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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 51
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Wie noch so Gunlaugur und Thorkill nachdenklich mitsammen am Strande auf und nieder gingen, hörten sie auf einer dem Kaufmannshafen nahe gelegenen schönen Burg Festesmusik ertönen und Becherklang und das Singen und Jubelrufen fröhlicher Gäste. Gunlaugur hatte jetzt am allerwenigsten Lust nach einem solchen Gelage. Abgewendet von dem Kerzenschein, welcher durch's Abenddunkel aus den Schlossesfenstern drang, setzte er sich auf einen alten Runenstein nieder, Thorkill auf einen andern, denn es gab ihrer dort viele am hohen Meeresufer. Welche davon auch standen grad' emporgerichtet, und nahmentlich Einer dem Gunlaugurssitze ziemlich nahe, und war wunderlich anzusehen mit seiner Kappe von Moos, und wie er sich so vornüberneigte, fast einem verdrießlich drohenden alten Mann 137 im unförmlich langen, rings einhüllenden Mantel vergleichbar.

Der Festeslärm aus der Burg jubelte in recht schönen Sangesweisen. Halb darauf hinhorchend, halb in sich selbst versunken, hatte Gunlaugur sein schönes, silberleuchtendes Kampfesbeil erfaßt, und hämmerte damit gegen den vor ihm ragenden Denkstein das Sangesmaß.

Der Stein klang dumpf, das Beil klang hell, es gab ein hübsches Zusammentönen. Und dazu blitzte die versilberte Schneide der Axt im jetzt heraufwandelnden Mondesglanze so recht anmuthig blank bey jedem wiederhohlten Schwunge.

Gunlaugur fand eine seltsam träumerische Lust daran, wie das wohl oft mit ähnlichen Dingen ergeht, einigermaßen nach Kindermanier, und was grade nicht das Schlimmste an uns seyn mag, falls es uns nicht wichtigere Dinge zur wichtigen Stunde aus den Gedanken treibt.

Dem Gunlaugur machte sein Spiel auf eine wunderliche Weise mit jedem Augenblicke mehr zu schaffen. Denn die vom Schlosse her angestimmten Reigen wurden nicht nur immer schneller und wilder, sondern wechselten jetzt auch bey jeglicher Wendung rasch in Schwung und Maß. Es mußten wohl zwey entgegengesetzte Parten 138 einander in Liedern bekämpfen wollen, oder gar schon im Beginn eines zornigeren Ringens. Zwar ward endlich der Klang droben wieder leiser. Aber nur Dämpfung des Streites schien es anzudeuten; keinesweges Frieden.

Gunlaugur kümmerte sich darum nicht sonderlich. Aber dem Gange des hin- und herwogenden Sanges mit seinen maßhaltenden Beilschlägen treu zu bleiben, das lag ihm um so mehr am Herzen, jemehr die Schwierigkeit der Aufgabe stieg. Je undeutlicher nun die Wechselreigen im stets leiseren Ton erklangen, je lauter und je gewaltiger tönten Gunlaugurs Waffenschläge an den Stein, bis endlich der Klang davon wie ein stürmendes Geläute durch Land und See hin zu ertosen begann.

Da sprach mit Eins eine ernste Stimme:

»Wer hämmert denn hier so entsetzlich zwischen den Runensteinen?«

»Ich!« sagte Gunlaugur gelassen, und hub sich langsam von seinem Grabessitz empor, in aller stolzen Höhe seiner mächtigen Kämpfergestalt.

Und auch Thorkill stand von seinem Hügel auf, und der Fremde sagte schauernd: »Was ist das? Kommen hier Grüftebewohner wieder in's Leben?«

139 »Nein!« sagte Gunlaugur. »Für dasmahl noch nicht.« Und damit gab er sich nach Nahmen und Abstammung und Reisefahrt kund, wie das rüstige und rühmliche Männer meist immer gern ohne alle Nöthigung zu thun pflegen.

»Wohlan!« sprach der Fremde, oder vielmehr an diesem Strand der Einheimische. »So hat unser edler Jarl Sigurdur doch wiederum Alles so gut errathen, als es seinem hohen, waffen- und reiseberühmten Heldenalter geziemt. Willkommen, Du Skalde vom Liedeseiland der Nordermeere! Du kommst zur rechten Zeit. Denn wissen sollst Du: da droben hat sich ein Sangeswettkampf erhoben, und es wäre wohl endlich ein Wettkampf mit Waffen daraus geworden, hätte nicht Dein schauerliches Schwertesklopfen gegen den Runenstein dazwischen getönt. Die Augen und Sinne Vieler wandten sich staunend dorthin. Und als es darüber etwas stiller im Saale ward, sagte Jarl Sigurdur: »Das kann nur Eines von Zweyen bedeuten. Entweder alte Heldengeister sind am Strande aufgestiegen, zürnend in ihrer Waffen- und Töne-Gewalt, um den Sangeshader hier in der Halle, oder ein liedeskundiger Isländer ist gelandet, und schlägt nun das Maß gegen die Grabessteine mit seiner 140 starken Waffe. Andern Leuten kommt dergleichen so leicht nicht ein, und sie würden's auch nicht dergestalt ausführen; nicht so gewaltig dröhnend und doch so maßgerecht zugleich. Da will ich nun, wenn es ein Sohn der Hekla-Insel ist, daß er heraufkomme, und Euern Sangesstreit entscheide. Seinem Richterspruche dann sollt Ihr Euch unterwerfen, und Frieden halten. Ist es aber ein Bewohner der Grabesburg, welcher zu Eurem Liede hammert; da werdet Ihr Euch wohl von selbsten bescheiden, daß der Zorn der Wiederkehrenden aus den Grüften zu fürchten sey, und werdet Frieden halten mitsammen.« Diesem Worte, mein edler Islandssohn, fügten sich Alle, und mir erkor man die Ehre, mich nach Deinem wunderlichen Räthselklange hinauszusenden. Im Nahmen Sigurdur Jarls lade ich Dich nun als einen Schiedsrichter des Gesanges in seine Hallen.«

»Da komm' ich gern!« sagte Gunlaugur, und die Drey wandelten mitsammen burgan.

»Erzähle mir doch, Du guter Abgesandter,« sprach Gunlaugur unterweges, »was ist es denn eigentlich mit Wettgesang und Wettezorn da droben in Deines edlen Meisters Burg?«

141 Der Wappner berichtete Folgendes:

»Da sind Ehrenbothen zu unserm Jarl herangeschifft von den Norwegküsten her, und sie brachten ihm Geschenke. Der kühne Eirekur Jarl hat sie herübergesendet, und heute, als am Vorabende des Juelfestes, lud unser Sigurdur Jarl die edlen Norwegmannen zum Becherfest in seine Halle. Nun, wie es dann wohl zu kommen pflegt bey solcher Gelegenheit; das Trinkhorn kreisete frisch, die Herzen wurden groß, und manches kühne Wort sprang über die Lippen. Die Worte wurden zum Klange, die Klänge zum Sange. Da weiß ich nun nicht recht, wer es eigentlich angefangen hat; die Eirekursmannen, oder wir Sigurdursmannen, aber eine oder die andere Schar, erhub zuerst den Preis ihres Herrn in stolzen Liedesreigen, als geb' es auf aller Welt keinen Helden, der ihrem Herrn sich vergleichen dürfe. Und darauf stimmte natürlich die andere Part für ihren Herrn noch kühneren Liedesreigen an, und das stieg im stets entflammten Wechselgesange, bis –«

Er hielt einige Augenblicke nachdenklich inne, dann setzte er freyen Muthes hinzu:

»Bis, um Euch die ehrliche Wahrheit nach 142 Pflicht und Gewissen herauszusagen, wir uns beyderseits dergestalt verstiegen hatten, daß wir den Rückweg nun nicht mehr gut anders zu finden wissen, als mit gezückten Schwertern. Und obgleich das an und für sich eine gar hübsche Art des Bahnbrechens gibt, hätte sich es doch zwischen Wirthen und Gästen abscheulich mißstaltet. Wer aber sollte schlichtender Obmann werden zwischen den zweyen Parten der Reigensänger? Unser Jarl gehörte ja in den Kampf mit hinein. Sich unterordnen, hätte für Schwachmuth gelten mögen; sich erheben dagegen, für Hochmuth. Und dem echt hohen Muthe steht Eines so wenig, als das Andere an. Drum berief er Dich, Du unpartheyischer Obmann!«

»Unpartheyisch!« sagte Gunlaugur. »Es kommt darauf an, ob die Bothen des Eirekur Jarl sich meine Obmannschaft werden gefallen lassen, und ob ich selbst mir so recht partheylos dabey vorkommen kann. An dem Hofe des Eirekur hab' ich schon einmahl Händel für mich aufblühen sehen, und sehr unliebliche fast! Doch eben deßhalb möcht' ich eher noch Euern Wettsingern rathen, meiner Entscheidung zu mißtrauen. Denn auf Widersacherseite neigt sich 143 gar zu leicht ein ehrlicher Mann, aus großer Besorgniß dem Widersacher nicht Unrecht zu thun.«

»So ist es Recht!« sagte der Wappner freundlich. »So wird uns der Obmann Allen recht seyn, und vorzüglich unserem lieben Jarl Sigurdur wird das gefallen. Seht! da stehen wir nun an seiner Schwelle. Viele Augen warten verlangend auf Euch!« 144

 


 

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