Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 48
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Siebenzehntes Kapitel.

Gunlaugur hatte bald am Irlandsufer ein Schiff gefunden, welches nach den Orkney-Inseln hinauf segelte. Nordwärts ja ging es, wohin ihn sein liebstes Sehnen trieb; für sich und seinen Thorkill brauchte er wenig Raum; und Abentheuer können für kühne Menschen an jeglichem Strande aufblühen. Was hätte er da noch lang erst wählen sollen!

Als man aber in der aufleuchtenden Morgenfrühe die Anker so eben lichten wollte, kam des Königs kleiner Schatzmeister an den Strand herabgegangen, winkte nach dem Schiffe, und da man ihn an Bord ließ, meldete er mit großer Beschämung: »Mein König ist mir gar unhold geworden über mein gestriges Einreden, als welches ihm Deine Gegenwart so schnell entzogen hat, Du trotziger Sänger. Er will aber 122 durchaus nicht, daß Du gänzlich unbeschenkt von hinnen scheidest. Denn das ja – spricht er – seye ihm für sein schönes, bis dahin freygebig unbescholtnes Alter eine Schmach. Und ob er so etwas um Dich verdient habe? fragt er!«

Darauf hielt er inne, Gunlaugurs Antwort zu vernehmen. Dieser sagte nach kurzem Bedenken freundlich:

»Nein fürwahr, verdient hat so Schlimmes Dein Herrscher keinesweges um mich. Was kann doch er dafür, daß er nicht verzaubert ist, und daß ich dergleichen mir einbildete! Du freylich, o kleiner Wunderling, hättest schon eher Schlimmes um mich verdient, mit Deinem Mäkeln und Abhandeln gestern Abend. Aber erstlich bleibt es doch allemahl an Dir zu loben, daß Du mich, ob auch ohne Deinen Willen, entzaubert hast. Und dann, ich glaube, ich kann Dir keine größere Buße auferlegen, als wenn ich Dir kleinem Geizhals gebiethe: gib her, was Dein guter König mir an Geschenken bestimmt hat! Ich nehm es ihm zu Ehren in Freud' und Frieden an.«

Der Schatzmeister seufzte schwer, und winkte dann seinen Geleitern, die Gaben hervorzubringen. Während sie sich damit beschäftigten, sagte er ächzend:

123 »Seht nur, Herr Sänger, was Ihr auch beschlossen hättet, unter diesen Umständen, es hätte mir immer Schmerz und Noth gebracht. Daß Ihr die Königsgabe annehmt – ja, ja, mich ärgerts, und ich sag' es unverhohlen: es ist ein Jammer, daß unsere Vorräthe so rasch gemindert werden sollen! Nähmt Ihr es aber nicht an, da dürft' ich mich vor dem Könige Seidenbart gar nicht wieder sehen lassen. Also besinnt Euch um des Himmels- und um Meinetwillen nur ja nicht auf andere Sprünge, und behaltet den Euch bescheerten Glückesregen!« Damit hatten die Knechte des Schatzmeisters einen Rock von feingeschornem Scharlachtuch ausgelegt, einen himmelblauen Mantel mit prächtigen goldnen Franzen, und einen schweren Armring aus lauterm Golde.

Verachtend sahe Gunlaugur auf das Gemenge hinab.

Da winkte der Schatzmeister abermahl seinen Knechten, und sie befestigten die Gewande und den Goldring an das Tauwerk des Schiffes. Und nun sahe Gunlaugur ehrerbiethig dahin empor, und es war beynahe sogar, als beuge er davor sein stolzes Haupt.

»Nicht wahr,« sagte der Schatzmeister 124 selbstzufrieden, »so nehmen sich die königlichen Gaben sehr herrlich aus?«

»O ja!« erwiederte Gunlaugur sehr ernst. »Und zwar, weil sie an den König selbst erinnern. Wie? Trug nicht gestern zu Nacht Euer Sigtryggur diesen Scharlachrock und diesen himmelblauen Mantel? Und funkelte nicht dazu dieser Goldring an seinem wie zur Weissagung emporgehobenen Arm?«

»So war es;« entgegnete unsichern Tones der Schatzmeister. »Und wenn – ich dachte das wohl im Voraus von Eurem stolzen Gemüth – wenn es Euch störend vorkommt, daß die Sachen schon getragen sind, ich will es auf mich nehmen, und andere funkelnagelneue Dinge dafür herbeyschaffen.«

»Königsgaben sind Königsgaben!« sagte Gunlaugur feyerlich, und sahe mit Wohlgefallen nach den Gewanden und dem Goldring empor. »König Sigtryggur bleibt ein huldreicher Herr, und Du bleibst ein erbärmlicher Schatzmeister. Das ist mein Abschiedsgruß! Den hören Deine Knechte! und wehe dem, welcher ihn seinem Könige nicht bestellen möchte. Ein unauflösliches Waffengeweb ringet sich von Nordlands-Helden über Europa hin durch Land und 125 Meer. Was dem Einen unausgerichtet bliebe, würde der Andere ausrichten für seinen Waffenbruder, und zwar mit ernstem Schrecken. Verstehet Ihr mich?«

»Verstehen Euch, und wollens ausrichten!« entgegnete der Schatzmeister. Und seine Knechte sprachen's nach.

Dann stiegen sie wieder in ihr Boot zurück, und während sie mit etwas ängstlicher Eile landeinwärts ruderten, schwebte das Schiff, welches den Gunlaugur trug, stolz und segelstark gen Norden in die freye See hinaus. 126

 


 

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.