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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 32
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweytes Buch.

Erstes Kapitel.

Schon manchen Tag und manche Nacht, bald im günstigen Hauch und bald im Ungewitter, in allen Begegnissen aber frisch und froh und stark, hatten Gunlaugur und seine Gefährten die Fluthen der Nordsee durchschifft.

Da sagte eines schönen Mittages der Schiffs-Eigner und Steuermann, der gute Seefahrer Oedun:

»Jetzt müssen wir in der Norwegsküste Nähe seyn. Die See indessen geht allzuhoch und schaukelt das Schiff, so daß ich es Niemandem zumuthen mag, den Mast zu erklimmen. Wer aber droben säße, und ein scharfes Auge hätte, und schwindelfreyen Sinn, könnte gewiß in etwa einer Viertelstunde: Land! rufen, und eine Methflasche auf seinem luftigen Sitze leeren, zu 6 Ehren und Vorbedeutung unseres guten Glückes an der Norwegsküste.«

»Der will ich seyn!« sprach Gunlaugur, ergriff eine Methflasche, und rannte nach dem Maste zu. Aber da stieß er in seiner heftigen Eil den Fuß gegen einen Schiffesanker, der auf dem Verdecke zum Vorrath lag, und wäre beynahe darüber zu Boden gestürzt. Grimmig sah er umher, wie fragend: »Melde sich der unglückliche Überkühne, welcher mir etwa hier einen Possen gespielt haben mag!« Da er aber sahe, die Sache lag ganz allein zwischen ihm und dem Anker, so riß er diesen von den Tauen, welche ihn umschlungen hielten, so gewaltig los, daß die Planken des Verdeckes erdröhnten, schwang ihn dann mit Riesenkraft hoch über sein Haupt, und schleuderte ihn in die schäumend aufzischenden Fluthen hinab.

»Was thust Du, Freund Gunlaugur?« rief Oedun halb zornig, halb erschrocken aus. Aber der Jüngling erklomm vorerst mit Eichhornschnelligkeit den Mast, und rief dann lachend: »Was ich thue? Unnütze Worte! Du sahest es ja mit eignen Augen. In's Meer geschleudert hab' ich den unnützen Anker!«

7 »Unnütz!« wiederhohlte unwillig der Steurer. »Es war ja unser Nothanker.«

Gunlaugur sprach keck hinab: »Einstweilen verlaß Dich statt seiner auf mich. Ein frischer Mann ist der beste Nothanker auf aller Welt. Und willst Du durchaus einen andern haben, ey so schmiede Dir auf Norweg einen neuen, und rechne mir die Kosten zu an der Hälfte von Schiff und Schiffsladung, die mein eigen ist. Jetzt aber störe mich nicht weiter, Du sorglicher Nothankermann, und laß mich ungehemmten Sinnes spähen, wo das Heldenland Norweg aus den Fluthen emportauchen wird.«

»Drachenzunge! Drachenzunge!« murmelte Steuermann Oedun ärgerlich vor sich hin.

Da trat der wack're Thorkill hinzu, jener Anverwandte Illugi's, dem Gunlaugur in frühern Tagen zu seinem Erbschaftsrecht verholfen hatte, und der nun jetzt in dankbarer Liebe den jungen wunderlichen Recken auf seiner Fahrt geleitete. Thorkill legte den Finger auf den Mund, und sahe dazu mit glühenden Zornesblicken den murrenden Oedun an.

Der murrte nun zwar um noch etwas leiser, als vorhin, aber gänzlich zu murren hörte er nicht 8 auf. Man konnte etwa die Worte daraus vernehmen:

»Eine allerliebste Schiffgenossenschaft, die ich mir ausgesucht habe zu dieser Fahrt!«

Da rief mit Einmahl gewaltig jubelnd Gunlaugur von dem Mast hernieder: »Norweg!« Und nach einer Weile wiederhohlte er:

»Norweg! Die waldige Küste steigt nun in deutlicher Herrlichkeit aus den Fluthen! Die Haine tiefgrün! Die sonnigen Klippen hochgold! O Norweg! Heldenland Norweg!«

Die Mannschaft des Schiffes jubelte den grüßenden Freudenruf nach, während Gunlaugur droben seine Methflasche leerte auf Einen Zug.

Steuerherr Oedun hatte auch zu Anfang mitgejubelt, aber wie es nun etwas stiller ward, und er selbst sich eines Genaueren bedachte, sah er wiederum unwillig zu Gunlaugur empor, und sagte:

»Ey Fahrtgenoß, mein junger übermüthiger Fahrtgenoß, wer heißt Dich denn den edlen Meth so unnöthig vergeuden! Wenn Du die Flasche nicht austrinken wolltest, konntest Du sie ja lieber zu anderer ehrlichen Leute Labung wieder mit herunter bringen! Aber den Rest so im unnützen Muthwillen auszusprühen! Ey, ey 9 Gunlaugur, gutes Getränk braucht man auf Meerfahrten sehr nöthig, und trachtet oft vergeblich darnach, und möchte dann wohl gern ein halbes Fläschlein mit einer ganzen Mark löthigen Goldes bezahlen, wenn man's nur haben könnte. Ey, ey doch, das nenn' ich mir übermüthige Wirthschaft! Und beschmutzt er mir noch ausserdem Haargelock und Mantel damit!«

»Ich glaub', Ihr träumet!« sagte Gunlaugur. »Die Methflasche hab' ich geleert, wie es einem ehrbaren Seemann und Kampfeshelden eignet und gebühret. Kein Tröpflein mehr ist darinnen, und wär' ich ein unhöflicher Mensch, so würf' ich sie Euch nun auf Euern Kopf hinab. Da könntet Ihr merken, daß die Scherben trocken sind. Aber Schön-Helga hat mir ja gebothen, ich solle mich freundlich und lind betragen gegen Jedermann. Drum sag' ich auch für dasmahl, meinem zarten Lieb zu Ehren, nur so viel: »Ihr alter wunderlicher Thor, seyd still mit Euern Fratzen!«

»Nun so sehe denn das ganze Schiffsvolk, ob mein Haar und Mantel nicht feucht ist von Meth!« rief der zürnende Schiffmann, und griff mit der Rechten in sein Gelock, und strich mit 10 der Linken über seinen Mantel, und hielt dann beyde Hände hoch empor.

Wunderlich! Da sah er's mit eignen Augen; seine beyden Hände waren heißroth von frischdampfenden, nur kaum erst vergossenen Blut.

Schaudernd senkte er die Arme gegen den Boden.

Gunlaugur aber sagte lustig:

»Das kommt ja eben von dem Nothanker, den Ihr Euch da auf das Verdeck hingepflanzt hattet aus übergroßer Vorsichtigkeit. Wie ich fröhlich hinanrannte, nach Eueren Wunsch und Willen zum Schiffesmast; da riß mich der alberne Ankerhaken in's Bein, und aus meiner Wunde nun fielen sonder all meinen Willen die rothen Thauestropfen auf Euer Haargelock und Euern Schiffermantel hinab. Ich hoffe, Beydes soll dadurch eben nicht schlimmer geworden seyn. Vielmehr mag der Mantel davon ein ganz angenehmes Andenken behalten, wann der fernen Zeiten Lieder dereinst vom Gunlaugur klingen, und von mancher durch ihn vollbrachten Heldenthat.«

Oedun gestand darauf, Gunlaugur hätte eigentlich dasmahl Recht, und darauf legten sie 11 im guten Frieden um die Zeit des späteren Abendrothes an der Norwegischen Küste bey.

Eine schöne, kleine Burg mit geschmückten Zinnen und zierlichem Gethürm, sahe unweit des Strandes von einem der sanfteren Hügel herab. Rings umher standen hübsche Wohnungen von Strandhirten und Fischern.

»Was ist das für ein artiges Schwalbennest?« fragte Gunlaugur.

Oedun aber erwiederte: »Das ist gar kein Schwalbennest, sondern vielmehr das Jagdschloß Eirekur Jarls, des Hakonsohnes, welcher nebst seinem Bruder Swen jetzt die Herrschaft über ganz Norweg behauptet. Ich hoffe, daß wir ihn hier finden; dann werden wir gewiß ehrenvoll empfangen, und finden auch einen guten Absatz unserer Waaren. Denn auf diesem Landsitze, der Hladi geheissen ist; pflegt er immer absonderlich heitern und sanften Muthes zu seyn.«

Gunlaugur sahe den Ort Hladi kopfschüttelnd an, und sagte: »Das soll die Lieblingswohnung eines Heldenfürsten seyn, als wofür Jarl Eirekur in der Welt gehalten ist? Das gefällt mir nur schlecht. Solche Mäuerlein könnte wohl jeder rüstige Mann allenfalls mit ein paar Fußtritten und Faustschlägen durchbrechen, oder 12 höchstens doch, wenn man mit einem gefällten Baume sechs bis siebenmahl dawider anrennte. Das sieht mir nicht nach einer Heldenhalle aus.«

Oedun aber entgegnete scharf:

»Meint Ihr, daß Helden von Mauerwerken vertheidigt werden, oder Mauerwerke von Helden?«

Gunlaugur neigte sich nachgebend, und sprach:

»Dießmahl ist wieder einmahl das Rechtbehalten an Euch, und ich gesteh' es nach bester Überzeugung zu. Wir wollen hin, dem Jarl unsern ehrerbiethigen Gruß zu bringen. Auch unsere Waaren mögen sein werden, wenn er vernünftig biethet, und wir dagegen, falls er eben schöne Waffenthaten im Sinne trägt, biethen ihm unsere Waffen und unser Leben.«

»Wohl recht!« sagte Oedun. »So hör' ich Dich mit Lust reden, mein junger Genoß. Nur möchte ich da Eines noch gern, nähmlich, daß Du Dich vorher ein Bischen zierlicher herausputztest. Du führst ja recht treffliche Kleider für Dich mit auf dem Schiff, und Eirekur Jarl sieht dergleichen sehr gern. Ich kenne ihn von lange her darauf.« »Der Jarl« sagte Gunlaugur, »kann sich und seinen Söldnern so viel hübsche Kleider machen lassen, als er Lust hat, 13 wenn er dergleichen ausnehmend gern sieht! Das hindert mich nichts.« Dann, sich von oben bis unten besehend, setzte er hinzu: »Aber was fehlt denn endlich nun auch meinem Anzug? Mein grauer Wamms ist von edlem Zeuge – hat es doch meine Mutter selbst am Webestuhle gefertigt! – und schließt sich mir an, wie angegossen. Fest hält ihn über den Hüften zusammen der blanke Metallgürtel; und das Schwert, welches daran hängt, leuchtet es nicht in seiner Eisenscheide, wie ein Lichtstrahl? Und vollends, wenn ich es herausziehe; ich hoffe, der Jarl wird sich so aufführen, daß er seine Freude daran haben kann. Und meine Schifferhosen sind weiß, wie frisch gefallener Schnee.«

»I ja, Freund Gunlaugur,« sagte Oedun, »das ist Alles ganz hübsch anzusehen. Aber wo sich die Schifferhose über den Schuh herunterzieht, rechts, wo Euch der Anker verletzt hat, da ist das Blut aus der Wunde durch den Verband gedrungen, und hat das weiße Linnen ganz besudelt.«

»Besudelt!« wiederhohlte Gunlaugur ärgerlich. »Ihr würdet wohl thun, höflicher zu reden, wo es sich von dem Blute wackerer Heldensöhne handelt. Konnt' ich das Blut aus meiner 14 Wunde dringen fühlen, ohne daß es mich lähmt, so wird auch wohl der Jarl die Spuren davon erblicken können, ohne verdrießlich zu werden. Eine ehrliche Wunde ist nichts widerwärtiges für einen ehrlichen Kriegsmann. Und überhaupt macht Ihr mit Euerm Jarl Eirekur mir allzuviel Umstände. Haben wir doch auf Island gar keinen Fürsten, als jeder etwa seinen eigenen Vater, oder seinen Haus- und Lehensherrn! Warum ginge uns nur das Wohlgefallen oder Mißfallen der Fürsten an fremden Küsten so sorglich durch die Seele? Will der Jarl unsere Waaren? Er bezahle sie. Will er unsere Lieder? Er höre still und frisch und freudig zu, wenn wir singen; wie sich das für ehrbare Zuhörer schickt. Will er unsere Waffenthat? Er zeige uns ein schönes Ziel, und ziehe freundlich mit feindan. Will er das Alles nicht, so sind wir geschiedne Leute, und ich singe dann im Wiederabsegeln etwa:

»Fahr wohl, du Land mir in Träumen gesellt!
Ich hab' es mir hübscher hier vorgestellt.«

Aber ich hoffe noch immer, es soll besser damit kommen; nicht wahr, Oedun?«

»Der Himmel geb' es!« sprach Dieser seufzend.

15 Da suchten sie sich zwölf wackere Männer zu ihrer Begleitung aus, und Thorkill, Gunlaugurs Anverwandter und Schützling, war mit unter ihnen. Allzusammen bestiegen sie nun das Schiffboot, und ruderten sich vollends an den Strand. 16

 


 

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