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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 43
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Der dritte Morgen seit jenem Streitestage sahe jung und klar und frisch vom Himmel. Die beyden Kämpfer in prächtigen Wappengewanden hatten sich auf dem Hof der Lundunaburg gestellt, und ringsumher leuchtete dessen Gehäg von Männern in blanken Rüstungen und schönen Waffenröcken und hohen Helmen. Denn was irgend an edlen und rüstigen Mannen in der Nähe war, hatte sich zusammengedrängt, um Zeuge zu werden, wie der junge Islandsfremdling gegen den furchtbarlichen Thorgrimur bestehe.

Auch lauschten hinter den Vorhängen der hohen Burgfenster wohl zarte Frauengestalten, bey jedem ernsteren Aufleuchten der Waffen zurückbebend, und doch alsbald sich wieder an die Scheiben drängend. Sie befürchteten sehr, es werde sich etwas Entsetzliches vor ihren Blicken 850 kund geben, und hätten dennoch um keinen Preis das Mindeste davon versäumt.

König Ethelred war auf dem für ihn errichteten Hochsitz erschienen, und beyde Kämpfer begrüßten ihn, ihre Schwerter senkend. Dann sagte Thorgrimur zu seinem Widersacher höhnisch: »Du thust ja so stolz und kalt, als ränne schon mein Todesblut vor Deinem Schwertschwung über diese Quadersteine hin! So laß mich denn doch vorher die entsetzliche Waffe beschauen, durch die ich sterben muß. Gib mir Dein Schwert, Du Riese, in die Hand, auf so lange nur, als Du sechse zählen kannst, und laß mich's ein bischen in der Nähe betrachten.« »Warum denn?« fragte Gunlaugur zögernd. »Mir wär' es lieber, wir gingen ohne solche Wunderlichkeiten frisch aufeinander los. Und gewißlich, auch Dir wäre das besser und rühmlicher. Thue mir den Einen Gefallen, und lasse für dießmahl von solchen wunderlichen Possenspielen ab, wie man sagt, daß Du sie in jedes Ernstkampfes Beginn anzustellen pflegst. Laß seyn, o Landsmann Thorgrimur! Laß seyn!« Aber der wilde Mensch antwortete höhnend: »Ich gebe Dir ja derweilen mein eignes Heldenschwert zum Pfand. Oder fürchtest Du etwa, Dein 86 Schwertlein möge in meinen starken Fäusten zerbrechen?« Da sagte Gunlaugur gesetzt: »Hab', wie Du's haben willst!« und reichte ihm die Waffe hin, einstweilen des Gegners Schwert dafür zurückempfangend, auf welches er sich im nachlässigen Ausruhen, ohne es näher zu betrachten lehnte, wie ruhiger Wandersmann auf seinen von dem nächsten Haselbusche geschnittenen Stab.

Dicht beugte dagegen Thorgrimur sich über den blanken Stahl seines Feindes. Es war, als spiegle er sich darin. Dann wandte er dessen zweyschneidige Schärfe nach sich zu, zwey bis dreymahl damit wechselnd, reichte sodann, der Klinge Spitze fassend, und mit so zierlicher Sitte, als man es sonsten nicht leicht an ihm sah, die Waffe dem Eigner zurück, indem er die Seinige auf gleiche Weise wieder empfing, und rief dann wildlachend: »Nun haue Dein Bestes an mir! Du junger Gesell, Du weißt doch wohl, beym dritten Hornesgrusse fallen wir einander rücksichtlos an?« Gunlaugur nickte fröhlich bejahend mit dem Kopfe, und Thorgrimur rief laut und wild: »Ihr Kampfeshörner blast!«

Der erste Hornesruf schmetterte über den Fechtplatz. Gunlaugur warf sein Schwert von sich. Hohnlachend wollte Thorgrimur sprechen. 87 Aber Gunlaugur winkte, das zweyte Kampfeszeichen zu geben. Und während die Hörner jubelnder bliesen, zog er sein leuchtendes Fürstenschwert unter den Gewanden hervor, und versuchte damit einen mächtigen Schwung durch die Luft, daß man den schneidenden Klang durch das Schmettern hin deutlich vernahm. »Was beginnst Du, mein Gegner?« rief staunend Thorgrimur. »Keine Hexerey beginn' ich!« erwiederte freudig Gunlaugur. »Schwert gilts an Schwert! Und Arm an Arm! Und Muth an Muth!« Und seine kampfeslustige Stimme schmetterte selbst schon wie Kriegsklang, und als abermahl die Kampfhörner drein bliesen, waren bereits die zwey zürnenden Helden zusammen, Schwertesschlag und Schildeston in rüstiger Fechterlust austauschend, und einander hin und wiederdrängend, daß es eine schauerlich schöne Lust war, das Wechselringen anzusehen.

Da rasselte plötzlich Thorgrimurs Schwertschwung auf Gunlaugurs Schildrand hernieder, und die schöne, silberhelle Waffe klirrte tönend, in zwey Stücke zerspalten, auf den Quaderboden hin. Ein heller Schreckensruf ward aus den hohen verhangnen Schlossesfenstern vernehmbar. Die schönen Jungfrauen dort mochten wohl 88 dem jungen Isländer Sieg gewünscht haben über den wilden Thorgrimur. Auch König Ethelred auf seinem Hochsitze zuckte unwillig zusammen. Man konnte ihm anmerken, er hätte lieber zum Schutz des nun wohl mehr als halb überwundnen Jünglings auf den Kampfplatz eilen mögen; nur daß seine Würde ihn hielt und überhaupt die edle Fechtersitte jegliche Einmischung verboth. Starr sah der König vor sich nieder, als wolle er den Ausgang dieses Kampfes nicht erschauen.

Da plötzlich tönte ein gewaltiger Schwertesschlag. Der Kampf war still. Ethelred sahe treu gefaßt empor, und mochte in seinem Herzen wohl seufzen: »Fahr wohl, du junge, frühgemähete Ritterblume!«

Aber als nun die Kampfeshörner zum gewaltigen Siegesjubel ineinanderklangen, einem ganzen Meere des edelzürnenden und dennoch freudigerschallenden Wohllautes gleich, und König Ethelred den Kampfplatz klar überschaute, da stand Jüngling Gunlaugur stolz und hoch vor ihm da, und der böse Thorgrimur lag leblos starr auf das Quaderpflaster hingestreckt. Die linke Brust und mit ihr das überstolze Herz war ihm von einem ungeheuern Hiebe des Isländers gespalten.

»Er hat sich das durch seine schlimme 89 Hexenkünste selbst verdient!« sagten einstimmig vier alte, vielerprüfte Englandshelden laut, welche auf König Ethelreds Wink zu dem Leichnam hinabgestiegen waren. »Da meinte er,« so fügte der Älteste von ihnen, sein Wort erläuternd, dem Spruche feyerlich hinzu, »da meinte er, sein Zaubergespinst solle ihm allerwärts sieghaftiglich hindurchhelfen, alle Waffen stumpfend wider seine freche Brust. Und so hat er die echten edlen Fechterkünste verabsäumt; o er war so mächtig darin in seinem Knabenalter schon, und die Seele thut mir weh, wenn ich an sein nachher verwildertes Treiben gedenke! Und nun both er in toller Verwirrung, als heut seine Koboldstücke ihm verunglückt waren, dem Hiebe dieses jungen Helden die linke Seite dar, die Herzensseite! Gerade, als müsse noch immerdar jegliche Klinge zurückprallen von dort, wie von einer Klippe! Da liegt er, gespaltnen Herzens und albern grinzenden Angesichtes, als verhöhne er noch im Tode sich selbst über sein gespenstig ihn selbst belügendes Hoffen! Und Ihr, des Königs junge Helden und Edelknaben, kommt heran, im Nahmen des Kampfgerichtes gebieth' ich Euch das! und grüsset den fröhlichen Sieger, und erbebet vor dem entsetzlichen Erlieger, damit Ihr 90 Euch daran eine Lehre nehmt für alle Zeiten Eures Lebens hinaus, und – will es Gott also – für alle Zeiten der künftig aus Euch jungen Ritterknospen fürderblühenden Geschlechter!«

Die Helden und Edelknaben König Ethelreds gingen, dem Winke fast im Erbeben gehorchend, um Thorgrimurs häßliche Leiche hin, und die vier Kampfrichter wiederhohlten:

»Er hat sich das durch seine schlimmen Hexenkünste selbst verdient!«

Dann zeigten die Kampfrichter auf den Gunlaugur, und sangen dazu:

»So ringet, so sieget ein schuldloser Mann!
Frisch, junger Epheu! da ranke dich an!« 91

 


 

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