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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweytes Kapitel.

Die Knaben, welche damahls aus Thorsteins und Jofridurs Ehe lebten – es mochten ihrer Dreye bis Viere seyn, (die alten Saga's sind darüber nicht ganz deutlich, und wir haben in unserer Geschichte eben nicht viel mit ihnen zu schaffen) – die standen sehr vergnügt um den Vater her, wie er so die Harfe spielte, und schlugen den Takt dazu mit einigen Hiebwaffen leichteren Schwunges, die sie herbey geschleppt hatten und gegen einander versuchten. Das älteste Kind aber, die Stieftochter des Hausmannes, Hungerda geheißen, sahe kopfschüttelnd aus den großen Blauaugen zu Thorstein empor, und sprach: »Gesungen muß es dazu seyn, Meister Pflegevater, wenn es hübsch klingen soll.« – Frau Jofridur sahe fast aus, als wolle sie der Kleinen ihre Keckheit verweisen, aber Thorstein sprach: »Das Kind hat Recht, und Niemand soll 20 sie darum schelten. Und nun will ich ihr auch ein Lied von ihrem eigenen Vater singen.« – Darauf stimmte er folgende Weise an:

Der Thoroddur trat zum Gunnar herein:
    »Gib Du mir zur Hausfrau Dein Töchterlein!
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Der Gunnar sprach dem Thoroddur zu:
    »Nie hatte mein Haus vor Deinem Ruh.«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

»Brautwerber, bleib Du meiner Halle fern!
    Dir ist mein Herdfeuer kein guter Stern.«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Grimm lachte Thoroddur: »Der Wolf und der Hirt!
    Wer ist nun der Wolf? Der Gast oder Wirth?«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Da ging Thoroddur erzürnet hinaus
    Vom gastlichen Feuer in Nachtsturms Graus.
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Und als Thoroddur die Klippen erstieg,
    Da leuchteten Waffen und Fackeln zum Krieg.
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – 21

Thoroddur rief: »Wer da?« – Von drüben rief's »Halt!« –
    Da sah er manch' rüstige Freundesgestalt.
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Die Freunde sprachen: »Dein Vater zeucht aus.
    Zu brennen dem Gunnar sein Hof und Haus!«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Sie sprachen: »Wir sind uns'rer neunzig Mann!
    Was dem Gunnar gehört, ist im Feuerbann.«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Da schweigt der Thoroddur und kehrt sich zurück,
    Und rennt zum Gunnar. Dem war es ein Glück.
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Er kommt und pocht an das Gunnarshaus,
    Zu künden dem Wirth den drohenden Graus.
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Er pocht und flüstert: »Dein Feind ist wach
    Mit neunzig Mann! Deine Schaar ist zu schwach.«
Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! –

Er flüstert und bittet: »Verlobe Du mir
    Dein Töchterlein, und ich errett' es Dir!«
Da klang es, als hatten sie sich in Frieden gefunden. 22

Und als nun der Feind bergnieder drang,
    Da hemmte Thoroddur des Vaters Gang,
Und sang: »Herzvater ich hab' eine Braut gefunden.«

Da sagte der Vater: »Das ändert das Ding!
    Statt der Fackel bring' ich den Verlobungsring.« –
Da hatten in Freude sich Feind' als Freunde gefunden. –

»Das war hübsch von dem Thoroddur!« riefen die Knaben laut, und schlugen fröhlich in die Hände. Und die kleine Hungerda sagte stolz: »Das war mein Vater, von dem der Pflegevater da gesungen hat. Dafür will ich dem Pflegevater einen schönen Kuß geben.« – Während sie nun schmeichelnd die Kniee des freundlichen Thorstein hinaufkletterte, und die Händchen um dessen Hals schlang; sagten die Knaben: »So ein guter Kerl, wie der Thoroddur, muß Jeder hier in der Halle auch einmahl werden.« – Der Älteste aber setzte hinzu: »Ausgenommen den Vater, denn der ist schon so ein Mann, wie der Thoroddur!« – »Ein Mann, ein Wort!« sagte Thorstein, und die Knaben mußten stark einschlagen in seine dargebothene Hand.

Darauf ging es zum Abendessen, denn an die Gäste welche der Traum angemeldet hatte, 23 war doch abermahl in so tiefer Nacht nicht mehr zu denken. Als man darauf einander gute Ruhe wünschte, sagte Thorstein zu Jofridur: »Es scheint wirklich, als habest Du Recht, und seyen die Träume dermaßen irr und wild geworden in der letzten Zeit, daß ihnen ein vernünftiger Mensch kein Wort mehr glauben kann. Aber was thut's! Der Abend ist dennoch gar hübsch für uns Alle geworden!« – 24

 


 

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