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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 52
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein und zwanzigstes Kapitel.

Die Pforte that sich auf. Drinnen in dem Saale sah es wundersam aus.

Da standen von der einen Seite in dem hohen Gewölbe die Gothlandsmannen, von der andern die Norwegsmannen, in der Rechten die Becher, die Harfen und Zithern im Arm, in der Linken die Schwerter und Speere.

Heimliches Gerede ging von Nachbar zu Nachbar.

Jedem Gegenüberstehenden aber wandte jegliches Auge flammende Blitze zu.

Oben auf dem Hochsitze in Beyder Mitten stand Jarl Sigurdur in blanken Festeswaffen, ein bleicher, hoher, schöner Greis, dem der schneeweiße Bart, zwiefältig getheilt, bis auf den Gürtel in langen, sanftgekräuselten Wellen hinabwallete, nicht sowohl wie ein Seidenbart, 145 als vielmehr wie ein mächtiger Silberbart. Flußgötter sollen sich bisweilen mit solchen mächtig strahlenden Wellenbärten schauen lassen, wenn sie vor einsamen Wanderern im Süden emportauchen; vorzüglich an Orten, wo noch Niemand bis dahin ihrer Quellen-Urnen Ursprung, oder deren Erguß in das heilige Meer zu belauschen vermocht hat.

Still vor dem wundersamen Herrscher, und sehr tief sich vor ihm verneigend, blieb Gunlaugur stehen, auf die andern Leute, welche fragend ihre Blicke nach ihm richteten, eben nicht sonderlich achtend.

Sigurdur Jarl aber grüßte ernst, winkte ihn nach seinem Hochsitze herauf, und sagte sodann mit feyerlich anmuthigem Laut zu den Übrigen:

»Da steht Euer Sanges- und Heldenrichter! Ich habe ihn dazu erkoren, und Wer in dessen edles Island-Angesicht schauen mag, wird nicht erst fragen, warum!«

Die beyderseitigen Wettkämpfer neigten sich vor dem Ausspruche des Jarls, wohl auch mit vor der Heldengestalt Gunlaugurs, und Dieser faßte darauf eine auf dem Hochsitz lehnende Goldharfe, griff in ihre Silbersaiten, und sang dazu: 146

»Kling', Harfe, liebes Sangeshaus,
Kling' meiner Seele Hauch hinaus!
Kling' ihn durch edle Seelen fort,
Versammelt hier an edlem Ort!
Nur da, wo Sanges Leben wohnt
Im Busen deß, der Kränze spendet,
Fühlt Sänger, daß ihn gottgesendet
Des Kranzes Ruhm und Schmuck belohnt!«

Nach diesem Liede neigte er sich freundlich vor der Versammlung, aber so erhaben freundlich, wie etwa ein König vor seinen Vasallen. Und sie nahmen es auch allesammt so an. Auf seinen Wink begannen die Eirekurs-Mannen ihren Preisgesang zuerst.

Sie sangen ein schönes, wildes Lied, ein Lied, ertönend wie Wassersturz in Donnerhall, und wunderbare Geisteslichter durchhinzuckend, wie Blitz über flammende Kriegesburgen fährt in dunkler Nacht, und bisweilen wohl da hinabzuckt und die Lohe noch grimmiger anfacht.

Von ihres Herrn Siegsthaten an vielen fremden Küsten sangen sie, und auf Inseln von denen andere Seefahrer kaum den Nahmen nach wüßten! Und wie er dort bald als ein leuchtender Erretter und Schirmheld erschienen sey, und bald als ein donnernd zermalmender Verderber, je 147 nachdem es ihm das stolze gottbegeisterte Herz in der kühnen Brust geboth! Zwischen Jammer und Jubel, und Trauerklage und Festeslust, und Wintersturm und Nachtigallenflöten scholl inmerdar gleich herrlich der Nahme hervor: Jarl Eirekur von Norweg!

Mit einem allgemeinen Siegesruf und hallendem Harfengestürm beschlossen die kühnen Gäste ihren Sang.

Glühenden Blickes begegnete Gunlaugur den glühenden Blicken der Norwegsmannen, die ihn zum Theil wieder erkannten von jenem unfreundlichen Zusammentreffen auf der Hladiburg her. Aber auf keine Weise – das sahe man ihren treuherzig kühnen Gesichtern an – milderte das ihr keckes Siegesvertrauen, sich auf ihr stolzes Recht und des Obmannes Unpartheylichkeit gründend.

Gunlaugur, als der letzte Nachhall des dröhnenden Norweg-Chores in den hohen Gewölben verklungen war, aber nicht eher, denn er lauschte dahin mit stillbegeisterter Lust! winkte den Sigurdursmannen, daß auch sie ihr Lied zu den Harfen beginnen möchten.

Das lautete nun viel anders, aber auch sehr schön.

Feyerlich und still und stark erklang es, daß 148 man beynahe hätte denken mögen, nun werde sich aus dem kunstreich gediegenen Gange der Saiten und Stimmen ein edler Burg- und Tempelbau von neuer, wundersamer Art erheben, die alten Mauerbogen auseinander drängend und sie dann in großer, nie bis dahin gesehener Schönheit wieder vereinend.

Sie sangen, wie Jarl Sigurdur in unerschütterlich fester Heldengestalt da stehe unter allen Licht- und Flammengebilden des räthselgebährenden Norderlandes. Hinter mir Nacht! Vor mir Tag! Das seye der Wahlspruch des mächtigen Jarl Sigurdur. Da kamen unter Anderem folgende Wendungen des Liedes vor, die nach nordischer Sangesweise immer wieder zwischen den einzelnen Abtheilungen durchklangen:

»Hinter mir Nacht, vor mir Tag!
Hinter mir Abgrund, Höhe vor mir!
Winde dich klar du Wandlersbahn,
Winde dich stark und stät bergauf.
Bricht der Mond durch braune Wolken
Braut er vor sich stürmige Nebel.
Hebt sich heiter die Sonne, heißt es,
Hinter mir Nacht, vor mir Tag!«

Die Norwegmannen schienen ein Murren erheben zu wollen, daß ihr Jarl Eirekur dem 149 bleichen Monde verglichen werde; Jarl Sigurdur hingegen der sieghaft aufstrahlenden Sonne. Ein in diesen Geschichten uns schon kundgewordnes Rasseln der Harnischringe und Waffen, von innern Zornesschüttern ihrer Herrn erweckt, ließ sich bereits deutlich dorten vernehmen, mitten durch das Singen und Harfen der Gothlandsmannen gegenüber.

Aber ein Wink Gunlaugurs, als des erkornen Obmannes, und Alles gab sich zufrieden.

Als die Gothlandsänger ihren Reigen vollendet hatten, blieb Gunlaugur eine Weile tief nachsinnend still. Aller Augen hefteten sich an seine stolzen, dichtgeschlossenen Lippen. Er saß da, einem solchen Steinbilde gleich, wie die Weltumsegler berichten, daß es in den afrikanisch-uralten Landen eines gebe, harrend auf den ersten Strahl der Morgensonne. Wann dieser es berührt, so tönt es.

Gunlaugur hätte vielleicht noch lange die zwey vernommenen Heldenreigen stumm gegeneinander abgewogen, ohne zu entscheiden, welchem er den Siegeskranz ertheilen solle.

Da erhub sich ein ganz leises Gespräch in der Nähe, von zwey Leibwächtern des Jarls, die eine ziemlich gleichgültige Bothschaft zu melden 150 hatten, und die erwartungsvolle Stille damit noch nicht zu stören wagten. Auch trieben sie ihre Berathung so vorsichtig, daß Niemand etwas davon vernahm, Gunlaugur am wenigsten. Aber endlich flüsterte Einer von Beyden: »Aus Helgaland kommt der Kahn?«

Und der liebe Klang, Helga! säuselte heilig belebend in Gunlaugurs tiefstes Wesen herein. Da wußte er auf Einmahl, was er thun und singen solle.

Heitern Wesens nahm er die Harfe in seinen Arm, rauschte feyerlich holde Weisen darauf hin und wieder, dann sang er diese Worte in den wohllautenden Strom:

»O Jeder, was er mag und kann!
    Und Jedes ist so schön
    In der Natur liebsel'gem Bann,
    Wenn man's nur kann versteh'n!

Schiltst du den Schwan, der silberklar
    Auf see'gen Fluthen schwimmt?
    Ein Schutz den Seinen in Gefahr,
    Der Keinem je was nimmt!

Schiltst du den Aar, der sich nach Sieg
    Zum Kampf im Luftraum hebt? 151
    Ist And'rer schwach und bang vor Krieg
    Warum, daß er dort schwebt?

Wer sich mit Adlern messen will
    Der wiß' um Adlerkraft!
    Auch Schwanenleben, hold und still
    Heischt edle Meisterschaft.

Der Schwan fleugt nicht zum Adler auf,
    Der Aar sucht nicht den See!
    Ich dächte: Jedem seinen Lauf,
    Und Keinem thut man weh!«

Da rauschten die Harfen von beyden Seiten in freudiger Lust und Eintracht.

Der Vertrag war geschlossen. Das Fest nahm seinen fröhlichen Gang. Und gäbe es an den Nordlandsufern Lorberzweige, so hätten vielleicht die zwey vorhin streitenden Parten ihrem freundlichstarken Obmann eine Lorberkrone geflochten. 152

 


 

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