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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 33
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweytes Kapitel.

Als die vierzehn Islandsmänner nun an's Ufer traten, und ihr Fahrzeug befestigten, hub Gunlaugur an, ein altes Lied zu singen, und die Andern stimmten alsbald zu der wohlbekannten Weise mit ein. Die Worte klangen ungefähr folgendergestalt:

»Aar fliegt!
    Ur brüllt!
    Flattern die Vögelein lustig drobhin.
    Hirsch hüpft!
    Eule heult!
    Wesen gibt's viel auf der Welt und mannigfach.
Schwert schwingt,
    Schiff lenkt
    Islandsmann in inniger Lust.
    Grüß' den Gast,
    Fremder Gau!
    Grüße den Isländer gut. Das bringt dir Glück.«

17 Und fröhlich schmetterte vom Lande her ein Jagdhorn drein, den Sang dergestalt begleitend, daß man wohl hören konnte, wer so fertig mit in das Lied blies, mußte ein Isländer seyn. Fremde hätten sich nicht so leicht in diese seltsamen Klänge gefunden.

Freudig horchte Gunlaugur auf, und sprach zu Oedun: »O künde mir, kennst Du den Landsmann, der sich uns hier in der Fremde so lustig offenbart?«

»Wie soll ich eben Den vor Andern kennen?« erwiederte der Steuermann. »Isländer kommen viel in der Welt herum, deren gibt es überall, wo das Meer den Strand bespült, und wo scharfe Klingen und scharfe Sinne gelten.«

»Oedun, das ist das beste Wort, welches ich Dich noch je habe sprechen hören!« sagte Gunlaugur.

Und indem trabte auf lichtbraunem Norwegsrosse ein schlanker junger Ritter über den nächsten Hügel hervor: goldhell sein Haargelock in den Abendlichtern funkelnd – denn er ritt in leichten, aber glänzenden Waidmannskleidern ohne alle Kopfbedeckung – an seinen Schultern ein silberheller Pfeileköcher klirrend, und eine goldverzierte Armbrust; von seinem Sattelbogen hing die 18 reiche Beute der heutigen Jagd an erlegtem Gefieder und Wildpret zu beyden Seiten hernieder. Er sprengte immer schneller heran, lustig dazu auf seinem blanken Jagdhorn die Töne jenes Liedes wiederhohlend. Und als er nun dicht vor den Isländern seinen Lichtbraunen zügelte, und sie freundlich anlächelte, sein Jagdhorn vom Munde absetzend, und es zum fröhlichen Gruß über das lockige Haupt schwingend –

Da sagte Gunlaugur mit einigem Entsetzen:

»Also gibt es doch wirklich solche zauberische Quellen, wovon die alte Sage spricht? Quellen, die den älternden Mann verjüngen zum blühenden Jüngling? O, Meister Thorstein, Ihr gabet immer ausnehmend viel darauf, jünger auszusehen, als Eure Jahre! aber daß es Euch dergestalt gelingen möchte, und daß Ihr uns dabey auf Wolken vorauseilen konntet, um hier am Norwegstrande in all Eurer fröhlichen Herrlichkeit uns zu empfangen; nein, schöner Meister, das ist ein Zauberstück, warum ich Euch schier beneide; vorzüglich, da Ihr jetzt Eurer holdseligen Tochter Helga so ähnlich seht, wie das nur immer einem kecken Mannesantlitz mit dem Schnauzbart auf der Lippe möglich ist.«

Der schöne Ritterjüngling aber, nachdem er 19 eine Weile ganz verwundert zugehört hatte, lachte freundlich, und sprach:

»Ey, Du wunderlicher Landsmann, wie sollt ich denn mein Vater seyn? Und wie sollte meine schöne Schwester Helga meine Tochter seyn? Skuli bin ich, der Thorsteinsohn und der Helgabruder! Wenn ich beyden ähnlich sehe, so ist mir das lieb. Aber werde Du deßwegen nicht irr' an mir. Wohl weiß ich, daß uns Isländern oftmahl gar wundersame Gesichte durch die Seele ziehen, und daß es uns endlich dann kaum behagen will, wenn sich alles auflöset in den ruhigen Gang von Gestern und Vorgestern. Aber für dasmahl mußt Du Dir's schon gefallen lassen, guter Landsmann, daß es hier mit natürlichen Dingen zugeht. Ich leiste fröhlichen Dienst am Hof und im Heer des rühmlichen Eirekur Jarl. Willst Du mit antreten, so kann ich auch Dir eine solche Stelle verschaffen. Es geht schön und herrlich bey uns zu. Aber wie bist Du geheissen? Und wer ist Dein ehrsamer Vater?«

»Gunlaugur bin ich, der Illugisohn!« entgegnete der Ankömmling. Und Schön-Helga Deine Schwester, o Skuli, ist mir zugesagt, falls ich nach drey Jahren wieder in Ehren nach Island komme. Ich werde aber gewiß wieder 20 kommen, wenn ich alsdann noch lebe – und in Ehren – ey nun, das versteht sich von selber, und war für dasmahl nur ein thöricht überflüssiger Zusatz von mir.«

»Daß er unnöthig war, zeigt Dein ganzes Thun und Wesen!« sagte Skuli fröhlich. »Du solltest mir schon recht seyn als ein kecker, muthiger Schwestermann. Und fürwahr hübsch wäre es, wenn wir gleich Waffengesellen würden in Jarl Eirekurs rühmlicher Schar.«

»Du bist ein tüchtiger Werber!« sagte Gunlaugur lachend. »Wenn Jarl Eirekur viele Deinesgleichen hat, kann es ihm so leicht an Zulauf in seinen Geschwadern nicht fehlen.«

»Darnach es fällt!« sagte Skuli stolz. »Ich werbe nur Heldenkinder an, oder kühn erprobte Freunde, und, wenn es gelingen will, mitunter auch schon berühmte Helden selbst. Ihr allzumahl aber sollt willkommen seyn an meines Fürsten Herd, Ihr braven Islandsmannen.«

Damit grüßte er auch noch den Oedun absonderlich befreundet, als einen seinem Herrn und ihm schon früher Gutbekannten, und Alle machten sich sehr vergnügt mitsammen unter Skuli's Anführung auf den Weg, und sangen Islandslieder in die schon tiefer dunkelnde Luft 21 empor: alte und neue Gesänge durcheinander, wie es eben kam. Aber lauter fröhlich kühne Lieder waren es, und alle im reinsten Zusammenklange der Stimmen und im sichersten Maß, wie das überhaupt die eben so anmuthige als kunstreiche Weise der Isländer zu seyn pflegt, ob auch bisweilen dem Fremden und Uneingeübten sehr geheimnißreich tönend. 22

 


 

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