhalle so eine Zeitlang stumm angesehen hatten, rührte mit nachlässig leichter Hand Rafn der Skalde die Saiten der Goldharfe, auf die er sich lehnte, ohne dabey seine behagliche Stellung im mindesten zu verändern, und sang seinem Landsmann folgende Worte mit sehr anmuthiger Stimme entgegen:

»Du suchtest mich, den Skalden
Auf öden Burgeshalden,
In strahlenden Pallästen,
Bey räthselhaften Festen,
In heißen Kampfesstunden,
In stiller Thalesruh!
Hat's dich an ihn gebunden?
Was willst du? Lieder? Wunden?
Den Skalden hast gefunden!
Was willst, mein Bruder, Du?«

Und damit legte er zwar die rechte Hand mit einer kecken Bewegung an die linke Hüfte, als gedenke er, sein schönfunkelndes Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ja, das edle Gewaffen klirrte bereits vor der Heldenberührung seines Herrn 176 aus der Scheide. Aber gleich darauf ließ dieser Klinge und Goldharfe zurück sinken, breitete beyde Arme aus, und sagte:

»Den Skalden hast gefunden!
Was willst, mein Bruder, du?«

Da lagen die zwey Isländer einander in den Armen, und hatten sich unaussprechlich lieb, und wußten von gar keinem Zorn und keiner Verdrießlichkeit auf Erden mehr.

»So bist Du wirklich Rafn, der Skalde, von dem sie mir vorsprachen, als wolle er mir jeglichen Kranz des Ruhmes und der edlen Sitte abgewinnen?« rief Gunlaugur erstaunt, und setzte dann glühend hinzu: »Nimm hin, Skalde Rafn, o nimm hin, was Dich von meinen Kränzen auf Erden freuen kann. Ich will mir dann schon andere wieder gewinnen. Aber fortan, wie Du mir jetzt erscheinest, so bleibe mir immer! Bleibe mir ein edelbrüderlicher, freundlicher Genoß!«

Und Rafn der Skalde entgegnete:

»Bist Du der Gunlaugur Drachenzunge, von dem sie mir vorsprachen, als könne er keines Menschen Freuden und Dichterkränze in seiner Nähe dulden, ohne sie hinabzureissen in den Staub der alltäglichen Rennbahn? Es ist unmöglich, 177 Du freudiglichlächelnder Gunlaugur. So Einer bist Du nicht. Wahrlich, kein zerrüttender Eisstachel kann in so glühender Seele wohnen, als in Deiner. Nicht wahr? Du verstummest aber. Nun, so sprich doch wenigstens: Ja! zu meiner Frage.«

Vielleicht hatte Rafn ein wenig allzuheftig seine Worte vorgedrängt, und eben deßhalb sagte Gunlaugur ausnehmend kaltblütig:

»Da willst Du nun ein Ja! Und weißt doch eigentlich nicht worauf. So seltsam wunderlich hast Du Deine Fragen gehäuft. Nein, Rafn, auf diese wunderliche Weise, Du rascher Skalde, blieben wir wohl nimmer einig auf dieser Welt.«

»Ja, das ist wohl eben das Drehen und Drohen dieser wilden Welt!« entgegnete Rafn. »Da steht man bald oben, bald unten, bald rechts und bald links, und fragt auf jedem Standpuncte vergeblich nach der rechten Bahn. Aber für echte Männer heisset die echte Magnetenkraft: Hand in Hand fest! Das schneidet – wenn nähmlich zwey ordentliche Hände zusammenkommen – alles tolle Umwälzen der Zeit mitten durch, und hemmt es, und hält es zum sittlichen Anstande fest. Wollen wir auf solche Weise zusammenhalten in Leben und Tod, Gunlaugur?« 178 »Ja!« sagte Gunlaugur. »Gut!« sagte Rafn. »Das Übrige – wie wir nähmlich alle Beyde sind, oder nicht sind – das wird sich dann schon aus Erfahrung von selber finden.« Und der Bund zwischen den beyden Isländern stand fest.

So fest nähmlich überhaupt Etwas auf Erden stehen kann! Je trotzender die Grundsteine thun, je gefährlicher sind die Erschütterungen, wenn der Boden irgend einmahl in Schrecken oder Unfrieden wild wird. 179

 


 

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