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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 37
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Die Lundunaburg sahe so friedlich aus, wie das übrige Inselland: Eine edle Meierey, von vielen andern kleineren Gehöften weit und blühend umkränzt. Man hätte das Alles zusammen fast eine stundenweite Stadt nennen mögen, und in den Liedern einiger ahnungsreichen Sänger war auch wohl schon geweissagt, hier solle dereinst die größte Stadt in allen Abend- und Norderlanden zu stehn kommen.

Die ausgeschifften Ankömmlinge wurden alsbald zum König Ethelred geleitet, der in seiner offnen, großen Halle offne, große Tafel hielt, und sie mit würdevoller Freundlichkeit bewillkommte; auch sie sogleich einlud, Platz bey dem Mahle zu nehmen, wo der gastliche Becher bereits recht fröhlich in die Runde ging. Der Schiffherr und Thorkill setzten sich auch sogleich, 49 dem königlichen Wink gehorchend, während Gunlaugur sich noch erst wie fragend in der Halle umsah, und endlich nach einem von der Wand herniederhängenden Saitenspiele faßte. Da sagte König Ethelred lächelnd: »Ey, Du bist mir wohl gar ein Sangesgast? Du mir dann zwiefach willkommner Fremdling!«

»Herr,« sagte Gunlaugur, »ich komme aus der Insel der Lieder. Die blühen uns dorten gar reichlich auf, zum Ersatz für viele Blüthen und Früchte, die andern Ländern im reichlicheren Maße beschieden sind. Ein Isländer bin ich, und heisse Gunlaugur der Illugisohn. Weite Meeresfluthen hab' ich durchsegelt, bis ich hier hereintreten konnte in Eure gastliche Halle. Und weil ich unterweges viel Gutes und Schönes von Euch reden hörte, ging mir auch unterweges ein Lied zu Euern und Eures Landes Ehren auf. Deßhalb griff ich nach dem Saitenspiel dort an der Wand oder vielmehr, ich habe es schon herunter genommen – und bitte Euch nun um Vergunst, mein Lied vor Euch zu singen.«

»Das gewähr' ich Dir gern;« sagte der freundliche König. »Aber die Eine Bedingung füge ich hinzu: Du leerest noch vor dem Beginn einen Becher, des lautersten und edelsten Trankes voll.«

50 »Biethen und Handeln macht gute Kaufmannschaft, Herr König!« sagte Gunlaugur fröhlich. »Und Euern Vorschlag laß' ich mir gern gefallen.«

Damit leerte er das ihm dargeboth'ne Trinkhorn frisch, und schlug nun so machtvoll in die Saiten, daß Alle beynah erschreckt sich nach ihm hinwendeten. Doch sang er dann mit recht anmuthiger, man hätte fast sagen mögen, mit sanfter Stimme folgende Worte in die nun auch milder tönenden Weisen der Harfe:

»Hier in heit'rer Hirten
      Hürden hauche Frieden!
      Englands Engel walte,
      Ethelred der Edle!
Wunderlich, wie Welt, die alte
      Wunderlingin sich gestaltet!
      Bald umbrüllen Donner wild ihr
      Die zerbroch'nen Brückensteige.
Wieder dann in Wies' und Wäldern
      Will sie mild wohlthätig walten.
      Hoheit eint mit Huld und Muth sie
      Hier in heit'rer Hirten Hürden. 51
Hier in heit'rer Hirten
      Hürden hauche Frieden.
      Englands Engel walte,
      Ethelred der Edle!
Schön ist edles Schlachtenringen,
      Schön sind schwell'nde Meeresfluthen.
      Aber auch am stillen Abend
      Anmuthvoll haucht süße Ruhe.
Inselkind ist edle Ruhe,
      Ist durch Meer und Wehr beschirmet.
      Halt geschirmt am Strand hier Ruhe!
      Hauche Frieden, Englands Engel!
Hier in heit'rer Hirten
      Hürden hauche Frieden!
      Englands Engel walte,
      Ethelred der Edle!
Rosse, rittig edle Rosse,
      Reiter, kühnerfahrne Reiter,
      Wappner, festbewehrte Wappner,
      Wandeln durch das Friedens Eiland.
Friede wohnt und Friedensfreude,
      Wo Verfechter froh bereit sind!
      Walte lang im würd'gen Wohlstand!
      Walte, Ethelred der Edle! 52
Hier in heit'rer Hirten
      Hürden hauche Frieden!
      Englands Engel walte,
      Ethelred der Edle!«

»Das ist ein hübsches Lied!« sagte der freundliche König. »Kaum je hat Skalde Rafn mir so schön gesungen, und mich so würdiglich gepriesen.« Da sprang ein grosser, schön gewaffneter Held von der Tafel auf und ging unwillig mit klirrenden Schritten aus der Halle. Kopfschüttelnd und mißbilligend sah ihm der König nach. Gunlaugur fragte, rasch zu dem Schiffmann gewendet: »War das etwa Rafn der Skalde, welcher hier auf so wunderliche Weise von hinnen ging?« »Behüthe!« erwiederte Jener. »Der edle Skalde, nach dem Ihr fragt, ist nicht von so rauhen Sitten. Das hier ist der wilde Thorgrimur, von dem ich Euch schon unterweges erzählt habe. Den ärgert's ohne Zweifel, daß Euer Gesang den Frieden dieser Insel gepriesen hat!« »So!« entgegnete Gunlaugur. »Das ist mir recht lieb, und ich wünsche mir seine nähere Bekanntschaft. Aber lieber noch hätte ich's doch gesehen, wär' es Rafn der Skalde gewesen.«

»Warum das?« fragte der Schiffmann.

53 »Ich weiß es nicht so genau zu sagen;« erwiederte Gunlaugur. »Ich habe diesen Skalden Rafn in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Auch hat er mir nimmer etwas zu Lieb oder zu Leide gethan. Aber die Leute haben mir so viel von ihm vorgesprochen, daß ich ihn nicht gut ausstehn kann. Ich denke immer, er oder ich, oder wir alle beyde müssen uns einander irgend ein großes Leid zufügen, und so etwas hätt' ich lieber heut als morgen ausgemacht.«

»Ja, ja!« sagte der Seemann. »Wohl ähnliche Dinge hab' ich in mir selbst empfunden, und ähnliche von andern Menschen gehört. Aber Euch ist für dasmahl nicht zu helfen. Rafn der Skalde zog schon längst von hier hinaus, und wenn gleich er manche fröhliche Tage an König Ethelreds Hofhalt erlebt hat und gegeben, wissen wir doch nicht, wo er jetzt sein Sanges- und Kampfestreiben hält.«

»Schade!« seufzte Gunlaugur aus tiefem Herzen.

Aber es sollte ihm jetzt eben etwas Fröhliches begegnen, wie uns denn oftmahl dergleichen nahe bevorsteht, wenn wir gerade recht betrübt oder mißmuthig sind.

König Ethelred winkte ihn zu sich heran, und 54 hielt einen schönleuchtenden Scharlachmantel in den Händen; der war auf allen Seiten mit dichten goldnen Borten und Franzen reich besetzt. Und als Gunlaugur, herzutretend, sich in freundlicher Ehrerbiethung tief neigte, hing ihm der König das edle Kleidungsstück auf zierliche Weise über die Schultern, und sagte dazu:

»Trage das mir zu Liebe. Und erzeige mir dazu die Liebe, recht lange an meinem Hofhalt zu verweilen.«

Gunlaugur sprach:

»Ihr seyd der rechte königliche Wirth, der einem ehrbaren Sänger und Kriegesmann Lust zum Verweilen macht. Ich bleibe von ganzer Seele gern, mein edler Englandskönig.«

Darüber freuete sich der gastliche Held Ethelred, und das Mahl ging erst nun im recht heitern Leben auf.

Mährlein wurden erzählt, Becher zusammengeklungen, schöne Heldenlieder gesungen, und auch Lieder von manch holder Einen, die im stillverschwiegenen Meinen hat ein tapfrer Jüngling treu erwählt; kurz, über all die edlen Mahlesgeister ward Gesang unter Zither- Becher- und Waffenklang ein fröhlicher Meister.

Freundlich gab der König endlich Allen gute 55 Nacht. Und Gunlaugur fand in den Lunduna's-Hallen ein Gemach voll edler Pracht für sich bereitet. Und geleitet von holdseligen Träumen, wo der milden Helga süßes Bild erschien, winkend ihn nach Heimathsräumen, sank ein süßer, tiefer Schlummer sanft herab auf ihn. 56

 


 

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