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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 38
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Frisch am Morgen erwachend trat der junge Islandsgast an das schöngewölbte, mit buntem Glase geschmückte Fenster seiner Kammer, und sah in die duftige Wiesen- und Waldgegend hinaus, noch jetzt im Spätherbst wunderbarlich grün und jung. »Das müßte sich hübsch durchhintraben auf einem flinken Rosse!« dachte Gunlaugur. »Doch leider, mein schöner silbergrauer Granis-Enkel ist fern auf Island. Ach wie viel Schöneres ist auf Island fern! und um so lieber möchte man Sehnsucht und Wehmuth angenehm vor sich hinjagen, wie sonnenvergoldete Nebel, auf einem flügelschnellen Ritt über das duftige Gefilde! Ey, wer kein Roß hat, versucht zu Fuße, was seine frische Kraft vermag. Haben ja selbst auf Schlachtenfeldern sich kühne Reiter oft eben dann erst recht stark begeistert 57 erwiesen, wenn unter ihnen das treue Roß durch Feindeswaffe erschlagen lag!«

Und somit hatte er sein gutes Schwert über die schlanken Hüften gegürtet, und schritt lustig in den morgenlichen Wiesenduft hinaus.

Aber da kam ihm ein Reisiger freundlich entgegen, und fragte:

»Wollet Ihr ausreiten? Und befehlet Ihr, daß ich Euch nachreiten soll? Oder bedünkt es Euch anmuthiger, Euern ersten Ritt durch die britannischen Gefilde allein zu versuchen? Das Roß, welches der König zu Eurer Verfügung gestellt hat, ist lenksam, edel und schnell.«

»Der König hat ein Roß zu meiner Verfügung gestellt?« fragte staunend Gunlaugur. Und eben so staunend sah ihn der Reisige an. Doch sprach endlich dieser nach einigem Besinnen: »Ja so! Ich hab' es freylich auch wohl sonst schon von andern Fremden erwähnen hören, daß nicht allwärts so gastliche Sitte herrschen soll, als hier. Aber Ihr müsset nur wissen, edler Fremdling, auf der Englandsinsel – und wohntet Ihr auch nur in einer Ritterburg statt in einer Königsburg – da ist für Alles gesorgt, was dem Gaste nach seinem Stand und Wesen gebührt. Mich habt Ihr zum Reisigen, so lang' Ihr hier 58 verweilet. Und auf eben so lange, und wäre es auf Jahrzehente, stehen zwey edle Rosse zu Euerm Geboth. Für Euch gehört natürlich und ganz absonderlich der Schönste und Feurigste. Wollt Ihr's aber etwan, durch die langen Seefahrttage verwöhnt, lieber erst mit einem stilleren Gaule versuchen, wohlan, ich führ' Euch den Meinigen vor, und reite auf dem Eurigen mit Euch, damit ich Euch vor allem Schaden behüthen mag.«

»Den kühnsten Gaul vor! den Zornigsten!« rief Gunlaugur, selbst zornesroth wie ein Wettergewölk im Juniusmond. Und als der edle Rappe wildschnaubend vor ihm stand, und mit den Hufen in den Boden hieb, schwang er sich federleicht hinauf, und rief, indem er von hinnen jagte, mit stolzem Zurückwinken: »Daß doch ja Niemand sich unterstehe, mir nachzureiten!«

Aber er hätte das nicht so strenge zu verbiethen gebraucht. Einige dreiste Sprünge, zu welchen er den kühnen Rappen über Hecken und Gräben und Schlagbäume forttrieb, mochten wohl dem Reisigen und Allen, die ihm von der Burg nachschauten, die Lust benehmen, sich mit ihm in ein Wettjagen einzulassen.

So geschah es, daß er ganz allein unversehens am grünen Ufer des Thamesstromes hielt, 59 und von seiner kecken Lust, den Gaul auch dort hindurchzuzwingen, nur darum abgehalten ward, weil ihm die Gestalt seines Schiffmannes in's Auge fiel, wie der so eben bereit stand, die Gepäcke jenes ersten Fahrzeuges durch viele Knechte theils gegen andere Waaren vertauschen, theils Alles in ein anderes segelfertiges Schiff überladen zu lassen, zur neuen Fahrt in das uferlose Meer hinaus.

Gunlaugur zügelte sein Pferd, ließ es sanft am grasigen Strande gegen den befreundeten Mann hinabtraben, und sprach ihm treuherzig die Hand biethend: »Wollet Ihr so schnell wieder von hinnen? Und Euch hat ja doch hier ein recht liebes schönes Vaterland empfangen! Aber freylich, da braucht nicht erst ein Inselmann den andern so verwundert zu befragen. Inselleute sind Meeresleute! Jedwedes Eiland treibt seine Kinder in die schöne, heimlich wundersam nach der Ferne lockende Fluth hinaus!«

»Ja, ja, Ihr redet mit den rechten Meereszungen!« sagte der Schiffmann. »Ich kenne das. So haben Die oftmahl auch zu mir gesprochen in Wachen und Traum. Selbst tief in das feste Land hinein strecken sie dergleichen 60 träumerische Zauber. Skalden der allerverschiedensten Geschlechter haben davon gesungen, oft in der sandigsten Binnenlande Mitten. Deßhalb vernimmt ein Seefahrer meist an allen Orten einen Nachklang seines Gefühls, und wohl alle Leute hören ihm gern zu, wenn er von seinen kühnen Fahrten erzählt.«

Er sah tiefsinnig über den Thamesstrom hin, wie der so in mächtiger Eil und Rastlosigkeit meernieder fluthete, und rief dann begeistert aus:

»Das Schönste auf aller Welt ist doch die offenbare See! Das hat schon ein heidnischer Gelahrter in den Griechenlanden gesprochen, wenn gleich mit etwas andern Worten. Platon hieß er. Und wenn er in allen Dingen so Recht hatte, wie darin, war er ein grosser Meister. Ja, die Woge rollt, die Woge schäumt, die Woge schwindet, und alle Wogen bilden liebend das gesammte, heilige Meer!« Bewegt faßte Gunlaugur seine Hand und fragte: »Bey welchem Nahmen soll ich Dich wieder kennen in dem Geschäume der Welt, Du edle Woge?« Der Schiffmann aber erwiederte: »Was ist ein Nahme! Fahr wohl, mein junger Freund! Das heilige Meer führt uns schon wieder einmahl 61 zusammen, wenn nicht an dieser Küste, an einer schöneren doch!«

Er drückte noch einmahl des Jünglings Hand, und bestieg dann sein Fahrzeug. Gunlaugur hat in seinem vielbewegten Leben nichts mehr seitdem von dem wunderlichen Schiffsmann vernommen. 62

 


 

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