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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 34
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Jarl Eirekur in seiner Norwegshalle hätte freylich guten Bescheid um die Islandslieder wissen sollen. Der jedoch hatte sich in allzuviele Dinge auf einmahl eingelassen. Jedes an und für sich gar herrlich und schön, aber alle mitsammen die Seele viel zu gewaltsam hin- und herreißend und wechselsweise bewältigend, als daß noch ein stiller Raum dort hätte geweiht bleiben mögen, für die heilige Gewalt des Liedes. Und damit hängen wohl oft noch andere heilige und weit höhere Dinge zusammen.

So geschah es, daß Eirekur Jarl sich durch den ihn preisenden Ehrengesang der annahenden Isländer einigermaßen gestört fand, und beynahe geärgert.

Als sie daher unter Skuli's Geleit in die Halle traten, grüßte sie der Wirth zwar mit 23 höflichen Worten und edlen Geberden, aber doch auch zugleich mit verdrossenem Angesicht.

Und weiß doch wohl jeder Ehrenmann, der irgend so etwas Betrübtes erfahren hat: dann ist es mit aller frohen Gastlichkeit unwiederbringlich zu Ende!

Auch hatte Gunlaugur, so wie er nur in des Jarl Augen gesehen hatte, und auf dessen gerunzelte Stirn, die beste Lust, sogleich wieder umzukehren, und auf dem Schiffe zu übernachten, oder auf dem Meeressande, oder wo es irgendsonst wo seyn möchte; nur nicht hier.

Da aber sahe ihm Skuli freundlich mahnend in's Auge, und ihm ward beynahe, als sähe ihn Schön-Helga so an. Darum blieb er gelassen stehen, und nahm sich blos vor, derweil an sein schönes Lieb zu denken, und überhaupt an andere hübsche Dinge sonst; nur auf keine Weise an Eirekur Jarl.

Dieser sprach unterdessen mit Oedun, in ihm einen frühern Bekannten recht freundlich begrüßend. Es war aber, als freue er sich nicht so wohl über den wiederkehrenden Fremdling, sondern vielmehr nur über sein eignes treffliches Gedächtniß.

Und die Kriegsmannen, welche um den Jarl 24 herstanden, machten es ungefähr eben so, wie er. Die Fremden anstarrend, kalt und fremd, als wollten sie abnehmen, wie denen etwa zu Muthe sey vor der gewaltigen Ehre, Schloß Hladi wirklich betreten zu haben; bisweilen aber auch huldreich nach einem oder dem Andern hinüberwinkend, dessen Gesicht ihnen bekannt vorkommen mochte.

Da nun weder ein Gruß vom Jarl noch auch nur von sonst Jemandem den Gunlaugur, den Neuling in Hladi, traf, und er sich doch wohl bewußt war, nicht minder als Oedun bey der ganzen Fahrt zu gelten, trieb ihm ein plötzlicher Unwille seine hübscheren Gedanken an die Heimath auseinander, wie etwa ein unversehener Windstoß schöne Abendwolken verscheucht. Kühn trat er mit raschen, dröhnenden Schritten bis dicht vor den Jarl in die Mitte der Halle, daß ihm dabey das tapfere Schwert an seiner Hüfte laut erklang.

Der stolze Eirekur sah ihn eine Weile starr an; Gunlaugur ihn deßgleichen. Es war fast, als gedächten sie einen Wettkampf darüber zu halten, wer wohl die Augen des Andern mit seinen eigenen niederblitzen könne. Die Mannen Eirekur's standen sehr verwundert umher.

25 Endlich sagte der Jarl: »Du hast ein wundersam keckes Wesen an Dir, junger Mensch. Wie bist Du geheißen?«

Gunlaugur gab es mit lauter Stimme kund, ohne einen Blick von dem Jarl zu verwenden. Da wandte sich dieser, und sprach: »Skuli, Du Thorsteinsohn, was gilt dieses Mannes Geschlecht auf Island?« »Viel, o Herr!« entgegnete Skuli. »Und empfange Du ihn wohl. Sein Vater ist einer der Edelsten auf der Insel, und ich schätze mir's zur Ehre, Diesen hier als einen Anverwandten zu begrüßen.« Eirekur sahe wieder nach Gunlaugur, mit leisem Kopfschütteln sprechend: »Einen gewaltigen Schritt hast Du an Dir, junger Fremdling. Das muß man Dir zugestehen. Und doch,« setzte er hinzu, ihn vom Haupt bis zu der Ferse musternd, »und doch – Dein Einer Fuß ist wund, wie ich sehe, und frisches Blut dringt vom harten Auftreten aus der verletzten Stelle vor. Wahrhaftig, Du thätest auf allen Fall besser, ein wenig gelinder einher zu schreiten.« »Nein Herr, da thäte ich nicht besser daran!« sagte ruhig Gunlaugur. »Nicht?« murrte Eirekur. »Ich frage Dich, was hast Du da an Deinem Fuß?«

26 »Eine Wunde hab' ich dran, Herr!« »Und geh'st nicht lahm um einen solchen Schmerz?«

»Nie werd' ich lahm gehen, derweil mir Ein Bein so lang ist wie das andre.«

Gunlaugur sagte diese Worte mit so dreistem, fast zornigem Blick und Wesen, daß die Kriegsmannen des Jarl über solch ungewohnte Art und Weise, zu ihrem Herrn und Meister zu sprechen, ganz unwirsch wurden, und bey ihrem leisen Gespräch sehr laut mit den Panzerringen und Harnischplatten zu rasseln begannen. Gunlaugur kannte diesen Zornesklang sehr gut, und wandte sich deßhalb mit großen Augen gegen sie hin, wie fragend: »Will etwa dorten Jemand Etwas von mir?«

Und da trat auch sogleich ein Kriegsmann des Jarl hervor; der war Thorarin geheissen, und sagte mit unwilliger Stimme: »Nun führt sich doch dieser Isländer wahrlich so keck hier auf, daß es gut wäre, wenn wir ihm etwas auf die Zähne fühlten. Mir kommt es nicht vor, als keimten ihm schon Barthaare drüber hin.«

Da kam auf Gunlaugur ein zorniger Liedesgeist, daß er, glühenden Auges den Mannen anschauend, diese Worte hervortönte: 27

»Knapp oder Knecht du,
      Kneif' nicht die Lippen so grimm,
Lauf, schwarzer Lügner du:
      Vor Illugi des Schwarzen Sohn!«

Da wollte Thorarin seinen Streithammer fassen. Der Jarl aber sagte: »Laß die Waffen in Ruh! Niemand gedenke für dasmahl an ein solches Spiel. Du aber, Isländer, wie alt bist Du?« »Achtzehn Winter zähle ich bis jetzt;« sagte Gunlaugur. »Nun wahrlich,« entgegnete der Jarl, »da lass' ich es ungesagt, ob Du noch achtzehn andre Winter zählen wirst.«

Gunlaugur wollte auffahren. Aber da sah er wieder den Skuli an, und mußte an dessen schöne Schwester gedenken, und an sein eigenes Versprechen, sich sehr mild und artig in der Fremde aufzuführen. Deßwegen drängte er seine kühne Schlachtenstimme zurück, und murmelte bloß in sich hinein: »Dir selbst wohl, nicht aber mir, mögest Du recht nahen Tod verkündigen.«

Der Jarl gab auf Gunlaugurs Murmeln Acht, und fragte unwillig: »Was hast Du da geredet, Du Isländer?« Da antwortete dieser: »Wenn Du's so sehr gern wissen willst, wohlan, ich will Dir's nicht nur sagen, ich will Dir's auch 28 singen.« Und darauf stimmte er mit schauerlich dröhnenden Klängen – man hätte fast meinen sollen, es singe ein gewaltiger, schwer bannender Zauberer – folgendes Lied an:

»Ich murmelte sacht, was mir selber gefiel!
            Du ruf'st es zum lauten Lüftespiel.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Da sitzet ein Jarl hinter Tischesbord.
            Sein Vater hieß Hakon. Der fiel durch Mord.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Wie war das Dunkel der Nacht so tief,
            Wo der Vater des Jarls auf dem Lager schlief!
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Jarl Hakon, hörst das Geflüster, du Mann?
            Wohl schwillt es zum Mordruf im Nachtgrau'n an.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm. 29

Jarl Hakon, hörst du den leisen Tritt!
            Leis' geht der Mörder. Sein Messer kommt mit.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Jarl Hakon kränkte den Knecht zu schwer;
            Nun kommt der Knecht mit dem Messer daher.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Du schlafender Jarl! Nun gilts einen Schnitt.
            Da quoll dein Blut. Dein Leben quoll mit.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Blut rann und Leben dem Jarl in das Grab.
            Auch hieb ihm der Knecht den Kopf noch ab.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Und wünscht mir Böses der Hakonsohn,
            Wünsch' ich ihm zum Dank seines Vaters Lohn.
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! 30

Nicht wünsch' ich ihm Tod durch meine Hand:
            Meine Hand ist für edel und frey bekannt!
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!

Mit ihm sey's, wie mit dem Vater bewandt!
            Knechtshand, die werf' ihn in blutigen Sand!
            Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!« 31

 


 

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