Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 41
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Diesen und die nächsten Tage hintereinander ordnete der Englandskönig mancherley Kampfspiele an, die sich um so fröhlicher gestalteten, da der wilde Thorgrimur, welcher dergleichen meist immer durch Zänkereyen oder mitunter gar durch freche Unthaten zu verderben pflegte, sich in dieser Zeit nicht am Hofhalte blicken ließ. Er mochte wohl, wie das so seine Art seyn sollte, dem sittlich zierlichen Kreise in des Königs Nähe ein wildes Lustigleben vorziehen, so lange er sich das mit Gunlaugurs Goldstücken bereiten konnte.

Held Ethelred aber hatte grosse Freude an des Islandjünglings Gewandtheit und Stärke. Und als nun der Tag heran kam, an welchem sich es entscheiden sollte, ob Thorgrimur dem Landsmann seine Verpflichtung lösen werde, sprach der König zu Gunlaugur: »Glück auf, 71 mein junger Held! Jetzt hoffe ich zuversichtlich, Du wirst Deinen Gegner nicht nur ehrbar – das verstand sich von Anfang her – sondern auch sieghaft bestehen. Nur Eines ist mir dabey bedenklich.« »Mir auch ist Eines dabey sehr bedenklich, Herr König!« sagte Gunlaugur, und seufzte. »Sehet, ich befürchte, der Thorgrimur wird sich gar nicht wieder an Euerm Hofhalte stellen, so lang' ich hier bin. Daß mir dann zehn Goldstücke verloren gehen, daran ist gar nichts gelegen. Daß ich dabey um die Veranlassung komme, einen Ernstkampf gegen einen zwar nicht edlen, aber doch starken und gefürchteten Mann in Eurer Gegenwart auszufechten, daran ist schon sehr viel gelegen. Daß jedoch vollends ein Nordmann sich nicht nur frech, sondern auch zaghaft betragen könnte, das wäre das Allerabscheulichste. Und einen heissen Schmerz in der Seele, müßt' ich dann aus Eurer sonst so gastlich anmuthigen Burg und Euerm frisch behaglichen Reiche mit fortnehmen. Sehet, das ist das Ding, welches ich befürchte.« König Ethelred erwiederte mit ernstem Lächeln: »Was das betrifft, mein junger Freund, da magst Du Dich aller Sorge entschlagen. Der trotzige Thorgrimur vermeidet kein Gefecht. Meine Sorge 72 ist weit eine andre. Aber sie ist schon gehoben wenn Du mir Dein Ehrenwort darauf gibst, den Kampf gegen ihn nicht ohne mein Wissen zu beginnen, und dann den Rath zu befolgen, welchen ich Dir ertheilen will.« »Das soll geschehn, mein lieber Herr König!« sagte Gunlaugur zutrauungsvoll, und der Fürst lächelte sehr vergnügt.

Am folgenden Tage kam Thorgrimur auf einem riesigen Rosse an den Königshof geritten. Allerley Waffen – außer denen, mit welchen er umgürtet war, oder sie in den Händen trug – klirrten noch vom stählernen Sattelbogen seines Gaules herab, und er schaute dazu so grimmig zwischen seinem wilden, fast ineinander gewachsenen Haupt- und Bartgelock hervor, daß einige Mannen des Königs ihre Blicke von ihm abwandten, und lieber etwas zur Seite gingen, als in diesem Augenblicke mit ihm in Streit zu gerathen. Auch Gunlaugur trat auf die Seite, denn der so prachthaft thuende Mann war ihm ein Gräuel recht widerwärtiger Art. Dessen ungeachtet, indem er noch das stolze Jünglingshaupt nach Jenem zurückwandte, kam ihm ein herzliches Lachen an, und er fand auch eben keinen Beruf in sich, es zu unterdrücken.

Da trieb der riesige Kämpfer sein hohes Roß 73 rasch gegen ihn hin, und fragte barsch: »Was lachst Du?«

Gunlaugur aber trat mit so kecker Wendung vorwärts, daß Thorgrimurs Pferd davor scheute, und dieser genug zu thun hatte, sein Thier wieder in Ordnung und Ruhe zu bringen, während Gunlaugur nach einer recht hübschen alten Weise sang:

»Lachen ist ein lust'ges Ding.
Laßt Jedwedem Lachens Lust!
Wer da weint, wird leicht dein Feind,
Weinen ist wohl ernstes Ding
Leicht verletzbar, schlimm ergötzbar,
Läßt es leicht den Jagdhund Zorn los.
Lachen ist ein Lerchentriller!
Lacher wird sehr leicht dein Freund!«

»Ich indeß habe gar nicht Lust, Du trillernde Lachlerche, Dein Freund zu werden!« erwiederte der zürnende Thorgrimur, noch immerfort sich mit seinem grossen Pferde herumarbeitend. Und Gunlaugur antwortete, voll der kecken Gelassenheit, welche uns das vollendete Unrechthaben des Gegners zu bescheeren pflegt, abermahls singend: 74

»Willst nicht, wunderlicher Zornmann,
Wiederhallen mir mein Liedchen?
O, wohl hast du Nordlandsordnung
Oft gehört, und doch vergessen!
Singt man Sang dem sinn'gen Mann zu
Singt ein sinn'ger Mann erwiedernd.
Und drum rath' ich dir, Unbänd'ger:
Nicht unkundig thu' der Sitte.«

»Ich frage Dich« – rief mit donnernder Stimme Thorgrimur – »ich frage Dich, ob Du irgend etwas Belachenswerthes an mir findest, und ob Du vermeinst, Du hättest das Mindeste zu fodern an mir.«

»Oho!« sprach Gunlaugur. »Das sind zwey große Fragen auf Einmahl, und zu keck sind sie hingeworfen, um sie noch im heitern Liedesklange zu beantworten. Aber an offenherziger Erwiederung sonst soll es nicht fehlen. Ob ich etwas Belachenswerthes an Dir finde? Ja! Und zwar wohl mehr als Eins. Da kommt es mir unter Andern gar spaßhaft vor, daß Du Dich mit Gewehren beladen hast, als wärest Du eine wandelnde Waffenhalle. Wozu das? Einem wackern Manne pflegt sein wohlerprüftes Schwert oder seine starke Streitkolbe getreu zu seyn. Und hat er dann noch höchstens den Speer und den 75 Dolch bereit, zum Angriff von weitem, zur Abwehr in unversehener Nähe – sage mir, Mensch, wozu sich mit Doppelgestalten von Klingen und Kolben und Aexten und was weiß ich sonst noch, belasten! Im Ernste, Thorgrimur, hätt' ich Euch wo unterweges angetroffen, ohne sonst zu vernehmen, wer Ihr seyd – und bis vor ein paar Tagen hab' ich wirklich nie das Mindeste von Euch vernommen – Ihr wäret mir vorgekommen, wie ein armer und deßhalb sehr verdrießlicher Mann, der irgendwo ein Schlachtfeld abgesucht hätte, um mit den herrenlos herumliegenden Waffen einen vortheilhaften Handel anzufangen, und seine jämmerlichen Umstände dadurch einigermaßen zu verbessern. Mag seyn auch, ich hätt' Euch aus Mitleid und freundlicher Meinung ein gutes Geboth gethan.«

Thorgrimur, erst jetzt vor wortehemmender Wuth zu Worten kommend, sagte: »Wohlan! Prüfet dieß Schwert hier, das ich am rechten Sattelbogen trage, mein lustiger junger Waffenkäufer! Aber versucht vorerst, ob Ihr es mir aus der Scheide reissen könnet! Ihr, dem es so spaßhaft vorkommt, daß ein Held zu vielen Kämpfen viele Waffen mit sich führe!« Und zugleich ließ er sein Roß einen gewaltigen Satz wider 76 Gunlaugur versuchen. Dieser jedoch, leicht ausweichend, sprang lustig nach der angewiesenen Seite hin, und riß das Schwert so schnell und stark vom Sattelbogen herab, und Haken und Scheide mit, daß beynahe Thorgrimur von des verwilderten Rosses Rücken hinabgestürzt wäre.

Doch mühsam noch sein Reiterrecht behauptend, spornte er um so unwilliger sein Thier wieder dicht vor Gunlaugur hin, und sprach: »Wohlan! Da hast Du ein Schwert aus meinem Waffenvorrath. Aber womit zahlest Du mir's?«

»Mit gar nichts!« entgegnete Gunlaugur gelassen, und fügte noch gelassener hinzu: »O bitt' Euch, ereifert Euch so um Garnichts nicht, wie es doch wirklich scheint, als empfändet Ihr Zorn um meines Kaufgebothes willen. Vorerst – wollet Ihr mir die zehn Goldstücke zahlen, die Ihr mir schuldet?«

»Daß ich ein Narr wäre!« rief Thorgrimur wegwerfend aus.

»Nun dann,« sagte Gunlaugur lachend, »so ist ja Euer Ehrenwort gar nichts, denn das verpfändetet Ihr um das bischen Gold, und um Garnichts also behalt' ich mit Rechten das Schwert, wenn ich Lust dazu hätte nähmlich! Aber so – nehmt's hin, und braucht es gegen 77 mich nach Euern besten Kräften.« Und er schleuderte es wild empor, daß es in den Aesten eines Baumes hängen blieb, von wo es Thorgrimur mühsam herabhohlte, während Gunlaugur sang:

»Du, Fechter, der jetzt so im Grimme lacht,
    Du hattest auf schlimmen Rathschlag Acht,
Als dir's ein toller Kobold gab ein,
    Was mein ist, werde durch Trotz auch dein.
Ey Mann, das war ein schlimm Koboldswort;
    Und rath' ich dir, schicke den Kobold fort!«

Er hielt einen Augenblick inne, wie Antwort erwartend, und zwar begütigende. Aber Thorgrimur schwieg, und ein trotziges Hohnlächeln lag wie gebannt auf seinen Zügen. Er war jetzt fast wie ein halbverwittertes, häßlich in Stein gehauenes Götzenbild anzusehen. Da erhob Gunlaugur seine Stimme stolzer und sang:

»Weißt du meinen Nahmen am Islandstrand?
    Sie haben mich Drachenzunge benannt!
Und auf Island – kennst ja das Island-Geschlecht!
    Da benennen die Leute die Leute recht!
Da sehn Leute den Leuten in's Herz hinein!
    Nicht reize des Drachen Zunge! Laß seyn!«

»Daß Du Drachenzunge heißen magst,« sagte Thorgrimur stolz, »will ich Dir nicht 78 abstreiten. Aber fürwahr, nicht mit der Zunge soll unser Streit abgemacht werden, wie das wohl auf Euern Isländischen Dingstätten oftmahlen der Fall zu seyn pflegt.« »Schmähest Du mir die Isländischen Dingstätte und Islands heiliges Recht und Gericht?« rief Gunlaugur zornlodernd aus. Doch bald setzte er gelassenen Stolzes hinzu: »So mag denn Drachenzunge sich Dir als Drachenschwert gestalten und erweisen. Drey Nächte von jetzt an, schlafe meinethalb so ruhig, wie Du kannst und magst. In der Morgenröthe nach der Dritten stelle Dich auf diesen Platz, und dann will ich kommen, und Dir zeigen, was Gunlaugur Drachenzunge vermag. – Was siehest Du mich darüber so verwundert an?« »Ich verwundre mich billig!« entgegnete Thorgrimur. »Es ist gar nicht zu glauben, wie nun schon so ausnehmend vielen Leuten ich Schmach und Schimpf und Unrecht angethan habe. Wie sie es nannten, mein' ich nur! Ich that so, weil es mir so gefiel. Aber von ihnen allzumahl ist mir noch kein Einziger auf den Einfall gekommen, mich zum Gerichtskampf in die Schranken zu fodern! So ordentlich Mann gegen Mann auf Tod und Leben! Hab' ich Dich recht 79 verstanden, junger Mensch?« »O ja freylich!« sagte Gunlaugur. »Und ich will nur gleich jetzt gehen, den König um freyes Feld für unser Gefecht zu bitten.«

Damit sagten sie als einiggewordene Handelsleute einander unterweilen Fahrwohl. 80

 


 

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.