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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 53
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Tages darauf ward das Juelfest gar fröhlich unter allen Versammelten gefeyert. Und sie sagten untereinander bey den hellklingenden und freudefunkelnden Bechern: »War es doch Anfangs, als hätte dieß Glühauge des Isländers nur eine schaurige Richtergewalt mit sich in diese Hallen gebracht! Und nun hat er dagegen lauter Freude und Frieden hier erweckt. Wohl nennen manche Lieder die Helden aus unsern höchsten Nordlanden her mit Recht schaurige Freudenbringer und kriegerische Pfleger der Eintracht!«

Gunlaugur wäre vielleicht den ganzen Winter hindurch an diesem edlen Strande geblieben.

Aber er wollte nun einmahl durchaus den Rafn, den Skalden finden, sey es im Frieden oder im Unfrieden. Und dieß Verlangen ließ 153 ihm nicht im Schlafen und nicht im Wachen und an keinem Gestade Ruh.

Da sagten ihm einige Leute wohl, Rafn seye dazumahl in den Marken, welche Tiundaland geheissen waren, und darinnen die edle Burg Upsala sich erhub. Olaf, der Schwedenkönig, hatte dort seinen Haus- und Hofhalt.

Gunlaugur sprach:

»Was gilt die Wette, daß ich dorten den Rafn wieder eben sowenig finde, als ich ihn hier gefunden habe! Er und ich kommen mir in meinem Geiste vor, wie Nacht und Morgen. Die treiben sich auch immerdar, und nun schon durch so viele, viele hundert Jahre, hinter einander herum. Jedes wohl möchte das Andere gern einhohlen, und eben deßhalb ist Jedes immer schon wieder von hinnen, wo das Andere erscheint. Mag seyn, Rafn der Skalde sucht mich eben so emsig, als ich ihn; just deßhalb wird aus unserem Frieden nichts. Und dennoch, ich vermag nicht Ruhe zu halten auf Einem Fleck, und es abzuwarten, bis er mich etwa einhohlen könnte. Es ist eine tolle Jagd mit uns Beyden. Oder manchmahl hab' ich auch schon gedacht, daß er bloß ein tolles Spuckbild sey, von schwarzen Alfen vor meiner flammigen Seele emporgehext, damit 154 die immer wilder und wilder lodre, wie eine Fackel gewaltig zischender brennt, je eiliger man mit ihr durch den Sturm über die Felder läuft. Aber dann wieder denk' ich: Es gibt doch ehrbare Isländer genug, die den Rafn gesehen haben, von seiner frühesten Kindheit an. Also ein Kobold, ein Feuermann, ein Irwisch; irgend solch ein wesenloses Ding nun kann er doch auf keine Weise seyn. Ja, auch andern Norderküsten gilt er für einen gehörigen Menschen, und für einen ganz allerliebsten noch obendrein. Seye dem, wie ihm wolle! mit Rast und Ruhe und behaglichem Herdesleben ist es schwach für mich bestellt, bis ich ihn gefunden habe.«

Nicht lange nach beendetem Juelsfeste bath er den Jarl Sigurdur um Bothen durch die schneeige Klippengegend hinüber, nach Upsala zu. Die wurden ihm freundlich bewilligt, und eines schönen, hellen Wintermorgens schritt Gunlaugur, von seinem wackern Thorkill geleitet, hinter den Wegweisern her, auf großen Schneeschuhen rasch die ihn von Upsala trennenden Berge hinauf.

Als sie so einige Stunden mitsammen fortgewandelt waren, hörten sie mitunter ein gewaltiges Tönen von den Gipfeln der Höhen über die Thäler hin, das sich im Wiederhalle gar seltsam 155 vervielfachte. Man hätte es für einen Donnerhall oder für ein Sturmesgesaus halten können, oder auch für das Gerolle stürzender Schneegewalten. Aber theils war die heitere Winterluft so ganz ausnehmend lustighell und rein, daß man nicht an ungestüme Wetter denken konnte. Theils auch hallte zwischen das mächtige Getöse bisweilen ein Sangeswort mit durch, unverkennbar aus Menschenbrust entsprungen, und in den Klängen edler Nordlandsprache sich verlautbarend. Ja, es war, als höre man bisweilen den Nahmen, »Gunlaugur Drachenzunge!« erschallen.

Das ward nun endlich dem Gunlaugur allzu merkbar, und zuletzt sang er im Weitersteigen aus rüstig voller Brust seinen Wegweisern zu:

»Lang' hab' ich geschwiegen und zugehört,
    Weil oft der Nachhall das Ohr verstört.
Und zu viel nach sich selbst zu fragen, das taugt auf keinerley Weise.

Lang' hab' ich geachtet, und lang' gelauscht,
    Weil Wiederhall Klang um Klang oft tauscht,
Und zu viel nach sich selbst zu fragen, das taugt auf keinerley Weise. 156

Doch hör' ich Gunlaugur! von Bergen schrey'n.
    Und donnerts auch, Drachenzunge! darein.
Und zu wenig sich achten, das taugt auf keinerley Weise.

Ich bin hier fremd; Ihr seyd hier zu Haus!
    Gebt Kunde mir, lobt oder schmäht mich der Braus?
Denn zu wenig sich achten, das taugt auf keinerley Weise.«

»Gunlaugur heiß ich! auch Drachenzunge!« So wollte er eine neue Liedeswendung anheben. Aber da glitt er einen Abhang unwillkührlich rasch hinab, und hielt sich nur kaum noch an seinem eingestemmten Speer vor schlimmerem Sturze fest, während von droben Einer der Wegweiser halb staunend, halb lachend ihm nachsang:

»Gunlaugur heißt ihr! auch Drachenzunge!
    Gunlaugur, ihr habt 'ne gewaltige Lunge.
Doch im Klettern laut singen, das taugt auf keinerley Weise!«

»Da hast Du Recht!« entgegnete Gunlaugur lustig. »Und fürwahr ein wenig bin ich ausser Athem gekommen über das Singen und Klettern und Gleiten, vorzüglich, wie alles Dreyes 157 in selbem Augenblick zur Sprache kommen will. Tausend, das war ein rascher Tanz!«

Doch hatte er sich damit schon wieder nach dem Fußsteige droben emporgerungen, und schritt nun ein wenig langsamer vorwärts, indem er zu den Wegweisern sprach: »Aber kündet mir das auch hübsch, warum Euch mein Sang befragte. Könnt Ihr's nicht im Sang erwiedern, Schade! denn Sang und Klang ist des Lebens beste Lust. Doch meinethalb auch mögt Ihr's sagen, ohne zu singen.«

Und Einer der Wegweiser hub diesen Spruch an: »Das sind ja die Bothen des Eirekur Jarl! Die fahren auf seinen starken Wink weithin durch die Lande, auch über die Grenzen von Norweg hinaus. Und auf daß man allwärts vernehme, was sie zu künden haben, sind ihnen große, weitausklingende Sprachröhre mitgegeben. Daraus donnern sie über die Thäler hin, was ihnen ihr hochgewaltiger Meister gebiethet. Und solchen Gebothen leisten alle Menschen gern Folge, die je von dem hochmächtigen Eirekur Jarl haben reden gehört. Welcher Mensch aber lebt wohl im Nordland, welcher nichts von diesem Helden vernommen hätte, und der nicht sein Haupt vor ihm beugen möchte, wenn Ehr' und Pflicht es 158 vergönnet! Deßhalb, o Gunlaugur Drachenzunge, wünschen wir Dir von Herzen, es seye Gutes und Liebes, was der Norwegs Jarl mit Dir zu schaffen hat. Sahest Du ihn schon sonst einmahl, bevor Du mit seinen Bothen in unseres Herrschers Halle zusammentrafest?«

»O freylich wohl!« entgegnete Gunlaugur. »Auf seiner zierlichen Hladiburg traf ich einmahl mit ihm zusammen, und da schieden er und ich in großem Unfrieden auseinander. Aber Ihr müßt nicht darüber erschrecken, Ihr Bothen. Mich, und auch noch Einige drüber, getraue ich mir gegen Jedermann zu vertheidigen. Und wahrhaftig, hierbey ist noch obenein das allerbeste Recht auf meiner Seite.«

»Gotthelf!« sagte dazu ein Wegweiser. »Es thut nöthig damit. Denn unfern vor uns steht schon sichtbarlich so ein Ausrufer des Eirekur Jarl. Und es gibt eben keine Gelegenheit, links oder rechts, ihm auszuweichen.«

»Da sey auch Gott vor, daß jemahls ich irgend einem Gegner ausweichen wolle!« sagte Gunlaugur mit einem unzufriednen Gelächter. »Vorwärts, Ihr Wegweiser, und bergan! Und wenn es etwa nicht Euch auf dasmahl gefällt, mir die Bahn zu weisen, so will ich von Herzen 159 gern vorangehen, und auch die Bahn Euch brechen, wo es Noth thun sollte.«

Darauf schritt er rüstig vorwärts.

Von der nächsten Bergeshöhe sahe die Gestalt des Eirekursbothen in den Morgennebeln, die aus den Thälern emporwalleten, recht riesig groß zu ihnen hernieder, wie er da stand, auf eine mächtige Hallebarde gelehnt, rechts und links um sich her schauend, als wolle er fragen:

»Habt Ihr's vernommen, Ihr Nachbarsleute in den Niederungen, was der mächtige Jarl Eirekur gebothen hat? Daß Ihr Euch gern drin ergebet, versteht sich von selber!«

Und wiederum setzte er das gewaltige Sprachrohr an den Mund, ausrufend:

»Für Gunlaugur, den Islandsohn, Drachenzunge benannt, gilt dieser Spruch!«

»Hier ist er!« rief Gunlaugur, eifrig berganklimmend. »Hier ist er! Hier kommt er! Noch nimmer hat er sich vergeblich rufen lassen, wo es Ehre galt und Gefahr!«

Aber das Sprachrohr des nebelumwalleten Bothen hatte derweil schon wieder im starken Rufen selbst Gunlaugurs mächtige Stimme überdonnert. Und nun rief Jener mit vernehmlichen Worten durch das dröhnende Horn:

160 »Im Nahmen Jarl Eirekurs, des Helden von Norweg, und für Gunlaugur den Islandsohn, Drachenzunge benannt! Friede und Freude allwärts dem tapfern Illugisohn Gunlaugur, so weit die Macht des Jarl Eirekur reicht! Im Norwegschutze wandelt der junge Held Gunlaugur! Friede und Ehre mit ihm! Wer es anders begönne: Krieg würde das heissen und Schmach dem Jarl Eirekur! Wahre sich also jegliches Menschenkind darnach, und halte Frieden! Frieden! Frieden!«

Da sagte Gunlaugur, unerwartet neben dem Bothen stehend: »Du hast eine tüchtige Art an Dir, den Frieden einzudonnern, und wenn das die Leute nicht verstehen, ist es allerdings nur ihre eigne Schuld.«

Der Eirekursbothe sah ihn groß an, verwundert über eine so kecke Sprache zu Seinesgleichen. Doch bald sagte er:

»Du bist ja wohl der Gunlaugur, Drachenzunge selber, dem zu Ehren wir an den Grenzen umherziehen und unseres Herrn Gebothe ausrufen?«

»Ja freylich!« entgegnete der Isländer. »Und mir kann also der Lärmen schon recht seyn. Aber erzähle mir doch, wenn es Deiner Verpflichtung 161 nicht entgegen ist, warum der Eirekur Jarl mich mit Eins so ausnehmend liebgewonnen hat, und sich ordentlich zartbesorgt für mein Ergehen und Wohlbefinden erweiset?«

»Das macht,« erwiederte der Bothe, »jener schöne Skaldenspruch, mit welchem Du unsern grossen Jarl in der Sigurdurhalle vertreten und seinen Abgesandten zum edlen Frieden verholfen hast. Wie? Vermeinest Du denn etwa, einem echten Helden liege so wenig daran, auf welche Weise von Skalden sein Nahme gesungen wird? Und ob in einem Liedeswettstreit ihm sein Ruhm hinuntergerungen werde, oder erhöhet? Die Burgen des Eirekur Jarl sind Dir offen fortan, wie eigne Burgen zu Schutz und Labung und aller Freundlichkeit, und seine Waffen sind Dir wie Deine eignen Waffen. Ganz Nordland aber weiß, wie so gar Schönes und Großes das zu bedeuten hat.«

»Und ich empfind' es!« sagte Gunlaugur, sich ehrerbiethig neigend, und seine beyden starken Hände fest zusammendrückend auf seine tapfre Brust. Dann, sich wieder erhebend, setzte er hinzu:

»Und Jarl Eirekur soll Friede und Ehre haben, wenn er einmahl auf Island landet oder 162 strandet, so weit alsdann die Macht des Illugi und seines Sohnes Gunlaugur reicht. Und diese Macht reicht weit. Auch wo ich noch auf meinen Fahrten irgend hingelange, will ich den Nahmen des Eirekur Jarl mit Liedesklängen schmücken, wie man ein edles Kleinod mit Gold und blankem Gesteine schmückt; und mit Schwertesschwüngen will ich ihn vertheidigen, wie den Nahmen eines holden Vaters und Herrn. Denn wahrlich, und ob ich auch nun und nimmer wieder in Jarl Eirekurs Hallen träte, und nie auch vielleicht seines Schutzes bedarf – wie Adlerfittige mir in der Brust schwellt freudiglich der Gedanke: »Dich hat ein Held recht lieb und werth!« diese verwandte kühne Seele empor. Willst Du mir Deinen hohen Herrn auf solche Weise grüßen, o Bothe?«

»Das will ich,« entgegnete Der. »Und ich weiß, daß es dem hohen Jarl von ganzer Seele recht seyn wird.«

Sie schüttelten einander stark die Hände auf ihrem hohen Nebelhügel, daß man beynahe hätte vermeinen sollen, wenn man so von unten hinauf zugesehen hätte, zwey Riesen hielten ein Schwingespiel mitsammen, wie es die Bergvölker Mann gegen Mann an der Art haben.

163 Dann schieden sie voneinander in großer Freudigkeit und Liebe.

Jarl Eirekur soll dem Bothen, als er ihm diese Freudenkunde brachte, eine Art von köstlich güldnem Kranz geschenkt haben, in den griechischen Südlanden durch einen Seekönig erobert, und dorten Diadema genannt. 164

 


 

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