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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 35
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Als Gunlaugur die eben vernommenen wilden Liedesworte zu singen anhub, fuhr Jarl Eirekurs Rechte alsbald an seinen mächtigen Schwertesgriff. Aber so blieb er auch wie gebannet still, einer schönen, furchtbaren Bildsäule vergleichbar, aus gewaltigem Erzesguß durch einen zürnenden Künstler geformt.

Still blieb er, so lange Gunlaugurs Lied noch edeltönende Drohworte gegen seinen Vater und ihn hervorklang. Als es jedoch leider anders damit ward, und Gunlaugur ihm endlich in seiner Liedeswuth, von Berserkerzorn durchlodert, den Tod aus Knechteshand weissagen wollte – ja sogar sich darüber zu freuen trachtete, daß Eirekurs Vater eines so schmählichen Todes gestorben sey –

32 Da ließ der edelstolze Jarl die tapfere Hand vom Schwert, und sagte kalten Zornes zu seinen Knechten: »Legt mir Hand an diesen Gaukler!«

Rasch war nun die Gunlaugurshand am Schwertgriff, und schon leuchtete die furchtbare Waffe ein wenig aus der schönen Scheide hervor.

Wäre sie emporgeleuchtet im vollen Zornesblitz, so hätte das hier wohl dem Festmahl ein entsetzliches Ende gegeben.

Doch Skuli trat in die Mitte der zwey erzürnten Parten, (Oedun mußte nun freylich auch schon für dasmahl dem Jarl feindlich gegenüberstehen) und sagte lauten und muthig edlen Klanges zu seinem Meister:

»Gebt etwas auf mein Wort, mein lieber Herr. Wollet diesem Jünglinge freyes Geleit zugestehen; meinethalb jedoch auf die Bedingung, wenn es Euch also gefällt, daß er augenblicklich von hinnen fahre.«

Jarl Eirekur blieb eine Weile scheinbar ruhig, wie es der Nordmannen Art ist, wenn sie stark getreulich mit sich selber ringen. Dann sprach er:

»Wohlan denn! Dir zu Lieb und Ehren, Skuli, mag Jener schnell und ungefährdet von hinnen wandern. Aber kein Schutz von mir 33 geleitet ihn in die Fremde, und nie komme er mehr in mein Reich zurück, wenn er auf wirthlichen Empfang zu hoffen gedenkt.«

Da führte Skuli den Gunlaugur schnell aus der Halle fort, immer der Hafengegend zu, und aus guter Vorsorge ging Oedun auch noch hinterdrein, obgleich Gunlaugur sich schon ein paarmahl mit den Worten nach ihm zurückgewendet hatte:

»Bleib, wo Du hingehörst!«

Daß aber Oedun zu allervörderst in eines Freundes Nähe hingehöre, zeigte er eben durch sein treuliches Mitwandeln, auch selbst da noch, wo ihn der Freund auf eine ungerechte Weise mißverstand.

Daß Thorkill seinem Anverwandten und Beschützer in so schwieriger Stunde nachging, versteht sich von selbst. Und er war ihm auch von ganz vorzüglichem Nutzen. Denn mit schnellen und klugen Islandsblicken hatte er, indeß die Andern noch von den letztvergangenen Dingen mitsammen handelten, bereits ein Schiff erspähet, das sich eben zum Absegeln bereit machte. Er rief die Seeleute an, und vernahm, sie seyen aus dem Eilande gebürtig, welches man England, bisweilen Britannia, öfters auch wegen seiner 34 kreideweissen Küsten Albion zu nennen pflegt. Und jetzt eben standen sie im Begriff, ihre Heimfahrt anzutreten in angenehm kühler Nachtzeit, hin über des mondbestrahlten Meeres günstig rollende Wogen. Da ward es alsbald ausgemacht, daß Gunlaugur und Thorkill mit übersetzen sollten, gegen ein gutes Fährgeld. Zu Anfang wollte auch Oedun durchaus mit, und lieber Alles hier im Stiche lassen, als es erdulden, daß sein junger, kecker Fahrtgenoß auch nur im mindesten übel von ihm denke. Da zeigte sich aber Gunlaugur plötzlich wiederum klüger oder doch wohlbedachter, als Jener, indem er sagte:

»Das wäre für uns alle zwey gar ein schlechter Vortheil, wenn wir unser Schiff und dessen Waaren so zurück ließen, Alles in die Hand des wirbelköpfigen Jarl Eirekur stellend. Zudem ist ja noch eine tüchtige Zahl unserer Mannen am Lande, zechend im Schlößlein des Jarls, ohne daß sie meines Gezänkes inne geworden wären. Und überhaupt, könnten wir auch mit Schiff und Mannschaft und Waaren unangefochten von hinnen, es möchte solch ein heimlicher Rückzug allzusehr nach Davonlaufen aussehen. Und davor schaudert einem ehrlichen Kerl die Haut. Nein, Du guter Oedun, vergiß, was ich vorhin im 35 ersten Ärger Thörichtes gegen Dich gesprochen habe, oder verzeih' es mir doch wenigstens. Und bleib dann hier, als Eirekurs Freund in gutem Frieden, und nimm unsres Schiffes und unsres Vortheiles allzusammen nach Kräften wahr. Sollte sich's aber treffen, daß der Jarl etwa Lust bezeigte, mit mir im Zweykampf zusammenzutreten – nun, daß Du mich es dann mit dem ersten Schiffe nach England hinüber wissen lässest, und daß ich wieder zurück bin, so schnell nur irgend Wind und Wetter dienen – das versteht sich.«

»Versteht sich!« entgegnete Oedun als ein getreuer Wiederhall; und sie gaben sich noch einmahl ihre starken Hände. Und auf gleiche Weise nahm auch Gunlaugur von Skuli Abschied. Doch sagte dieser noch:

»Wenn Du eben so ungestüm an allen fremden Küsten, o Gunlaugur, verfahren willst, wie hier, da möchte Schön-Helga lange vergeblich harren auf Deine Wiederkehr.«

Gunlaugur aber antwortete:

»Wenn Schön-Helga mir getreu bleibt, wie meine rechte Hand und mein Schwert, da feyern wir dennoch dereinst ein sehr fröhliches Wiedersehn.«

Und bald darauf fluthete er sammt Thorkill auf dem Englandsschiff in die offene See hinaus. 36

 


 

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